Das vermag Kunst und Methode. Sie überwinden die Unvollkommenheiten unserer geistigen Constitution und gestatten uns indirect, mittelst symbolischer Processe und unter Verzichtleistung auf Anschaulichkeit, eigentliches Verständnis und Evidenz Ergebnisse abzuleiten, die völlig sicher, weil durch die allgemeine Begründung der Leistungskräftigkeit der Methode ein für alle Mal gesichert sind. Alle hieher gehörigen Künstlichkeiten (welche man im Auge zu haben pflegt, wo in einem gewissen prägnanten Sinne überhaupt von Methode die Bede" ist) haben den Charakter von denkökonomischen Vorkehrungen. Sie erwachsen historisch und individuell aus gewissen natürlichen denkökonomischen Processen, indem die practischlogische Reflexion des Forschers sich die Vortheile dieser zum einsichtigen Verständnis bringt, sie nun vollbewußt vervollkommt, künstlich verknüpft und solcher Art complicirtere, aber auch unvergleichlich leistungsfähigere Denkmaschinerien herstellt, als es die natürlichen sind. Also auf einsichtigem Wege und mit beständiger Bücksicht auf die Besonderheit unserer geistigen Constitution 1 erfinden die Bahnbrecher der Forschung Methoden, deren allgemeine Berechtigung sie ein für alle Mal nachweisen. Ist dies geschehen, dann können diese Methoden in jedem gegebenen Einzelfall uneinsichtig, s. z. s. mecha- 1 Natürlich heißt das nicht: unter Beihilfe der wissenschaftlichen Psychologie.
und die Logik. 199 nisch befolgt werden, die objective Richtigkeit des Resultates ist gesichert.
Diese weitgehende Reduction der einsichtigen auf mechanische Denkprocesse, wodurch ungeheure Umkreise auf directem Wege unvollziehbarer Denkleistungen auf einem indirecten Wege bewältigt werden, beruht auf der psychologischen Natur des signitiv-symbolischen Denkens. Dieses spielt seine unermeßliche Rolle nicht bloß bei der Construction blinder Mechanismen — nach Art der Rechenvorschriften für die vier Species und ebenso für höhere Operationen mit dekadischen Zahlen, wo das Resultat (ev. mit Hilfe von Tabellen für Logarithmen, trigonometrische Functionen u. dgl.) ohne jede Mitwirkung einsichtigen Denkens hervorspringt — sondern auch in den Zusammenhängen einsichtigen Forschens und Beweisens. Da wäre z. B. zu erwähnen, die merkwürdige Verdoppelung aller rein mathematischen Begriffe, wonach, im Besonderen in der Arithmetik, die allgemein arithmetischen Zeichen zunächst im Sinne der ursprünglichen Definition als Zeichen für die betreffenden Zahlbegriffe stehen und dann vielmehr als reine Operationszeichen fungiren, nämlich als Zeichen, deren Bedeutung ausschließlich durch die äußeren Operationsformen bestimmt ist; ein jedes gilt nun als ein bloßes Irgendetwas, mit dem in diesen bestimmten Formen auf dem Papiere so und so hantirt werden darf.1 Diese stellvertretenden Operationsbegriffe, durch welche die Zeichen zu einer Art Spielmarken werden, sind in weitesten Strecken arithmetischen Denkens und sogar Forschens ausschließlich maßgebend. Sie bedeuten eine ungeheure Erleichterung desselben, sie versetzen es aus den mühseligen Höhen der 1 Nimmt man statt der äußeren Operationsformen s. z. s. die inneren, versteht man die Zeichen im Sinne von „irgendwelchen Denkobjecten", die in „gewissen" Relationen stehen, „gewisse" Verknüpfungen zulassen, nur so, daß für sie, und zwar in dem entsprechenden formalen Sinne, die Operations- und Beziehungsgesetze gelten: a -f b = b + a u. dgl. — so erwächst eine neue Reihe von Begriffen. Es ist diejenige, welche zu der „formalen" Verallgemeinerung der ursprünglichen Disciplinen führt, von der oben im Texte gleich die Kode sein wird.
200 Das Princip der Denkökonomie Abstraction in die bequemen Bahnen der Anschauung, wo sich die einsichtig geleitete Phantasie innerhalb der Regelschranken frei und mit relativ geringer Anstrengung bethätigen kann; etwa so wie in geregelten Spielen.
Im Zusammenhang damit wäre auch darauf hinzuweisen, wie in den rein mathematischen Disciplinen die denkökonomische Abwälzung des eigentlichen Denkens auf das stellvertretende signitive, zunächst ganz unvermerkt, zu formalen Verallgemeinerungen der ursprünglichen Gedankenreihen, ja selbst der Wissenschaften Anlaß giebt, und wie auf diese Weise, fast ohne eigens darauf gerichtete Geistesarbeit, deductive Disciplinen von unendlich erweitertem Horizont erwachsen. Aus der Arithmetik, die ursprünglich Anzahlen- und Größenzahlenlehre ist, entsteht so, und gewißermaßen von selbst, die verallgemeinerte, formale Arithmetik, in Beziehung auf welche Anzahlen und Größen nur noch zufällige Anwendungsobjecte und nicht mehr Grundbegriffe sind. Indem die vollbewußte Reflexion hier nun ansetzt, erwächst als weitere Extension die reine Mannigfaltigkeitslehre, die der Form nach alle möglichen deductiven Systeme in sich faßt, und für welche daher selbst das Formensystem der formalen Arithmetik einen bloßen Einzelfall darstellt.1 Die Analyse dieser und ähnlicher Methodentypen und die vollgiltige Aufklärung ihrer Leistungen bildet vielleicht das schönste und jedenfalls das am Wenigsten angebaute Feld einer Theorie der Wissenschaft, zumal aber der so wichtigen und lehrreichen Theorie der deductiven (der im weitesten Sinne mathematischen) Methodik. Mit bloßen Allgemeinheiten, mit vager Rede von der stellvertretenden Function der Zeichen, von kraftersparenden Mechanismen u. dgl. ist es hiebei natürlich nicht gethan; es bedarf überall tiefgehender Analysen, es muß für jede typisch verschiedene Methode die Untersuchung wirklich ausgeführt und die ökonomische Leistung Vgl. darüber Einiges im Kapitel XI, §§ 69 und 70, S. 247 ff.
und die Logik. 201 der Methode nebst der genauen Erklärung dieser Leistung wirklich nachgewiesen werden.
Hat man den Sinn der hier zu lösenden Aufgabe klar erfaßt, so gewinnen auch die für das vor- und außerwissenschaftliche Denken zu lösenden denkökonomischen Probleme neues Licht und neue Form. Eine gewisse Anpassung an die äußere Natur erfordert die Selbsterhaltung; sie verlangt, sagten wir, die Fähigkeit, die Dinge in gewissem Maße richtig zu beurtheilen, den Lauf der Ereignisse vorauszusehen, causale Abfolgen richtig abzuschätzen u. dgl. Aber wirkliche Erkenntnis von alldem vollzieht sich erst, wenn überhaupt, in der Wissenschaft. Wie können wir nun doch practisch richtig urtheilen und schließen ohne Einsicht, die im Ganzen nur die Wissenschaft, die Gabe Weniger, zu bieten vermag? Den practisch en Bedürfnissen des vorwissenschaftlichen Lebens dienen ja manche sehr complicirte und leistungsfähige Verfahrungsweisen — man denke nur an das dekadische Zahlensystem. Sind sie nicht einsichtig erfunden, sondern natürlich erwachsen, so muß doch die Frage erwogen werden, wie dergleichen möglich ist, wie blindmechanische Operationen im Endwerth mit dem, was Einsicht verlangt, zusammentreffen können.
Ueberlegungen der Art, die wir oben angedeutet haben, zeigen den Weg. Um die Teleologie der vor- und außerwissenschaftlichen Verfahrungsweisen aufzuklären, wird man einerseits durch genaue Analyse der einschlägigen Vorstellungs- und Urtheilszusammenhänge, sowie der wirksamen Dispositionen zunächst das Factische, den psychologischen Mechanismus des bezüglichen Denkverfahrens herausstellen. Die denkökonomische Leistung desselben tritt nun im Nachweis hervor, daß dieses Verfahren indirect und logisch einsichtig zu begründen ist als ein solches, dessen Ergebnisse — sei es nothwendig, sei es mit einer gewissen, nicht zu kleinen Wahrscheinlichkeit — mit der Wahrheit zusammentreffen müssen. Endlich wird man, um die natürliche Entstehung der denkökonomischen Maschinerie nicht als ein Wunder 202 Das Prinoip der Denkökonomie übrig zu behalten (oder was dasselbe: als Resultat eines eigenen Schöpfungsactes der göttlichen Intelligenz), auf eine sorgsame Analyse der natürlichen und vorherrschenden Vorstellungsumstände und -motive des Alltagsmenschen (ev. des Wilden, des Thieres u. s. w.) ausgehen und auf Grund derselben nachweisen müssen, wie sich ein derart erfolgreiches Verfahren „von selbst", aus rein natürlichen Gründen ausbilden konnte und mußte.1 Auf diese Weise ist also die m. E. wolberechtigte und fruchtbare Idee der Denkökonomik mit einiger Bestimmtheit klargelegt, in allgemeinen Zügen sind die Probleme, die sie zu lösen, und die Hauptrichtungen, die sie einzuschlagen hat, angedeutet. Ihr Verhältnis zur Logik, im practischen Sinne einer Kunstlehre wissenschaftlicher Erkenntnis, ist ohne Weiteres verständlich. Offenbar bildet sie ein wichtiges Fundament dieser Kunstlehre, sie giebt ja wesentliche Behelfe zur Constitution der Idee von technischen Methoden menschlicher Erkenntnis, zu nützlichen Specialisirungen solcher Methoden, sowie zur Ableitung von Regeln für deren Abschätzung und Erfindung.
§ 55. Die Bedeutungslosigkeit der Denkökonomik für die reine Logik und Erkenntnislehre und ihr Verhältnis zur Psychologie.
Soweit diese Gedanken mit denen R. Avenaeius' und E. Mach's zusammengehen, besteht keine Differenz, und ich kann ihnen freudig zustimmen. Wirklich bin ich der Ueberzeugung,. daß man zumal E. Mach's historisch -methodologischen Arbeiten eine Fülle logischer Belehrung verdankt, und dies auch dort, wo man seinen Consequenzen nicht durch- 1 Kein Beispiel ist geeigneter, sich das Wesen der hier zu lösenden und oben kurz angedeuteten Aufgaben klar zu machen, als das der natürlichen Zahlenreihe. Eben weil es mir so lehrreich erschien, habe ich es im XII. Kapitel meiner Philosophie der Arithmetik (I. 1891) in aller Ausführlichkeit behandelt, und zwar so, daß es die Art, wie derlei Untersuchungen nach meiner Ueberzeugung zu führen sind, typisch illustriren kann.
und die Logik. 203 aus (oder durchaus nicht) nachgeben kann. Leider hat E. Mach gerade jene, wie mir scheinen möchte, fruchtbarsten Probleme der deductiven Denkökonomik nicht in Angriff genommen, die ich oben in etwas kurzer, aber wol hinreichend bestimmter Fassung zu formuliren versuchte. Und daß er dies nicht gethan hat, liegt zum Theil jedenfalls an den erkenntnistheoretischen Mißdeutungen, die er seinen Untersuchungen glaubte unterlegen zu dürfen. Aber gerade hieran knüpft sich eine besonders starke Wirkung der MACH'schen Schriften. Es ist zugleich die Seite seiner Gedanken, die er mit Avenaeius theilt, und um derentwillen ich gegen ihn an dieser Stelle Opposition machen muß.
Mach's Lehre von der Denkökonomie, sowie die Ave-NAEius'sche vom kleinsten Kraftmaß, bezieht sich, wie wir sahen, auf gewisse biologische Thatsachen, und letztlich handelt es sich dabei um eine Abzweigung der Entwicklungslehre. Demgemäß ist es selbstverständlich, daß von den hiehergehörigen Forschungen zwar Licht auf die practische Erkenntnislehre, auf die Methodologie der wissenschaftlichen Forschung, keineswegs aber auf die reine Erkenntnislehre, speciell auf die idealen Gesetze der reinen Logik geworfen werden kann. Im Gegentheil scheint es aber in den Schriften der Mach-Avenaeius' sehen Schule auf eine Erkenntnistheorie mit denkökonomischer Begründung abgesehen zu sein. Gegen eine solche Auffassung, bezw. Verwerthung der Denkökonomik wendet sich natürlich das ganze Arsenal von Einwänden, das wir oben gegen den Psychologismus und Eelativismus angelegt haben. Die denkökonomische Begründung der Erkenntnislehre führt ja schließlich auf die psychologische zurück, und so bedarf es hier weder der Wiederholung noch der speciellen Anpassung der Argumente. Bei Coenelius häufen sich die evidenten Unzuträglichkeiten dadurch, daß er es unternimmt, aus einem teleologischen Princip der psychischen Anthropologie Elementarthatsachen der Psychologie herzuleiten, die ihrerseits für die Ableitung dieses Princips selbst schon vorausgesetzt sind, und 204 Das Princip der Denkökonomie daß er weiter mittelst der Psychologie eine erkenntnistheoretische Begründung der Philosophie überhaupt anstrebt. Ich erinnere daran, daß das sogenannte Princip nichts weniger als ein letzterklärendes rationales Princip, sondern die bloße Zusammenfassung eines Complexes von Anpassungsthatsachen ist, der — ideell — einer letzten Eeduction auf Elementarthatsachen und Elementargesetze harrt, gleichgiltig, ob wir sie werden leisten können oder nicht.
Der Psychologie teleologische Principien als „Grundgesetze" unterlegen in der Absicht, die verschiedenen psychischen Functionen durch sie zu erklären, das eröffnet nicht die Aussicht auf eine Förderung der Psychologie. Sicherlich ist es belehrend, die teleologische Bedeutung der psychischen Functionen und der wichtigeren psychischen Gebilde nachzuweisen; also im Einzelnen nachzuweisen, wie und wodurch die thatsächlich sich bildenden Complexionen psychischer Elemente jene Nützlichkeitsbeziehung zur Selbsterhaltung besitzen, die wir a priori erwarten. Aber das descriptiv Gegebene in der Weise als „nothwendige Folgen" solcher Principien hinstellen, daß der Anschein einer wirklichen Erklärung erweckt wird, und überdies im Zusammenhange wissenschaftlicher Darstellungen, welche vorwiegend dazu bestimmt sind, die letzten Fundamente der Psychologie bloßzulegen, das kann nur Verwirrung stiften.
Ein psychologisches oder erkenntnistheoretisches Gesetz, das von einem Bestreben spricht, in dem oder Jenem möglichst viel zu leisten, ist ein Unding. In der reinen Sphäre der Thatsachen giebt es kein Möglichstviel, in der Sphäre der Gesetzlichkeit kein Streben. In psychologischer Hinsicht geschieht in jedem Falle ein Bestimmtes, genau so viel und nicht mehr.
Das Thatsächliche des Oekonomieprincips reducirt sich darauf, daß es so etwas wie Vorstellungen, Urtheile und sonstige Denkerlebnisse giebt und in Verknüpfung damit auch Gefühle, die in Form der Lust gewisse Bildungsrichtungen und die Logik. 205 fördern, in Form der Unlust von ihnen zurückschrecken. Es ist dann ein im Allgemeinen, im Groben und Rohen, fortschreitender Proceß der Vorstellungs- und Urtheilsbildung zu constatiren, wonach sich aus den ursprünglich bedeutungslosen Elementen zunächst vereinzelte Erfahrungen bilden und dann weiter die Zusammenbildung der Erfahrungen zu der Einen, mehr oder minder geordneten Erfahrungseinheit erfolgt. Nach psychologischen Gesetzen erwächst, auf Grund der im Rohen übereinstimmenden ersten psychischen Collocationen, die Vorstellung der Einen, für uns Alle gemeinsamen Welt und der empirisch-blinde Glaube an ihr Dasein. Aber man beachte wol: diese Welt ist nicht für Jeden genau dieselbe, sie ist es nur im Großen und Ganzen, sie ist es nur soweit, daß die Möglichkeit gemeinsamer Vorstellungen und Handlungen practisch zureichend gewährleistet ist. Sie ist nicht dieselbe für den gemeinen Mann und den wissenschaftlichen Forscher; jenem ist sie ein Zusammenhang von bloß ungefährer Regelmäßigkeit, durchsetzt von tausend Zufällen, diesem ist sie die von absolut strenger Gesetzlichkeit durchherrschte Natur.
Es ist nun sicherlich ein Unternehmen von großer wissenschaftlicher Bedeutung, die psychologischen Wege und Mittel nachzuweisen, durch welche sich diese für die Bedürfnisse des practischen Lebens (für die der Selbsterhaltung) hinreichende Idee einer Welt als Gegenstand der Erfahrung entwickelt und festsetzt; in weiterer Folge die psychologischen Wege und Mittel nachzuweisen, durch welche sich im Geiste der wissenschaftlichen Forscher und Forschergenerationen die objectiv angemessene Idee einer streng gesetzlichen Erfahrungseinheit mit ihrem sich immerfort bereichernden wissenschaftlichen Inhalt bildet. Aber erkenntnistheoretisch ist diese ganze Untersuchung gleichgiltig. Höchstens indirect kann sie der Erkenntnistheorie von Nutzen sein, nämlich zu Zwecken der Kritik erkenntnistheoretischer Vorurtheile, bei welchen es auf die psychologischen Motive ja durchaus ankommt. Die Frage ist nicht, wie Erfahrung, die naive oder wissenschaftliche, ent- 206 Bas Princip der Denkökonomie steht, sondern welchen Inhalt sie haben muß, um objectiv giltige Erfahrung zu sein; die Frage ist, welches die idealen Elemente und Gesetze sind, die solche objective Giltigkeit realer Erkenntnis (und allgemeiner von Erkenntnis überhaupt) fundiren, und wie diese Leistung eigentlich zu verstehen ist. Mit anderen Worten: Wir interessiren uns nicht für das Werden und die Veränderung der Weltvor Stellung, sondern für das objective Recht, mit dem sich die Weltvorstellung der Wissenschaft jeder anderen gegenüberstellt, mit dem sie ihre Welt als die objectiv- wahre behauptet. Die Psychologie will einsichtig erklären, wie die Weltvorstellungen sich bilden; die Weltwissenschaft (als Inbegriff der verschiedenen Realwissenschaften) einsichtig erkennen, was realiter, als wahre und wirkliche Welt, ist; die Erkenntnistheorie aber einsichtig verstehen, was die Möglichkeit einsichtiger Erkenntnis des Realen, und was die Möglichkeit von Wissenschaft und Erkenntnis überhaupt in objectiv-idealer Hinsicht ausmacht.
§ 56. Fortsetzung. Las vgtsqov TiQÖreoov denkökonomischer Begründung des rein Logischen.
Der Schein, daß wir es beim Sparsamkeitsprincip mit einem, sei es erkenntnistheoretischen, sei es psychologischen Princip zu thun haben, liegt hauptsächlich an der Verwechslung des thatsächlich Gegebenen mit dem logisch Idealen, das ihm unvermerkt supponirt wird. Wir erkennen es einsichtig als höchstes Ziel und als ideal berechtigte Tendenz aller über bloße Beschreibung hinausgehenden Erklärung, daß sie die an sich „blinden" Thatsachen (zunächst die eines begrifflich umschriebenen Gebietes) unter möglichst allgemeine Gesetze ordnet und in diesem Sinne möglichst rationell zusammenfaßt. Hier ist das „möglichst viel" der „zusammenfassenden" Leistung völlig klar: es ist das Ideal der durchgreifenden und allbegreifenden Rationalität. Ordnet sich alles Thatsächliche nach Gesetzen, so muß es einen kleinsten Inbegriff möglichst allgemeiner und deductiv von einander unabhängiger Gesetze geben, und die Logik. 207 und die Logik. 207 auf welche sich alle übrigen Gesetze in reiner Deduction zurückführen lassen. Diese „Grundgesetze" sind dann jene möglichst viel befassenden und leistenden Gesetze, ihre Erkenntnis verschafft die absolut größte Einsicht in das Gebiet, sie gestattet, in ihm alles zu erklären, was einer Erklärung überhaupt fähig ist (wobei allerdings, in idealisirender Weise, die schrankenlose Fähigkeit der Deduction und Subsumption vorausgesetzt wird). So erklären oder befassen die geometrischen Axiome als Grundgesetze die Gesammtheit der räumlichen Thatsachen, jede allgemeine Raumwahrheit (m. a. W. jede geometrische) erfährt durch sie eine evidente Reduction auf ihre letzterklärenden Gründe.
Dieses Ziel, bezw. Princip größtmöglicher Rationalität erkennen wir also einsichtig als das höchste der rationalen Wissenschaften. Es ist evident, daß die Erkenntnis allgemeinerer Gesetze als jener, die wir jeweils schon besitzen, wirklich das Bessere wäre, sofern sie eben auf tiefere und weiter umfassende Gründe zurückleitete. Aber dieses Princip ist offenbar kein biologisches und bloß denkökonomisches, sondern vielmehr ein rein ideales und zum Ueberfiuß ein normatives Princip. In Thatsachen des psychischen Lebens und des Gemeinschaftslebens der Menschheit kann es also in keiner Weise aufgelöst oder umgedeutet werden. Die Tendenz größtmöglicher Rationalität mit einer biologischen Anpassungstendenz zu identificiren oder aus ihr abzuleiten, ihr dann noch die Function einer psychischen Grundkraft aufzuladen — das ist eine Summe von Verirrungen, die nur in den psychologistischen Mißdeutungen der logischen Gesetze und in deren Auffassung als Naturgesetze ihre Parallele findet. Zu sagen, unser psychisches Leben werde durch dieses Princip factisch regiert, das widerspricht auch hier der offenkundigen Wahrheit; unser factisches Denken läuft eben nicht nach Idealen — als ob überhaupt Ideale so etwas wie Naturkräfte wären.
Die ideale Tendenz des logischen Denkens als solchen 208 Das Princip der Denkökonomie geht auf Rationalität. Der Denkökonome (sit venia verbo) macht daraus eine durchgreifende reale Tendenz des menschlichen Denkens, begründet sie durch das vage Princip der Kraftersparung und letztlich durch Anpassung; und nun meint er die Norm, daß wir rational denken sollen, und meint er überhaupt den objectiven Werth und Sinn rationaler Wissenschaft aufgeklärt zu haben. Gewiß ist die Rede von der Oekonomie im Denken, von denkökonomischer „Zusammenfassung" von Thatsachen durch allgemeine Sätze, von niederen Allgemeinheiten durch höhere u. dgl. eine wolberechtigte.
Aber sie gewinnt ihre Berechtigung nur durch Vergleich des thatsächlichen Denkens mit der einsichtig erkannten idealen Norm, die sonach das tiqötzqov ttj cpvou ist. Die ideale Geltung der Norm ist die Voraussetzung jeder sinnvollen Rede von Denkökonomie, also ist sie kein mögliches Erklärungsergebnis der Lehre von dieser Oekonomie. Wir messen das empirische Denken am idealen und constatiren, daß ersteres in einigem Umfange factisch so verläuft, als ob es von den idealen Principien einsichtig geleitet wäre. Demgemäß sprechen wir mit Recht von einer natürlichen Teleologie unserer geistigen Organisation als von einer Einrichtung derselben, der zufolge unser Vorstellen und Urtheilen im Großen und Ganzen (nämlich für die durchschnittliche Lebensförderung genügend) so verläuft, als ob es logisch geregelt wäre. Die wenigen Fälle wirklich einsichtigen Denkens ausgenommen, trägt es in sich selbst nicht die Gewähr logischer Giltigkeit, es ist nicht in sich einsichtig oder indirect von vorgängiger Einsicht zweckvoll geordnet. Aber es ist factisch von einer gewissen scheinbaren Rationalität, es ist so, daß wir Denkökonomen, über die Wege des empirischen Denkens reflectirend, einsichtig nachweisen können, daß solche Denkwege überhaupt Ergebnisse liefern müssen, die mit den streng logischen — im rohen Durchschnitt — zusammentreffen; wie wir dies oben erörtert haben.
Man erkennt also das vgtsoov tiootzoov. Vor aller und die Logik. 209 Denkökonomik müssen wir das Ideal schon kennen, wir müssen wissen, was die Wissenschaft idealiter erstrebt, was gesetzliche Zusammenhänge, was Grundgesetze und abgeleitete Gesetze u. dgl. idealiter sind und leisten, ehe wir die denkökonomische Function ihrer Erkenntnis erörtern und abschätzen können. Allerdings haben wir gewisse vage Begriffe von diesen Ideen schon vor ihrer wissenschaftlichen Erforschung, und so mag denn auch von Denkökonomie die Rede sein vor dem Ausbau einer Wissenschaft der reinen Logik. Aber die wesentliche Sachlage wird dadurch nicht geändert, an sich geht die reine Logik aller Denkökonomik vorher, und es bleibt Widersinn, jene auf diese zu gründen.
Noch Eins. Selbstverständlich verläuft auch alles wissenschaftliche Erklären und Begreifen nach psychologischen Gesetzen und im Sinne der Denkökonomie. Aber es ist ein Irrthum, wenn man darum glaubt, den Unterschied zwischen logischem und natürlichem Denken nivelliren, die wissenschaftliche Thätigkeit als eine bloße „Fortsetzung" der natürlichen und blinden darstellen zu können. Man mag immerhin, obschon dies nicht ganz unbedenklich ist, von „natürlichen" wie von logischen Theorien sprechen. Dann darf man aber nicht übersehen, daß die logische Theorie im wahren Sinn keineswegs dasselbe thut, nur in einiger Steigerung thut, wie die natürliche. Sie hat nicht dasselbe Ziel — oder vielmehr: sie hat ein Ziel, und in die „natürliche Theorie" tragen wir es erst hinein. An den logischen und eigentlich so zu nennenden Theorien messen wir, wie oben gezeigt, gewisse natürliche (und das heißt hier uneinsichtige) Denkprocesse, die wir natürliche Theorien nur darum nennen, weil sie psychologische Ergebnisse zeitigen, die so sind, als ob sie logisch einsichtigem Denken entsprossen, als ob sie wirklich Theorien wären. Unwillkürlich verfallen wir mit dieser Benennung aber in den Fehler, die wesentlichen Eigenheiten wirklicher Theorien, solchen „natürlichen" zu unterschieben, das eigentlich Theoretische s. z. s. in sie hineinzuschauen. Als Husserl, Log. Unters. I.
210 Das Princip der Denkökonomie und die Logik.
psychische Verläufe mögen diese Analoga von Theorien mit den wirklichen Theorien noch so viel Aehnlichkeit haben, sie bleiben doch grundverschieden. Die logische Theorie ist Theorie durch den idealen Nothwendigkeitszusammenhang, der in ihr waltet; während, was hier natürliche Theorie heißt, ein Verlauf zufälliger Vorstellungen oder Ueberzeugungen ist, ohne einsichtigen Zusammenhang, ohne bindende Kraft, aber practisch von einer durchschnittlichen Nützlichkeit, als ob so etwas wie Theorie zu Grunde läge.
Die Irrthümer dieser denkökonomischen Richtung entspringen schließlich daraus, daß das Erkenntnisinteresse ihrer Vertreter — wie der Psychologisten überhaupt — an der empirischen Seite der Wissenschaft hängen bleibt. Sie sehen gewissermaßen vor lauter Bäumen den Wald nicht. Sie mühen sich mit der Wissenschaft als biologischer Erscheinung und merken nicht, daß sie das erkenntnistheoretische Problem der Wissenschaft als einer idealen Einheit objectiver Wahrheit gar nicht berühren. Die vergangene Erkenntnistheorie, die im Idealen noch ein Problem sah, gilt ihnen als Verirrung, die nur noch in Einer Weise ein würdiger Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung sein könne: nämlich für den Nachweis ihrer relativ denkökonomischen Function auf einer tieferen Entwicklungsstufe der Philosophie. Aber je mehr eine solche Schätzung der erkenntnistheoretischen Hauptprobleme und Hauptrichtungen zur philosophischen Mode zu werden droht, um so mehr muß die nüchterne Forschung gegen sie Einspruch erheben, und um so mehr thut es zugleich noth, durch eine möglichst vielseitige Erörterung der principiellen Streitfragen, und zumal durch eine möglichst tiefgehende Analyse der grundverschiedenen Denkrichtungen in den Sphären des Realen und Idealen, jene einsichtige Klärung anzubahnen, welche die Voraussetzung für eine endgiltige Fundamentirung der Philosophie ist. Und dazu hofft auch die vorliegende Schrift ein Kleines beizutragen.
Schluß der kritischen Betrachtungen. 211 Zehntes Kapitel. Schluß der kritischen Betrachtungen.
§ 57. Bedenken mit Rücksicht auf naheliegende Mißdeutungen unserer logischen Bestrebungen.
Unsere bisherigen Untersuchungen waren vorwiegend kritisch. Die Unhaltbarkeit einer jeden, wie immer gearteten Form von empiristischer oder psychologistischer Logik glauben wir durch sie dargethan zu haben. Die Logik im Sinne einer wissenschaftlichen Methodologie hat ihre vornehmsten Fundamente außerhalb der Psychologie. Die Idee einer „reinen Logik" als einer theoretischen, von aller Empirie, also auch Psychologie, unabhängigen Wissenschaft, welche eine Technologie des wissenschaftlichen Erkennens (die Logik im gemeinen theoretischpractischen Sinne) allererst ermöglicht, muß als triftig zugestanden, die unabweisbare Aufgabe, sie in ihrer Selbständigkeit aufzubauen, muß ernstlich in Angriff genommen werden. — Dürfen wir uns mit diesen Ergebnissen begnügen, ja dürfen wir hoffen, daß sie als Ergebnisse anerkannt werden? Also die Logik unserer Zeit hätte sich in untriftigen Bahnen vergeblich abgemüht — diese ihrer Erfolge gewisse, von so bedeutenden Forschern bearbeitete und durch weitverbreitete Anerkennung ausgezeichnete Wissenschaft? 1 Das wird man kaum zugestehen 1 Wenn 0. Külpe (Einleitung in die Philosophie. 1897. S. 44) von der Logik sagt, sie sei „zweifellos nicht nur eine der bestentwickelten philosophischen Disciplinen, sondern auch eine der sichersten und abgeschlossensten", so mag dies ja richtig sein; aber bei der Schätzung der wissenschaftlichen Sicherheit und Geschlossenheit der Logik, welche sich mir ergeben hat, müßte ich dies zugleich als Anzeige für den tiefen Stand der wissenschaftlichen Philosophie unserer Tage auffassen. Und darauf hin würde ich die Frage anknüpfen: Sollte es nicht doch möglich sein, dieser traurigen Sachlage allmählich ein Ende zu bereiten, wenn sich alle wissenschaftliche Denkenergie darauf richtete, die schart 212 Schluß der kritü-chen wollen. Die idealistische Kritik mag bei der Erwägung der Principienfragen Unbehagen erregen; aber der bloße Hinblick auf die stolze Reihe bedeutender Werke von Mill bis Erdmann formulirbaren und zu allernächst sicher lösbaren Probleme zu erledigen, mögen sie, an und für sich betrachtet, auch noch so eingeschränkt, nüchtern und vielleicht gar interesselos erscheinen? Dies betrifft aber, wie ohne Weiteres ersichtlich, in erster Linie die reine Logik und Erkenntnislehre. An exacter, sicher anzufassender, ein für alle Mal zu erledigender Arbeit ist hier Ueberfluß. Man braucht nur zuzugreifen.
Verdanken doch auch die „exacten Wissenschaften" (wozu man die genannten Disciplinen sicherlich dereinst rechnen wird) ihre ganze Größe dieser Bescheidenheit, die mit dem Geringsten fürlieb nimmt und, um ein bekanntes Wort anzuwenden, „im kleinsten Punkte ihre ganze Kraft sammelt". Die vom Standpunkt des Ganzen geringfügigen, wenn nur sicheren Anfänge bewähren sich ihnen immer wieder als Grundlagen für mächtige Fortschritte. Gewiß bethätigt sich diese Gesinnung schon jetzt überall in der Philosophie; aber, wie ich einzusehen gelernt habe, zumeist in verfehlter Richtung, nämlich so, daß die beste wissenschaftliche Energie der Psychologie zugewendet wird — der Psychologie als einer erklärenden Naturwissenschaft, an welcher die Philosophie nicht mehr und nicht anders interessirt ist, als an den Wissenschaften von den physischen Vorgängen. Eben dies freilich will man nicht gelten lassen, ja man spricht gerade mit Beziehung auf die psychologische Fundirung der philosophischen Disciplinen von errungenen großen Fortschritten. Und nicht zum Mindesten thut man dies in der Logik. Es ist, wenn ich recht sehe, eine sehr verbreitete Auffassung der Dinge, welcher Elsenhans neuerdings Ausdruck verleiht mit den Worten:,,Wenn die Logik der Gegenwart mit wachsendem Erfolg die logischen Probleme bearbeitet, so verdankt sie dies vor Allem der psychologischen Vertiefung in ihren Gegenstand"