Bedrohung des Überlegenheitsgefühls in der Liebe oder Ehe, den heim- lichen Rückzug verlangen und das neurotische Symptom konstruieren. Nicht selten findet man eine tendenziöse Wertung der eigenen Sexualität, von der ohne Beweis oder durch Zuhilfenahme von Erinnerungen, wie sie jedem zu Gebote stehen, oder auch durch Inszenierung von unbe- wussten Fälschungen der Eindruck gesucht wird, dass sie zu gering oder zu gross, pervers sei, so dass man keine Ehe riskieren könne. Herder J) Während der Niederschrift fand ich einen mit grosser intuitiver Kraft ge- schilderten Typus dieser Art Menschen, bei denen das „Obenseinwollen" besonders krass hervortritt in Alfred v. Berger's Hof rat Eysenhardt (siehe „Praxis und Theorie" 1. c), dessen Lektüre ich allen Psychotherapeuten empfehlen möchte. Man wird in dieser Schilderung den ganzen von uns gezeichneten Typus von einem Dichter geschaut wiederfinden. Der allzustarke Elan des Vaters, das Minderwertig- keitsgefühl des Knaben mit dem kompensatorischen männlichen Protest, Steigerung des Sexualbegehrens, des Willens zur Macht, Vorbereitung zum Vatermord, Fetischis- mus, richterliche Laufbahn, verstärkte Sicherungen bei einer Niederlage, Konstruktion von Reue, Gewissensbisse, Halluzinationen und Zwangsvorstellungen als rachsüchtige Verwerfungen des staatlichen Autoritätsgedankens, Verlust eines Zahnes und verstärkte Furcht vor der Frau als Ursache eines weiter gesteigerten männlichen Protestes und damit abermals das Arrangement gesteigerten Sexualbegehrens, — alles eindrucksvoll und durchsichtig, eine Schilderung des neurotischen Umweges, die an Bilder Dostojewskys (siehe „Dostojewsky" in „Praxis und Theorie" 1. c.) erinnert und keiner weiteren Erklärung bedarf.
164 VI. Kapitel. Oben — Unten, Berufswahl, Mondsucht usw.
hat bei seiner Sammlung von Brautliedern die auffällige Tatsache ver- merkt, dass sie alle traurigen Inhalts seien.
Die weiteren Mitteilungen der Patientin gingen dahin zu erklären, sie könne nichts unternehmen, da bei allem der Gedanke auftauche, es sei ohnehin unnütz, da doch alle sterben müssen. Wie man sieht ein unsinniger Gedanke, der gleichzeitig sinnreich ist, vor allem aber Zeit und Entwicklung als Faktor aufhebt und bei der Gelegenheit der Patientin den Eintritt in die Ehe unmöglich macht. Die Überzeugung, dass Patientin nur gezwungen zum Arzt gekommen war, eine Heilung gar nicht anstrebte, vielmehr bloss den Beweis der Unheil bar- keit verlangte, ergab sieh demnach von selbst. Einer ihrer Träume zeigt vieles aus dieser Konstellation. Er lautete: „Es kommt ein Arzt zu mir, der mir sagt, ich möge, wenn mir Gedanken über das Sterben kommen, springen und singen. Dann wTürden die Gedanken verschwinden. Dann wird ein Kind, (zögernd) — ein grösseres, — gebracht. Es hat Schmerzen und weint. Es bekommt eine Medizin, damit es sich beruhigt und einschläft/4 Der Arzt im Traume hat sie einmal behandelt, als sie als Kind an Scharlach erkrankt war. Im Traume spricht er in Worten, die sie während ihrer gegenwärtigen Erkrankung von ihren Angehörigen und von Ärzten immer wieder gehört hat. Er gibt ihr Batschläge wie einem Kinde, die alle nichts nützen. Diese Gedanken zielen auf mich und drücken die Erwartung aus, auch meine Mittel würden nichts nützen. Selbstverständlich ist dieser Traum in einer Nacht geträumt, in der sie geschlafen hat, — zum ersten Male nach einer längeren Periode der Schlaflosigkeit. Da Patientin darin einen teilweisen Erfolg meiner Behandlung sieht, reagiert sie mit stärkerer Ag- gression: auch meine Mittel taugen nichts. Denn: alle müssen sterben! Die zweite Szene ist die Umschreibung einer Geburt. Die zögernde Hervorhebung der „Grösse" des Kindes zeigt, wo die Gedanken der Träumerin weilen: bei einem kleinen Kind, bei einem Neugeborenen. Der Ausdruck: ein Kind wird gebracht (ergänze: zur Welt) ist der Vor- stellung vom Gebären entnommen und deckt diese in der skizzen- haften Darstellung des Traums. Der Traum zeigt ferner die Situation, die die Patientin vorausahnt, in die sie sich hineingelebt hat: ein schreiendes Kind! Und ich sollte dem Arzte folgen? Etwa springen und singen? Mit anderen Worten drückt hier die Patientin aus: ich kann nicht schlafen, weil ich an das Gebären mit seinen Schmerzen denke. Gebären, Schmerzen, Sterben, darin sieht sie ihr sicheres Schicksal, deshalb denkt sie an das Sterben, um nicht ge- bären zu müssen. Sie schielt an der Hauptsache vorbei.
Die übertriebene Sicherung gegen das Gebären ist ein Formen- und Intensitätswandel ihrer männlichen Fiktion. Sie betritt, um sich vor der weiblichen Rolle zu sichern, den neurotischen Umweg, fixiert unter antizipierender Tendenz den Gedanken an das Gebären und Sterben als Memento und will selbst lieber ein Kind sein, ein Pulver bekommen als psychotherapeutisch geheilt zu werden. Denn ihre Heilung bedeutet die Einordnung in die weibliche Rolle. Nun wendet sich der Kampf in verschärfter Tendenz gegen den Arzt, der die Schlaflosigkeit heilen will. Sie rauss ihm überlegen bleiben, muss ihn Unsinn reden lassen und ihm diktieren, dass er sie so behandle, wie sie als Kind, — mit einem Medikament, — behandelt wurde.
VI. Kapitel. Oben— Unten, Berufswahl, Mondsucht usw. 165 Die Zwangsneurose stellt ihre sichernde Privatphilosophie von der Eitelkeit alles Seins als Schutz vor der Frauenrolle vor.
Man gewinnt bei unserer Art der Neurosenpsychologie immer den Eindruck, dass die neurotische Geberde, die eben in Sicht kommt, präzise auf das Finale, auf den fiktiven Endzweck gerichtet ist, etwa wie wenn man auf einem Film des Kinematographen eine der mittleren Aufnahmen untersucht. Die Aufgabe besteht nun darin, diese Geberde, eben die Symptome, Bereitschaften und Charakterzüge zu erkennen und ihr Ziel begreifen zu lernen. In jeder neurotischen Attidute liegt der Anfang und das Ziel andeutungsweise verborgen 1). Diese Feststellung ist das Fundament der individualpsychologischen Methode und deckt sich mit unseren übrigen Befunden. Man wird deshalb in der Analyse eines Symptoms oder eines Traumes jedesmal das „Unten", — dieEmpfindung des Weiblichen, der Minderwertigkeit, — und des „Oben", — männlichen Protests, fiktiven Endziels, — in Spuren wiederfinden, in der Art einer nach aufwärts gerichteten psychischen Attitüde, in einem stark gegen- sätzlich gefassten „hermaphroditischen" Bild im neurotischen Umweg, der als solcher die Tendenz charakterisiert, gegen Widerstände durch Kunst- griffe aufzukommen. Häufig sind die Phänomene auseinandergelegt, so dass im Wechsel und Schwanken der psychischen Erscheinungen bald das „Unten" bald das „Oben" zutage tritt. — Oft ist dieses „Oben sein wollen" stark bildlich ausgedrückt, insbesondere in Träumen, aber auch in Symptomen, setzt sich symbolisch als Wettlauf, als Aufflug, als Berg- besteigung, als Treppenbesteigung, als Auftauchen im Wasser usw durch, während das „Unten" durch Fallen, durch Kerkermauern, durch Hem- mungen, Versäumen eines Zuges usw., kurz durch eine Bewegung nach abwärts dargestellt wird. Ich will hier über die Träume eines Patienten (berichten, der aus Erinnerungen an Schwäche und an auffälliges weibliches ,Verhalten für seine männliche Zukunft fürchtete. Ein Traum aus seiner frühen Kindheit, der ihn lange mit Schrecken erfüllte, zeigte ihm das Bild, wie er von einem Stier verfolgt wurde. Als Bauernsohn verstand er frühzeitig, dass dieser männliche Verfolger einen Wettlauf gegen eine Kuh, die Patient selbst vorstellte, aufnahm. Als er in die Schule gehen sollte, richtete er seine Schritte geradewegs auf die Mäd- chenschule und musste unter Anwendung von Gewalt in die Knaben- schule gebracht werden. Sein Leben fasste er unbewusst als Wettlauf auf, zu dem er unausgesetzt Vorbereitungen traf. Als er sich um ein Mädchen bewarb, stach ihn sein Freund aus. Er war eben gemäss seiner Neurose vor der Entscheidung zurückgewichen. Als er vor einer Heirat stand, fürchtete er die Überlegenheit seiner zukünftigen Frau, verfiel in Zwangsmasturbation, hatte gehäufte Pollutionen und bekam einen Tremor, der ihn bei seinen Arbeiten und an der Vorrückung im Amte störte. Natürlich stellte er das Junktim auf, nur dann zu heiraten, wenn er gesund würde, ein Gedanke, der klug und berechtigt erscheint, dem Patienten aber gestattete, wie hinter einem Schleier heimlich gegen J) Mit Recht hebt Bergs on das Gleiche von jeder Bewegung hervor. Bei genügendem Wissen und ausreichender Erfahrung kann man in jedem psychischen Phänomen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, aber auch das erstrebte Finale herausfinden. Und so darf jedes psychische Phänomen, auch jeder Charakterzug gleich dem minderwertigen körperlichen Organ als Symbol des individuellen Lebens aufgefasst werden, als individueller Versuch des Aufstiegs, des männlichen Protestes.
166 VI. Kapitel. Oben — Unten, Berufswahl, Mondsucht usw.
die Heirat zu operieren, von der er ein Misslingen und eine Herab- setzung seines Persönlichkeitsgefühls angeblich wegen der höheren Bildung seiner Braut befürchtete. Der Tremor stellte dabei den vorausgefühlten Beginn einer Paralyse vor, die er wegen masturbatorischer Exzesse be- fürchtete. Nachdem er sich in dieser Art gesichert hatte, bedurfte er noch der Bestätigung seines unheilbaren Leidens,« und so stellte er sich den Ärzten weinend vor. Unsere Besprechungen ergaben mir das Bild eines rastlos ehrgeizigen Menschen, der immer die anderen herabsetzen wollte, aber vor einer ernsthaften Entscheidung zurückschreckte. Auch Liebesbeziehungen waren bei ihm in der Hauptsache Mittel, um den Beweis seiner überlegenen Männlichkeit zu erlangen. So stürmisch er sich auch um ein Mädchen bewerben konnte, in dem Augenblick, als es ihm entgegenkam, verlor es jeden Reiz für ihn, da sein Machtstreben den Boden verlor. Ausserdem knüpfte er, als er der Verlobung näher- kam, andere aussichtslose Beziehungen an oder gestaltete sie aus- sichtslos, lief so seinen Körben nach, um sich durch die Empfindung seiner Einflusslosigkeit auch seiner zukünftigen Braut gegenüber als minderwertig einschätzen zu können. Daraus gewann er dann immer wieder neu den Antrieb, gegen die scheinbar gewünschte Heirat heimlich zu operieren. Einer seiner Träume lautete: „Ich bin bei meinem alten Freunde und spreche mit ihm über einen gemeinsamen Bekannten. Er sagt, was hat der von seinem Gelde, er hat doch nichts gelernt."
Auch der alte Freund, der unseren Patienten bei einem Mädchen ausgestochen hatte, ist in der Unterrealschule durchgefallen und hat das Studium aufgegeben. Patient ist ihm überlegen, denn er hat die Technik absolviert. Er bekennt sich zu der sublimen Lehre: Wissen ist mehr als Geld, — insbesondere da dieses Bekenntnis seiner Fiktion, oben zu sein, zustatten kommt und ihn tröstet. Der gemeinsame Be- kannte steht hier statt des von beiden umworbenen reichen Mädchens. Der Wettlauf beginnt abermals. Unser Patient wird von seinem Rivalen als Sieger erklärt. — Ein zweiter Traum aus dieser Nacht macht dies deutlicher. Patient träumt, „als ob er ein Mädchen aus dem niederen Volke zu Fall ge- bracht und entehrt hätte." Die Fiktion dieses Traumes besagt noch um eine Nuance deutlicher, dass er „oben" sei. Das früher umworbene Mädchen ist hier im Sinne des Patienten herabgesetzt, verarmt und erkennt in ihm ihren Herrn. — Der Mangel des Kameradschafts- und Gemeinschaftsgefühls ist in diesem Falle des Wettläufers ganz besonders deutlich, ebenso das Überwiegen der Machtpolitik. — Ganz kurz will ich an dieser Stelle erwähnen, dass die Vielheit von Träumen in einer Nacht sich daraus erklärt, dass mehrfache Versuche des Vorausdenkens, der probeweisen Lösung eines Problems unternommen wurden. Es stellt sich dabei regelmässig heraus, dass, — wie bei Nervösen leicht begreiflich, — ein einziger Weg zur leitenden Persönlichkeitsidee ihrer Vorsicht nicht genügt. Der Traum wird dann unter dem Einfluss der weitergehenden Sicherungstendenz noch abstrakter, bildlicher, und man hat dann nach der Deutung aller Träume einer Nacht mehrere psychische Attitüden, aus deren Vergleich die Dynamik und das Ziel der Neurose um vieles deutlicher werden. Im obigen Fall unterwirft sich der Rivale im ersten Traum, und der Reichtum des Mädchens, ihre Macht, wird bezüglich der Geltung VI. Kapitel. Oben— Unten, Berufswahl, Mondsucht usw. 167 entwertet. Der zweite Traum hat dem Mädchen auch diese Macht ge- nommen, sie in die weibliche Situation, „nach unten" gebracht, und dies unter weitestgehender Abstraktion, so dass dem in Betracht kom- menden Mädchen nichts Persönliches mehr, bloss ihre untergeordnete Rolle geblieben ist. — Patient äussert übrigens mehrfach Gedanken, dass für ihn nur ein ungebildetes Mädchen vom Lande tauge, der gegen- über er stets die herrschende Person sei. Auch das Mädchen, das er zur Braut wählen will, schreckt ihn wegen ihrer Intelligenz. Dies ist der Zug vieler Neurotiker, der sie immer unter ihrem sozialen Niveau wählen lässt, und so kommen Gedanken und Tatsachen zustande, wie die, eine Prostituierte, ein kleines Mädchen zur Liebe oder Ehe zu wählen usw. In allen ähnlichen Fällen wird man die Entwertungstendenz gegenüber der Partnerin beobachten können, die unter Konstruktion von Misstrauen, Eifersucht, Herrschsucht, ethischen Prin- zipien und Forderungen die Herabsetzung der Frau einleiten soll. Das Minderwertigkeitsgefühl hindert dermassen den Ausbau des Gemein- schaftsgefühls.
Ein weiterer Traum zeigt den Wettlauf recht drastisch. „Ich bin mit dem Zug gefahren und sah beim Fenster hinaus, ob der Hund noch mitläuft. Ich dachte, er habe sich zu tot gelaufen, sei unter die Räder gekommen. Es war mir leid um ihn. Dabei fiel mir ein, dass ich jetzt einen anderen Hund hätte, der aber plump ist." Mit seinem alten Freund und Rivalen ist er oft um die Wette Rad gefahren und blieb meistens zurück. Jetzt, wo sein Freund sozial schlechter gestellt ist wie er, „kann ihm der Freund nachlaufen", wie man in Wien sagt, wenn man sich mit seiner Überlegenheit brüstet. Die Verwandlung in einen Hund ist ein Produkt der Entwertungstendenz und ziemlich häufig. Bei einem Falle von Dementia praecox beobachtete ich, dass der Kranke allen Hunden die Namen bedeutender weiblicher Personen gab. Der Hund stellt auch seine zukünftige Braut vor, die ihm ja auch den Vorrang streitig macht. Ihr Tod würde ihn von seiner Furcht befreien, ebenso wäre er frei, wenn sie einem zweiten Bewerber, wie sein Miss- trauen ihm öfters zuflüstert, Gehör schenkte, wenn sie unter die Räder käme. Wenn dieser Fall eingetreten wäre, täte es ihm leid. „Edel bin ich auch!" Im Traum setzt er dieses Ereignis als geschehen und antizipiert seine Trauer. Der „plumpe Hund" ist ein Mädchen, die ihn durch ihr Entgegenkommen um diese Zeit degustiert hatte, mit der er auch fertig geworden ist.
Seine Abneigung gegen Personen, die ihm „über" sind, ist grenzen- los und prinzipiell. Eines Nachts träumte er: „Unser Gesangverein gab ein Konzert. Der Platz des Dirigenten war leer". Der Verein, dem er angehörte, musste einmal ohne den Dirigenten singen, weil dieser den Zug versäumt hatte. Diese Situation scheint ihm die geeignetste: wir brauchen keinen Dirigenten! Solcher Art ist die gewohnheitsmässige Geberde in allen Situationen, in denen nicht er der Dirigent ist. — Wie bei männlichen Nervösen entspringt auch bei weiblichen der Masturbationszwang der Tendenz, einer Entscheidung auszuweichen, der geschlechtlichen Gemeinschaft zu entgehen und dadurch „oben" zu bleiben. In den Masturbationsphantasien der Mädchen findet man das Weib oft in der Rolle des Mannes. Bei Männern dient die Masturbation 1. dem Beweise, dass man allein bleiben könne, ohne Frau, 2. zum Vorwand und zur Verhinderung des Sexual Verkehrs, den man wegen der Überlegenheit 168 VI. Kapitel. Oben —Unten, Berufswahl, Mondsucht usw.
der Frau fürchtet. Sie ist also der Sicherungstendenz entsprungen. Bringt die Situation die Notwendigkeit stärkerer Sicherungen herbei, so tritt Impotenz oder die entwickelte Neurose auf, nicht etwa als Folge des Verzichts auf die Masturbation oder infolge des Autoerotismus, sondern als verstärkte Sicherung. — Die Ma^turbationsphantasien bei Nervösen haben oft einen masochistischen oder sadistischen Einschlag, je nach der Phase des männlichen Protestes, deren Darstellung sie dienen. Nicht die allgemein übliche Masturbation der Jugendlichen ist das Problem, sondern das Verharren bei ihr; die Individualpsychologie zeigt uns in der Masturbation die Erotik des Isolierten, des Gesell- schaftsfeindlichen.
Unter den vorbereitenden Handlungen und neurotischen Bereit- schaften, die der Sicherung nach „Oben" dienen sollen, nehmen die Neugierde, der Forschertrieb, die Neigung alles sehen zu wollen, der „Voyeurtrieb" der Autoren eine hervorragende Stel- lung ein. Diese Regungen sind immer der Beweis eines primären Un- sicherheit, zu deren Kompensation die Richtungslinien des Forschens entworfen werden. Sie dienen besonders in der entwickelten Neurose sekundär den Zwecken der Verzögerung, dem Plane der Entscheidung auszuweichen und werden im Leben, speziell in der Erotik recht häufig aus einem Mittel in einen Zweck verwandelt, auf den sich alle Regungen der Psyche beziehen. Forschen, die Wahrheit suchen, sich in allem zurechtfinden wollen, die bekannte neurotische Gründlichkeit, — dies sind dann die Züge, die das Persönlichkeitsgefühl aufbauen und heben oder behüten müssen. Bei Kindern findet man öfters unausgesetztes Lesen als Ehrgeizbefriedigung und zugleich als Ausbiegung vor den ernsteren Forderungen der Schule. Eine weitere Verwendung liegt dann in der gleichzeitig durch die Störung der Hausordnung gesetzten Trotz- attitude gegenüber den Eltern.
VII. Kapitel.
Pünktlichkeit. — Der Erste sein wollen. — Homosexualität und Perversion als Symbol. — Schamhaftigkeit und Exliibition.
— Treue und Untreue. — Eifersucht. — Konfliktsneurose.
Eine bei Nervösen häufige Erscheinung betrifft ihre prinzipielle Haltung in der Frage der Pünktlichkeit. Gemäss unseren Aus- einandersetzungen über die nervöse Pedanterie ist die Erwartung be- rechtigt, man werde unter den Patienten ziemlich viele pünktliche Menschen treffen. Es ist in der Tat so. Man kann aber dabei leicht die Beobachtung machen, dass gerade diese Patienten mit dem Ge- danken spielen, wie es wäre, wenn sie den andern warten liessen, ein Gedankengang, der den Gegensatz zum anderen andeutet. Immer- hin bleibt in dieser Attitüde der Pünktlichkeit soviel Agression übrig, dass diese Patienten mit grosser Schärfe von allen die gleiche Pünkt- lichkeit fordern, infolgedessen oft in die Lage kommen, ihre Griffe und neurotischen Anfallsbereitschaften bei der Unpünktlichkeit anderer zu aktivieren. — In anderen Fällen findet man, dass der Stolz es ge- bietet, regelmässig zu spät zu kommen, was dann, wenn andere warten müssen, unter einer Flut von mehr weniger haltbaren Entschuldigungen als Erhöhung des neurotischen Persönlichkeitsgefühls empfunden wird. Dieses „Zuspätkommen" eignet sich ganz besonders dazu, die Furcht vor Entscheidungen zu ersetzen. Die Gesellschaftsfähigkeit wird in erster Linie bedroht, und ebenso sind Berufspflichten sowie Beziehungen zu Freunden und geliebten Personen bald wieder ausgeschaltet. Er- mahnungen sind gänzlich fruchtlos, denn die trotzige Attitüde erfasst sie nur als Bestärkungen in ihrem Verharren. Der Nervöse kann mit seinem ewigen Zuspätkommen die Situation beherrschen und seine An- gehörigen vor ein unlösbares Problem stellen. Die Auswahl dieser Charakterlinie erfolgt oft nach einer gesuchten Analogie: „weil ich auch unter meinen Geschwistern zu spät, als der Zweite, als der Letzte zur Welt gekommen bin", „weil ich nicht später gekommen bin, an Stelle eines jüngeren Bruders, einer Schwester"! — Man sieht, wie durch ein neurotisches Junktim, — Minderwertigkeitsgefühl und Geburtenabfolge der Geschwister1), — eine breite, dauernde Operationsbasis zum Kampfe um die Überlegenheit geschaffen wird. — Patienten, die überall zu früh kommen, zeigen auch sonst immer den Charakterzug der Ungeduld. In einem Gefühl der Verkürztheit fürchten sie immer wieder neue Ver- luste und sichern sich, indem sie fest an ihren „schlechten Stern" glauben. Auch bei diesen Nervösen findet man oft als Gegenspieler einen älteren Bruder, mit dem sie wie in einem Wettlauf begriffen sind, eine anax) Siehe Die Geburtenabfolge von Geschwistern in ihren psychischen Wir- kungen in „Tndiv.-psychologischer Erziehung" in „Praxis und Theorie 1. c." und Aline Furtmüller „Kampf der Geschwister" in „Heilen und Bilden".
170 VII. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw.
logische Fiktion, keineswegs aber die ursächliche Veranlassung zu ihrem Verhalten.
Auch fiktive Erstgeburtsrechte werden für später geborene Kinder oft ein Antrieb zur Erhöhung ihrer Persönlichkeitsidee, wie über- haupt nach meiner Erfahrung zweit- und später geborene Kinder die grössere Neigung zur Neurose und Psychose, sicher aber den grösseren Ehrgeiz zeigen. Ausgenommen sind jene Erstgeborenen, die frühzeitig ausersehen sind den Vater zu ersetzen, wie man es bei Majoratsherren und orthodoxen Judenfamilien findet, oder dort, wo der Vater durch seinen Leichtsinn versagt und die Hoffnung auf den ältesten Sohn fällt. Sonst tritt in ihrem neurotischen Gehaben oft als bildliche Analogie die Geschichte von Jakob und Esau hervor, als Hinweis, dass es darum geht, der Erste zu sein. Ihre Vorbereitungen und Bereitschaften werden immer darauf hinzielen, keinen gelten zu lassen, jede Beziehung mit den neurotischen Mitteln der Liebe und des Hasses so um- zugestalten, dass ihre Überlegenheit zutage kommt. Die Entwertungstendenz geht oft über alle Grenzen. Auch dieser Typus schreckt nicht davor zurück, sich zu schädigen, wenn er nur den anderen damit treffen kann. — Im Formenwandel der Leitlinie kommt es oft zu Anschauungen wie der Cäsars: Lieber im Dorfe der Erste als in Rom der Zweite, — lieber bei der Mutter, beim Vater die Herrscherrolle spielen, als sich einem ungewissen Los in der Ehe auszusetzen, lieber nichts zu tun, als auf Originalität verzichten usw. — Vorgesetzten, Lehrern, Ärzten gegenüber regen sich häufig Hassgedanken. Sie sind meist Spielverderber in der Gesellschaft, sobald ihre Überlegenheit nicht deutlich hervortritt, und sie brechen jede Freundschafts- und Liebes- beziehung nach kurzer Zeit ab, wenn sich der andere nicht willenlos unterordnet. Sehr häufig ist ihr Benehmen gleich anfangs brüsk und feindselig, denn sie stehen schon im Kampf, bevor der andere es ahnt. Sie können es nicht vertragen, wenn jemand vor ihnen steht oder geht, und weichen jeder Schulprüfung aus, weil ihnen die Überlegenheit des Prüfers, eines Autors unerträglich ist. Dass alle diese Erscheinungen auf das Familienmilieu letzter Linie hinzielen können, oft in die unbe- wusste Absicht münden, die Familie müsse für sie sorgen, ist ein weiterer Schritt zur Erweisung der Bedeutung und Wichtigkeit der Persönlichkeitsidee dieser Patienten. Zuweilen betreiben sie ihre Neurose, wie andere Erbschleicherei betreiben.
Häufig versteckt sich in dem neurotischen Bestreben eines männ- lichen Patienten, der erste bei der Frau sein zu wollen, — sei es, dass er ihr Vorleben mit Eifersucht und Misstrauen durchstöbert und sich stets hintergangen glaubt, sei es, dass er angespannt darüber wacht, ob die Frau einen anderen vorziehen könnte, — die Furcht vor der Frau als Ausdruck des Gefühls einer unvollkommenen Männlichkeit. Nur Sicherheit will der Nervöse dann in diesem Punkte haben und geht darin zuweilen soweit, der Frau allerlei Prüfungen aufzuerlegen. Bei der nunmehr entbrennenden Eifersucht ergeben sich die Griffe von selbst, mittelst deren die Frau herabgesetzt wird, und das Persönlich- keitsgefühl des eifersüchtigen Nervösen hebt sich dadurch so deutlich, dass er oft nicht imstande ist, sich von der mit Recht oder Unrecht Beschuldigten zu trennen. Letztere Tatsache, die man öfters beobachten kann, hängt ganz an der männlichen Leitidee des Patienten. Er kann den Gedanken nicht ertragen, dass man ihn verlassen könne, und VII. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw. 171 konstruiert nun die Tatsachen dergestalt um, dass er von der Liebe, vom Mitleid, von der Furcht vor einem Unglück, das die Frau oder die Kinder treffen könnte, gehindert wird, den letzten Schritt zu tun.
Vielfach baut sich der Drang, der Erste sein zu wollen, allen zu imponieren, auf einem Minderwertigkeitsgefühl auf, das sich auf die Kleinheit der Gestalt mit scheinbarem Recht oder mit Unrecht bezieht. In der entwickelten Neurose bricht der Patient, mehr weniger entfernt von der Gelegenheit, wo er sich beweisen sollte, durch Arrangement eines neurotischen Symptoms ab. Als ein häutiges Symptom dieser Art konnte ich Zwangserröten beobachten.
In schwächerer Ausprägung findet sich die Tendenz, der Erste sein zu wollen, als allgemein menschlicher Charakterzug, und zugleich mit ihm finden wir auch regelmässig kämpferische Neigungen bei allen Menschen. Der Wettlauf im Leben beginnt eben schon in der frühesten Kindheit und schafft sich seine psychischen Organe und sichernden Charakterzüge. So findet man oft bei Kindern als hervorragenden Charakterzug, dass sie als die ersten essen, trinken wollen, dass sie gerne voraus laufen, um früher als andere an Ort und Stelle zu sein. Nicht selten treiben sie um das 5. Lebensjahr das Spiel, mit jedem Wagen um die Wette zu laufen, und viele Kinderspiele danken der Idee des Wettlaufes ihren Ursprung. Manche Menschen behalten diese Neigung zeitlebens in Form einer unbewussten Geste, müssen in Gesell- schaft immer an der Spitze gehen oder verdoppeln ihre Schritte, wrenn ihnen auf der Gasse jemand vorauseilen will. Im übertragenen Sinne macht sich dieselbe Tendenz darin auffällig, dass ihre Trager Heroen- kultus treiben, wobei der tiefere Sinn, selbst Heros, Achilles, Alexander, Hannibal, Caesar, Napoleon, Archimedes zu sein, nebenbei zutage kommt, so- zugleich die leitende Fiktion als auch das ursprüngliche Minderwertigkeitsgefühl verratend. Auch die Gottähnlichkeit tritt als