SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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Neben der Sicherungstendenz in der Bussfertigkeit spielt also der männliche Protest als Wegweiser eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wir sind aber noch genötigt, ihr Bau- material, die in der Psyche gelegenen Möglichkeiten ins Auge zu fassen, deren sie sich bedient, um Ausdruck zu werden. Es ist keine Frage, dass Unterwerfungshandlungen und -gedanken dabei zutage treten, masochistische, in unserem Sinne weiblich gewertete Elemente der menschlichen Psyche. Wie unverträglich diese mit dem Menschheits- bewusstsein sind, und wie sie stets eine Korrektur in der Richtung des männlichen Protestes erfordern, dass sie also pseudomasochistische Erscheinungen sind, geht daraus hervor, dass diese Unterwerfung mit einem Aufschwung, mit einer Er höhung verbunden ist. Die Kraft- linie geht also auch in diesem Falle von unten nach oben, denn der Bussfertige fühlt sich erhoben oder gereinigt, er spricht mit seinem Gotte, er steht ihm näher als andere, als sonst. Und es erwartet ihn „die Freude im Himmelreich", eine Erfüllung seiner Leitlinie.

Eine meiner Patientinnen „strafte sich" nach dem Tode ihrer 72 jährigen Mutter, mit der sie zeitlebens in Hader gelebt, und der sie mit Recht Vorwürfe machen durfte, durch hettige Reuegefühle wegen 196 IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw lieblosen Benehmens und durch Schlaflosigkeit. Ihre Reuegefühle trugen den Charakter der Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Die Analyse ergab, dass sie ihre moralische Überlegenheit einer Schwester gegenüber beweisen wollte. Die Schwester war verheiratet, meine Patientin stand in Versuchung, eine „sie erniedrigende'4 Liaison mit einem verhei- rateten Manne einzugehen. Dadurch wäre sie nach ihrer Auffassung der Schwester gegenüber gesunken. Gelegentlich des Todes ihrer Mutter führte der männliche Protest eine Situation herbei, die sie wieder nach oben brachte, - die stärkere Ergriffenheit durcli das traurige Ereignis und die Beendigung ihrer Liaison.

In der Kulturgeschichte wie in der Neurose artet die Bussfertig- keit nicht selten bis zur Geisselung, Flagellation aus. Aus Rousseau s Bekenntnissen und aus privaten Mitteilungen gesunder und neurotischer Personen, ebenso auch aus guten Kinderbeobachtungen x) wissen wir, dass Schläge bei manchen Personen imstande sind, sexuelle Erregungen hervorzurufen.. Dies das reale Moment, somatisch fassbar, das im Naturell solcher Individuen vorzufinden ist, und das auch die Auswahl der Busse leitet. Mir gaben Patienten an, dass sie die Schläge auf das Gesäss in der Kindheit angenehm empfanden, wenngleich ihnen das Geschlagenwerden fürchterlich war. Im späteren Leben der Neurotiker ist die Flagellation analog der Masturbation und allen anderen Perver- sionen ein sichtbarer Ausdruck der Furcht vor dem sexuellen Partner. Folgende Mitteilung verdanke ich einer Patientin, die wegen heftiger Migräne in meine Behandlung kam: sie hatte einige Jahre vor der Kur Tagesphantasien, in denen sie von einem Mann, der mit ihr verheiratet war aber nicht ihrem wirklichen Gatten glich, bei einem Ehebruch ertappt und gezüchtigt wurde. Als Fortsetzung dieser Phan- tasie folgte eine heftige Selbstgeisselung, bis sie erschöpft zusammen- brach. Diese Geisselung führte starke sexuelle Emotionen herbei. In der Analyse stellte sich heraus, dass die Frau ihren Mann, — in neuro- tischer Weise — hasste und in diesem Hasse gerne zu einem Ehebruch geschritten wäre, um ihn zu erniedrigen. Nun war sie zu alt geworden, um in der Liebe Geltung zu finden, — früher hinderte sie der männliche Protest. Kurz bevor sie an die Flagellation dachte, spielte sie mit Ehebruchsphantasien, nicht ohne sich vor einer Verwirklichung zu sichern. Die Entdeckung durch den Mann, die Prügel und die autoero- tische Befriedigung stammen aus der antizipierenden Sicherungstendenz und sind ein Spiel der Phantasie; letztere betont besonders stark die Furcht vor dem Mann. Die Ersetzung ihres Gatten durch einen anderen ist Wirkung der Entwertungstendenz und gleichwertig ihren Ehebruchs- wünschen: ihr Gatte soll erniedrigt werden, ein anderer wäre besser. Fortsetzend desavouiert sie diese gelegentliche Annahme durch den Ehe- bruch gegen den anderen. Mit dem Schwinden der Jahre hörte die Flagellation auf. Aber die Entwertungstendenz richtete sich heftiger gegen ihren Mann und gegen alle Menschen. Sie bekam Migräne, wenn sie befürchtete, ihre herrschende Rolle irgend jemandem gegenüber ein- zubüssen. Und ihre Erkrankung ermöglichte ihr eine völlige Zurück- ziehung aus der Gesellschaft. Innerhalb der Familie wurde sie durch ihr Leiden unumschränkte Herrin. Die Ärzte der Residenz aber hat sie ') Sieh»' A suaou row, Sadismus in der Kultur, Verlag E. Reinhardt, München.

IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw. 197 in grosser Zahl herabgesetzt, indem sie trotz aller Mittel an der Migräne weiterlitt. Selbst Morphium versagte, was ich bezüglich der perversen Reaktion dieses Mittels in anderen Fällen zu beachten empfehle. Dass sie auch meiner Kur die grössten Hindernisse in den Weg stellte und mich bei allem offenen, überschwänglichen Lob durch Beibehaltung der Schmerzen lange blosszustellen versuchte, bemerke ich nebenbei als Beitrag zur Beendigung der Kur. Die Patienten werden erst gesund, wenn sie auch dieses Motiv zur Festhaltung an ihrer Krankheit, den Arzt herabzusetzen, verstehen.

Nebenbei will ich noch darauf hinweisen, dass nach meinen Er- fahrungen der „religiöse Wahnsinn", die Phantasien und Halluzinationen von Gott, Himmel und Heiligen, damit auch das Gefühl der Zerknirschung dahin zu verstehen sind, dass sie die kindischen Grössenideen dieser Patienten, sowie ihre Überlegenheit über die Umgebung, ihre Gottnähe, auszudrücken versuchen. Oft knüpft sich ein feindliches Gefühl gegen die Umgebung daran, so, wenn sich ein Katatoniker von Gott befehlen lässt, dem Wärter eine Ohrfeige zu geben oder einen Nachttisch umzuwerfen, oder wenn er seine jüdische Verwandtschaft zur Taufe zu zwingen versucht. Der „Aufschwung" beim Manischen, die Grössenideen bei Dementia praecox sind Parallelerscheinungen und weisen auf das ver- grabene Gefühl der Erniedrigung hin, das nach Überkompensation im Wahn verlangt!). — In der ärztlichen Praxis stösst man häufig auf Kinder, die den Weg der Aggravation und Simulation betreten, um sich einer Bedrückung durch die Eltern zu entziehen. Wie nahe diese Erschei- nungen an Lügenhaftigkeit grenzen, ohne sich mit ihr ganz zu decken, leuchtet ohne weiteres ein. Auffällig ist aber dabei das deut- liche Hervortreten organischer Minderwertigkeitszeichen, das Vordringen der neurotischen Charakterbildung, des ungebändigten Trieblebens infolge Mangels des Gemeinsinns, somit der neurotischen Disposition. Als Bei- spiel seien drei Fälle von Beobachtungen bei neurotischen Kindern mitgeteilt.

Ein 7 jähriges Mädchen kommt wegen anfallsweise auftretender Magenschmerzen und Üblichkeiten in die Behandlung. Wir finden ein zartes, schwächlich gebautes Kind mit Struma cystica, adenoiden Vege- tationen und vergrösserten Tonsillen. Die Stimme hat einen rauhen Beiklang. Auf Befragen gibt die Mutter an, dass das Kind öfters an Katarrhen mit Husten leidet, die sich auffallend in die Länge ziehen, ebenso an protrahierten Dyspepsien. Ihr jetziges Leiden hält seit xh Jahr an, ohne dass je ein organisches Leiden nachweisbar wäre. Dabei ist der Appetit und Stuhl immer normal. Das Kind zeigt grosse Genäschigkeit. Die Magenschmerzen hätten sich eingestellt, seit das Kind in der Schule sei. Ihr Fortgang in den Lehrgegenständen sei ein ausgezeichneter, die Lehrerin habe aber wiederholt ihrer Verwun- derung über den auffälligen Ehrgeiz des Kindes Ausdruck gegeben. Gegen Ermahnungen sei es sehr empfindlich und fühle sich der um 372 Jahre jüngeren Schwester gegenüber stets zurückgesetzt. Was der x) Paul rijerre (Zur Kadikalbehandlung der chronischen Paranoia, Wien u. Leipzig. Deutike 1912) hat als erster in überzeugender Weise die Bedeutung von männlichem Protest und Sicherungstendenz in der Psychose ausführlich geschildert. Siehe auch: Melancholie und Paranoia in „Theorie und Praxis".

198 IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw.

Mutter besonders auffiel, war eine bedeutende Verlängerung der Klitoris, eine der Genitalanomalien, auf deren Bedeutung als Minder- wertigkeitszeichen ich aufmerksam gemacht habe, und die später un- abhängig von mir von Bartel und Kyrie, später von Tandler, Gross und Kretschmer gefunden, und als charakteristisch hervorge- hoben wurden. Die Haut ist allenthalben überempfindlich, und das Kitzelgefühl an den disponierten Stellen auffallend erhöht. Das Kind verlangt oft gekitzelt zu werden, was als Zeichen eines un- gezählten Triebverlangens wichtig ist. Seine Ängstlich- keit übersteigt das normale Mass. Als weiteres organisches Minder- wertigkeitszeichen ist auch eine hervorstechende Schiefstellung der Schneidezähne anzusehen, die auf Minderwertigkeit des Magen- Darm- traktes hinweist. Der Rachenreflex ist deutlich erhöht.

Man gewinnt aus diesem Ensemble von Erscheinungen den Ein- druck, dass auch die Reflextätigkeit des Magen-Darmtraktes erhöht ist. In der Tat hat das Kind in den ersten 3 Jahren häufig erbrochen. Die zahlreichen Dyspepsien weisen gleichfalls auf die Minderwertigkeit des Ernährungstraktes hin. Vor einem Jahre stellte sich anschliessend an ein Ekzem des Afters, — Ende des minderwertigen Darmtraktes, — ein mehrere Monate anhaltendes Jucken im After ein, das von dem Hausarzte unter suggestiver Behandlung mit Zuhilfenahme einer indiffe- renten Salbe geheilt wurde.

Der schmerzhafte Druck im Magen erwies sich als ein psychischer Reflex, der jedesmal eintrat, wenn das Kind in der Schule oder im Haus eine Herabsetzung befürchtete1). Der Endzweck dieses auf dem Boden der Organminderwertigkeit vorgebildeten Reflexes lag in dem Bestreben, einer Strafe vorzubeugen und das Interesse der etwas barschen Mutter, die das jüngere Mädchen bevorzugte, auf sich zu lenken. Zur Fixierung und zur offensichtlichen Aggravation kam es offenbar nach inneren Wahrnehmungen dieser erhöhten Reflextätigkeit, sobald das Kind nach einer brauchbaren Leitidee ausschaute, um sein Persönlich- keitsgefühl zn erhöhen. Die Anfälle verschwanden nach kurzer Zeit, nachdem ich dem Kinde den Zusammenhang klargemacht hatte. Ein Traum nach einem dieser Anfälle deutet in die oben geschilderte Rich- tung. Sie träumte: „Meine Freun din war unten. Dann spielten wir mitein ander. a Ihre Freundin war bevorzugte Rivalin in der Schule. Es setzte oft Kämpfe mit ihr ab, ohne dass es zu Handgreiflichkeiten kam. Sie wohnte ein Stockwerk höher, und der gemeinsame Spielplatz war stets die Wohnung unserer Patientin. Aber die Ausdrucksweise in der Traumerzählung war auffallend genug. Als ich das intelligente Kind fragte, ob man denn sage:,,die Freundin war unten", wenn die Er- zählerin mit ihr spielte, besserte es sofort aus: „sie war bei mir". Nehmen wir aber an, dass die Ausdrucksweise richtig und der Akzent auf dem „unten" ruht, dann verbirgt sich dahinter der Gedanke, dass die Rivalin wie in einem Kampfe unserer ehrgeizigen Patientin unter- ') R. Stern hat ähnliche Erscheinungen, von denen in diesem Buche mehr- mals die Rede war, als,.präaktive Spannungen" beschrieben. Aus meinen Dar- legungen geht hervor, dass es sich um die planvolle, wenn auch unbewusste Ver- wendung der Reflexerregbarkeit minderwertiger Organsysteme („Studie" 1. c.) han- delt, um „intelligent gewordene Reflexe".

IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw. 199 legen war. „Die Freundin war unten" heisst demnach: „ich war oben", eine Auffassung, durch die man dem ehrgeizigen Standpunkt der Reden- den erst gerecht wird. Auch das „Dann" zeigt in die gleiche Richtung. Es bekommt erst seinen Sinn, wenn wir in den beiden Traumbildern ein zeitliches Intervall gelten lassen, etwa: zuerst muss ich der Freun- din überlegen sein, dann will ich mit ihr spielen.

Die Bestätigung unserer Auffassung liefert die Vorgeschichte des Anfalles, der dem Traume vorausging. Die Spiele der beiden Mädchen waren in der Regel „Vater und Mutter spielen" oder „Doktor spielen". Bei ersterem Spiel war es zwischen den beiden Mädchen zu einem Streit gekommen, wer den „Vater" spielen sollte, bis der Vater schlich- tend eingriff und unserer Patientin tadelnd vorhielt, dass die Freundin immer die nachgiebigere, sie selbst immer unnachgiebig sei, was auch der Wahrheit entsprach. Die Freundin bekam hierauf die „Vater- rolle". Als sich die Familie kurz nachher zum Abendbrot an den Tisch begab, stellte sich der Anfall bei dem Kinde ein. Sie ass nichts und wurde zu Bett gebracht, und zwar ins Schlafzimmer der Eltern, wo sonst ihre andere Rivalin schlief, die kleine Schwester. Der Traum setzt nun in der im Anfall gegebenen Tendenz fort, die Patientin reisst die männliche Rolle an sich und gibt uns damit den Wink, wie sie ihre Geltungssucht und die Männlichkeit gleichstellt. Die Darstellung des Weiblichen als der Unterliegenden in dem Worte „unten" verstärkt diese Auffassung ganz besonders. Sie schlief bis zur Ankunft ihrer jüngeren Schwester im Schlafzimmer der Eltern und auch späterhin, wenn irgend ein Unwohlsein bei ihr eintrat. Die der Mutter gegenüber angedeutete Vermutung blieb unwidersprochen, hatte aber sein Gutes, insofern die beiden Kinder dauernd das Schlafzimmer räumen mussten. — Die Charaktereigenschaften des Kindes aber sehen wir auch hier wieder in der Richtung des männlichen Protestes wirksam, als weit vorgeschobene Vorposten, die jede Analogie, jedes symbolische Erleiden eines weiblichen Schicksals, Herabsetzung, Verminderung des Persönlichkeitsgefühls von ferne schon abzuwehren hatten und sichernd vor kommendem Unheil wirken sollten. Die spätere, gute Entwickelung des Kindes wurde nur einmal durch einen Kameradschaftsdiebstahl aus Gründen der Genäschig- keit (siehe die ungezähmte Triebhaftigkeit oben) gestört. — Einige Zeit später erkrankte der Vater an Manie, als er sich durch seine Brüder stark verkürzt glaubte. Wer die auch in „gesunden Zeiten" stets vorhandene Eitelkeit von Manikern endlich er- kennen will, wird verstehen, dass die Familienluft dieses Mädchens reich- lich vergiftet war.

Eine ähnliche Affektion ist das den Ärzten wohlbekannte Schulerbrechen und Erbrechen bei Tisch oder kurz nach dem Essen, das in seinem psychischen Aufbau der obigen Erkrankung gleicht, indem es einen unbewussten oder unbewusst gewordenen Kunst- griff darstellt, wie man einer drohenden Herabsetzung entgeht, sich Geltung verschafft und Entscheidungen ausweicht. — Stärkere Grade dieser auf Nahrungsverweigerung hinzielenden kämpferischen Haltung findet man im „nervösen Hungerstreik" von Mädchen, die um die erste Rolle ringen.

Ein 13 jähriger Junge zeichnet sich durch eine auffällige Indolenz seit 3 Jahren aus, die ihn trotz seiner unbestreitbaren Intelligenz am 200 IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw.

Fortkommen in der Schule hinderte. Seit einigen Monaten zeigt sich bei ihm ein weinerliches Wesen, das besonders zutage tritt, wenn man ihn aus irgendwelchen Gründen ermahnt. Vater und Matter sind wohl seit jeher etwas zu scharf mit ihm ins Gericht gegangen, aber soweit ich Erkundigungen einziehen konnte, galten ihre Ermahnungen zumeist seiner Langsamkeit beim Essen und Ankleiden und insbesondere seinem allzueifrigen Bücherlesen1). In der letzten Zeit war es so weit gekommen, dass der Knabe jedesmal zu weinen begann, wenn man ihn an irgend etwas erinnerte, oder sobald man ihn drängte. Die Folge dieses Zu- standes war wohl eine vorsichtigere Haltung der Eltern, doch glaubten sie bei der Lässigkeit des Knaben sich nicht aller Ermahnungen ent- schlagen zu können.

Eine Frage nach dem letzten Auftreten seines Weinens ergab, dass er ermahnt wurde sich rascher zur Schule zu begeben, als er schon eine halbe Stunde voll Eitelkeit vor dem Spiegel bemüht war, die auf- wärts strebenden Haare mit der Bürste glatt zu bürsten. Die Analyse ergab, dass er sich auf bösen Wegen sah und sich durch sorgfältige Massnahmen vor peinlichen Herabsetzungen sichern wollte. Er machte sich schwere Vorwürfe wegen knabenhafter sexueller Ausschreitungen, die er im Verein mit anderen Knaben und Mädchen begangen hatte. Vor allem fürchtete er die Entdeckung durch seine Eltern, und diese Furcht hatte sich ungeheuer gesteigert, als er eines Nachts im Schlafe nachtwan- delnd ins Dienstbotenzimmer geraten war und zu seiner Verwunderung des Morgens im leeren Bett der Köchin erwachte. Dieses Nacht- wandeln erfolgte, wie alle anderen Fälle, die ich ergründen konnte, im männlichen Protest gegen ein Gefühl der Herabsetzung. Tags vor- her war er nämlich wegen schlechten Fortkommens aus der Mittelschule genommen und in die Bürgerschule gebracht worden. Der Eindruck dieser Szene, der Gedanke, dass er im Schlafe verraten könnte, was ihn und seine Freunde beschäftigte, war bei ihm, der im Schlafe wie alle Nachtwandler zu sprechen pflegte, ein so ungeheurer, dass er zu starken Sicherungen schritt. Diese betrafen in erster Linie Ausserlich- keiten, durch die er guten Eindruck zu machen hoffte, und sein weinerliches Wesen, dazu bestimmt, sich die Eltern vom Halse zu halten. In diesem Falle sehen wir den schüchternen Beginn einer Zwangshandlung.

In der Tat gewannen in der Sicherungstendenz asketische Neigungen als Formen der Selbstquälerei bei dem Knaben Raum, und seine Ess- unlust war darauf berechnet, nach Analogie des Begriffs der „Enthalt- samkeit" den hervorbrechenden sexuellen Gelüsten Einhalt zu tun. Der ohnehin schwächliche Junge kam herab, so dass die Eltern einzugreifen gezwungen waren. Dabei trafen sie auf seine mühsam errungene Siche- rungstendenz. Da führte die psychomotorische Vertrautheit mit den elterlichen Angriffen zur Sicherung durch das Weinen, wobei seine Geltung sich wieder hob.

Sein eifriges Bücherlesen war ursprünglich gleichfalls der Siche- rungstendenz entsprungen. Die Unsicherheit, die ihn in der Pubertät *) Letzteres öfter ein Anzeichen von Unsicherheit der Schule gegenüber. Deutlicher sprechen für diese Schulschwänzen, Verwahrlosung und Vagabundage. Siehe Adler: „Wo soll der Kampf gegen die Verwahrlosung einsetzen?" in „Soziale Praxis" Wien, Oktober 1921.

IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw. 201 erfasst hatte, zwang ihn, Trost, Belehrung und sichernde Furcht vor Erkrankungen aus dem Lexikon zu holen. Er zeigte in den einschlägigen Problemen eine unglaubliche Belesenheit. Einmal auf dem Wege, Sicherung aus den Büchern su schöpfen, übertrieb er diesen Hang, insbesondere weil auch die älteren Geschwister, denen er nach- eiferte, auffallend viel Lektüre betrieben, dann auch, weil er damit den Eltern, seinen Unterdrückern, zuwiderhandelte, und drittens, weil er auf diesem Wege wieder seinen ursprünglichen männlichen Protest befrie- digen konnte, den Helden seiner Bücher in Gefahren und Kampf folgen zu können, was in der Wahl seiner Lektüre auch zum Ausdruck kam: er las mit Vorliebe Karl May. Der Sinn seines Nachtwandeins ergab sich als die Darstellung seiner Verstimmung gegen die Eltern, denen er auch sonst den Vorwurf machte, „dass sie ihn wie einen Dienstboten behandelten •'. Ähnliche Leistungen wie bei dienenden Personen habe ich bei Hebephrenen beobachtet, wenn sie ihre Unfähigkeit zu höheren Leistungen demonstrieren wollten oder gleichermassen drückend und demonstrativ auf ein Gefühl der Zurückgesetztheit reagierten.

Der dritte Fall betrifft eine durch psychische Bedingungen protra- hierte Pertussis bei einem 11jährigen Knaben, der um diese Zeit noch an Enuresis litt. Es war ein ungeberdiges, jähzorniges Kind, das stets seinen Vater an sich fesseln wollte, während es seine Stiefmutter als die grausame Verfolgerin hinzustellen versuchte. Das empfängliche Ge- müt des Vaters zeigte sich in einer übergrossen Besorgnis während der Keuchhustenanfälle. Als eines Morgens die Mutter dem Knaben wieder wegen seines Bettnässens Vorwürfe machte, sprang der Knabe lachend und wie von Sinnen aus dem Bett und lief unbekleidet im Zimmer umher, bis der besorgte Vater unter unwilligen Bemerkungen gegen die Mutter den hastig atmenden Knaben zu Bett brachte. Ein heftiger Hustenanfall, der dem schon geschwundenen Keuchhusten glich, schloss diese Szene ab und verursachte einen heftigen Streit zwischen den Eheleuten. Als der Knabe abends wieder das Bett aufsuchte, sprang er erregt auf und galoppierte im Bett hin und her, wobei sein Atem keuchend ging. Die Deutung des Anfalls lag auf der Hand. Der Knabe wollte abermals einen Vorwurf gegen die Mutter provozieren und den Vater auf seine Seite ziehen. Eine suggestive Behandlung und Aufdeckung des Anfall- zweckes brachte die Erledigung dieser Anfälle, die Pertussis zog sich aber noch ein weiteres halbes Jahr in die Länge. Einige Jahre später, — eine Behandlung des Knaben war nicht erfolgt, — erfuhr ich von einem grösseren Diebstahl dieses Jungen.

Analoge Mechanismen wie die bisher beschriebenen liegen der Idee des Selbstmordes zugrunde. Die Tat selbst scheitert zumeist an der Erkenntnis des inneren Widerspruches dieser Art des männlichen Protestes. Der psychische Umschlag erfolgt im Gedanken an den Tod, an das Nichtsein, an das herabsetzende Gefühl zu Staub zu werden, seine Persönlich- keit ganz zu verlieren. Wo sich Hemmungen religiöser Natur einschieben, sind sie wohl nur. die Hülle, ein Zurückbeben, als ob diese Handlung mit Strafe belegt wäre. Hamlet, bis auf unsere Zeit das Leitbild des an seiner Männlichkeit Zweifelnden, des psychischen Hermaphroditen, der sich durch sicherndes Vorausdenken die Hemmungen gegen seinen männ- lichen Protest selbstbewusst stellt, der sich aber gegen seine weibliche Linie aufbäumt, nicht ohne dem dialektischen Umschlag auf der männ- lichen Linie des Mordes auszuweichen, schützt sich vor Selbstmord 202 IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw.

durch Heraufbeschwörung jener Träume, „die in dem Schlafe kommen mögen, wenn unser irdisch Teil wir abgeschüttelt^. In der Friedhofs- szene zeigt sich sein wahres Entsetzen, weil Yorriks Schädel nicht mehr gilt als die der anderen1).

Ich habe seit längerer Zeit die Anschauung vertreten, dass der Selbstmord eine der stärksten Formerf'des männlichen Protestes, eine er- ledigende Sicherung vor Herabsetzung und eine Rache am Leben darstellt. Die mir zugänglichen Fälle, zumeist von Selbstmordversuchen, haben stets in ihrer Psyche die neurotische Struktur erkennen lassen. Zeichen von Organminderwertigkeit, Gefühle von Unsicherheit und Minderwertig- keit aus der Kindheit, ein als allzu weiblich empfundener psychischer Einschlag und der darauf antwortende, überspannte männliche Protest fanden sich in gleicher Anordnung wie bei jedem Neurotiker. Das nähere oder entferntere Beispiel gibt häufig die Richtung. Der mächtigste psychische Haft stammt aus den häufigen Todesgedanken der Kindheit als dem Ausdruck einer Unzufriedenheit, die in spielerischer, noch mehr in vorbildlicher und vorbereitender Art, indem sie unter der Wirkung derPersönlichkeitsidee die psychische Physio- gnomik formen, eine stete Bereitschaft für den Selbstmord herstellen. Man findet in der Vorgeschichte der Selbstmordkandidaten die gleichen Neigungen, durch Krankheit Einfluss zu gewinnen, sich durch Aus- spinnen von Todesgedanken und Träumereien über die hervorbrechende Trauer der Angehörigen in einer Situation der Herabsetzung, bei Gefühlen verschmähter Liebe Befriedigung zu verschaffen. Und die Idee wird zur Tat in einer gleichen Situation der Verminderung des Persön- lichkeitsgefühls, sobald diese Einbusse zu stärkerer Entwertung des Lebens führt und imstande ist, den dialektischen Umschlag der männlichen Selbstmordidee in eine neuerliche Entwertung übersehen zu lassen. So- mit müssen wrir jenen Autoren recht geben, die im Selbstmord einen der Wahnbildung verwandten Vorgang erblicken. Meine und BarteTs Hinweise auf Organminderwertigkeiten, besonders auch auf Minderwertig- keiten des Sexualapparates stehen in gutem Einklang.

In der Neurose ist die Wahrscheinlichkeit einer Korrektur stärker, wenn auch nicht immer ein Hindernis des Selbstmordes. Es scheint, dass die meist jahrelange Vertiefung des Neurotikers in das Selbst- mordproblem selbst ein Zeichen und zugleich Mitursache der Korrektur ist. Und in der Tat sind Gedanken und Träume des Nervösen voll von Todesideen. Hier der entsprechende Traum eines Neurotikers, der wegen Stotterns und psychischer Impotenz in Behandlung stand, in der Nacht, nachdem er vergebens auf einen Brief seiner Braut gewartet hatte: „Mir war, als ob ich gestorben wäre. Meine Angehörigen standen um den Sarg herum und geberdeten sich ganz verzweifelt. u Patient erinnert sich, in der Kindheit öfters Gedanken gehabt zu haben, dass er sterben möchte, weil die Eltern den jüngeren Bruder vorzogen. Seit jeher verfolgte ihn der Gedanke, dass er wegen einer Hydro- kele und anderer Genitalanomalien minderwertig sei, keine l) Der Sinn der Hamlettragödie scheint bis heute verborgen geblieben zu sein. Es ist wie in vielen Dramen Shakespeares das Tasten nach der Grenzlinie des er- laubten und unerlaubten Mordes in unserer Kultur. Die Hamletdeuter, die immer wieder nur die Unentschlossenheit des Helden hervorheben, möchte ich fragen, ob nie sich leichter zum Mord an ihrem Oheim entschlössen als Hamlet.

IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese u&w.

Kinder haben werde. Später suchte er sich durch Herabsetzung der Frauen und grosses Misstrauen gegen sie vor Unglück in der Ehe zu schützen. In Wirklichkeit fühlte er sich zu schwach und hatte Furcht vor der Frau. Sowie er die Prüfung auf sein Persönlichkeits- gefühl in der Ehe fürchtete, wich er kraft seiner motorisch gewordenen Einstellung allen Entscheidungen aus. Seine Impotenz trat ein, als er von seiner Braut das Jawort bekam, als Vorwand, als ein Kunstgriff diese Ehe hinauszuschieben. Im Traume spiegelt sich, entsprechend seiner kindlichen Situation, der Gedanke, dass die Braut einen andern lieber haben könnte. Daran knüpft sich der Versuch einer Lösung, wie er ihre ganze Liebe auf sich lenken und doch die Heiratsmöglichkeit ausschalten könnte, wie beim Arrangement seiner Impotenz. Er gelangte aber nur bis zu einer Lösung, die ihm seine persönliche Bedeutung in der Verzweiflung der Angehörigen zeigt.

X. Kapitel. Familiensinn des Nervösen. — Trotz und Gehorsam. — Schweig- samkeit und Geschwätzigkeit. — Die Umkehrungstendenz. — Ersatz eines Charakterzugs durch Sicherungen, Massnahmen, Beruf und Ideal.