SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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In diesem Abschnitt will ich noch auf eine Reihe von Charakter- zügen der Nervösen hinweisen, wie man sie öfters im Vordergrund der psychologischen Betrachtung findet, ohne dass durch sie mehr wie das äussere Bild der Neurose beeinflusst wird. Sie helfen bloss die neuro- tische Individualität aufbauen, geben aber gerade dadurch der speziellen Neurose eine bestimmte Richtung oder fordern ein bestimmtes Schicksal im Zusammenstoss mit der Umgebung heraus. So kann es geschehen, dass der Familiensinn des Neurotikers in besonders auf- dringlicher Weise hervortritt, dass die Familienforschung einen Teil des neurotischen Sinnens erfüllt, die tiefer liegenden Züge eines neuroti- schen, oft haltlosen Ahnenstolzes verdeckt, und dass so in gleicher Weise wie etwa durch Forschung nach Krankheitsheredität der sozialen Leistung von Liebes- und Ehebeziehungen entgegengearbeitet wird. Dies gelingt auch leicht durch Arrangement von Verliebtheit in einzelne oder alle Familienmitglieder; demnach kommt diese Verliebtheit unter dem Zwange der leitenden Fiktion und ihres inneren Widerspruchs, aus dem sich die Furcht vor der Entscheidung, vor dem geschlechtlichen Partner ergibt, zustande. Die Bereitschaft gilt dann der Herrschaft innerhalb der Familie, zu welchem Zwecke zuerst die Familienbande als heilig erklärt werden. — Der Zerfall mit der Familie liegt beim Nervösen angrenzend an die Steigerung des Familiensinns, sobald die Sicherungs- tendenz noch weiter vorschreitet und der Beweise bedarf, dass man sich nicht einmal auf Blutsverwandte verlassen darf. Menschenhass als abstrakte Richtungslinie des Charakters und Flucht in die Einsam- keit sind nicht seltene Erscheinungen, und treten in den Psychosen deutlicher hervor1). — Häufig geht die Bindung von Nervösen an ihre väterliche Familie weiter, auch wenn sie in einer Ehe leben. „Zuhause'' heisst dann bei ihnen nicht ihr eigenes Heim, sondern das der Eltern. Viele träumen immer vom letzteren in einer Art, die deutlich den Vor- zug des Elternhauses beweist und eine Spitze gegen den Gatten enthält, mindestens so, dass er im Bilde fehlt. Einen gleichen Angriff stellt die übermässige, krankhaft übertriebene Trauer um einen Blutsverwandten dar. Auch der Stolz auf die eigene Abstammung dient gut dem Kampfe x) Ganz allgemein findet man die Bindung des Nervösen an seine Familie stärker als sonst. Der Kreis der Gemeinschaft schreckt ihn immer wieder in den Kreis der Familie zurück. Hier holt er sich dann, was er sich im grossen Kreis nicht zutraut: die Überlegenheit. Wo immer im Kreis der Gesellschaft man den Nervösen ar Familie hin.

X. Kapitel. Familiensinn des Nervösen, Trotz und Gehorsam usw. 205 gegen den Gatten. Zuweilen hält die Bindung an, weil der Patient noch seinen Kampf gegen die Eltern nicht zu Ende gekämpft hat und weiter um seine Parität oder sein Vorrecht ringt. Meist freilich findet man den Familiensinn mit obiger Tendenz, um den eigenen Wirkungskreis durch Ausschaltung der Gemeinschaft einzuschränken, sobald ein Prestige- verlust droht und zu schmerzlich empfunden würde. In einem dieser Fälle fand ich bei einem überaus ehrgeizigen Mädchen den stärksten Anschluss an die Familie unter folgenden, sich einander ablösenden Zwangsgedanken: Hässlichkeit der Ohren, der Zähne, der Haare, später: als homosexuell, und nach der Lektüre psychoanalytischer Zeitungsartikel: als inzestuös zu gelten. Jede Berührung mit anderen Personen war durch Zwangserröten und Furcht vor Entdeckung ausgeschlossen.

Die Unterordnung der Charakterzüge unter die leitende Fiktion lässt sicji besonders gut an den gegensätzlichen Zügen von Trotz und Gehorsam1) einsehen, die einzeln oder in verschiedenem Masse ge- mengt zum Kolorit der nervösen Psyche viel beitragen. Die Einsicht in den dermassen errungenen Aufbau dieser Charakterzüge, die aus neutralen, realen Eindrücken der vorneurotischen Zeit abstrahiert, neurotisch gruppiert und zu Richtungslinien verarbeitet werden, kann uns über die Entstehung, den Sinn und Zweck des Charakters belehren. Die Idee vom angeborenen Charakter fällt restlos in sich zusammen, da das reale Substrat zur psychischen Charakterbildung, und was immer von ihm angeboren ist, unter dem Zug der leitenden Idee sich solange umformt, bis ihr genüge getan ist. Trotz sowie Ge- horsam sind dann nichts als psychische Attitüden, die uns den Sprung aus der unsieheren Vergangenheit in die schützende Zukunft verraten, wie andere Charakterzüge auch. — Von diesem Standpunkt aus zeigt sich das Verständnis des,,Willens" gebunden an die Tatsache, dass er sich erschöpft in dem Kompensationsbestreben gegenüber einem Gefühl der Minderwertigkeit. Die dem Menschen als ein Denkfehler anhaftende Apperzeption: männlich — weiblich lässt deshalb den Willen als männlich erscheinen.

Die Schüchternheit als Attitüde der Furcht vor der Entscheidung ist bei Nervösen öfters vom Charakterzug der Schweigsamkeit be- gleitet. Die Verwendbarkeit dieser Bereitschaftsstellung ist beispiels- weise auch darin gelegen, dass sie wie eine Isolierung wirkt und der Umgebung die Angriffsflächen entzieht. Auch als Spielverderber zeigt der schweigsame Nervöse zuweilen seine Überlegenheit und herabsetzende Tendenz. Oder er arrangiert durch die Wortkargheit und durch den Mangel an Einfällen den Beweis, dass er den andern, besonders wenn sie in der Mehrzahl sind, nicht gewachsen sei, insbesondere zur Liebe und Ehe nicht tauge. — In der Aufgreifung und Verstärkung des fiktiven Gegensatzes, in der Geschwätzigkeit, habe ich zuweilen das Suchen nach einem Beweis und das Bekenntnis gefunden, als ob der Patient kein Geheimnis bewahren könnte. Eine andere Form des Angriffs und der Entwertung findet man in der vorlauten, ungeduldigen Art manches Nervösen, jedem in die Rede zu fallen. Die Absicht wird oft dadurch deutlicher, wenn er jede Bemerkung mit einem „Nein" oder „Aber" oder „Im Gegenteil" einleitet. In allen Fällen dringt die Ab- sicht durch, die Distanz zum andern zu vergrössern, nicht zu veringern.

Adler, „Trotz und Gehorsam" in „Heilen und Bilden".

206 X. Kapitel. Familiensinn des Nervösen, Trotz und Gehorsam nsw.

Ein Charakterzug, dem die Neurose viel von ihrer Schärfe und Bedeutung verdankt, der sich immer vorfindet und mit dem Trotz und dem Negativismus zu den stärksten Ausdrucksmitteln des männlichen Protestes gehört, besteht in der Tendenz, alles anders, alles um- gekehrt zu wollen. Dieser Zug ^findet sich in der Kompensations- bestrebung ebenso wie in der Neigung zu neurotischen Kunstgriffen, er liegt in der Rechthaberei und in der neurotischen Entwertungstendenz und zeigt eine ungeheure Verwendbarkeit zum Angriff gegen die Umgebung. Er ist das Gegenstück zu dem oft konservativen, pedantischen Wesen des Nervösen, erlaubt ihm aber gleicherweise seine Herrschsucht zu betätigen. Im Kern des männlichen Protestes, wenn dieser prinzipiell und nach neurotischer Gegensätzlichkeit konstruiert ist, findet man das Streben nach Veränderung und Umkehrung. „Der Volksmund erklärt als das Wesen aller weiblichen Dialektik: das immer anders Wollen", berichtet E. Fuchs in der „Frau in der Karikatur". In Kleidung, Sitte, Haltung und Bewegung dringt immer auch, meist unter Vor- wänden, etwas von dieser Bizarrerie durch. Eine meiner Patientinnen drehte sich häufig im Schlafe derart um, dass sie verkehrt liegend er- wachte. Sie versuchte auch im wachen Zustande alles verkehrt zu machen. Eines ihrer Lieblingswörter war: „Umgekehrt!" als Einwurf gegen Meinungen anderer. Den Wunsch oben zu sein, zu reiten, die Hosen anzuhaben findet man bei Patientinnen dieser Art ungemein deut- lich zu Ausdruck gebracht. In der psychotherapeutischen Behandlung währt dieser Zug von Anfang bis zu Ende, kann, wie bei Katatonikern der Negativismus, stets vorausgesetzt werden und erstreckt sich auf die nichtigsten Dinge. Sehr häufig kommen diese neurotischen Widerspruchs- tendenzen in der Form zum Vorschein, der Arzt möge zu ihnen, nicht sie zum Arzte kommen, ferner in der negativistischen Neigung, die Behandlungs- stunden prinzipiell zu verändern, anders anzusetzen. Man hüte sich im allgemeinen vor günstigen Voraussagungen bei der Behandlung der Ner- vösen, vor Terminfestsetzungen usw., auch wenn man ganz sicher zu sein glaubt. Bei starker Umkehrungstendenz würde man jedesmal zu Schanden.

Das Oben wird zum Unten, das Rechts zum Links, das Vorne zum Hinten zu machen versucht, weil die leitende Fiktion „Umkehrungen" verlangt, d. h. die Verwandlungen aus dem „Weiblichen" ins „Männ- liche". Worte, Schrift (Spiegelschrift), das moralische, das sexuelle Verhalten, das Träumen (in Gegensätzen und in umgekehrter Reihen- folge), das Denken werden spielerisch, zugleich aber angriffsweise um- gekehrt. Der hier angewendete Kunstgriff, sich männlich zu geberden, hat meist etwas von zerstörender Wut an sich.

Die Verwendung dieses,,Umgekehrt" im Aberglauben, etwa das Schicksal zu foppen durch die Erwartung des Gegenteils dessen, was man gerne möchte, ein häufiger Zug bei Nervösen, der ihre ganze Un- sicherheit und Vorsicht aufzeigt, führt uns wieder zur neurotischen Vorsicht zurück und lässt die grosse Bedeutung und die ungeheure Tragweite derselben im Seelenleben des Nervösen erkennen1).

Um diesen Kern der Vorsicht herum können sich je nach der Toleranz des Leitbildes oder entsprechend der Situation Züge von Wahrhaftigkeit, ebenso von Lügenhaftigkeit gruppieren, die immer das Streben nach voller Männlichkeit, das eine Mal in gerad- ') Siehe auch Adler, „Syphilidophobie" in „Praxis und Theorie" 1. c.

X. Kapitel. Familiensinn des Nervösen, Trotz und Gehorsam usw. 207 liniger Weise, das andere Mal auf einem Umweg zum Ausdruck bringen. Nahe verwandt sind ihnen Züge von Verstellung und Offenheit, von denen der erste Charakter deutlich das Gefühl der Verkürztheit, des Untenseins zum Ausgangspunkt nimmt, Stark antizipierende Siche- rungstendenz zeigt der Charakterzug der Wehleidigkeit und Schmerz- empfindlichkeit, der deutlich der Umgebung, aber auch dem Patienten zu Gemüte führt, wie er von allen Lebenslagen nur jene wählen kann, die schmerzfrei zu ertragen wären. Es versteht sich, dass die Anti- zipation von Geburtsschmerzen oft in die Konstruktion dieser Richtungs- linie hineinspielt. Unverkennbare Ausdrucksbewegungen einer Geburts- situation sah ich bei einer Patientin im Dämmerzustande einer Lakto- psychose. Sie wiesen mit Deutlichkeit auf den Standpunkt der Patientin hin, den sie seit Jahren einnahm: nicht gebären zu müssen, — und waren gegen ein zweites Kind gerichtet.

Den Anstrengungen der Vorsicht verwandt sind die in diesem Buche oft hervorgehobenen Erscheinungen des Zweifels, des Schwan- kens und der Unentschlossenheit der Nervösen. Sie stellen sich immer ein, wenn die Realität derart auf die leitende Fiktion einwirkt, dass in letzterer immer Widersprüche auftauchen, — wenn die Gefahr einer Niederlagp. eines Prestigeverlustes durch Eingreifen der Wirklichkeit droht. Dem Nervösen bleiben dann im allgemeinen 3 Wege übrig, die von der Stärke des fiktiven Leitzieles abhängen, so dass die entwickelte Neurose ein entsprechendes Aussehen gewinnt. Der eine Weg ist die Stabilisierung des Zweifels und Schwankens als Operationsbasis, wie man es am deutlichsten bei Neurasthenikern, in der Zweifelsucht, in der Psychasthenie findet. Dabei kommt es zu einem vollkommenen oder teilweisen Operationsstillstand. Der zweite Weg führt zur Psychose, indem unter Konstruktion eines Wahrheitsgefühls1) und Auf- gabe der Logik die Fiktion hypostasiert, vergöttlicht wird. Der dritte Weg führt zum Formenwandel der Fiktion und zur Setzung einer Distanz gegenüber den Lebensaufgaben unter Arrangement von Angst, Schwäche, Schmerzen usw., kurz auf neurotischem Umwege unter Benützung weiblicher Mittel zum männlichen Protest.

Die reife Kunst des Individualpsycholosen wird sich auch darin zeigen, dass er die Phänomene der Neurose und Psychose, aber auch des „nor- malen" Lebens in ihrer steten Gegensätzlichkeit und gesell- schaftlich begreift. Er wird in der herausfordernden Haltung des Eigendünkels die lächerliche Scham des Schwächlings mitempfinden, im Trotz und in der Grausamkeit die Überwinder von Gehorsam und Weichheit, in der prunkenden, auf enge Gesetze pochenden Männlichkeit das Grauen vor einer weiblichen Rolle und im Machtrausch und in seinen Krämpfen die Furcht vor der Niederlage. Und sie alle wird er vom Standpunkt des Gemeinschaftsgefühls prüfen, ähnlich wie das Seelenleben des Menschen (nach einem schönen Wort Jerusalems) mit der Frage Joabs an die Erscheinungen des Lebens herantritt: „ gehörst du zu uns oder gehörst du zu unseren Feind en?"

Man darf vom Nervösen nie erwarten, dass er auf der Linie wandle: „deine Rede sei ja-ja, nein-nein, alles andere ist von Übel".

') Kanabich, „Zur Pathologie der intellektuellen Emotionen" (Psychotherapia, herausg. v. N. Wirubof, Moskau 1911) ist dieser Auffassung nahe gekommen.

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In der starren Gegensätzlichkeit seines Tuns und Denkens, die den stärkeren Kampf um Geltung zum Ausdruck bringt, hat solche Schlicht- heit keinen Platz. Ohne die Einheit seines Machtstrebens zu stören wird je nach der Konjunktur bald das Unten, bald das Oben in der Gegensatzlinie an Farbe gewinnen., Oder ein Charakterzug wird ganz oder teilweise „im Unbewussten" liegen, je nachdem es die Einheit der Persönlichkeit erfordert. Aber auch dort, wo er bewusst ist, ist er imSinnederlndividualpsychologie unbewusst, da der Patient, unschuldig-schuldig, sein Auge vor den Konsequenzen verschliesst, vor der Drosselung des Gemeinschaftsgefühls. Man wird deshalb auch oft in die Lage kommen, Erscheinungen anzutreffen, die sich nicht als solche in das landläufige Schema der Charakterzüge einordnen lassen, die erst im Zusammenhang ihre Herkunft verraten. Wenn ich 3 Vorhängeschlösser vor meine vergitterte Türe anlege, Schusswaffen, Hunde und ein Polizei- organ im Zimmer halte und wohlgemut versichere, ich sei nicht ängst- lich, — so ist das richtig und unrichtig zugleich. Meine An^st steckt in den Vorhängeschlössern. Wir haben gesehen, dass in der Depres- sion, in der Angst vor Krankheiten, vor Tod, vor weiten Plätzen eine ungeheure Selbstüberschätzung stecken kann, in der Vorliebe für das Elternhaus eine Feindseligkeit gegen den Gatten, in einer Berufs- wahl ein Charakterzug, im Zuspätkommen, im Stottern die Furcht vor Entscheidungen usw. — Die menschliche Seele kann nur ein Querkopf i>anz in ein wissenschaftliches Lehrgebäude einfangen wollen. Vollends Individualpsychologie ist eine künstlerische Leistung.

Schluss.

Unsere Betrachtung hat ergeben, dass sich die Charakterzüge, ihre prinzipielle Darstellung im Leben des Menschen, nach der Art von Richtungsiinien für das Denken, Fühlen, Wollen und Handeln als Kunst- griffe der menschlichen Psyche darstellen, die eine schärfere Ausprägung erfahren, sobald die Person aus der Phase der Unsicherheit zur Er- füllung ihrer fiktiven leitenden Idee gelangen will. Das Material zur Bildung der Charakterzüge ist im Psychischen allenthalben vorhanden und seine angeborene Verschiedenheit verschwindet gegenüber der ein- heitlichen Wirkung der leitenden Fiktion. Ziel und Richtung, der fiktive Zweck der Charakterzüge ist an den ursprünglichen, geradlinigen kämpferisch- aggressiven Linien am besten zu erkennen. Not und Schwierigkeiten des Lebens zwingen zu Verwandlungen des Charakters, wobei nur solche Konstruktionen Billigung finden, die mit der Persön- lichkeitsidee im Einklang stehen. So kommen die vorsichtigeren, zögernden, von der geraden Linie abbiegenden Charakterzüge zustande, deren Verfolgung gleichwohl ihre Abhängigkeit von der leitenden Fiktion abgibt.

Die Neurose und die Psychose sind Kompensationsversuche, kon- struktive Leistungen der Psyche, die sich aus der verstärkten und zu hoch angesetzten Leitidee des minderwertigen Kindes ergeben. Die Unsicherheit dieser Kinder im Hinblick auf die Zukunft und auf ihren Erfolg im Leben zwingt sie zu stärkeren Anstrengungen und Sicherungen in ihrem fiktiven Lebensplan und zu Ausbiegungen vor den Fragen des Lebens. Je fixierter und starrer ihr Leitbild, ihr individueller kate- gorischer Imperativ ist, um so dogmatischer und prinzipieller ziehen sie die Leitlinien ihres Lebens. Je voraussichtiger sie dabei werden, desto weiter spinnen sie bis über ihre Person in die Zukunft hinaus Gedankenfäden und organisieren an deren peripherem Ende, wo der Zusammenstoss mit der Aussenwelt erfolgen soll, als Vorposten ihrer psychischen Bereitschaften die notwendigen Charakterzüge. Mit seiner ungeheuren Feinfühligkeit heftet sich der prinzipielle, nervöse Charakter- zug an die Wirklichkeit, um sie dem Persönlichkeitsideal gemäss zu verändern oder zu unterwerfen. Droht die Niederlage, so treten die neurotischen Bereitschaften und Symptome in Kraft und hemmen den Fortschritt der Handlung.

Die dürftige Bedeutung des angeborenen Substrate zur Charakter- bildung geht auch daraus hervor, dass die leitende Fiktion nur die brauchbaren psychischen Elemente sammelt und einheitlich gruppiert, nur jene Fähigkeiten und Erinnerungen, deren Begabung für das Finale sich herausstellt. In der neurotischen Umordnung der Psyche Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 14 210 Schluss.

schaltet die leitende Fiktionfunumschränkt und nützt die Erfahrungen nach ihrer Eignung aus, als ob die Psyche ruhendes, reales Material wäre. Dann erst, wenn die neurotische Perspektive wirk- sam ist, wenn die neurotischen Charaktere und Bereitschaften fertig sind, der Weg zum Leitideal gesichert ist, erkennen wir die Person als nervös. Denn deutlicher als die normale Psyche lehrt es uns die nervöse: „Durch das grosse Sein, das uns umgibt und weit in uns hineinreicht, zieht sich ein grosses Werden, das dem voll- endeten Sein zustrebt." (Hildebrandt.)

So finden wir den Charakter als eine durch das Leitbild zur Ver- wendung gelangte „intelligente Schablone", deren sich die Sicherungs- tendenz bedient, ebenso wie die Affekt- und neurotischen Krankheits- bereitschaften. Den Sinn dieser Schablonen erfassen, ihn aus ihrem genetischen, und in unserer Auffassung analogischen Aufbau zu ver- stehen, ihn als ein Symbol des Lebensplanes, als ein Gleichnis zu begreifen, ist die Aufgabe der vergleichenden Individualpsychologie. Denn durch die Zerlegung des Charakters, in welchem sich immer die Linie des Aufschwungs zum leitenden Ideal verfolgen lässt, erleben wir in einen Punkt zusammengedrängt: Vorgeschichte, Gegenwart, Zukunft und beabsichtigtes Finale zugleich.

Man wird immer bei Nervösen finden, dass sie ihre sichernden Schablonen mit Kraft festhalten. Die Gegenwehr wird noch verstärkt, wenn der Patient in der Loslösung von seinen Schablonen sowie in der durch einen anderen beeinflussten Richtungsänderung seines Lebens- plan seine Niederlage, ein Untensein, eine Entmannung vorausemplindet. Der nächste Schritt in der psychotherapeutischen Kur wird demnach sein müssen: auch dieses streng gegensätzliche Verhalten, den Wider- stand des Patienten gegen den Arzt, als die alte neurotische Schablone, als übertriebenen männlichen Protest zu entlarven und das neurotische Vorurteil aufzuheben.

Somit dürfen wir als ein letztes Ergebnis, gleichsam unseren Aus- gangspunkt beleuchtend, an diese Stelle setzen: das Schicksal minder- wertiger Organe und neurotischer Phänomene ist Symbol von gestaltenden Kräften, die einen selbstgesetzten Lebens- plan mit erhöhten Anstrengungen und Kunstgriffen zu er- füllen trachten.

Eines dieser Schicksale ist die Psychoneurose, eine dem Ge- meinschaftsgefühl und der Anpassung widersprechende Gangart, ein Weg der Unversöhntheit, der die volle Lebens- fähigkeit aufhebt. Die Psychoneurose ist durch die Eitelkeit erzwungen und hat den Endzweck, einen Menschen vor dem Zusammenprall mit seinen Lebensaufgaben, mit der Wirklichkeit, zu sichern. — Durch diese grundlegende Erkenntnis erst ist die Einheit der Neurose und Psychose festgestellt.

Unsere Individualpsychologie, im tiefsten Sinne „Positions- psychologie", hat die Bedeutung der Konstitution für das Seelenleben als einer Verführung aufgedeckt. Keine „Dispositionspsycho- logie" kann sie ersetzen, weil sie die Bindungen zwischen Organ- minderwertigkeit und Seelenleben durch das Minderwertigkeits- gefühl übersieht oder — stillschweigend voraussetzt.

Zitierte Schriften des Autors.

Studie über Minderwertigkeit von Organen. Urban und Schwarzenberg. Wien und Berlin 1907.

Myelodysplasie oder Organminderwertigkeit? Wiener med. Wochen- schrift 1909.

Heilen und Bilden, Ärztlich-pädagogische Arbeiten des Vereins f. Individual- psychologie. Verlag Bergmann, München 1914. Jl. Aufl. in Vorbereitung.

Das Problem der Homosexualität. Verlag Reinhardt, München 1917. II. Aufl. in Vorbereitung.

Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Verlag J. F. Bergmann, München 1920.

Verlag von J. F. Bergmann in München und Wiesbaden.

Über krankhafte Ideen.

Eine kurzgefasste Abhandlung.

Von Privatdozent Dr. Erwin Stransky.

Psychische Verursachung seelischer Störungen und die psychisch bedingten abnormen Seelenvorgänge.

Von Dr. Karl Birnbaum, Berlin-Buch.

Über die Natur der Zwangsvorstellungen und ihre Beziehungen zum Willensproblem. Von Dr. M. Friedmann, Nervenarzt in München.

Über die Psychologie der Eifersucht.

Von Dr. M. Friedmann, Nervenarzt in Mannheim.

Die Halluzination, ihre Entstehung, ihre Ursachen und ihre Realität Von Privatdozent Dr. Kurt Goldstein in Königsberg.

Das Problem des Schlafes.

Biologisch und psychophysiologisch betrachtet, Von Dr. Ernst Trömner in Hamburg.

Mit 13 Figuren im Text.

Erblichkeit und Erziehung in ihrer individuellen Bedeutung.

Von Dr. Julius Bayerthal in Worms.

Hierzu Teuerungszuschlag.

Verlag von J. F. Bergmann in München und Wiesbaden.

Über Telepathie und Hellsehen.

Experimentell-theoretische Untersuchungen.

Von Dr. med. Rudolf 'Tischner in München.

Zweite verbesserte Auflage.

Wenn eine Schrift geeignet ist, ehrliche Skeptiker von der Tatsächlich- keit der Telepathie und des Hellsehens, sowie der okkulten Erscheinungen überhaupt zu überzeugen, so ist es diese Veröffentlichung Tisciiners. Denn einerseits ist die bei den Experimenten angewandte Methode geradezu muster- giltig, indem nicht nur jeder Betrug und alle Täuschungsmöglichkeiten aus- geschlossen, sondern auch alle Fehlerquellen berücksichtigt sind; anderer- seits sind die an die Versuche geknüpften Erörterungen von ausserordent- licher Gründlichkeit und grossem Scharfsinn getragen. Dazu kommt, dass die einführenden allgemeinen Betrachtungen (über die Bedeutung des Ge- bietes, die Problemfrage und die Kritik), sowie die „Schlußbemerkungen" von einem philosophisch gebildeten und vorurteilsfreien Naturforscher ge- schrieben sind. Im ganzen berichtet Tischner über 125 Versuche, von denen 4 sich auf Telepathie, 73 auf Hellsehen und die übrigen auf die sog. Psycho- metrie beziehen; einige weitere, während der Drucklegung angestellte Ver- suche sind in einem Nachtrag besprochen. Tischner berichtet absichtlich über seine sämtlichen, auch die nicht geglückten Versuche, damit der Leser sieht, dass es sich um einen recht hohen Hundertsatz von treffenden Lösungen handelt. Im Abschnitt „Zur Theorie der Telepathie und des Hellsehens" wird namentlich die physikalische Strahlungstheorie, aber auch die Ost- wal dsche physische Energie als unzulänglich abgelehnt und dagegen unter Annahme eines überindividuellen Seelischen eine psychistische Theorie auf- gestellt. — Es ist zu hoffen, daß die verdienstvolle Arbeit Tischners in die die Zunftwissenschaft vom Okkultismus im großen und ganzen immer noch abschliessende Mauer eine gehörige Bresche legen und die grosse Be- deutung dieses Gebietes für alle Zweige der Philosophie erkennen lassen wird. Max Seiling i. Zentral-Matt f. Okkultismus XIII, H. IL Die Revolution als psychische Massenerscheinung.

Historisch psychologische Studie.

Von Hans Freimark.

Die Ekstase der alttestamentlichen Propheten.

Von Abt.-Arzt Dr, W. Jacobi.

Die Psychologie und Ethik des Buddhismus.

Von Dr. W. Bonn.

Hierzu Teuerungszuschlag.

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