(Zeitschrift für Philosophie, Bd. 109 [1896] S. 203.) Vermutlich hätte ich vor Beginn der vorliegenden Untersuchungen, bezw. vor Erkenntnis der unlösbaren Schwierigkeiten, in welche mich die psychologistische Auffassung in der Philosophie der Mathematik verwickelte, genau ebenso gesprochen. Aber nun, wo ich die Irrigkeit dieser Auffassung aus klarsten Gründen einzusehen vermag, kann ich mich an der sonst vielversprechenden Entwicklung der wissenschaftlichen Psychologie zwar freuen und an ihr das lebhafteste Interesse nehmen, aber nicht als Jemand, der von ihr eigentlich philosophische Aufklärungen erhofft. Doch muß ich, um nicht gänzlich mißverstanden zu werden, gleich hinzufügen, daß ich die descriptive Phänomenologie der inneren Erfahrung, welche der empirischen Psychologie und, in ganz anderer Weise, zugleich der Erkenntniskritik zu Grunde liegt, ausnehme. Dies wird im II. Theile dieser Arbeit klar hervortreten.
Betrachtungen. 213 und Lipps wird den Meisten genügen, das wankende Vertrauen wiederherzustellen. Man wird sich sagen, es muß doch wol Mittel geben, die Argumente irgendwie zu lösen und mit dem Inhalt der blühenden Wissenschaft in Einklang zu bringen, und wenn nicht, so mag es sich um eine bloße erkenntnistheoretische Umwerthung der Wissenschaft handeln, die, wenn auch nicht unwichtig, so doch nicht von dem revolutionären Erfolge sein wird, ihren wesentlichen Gehalt aufzuheben. Allenfalls wird Manches genauer zu fassen, einzelne unvorsichtige Ausführungen passend einzuschränken, oder die Ordnung der Untersuchungen zu modificiren sein. Es mag ja wirklich etwas für sich haben, die paar rein-logischen Sätze reinlich zusammenzustellen und von den empirisch-psychologischen Ausführungen der logischen Kunstlehre zu sondern. Mit derartigen Gedanken könnte sich Mancher, der die Kraft der idealistischen Argumentation empfindet, aber nicht den nöthigen Muth der Consequenz besitzt, zufrieden geben.
Die radicale Umgestaltung, welche die Logik im Sinne unserer Auffassung nothwendig erfahren muß, dürfte übrigens schon darum auf Antipathie und Mißtrauen stoßen, weil sie leicht, zumal bei oberflächlicher Betrachtung, als die pure Eeaction erscheinen könnte. Daß es auf dergleichen nicht abgesehen ist, daß die Wiederanknüpfung an berechtigte Tendenzen der älteren Philosophie nicht eine Eestitution der traditionellen Logik ins Werk setzen will, dies müßte sich allerdings schon im genaueren Hinblick auf den Inhalt, unserer Analysen herausstellen; aber schwerlich dürften wir viel Hoffnung darauf setzen, durch solche Hinweise alles Mißtrauen überwinden und der Mißdeutung unserer Intentionen vorbeugen zu können.
§ 58. Unsere.Anknüpfungen an große Denker der Vergangenheit und zunächst an Kant.
Auch der Umstand, daß wir in der Lage sind, uns auf die Autorität großer Denker, wie Kant, Herbart 214 Schluß der kritischen und Lotze, und vordem schon Leibniz zu berufen, kann uns bei den herrschenden Vorurtheilen nicht zur Stütze dienen. Ja, dies dürfte eher dazu beitragen, das Mißtrauen zu verstärken.
Wir finden uns, dem Allgemeinsten nach, auf Kant's Scheidung der reinen und angewandten Logik zurückgeführt. In der That, den hervorstechendsten seiner diesbezüglichen Aeußerungen können wir zustimmen. Freilich nur unter passenden Cautelen. Z. B. jene verwirrenden mythischen Begriffe, die Kant so sehr liebt und auch zur fraglichen Abgrenzung verwendet, ich meine die Begriffe Verstand und Vernunft, werden wir natürlich nicht in dem eigentlichen Sinne von Seelenvermögen acceptiren. Verstand oder Vernunft als Vermögen eines gewissen normalen Denkverhaltens setzen in ihrem Begriffe die reine Logik — die ja das Normale definirt j — voraus, und so wären wir, ernstlich auf sie recurrirend, nicht eben klüger, als wenn wir in analogem Falle die Tanzkunst durch das Tanzvermögen (sc. das Vermögen kunstvoll zu tanzen), die Malkunst durch das Malvermögen u. s. w. erklären wollten. Die Termini Verstand und Vernunft nehmen wir vielmehr als bloße Anzeigen für die Richtung auf die „Denkform" und ihre idealen Gesetze, welche die Logik im Gegensatz zur empirischen Psychologie der Erkenntnis einzuschlagen hat. Also nach derartigen Einschränkungen, Deutungen, näheren Bestimmungen fühlen wir uns Kant's Lehren nahe.
Aber muß nicht eben diese Zusammenstimmung die Wirkung haben, unsere Auffassung der Logik zu compromittiren? Die reine Logik (die eigentlich nur allein Wissenschaft sei) soll nach Kant kurz und trocken sein, wie die schulgerechte Darstellung einer Elementarlehre des Verstandes es erfordere."1 Jedermann kennt die von Jäsche herausgegebenen Vorlesungen Kant's und weiß, in welch bedenklichem 1 Kritik d. r. V. Einleitung zur tr. Logik I. WW. Hartenstein b, Grade sie jener charakteristischen Forderung entsprechen. Also diese unsäglich dürftige Logik soll das Vorbild sein, dem wir nachstreben sollen? Mit dem Gedanken dieser Zurückschraubung der Wissenschaft auf den Standpunkt der Aristotelisch-scholastischen Logik wird sich Niemand bemengen wollen. Und darauf scheint es ja hinauszulaufen, wie denn Kant selbst lehrt, die Logik habe seit Akistoteles den Charakter einer geschlossenen Wissenschaft. Die scholastische Ausspinnung der Syllogistik, eingeleitet von einigen feierlich vorgetragenen Begriffsbestimmungen — das ist keine eben erhebende Aussicht. Wir würden darauf natürlich entgegnen: Daß wir uns Kant's Auffassung der Logik näher fühlen als etwa derjenigen Mill's oder Sigwabt's, besagt nicht, daß wir den ganzen Inhalt derselben, daß wir die bestimmte Ausgestaltung, die er seiner Idee einer reinen Logik gegeben hat, billigen. Wir stimmen mit Kant in der hauptsächlichen Tendenz überein, wir finden aber nicht, daß er das Wesen der intendirten Disciplin klar durchschaut und sie selbst, nach ihrem angemessenen Gehalt, zur Darstellung gebracht hat.
§ 59. Anknüpfungen an Herbart und Lotze.
Näher als Kant steht uns übrigens Hebbart und hauptsächlich darum, weil bei ihm ein cardinaler Punkt sich zu schärferer Hervorhebung entgegendrängt und für die Unterscheidung zwischen rein Logischem und Psychologischem auch herangezogen wird, der in dieser Hinsicht in der That entscheidend ist, nämlich die Objectivität des „Begriffs", d. i. der Vorstellung in rein-logischem Sinne.
„Jedes Gedachte" — so heißt es z. B. in dem psychologischen Hauptwerke1 — „bloß seiner Qualität nach betrachtet, ist im logischen Sinne ein Begriff." Hiebei „kommt Nichts an auf das denkende Subject; einem solchen kann man nur im psychologischen Sinne Begriffe zueignen, während außerdem der Begriff des Menschen, 1 Herbart, Psychologie als Wissenschaft II. g 120 (Orig. S. 175).
216 Schluß der kritischen des Triangels u. s. w. Niemanden eigentümlich gehört. Ueberhaupt ist in logischer Bedeutung jeder Begriff nur einmal vorhanden; welches nicht sein könnte, wenn die Anzahl der Begriffe zunähme mit der Anzahl der, dieselben vorstellenden Subjecte oder gar mit der Anz ihl der verschiedenen Acte des Denkens, wodurch, psychologisch betrachtet, ein Begriff erzeugt und hervorgebracht wird." „Die entia der älteren Philosophie, selbst noch bei Wolff, sind," lesen wir (im selben § a. a. 0.) weiter, „nichts anderes als Begriffe im logischen Sinne...Auch der alte Satz: esseniiae verum sunt immutabiles gehört hieher. Er bedeutet nichts anderes, als: die Begriffe sind etwas völlig Unzeitliches; welches von ihnen in allen ihren logischen Verhältnissen wahr ist, daher auch die aus ihnen gebildeten wissenschaftlichen Sätze und Schlüsse für die Alten, so wie für uns — und am Himmel wie auf Erden — wahr sind und bleiben. Aber die Begriffe in diesem Sinne, in welchem sie ein gemeinschaftliches Wissen für alle Menschen und Zeiten darbieten, sind gar nichts Psychologisches...In psychologischer Hinsicht ist ein Begriff diejenige Vorstellung, welche den Begriff in logischer Bedeutung zu ihrem Vorgestellten hat; oder durch welche der letztere (das Vorzustellende) wirklich vorgestellt wird. So genommen, hat nun allerdings ein Jeder seine Begriffe für sich; Akchimedes untersuchte seinen eigenen Begriff vom Kreise, und Newton gleichfalls den seinigen; es waren dies zwei Begriffe im psychologischen Sinne, wiewol in logischer Hinsicht nur ein einziger für alle Mathematiker."
Aehnliche Ausführungen finden wir im 2. Abschnitt des Lehrbuchs zur „Einleitung in die Philosophie". Gleich der erste Satz lautet:1 „Unsere sämmtlichen Gedanken lassen sich von zwei Seiten.betrachten; theils als Thätigkeiten unseres Geistes, theils in Hinsicht dessen, was durch sie gedacht wird. In letzterer Beziehung heißen sie Begriffe, welches Wort, indem es das Begriffene bezeichnet, zu abstrahiren gebietet von der Art und Weise, wie wir den Gedanken empfangen, produciren oder reproduciren mögen." Im § 35 a. a. 0. leugnet Herbart, daß zwei Begriffe vollkommen gleich sein können; denn sie „würden sich in Hinsicht dessen, was durch sie gedacht wird, nicht unterscheiden, sie würden sich also 1 Herbart, Lehrbuch zur Einleitung in die Philosophie5, § 34 S. 77.
Betrachtungen. 217 als Begriffe überhaupt nicht unterscheiden. Dagegen kann das Denken eines und desselben Begriffes vielmal wiederholt, bei sehr verschiedenen Gelegenheiten erzeugt und hervorgerufen, von unzähligen Vernunftwesen vorgenommen werden, ohne daß der Begriff hiedurch vervielfältigt würde." Er mahnt in der Anmerkung, „sich wol einzuprägen, daß Begriffe weder reale Gegenstände, noch wirkliche Acte des Denkens sind. Der letztere Irrthum ist noch jetzt wirksam; daher halten manche die Logik für eine Naturgeschichte des Verstandes und glauben, dessen angeborene Gesetze und Denkformen in ihr zu erkennen, wodurch die Psychologie verdorben wird." „Man kann," heißt es an einer andern Stelle,1,,wenn es nöthig scheint, durch eine vollständige Induction beweisen, daß keine einzige von allen, der reinen Logik unbestreitbar angehörigen Lehren, von den Oppositionen und Subordinationen der Begriffe bis zu den Kettenschlüssen, irgend etwas Psychologisches voraussetzen. Die ganze reine Logik hat es mit Verhältnissen des Gedachten, des Inhalts unserer Vorstellungen (obgleich nicht speciell mit diesem Inhalte selbst) zu thun; aber überall nirgends mit der Thätigkeit des Denkens, nirgends mit der psychologischen, also metaphysischen, Möglichkeit desselben. Erst die angewandte Logik bedarf, gerade so wie die angewandte Sittenlehre, psychologischer Kenntnisse, insofern nämlich als der Stoff seiner Beschaffenheit nach erwogen sein muß, den man den gegebenen Vorschriften gemäß, bilden will."
In dieser Hinsicht finden wir manche lehrreiche und wichtige Ausführungen, welche die moderne Logik mehr hei Seite geschoben, als ernstlich erwogen hat. Aber auch diese Anknüpfung an Herbart's Autorität will nicht mißverstanden sein. Sie meint nichts weniger als Rückkehr zur Idee und Behandlungsweise der Logik, die Herbart vorgeschwebt, und die sein gediegener Schüler Drobisch in so hervorragender Weise realisirt hat.
Gewiß hat Herbart, besonders in dem oben angezogenen Punkte, in der Betonung der Idealität des Begriffs, große Verdienste. Schon die Prägung seines Begriffes vom Begriff' ist 1 Psyehol. als Wiss. § 119 (Originalausg. II. S. 174).
218 Schluß der kritischen ihm hoch anzurechnen, mag man seiner Terminologie nun zustimmen oder nicht. Andererseits aber ist Herbart, wie mir scheinen will, über bloß vereinzelte und unvollkommen gereifte Anregungen nicht hinausgekommen, und durch manche schiefe und leider sehr einflußreich gewordene Gedanken hat er seine besten Intentionen völlig verdorben.
Schon das war schädlich, daß Herbart die fundamentale Aequivocation von Ausdrücken wie Inhalt, Vorgestelltes, Gedachtes, nicht bemerkt hat, wonach sie einerseits den idealen, identischen Bedeutungsgehalt der entsprechenden Ausdrücke, und andererseits das jeweilig vorgestellte Gegenständliche bezeichnen. Das einzig klärende Wort in der Bestimmung des Begriffes vom Begriff hat Herbart, soweit ich sehe, nicht gesprochen, nämlich, daß Begriff oder Vorstellung im logischen Sinne nichts Anderes ist, als die identische Bedeutung der entsprechenden Ausdrücke.
Wichtiger a,ber ist das Grundversehen Herbart' s, vermöge dessen er das Wesentliche der Idealität des logischen Begriffs in seine Normalität setzt. Dadurch verschiebt sich ihm der Sinn der wahrhaften und echten Idealität, der Bedeutungseinheit in der verstreuten Erlebnis-Mannigfaltigkeit. Gerade der fundamentale Sinn der Idealität, nach dem sich Ideales und Reales als durch eine unüberbrückbare Kluft scheiden, geht verloren, und der ihm unterschobene der Normalität verwirrt die logischen Grundauffassungen.1 In nächstem Zusammenhang damit steht, daß Herbart eine erlösende Formel gefunden zu haben glaubt, wenn er die Logik als die Moral für das Denken, der Psychologie als der Naturgeschichte des Verstandes gegenüberstellt.2 Von der reinen, theoretischen Wissenschaft, die hinter dieser Moral steckt (und ähnlich bei der Moral im gemeinen Sinne), hat er keine Vorstellung und noch weniger von dem Umfange und den natürlichen Grenzen 1 Vgl. darüber das Kapitel über die Einheit der Species im II. Theil.
Betrachtungen. 219 dieser Wissenschaft und von ihrer innigen Einheit mit der reinen Mathematik. Und so trifft in dieser Hinsicht auch Herbart's Logik nicht unberechtigt der Vorwurf der Dürftigkeit, ganz ebenso wie die KANT'sche und Aristotelisch-scholastische Logik, so sehr sie sich in anderer Hinsicht auch überlegen zeigt durch den Habitus selbstthätiger und exacter Forschung, den sie in ihrem engen Kreise gepflogen hat. Wieder steht in Zusammenhang mit jenem fundamentalen Versehen die Verirrung der HERBART'schen Erkenntnistheorie, die sich ganz unfähig zeigt, das scheinbar so tiefsinnige Problem der Harmonie zwischen dem subjectiven Verlauf des logischen Denkens und dem realen der äußeren Wirklichkeit als das zu erkennen, was es ist, und als was wir es späterhin nachweisen werden, nämlich als ein aus Unklarheit erwachsenes Scheinproblem.
All das gilt auch von den Logikern der HERBART'schen Einflußsphäre und speciell auch von Lotze, der manche Anregungen Herbart's aufgenommen, mit großem Scharfsinn durchdacht und originell weiter ausgeführt hat. Wir verdanken ihm viel; aber leider finden wir auch seine schönen Anläufe durch die HERBART'sche Verwirrung der s. z. s. Platonischen und normativen Idealität zu Nichte gemacht. Sein großes logisches Werk, so reich es an höchst merkwürdigen und des tiefen Denkers würdigen Gedanken ist, wird hiedurch zu einem unharmonischen Zwitter von psychologistischer und reiner Logik.1 § 60. Anknüpfungen an Leibniz.
Unter den großen Philosophen, auf welche die hier vertretene Auffassung der Logik zurückweist, nannten wir oben auch Leibniz. Ihm stehen wir relativ am nächsten. Auch Herbart's logischen Ueberzeugungen finden wir uns nur inso- 1 Wir werden im nächsten Bande Gelegenheit nehmen, auf Lotze's erkenntnistheoretische Lehren, zumal auf sein Kapitel von der realen und formalen Bedeutung des Logischen kritisch einzugehen.
Schluß der kritischen weit näher als denjenigen Kant's, als er, Kant gegenüber, LEiBNiz'sche Ideen erneuert hat. Aber freilich zeigte Her hart sich nicht fähig, alles Gute, das sich bei Leibniz findet, auch nur annähernd auszuschöpfen. Hinter der Größe der Mathematik und Logik in Eins setzenden Conceptionen dieses gewaltigen Denkers bleibt er weit zurück. Ueber die letzteren, von denen wir uns besonders sympathisch berührt fühlen, einige Worte.
Das treibende Motiv zu Beginn der neueren Philosophie, die Idee einer Vervollkommnung und Neugestaltung der Wissenschaften, führt auch bei Leibniz zu unermüdlichen Bemühungen um eine reformirte Logik. Aber einsichtiger als seine Vorgänger, faßt er die scholastische Logik, statt sie als hohlen Formelkram zu verunglimpfen, als eine werthvolle Vorstufe der wahren Logik, welche trotz ihrer Unvollkommenheit dem Denken wahre Hilfen zu bieten vermöchte.1 Ihre Fortbildung zu einer Disciplin von mathematischer Form und Strenge, zu einer universellen Mathematik in einem höchsten, und umfassendsten Sinne, ist ein Ziel, dem er immer neue Anstrengungen opfert.
Ich folge hier den Andeutungen in den Nouveaux Essais, L. IV. eh. XVII. Vgl. z. B. § 4, Opp. phil. Erdm. 395 a, wo die Lehre von den syllogistischen Formen, erweitert zur ganz allgemeinen Lehre von den „argumens en forme11, bezeichnet wird als „une espece de Mathematique universelle, dont Vimportance n'est pas assex connue.",,Il faut savoir" heißt es dort, „que par les argumens en forme je n'entends pas seulement cette maniere scolastique d} argumenter, dont on se sert dans les Colleges, mais tout raisonnement qui conclut par la force de la forme, et oü Von n'a besoin de suppleer aueun article; desorte qu'un sorites, un autre tissu de syllogisme, qui evite la repitition, meme un compte bien dresse, un calcul d'Algebre, une analyse des infinitesimales me seront ä peu 1 Vgl. z. B. Leibnizens ausführliche Verteidigung der traditionellen Logik — obschon sie „kaum ein Schatten" derjenigen sei „so er wünsche" — im Schreiben an Wagner, Opp. philos. Erdm. 418 ff.
Betrachtungen. 221 pres des argumens en forme, puisque leur forme de raisonner a ete predemontree, en sorte qu'on est sür de ne s'y point tromper." Die Sphäre der hier coneipirten Mathematique universelle wäre also sehr viel weiter als die Sphäre des logischen Calculs, mit dessen Construction sich Leibniz viel mühte, ohne damit ganz zu Rande zu kommen. Eigentlich müßte Leibniz unter diese allgemeine Mathematik die ganze Mathesis universalis im gewöhnlichen quantitativen Sinne mitbefassen (welche LEiBNizens engsten Begriff von Mathesis universalis ausmacht), zumal er die rein mathematischen Argumente auch sonst wiederholt als „argumenta in formau bezeichnet hat. Desgleichen müßte aber auch dahin gehören die Ars combinatoria, seu Speeiosa generalis, seu doctrina de formis abstracta (vgl. die mathematischen Schriften der PERTz'schen Ausgabe Bd. VII, S. 24, 49 ff., 54, 159, 205 ff., u. ö.), die den fundamentalen Theil der Mathesis universalis in einem weiteren, aber nicht in dem obigen weitesten Sinne ausmacht, während diese selbst von der Logik als subordinirtes Gebiet unterschieden wird. Die für uns besonders interessante Ars combinatoria definirt Leibniz a. a. 0. VII, S. 61 als „doctrina de formulis seu ordinis, similitudinis, relationis etc. expressionibus in Universum." Sie wird hier als scientia generalis de qualitate der scientia generalis de quantitate (der allgemeinen Mathematik im gewöhnlichen Sinn) gegenübergestellt. Vgl. dazu die werthvolle Stelle in Gerhardts Ausgabe der philos. Schriften, Bd. VII. S. 297 f.: „Ars Combinatoria speciatim mihi illa est scientia fquae etiam generaliter characteristica sive speeiosa dici posset), in qua traetatur de verum formis sive formulis in Universum, hoc est de qualitate in gener e sive de simili et dissimili, prout aliae atque aliae formulae ex ipsis a, b, c etc. (sive quantitates sive aliud quoddam repraesentent) inter se combinatis oriuntur, et distinguitur ab Algebra quae agit de formulis ad quantitatem applicatis, sive de aequali et inaequali. Itaque Algebra subordinatur Gombinatoriae, ejusque regulis Continus utitur, quae tarnen longe gener alior es sunt, nee in Algebra tantum sed et in arte deeiphratoria, in variis ludorum generibus, in ipsa geometria lineariter ad veterum morem traetata, denique in omnibus ubi similitudinis ratio habetur locum habent. — Die seiner Zeit so weit vorauseilenden Intuitionen LEiBNizens erscheinen dem Kenner der modernen,, formalen" Mathematik und der mathematischen Logik als scharf begrenzt und in hohem Grade bewundernswerth. Letzteres betrifft, wie ich aus- 222 Schluß der kritischen drücklich bemerke, auch Leibnizens Fragmente über die scientia generalis, bezw. den calculus ratiocinator, aus welcher Trendelenbürg's elegante, aber an der Oberfläche haftende Kritik so wenig Brauchbares herauslesen konnte. (Historische Beiträge zur Philosophie, Bd. III.)
Zugleich weist Leibniz in wiederholten und nachdrücklichen Aeußerungen auf die Notwendigkeit einer Erweiterung der Logik um eine mathematische Theorie der Wahrscheinlichkeiten hin. Er verlangt von den Mathematikern eine Analysis der Probleme, welche die Glückspiele in sich bergen, und erwartet davon große Förderungen des empirischen Denkens und dessen logischer Kritik. l Kurz Leibniz hat die großartigen Erwerbungen, welche die Logik seit Aristoteles zu verzeichnen hat, die Theorie der Wahrscheinlichkeiten und die, erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts herangereifte, mathematische Analyse der (syllogistischen und asyllogistischen) Schlüsse in genialen Intuitionen vorausgesehen. Er ist durch seine Combinatoria auch der geistige Vater der reinen Mannigfaltigkeitslehre, dieser der reinen Logik nahestehenden, ja mit ihr innig vereinten Disciplin. (Vgl. unten § 69 und 70 S. 247 ff.)
Mit all dem steht Leibniz auf dem Boden jener Idee der reinen Logik, für die wir hier eintreten. Nichts liegt ihm ferner als der Gedanke, daß die wesentlichen Grundlagen einer fruchtbaren Erkenntniskunst in der Psychologie liegen möchten. Sie sind nach ihm gänzlich a priori. Sie constituiren ja eine Disciplin von mathematischer Form, die als solche, ganz so wie etwa die reine Arithmetik, den Beruf zur practischen Erkenntnisregelung ohne Weiteres in sich schließt.2 2 So eoineidirt z. B. nach Leibniz die Mathesis universalis in dem engsten Sinn mit der Logiea Malhematicorum (Pertz a. a. 0. Bd. VII. S. 54), während er diese (auch „Logiea Mathematica" genannt a. a. 0. S. 50) als Ars judicandi atque inveniendi circa quantitates definirt. Dies überträgt sich natürlich auf die Mathesis universalis im weiteren und weitesten Sinne.
Betrachtungen. 223 § 61. Notwendigkeit von Einzeluntersuchungen zur erkenntniskritischen Rechtfertigung und partiellen Realisirung der Idee der reinen Logik.
Doch man wird Leibnizens Autorität noch weniger gelten lassen als diejenige Kant's oder Herbart's, zumal er den großen Intentionen nicht das Gewicht durchgeführter Leistungen zu geben vermochte. Er gehört einer vergangenen Epoche an, über welche die neue Wissenschaft weit fortgeschritten zu sein glaubt. Autoritäten wiegen überhaupt nicht schwer gegen eine breit ausgeführte und vermeintlich ergebnisreiche und gesicherte Wissenschaft. Und ihre Wirkung muß um so geringer sein, als bei ihnen ein hinreichend abgeklärter und positiv ausgebauter Begriff von der fraglichen Disciplin fehlt. Es ist klar: Wollen wir nicht auf halbem Wege stehen bleiben und unsere kritischen Ueberlegungen nicht der Gefahr der Unfruchtbarkeit aussetzen, so müssen wir uns der Aufgabe unterziehen, die Idee der reinen Logik auf hinreichend breiter Basis zu construiren. Nur dadurch, daß wir in sachhaltigen Einzelausführungen eine genauer umrissene Vorstellung von dem Gehalt und Charakter ihrer wesentlichen Untersuchungen bieten und ihren Begriff bestimmter herausarbeiten, können wir das Vorurtheil beseitigen, als ob sie es mit einem geringfügigen Gebiet von ziemlich trivialen Sätzen zu thun habe. Wir werden im Gegentheil sehen, daß die Ausdehnung der Disciplin sehr beträchtlich ist und zwar nicht bloß im Hinblick auf ihren Gehalt an systematischen Theorien, sondern vor Allem im Hinblick auf die schwierigen und wichtigen Untersuchungen, welche für ihre philosophische Grundlegung und Schätzung erforderlich sind.
Uebrigens wäre die vermeintliche Geringfügigkeit des rein logischen Wahrheitsgebietes für sich allein kein Argument für seine Behandlung als eines bloßen Behelfes der logischen Kunstlehre. Es ist ein Postulat des rein theoretischen Interesses, das, was in sich eine theoretisch geschlossene Einheit 224 Schluß der kritischen bildet, auch in dieser theoretischen Geschlossenheit, und nicht als bloßen Behelf für außenliegende Zwecke, darzustellen. Haben übrigens die bisherigen Untersuchungen zum Mindesten dies klargestellt, daß ein richtiges Verständnis des Wesens der reinen Logik und ihrer einzigartigen Stellung zu allen anderen Wissenschaften eine der wichtigsten Fragen, wo nicht gar die wichtigste der ganzen Erkenntnistheorie ausmacht, so ist es auch ein vitales Interesse dieser philosophischen Fundamentalwissenschaft, daß die reine Logik in ihrer Reinheit und Selbständigkeit wirklich dargestellt werde. Ja ich wüßte nicht, inwiefern die Erkenntnistheorie überhaupt den Namen einer vollen Wissenschaft verdiente, wenn nicht die gesammte reine Logik als ihr Bestandstück, bezw. umgekehrt, wenn nicht die erkenntnistheoretische Forschung als philosophischer Annex zur reinen Logik gefaßt werden dürfte. Natürlich müßte die Erkenntnistheorie nur nicht als eine Disciplin verstanden werden, welche der Metaphysik nachfolgt oder gar mit ihr coincidirt, sondern welche ihr, wie der Psychologie und allen anderen Disciplinen, vorhergeht.
Anhang.
Hinweise auf F. A. Lange und B. Bolzauo.
Wie weit der Abstand auch ist, der meine Auffassung der Logik von derjenigen F. A. Lange's trennt, darin bin ich mit ihm einig und sehe ich ein Verdienst um unsere Disciplin, daß er in einer Zeit vorherrschender Unterschätzung der reinen Logik mit Entschiedenheit für die Ueberzeugung eingetreten ist, daß „die Wissenschaft von dem Versuch einer abgesonderten Behandlung der rein formalen Elemente der Logik eine wesentliche Förderung zu erwarten habe."1 Die Beistimmung reicht noch weiter, sie betrifft dem Allerallgemeinsten nach auch die Idee der Disciplin, die Lange freilich nicht zu wesenhafter Klarheit zu bringen vermochte. Nicht ohne Grund gilt ihm die Absonderung der reinen Logik als Auslösung derjenigen Lehren, die er als „das Betrachtungen. 225 Apodictische der Logik" bezeichnet, nämlich „diejenigen Lehren, welche sich, gleich den Lehrsätzen der Mathematik, in absolut zwingender Weise entwickeln lassen..." Und sehr beherzigenswerth ist, was er dann beifügt: „Die bloße Thatsache des Vorhandenseins zwingender Wahrheiten ist eine so wichtige, daß jede Spur derselben sorgfältig verfolgt werden muß. Eine Unterlassung dieser Untersuchung wegen des geringen Werthes der formalen Logik oder wegen ihrer Unzulänglichkeit als Theorie des menschlichen Denkens müßte von diesem Standpunkte aus zunächst schon als Verwechslung theoretischer und practischer Zwecke zurückgewiesen werden. Ein solcher Einwand wäre etwa so anzusehen, wie wenn ein Chemiker sich weigern wollte, einen zusammengesetzten Körper zu analysiren, weil derselbe in seinem zusammengesetzten Bestände sehr werthvoll sei, während die einzelnen Bestandteile voraussichtlich gar keinen Werth hätten."1 Ebenso richtig heißt es an einer anderen Stelle: „Die formale Logik hat als apodictische Wissenschaft einen Werth, der von ihrer Nützlichkeit ganz unabhängig ist, da jedem System a priori giltiger Wahrheiten die höchste Beachtung zukommt."2 Während Lange für die Idee einer rein formalen Logik so warm eintrat, hatte er keine Ahnung, daß sie längst schon in relativ hohem Maße realisirt war. Ich meine natürlich nicht die vielen Darstellungen der formalen Logik, welche zumal in den Schulen Kant's und Herbart's erwuchsen, und welche die Ansprüche, die sie erhoben, nur zu wenig befriedigten; wol aber Bernhard Bolzano's Wissenschaftslehre aus dem Jahre 1837, ein Werk, das in Sachen der logischen „Elementarlehre" Alles weit zurückläßt, was die Weltliteratur an systematischen Entwürfen der Logik darbietet. Zwar hat Bolzano die selbständige Abgrenzung einer reinen Logik in unserem Sinne nicht ausdrücklich erörtert und befürwortet; aber de facto hat er sie in den beiden ersten Bänden seines Werkes, nämlich als Unterlage einer Wissenschaftslehre im Sinne seiner Auffassung, in einer Reinheit und wissenschaftlichen Strenge dargestellt und mit einer solchen Fülle von originellen, wissenschaftlich gesicherten und jedenfalls fruchtbaren Gedanken ausgestattet, daß er Husserl, Log. Unters. I. 1° 226 Schluß der kritischen um dessentwillen als einer der größten Logiker aller Zeiten wird gelten müssen. Seiner Stellung nach ist er dicht neben Leibniz zu setzen, mit dem er wichtige Gedanken und Grundauffassungen theilt, und dem er philosophisch auch sonst zunächst steht. Freilich hat auch er den Reichthum der logischen Intuitionen Leibnizens nicht ganz ausgeschöpft, zumal nicht in Hinsicht auf die mathematische Syllogistik und die mathesis universalis. Doch war vom Nachlaß Leibnizens damals noch zu wenig bekannt, und es fehlte die „formale" Mathematik und Mannigfaltigkeitslehre als der Schlüssel des Verständnisses.
Mit jeder Zeile bewährt sich Bolzano in seinem bewundernswerthen Werke als der scharfsinnige Mathematiker, der in der Logik denselben Geist wissenschaftlicher Strenge walten läßt, den er selbst als der Erste in die theoretische Behandlung der Grundbegriffe und Grundsätze der mathematischen Analysis eingeführt, und die er hiedurch auf eine neue Basis gestellt hat: ein Ruhmestitel, den einzuzeichnen, die Geschichte der Mathematik nicht vergessen hat. Von der tiefsinnigen Vieldeutigkeit der System-Philosophie, welche mehr darauf ausgieng, gedankenvolle Weltanschauung und Welt Weisheit als theoretisch- analysirendes Weltwissen zu sein, und in unseliger Vermengung dieser grundverschiedenen Intentionen den Fortschritt der wissenschaftlichen Philosophie so sehr hemmte, finden wir bei Bolzano — dem Zeitgenossen Hegel's — keine Spur. Seine Gedankenbildungen sind von mathematischer Schlichtheit und Nüchternheit, aber auch von mathematischer Klarheit und Strenge. Erst ein tieferes Eingehen auf Sinn und Zweck dieser Bildungen im Ganzen der Disciplin enthüllt, welch große Geistesarbeit und Geistesleistung in den nüchternen Bestimmungen oder den formelhaften Darstellungen steckt. Dem in den Vorurtheilen, in den Denk- und Sprechgewohnheiten der idealistischen Schulen erwachsenen Philosophen — und so ganz ihren Nachwirkungen sind wir alle noch nicht entwachsen — erscheint dergleichen wissenschaftliche Art gar leicht als ideenlose Seichtigkeit, oder auch als Schwerfälligkeit und Pedanterie.
Aber auf Bolzano's Werk muß sich die Logik als Wissenschaft aufbauen, aus ihm muß sie lernen, was ihr noth thut: mathematische Schärfe der Unterscheidungen, mathematische Exactheit in den Theorien. Sie wird dann auch einen anderen Standpunkt für die Schätzung der,,mathematisirenden" Theorien der Logik gewinnen, welche die Mathematiker,