SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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Die feindliche Aggression, gereizt und verstärkt bei konstitutionell minderwertigen Kindern, fliesst mit ihrem Streben, so gross und stark zu werden wie der Stärkste, innig zusammen und kräftigt und hebt jene Regungen hervor, die dem kindlichen Ehrgeiz zugrunde liegen. Alle späteren Gedankengänge und Handlungen des Neurotikers zeigen 1) Adler, Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose, in „ Heilen und Bilden" 1. c.

2) Adler, Trotz und Gehorsam, ibidem.

I. Kapitel. Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw. 17 sich von gleichem Aufbau wie seine kindlichen Begehrungsvorstellungen. Die Wiederkehr des Gleichen, das typische Schicksal ist nirgends so gut wie beim Nervösen zu verstehen. Sein Minderwertigkeitsgefühl den Per- sonen und Dingen gegenüber, seine Unsicherheit in der Welt drängen ihn zur Verstärkung der Leitlinien. An diese klammert es sich zeit- lebens, um Sicherheit zu gewinnen, um sich in der Welt mittelst seines Glaubens und Aberglaubens zu orientieren, um seinem Gefühl der Minderwertigkeit zu entkommen, um sein Persönlichkeitsgefühl zu retten, um einen Vor wand zu haben, einer befürchteten Erniedrigung auszu- weichen. Nie ist ihm dies alles so gelungen wie in der Kindheit. Seine leitende Fiktion, so zu handeln, als ob er allen überlegen sein müsste, kann deshalb auch die Form annehmen, sich so zu benehmen, als ob er ein Kind wäre. So oft deutlich bei Bettnässern, Platzangst, Angst- neurosen etc. Die kindlichen Befriedigungen des Macht- strebens werden so vorbildlich und verstärken die Leitlinie.

Es wäre gefehlt, anzunehmen, dass nur der Neurotiker solche Leit- linien aufweist. Der Gesunde müsste ebenfalls auf die Orientierung in der Welt verziehten, wenn er nicht nach Fiktionen das Weltbild und sein Erleben einordnete. Dass er sie ebenfalls auf Grund alter Erfahrungen („Regression") gewonnen hat, wurde bereits gezeigt. In Stunden der Unsicherheit treten diese Fiktionen deutlicher hervor, werden zu Imperativen des Glaubens, des Ideals, des freien Willens, sie wirken aber auch sonst im Geheimen, im Unbewussten wie alle psychischen Mechanismen, deren Wortbilder sie nur vorstellen. Logisch genommen sind sie als Abstraktionen zu betrachten, als Simplifikationen, welchen die Aufgabe zufällt, Schwierigkeiten des Lebens nach Analogie der einfachsten Begebenheiten zu lösen1). Die Urform der einfachsten Begebenheiten, das tendenziöse Maschenwerk des apperzi- pierenden Gedächtnisses, haben wir in den kindlichen Versuchen, mit seinen Schwierigkeiten fertig zu werden, gefunden. Dass wir sie auch beim Wilden, beim Primitiven finden, ist demnach selbstverständlich, da alle menschlichen Fragen im Sinne des Machtstrebens ihre Lösung verlangen. Jungs und Freuds phantastische Annahmen erweisen sich als überflüssig und irreführend. Jede menschliche Geberde erzeugt sich in jedem Individuum aufs neue. Im Traum liegt diese Apperzeptions- weise klarer zutage; wir werden uns noch damit beschäftigen.

Der Nervöse trägt das Gefühl der Unsicherheit ständig mit sich. Daher ist sein „an alogisch es Denken", sind seine Lösungsversuche nach Analogie älterer Erfahrungen stärker und deutlicher ausgeprägt. Sein Misoneismus (Lombroso), seine Furcht vor dem Neuen, vor Ent- scheidungen und Prüfungen, — die immer vorhanden sind, — stammen aus dem mangelnden Glauben an sich selbst. Er hat sich so sehr an Leitlinien gekettet, nimmt diese wörtlich und sucht nur sie zu realisieren, dass er, ohne es zu wissen, darauf verzichtet hat, unbefangen, ohne Vorurteil an die Lösung realer Fragen zu gehen. Auch die notwendigen Einschränkungen durch die Wirklich- keit, wo sich hart im Räume die Dinge stossen, drängen ihn gemäss seiner Einstellung nicht zur Beseitigung der vorgefassten Fiktion, sondern nur zu seiner Wandlung ins Pessimistische. Noch konsequenter *) Wie Freud zu dem Schlüsse kommt, diese „Fiktionen" seien mit den „Kindheitsphantasien" identisch, dürfte allen rätselhaft bleiben. Vielmehr erzeugen erstere die Phantasie.

Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 2 18 I. Kapitel. Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw.

versucht der psychotische Patient die Realisierung seiner Fiktion durchzusetzen. Der Neurotiker zappelt im Realen an seiner selbstgeschaffenen Leitlinie und gelangt dadurch zu einer scheinbaren Spaltung seiner Persönlichkeit, dass er der realen und der imaginären Forderung gerecht werden will, um durch diese Ambivalenz (Bleuler) zu bremsen und in ihr stecken zu bleiben.

Form und Inhalt der neurotischen Leitlinie stammen aus den Ein- drücken des Kindes, das sich zurückgesetzt fühlt. Diese Eindrücke, die sich aus einem ursprünglichen Gefühl der Minderwertigkeit mit Not- wendigkeit herausheben, rufen eine Aggressionsstellung ins Leben, deren Zweck die Überwindung der Unsicherheit ist. In dieser Aggres- sionsstellung finden alle Versuche des Kindes ihren Platz, die eine Er- höhung seines Persönlichkeitsgefühls versprechen, geglückte Versuche, die zur Wiederholung drängen, missglückte, die als abschreckendes Memento dienen, auf den sichernden Endzweck vorbereitende Tendenzen, die sich aus einem aufdringlichen organischen Mangel ergeben haben und in eine Summe psychischer Bereitschaften ausmünden, und solche, die bei anderen erschaut sind. Alle Erscheinungen der Neurose stammen aus diesen vorbereitenden Mitteln, die dem männlichen End- zweck einer Überlegenheit zustreben. Sie sind geistige Bereitschaften, immer fertig, um den Kampf um das Persönlichkeits- gefühl einzuleiten; sie gehorchen dem Kommando der leitenden Fiktion, die sich mittelst dieser aus der Kindheit bereit liegenden Reaktions- weisen durchzusetzen sucht. In der entwickelten Neurose peitscht die Fiktion alle diese Bereitschaften auf, die sich nun selbst wie End- zwecke geberden. Die Angst, die vorher sichern sollte, vor dem Alleinsein, vor Herabsetzung, vor dem Gefühl der Kleinheit, wTird hypostasiert, der Zwang, ursprünglich im Sinne der Fiktion ein Versuch sich durch Häufung von unsinnigen Schwierigkeiten überlegen zu geberden, verselbständigt sich, in der Ohnmacht, in den Lähmungen, in den hysterischen Schmerzen und funktionellen Störungen stellt sich symbolisch die pseudo-masochistische Art des Patienten dar, zur Geltung zu kommen oder einer gefürchteten Entscheidung auszuweichen. Die grosse Bedeutung der Unsicherheit des Neurotikers, wie ich sie erkannt und beschrieben habe, zwingt zu einer derartigen Verstärkung der Be- reitschaft und ihrer Folgen, dass ursprünglich geringe Erscheinungen funktioneller Art die wunderbarsten Ausgestaltungen erfahren, sobald die innere Not es erheischt.

Der Blick des Neurotikers richtet sich auch — wegen des Gefühls der Unsicherheit — viel weiter in die Zukunft. Alles gegenwärtige Leben scheint ihm nur Vorbereitung. Auch dieser Umstand trägt viel dazu bei, seine Phantasietätigkeit anzuspornen und ihn der realen Welt zu entfremden. Ähnlich wie bei religiösen Menschen ist sein Reich nicht von dieser Welt, und wie diese kommt er von der Gottheit, die er sich geschaffen, Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls, nicht los. Eine An- zahl allgemeiner Charakterzüge entspringen mit Notwendigkeit diesem der Wirklichkeit abgewandten Wesen. So in erster Linie die grosse Verehrung der Mittel, die seiner Fiktion dienen sollen. Er wird in der Regel ein sorgfältig abgezirkeltes Benehmen, Genauigkeit, Pedan- terie an den Tag legen, einerseits um die „grossen Schwierigkeiten des Lebens" nicht zu vermehren, andererseits und hauptsächlich aber, um I. Kapitel. Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw. 19 sich von anderen in der Arbeit, in der Kleidung, in der Moral abzuheben und so ein Gefühl der Überlegenheit zu gewinnen. Regelmässig verschaffen ihm diese Züge das Gefühl einer immensen Belastung, die ihm in Verbindung mit seinem Kranksein eine Helden- und Märtyrer- rolle vorgaukelt. In der Überwindung dieser arrangierten, selbst- geschaffenen Schwierigkeit sucht und findet er noch einmal die Erhöhung seines Persönlichkeit^gefühls. Zu mindestens kann er sieh auf den über- wältigenden, unübersteiglichen Berg von Symptomen berufen, hinter dem er immer steht, wenn der Ruf an ihn ergeht: „wo warst du denn, als man die Welt verteilet!" Zumeist dient dieser verstärkte Charakterzug auch dazu, ihn mit dem „Feind" in Fühlung zu bringen, jene Situationen heranreifen zu lassen, die ihn mit seiner Umgebung in Konflikt bringen, damit er „berechtigte" Vorwürfe erheben könne. Gleichzeitig dienen diese ewigen Vorwürfe dazu, sein Gefühl, seine Auf- merksamkeit wach zu halten, sich zu beweisen, dass man ihn zurück- setze, nicht mit ihm rechne. Man findet diesen Zug schon in der Kind- heit mancher Nervösen, wo er dazu verhilft, irgend jemanden in den Dienst zu stellen, etwa die Mutter, die dann allabendlich längere Zeit die Kleider in streng vorgeschriebener Weise behandeln, immer anwesend sein muss, in der Behandlung der Kinder die Parität wahren muss usw. Ähnlich dringt oft die Angst und die Schüchternheit auffällig durch, und ich muss allen anderen Erklärungsversuchen gegenüber dabei verharren, dass das psychische Phänomen der Angst aus einer halluzina- torischen Erregung einer Bereitschaft entsteht, die in der Kindheit aus kleinen Anfängen somatisch erwachsen ist, sobald eine körperliche Schädi- gung drohte, später aber, und insbesondere in der Neurose durch den End- zweck bedingt ist, sich einer Herabsetzung des Persönlichkeitsgefühls zu entziehen, andere Personen dienstbar zu machen und sich durch eine entsprechende Einfühlung in die ängstliche Stimmung von den For- derungen des Lebens entheben zu lassen. — Es ist leicht zu verstehen, dass alle Begehrungs Vorstellungen einen ungeheuren Grad erreichen können, ebenso wie das Erreichte selten Befriedigung gewährt. Man kann ruhig annehmen, dass jeder Neurotiker „Alles haben will". Dieses Begehren deckt sich mit seiner leitenden Fiktion, der Stärkste sein zu wollen. Wenn er vor Gewinn versprechenden Unternehmungen zurückschreckt, wie meist auch vor Verbrechen und unmoralischen Handlungen, so deshalb, weil er für sein Persönlichkeitsgefühl fürchtet. Aus demselben Grunde scheut er oft vor der Lüge zurück, kann aber, um sicher zu gehen, und sich vorAbwegen zuhüten, in sich das Bedenken nähren, dass er grosser Laster und Verbrechen fähig wäre1). Ein anknüpfendes Schuldgefühl in der Neurose ist immer auf den gleichen Endzweck der Überlegenheit zugespitzt, ebenso wie überspannte Reli- giosität. „Gewissenhaft bin ich auch!" Oder es dient zur Ablehnung einer bevorstehenden Aufgabe. „Gewissensbisse sind unanständig", urteilt Nietzsche. Ihm mag dieser Sachverhalt bekannt gewesen sein. — Dass diese starre Verfolgung der Fiktion eine soziale Schädigung be- deutet, liegt auf der Hand. Sie führt durch tendenziöse Übertreibung und sophistische Spitzfindigkeit zur Leistungsunfähigkeit, zur Enthebung. Der Egoismus nervöser Menschen, ihr Neid, ihr Geiz, ihnen oft bewusst, ihre Tendenz, Menschen und Dinge zu entl) Was durch den Mangel seines Gemeinschaftsgefühls, durch seine Gleich- gültigkeit oder durch seinen Hass gegen die Mitmenschen erleichtert wird.

2* 20 I. Kapitel. Ursprung und Entwicklung des Gefühls der Minderwertigkeit usw.

werten, stammen aus ihrem Gefühl der Unsicherheit und sind be- stimmt, sie zu sichern, zu lenken, anzuspornen, sich zu überheben. — Da sie in Phantasien eingesponnen sind und in der Zukunft leben, ist auch ihre Zerstreutheit nicht verwunderlich. — Der Stimmungs- wechsel ist abhängig vom Spiel ihrer Phantasie, die bald peinliche Erinnerungen berührt, bald sich aufschwingt zur Erwartung des Triumphes, analog dem Schwanken und Zweifeln des Neurotikers, dem besten Mittel Entscheidungen auszuweichen. In gleicher Weise erscheinen spezielle Charakterzüge, die alle der menschlichen Psyche nicht fremd sind, durch den hypnotisierenden Endzweck gerichtet und tendenziös verstärkt. — Sexuelle Frühreife und Verliebtheit sind Aus- drucksformen für die gesteigerte Tendenz, erobern zu wollen. Mastur- bation, Impotenz und perverse Regungen liegen auf der Richtungslinie der Furcht vor dem Partner, der Furcht vor Entschei- dung, wobei der Sadismus einen Versuch darstellt, den „wilden Mann" zu spielen, um ein Minderwertigkeitsgefühl zu übertäuben, und wie jede Perversion der Versuch des Zaghaften ist, eine Unart an Stelle der Norm zu setzen. Auch die Homosexualität, die in unseren Tagen im Ansteigen begriffen ist, lässt sich immer als ein unbewusstes Ausweichen verstehen, wenn die Eitelkeit des Nervösen in Gefahr kommt. Diese Feststellung der Individualpsychologie steht derzeit noch in Gegensatz zu den An- nahmen aller anderen selbständigen Forscher1).

Wir haben bisher als leitende Kraft und Endzweck der aus dem Minderwertigkeitsgefühl erwachsenen Neurose die Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls betrachtet, die sich immer mit besonderer Macht durchzusetzen sucht. Dabei ist uns nicht entgangen, dass dies bloss die Ausdrucksform eines Strebens und Begehrens ist, deren An- fänge tief in der menschlichen Natur begründet sind. Die Ausdrucks- form selbst und die Vertiefung dieses Leitgedankens, den man auch als Wille zur Macht (Nietzsche) bezeichnen könnte, belehrt uns, dass sich eine besondere Kraft kompensatorisch im Spiel befindet, die der allgemein menschlichen inneren Unsicherheit ein Ende machen will. Durch eine starre Formulierung, die meist an die Oberfläche des Bewusst- seins dringt, sucht der Neurotiker den festen Punkt zu gewinnen, um die Welt aus den Angeln zu heben. Es macht keinen grossen Unterschied aus, ob viel oder wenig von dieser treibenden Kraft dem Neurotiker bewusst ist. Den Mechanismus kennt er nie, und ebensowenig vermag er es allein, sein kindlich analogisches Verhalten und Apperzipieren aufzuklären und zu zerbrechen. Dies gelingt nur dem individualpsychologischen Verfahren, welches uns durch die Mittel der Abstraktion, Reduktion und Simplifikation die kindliche Analogie erraten und verstehen lässt. Dabei stellt sich regelmässig heraus, dass der Neurotiker stets nach der Analogie eines Gegensatzes apperzipiert, ja dass er zumeist nur gegensätzliche Beziehungen kennt und gelten lässt. Diese primitive Orientierung in der Welt, den antithetischen Aufstellungen Aristoteles', sowie den pythagoräischen Gegensatztafeln entsprechend, stammt gleichfalls aus dem Gefühle der Unsicherheit und stellt einen simplen Kunstgriff der Logik vor. Was ich als polare, hermaphroditische Gegensätze2), Lombroso als bipolare, Bleuler als Ambivalenz beschrieben haben, J) Adler. „Das Problem der Homosexualität", 1. c. und „Über Homo- sexualität" in „Praxis und Theorie der Individualpsychologie" 1. c.

I. Kapitel. Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw. 21 führt auf diese nach dem Prinzip des Gegensatzes arbeitende Apperzep- tionsweise zurück. Man darf darin nicht, wie es meist geschieht, eine Wesenheit der Dinge erblicken, sondern muss die primitive Arbeits- methode erkennen, eine Form der Anschauung, die ein Ding, eine Kraft, ein Erlebnis an deren arrangiertem Gegensatz misst.

Je weiter die Analyse fortschreitet, desto deutlicher wird eines der Gegensatzpaare, deren Urform wir als Minderwertigkeitsge- fühl gegenüber der Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls festgestellt haben. Es entspricht nur den primitiven Versuchen des Kindes, sich in der Welt zu orientieren und sich so zu sichern, wenn greif- barere Gegensatzpaare erfasst werden. Unter diesen habe ich folgende zwei regelmässig gefunden: 1. oben — unten; 2. männlich — weib- lich. — Man findet dann immer Gruppierungen von Erinnerungen, Regungen und Handlungen, die im Sinne des Patienten, nicht immer im Sinne der Allgemeinheit nach dem Typus geordnet sind: minder- wertig = unten = wei blich; mächtig = oben = männlich. Diese Gruppierung ist wichtig; denn sie ermöglicht, weil sie beliebig gefälscht und protegiert werden kann, die Verzerrung des Weltbildes, wodurch es dem Neurotiker immer möglich ist, durch Arran- gement, durch Unterstreichung und Willkürlichkeiten seinen Standpunkt als den eines zurückgesetzten Menschen festzuhalten. Es liegt in der Natur der Dinge, dass ihm dabei Erlebnisse seiner konstitutionellen Min- derwertigkeit zu Hilfe kommen und ebenso die stetig zunehmende Aggression seiner Umgebung, die durch nervöses Betragen des Patienten fortwährend aufgestachelt wird.

Zuweilen fehlt dem Neurotiker das volle Bewusstsein seiner ver- meintlichen oder wirklichen Niederlage. Man findet dann immer, dass sein Stolz, sein Persönlichkeitsgefühl deren Anerkennung verweigert. Er handelt nichtsdestoweniger so, als ob er die neue Zurücksetzung zur Kenntnis genommen hätte, und das Rätsel eines nervösen Anfalles löst sich oft erst nach der Einsicht in diese Tatsache. Für die Heilung ist mit der Heraushebung solcher „verdrängter" Empfindungen aus dem Unbewussten nicht viel getan, oder nur dann, wenn dabei der Zusam- menhang mit dem kindlichen Mechanismus der Anfallsbereitschaft dem Patienten zugänglich wird. Zuweilen erfolgt sogar eine scheinbare Ver- schlimmerung, die dahin zu verstehen ist, dass der Patient seine Bereitschaften gegen den Arzt richtet, wel dieser sein Persön- lichkeitsgefühl verletzt hat und ihn auf einen andern Weg zu drängen versucht.

Eine wichtige Frage ist noch zu beantworten. Worauf bezieht der Neurotiker sein Minderwertigkeitsgefühl? Da der Patient nur bei Organminderwertigkeiten, die aufdringlich eine Krankheitsbereit- schaft herstellen, einen Zusammenhang erfassen kann, ist er stets auf dem Wege der Vermutung. Er wird die Ursache seiner Minderwertig- keit nicht etwa in Störungen der Drüsensekretion suchen, sondern wird in allgemeiner Weise seine Schwächlichkeit, seinen kleinen Wuchs, Ver- bildungen, Kleinheit oder Anomalien der Genitalien, Fluss, Mangel an vollkommener Männlichkeit, sein weibliches Geschlecht, weibliche Züge körperlicher oder psychischer Art, seine Eltern, die Heredität, zuweilen auch nur Lieblosigkeit, schlechte Erziehung, Mangel in der Kindheit usw., beschuldigen. Und seine Neurose, das heisst in unserem Sinne: Die Verschärfung seiner Bereitschaften auf analogischer, kind- 22 I. Kapitel. Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw.

licher Grundlage, seine symbolisch gewordenen Gedanken, Empfindun gs- und Erfolgsbereitschaften werden als Aus- drucksmittel in Aktion treten, sobald der Patient von einer Situation eine Herabsetzung befürchtet oder erfährt und sich zur Flucht wendet. Er, der sozusagen mit Minderwertig- keitsgefühlen vorgeimpft wurde, zeigt sich anaphylaktisch gegen jede Verringerung seines Persönlichkeitsgefühls und findet im Zaudern, im Schwanken, im Zweifel und in der Herabsetzung von Personen, der Frauen, der Menschheit, ebenso im Ausbruch einer Neurose oder Psychose noch Zuflucht und Sicherung gegen die grösste Unlust, die ihn treffen könnte, gegen die Heraufbeschwörung einer deutlich empfundenen Minderwertigkeit. Dermassen sind auch die typischen Veranlassungen zum Ausbruch der Neurosen und Psy- chosen leicht zu erraten und nachzuweisen: I. Suchen des Ges chlechtsunterschiedes, schwankende Auf- fassung der eigenen Geschlechtsrolle, Zweifel an der Männlichkeit, ur- sächlich für die Erregung des Minderwertigkeitsgefühls. Empfindung und Gruppierung weiblich gewerteter Züge, schwankende, zweifelnde, hermaphroditische Apperzeption und hermaphroditische Bereitschaft. Bereitschaft und psychische Geste der weiblichen Rolle bringen stets grössere Passivität, ängstliche Erwartung usw. mit sich, rufen aber den männlichen Protest, stärkere Emotionalität (Heymanns) hervor. II. Beginn der Menstruation.

III. Termin der Menstruation.

IV. Zeit des Geschlechtsverkehrs, der Masturbation. V. Heiratsfähigkeit und Ehe.

VI. Schwangerschaft. VII. Puerperium und Laktation.

VIII. Klimakterium, Abnahme der Potenz, Altern. IX. Prüfungen, Berufswahl.

X. Todesgefahr1) und Verlust einer nahestehenden Person. Alle diese Termine und Erlebnisse rufen Steigerungen oder Ände- rungen in den vorbereitenden Einstellungen zum Leben hervor. Das ge- meinsame Band, das sie verbindet, ist die Erwartung neuer Tat- sachen, die für den Neurotiker immer neuen Kampf, neue Gefahr des Unterliegens bedeuten. Er schreitet sofort zu inten- siven Sicherungen, deren äusserste Grenze durch den Selbstmord gesetzt ist. Ausbrüche von Psychosen und Neurosen stellen Verstärkungen seiner neurotischen Bereitschaft vor, in der regelmässig auch sichernde, vorgeschobene Charakterziige zu finden sind wie: Steigerung dei Über- empfindlichkeit, grössere Vorsicht, Jähzorn, Pedanterie, Trotz, Sparsam- keit, Unzufriedenheit, Ungeduld u. a. m. — Da diese Züge leicht nachzu- weisen sind, eignen sie sich auch ganz besonders zur Feststellung des Bestandes einer psychogenen Erkrankung. Die Enthebung von bevor- stehenden Forderungen des Lebens, die Hinausschiebung der Lösung einer Lebensfrage oder die Gewinnung mildernder Bedingungen wird sekun- däres, ideales Ziel.

]) Hier hatte das Verständnis der Kriegsneurose und Kriegspsychose anzu- setzen, in der durchgängigen Furcht des Neurotikers vor Entscheidungen über und gegen ihn und sein Leben. Die militärische Einstellung der Kriegsneurologie musste zu dem traurigen Ergebnis der elektrischen Folter führen.

I. Kapitel. Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw. 23 Wir sind im Vorhergehenden zu dem Schluss gekommen, dass das Gefühl der Unsicherheit es ist, das den Neurotiker zum stärkeren An- schluss an Fiktionen, Leitlinien, Ideale, Prinzipien zwingt. Auch dem Gesunden schweben diese Leitlinien vor. Aber sie sind ihm ein Modus dicendi, ein Kunstgriff, um das Oben vom Unten, das Links vom Rechts, das Recht vom Unrecht zu unterscheiden, und es mangelt ihm nicht die Unbefangenheit, im Falle des Entschlusses sich von diesen abstrakten Fiktionen zu befreien und die Rechnung mit dem Realen zu machen. Ebensowenig zerfallen ihm die Erscheinungen der Welt in starre Gegen- sätze; er ist vielmehr jederzeit bestrebt, sein Denken und Handeln von der irrealen Leitlinie loszulösen und mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Dass er überhaupt Fiktionen als Mittel zum Zweck benützt, liegt in der Brauchbarkeit der Fiktion, um die Rechnung des Lebens überhaupt ansetzen zu können. Der Neurotiker aber, wie das der Welt noch entrückte Kind, wie der primitive Verstand früherer Völker, klammert sich an den Strohhalm der Fiktion, hypostasiert sie, verleiht ihr willkürlich Realitätswert, sucht sie in der Welt zu realisieren. Dazu ist sie untauglich, noch untauglicher, wenn sie wie in der Psychose zum Dogma erhoben, anthropomorphisiert wird. „Handle so, als ob du verloren, als ob du der grösste, der angefeindetste wärest/' Das Symbol als Modus dicendi beherrscht unsere Sprache und unser Denken. Der Neurotiker nimmt es wörtlich, und in der Psychose wird die Ver- wirklichung versucht. In meinen Arbeiten zur Neurosenlehre ist dieser Standpunkt stets betont und festgehalten. Ein günstiger Zufall machte mich mit Vaihingers genialer „Philosophie des Als Ob" (Berlin 1911) bekannt, ein Werk, in dem ich die mir aus der Neurose vertrauten Gedankengänge als für das wissenschaftliche Denken allgemein gültig hingestellt fand.

Nachdem wir festgestellt haben, dass der fiktive, leitende Zweck des Neurotikers eine grenzenlose Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls ist, der geradezu ausartet in den „Willen zum Schein" (Nietzsche), können wir dazu übergehen, die begriffliche Fassung dieses Lebenspro- blems einer Betrachtung zu unterziehen. Da beim Suchen des Geschlechts- unterschiedes die Rolle des Mannes entschieden vorgezogen wird, stellt sich in früher Zeit bereits der Formenwandel entsprechend dem Gegen- satz: „Mann — Weib" — ein, und es ergibt sich lür den Neurotiker die Formel: ich muss so handeln, als ob ich ein ganzer Mann wäre (oder werden wollte). Das Gefühl der Minderwertigkeit und seine Folgen werden mit dem Gefühl der Weiblichkeit identifiziert, der kompen- satorische Zwang drängt im psychischen Überbau auf Sicherungen be- hufs Festhaltung der männlichen Rolle, und der Sinn der Neurose kleidet sich in den gegensätzlichen Grundgedanken: ich bin (wie) ein Weib und will ein Mann sein. Dieser leitende Endzweck schafft, in Haltung und Handlung umgesetzt, die nötigen psychischen Gesten und Bereitschaften, drückt sich aber ebenso in körperlichem Ausdruck und Mimik aus. Und mit diesen vorbereiteten Gesten, als deren Vorhut die neurotischen Charakterzüge aufzufassen sind, Ehrgeiz, Empfindlichkeit, Misstrauen, Feindseligkeit, Eigenliebe, Kampfstellung usw., steht der Neurotiker dem Leben und den Personen gegenüber, mit deutlich erhöhter Spannung lauernd, ob er sich als Mann bewähren werde. Scheingefechte spielen eine grosse Rolle; sie werden eingeleitet, damit sich der Neurotiker übe, damit er aus anderen oder ähnlichen Verhältnissen Lehren gewinne, um 24 I. Kapitel. Ursprung und Entwickelung des Gefühls der Minderwertigkeit usw.