Druck von Metzger & Wittig in Leipzig.
CARL STUMPF IN VEREHRUNG UND FREUNDSCHAFT ZUGEEIGNET Vorwort.
Die logischen Untersuchungen, deren Veröffentlichung ich mit diesen Prolegomena beginne, sind aus unabweisbaren Problemen erwachsen, die den Fortgang meiner langjährigen Bemühungen um eine philosophische Klärung der reinen Mathematik immer wieder gehemmt und, schließlich unterbrochen haben. Neben den Fragen nach dem Ursprung der mathematischen Grundbegriffe und Grundeinsichten betrafen jene Bemühungen zumal auch die schwierigen Fragen der mathematischen Theorie und Methode. Was nach den Darstellungen der traditionellen oder wie immer reformirten Logik hätte leicht verständlich und durchsichtig erscheinen müssen, nämlich das rationale Wesen der deductiven Wissenschaft mit ihrer formalen Einheit und symbolischen Methodik, stellte sich mir beim Studium der wirklich gegebenen deductiven Wissenschaften dunkel und problematisch dar. Je tiefer ich analytisch eindrang, umsomehr kam es mir zum Bewußtsein, daß die Logik unserer Zeit an die actuelle Wissenschaft nicht hinanreiche, welche aufzuklären sie doch berufen ist.
Besondere Schwierigkeiten bereitete mir die logische Durchforschung der formalen Arithmetik und Mannigfaltigkeitslehre, dieser über alle Besonderheiten der speciellen Zahlen- und Ausdehnungsformen hinausreichenden Disciplin und Methode. Sie nöthigte mich zu Erwägungen von sehr allgemeiner Art, welche sich über die engere mathematische Sphäre erhoben und einer allgemeinen Theorie der formalen deductiven Systeme zustrebten.
vi Vorwort.
Von den Problemreihen, die sich mir dabei aufdrängten, sei hier nur Eine bestimmter bezeichnet.
Die offenbare Möglichkeit von Verallgemeinerungen, bezw. Abwandlungen der formalen Arithmetik, wodurch sie ohne wesentliche Aenderung ihres theoretischen Charakters und ihrer rechnerischen Methodik über das quantitative Gebiet hinausgeführt werden kann, mußte die Einsicht erwecken, daß das Quantitative gar nicht zum allgemeinsten Wesen des Mathematischen oder „Formalen" und der in ihm gründenden calculatorischen Methode gehöre. Als ich dann in der „mathematisirenden Logik" eine in der That quantitätslose Mathematik kennen lernte, und zwar als eine unanfechtbare Disciplin von mathematischer Form und Methode, welche theils die alten Syllogismen, theils neue, der Ueberlieferung fremd gebliebene Schlußformen behandelte, gestalteten sich mir die wichtigen Probleme nach dem allgemeinen Wesen des Mathematischen überhaupt, nach den natürlichen Zusammenhängen oder etwaigen Grenzen zwischen den Systemen der quantitativen und nichtquantitativen Mathematik, und speciell z. B. nach dem Verhältnis zwischen dem Formalen der Arithmetik und dem Formalen der Logik. Naturgemäß mußte* ich von hier aus weiter fortschreiten zu den fundamentaleren Fragen nach dem Wesen der Erkenntnisform im Unterschiede von der Erkenntnismaterie, und nach dem Sinn des Unterschiedes zwischen formalen (reinen) und materialen Bestimmungen, Wahrheiten, Gesetzen.
Aber noch in einer ganz anderen Eichtung fand ich mich in Probleme der allgemeinen Logik und Erkenntnistheorie verwickelt. Ich war von der herrschenden Ueberzeugung ausgegangen, daß es die Psychologie sei, von der, wie die Logik überhaupt, so die Logik der deductiven Wissenschaften ihre philosophische Aufklärung erhoffen müsse. Demgemäß nehmen psychologische Untersuchungen in dem ersten (und allein veröffentlichten) Bande meiner Philosophie der Arithmetik einen sehr breiten Raum ein. Diese psychologische Fundirung wollte Vorwort. vn mir in gewissen Zusammenhängen nie recht genügen. Wo es sich um die Frage nach dem Ursprung der mathematischen Vorstellungen oder um die in der That psychologisch bestimmte Ausgestaltung der practischen Methoden handelte, schien mir die Leistung der psychologischen Analyse klar und lehrreich. Sowie aber ein Uebergang von den psychologischen Zusammenhängen des Denkens zur logischen Einheit des Denkinhaltes (der Einheit der Theorie) vollzogen wurde, wollte sich keine rechte Continuität und Klarheit herausstellen lassen. Umsomehr beunruhigte mich daher auch der principielle Zweifel, wie sich die Objectivität der Mathematik und aller Wissenschaft überhaupt mit einer psychologischen Begründung des Logischen vertrage. Da auf solche Weise meine ganze, von den Ueberzeugungen der herrschenden Logik getragene Methode — gegebene Wissenschaft durch psychologische Analysen logisch aufzuklären — ins Schwanken gerieth, so sah ich mich in immer steigendem Maße zu allgemeinen kritischen Eeflexionen über das Wesen der Logik und zumal über das Verhältnis zwischen der Subjectivität des Erkennens und der Objectivität des Erkenntnisinhaltes gedrängt. Von der Logik überall im Stiche gelassen, wo ich von ihr Aufschlüsse in Beziehung auf die bestimmten Fragen erhoffte, die ich an sie zu stellen hatte, ward ich endlich gezwungen, meine philosophisch-mathematischen Untersuchungen ganz zurückzustellen, bis es mir gelungen sei, in den Grundfragen der Erkenntnistheorie und in dem kritischen Verständnis der Logik als Wissenschaft zu sicherer Klarheit vorzudringen.
Wenn ich nun diese, in vi elj ähriger Arbeit erwachsenen Versuche zur Neubegründung der reinen Logik und Erkenntnistheorie veröffentliche, so thue ich es in der Ueberzeugung, daß die Selbständigkeit, mit der ich meine Wege von denen der herrschenden logischen Richtung abscheide, mit Rücksicht auf die ernsten sachlichen Motive, die mich geleitet haben, eine Mißdeutung nicht erfahren wird. Der Gang meiner Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß ich mich von den / vni Vorwort.
Männern und Werken, denen meine wissenschaftliche Bildung am meisten verdankt, in den logischen Grundüberzeugungen weit entfernt und mich andererseits einer Reihe von Forschern beträchtlich genähert habe, deren Schriften nach ihrem Werthe zu schätzen ich früher nicht vermocht, und die ich daher während meiner Arbeiten nur zu wenig zu Rathe gezogen habe. Von einer nachträglichen Einfügung umfassender literarischer und kritischer Hinweise auf verwandte Forschungen mußte ich leider absehen. Was aber die freimüthige Kritik anbelangt, die ich an der psychologistischen Logik und Erkenntnistheorie geübt habe, so möchte, ich an das GoETHE'sche Wort erinnern: „Man ist gegen nichts strenger als gegen erst abgelegte Irrthümer."
Prof. Dr. E. G. Husserl.
Inhalt Einleitung.
Seite § 1. Der Streit um die Definition der Logik und den wesentlichen Inhalt ihrer Lehren 3 § 2. Notwendigkeit der erneuten Erörterung der Principienfragen. 4 § 3. Die Streitfragen. Der einzuschlagende Weg 7 Erstes Kapitel. Die Logik als normative und speeiell als practische Disciplin.
§ 4. Die theoretische Unvollkommenheit der Einzelwissenschaften. 9 § 5. Die theoretische Ergänzung der Einzelwissenschaften durch Metaphysik und Wissenschaftslehre...11 § 6. Die Möglichkeit und Berechtigung einer Logik als Wissenschaftslehre 12 § 7. Fortsetzung. Die drei bedeutsamsten Eigenthümlichkeiten der Begründungen. 17 § 8. Die Beziehung dieser Eigenthümlichkeiten zur Möglichkeit von Wissenschaft und Wissenschaftslehre 19 § 9. Die methodischen Verfahrungsweisen in den Wissenschaften theils Begründungen, theils Hilfsverrichtungen für Begründungen 22 § 10. Die Ideen Theorie und Wissenschaft als Probleme der Wissenschaftslehre 25 §11. Die Logik oder Wissenschaftslehre als normative Disciplin und als Kunstlehre 26 § 12. Hiehergehörige Definitionen der Logik 28 Zweites Kapitel. Theoretische Disciplinen als Fundamente normativer.
§ 13. Der Streit um den practischen Charakter der Logik...30 § 14. Der Begriff der normativen Wissenschaft. Das Grundmaß oder Princip, das ihr Einheit giebt 40 § 15. Normative Disciplin und Kunstlehre 47 § 16. Theoretische Disciplinen als Fundamente normativer...47 Inhalt.
Drittes Kapitel.
Der Psychologismus, seine Argumente und seine Stellungnahme zu den Üblichen Gegenargumenten.
Seite §17. Die Streitfrage, ob die wesentlichen theoretischen Fundamente der normativen Logik in der Psychologie liegen...50 § 18. Die Beweisführung der Psychologisten 52 § 19. Die gewöhnlichen Argumente der Gegenpartei und ihre psychologistische Lösung 53 § 20. Eine Lücke in der Beweisführung der Psychologisten...58 Viertes Kapitel. Empiristische Consequeuzen des Psychologismus.
§ 21. Kennzeichnung zweier empiristischer Consequenzen des psychologistischen Standpunktes und deren Widerlegung...60 § 22. Die Denkgesetze als vermeintliche Naturgesetze, welche in isolirter Wirksamkeit das vernünftige Denken causiren.. 64 § 23. Eine dritte Consequenz des Psychologismus und ihre Wider- Fünftes Kapitel. Die psychologischen Interpretationen der logischen Grundsätze.
§ 25. Der Satz vom Widerspruch in der psychologischen Interpretation Mill's und Spencer's 78 § 26. Mill's psychologische Interpretation des Princips ergiebt kein Gesetz, sondern einen völlig vagen und wissenschaftlich nicht geprüften Erfahrungssatz 81 Anhang %u den beiden letxten Paragraphen. Ueber einige principielle Gebrechen des Empirismus...84 § 27. Analoge Einwände gegen die übrigen psychologischen Interpretationen des logischen Princips. Aequivocationen als Quellen der Täuschung.• 86 § 28. Die vermeintliche Doppelseitigkeit des Princips vom Widerspruch, wonach es zugleich als Naturgesetz des Denkens und als Normalgesetz seiner logischen Regelung zu fassen sei 92 § 29. Fortsetzung. Sigwart's Lehre 97 Sechstes Kapitel.
Die Syllogistik in psychologistischer Beleuchtung. Schlußformeln und chemische Formeln.
§ 30. Versuche zur psychologischen Interpretation der syllogistischen Sätze 102 § 31. Schlußformeln und chemische Formeln 105 Inhalt. xi Siebentes Kapitel. Der Psychologismus als skeptischer Relativismus.
Seite § 32. Die idealen Bedingungen für die Möglichkeit einer Theorie überhaupt. Der strenge Begriff des Skepticismus...110 § 33. Skepticismus in metaphysischem Sinne 112 § 34. Der Begriff Relativismus und seine Besonderungen...114 § 35. Kritik des individuellen Relativismus.'...115 § 36. Kritik des specifischen Relativismus und im Besonderen des Anthropologismus 116 § 37. Allgemeine Bemerkung. Der Begriff Relativismus in erweitertem Sinne 122 § 38. Der Psychologismus in allen seinen Formen ein Relativismus 123 § 39. Der Anthropologismus in Sigwart's Logik 125 Achtes Kapitel.
Die psychologistischen Torurtheile.
§ 43. Rückblick auf die idealistischen Gegenargumente. Ihre Mängel und ihr richtiger Sinn 164 § 45. Widerlegung: Auch die reine Mathematik würde zu einem Zweige der Psychologie 168 § 46. Das Forschungsgebiet der reinen Logik, analog dem der reinen Mathematik, ein ideales 169 § 47. Bestätigende Nachweisungen an den logischen Grundbegriffen und an dem Sinn der logischen Sätze 173 § 48. Die entscheidenden Differenzen 177 § 49. Drittes Vorurtheil. Die Logik als Theorie der Evidenz.. 180 § 50. Die äquivalente Umformung der logischen Sätze in Sätze über ideale Bedingungen der Urtheilsevidenz. Die resultirenden Sätze nicht psychologische 182 § 51. Die entscheidenden Punkte in diesem Streite 188 Neuntes Kapitel.
Das Princip der Denkb'konomie und die Logik.
§ 53. Der teleologische Charakter des MACH-AvENARius'schen Principe und die wissenschaftliche Bedeutung der Denkökonomik. 193 § 54. Nähere Darlegung der berechtigten Ziele einer Denkökonomik, hauptsächlich in der Sphäre der rein deductiven Methodik.
Ihre Beziehung zur logischen Kunstlehre 197 xii Inkalt.
Seite § 55. Die Bedeutungslosigkeit der Denkökonomik für die reine Logik und Erkenntnislehre und ihr Verhältnis zur Psychologie '. 202 s? 56. Fortsetzung. Das va^egov nqoieqov denkökonomischer Begründung des rein Logischen 206 Zehntes Kapitel. Schluß der kritischen Betrachtungren.
£ 57. Bedenken mit Rücksicht auf naheliegende Mißdeutungen unserer logischen Bestrebungen 211 § 58. Unsere Anknüpfungen an große Denker der Vergangenheit und zunächst an Kant 213 § 59. Anknüpfungen an Herbart und Lotze 215 § 60. Anknüpfungen an Leibniz 219 § 61. Noth wendigkeit von Einzeluntersuchungen zur erkenntniskritischen Rechtfertigung und partiellen Realisirung der Idee der reinen Logik 223 Anhang. Hinweise auf F. A. Lange und B. Bolzano 224 Elftes Kapitel. Die Idee der reinen Logik.
§ 62. Die Einheit der Wissenschaft. Der Zusammenhang der Sachen und der Zusammenhang der Wahrheiten 228 § 63. Fortsetzung. Die Einheit der Theorie 231 § 64. Die wesentlichen und außerwesentlichen Principien, die der Wissenschaft Einheit geben. Abstracte, concrete und normative Wissenschaften 233 § 65. Die Frage nach den idealen Bedingungen der Möglichkeit von Wissenschaft, bezw. Theorie überhaupt. A. Die auf die actuelle Erkenntnis bezogene Frage 237 § 66. B. Die auf den Erkenntnisinhalt bezogene Frage 240 § 67. Die Aufgaben der reinen Logik. Erstens: die Fixirung der reinen Bedeutungskategorien, der reinen gegenständlichen Kategorien und ihrer gesetzlichen Complicationen...243 § 68. Zweitens: die Gesetze und Theorien, die in diesen Kategorien gründen 246 § 69. Drittens: die Theorie der möglichen Theorienformen oder die reine Mannigfaltigkeitslehre 247 § 70. Erläuterungen zur Idee der reinen Mannigfaltigkeitslehre.. 248 §71. Theilung der Arbeit. Die Leistung der Mathematiker und die der Philosophen 252 § 72. Erweiterung der Idee der reinen Logik. Die reine Wahrscheinlichkeitslehre als reine Theorie der Erfahrungserkenntnis 254 Erster Theil.
Prolegomena zur reinen Logik.
Hüsserl, Log. Unters. I.
Einleitung.
§ 1. Der Streit um die Definition der Logik und den wesentlichen Inhalt ihrer Lehren.
„Es herrscht ebenso großer Meinungsstreit in Betreff der Definition der Logik, wie in der Behandlung dieser Wissenschaft selbst. Dies war naturgemäß bei einem Gegenstande zu erwarten, in Betreff dessen die meisten Schriftsteller sich derselben Worte nur bedient haben, um verschiedene Gedanken auszudrücken. " x Seitdem J. St. Mill mit diesen Sätzen seine werthvolle Bearbeitung der Logik eingeleitet hat, ist manches Jahrzehnt verstrichen, bedeutende Denker hier wie jenseits des Kanals haben der Logik ihre besten Kräfte gewidmet und deren Literatur um stets neue Darstellungen bereichert; aber noch heute mögen diese Sätze als passende Signatur des Zustandes der logischen Wissenschaft dienen, noch heute sind wir von einer allseitigen Einigkeit in Betreff der Definition der Logik und des Gehaltes ihrer wesentlichen Lehren weit entfernt. Nicht als ob die Logik der Gegenwart dasselbe Bild bieten würde, wie die Logik um die Mitte des Jahrhunderts. Zumal unter dem Einfluß jenes ausgezeichneten Denkers hat von den drei Hauptrichtungen, die wir in der Logik finden, der psychologischen, der formalen und metaphysischen, die erstgenannte in Beziehung auf Zahl und Bedeutung ihrer Vertreter ein entschiedenes Uebergewicht erlangt. Aber die beiden anderen Richtungen pflanzen sich immer noch fort, die strittigen 1 J. St. Mill, Logik, Einleitung, § 1 (Uebersetzung von Gtomperz).
Einleitung.
Principienfragen, die sich in den verschiedenen Definitionen der Logik reflectiren, sind strittig geblieben, und was den Lehrgehalt der systematischen Darstellungen anbelangt, so gilt es noch immer und eher noch in gesteigertem Maße, daß die verschiedenen Schriftsteller sich derselben Worte nur bedienen, um verschiedene Gedanken auszudrücken. Und es gilt nicht bloß in Beziehung auf die Darstellungen, welche aus verschiedenen Lagern stammen. Die Seite, auf welcher wir die größte Regsamkeit finden, die der psychologischen Logik, zeigt uns Einheit der Ueberzeugung nur in Hinsicht auf die Abgrenzung der Disciplin, auf ihre wesentlichen Ziele und Methoden; aber kaum wird man es als Uebertreibung tadeln, wenn wir in Hinsicht auf die vorgetragenen Lehren und zumal auch in Hinsicht auf die gegensätzlichen Deutungen der altüberlieferten Formeln und Lehrstücke das Wort vom bellum omnium contra omnes anwenden. Vergeblich wäre der Versuch, eine Summe sachhaltiger Sätze oder Theorien abzugrenzen, in denen wir den eisernen Bestand der logischen Wissenschaft unserer Epoche und ihr Erbe an die Zukunft sehen könnten.
§ 2. Notwendigkeit der erneuten Erörterung der Princip ienfragen.
Bei diesem Zustande der Wissenschaft, welcher individuelle Ueberzeugung von allgemein verpflichtender Wahrheit zu scheiden nicht gestattet, bleibt der Rückgang auf die Principienfragen eine Aufgabe, die stets von neuem in Angriff genommen werden muß. Ganz besonders scheint dies zu gelten von den Fragen, die im Streite der Richtungen und damit auch im Streite um die richtige Abgrenzung der Logik die bestimmende Rolle spielen. Allerdings ist das Interesse gerade für diese Fragen in den letzten Jahrzehnten sichtlich erkaltet. Nach den glänzenden Angriffen Mill's gegen Hamilton' s Logik und nach den nicht minder berühmten, obschon nicht so fruchtreichen logischen Untersuchungen Teendelenbukg's schienen sie ja im Ganzen erledigt zu sein. Als daher mit Einleitung.
dem großen Aufschwung der psychologischen Studien auch die psychologistische Richtung in der Logik ihr Uebergewicht errang, concentrirte sich alle Bemühung bloß auf einen allseitigen Ausbau der Disciplin nach Maßgabe der als giltig angenommenen Principien. Indessen läßt doch eben der Umstand, daß so viele und von bedeutenden Denkern herrührendQ Versuche, die Logik in den sichern Gang einer Wissenschaft zu bringen, einen durchgreifenden Erfolg vermissen lassen, die Vermuthung offen, daß die verfolgten Ziele nicht in dem Maße geklärt sind, wie es für die erfolgreiche Untersuchung nöthig wäre.
Die Auffassung von den Zielen einer Wissenschaft findet aber ihren Ausdruck in der Definition derselben. Es kann natürlich nicht unsere Meinung sein, daß der erfolgreichen Bearbeitung einer Disciplin eine adaequate Begriffsbestimmung ihres Gebietes vorausgehen müsse. Die Definitionen einer Wissenschaft spiegeln die Etappen ihrer Entwicklung wieder, mit der Wissenschaft schreitet die ihr nachfolgende Erkenntnis der begrifflichen Eigenart ihrer Gegenstände, der Abgrenzung und Stellung ihres Gebietes fort. Indessen übt der Grad der Angemessenheit der Definitionen, bezw. der in ihnen ausgeprägten Auffassungen des Gebietes, auch seine Rückwirkung auf den Gang der Wissenschaft selbst, und diese Rückwirkung kann je nach der Richtung, in welcher die Definitionen von der Wahrheit abirren, bald von geringerem, bald von sehr erheblichem Einfluß auf den Entwicklungsgang der Wissenschaft sein. Das Gebiet einer Wissenschaft ist eine objectiv geschlossene Einheit, es liegt nicht in unserer Willkür, wo und wie wir Wahrheitsgebiete abgrenzen. Objectiv gliedert / sich das Reich der Wahrheit in Gebiete; nach diesen objectiven Einheiten müssen sich die Forschungen richten und sich zu Wissenschaften zusammenordnen. Es giebt eine Wissenschaft von den Zahlen, eine Wissenschaft von den Raumgebilden, von den animalischen Wesen u. s. w. nicht aber eigene Wissenschaften von den Primzahlen, den Trapezen, den • 6 Einleitung.
• 6 Einleitung.
Löwen oder gar von all dem zusammengenommen. Wo nun eine als zusammengehörig sich aufdrängende Gruppe von Erkenntnissen und Problemen zur Constituirung einer Wissenschaft führt, da kann die Unangemessenheit der Abgrenzung bloß darin bestehen, daß der Gebietbegriff im Hinblick auf das Gegebene vorerst zu enge gefaßt wird, daß die Verkettungen begründender Zusammenhänge über das betrachtete* Gebiet hin ausreichen und sich erst in einem weiteren zu einer systematisch geschlossenen Einheit concentriren. Solche Beschränktheit des Horizontes braucht nicht den gedeihlichen Fortschritt der Wissenschaft nachtheilig zu beeinflussen. Es mag sein, daß das theoretische Interesse zunächst seine Befriedigung findet in dem engeren Kreise, daß die Arbeit, die hier, ohne Inanspruchnahme der tieferen und weiteren logischen Verzweigungen gethan werden kann, in Wahrheit das Eine ist, was zunächst noth thut.
Ungleich gefährlicher ist aber eine andere Unvollkommenheit in der Abgrenzung des Gebietes, nämlich die Gebietsvermengung, die Vermischung von Heterogenem zu einer vermeintlichen Gebietseinheit, zumal wenn sie gründet in einer völligen Mißdeutung der Objecte, deren Erforschung das wesentliche Ziel der intendirten Wissenschaft sein soll. Eine derart unbemerkte (jisräßaaig slg aklo yevog kann die schädlichsten Wirkungen nach sich ziehen: Fixirung untriftiger Ziele; Befolgung principiell verkehrter, weil mit den wahren Objecten der Disciplin incommensurabler Methoden; Durcheinanderwerfung der logischen Schichten, derart daß die wahrhaft grundlegenden Sätze und Theorien, oft in den sonderbarsten Verkleidungen, sich zwischen ganz fremdartigen Gedankenreihen als scheinbar nebensächliche Momente oder beiläufige Consequenzen fortschieben u. s. w. Gerade bei den philosophischen Wissenschaften sind diese Gefahren beträchtlich, und darum hat die Frage nach Umfang und Grenzen für die fruchtbare Fortbildung dieser Wissenschaften eine ungleich größere Bedeutung als bei den so sehr begünstigten Wissenschaften von Einleitung.
Einleitung.
der äußeren Natur, wo der Verlauf unserer Erfahrungen uns Gebietscheidungen aufdrängt, innerhalb deren wenigstens eine vorläufige Etablirung erfolgreicher Forschung möglich ist. Speciell in Beziehung auf die Logik hat Kant das berühmte Wort ausgesprochen, das wir uns hier zu eigen machen:,,Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen ineinander laufen läßt." In der That hofft die folgende Untersuchung es deutlich zu machen, daß die bisherige und zumal die psychologisch fundirte Logik der Gegenwart den eben erörterten Gefahren fast ausnahmslos unterlegen ist, und daß durch die Mißdeutung der theoretischen Grundlagen und durch die hieraus erwachsene Gebietsvermengung der Fortschritt in der logischen Erkenntnis wesentlich gehemmt worden ist.
§ 3. Die Streitfragen. Der einzuschlagende Weg.
Die traditionellen und mit der Abgrenzung der Logik zusammenhängenden Streitfragen sind folgende: 1. Ob die Logik eine theoretische oder eine practische Disciplin (eine,, Kunstlehre") sei.
2. Ob sie eine von anderen Wissenschaften und speciell von der Psychologie oder Metaphysik unabhängige Wissenschaft sei.
3. Ob sie eine formale Disciplin sei, oder wie es gefaßt zu werden pflegt, ob sie mit der „ bloßen Form der Erkenntnis" zu thun oder auch auf deren,, Materie" Rücksicht zu nehmen habe.
4. Ob sie den Charakter einer apriorischen und demonstrativen oder den einer empirischen und inductiven Disciplin habe.
Alle diese Streitfragen hängen so innig zusammen, daß die Stellungnahme in der einen, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, diejenige in den übrigen mitbedingt oder factisch beeinflußt. Der Parteien sind eigentlich nur zwei. Die Logik ist eine theoretische, von der Psychologie unabhängige und 8 Einleitung.
zugleich eine formale und demonstrative Disciplin — so urtheilt die Eine. Der Anderen gilt sie als eine von der Psychologie abhängige Kunstlehre, womit von selbst ausgeschlossen ist, daß sie den Charakter einer formalen und demonstrativen Disciplin habe im Sinne der für die Gegenseite vorbildlichen Arithmetik.
Da wir es nicht eigentlich auf eine Betheiligung an diesen traditionellen Streitigkeiten, vielmehr auf eine Klärung der in ihnen spielenden principiellen Differenzen und letzlich auf eine Klärung der wesentlichen Ziele einer reinen Logik abgesehen haben, so wollen wir folgenden Weg einschlagen: Wir nehmen als Ausgangspunkt die gegenwärtig fast allgemein angenommene Bestimmung der Logik als einer Kunstlehre und fixiren ihren Sinn und ihre Berechtigung. Daran schließt sich naturgemäß die Frage nach den theoretischen Grundlagen dieser Disciplin und im Besonderen nach ihrem Verhältnis zur Psychologie. Im Wesentlichen deckt sich diese Frage, wenn auch nicht dem Ganzen, so doch einem Haupttheile nach mit der Cardinalfrage der Erkenntnistheorie, die Objectivität der Erkenntnis betreffend. Das Ergebnis unserer diesbezüglichen Untersuchung ist die Aussonderung einer neuen und rein theoretischen Wissenschaft, welche das wichtigste Fundament für jede Kunstlehre von der wissenschaftlichen Erkenntnis bildet und den Charakter einer apriorischen und rein demonstrativen Wissenschaft besitzt. Sie ist es, die von Kant und den übrigen Vertretern einer „formalen" oder „reinen" Logik intendirt, aber nach ihrem Gehalt und Umfang nicht richtig erfaßt und bestimmt worden ist. Als letzter Erfolg dieser Ueberlegungen resultirt eine klar umrissene Idee von dem wesentlichen Gehalt der strittigen Disciplin, womit von selbst eine klare Position zu den aufgeworfenen Streitfragen gegeben ist.
Erstes Kapitel.
Die Logik als normative und speciell als practische Disciplin.
§ 4. Die theoretische Unvollkommenheit der Einzelwissenschaften.
Es ist eine alltägliche Erfahrung, daß die Vorzüglichkeit, mit der ein Künstler seinen Stoff meistert, und daß das entschiedene und oft sichere Urtheil, mit dem er Werke seiner Kunst abschätzt, nur ganz ausnahmsweise auf einer theoretischen Erkenntnis der Gesetze beruht, welche dem Verlauf der practischen Bethätigungen ihre Richtung und Anordnung vorschreiben und zugleich die werthenden Maßstäbe bestimmen, nach denen die Vollkommenheit oder Unvollkommenheit des fertigen Werkes abzuschätzen ist. In der Regel ist der ausübende Künstler nicht derjenige, welcher über die Principien seiner Kunst die rechte Auskunft zu geben vermag. Er schafft nicht nach Principien und werthet nicht nach Principien. Schaffend folgt er der inneren Regsamkeit seiner harmonisch gebildeten Kräfte, und urtheilend dem fein ausgebildeten künstlerischen Tact und Gefühl. So verhält es sich aber nicht allein bei den schönen Künsten, an die man zunächst gedacht haben mag, sondern bei den Künsten überhaupt, das Wort im weitesten Sinne genommen. Es trifft also auch die Bethätigungen des wissenschaftlichen Schaffens und die theoretische Schätzung seiner Ergebnisse, der wissenschaftlichen Begründungen von Thatsachen, 10 Die Logik als normative Gesetzen, Theorien. Selbst der Mathematiker, Physiker und Astronom bedarf zur Durchführung auch der bedeutendsten wissenschaftlichen Leistungen nicht der Einsicht in die letzten Gründe seines Thuns, und obschon die gewonnenen Ergebnisse für ihn und Andere die Kraft vernünftiger Ueberzeugung besitzen, so kann er doch nicht den Anspruch erheben, überall die letzten Prämissen seiner Schlüsse nachgewiesen und die Principien, auf denen die Triftigkeit seiner Methoden beruht, erforscht zu haben. Damit aber hängt der unvollkommene Zustand aller Wissenschaften zusammen. Wir meinen hier nicht die bloße Unvollständigkeit, mit der sie die Wahrheiten ihres Gebietes erforschen; sondern den Mangel an innerer Klarheit und Rationalität, die wir unabhängig von der Ausbreitung • der Wissenschaft fordern müssen. In dieser Hinsicht darf auch die Mathematik, die fortgeschrittenste aller Wissenschaften, eine Ausnahmstellung nicht beanspruchen. Vielfach gilt sie noch als das Ideal aller Wissenschaft überhaupt; aber wie wenig sie dies in Wahrheit ist, lehren die alten und noch immer nicht erledigten Streitfragen über die Grundlagen der Geometrie, so wie die nach den berechtigenden Gründen der Methode des Imaginären. Dieselben Forscher, die mit unvergleichlicher Meisterschaft die wundervollen Methoden der Mathematik handhaben und sie um neue bereichern, zeigen sich oft gänzlich unfähig, von der logischen Triftigkeit dieser Methoden und den Grenzen ihrer berechtigten Anwendung ausreichende Rechenschaft zu geben. Obschon nun die Wissenschaften trotz dieser Mängel groß geworden sind und uns zu einer früher nie geahnten Herrschaft über die Natur verholfen haben, so können sie uns doch nicht theoretisch Genüge thun. Sie sind nicht krystallklare Theorien, in denen die Function aller Begriffe und Sätze völlig begreiflich, alle Voraussetzungen genau analysirt und somit das Ganze über jeden theoretischen Zweifel erhaben wäre.
und speciell als pr actische Disciplin. 11 § 5. Die theoretische Ergänzung der Einzelwissenschaften durch Metaphysik und Wissenschaftslehre.
Um dieses theoretische Ziel zu erreichen, bedarf es, wie ziemlich allgemein anerkannt ist, für's Erste einer Klasse von Untersuchungen, die in das Reich der Metaphysik gehören.
Die Aufgabe derselben ist nämlich, die ungeprüften, meistens sogar unbemerkten und doch so bedeutungsvollen Voraussetzungen metaphysischer Art zu fixiren und zu prüfen, die mindestens allen Wissenschaften, welche auf die reale Wirklichkeit gehen, zu Grunde liegen. Solche Voraussetzungen sind z. B., daß es eine Außenwelt giebt, welche nach Raum und Zeit ausgebreitet ist, wobei der Raum den mathematischen Charakter einer dreidimensionalen EuKLiDischen, die Zeit den einer eindimensionalen orthoiden Mannigfaltigkeit hat; daß alles Werden dem Causalitätsgesetz unterliegt u. s. w. Unpassend genug pflegt man diese, durchaus in den Rahmen der ersten Philosophie des Abistoteles gehörigen Voraussetzungen gegenwärtig als erkenntnistheoretische zu bezeichnen.
Diese metaphysische Grundlegung reicht aber nicht aus, um die gewünschte theoretische Vollendung der Einzelnwissenschaften zu erreichen; sie betrifft ohnehin bloß die Wissenschaften, welche es mit der ■ realen Wirklichkeit zu thun haben, und das thun doch nicht alle, sicher nicht die rein mathematischen Wissenschaften, deren Gegenstände Zahlen, Mannigfaltigkeiten u. dgl. sind, die unabhängig von realem Sein oder Nichtsein als bloße Träger rein idealer Bestimmungen gedacht sind. Anders verhält es sich mit einer zweiten Klasse von Untersuchungen, deren theoretische Erledigung ebenfalls ein unerläßliches Postulat unseres Erkenntnisstrebens bildet; sie gehen alle Wissenschaften in gleicher Weise an, weil sie, kurz gesagt, auf das gehen, was Wissenschaften überhaupt zu Wissenschaften macht. Hierdurch aber ist das Gebiet einer neuen und, wie sich alsbald zeigen wird, complexen Disciplin bezeichnet, deren Eigenthümliches es ist, Wissenschaft von 12 Die Logik als normative der Wissenschaft zu sein, und die eben darum am prägnantesten als Wissenschaftslehre zu benennen wäre.
§ 6. Die Möglichkeit und Berechtigung einer Logik ah Wissenschaftslehre.
Die Möglichkeit und die Berechtigung einer solchen Disciplin — als einer zur Idee der Wissenschaft gehörigen normativen und practischen Disciplin — kann durch folgende Ueberlegung begründet werden.
Wissenschaft geht, wie der Name besagt, auf Wissen. /, / Nicht als ob sie selbst eine Summe oder ein Gewebe von wli Wissensacten wäre. Objectiven Bestand hat die Wissenschaft nur in ihrer Literatur, nur in der Form von Schriftwerken hat sie ein eigenes, wenn auch zu dem Menschen und seinen intellectuellen Bethätigungen beziehungsreiches Dasein; in dieser Form pflanzt sie sich durch die Jahrtausende fort und überdauert die Individuen, Generationen und Nationen. Sie repräsentirt so eine Summe äußerer Veranstaltungen, die, wie sie aus Wissensacten vieler Einzelner hervorgegangen sind, wieder in eben solche Acte ungezählter Individuen übergehen können, in einer leicht verständlichen, aber nicht ohne Weitläufigkeiten exact zu beschreibenden Weise. Uns genügt hier, daß die Wissenschaft gewisse nähere Vorbedingungen für die Erzeugung von Wissensacten beistellt, bezw. beistellen soll, reale Möglichkeiten des Wissens, deren Verwirklichung von dem „normalen", bezw. „entsprechend begabten" Menschen unter bekannten „normalen" Verhältnissen als ein erreichbares Ziel seines Wollens angesehen werden kann. In diesem Sinne also zielt die Wissenschaft auf Wissen.
Im Wissen aber besitzen wir die Wahrheit. Im actuellen Wissen, worauf wir uns letzlich zurückgeführt sehen, besitzen wir sie als Object eines richtigen Urtheils. Aber dies allein reicht nicht aus; denn nicht jedes richtige Urtheil, jede mit der Wahrheit übereinstimmende Setzung oder Verwerfung eines Sachverhalts ist ein Wissen vom und speciell als pr actische Disciplin. 13 Sein oder Nichtsein dieses Sachverhalts. Dazu gehört vielmehr — soll von einem Wissen im engsten und strengsten Sinne die Rede sein — die Evidenz, die lichtvolle Gewißheit, daß ist, was wir anerkannt, oder nicht ist, was wir verworfen haben; eine Gewißheit, die wir in bekannter Weise scheiden müssen von der blinden Ueberzeugung, vom vagen und sei es noch so fest entschiedenen Meinen, wofern wir nicht an den Klippen des extremen Skepticismus scheitern sollen. Bei diesem strengen Begriffe des Wissens bleibt die gemeinübliche Redeweise aber nicht stehen. Wir sprechen z. B. von einem Wissensact auch da, wo mit dem gefällten Urtheil zugleich die klare Erinnerung verknüpft ist, daß wir früher ein von Evidenz begleitetes Urtheil identisch desselben Gehaltes gefällt haben, und besonders, wo die Erinnerung auch einen beweisenden Gedankengang betrifft, aus dem diese Evidenz hervorgewachsen ist und den zugleich mit dieser Evidenz wiederzuerzeugen wir uns mit Gewißheit zutrauen. („Ich weiß, daß der Pythagoräische Lehrsatz besteht — ich kann ihn beweisen"; statt des letzteren kann es allerdings auch heißen: — „aber ich habe den Beweis vergessen".)