werbende Fiktion auf und zeigt sich zuweilen im Märchen, in der Phantasie und in der Psychose. Wir haben hervorgehoben, dass bei diesem Stand der Bereitschaften und Charakterzüge alle Bande der Freundschaft, der Liebe bedroht sind, und wenn die stärkere Unsicher- heit es verlangt, so drängt sie den Patienten in den Zweifel, lässt ihn Schreckpopanze oder Idealgestalten aufstellen, durch die er sich dauernd vor der Wirklichkeit sichert. Eine Karikatur Caesars sucht er nun die Mutter, die kleine Stadt, die kleinen Verhältnisse, wandert zuweilen ruhelos von einer Wohnstätte zur anderen, als ob die äusseren Ver- hältnisse an seiner Zerrissenheit die Schuld hätten. Oft richtet sich in dieser entwickelten Neurose der Sexualtrieb des Patienten auf Kinder, niedrig stehende Personen, Dirnen; homosexuelle, perverse oder mastur- batorische Neigungen werden konstruiert und festgehalten, weil der Patient auf diese Weise die Situation leichter zu beherrschen hofft. Denn die Furcht vor der Frau lässt eine natürliche Liebesbeziehung so wenig zu, dass der Nervöse, um seiner befürchteten Niederlage auszuweichen, durch Einfühlung auch zum Auswreg der Ejaculatio praecox, der Pollutionen, des Aspermatismus und der Impotenz gelangt.
Ahnlich ergeht es den nervösen Frauen von diesem Typus, bei denen häufig die Rivalität in der Gesellschaft, mit Freundinnen in der grossen Stadt, mit Schwestern, mit der Tochter und Schwiegertochter heimlich wühlt, zu neurotischen Sicherungen zwingt und so krankmachend wirkt. Bei männlichen Nervösen führt zuweilen die gesellschaftliche 172 VII. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw.
Stellung zur Entwickelung der Neurose, sobald der Vorrang im Geschäft, in der Wissenschaft, im Geniessen in Frage kommt und bestritten wird. Wo das Minderwertigkeitsgefühl des jüngeren Kindes das fiktive Leitziel nach dem Erstgeborenen oder Frühergeborenen formt, sind es die mannigfachsten wirklichen und angeblichen Güter, die das Begehren und den Neid des jüngeren Kindes aufstacheln. Fast'immer werden dem Pä- dagogen feindliche Züge auffallen, wie Neid wegen der Grösse des älteren Bruders usw. Dass es sich bei diesen Urteilen um fiktive Werte handelt, ergab sich mir auch gelegentlich der psychotherapeutischen Behandlung zweier Brüder, von denen jeder den anderen wegen der grösseren Geni- talien in der Kindheit beneidet hatte. Ebenso wird eine wirkliche oder in der Natur der Sache gelegene Bevorzugung des älteren Bruders zum Angriffspunkt genommen. Dass er ins Theater, auf Reisen mitgenommen wird, dass er erfahrener im Sexualproblem ist, sich sexuell betätigt, dass er von Mädchen und vom weiblichen Dienstpersonal bevorzugt wird, dass es seine abgetragenen Kleider erhält, kann das jüngere Kind bei vorliegendem Minderwertigkeitsgefühl mit unendlicher Bitterkeit erfüllen. Denn diese wehmütige, zuweilen hoffnungslose Stimmung ist bei unseren Patienten oft durch frühzeitige Empfindungen von Organminderwertigkeit bedeutsam vorbereitet und kann unglaublich hohe Grade erreichen. Zu- weilen erscheint dem Kinde der Wettkampf aussichtslos. Es biegt seine männliche Tendenz nach der pseudomasochistischen1) Seite um und will nunmehr sein männliches Leitziel erreichen, indem es seine Krankheits- und Schwächeempfindungen stark unterstreicht, sich masslos beugt und unterwirft, in der Hoffnung, so den Schutz der Eltern und Stärkeren, die Herrschaft über sie und damit die ersehnte Sicherung im Leben zu gewinnen. Ich sah Fälle, wo lang andauernde Katarrhe in der Kindheit (Czerny's exsudative Diathese) durch fortgesetztes Räuspern und Schnauben unterhalten wurden und zu Nieskrämpfen und Asthma führten (Siehe Strümpells Asthmatheorie), wobei gleichzeitig weibliche Fiktionen von Schwangerschaft und Kastration in Verbindung mit über- triebenen analen Empfindlichkeiten einen symbolisch zu verstehenden homosexuellen Einschlag bewirkten. In einem dieser Fälle war die fiktive weibliche Einstellung soweit gegangen, dass der Patient im Formenwandel seiner Leitlinie zur Identifizierung mit der jüngeren Schwester kam. Und da die Mutter eine auffällige Neigung zeigte, immer zu spät zu kommen, nahm er diese Wahrnehmung und seinen Wunsch an Stelle der später geborenen Schwester zu sein, zum Leit- motiv, um überall im Leben, auch bei mir in der Behandlung regelmässig zu spät zu kommen, eine Erscheinung, die nicht bei ihrer Aufdeckung, sondern erst nach eingetretener Heilung schwand2). Bei diesen weib- lichen Einstellungen wird der männliche Protest durch einen Umweg über die weiblichen Linien erstrebt, wird durch Tagesphantasien, Reiz- barkeit, Rechthaberei, Unzufriedenheit regelmässig flankiert und ist in der Regel durch die Furcht vor der Prüfung, vor Entscheidungen, vor dem geschlechtlichen Partner auf Abwege gedrängt, so dass perverse Regungen, sadistische und masochistische Phantasien, Zwangsonanie und Pollutionen häufig zu finden sind. Die initialen Organminder- J) Nach unserer Auffassung ist jede Inversion und Perversion gleichnisweise und symbolisch. Zum Pseudomasochismus siehe „Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie" in „Praxis und Theorie" 1. c.
*) Weil sie noch zur Verzögerung der Heilung brauchbar war.
VII. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw. 173 Wertigkeitserscheinungen können verschwunden oder als Rest noch vorhanden sein. Kleinheit und Anomalien der äusseren Genitalien sind zuweilen nachzuweisen, äussern sich aber in der Regel nur psychisch durch die Furcht, dem geschlechtlichen Partner nicht zu imponieren. Diese Gefühlslage führt oft zu Eifersüchteleien, Quälsucht und sadistischen Neigungen, die den Beweis der Potenz, des Geliebt- werdens durchsetzen wollen.
Oft ist der Stolz des Patienten so gross, dass er selbst seiner Eifersucht nicht gewahr wird. Gemäss unserer Anschauung ergibt sich als Lösung dieser psychischen Konstellation, dass der männliche Protest neben anderen Wirkungen auch die Verdrängung der Eifersucht herbeiführt, um das Persönlichkeitsgefühl nicht sinken zu lassen. Die Konsequenz dieser Verdrängung ist gering, höchstens dass Patient in unklare Situationen gerät. Im allgemeinen aber handelt er so, als ob er eifersüchtig wäre, und dies oft mit solcher Deutlichkeit, dass es jeder weiss, nur der Patient es nicht wahrnimmt. Zuweilen allerdings maskiert sich diese Eifersucht mit Depression, Kopfschmerz, Flucht in die Einsamkeit usw. — Ich will noch den Traum eines Patienten folgen lassen, der wegen Depression und Gesellschaftsangst in meine Behandlung kam, weil er in der vom Patienten vorgenommenen teilweisen Deutung viele der eben beschriebenen Punkte aus dem Wettlauf eines Neurotikers mit seinem älteren Bruder aufweist.
„Es war mir, als ob ich mit meinem Bruder Josef eine Wette abgeschlossen hätte, früher an einem bestimmten, im Traume nicht ge- kennzeichneten Orte zu sein als er."
„Ich sah mich nun plötzlich in einem dreiräderigen kleinen Auto- mobil auf der Landstrasse, und bemühte mich, mittelst einer kleinen, schlüsselähnlichen Handhabe, die ich nur zwischen Daumen und Zeige- finger nehmen konnte, das Auto so gut als möglich zu lenken. Ich fuhr sehr unsicher und fühlte mich unbehaglich. Auch auf Seitenwege kam ich, auf denen ich nicht weiter konnte. Die Leute, denen ich begegnete, staunten und lachten. Ich sah mich veranlasst, das Auto auf den Rücken zu nehmen und wieder auf die Landstrasse zurückzukehren. Dort fuhr ich in derselben Weise weiter. u — „Plötzlich sah ich mich mit meinem dreiräderigen Vehikel in einem Zimmer eines Wirtshauses, das mir wohl bekannt war und auf einem nahen Berge meines Heimatsortes liegt. Mein Auto schob ich jetzt in eine Ecke und bekümmerte mich nicht mehr um dasselbe. — In dem- selben Lokal war mein Bruder schon vor mir angekommen; ausserdem sass dort eine mir gut bekannte, stark verschuldete Familie, bestehend aus Herrn und Frau M. und deren beiden Töchtern. Ich und mein Bruder bekümmerten uns nicht um sie. Da kam Herr M. an unseren Tisch, sprach mit uns, und schliesslich begaben wir uns mit ihm an den Tisch der Familie, was mir aber nicht angenehm war."
„Der Gedanke einer Wette ist in meinen Gesprächen mit meinem Bruder aufgetaucht. Er gab mir den Rat, mich nicht frühzeitig an jenes leichtsinnige Mädchen zu binden, das ich heiraten wollte, und erzählte mir aus seinem Leben, welch schlimme P'olgen dies für einen aufstrebenden Mann haben kann. Ich sah dies ein und versprach, in seinem Sinne handeln zu wollen. Er nahm solche Versprechungen immer sehr ungläubig auf. Dies reizte mich zu einer Wette. In früheren 174 VII. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw.
Jahren, als ich noch nichts von dem wusste, was er tief in seinem Innern mit sich trug, da erschien er mir als ein Vorbild, und ich wett- eiferte, in bezug auf Charakter, Denkungsart, Auftreten so zu werden wie er. Jetzt sehe ich, dass ich in Vielem nicht so sein darf wie er, um nicht auf ebensolche Wege zu kommen."
„Mit einem Auto kann man sein Ziel früher erreichen als zu Fuss. Dieses Auto jedoch stellt offenbar das Weib dar, an das ich mich ge- kettet hatte. Ein dreiräderiges Auto ist unvollkommener als das vier- räderige, es fehlt ihm etwas. Ebenso ist es beim Weib. Der Mann ist vollkommen. Dazu der Gegensatz: die kleine Handhabe. Ich habe schon in früher Jugend bei Mädchen nach etwas gesucht. Es war mir etwas unklar an ihnen. Öfters hat es uns unter eine Brücke gezogen, und doch wrussten wir nicht, was wir über uns durch die Ritzen zu sehen erwarteten. In jener Zeit, — ich konnte fünf Jahre alt gewesen sein, — hatte ich von den geschlechtlichen Vorgängen nicht die leiseste Ahnung („unsicher"), und war auch keiner geschlechtlichen Verirrung anheimgefallen. Ich kann mich aber erinnern, dass mich in jener Zeit schon etwas zu Mädchen hinzog. — „Die kleine Handhabe am Auto" deutet zugleich darauf hin, dass ich auch dem Weibe gegenüber eine zu kleine oder gar keine Handhabe besass, weshalb das Mädchen mir überlegen werden musste/' — „Mit meinem Auto, d. h. durch das Weib kam ich auf Seitenwege, die ich gar nicht gehen konnte, und die mich dem Ziele, das ich er- reichen wollte, meinem Weg zur Höhe, nicht näher brachten."
„Ich nahm das Auto auf den Rücken, das Weib war auf diese Weise mehr denn je über mir und eine Last."
„Das Wirtshaus, in dem ich mich endlich mit meinem Bruder wiederfand, steht auf dem Gipfel eines Berges; es deutet dies auf mein heisses Verlangen hin, einmal Grosses im Leben zu erreichen, wie ich es von meinem Bruder erwartet hatte."
„Dass ich mit einer stark verschuldeten Familie zusammentraf, deutet darauf hin, dass ich mir schon oft übertriebene Gedanken darüber gemacht, wieviel eigentlich das Weib dem Manne kostet, und dass das Weib nur zu oft Ursache der Verschuldung ist."
„Es ist mir klar, dass auch Gedankengänge an die Masturbation (Seitenwege, Verschuldung) in den Traum hineinspielen, ebenso der fälschliche Zusammenhang von Masturbation und Verkümmerung der Genitalien. Letzterer schrieb ich die Unsicherheit meiner Braut gegen- über zu, zu deren Entfernung (in die Ecke) ich, ohne es zu wissen, alle Anstalten traf. Mein Depressionszustand gilt dem gleichen Ziel, frei von der Frau meine Überlegenheit im Leben zu erweisen." — In unserer Physiognomik der Seele, als welche wir die Cha- rakterlehre zusammenfassen, haben wir des öfteren schon von jenen scharf hervorspringenden, prinzipiellen Zügen gesprochen, die wie ein aufdring- licher Beweis der Männlichkeit das Persönlichkeitsgefühl stützen und heben sollen, als wäre eine Deklassierung, die Offenbarung einer weib- lichen Rolle zu befürchten. So zeigt uns die übertriebene Seh am - haftig keit mancher Nervöser, Männer, die keine öffentliche Bedürfnis- anstalt aufsuchen können, an „Harnstottern" bei Anwesenheit anderer leiden, sich durch Zwangserröten oder Angst und Herzklopfen jeder weiblichen Gesellschaft entziehen, den aufgepeitschten männlichen Ehr- geiz, der sich gegen das ursprüngliche Minderwertigkeitsgefühl stützt.
VII. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw. 175 Der männliche Protest dieser im innersten Kern unsicheren Patienten treibt sie zu diesem Arrangement, dessen Grenzen in das der Schüchtern- heit und Ungeschicklichkeit übergehen; oder es kommt zu einem Zu- sammenwirken dieser und anderer Züge, die sich auch gelegentlich ver- treten können. Häufig findet man bei nervösen Personen beiderlei Geschlechts eine Unfähigkeit, angesichts anderer Personen den oft dring- lichen Weg zum Klosett zu nehmen. Die grössere Schamhaftigkeit weiblicher Personen, insbesondere nervöser, in allen Beziehungen des Lebens stammt aus dieser, aus der frühen Kindheit übernommenen Furcht, es könnte die Aufmerksamkeit auf ihr Geschlecht gelenkt werden. Ich habe mich oft davon überzeugt, dass die Leistungen von Mädchen und Frauen unter diesem mehr weniger unbewussten Eindruck erheblich leiden, ja dass oft der Fortschritt in der geistigen Entwicke- lung, — genau so wie bei männlichen Patienten, die sich unmännlich fühlen, — die Anknüpfung von gesellschaftlichen, beruflichen und Liebes- beziehungen prompt gehemmt werden, sobald der Patient in eine n weib- liche u, oder untergeordnete Situation gerät oder diese Erwartung bei anderen voraussetzt.
Unser Ergebnis wird in keiner Beziehung berührt, wenn als scheinbare Quelle der Aggressionshemmung offene oder „verdrängte" Sexualerregungen zutage treten. Sie sind nämlich gleichfalls arrangiert, haben den Zweck, die Furcht vor dem Partner zu steigern und den im Lebensplan vorbestimmten Rückzug mit Sicherheit eintreten zu lassen, sind also auch Akte der Vorsicht. Auf diese Vorsicht aber hat es der Nervöse schon in seiner Kindheit angelegt, und in ihr spiegelt sich als Leitlinie der sichernden Schamhaftigkeit das Schamgefühl und die Prüderie der Kultur. Man kann von der übertriebenen Schamhaftigkeit aus der Vorgeschichte der Patientinnen erfahren, auch zuweilen von denen, die sonst ein bubenhaftes Wesen zeigten, und man kann bei nervösen Kindern beobachten, wie sie ängstlich jede Entblössung ver- meiden und alle Anwesenden aus dem Zimmer schicken, auch wohl die Türen versperren, wenn sie sich entkleiden müssen. Dieses Verhalten wird man öfters auch bei Knaben wahrnehmen, die unter Mädchen auf- wachsen. Der männliche Protest der letzteren äussert sich in diesen Fällen in absichtlicher und unabsichtlicher Herabsetzung des Knaben, bis dieser zur Verheimlichung seiner Männlichkeit gelangt. Für die Entwicklung der Neurose hat dieser Kunstgriff der Feigheit eine folgenschwere Bedeutung. Er ist gleichwertig etwaigen späteren Kastrations- gedanken und -wünschen des Neurotikers, Wünschen, ein Weib zu sein, sobald ihm die Furcht vor der Frau aktuell erscheint, oder sobald er vor einer Entscheidung fliehen will. Und ist doch ursprünglich aus dem Zwange einer übermännlichen Fiktion erwachsen, was man leicht aus den begleitenden, oft überdauernden Charakterzügen der übertriebenen Herrschsucht, des brennenden Ehrgeizes, der Sehnsucht, alles haben zu wollen, überall der Erste zu sein, aus den Affektbereitschaften des Jäh- zorns und der Wut, aus der Entwertungstendenz und aus der übergrossen Vorsicht ersehen kann!
Ist demnach die nervöse Schamhaftigkeit dem heimlichen Versuche gleichzusetzen, den Mann spielen zu wollen, so tritt dieses „Rollen- bewusstsein" (Groos) bei dem scheinbar gegensätzlichen Charakterzug der nervösen Schamlosigkeit deutlicher hervor. In Wirklichkeit erweist sich diese letztere Linie als Verstärkung und Fortsetzung der 176 VIT. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw.
ersteren, als aufdringliche Erinnerung an die Umgebung, dass man ein Mann sei. Die leitende Idee, welche die Bereitschaft oder die Gewohn- heit der exhibitionistischen Geberden zeitigt, damit gleichzeitig oft verletzende, taktlose Aufdringlichkeit gegenüber der Umgebung, ver- rät im einzelnen den starken männlichen Einschlag. So, wenn bei ner- vösen Knaben oder Männern der sexuelle Exhibitionismus durchbricht oder sich gewohnheitsmässig in bestimmten Toilettefehlern äussert. In allen ähnlichen Fällen findet man den Glauben an die Macht des Phallus ganz wie in den antiken Religionskulten als männliches Machtbewusstsein konstruiert und auf diese Art das Persönlichkeitsgefühl gesichert. Auch narzissistische Züge sind regelmässig beigemengt, so dass in diesen Fällen die Attitüde der Sieghaftigkeit, begleitet von Koketterie, von Unfähigkeit an eine Absage zu glauben dem Beobachter besonders ins Auge fällt. — Bei schamlosen Mädchen tritt dieser Zug als unge- wöhnlich noch deutlicher hervor. In Worten, in der Kleidung, im Be- tragen, zuweilen nur in Kleinigkeiten, zuweilen zotenhaft oder in Form der Koprologie demonstrieren sie ihre schlechte Einfügung, ihre Un- zufriedenheit mit der weiblichen Rolle. Die Operationsbasis ergibt sich für beide Geschlechter dann in der Weise, dass jedes vom anderen die Anerkennung oder eine übertriebene Duldung verlangt. In der Analyse solcher neurotischer Mädchen, zuweilen nur in ihren Träumen und Symptomen findet man die kindliche Erwartung einer Verwand- lung ins männliche Geschlecht, sonst durchgängig als versuchten Ersatz den Willen zur Macht, den Wunsch oben zu sein. Treffen zwei Personen dieser Art zusammen, was auffallend häufig geschieht, so ergibt sich nicht selten, dass die verstärkte männliche Leit- linie des einen nach Art eines Wunders, eines Talismans auf die andere Person vorläufig wirkt, weil auch in ihrem Leitziel der Wunderglaube an die Männlichkeit und an ihre Zauberkraft enthalten ist. So wird oft beiden die Erfüllung eines Schicksals, das zufällig scheint, durch die inhärente Kraft ihrer Per- sönlichkeitsidee aber gegeben ist. — Öfters findet man schamloses Ge- baren bei nervösen Mädchen als Antizipation ihrer fiktiven Er- wartung; sie benehmen sich so, als ob sie ein Knabe, ein Mann wären, zeigen sich nackt oder erleben in nervösen Symptomen, Träumen und Phantasien ihre männliche Wiederkunft. Vielfach beobachtet man bei solchen Patienten den Versuch, die Zaubermacht des Phallus unter Formenwandlung der Fiktion anderen Körperteilen, z. B. den eigenen Händen, Füssen, Brüsten zuzuteilen, die so ins Männliche gerückt als Fetische in besondere Gunst genommen werden und eine narzissistische Verehrung geniessen, wie oft auch das Genitale oder der ganze Körper. Dieser Fetischismus überträgt sich fast regelmässig auf die Kleidungsstücke und macht einen grossen Teil der Zauberkraft der Mode aus, von der wrir demnach annehmen müssen, dass sie wie der Fetischismus selbst als Ersatz einer verloren geglaubten, immer wieder zu suchenden Männlichkeit mit ihrer grösseren Einflusssphäre anzusehen ist.
Ebenso wie die Schamlosigkeit ist die prinzipielle neurotische Untreue mancher kranken Patientinnen nach dem übertrieben apperzipierten männlichen Ebenbild gemacht. Sie deutet uns einen der Wege an, die durch das männliche Endziel erzwungen werden, ist wie viele der neurotischen Charakterzüge oft nur ideell, Stimmungs- oder VII. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw. 177 Weltanschauungssache, oder reicht nur bis zu jener Grenze, wo die Realität der weiblichen Rolle beginnt. Viel häufiger findet man als Sicherung in der Furcht vor dem Manne die Tugend der Treue. Phantasien von Untreue, zuweilen bis zu halluzinatorischer Stärke oder in Träumen, ergeben sich manchmal bei starker wirklicher oder ange- nommener Unterdrückung durch den Mann, in der Weise von Rache- gedanken oder um grössere Sicherungen in der eigenen Sphäre, auch durch Heranziehung und stärkere Unterwerfung des Mannes durch- zuführen. Prostitutionsphantasien J) deuten in diesen Fällen die neuro- tische, übertreibende Perspektive auf die Kraft des Sexualtriebs an und dienen dem gleichen Zweck der Sicherung. Überhaupt ist bei Patien- tinnen, die leicht von ihrer Sexualität sprechen, die Vermutung gerecht- fertigt, dass sie mit grosser Übertreibung ihren Schreckpopanz ausmalen. Die Wirklichkeit spricht immer zu ihren Gunsten. Bei Mädchen findet man manchmal die heilige Überzeugung ihrer Untreue ganz im Vorder- grund. Man darf daraus schliessen, dass ihnen auch ein einziger Mann zu viel wäre, dass sie sich vor der Liebe, besonders aber vor der Ehe schützen wollen: „denn zu welchem Ende müsste meine Leidenschaft mich führen?" Auch die tatsächliche Untreue mancher männlicher und weiblicher Neurqtiker führt oft auf die Furcht vor dem einen Partner zurück, dessen Überlegenheit sie fürchten. Das Verständnis der beglei- tenden Symptome, Angst vor dem Alleinsein, Platzangst, Gesellschafts- angst usw., unsoziales Verhalten, Fixierung von Kinderfehlern, die Krank- heit selbst, die Entwertung des anderen Geschlechts geben immer weitere Handhaben, den fiktiven männlichen Zweck dieser Charakterzüge zu er- kennen. Oft gibt verschmähte Liebe das Gefühl der Herabsetzung der Persönlichkeit in dem Masse, dass Hass, Gleichgültigkeit oder Untreue als männlicher Protest zustande kommen. Eheliche Untreue finde ich immer als Racheakt. — An dieser Stelle sind noch einige Beobachtungen nachzutragen, wie ich sie bei nervösen Eifersüchtigen machen konnte. Immer gilt es der Suche nach Beweisen des eigenen Einflusses auf den Partner, und jede halbwegs taugliche Situation wird zum Experiment ausgenützt. Die Unersättlichkeit, mit der der Nervöse dann seinen Partner prüft, weist deutlich auf sein dürftiges Selbstvertrauen, auf seine geringe Selbstein- schätzung, auf seine Unsicherheit hin, so dass leicht zu erkennen ist, wie seine eifersüchtigen Bestrebungen dazu dienen, sich mehr in Er- innerung zu bringen, mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und so sein Persönlichkeitsgefühl zu sichern. Man wird in jedem Falle das alte Gefühl der Verkürztheit und Zurückgesetztheit, oft bei den nich- tigsten Anlässen, wieder aufleben sehen, mit der alten kindlichen Atti- tüde, alles haben, den Beweis seiner Überlegenheit von dem Partner erlangen zu wollen. Ein Blick, ein Gespräch in Gesellschaft, ein Dankes- wort für eine Hilfeleistung, Sympathiebezeugungen gegen ein Bild, gegen einen Autor, gegen einen Verwandten, selbst ein schonungsvolles Ver- halten gegen Dienstboten kann zum Anlass der Operation genommen werden. Man hat in schwereren Fällen den deutlichen Eindruck, als ob der Eifersüchtige nicht zur Ruhe kommen könnte, weil er sich wegen seiner Mängel ein ruhiges Glück nicht zutraut. Nun entwickelt sich die Neurose, indem sie durch Arrangement von Anfällen den Partner ') Siehe „Psychologie der Prostitution" in „Praxis und Theorie" 1. c Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 12 178 VII. Kapitel. Pünktlichkeit, Der Erste sein wollen, Homosexualität usw.
an sich zu fesseln sucht, sein Mitleid erregen will oder aber eine Strafe und ein Gesetz für den Partner bedeuten soll. Kopfschmerzen, Wein- krämpfe, Schwächezustände, Lähmungen, AngstanfälJe und Depression, Versinken in Schweigen usw. haben den gleichen Wert wie der Verfall in Alkoholismus, in Masturbation, Jerversion oder Liederlichkeit. Die Linien des Misstrauens und Zweifels, — oft,an der Legitimität der Kinder, — treten stärker hervor, Wutausbrüche und Beschimpfungen, Pauschal Verdächtigungen gegen das ganze andere Geschlecht sind regel- mässige Erscheinungen und weisen auf die zweite Seite der Eifersucht, als einer Vorbereitung zur Herabsetzung des andern hin. Oft hindert der- Stolz das Bewusstwerden der Eifersucht. Das Gebaren bleibt das gleiche. Steigerungen sind nicht selten dadurch bedingt, dass der andere Teil mit unbewusster Genugtuung der Hilflosigkeit des Eifersüchtigen gegenübersteht, sein Überlegenheitsgefühl dadurch be- gründet und deshalb nicht den richtigen Ton, die zweckmässige Geberde findet, den Ausbau der Eifersucht wenigstens einzuschränken. Eifersucht gegen die Kinder führt oft zu schweren Erziehungsfehlern. Die Bedrohung des Wunderglaubens an die eigene Zaubermacht durch Geburten oder durch das Altern lässt bei Disponierten fasst regelmässig eifersüchtige Regungen stärker hervortreten.
Als „Konfliktsneurose" möchte ich häufig vorkommende Krank- heitsfälle benennen, die, der Zwangsneurose verwandt, dadurch auffällig werden, dass ihre Träger fast ununterbrochen mit ihrer Umgebung in Zank und Streit geraten. Um diese Kampfsituation aufrecht erhalten zu können, greifen sie gelegentlich zu allerlei Verdachtsgründen, schuldigen auf Grund allgemein gehaltener, phrasenreicher ethischer Formeln die anderen an, wittern leicht Beziehungen und geheime Pläne, so dass die Verwandtschaft mit der Paranoia nicht von der Hand zu weisen ist. In ihrem Drang nach Konflikten und in ehrgeiziger Rechthaberei lassen sie es zuweilen auch die Unverletzlichkeit der Logik entgelten, so dass sie durch ihr „Gefasel" und durch unsinniges Verhalten in die Nähe der Hebephrenen gerückt wrerden. Ihr Los ist erschütternd. Immer findet man als Ursache ein feiges Zurückweichen vor ihren wirklichen Lebensfragen. Dadurch wird ihr Hang zu Konflikten gespeist, weil sie durch diese präokkupiert, abgelenkt und von ihren Aufgaben enthoben werden. Versäumt man die individual- psychologische Behandlung, so bleibt der Fall unbehandelbar und ungeteilt und verspielt sein Leben als Dementia praecox, Hebephrenie oder Paranoia. — Diese Art von „Unheilbarkeit" muss dann noch dazu dienen, die unheilvolle Diagnose und den therapeutischen Nihilismus zu stützen und zu rechtfertigen. —