gleichzeitig in uns finden, mögjBn sie noch so verschieden sein, ^. wie Sehen und Hören, Vorstellen, Urtheilen und Schliessen, Lieben und Hassen, Begehren und Fliehen u. s. f., wenn sie nur als zusammenbestehend innerlich wahrgenommen werden, sämmtlich zu einer einheitlichen Reahtät gehören; dass sie als Theilphänomene ein psychisches Phänomen ausmachen, wovon die Bestandtheile nicht verschiedene Dinge oder Theile verschiedener Dinge sind, sondern zu einer realen Einheit gehören. Dies ist, was zur Einheit des Bewusstseins nothwendig ist; ein Weiteres aber verlangt sie nicht., Vor Allem ist demnach, wenn wir die Einheit des Bewusstseins lehren, nicht das unsere Behauptung, dass niemals mit ein und derselben zusammenhängenden Körpermasse verschiedene Gruppen von psychischen Phänomenen verbunden sein können, welche nicht zu ein und derselben realen Einheit gehörig sind. Wir finden ein solches Verhältniss bei den Korallen, bei welchen zahllose Thierchen ein und demselben Stamme einverleibt erscheinen. Die gleichzeitigen psychischen Phänomene des einen und anderen Thierchens bilden keine reale Einheit. Aber es besteht auch keine innere Wahrnehmung, welche ihr 'gleichzeitiges Bestehen erfasst. So würde es denn auch keineswegs unseren Bestim- Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 215 mungen zuwiderlaufen, wenn innerhalb meines Leibes ausser mir noch ein anderes Ich gegenwärtig wäre, wie etwa, wenn er von einem jener bösen Geister besessen wäre, von deren Exörcismen die Schrift so Vieles berichtet. Eine reale Einheit zwischen dem Bewusstsein dißses Geistes und meinem Bewusstsein würde nicht bestehen; aber ich würde auch nicht seine psychischen Phänomene mit den meinigen direct in innerer Wahrnehmung erfassen. Dasselbe würde gelten, wenn mein Leib, ähnlich wie Leibnitz es sich dachte, in Wahrheit nichts anderes als eine Unzahl von Monaden, von reell verschiedenen Substanzen wäre, deren jeder ein gewisses psychisches Leben zukäme. Ueber mein Ich, die herrschende Monade, hinaus, würde meine innere Wahrnehmung nicht reichen. Mag eine solche Theorie also wahr oder falsch sein, jedenfalls streitet sie nicht gegen die Einheit des Bewusstseins, wie sie aus der inneren Wahrnehmung erkennbar ist. Ferner besagt die Einheit des Bewusstseins nicht, dass es, wie es in Wirklichkeit besteht, jede Vielheit von Theilen irgend welcher Art ausschliesst. Im Gegentheile haben wir schon gesehen, dass, was die innere Wahrnehmung uns zeigt, eine Mannigfaltigkeit von Thätigkeiten unterscheiden lässt; und die innere Wahrnehmung ist untrüglich. Herbart allerdings war der Meinung, dass jedes Ding einfach sein müsse.
Nur ein CoUectiv von Dingen könne ein^ Mehrheit von Theilen haben. Ein nicht- einfaches Ding sei ein Widerspruch, und an dem Gesetze des Widerspruches müsse unter allen Bedingungen festgehalten werden. Das Letzte ist sicher richtig, und wer das Gesetz des Widerspruches irgendwo und irgendwie in Zweifel ziehen wollte, der würde gegen dasjenige seine Argumente kehren, was, sicherer als jeder Beweis, durch unmittelbare Evidenz erkennbar ist. Aber ganz dasselbe gilt auch bezüglich der Thatsachen unserer inneren Wahrnehmung; und das war der grosse Fehler Herbart's und vor ihm Kant's, dass sie die Phänomene der inneren Wahrnehmung in derselben Weise wie die Erscheinungen, auf welche die sogenannte äussere Wahrnehmung sich richtete, als einen blossen Schein, der auf ein Sein hin- 216 Buch II. Von den paychieclieii FhSnomenen im AUgemeineii.
1 1), nicht als etwas, was selbst wirklich sei, anerkannteti und ihren Forschungen zu Grunde legten. Hätte Herbart dies gethan: so würde die Unvereinbarkeit seiner metaphysischen Lehren mit dem, was die innere Wahrnehmung zeigt, ihn hier und anderwärts auf gewisse Sprünge- und Aequivocatiouen in seinen Beweisführungen aufmerksam gemacht haben; und es hätte nicht des Scharfsinnes eines Anderen bedurft, um zu zeigen, dase die von ihm geltend gemachten "Widersprüche bloss scheinbare Widersprüche seien ^). Wir indem wir die reale Einheit des Bewusstseins behaupten, behaupten damit keineswegs, dass es etwas völlig Einfaches sei; nur werden die Theile, welche es unterscheiden jässt, als blosse Divislve einer realen Einheit zu betrachten sein.
Auch das wäre noch zu viel gesagt, dass die Einheit des Bewusstseins, wenn sie keine Einfachheit verlange, doch nur mit einer Mehrheit von Theilen sich vertrage, die nicht von einander getrennt werden können. Im Gegentheile haben wir gesehen, wie die Erfahrung zeigt, dass von den Thätigbeiten, welche wir in uns finden, die eine oft aufhört, ') Nach Berbart ist,das Sern, auf welches die psyehisehen Eracheinungen binweiseu, die Seele; d. i. ein einfaches reales Wesen mit einer einfachen Qualität, welches gegenüber anderen ein&chen realen Wesen sich selbst erhält. Was uns als eine Vorstellung erscheint, ist in Wahrheit nichts als eine solche Selbsterhaltung, und daher ist in keiner Weise wegen der Mehrheit der Vorstellungen, die vir in uns nahriiehmen, eine Mehrheit von Eigenschaften und Theilen irgend einer Art in unserem naluhafCen Sein anzuerkeunen. So wenigstens scheint die Lehre Herbart's gefasst werden au müssen, damit seine Metaphysik mit seiner Psychologie nicht iu aüzuschroffem Widerspruche stehe. Oder sollte Herbart vielleicht geglaubt haben, unsere VorsteiluDgeu seien zwar nichts anderes als Selbsterhaltungen, unveränderter Fortbestand bei drohenden Störungen; sie seien aber dennoch das, ^Is was sie uns erscheinen? Dann würde er hierin selbst entweder des offenbarslen Widerspruches sich schuldig gemacht oder das Zeagnisa der inneren Wahrnehmung in der entschiedensten Weise verleugnet ') Vgl. Trendelenburg, Historische Beiträge zur Philosophie, Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 217 während die andere bleibt, die eine sich umwandelt, während die andere keinem Wechsel unterliegt.
Weiter noch ist insbesondere hervorzuheben, dass in der Einheit des Bewusstseins auch nicht der Ausschluss einer Mehrheit quantitativer Theüe und der Mangel jeder räumlichen Ausdehnung (oder eines Analogons derselben) ausgesprochen liegt. Es ist gewiss, dass die innere Wahrnehmung uns keine Ausdehnung zeigt; aber etwas nicht zeigen und zeigen, dass etwas nicht ist, ist verschieden. Sonst würde ja auch jener Richter vernünftig geurtheilt haben, von dem man erzählt, er habe einen Angeklagten von dem Vergehen der Beleidigung freigesprochen, weil der Kläger nur fünf Zeugen, welche die Schimpfrede gehört, der Beklagte aber hundert Zeugen, die sie nicht gehört, zu stellen sich anheischig machte. Sicher ist allerdings, dass wir die psychischen Thätigkeiten, welche zu der Einheit unseres Bewusstseins gehören, nicht in jeder Weise quantitativ vertheilt denken können. Es ist nicht möglich, dass in einem' quantitativen Theile das Sehen, in einem anderen die darauf bezügliche innere Vorstellung oder Wahrnehmung oder Lust an dem Sehen sich findet. Das widerspräche allem, was wir von der besonderen Innigkeit der Verbindung und Verwebung dieser Phänomene gehört haben. Auch das ist sicher, dass jedenfalls nicht in einem quantitativen Theile eine Vorstellung, in einem anderen ein auf das Vorgestellte gerichtetes ürtheilen oder Begehren sich findet. In diesem Falle würde nicht, wie die innere Wahrnehmung es uns zeigt, in den letzteren Thätigkeiten die Vorstellung als Grundlage beschlossen sein. Dagegen haben wir, bis jetzt wenigstens, keinen Grund, zu bestreiten, dass vielleicht eine Vorstellung ausgedehnt sei, oder verschiedene raumähnlich neben einander bestehen u. dgl.
Wenn man einen Wurm zerschneidet, so gibt oft jedes Stück die unzweideutigsten Zeichen von willkürlicher Bewegung, also auch von Gefühl und Vorstellung. Manche, und schon Aristoteles, haben dies so erklärt, dass mit dem Thiere auch die Seele des Thieres so zu sagen zerschnitten worden 218 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
sei. Es wäre deinnacli das einheitliche Bewusstsein des zerschnittenen Thieres nothwendig raumähnlich ausgedehnt gewesen. Andere wollten dies nicht gelten lassen, und nahmen lieber an, es hätten in dem Wurme scljon vor der Zertheilung mehrere Seelen bestanden; verschiedene in verschiedenen Gliedern, In wie weit es diesen überhaupt gelungen sei, ihre Ansicht wahrscheinlich zu machen, wollen wir hier nicht untersuchen; erst an einer viel späteren Stelle wird diese Frage unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen^). Nur das sei hier bemerkt, dass, wenn man, wie man es wirklich gethan hat, gegen die ältere Theorie die Thatsache der Ein-' heit des Bewusstseins anrufen wollte, diese, wenigstens für sich allein, nicht das Geringste gegen sie entscheiden würde. Wir haben gesehen, dass sie sich mit einer Mehrheit von Thätigkeiten vereinbaren lässt, die keineswegs unlöslich verbmiden sind. Auch eine Mehrheit von einander trennbarer quantitativer Theile würde ihr darum nicht widerstreiten.
Wie die Einheit des Bewusstseins nicht die Mehrheit der Tiieile ausschliesst, so auch nicht ihre Mannigfaltigkeit. Nicht das ist nöthig, dass die Theile gleichartig sind, sondern nur, dass sie zu derselben realen Einheit gehören. So fanden wir bereits, dasa die Gesammtheit unseres Bewusstseins nicht bloss eine Mehrheit psychischer Thätigkeiten, sondern auch Thätigkeiten sehr verschiedener Art umfasst, und nicht bloss Vorstellungen, sondern auch Gefühle. Einheit ist nicht so viel wie Einfachheit; Einheit ist aber auch nicht so viel wie Gleichtheiligkeit. Es stände darum bis jetzt wenigstens auch nichts im Wege, wenn Jemand, der sich die Gruppe unserer psychischen Phänomene ausgedehnt denken wollte, annähme, dasa ihre quantitativen Theile ungleichartig seien, und sich auch in unseren physischen Phänomenen als ungleichartig zu erkennen geben. Dass diese oder eine ähnliche Annahme richtig sei, wollen wir nicht behaupten; wenn sie aber auch einer als richtig erwiese, so würde dadurch in keiner Weise gegen die von uns behauptete Einheit des Bewusstseins etwas I) Buch VL Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 219 entschieden sein. Sahen wir doch, wie sie jedenfalls eine Vielheit von Theilen unter mannigfachen Theilverhältnissen umfasst.
Endlich gehört auch das nicht zur Einheit des Bewusstseins, dass die psychischen Phänomene, welche wir als unsere früheren Seelenthätigkeiten zu bezeichnen pflegen, Theile desselben wirklichen Dinges waren, welches unsere gegenwärtigen psychischen Erscheinungen umfasst. Eines allerdings ist ausser Zweifel. Wie die innere Wahrnehmung uns direct nur eine, real einheitliche Gruppe von psychischen Phänomenen zeigt, so zeigt uns auch das Gedächtniss für jeden Moment der Vergangenheit direct nicht mehr als eine solche Gruppe. Von anderen gleichzeitigen psychischen Phänomenen gibt es uns nur etwa indirect Kenntniss, indem es uns zeigt, wie innerhalb jener Gruppe eine Erkenntniss von ihnen bestand, ähnlich wie in der Gmppe, welche die innere Wahrnehmung uns zeigt, der Glauben an das Bestehen anderer Gruppfen enthalten sein kann. So zeigt uns denn das Gedächtniss direct nicht mehr als eine zeitlich fortlaufende Reihe von Gruppen, von denen jede eine reale Einheit war, und diese Reihe bildet ein Continuum, welches nur hie und da durch eine Lücke unterbrochen wird. Bei längerem Besinnen gelingt es uns zuweilen, auch solche Lücken auszufüllen. In der Continuität der Reihe liegt zugleich ausgesprodien, dass die einander folgenden Gruppen meistentheils eine Verwandtschaft zeigen; sei es nun eine völlige Gleichheit bei bloss zeitlichem Unterschiede, oder eine durch infinitesimale Differenzen allmälig sich steigernde Verschiedenheit. Denn es ist undenkbar, dass eine continuirliche Veränderung in jedem Momente einen Sprung von endlicher Grösse oder einen üebergang zu ganz heterogenen Erscheinungen enthielte. In Wahrheit pflegt sich aber auch nach den stärksten plötzlichen Veränderungen eine Verwandtschaft zwischen den früheren und späteren Gliedern kund zu geben.
So zeigt uns das Gedächtniss in dem Gliede unmittelbar nach dem Eintreten einer grösseren Veränderung, ein Bewusstsein von dem Gegensatze des neuen zu dem vorausgegangenen 220 Buch n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Zustande, und auch sonst, man darf sagen durchgehends, Gedächtnissacte, die sich oft sogar auf entfernt vergangene Glieder der Reihe, aber niemals direct auf eine Gruppe zurück beziehen, die nicht zu der Reihe gehörig ist. Das abschliessende Glied der Reihe bildet die Gruppe, welche wir in der inneren Wahrnehmung unmittelbar erfassen. Wir pflegen diese Kette psychischer Erscheinungen als unser früheres Leben zu bezeichnen, und wie wir sagen: „ich sehe", „ich höre", „ich will", wenn uns die innere Wahrnehmung ein Sehen, Hören oder Wollen zeigt, so sagen wir, wenn uns das Gedächtniss direct ein Sehen, Hören oder Wollen zeigt: „ich sah", „ich hörte", „ich wollte". Wir betrachten also die Phänomene, welche es uns direct zeigt, gemeiniglich als Thätigkeiten, welche zu derselben realen Einheit gehörten, von welcher jetzt die durch innere Wahrnehmung erkannten Thätigkeiten umfasst werden. Die Neigung zu einer solchen Anschauung ist auch, nach dem Charakter, welchen diese Gedächtnisserscheinungen zeigen, und welchen wir in einigen seiner wesentlichsten Züge schilderten, sehr begreiflich. Allein, dass es einleuchtend sei, dass dieselbe reale Einheit, welche unsere gegenwärtigen psychischen Phänomene umfasst, sich wirklich früher auf diejenigen, welche wir „unsere früheren" zu nennen pflegen, mit erstreckt habe, können wir desshalb noch nicht behaupten. Und auch von den Beweisen, durch welche wir die reale Einheit der gegenwärtigen Phänomene dargethan haben, ist keiner darauf anwendbar.
Unsere gegenwärtigen Acte der Erinnerung allerdings müssen zu derselben Realität wie unsere übrigen gegenwärtigen -psychischen Acte gehören. Aber der Inhalt eines Erinnerungsactes ist nicht der Erinnerungsact. Un.d wer bürgt uns dafür, dass die Erinnerung und der Inhalt der Erinnerung, wie nicht identisch, so auch nicht derselben realen Einheit zuzurechnen sind? Wenn eine Erkenntniss, welche uns das Gedächtniss gibt, unmittelbar evident wäre, so könnten wir dies ähnlich wie bei der inneren Wahrnehmung folgern. Aber das Gedächtniss ist bekanntlich nicht evident, ja sogar mannigfachen Täuschungen unterworfen. Es bleibt also zunächst Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 221 eine offene Frage, ob der Fortbestand des Ich das Beharren ein und desselben einheitlichen Dinges oder etwa eine Aufeinanderfolge verschiedener Dinge sei, von welchen nur das eine an das andere sich anschliesst und so zu sagen an seine Stelle tritt. Es würde darum z. B. unseren Auseinandersetzungen nicht widerstreiten, wenn einer glaubte, dass das Ich ein körperliches Organ sei, welches fortwährendem Stoffwechsel unterliegt, wenn er nur annimmt, dass die Eindrücke, die es erfahre, auf die Weise, in welcher es sich erneuere, von Einfluss seien, dass also, ähnlich wie die Wunde die Narbe hinterlässt, auch das frühere psychische Erlebniss nachwirkend eine Spur von sich und in ihr die Möglichkeit einer Erinnerung daran vererbe. Die Einheit des Ich in seinem früheren und späteren Bestände wäre dann keine andere als die eines Flusses, in welchem die eine Woge der anderen Woge folgt und ihre Bewegung nachbildet. Nur der atomistischen Hypothese, welche jedes Organ als eine Vielheit von Dingen ansieht, dürfte Jemand, der ein Organ als Trägpr des Bewusstseins betrachten wollte, sich natürlich nicht anschliessen, sondern nur etwa so wie Du Bois-Reymond in seinem Vortrage vor der Versammlung der Naturforscher in Leipzig ihr als einer Art von regulativem Princip bei Forschungen auf naturwissenschaftlichem Gebiete einen Werth zuerkennen ^).
§. 4. Die Behauptung der Einheit des Bewusstseins, wie wir sie hier umgrenzten, hat einen bescheideneren Inhalt als den, welchen man ihr häufig gegeben hat. Dafür ist sie aber durch die vorausgegangenen Erörterungen wirklich und vollkommen erwiesen und zeigt sich gegen jeden Einwand geschützt, obwohl nicht bloss die früher betrachteten, sondern noch andere Gründe gegen sie geltend gemacht werden.
C.Ludwig in seinem Lehrbuche der Physiologie erklärt, dass der realen Einheit unserer psychischen Phänomene „eine ganz unlösbare" Schwierigkeit entgegenstehe. „Wie wir schon ^) Ueber die Grenzen der Naturerkenntniss. 1872.
222 Buch II. Von den psychischen Phänopaenen im Allgemeinen.
wiederholt bemerkten", sagt er, „liegen nirgends Gründe vor, die uns bestimmen konnten, eine wesentliche Verschiedenheit in den empfindenden und bewegenden Nervenröhren anzunehmen. Und wenn diese nicht besteht, woher soll denn die Verschiedenheit in der Resultirenden der Gegenwirkungen der gleichartigen Nerven und der gleichartigen Seele erläutert werden? — Diese Schwierigkeit mahnt uns, wenigstens daran zu denken, dass das, was man Seele nennt, ein sehr complicirtes Gebilde sei, dessen einzelne Theile in einer innigen Wechselbeziehung stehen, vermöge deren die Zustände eines Theiles sich dem Ganzen leicht mittheilen ^)."
Nehmen wir an, der Beweis, den Ludwig hier führt, sei schlagend und dränge mit Gewalt zu der Folgerung, bei welcher er endet, so würde doch die reale Einheit des Bewusstseins, wie wir sie erklärten,' keineswegs dadurch widerlegt sein. Wenn diese Einheit quantitative und ungleichartige Theile hätte und ein sehr compUcirtes Gebilde wäre, so würde siQ, den Anforderungen von Ludwig Genüge leisten. Allerdings könnte einer auf Grund der Atomistik eine solche Annahme als unmöglich bestreiten. Aber die atomistische Hypothese, wie viel auch immer für sie sprechen möge, dürfte ihre Wahrscheinlichkeit nicht gegenüber der Evidenz der inneren Thatsachen geltend machen.
Noch mehr. Ludwig spricht von einer Mittheilung der Zustände der einzelnen Theile an das Ganze, d. h. wohl an seine sämmtlichen übrigen Theile. Somit wird jeder Theil Zustände haben, wie die anderen Theile; also jeder wird sehen, hören u. s. f., wenn auch ein Theil zunächst durch den Lichtreiz, ein anderer durch den Reiz des Schalles erregt wird. Wenn nun auch das Ganze ein CoUectiv und nur die Theile reale Einheiten wären, so würde doch jeder dieser Theile für sich allein eine Gruppe von psychischen Thätigkeiten, wie wir sie innerlich wahrnehmen, enthalten, und es wäre daher nicht nöthig, dass unsere innere Wahrnehmung über eine reale Einheit hinausreichte; ja nicht einmal wahr- *) Lehrbuch der Physiologie des Menschen, I. S. 606.
, Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 223 scheinlich wäre es,' da sie uns sonst dieselbe Gruppe mehrmals zeigen würde. Somit wäre nach Ludwig das Verhältniss nur dieses, dass ausser unserem einheitlichen Bewusstsein noch andere, ihm völlig gleiche, in den\selben Leibe beständen, was wiederum der Einheit des Bewusstseins, wie wir sie lehren, nicht widersprechen würde.
Vielleicht ist aber auch das Argument selbst nicht so zwingend, wie Ludwig glaubt. — Man hat, sagt er, keine wesentliche Verschiedenheit in den Nervenröhren gefunden. — Ist man desshalb sicher, dass keine vorhanden ist, die man noch nicht entdeckte? und kann man mit Zuverlässigkeit behaupten, dass Unterschiede, die in anderem Betracht unbedeutend erscheinen, nicht vielleicht in Bezug auf die Empfindungen „wesentlich" sind? In neuester Zeit hat man behauptet, dass auch zwischen den Ganglien keine wesentlichen Unterschiede sich zeigten, und darum in dem Unterschiede der äusseren Organe den ganzen Grund der Unterschiede der Empfindungen sehen wollen^). Mag dies nun *) Wundt, Phyeiol. Psychol. Cap. 5. S. 173 ff. Cap. 9. S. 345 ff. „Es ist^', sagt Wundt, „in hohem Grade wahrscheinlich, dass der Satz von der functionellen Indifferenz im selben Umfange, in welchem er in Bezug auf die Nervenfasern angenommen ist, auch auf die centralen Endigungen derselben ausgedehnt werden muss. Die Unterschiede, die an den letzteren gefunden werden, sind nicht grösser als diejenigen, welche die verschiedenen Nervengattungen darbieten; und der Erfahrung, dass verschiedenartige Nervenenden mit einander verheilt, und dann z. B. durch Reizung sensibler Fasern motorische Wirkungen ausgelöst werden können, treten die umfangreichen Stellvertretungen zwischen den centralen Endgebilden als nahehin gleichberechtigte That-Sachen zur Seite. Offenbar hat man bei dieser Verlegung in die Centraltheile nur den Kunstgriff gebraucht, den Sitz der specifischen Function in ein Gebiet zu verschieben, das noch hinreichend unbekannt war, um über dasselbe beliebige Behauptungen wagen zu können.'' (S. 347.) Wundfs eigene Erklärung der Thatsachen enthält jedoch den Widerspruch, dass sie davon ausgeht, die physische Aehnlichkeit der Nerven (ja der Endgebilde) sei zu gross, als dass in ihrem Unterschiede der Grund der specifischen Function gesucht werden könnte, und damit endet, dass dennoch ein Unterschied der Nerven, nämlich ein durch Gewohnheit entstandener, der Grund der specifischen Function sei.
M f^t' rm ms m f^v: 224 Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
ziilässig oder unzulässig sein, jedenfalls zeigt es die Unsicherheit des Beweises. Denn, wenn es unzulässig ist, so zeigt es an einem Beispiele, wie uns physiologische Unterschiede entgehen oder unbedeutend erscheinen können, die nichtsdestoweniger einflussreich werden. Endlich wäre denkbar, dass die Verschiedenheit der centralen Gebilde, zu welchen die Empfindungsnervön führten, zwar wirklich die Unterschiede von Schall- und Farbe - Empfindungen bedingten, aber mir in der Weise, in welcher wir die Verursachung den Nerven selbst, wenn sie sich auffallend verschieden zeigten, zuschreiben würden, nämlich als Glieder in einer noch weiter führenden Kette.
A. Lange hat, wie auch viele Andere, auf die Erscheinungen der Theilung, durch welche oft ein Thier in zwei Thiere zerlegt werden kann, als etwas mit der Einheit des Bewusstseins Unvereinbares hingewiesen, und ebenso auf die ihnen gegenüberstehende Verschmelzung zweier Thiere in eines. „Die Strahlenfüsschen", sagt er, „eine Generationsfolge der Glocke nthierchen (vorticella), nähern sich häufig einander, legen sich innig aneinander, und es entsteht an der Berührungsstelle zuerst Abplattung und dann vollständige Verschmelzung. Ein ähnlicher Copulationsprocess kommt bei den Gregarinen vor, und selbst bei einem Wurme, dem Diplozoon, fand Siebold, dass er durch Verschmelzung zweier Diporpen entsteht^)."
Wir haben schon bemerkt, dass die Theilungserscheinungen, wenn sie uns auch zwingen sollten, <lie Zerlegung einer Gruppe psychischer Phänomene in mehrere quantitative Theile anzunehmen, nichts gegen die Einheit des Bewusstseins beweisen würden, da in dieser weder die Einfachheit noch Untheilbarkeit behauptet wird. Aus demselben Grunde kann man auch die Verschmelzungserscheinungen nicht gegen sie geltend machen.. Würde man diesen niederen Thieren Gedächtniss zuschreiben und annehmen, dass sich in den beiden durch Theilung entstandenen Thieren Erinnerungen aus dem Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins.
Leben des zerfällten Thieres erhielten, so dass nun das gleiche Bewusstsein in zwei Qualitäten bestehe, so spräche auch dies nicht gegen die Einheit des Bewusstseins in unserem Sinne. Würden wir behauptet haben, dass die psychischen Thätigkeiten, die das Gedächtniss unmittelbar zeigt, immer zu derselben Realität wie diejenigen gehören, welche in der inneren Wahrnehmung erfasst werden, so kämen wir hier allerdings zu dem Widerspruche, dass von zwei Gruppen von Phänomenen jede zu derselben Realität gehörte, und dass 3ie doch zugleich als zwei verschiedene Realitäten zu begreifen wären. Aber unsere Behauptung beschränkte sich ja nur . auf die Thätigkeiten der gegenwärtigen psychischen Gruppe. Somit kann man aus ihr jene widersprechenden Folgerungen nicht ziehen. Und wenn dner annähme, dass in dem durch Verschmelzung mehrerer Thiere entstandenen einheitlichen Thiere Erinnerungen aus einem doppelten Leben beständen, so würde auch- dies nicht der Einheit des Bewusstseins widerstreiten; denn das Gedächtniss würde dann zwar unmittelbar eine Mehrheit gleichzeitig bestehender realer psychischer Einheiten zeigen, aber der Gesichtskreis der inneren Wahrnehmung nie über die Grenzen einer realen Einheit sich erstrecken.
Eigenthümlich ist es, dass Lange, wenn er einerseits behauptet, dass gewisse Thatsachen der Einheit des Bewusstseins widersprechen, andererseits anerkennt, dass eine Gruppe von psychischen Thätigkeiten, wie wir sie in uns finden, ohne reale Einheit undenkbar sei. So ergibt sich ihm hier ein Widerspruch, der an die Kant'schen Antinomien erinnert, und er löst ihn als ein ächter Schüler dieses Philosophen, indem - er den einander widerstreitenden Erscheinungen keine andere als eine phänomenale Wahrheit zuerkennt. Damit kein Widerspruch zwischen Einheit und Vielheit existire, müssen wir nach ihm annehmen, dass weder Einheit noch Vielheit in Wirklichkeit bestehe, sondern dass beide Begriffe nur subjective Auffassungsweisen unseres Denkens seien. „Die einzige Rettung", sagt er, „besteht darin, dass der Gegensatz von Vielheit und Einheit als eine Folge unserer Organisation Brentano, Psychologie. I.
226 Buch II. Von den psyclüachen Phänomenen im ÄUgemeinen.
[refasst wird, dasB man annimmt, er sei in der Welt der Dinge an sich auf irgend eine uns unbekannte Weise gelöst ofler vielmehr gar nicht vorhanden. Damit entgehen wir denn dem innersten Grunde des Widerspruches, der überhaupt in der Annahme absoluter Einheiten besteht, die ans nirgends gegeben sind. Fassen wir alle Einheit als relativ" (nämlich zu unserem Denken, und zwar zu diesem oder jenem besonderen Denkacte), „sehen wir in der Einheit nur die Zusammenfassung in unserem Denken, so haben wir damit zwar nicht das innerste Wesen der Dinge erfasst, wohl aber die Consequenz der wissenschaftlichen Betrachtung iniigüch gemacht." (Mit anderen Worten, wir können trotz der Widersprüche, die zu Tage getreten, getrost die Untersuchung weiter führen, indem wir sie als bloss phänomenale, in kemer Weise der Wirklichkeit zukommende Widersprüche betrachten.) „Die absolute Einheit des Selbstbewusstseins fahrt zwar schlecht dabei, allein es ist kein Uebelstand, wenn eine Lieblingsvorstellung einiger Jahrtausende beseitigt wird ^)."
Allerdings würde die Einheit des Bewusstseins schlecht dabei &hren, wenn auch den Erscheinungen der inneren Wahrnehmung nur phänomenale Wahrheit zukäme. Nicht einmal die Existenz eines Bewusstseins wäre ja dann gesichert. Aber wir- haben schon wiederholt bemerkt, dass der Weg Kaat's, auf welchem Lange ihm hier folgt, ein Irrweg sei. Ks ist geradezu ein Widerspmch, wenn man, wie Kant es thut, den inneren und äusseren Wahrnehmungen, beiden in fileicher Weise, bloss phänomenale Wahrheit zuerkennt. Denn <lie phänomenale Wahrheit der physischen Phänomene verlangt die reale Wahrheit von psychischen; wären die psychischen Phänomene nicht in Wirklichkeit, so wären physische wie psychische auch nicht einmal als Phänomene vorhanden. Auf diese Weise ist also der Widerspruch nicht zu beseitigen. Dagegen haben wir oben gesehen, wie die von Lange geltend gemachten Erscheinungen mit der Thatsache der Einheit des Capitel 4. Von der Einheit des Bewusstseins. 227 Bewusstseins, wenn man nur diese richtig versteht, ganz leicht in Einklang zu bringen sind.
Lange betont noch eine Erscheinung mit besonderem Nachdrucke. „Die relative Einheit", sagt er, „tritt bei den niederen Thieren besonders merkwürdig hervor b^i jenen Polypen, welche einen gemeinsamen Stamm besitzen, an welchem durch Knospung eine Menge von Gebilden erscheint, die in gewissem Sinne selbständig, in anderer Hinsicht dagegen nur als Organe des ganzen Stammes zu betrachten sind. Man wird auf die Annahme geführt, dass bei diesen Wesen auch die Willensregungen theils allgemeiner, theils specieller Natur sind, dass die Empfindungen aller jener halb selbständigen Stämme in Rapport stehen und doch auch ihre besondere Wirkung haben. Vogt hat ganz Recht, wenn er den Streit um die Individualität dieser Wesen einen Streit um des Kaisers Bart nennt. „Es finden allmälige üebergänge statt; die Individualisation nimmt nach und nach zu ^)." " — Als reale Einheit, das ist wahr, lassen sich die psychischen Thätigkeiten in einem Polypenstamme nicht wohl begreifen. Aber sollten sie darum als ein üebergang zwischen Einheit und Vielheit, als etwas, was nicht mehr eigentlich Eins und doch auch noch nicht Vieles ist, gefasst werden müssen? Ich sehe nicht ein, was uns hier zu der Annahme einer solchen widerspruchsvollen Mitte nöthigte.und davon abhielte, geradezu eine Vielheit von realen psychischen Einheiten in dem Stamme anzuerkennen. Wenn Lange von diesen Polypen sagt, „die Willensregungen seien bei ihnen theils allgemeiner, theils specieller Natur", so ist dies nur in dem Sinne etwa eine richtige Deutung der Phänomene, in welchem man auch bei einer Menge zu einer Stadt oder zu einem Volke^ gehöriger Menschen dasselbe sagen könnte.
Jedes einzelne Bewusstsein ist in einer solchen Thiercolonie, wie Lotze treffend bemerkt, unabhängig von dem anderen in der Ausübung der spärlichen Aeusserungen lebendiger Regsamkeit, die ihnen möglich sind, und doch sind sie „durch