SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

German

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gen, dass nur durch die von uns durchgeführte Beziehung des Schönen zur vorstellenden Thätigkeit die richtige Stellung ihm gegeben wird. Unter vielen will ich hier nur die eine oder andere Stelle aus verschiedenen seiner" Schriften hervorheben. In der Kritik der ürtheilskraft sagt Kant: „Wessen Gegenstandes Form in der blossen Reflexion über dieselbe als der Grund einer Lust an der Vorstellung eines solchen Objectes beurtheilt wird; mit dessen Vorstellung wird dieseLust auch als nothwendig verbunden geurtheilt, folglich als nicht bloss für das Subject, welches diese Form auffasst, sondern für jeden Urtheilenden überhaupt. Der Gegenstand heisst alsdann schön; und das Vermögen durch eine solche Lust (folglich auch allgemeingültig) zu urth eilen, der Geschmack^)." In den metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre (1797) wiederholt er nochmals, dass es eine Lust gebe, welche mit gar keinem Begehren des Gegenstandes, sondern mit der blossen Vorstellung, die man sich von einem Gegenstande macht, schon verknüpft sei, und bemerkt: „Man würde die Lust, die mit dem Begehren des Gegenstandes nicht nothwendig verbunden ist, die also im Grunde nicht eine Lust an der Existenz des Objectes der Vorstellung ist, sondern bloss an der Vorstellung allein haftet, bloss contemplative Lust oder unthätiges Wohlgefallen nennen können. Das Gefühl der letzteren Art von Lust nennen wir Geschmack ^y So bewährt sich unsere Behauptung, dass die Verkennung der fundamentalen Verschiedenheit von Vorstellung und ürtheil die Annahme eines anderen fundamentalen Unterschie- ») Krit. d. ürtheilskr. Einl. VI.

') Metaph. Anfangsgr. der Rechtslehre Cap. 1. -^ Auch Thomas von Aquin, der, wie überhaupt die Peripatetische Schule, den Fehler der Vereinigung von Vorstellung und Urtheil in derselben Grundclasse mit Kant gemein hatte, gibt in der oben (S. 341 Anm. 2) mitgetheilten Stelle der Beziehung des Schönen zur Vorstellung Zeugniss. An einem anderen Orte sagt er: „Bonum proprie respicit appetitum...Pulchrum autem respicit vim cognoscitivam: pulchra enim dicuntur, quae visa placent" (Summ. Theol. F. I. Q. 5. A. 4 ad 1.)

Capitel 8. Einheit der Gnmdclasse für Gefühl und Willen. 345 des, der nicht wirklich vorhanden ist, vorbereitete; und dass so der erste in der Eintheilung der psychischen Phänomene begangene Fehler zur Entstehung des zweiten wesentlich beitrug., Es scheint, als ob dieser Umstand nicht am Wenigsten ein störendes Moment geworden sei.

Ausserdem wurde der neue Irrthum natürlich auch durch den Mangel an Klarheit über das eigentliche Pjrincip der Eintheilung begünstigt. Wir haben davon schon früher gesprochen und können uns darum jetzt jedes weitere Wort ersparen.

Was immer sonst noch dazu beigetragen haben mag, dass man Ge^l und Willen irrthümlich für zwei verschiedene Grundclassen psychischer Erscheinungen hielt: die hauptsächlichsten Anlässe der Täuschung haben wir, glaube ich, in der vorausgegangenen Untersuchung zusammengestellt. Sie sind so mannigfach und bedeutend, dass wir uns nicht v darüber verwundem können, wenn sich auch mancher hervorragende Denker dadurch verführen liess; und so, hoffe ich, wird durch ihre Darlegung das letzte Bedenken gegen die von uns verfochtene Zusammengehörigkeit von Gefühl und Willen verschwunden sein. Dann aber scheint unsere Grundeintheilung überhaupt gesichert. Wir dürfen es daher als feststehend betrachten, dass die psychischen Phänomene nicht mehr und nicht weniger als einen dreifachen fundamentalen Unterschied hinsichtlich ihrer Beziehung zum Inhalte, oder, wie wir uns ausdrücken können, hinsichtlich der Weise des Bewusstseins zeigen; und dass sie hienach in drei Grundclassen zerfallen: in die Glasse der Vorstellungen, in die der Urtheile und in die der Phänomene der Liebe und des Hasses.

Neuntes Capitel.

Vergleich der drei Gmndclassen mit dem dreifachen Phänomene des inneren Bewnsstseins. Bestimmnng ihrer natürlichen Ordnung.

§. 1. Die drei von uns festgestellten Grundclassen der Vorstellung, des ürtheils und der Liebe erinnern uns an eine früher gefundene Dreiheit von Phänomenen. In dem inneren Bewusstsein, das jede psychische Erscheinung begleitet, sahen wir eine darauf gerichtete Vorstellung, eine Erkenntniss und ein Gefühl beschlossen, und offenbar entspricht je eines dieser Momente einer der drei Glassen der Seelenthätigkeiten, die sich uns jetzt ergeben haben.

Hieraus ersehen wir, dass Phänomene der drei Grundclassen aufs Innigste sich miteinander verflechten. Denn eine innigere Verbindung als die zwischen den drei Momenten des inneren Bewusstseins ist nicht mehr denkbar.

Wir erkennen femer, dass die drei Glassen von äusserster Allgemeinheit sind; es gibt keinen psychischen Act, bei welchem nicht alle vertreten wären. Jeder Classe kommt eine gewisse Allgegenwart in dem ganzen Seelenleben zu.

Daraus folgt aber, wie auch früher bemerkt, nicht, dass sie auseinander ableitbar sind. Aus jedem Gesammtzustande des psychischen Lebens lässt sich erkennen, dass ein Vermögen zu jeder der drei Gattungen von Thätigkeiten vor- Capitel 9. Vergleich der Grundclassen mit dem inneren Bewnsstsein. 347 banden ist. Aber ohne Widerspruch Hesse es sich denken, dass' ein psychisches Leben bestände, dem die eine oder auch zwei von den Gattungen, so wie die Fähigkeit zu ihnen mangelte. Ebenso bleibt ein Unterschied zwischen psychischen Acten, die in einem relativen Sinne blosse Vorstellungsacte zu nennen sind, und solchen, bei welchen dies nicht der Fall ist, insofern das primäre Object eines Actes bald bloss vorgestellt, bald auch anerkannt oder geleugnet, bald zugleich in irgendwelcher Weise geliebt oder gehasst wird. Bei den letzteren werden Saiten, die in dem ersten Falle nur mitgeklungen hatten, so zu sagen direct angeschlagen.

Die Thatsache gibt also nur der universellen Bedeutung jeder der drei Classen Zeugniss; und dieses Zeugniss ist, wo es sich um die Frage nach dem fundamentalen Charakter der Classe handelt, gewiss willkommen. Die übliche Dreitheilung in Erkenntniss, Gefühl und Willen kann es nicht in gleicher Weise 'für sich anführen. Hamilton, wahrscheinlich weil er die Bedeutsamkeit des Umstandes begriff, hat freilich auch ftir die Wülensthätigkeit den Anspruch vollkommener Allgemeinheit erhoben. „In unseren philosophischen Büchern", sagt er, „da mögen allerdings Erkenntniss, Gefühl und Bestrebung, jedes von dem anderen getrennt in Büchern und Gapiteln stehen; in der Natur sind sie aber miteinander verwoben. In jeder, auch der einfachsten Modification des Geistes finden sich Erkenntniss, Gefühl und Willen zusammen, um den psychischen Zustand zu bilden" i), u. s. f. Aber demjenigen, welcher den Begriff des Wollens analysirt, kann es nicht zweifelhaft bleiben, dass Hamilton für seine dritte Grundclasse Unmögliches behauptet. Wird doch ein Wollen, wie wir auch früher sagten, erst durch den Gedanken an ein eigenes Wirken möglich; ein Umstand, der, wie er überhaupt den weniger generellen Charakter dieses Classenbegriffes anzeigt, insbesondere beweist, wie weit er davon entfernt ist, auf eine primitive Bethätigung Anwendung finden zu können.

*) Lect on Metaph. I. p. 188. Später (ebend. IT. p. 433) wiederholt er nochmals denselben Gedanken, aber nicht mehr mit der gleichen Zuversicht.

« 848 Buch 11. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

So sehen wir auch nach dieser Seite hin unsere Classification gegenüber der gegenwärtig üblichen im Vortheile, obwohl ich diesem Umstände nicht eine gleich entscheidende Bedeutung wie manchen Ergebnissen früherer Erörterung beilegen möchte.

§. 2. Es bleibt uns jetzt nur noch eine Frage zu beantworten, und auch für sie ist die Entscheidung in den vorangegangenen Untersuchungen vorbereitet, ja gewissennassen schon auticipirt. Es ist die Frage nach der natürlichen Reihenfolge der drei Classen.

Wie überall, so muss auch in unserem Falle die relative Unabhängigkeit, Einfachheit imd Allgemeinheit der Classen für ihre Ordnung bestimmend werden.

Nach diesem Principe ist es klar, dass der Vorstellung der erste Platz gebührt: denn sie ist das einfachste der drei Phänomene, indem Urtheil und Liebe immer eine Vorstellung in sich schliessen; sie ist ebenso das unabhängigste unter ihnen, da sie die Grundlage der übrigen ist; und ebendarum ist dieses Phänomen auch das allgemeinste. Ich sage dies nicht, als wollte ich leugnen, dass auch Urtheil und Liebe in jedem psychischen Zustande irgendwie vertreten seien; dies haben wir vielmehr so eben noch ausdrücklich hervorgehoben. Aber wir haben dennoch zugleich einen gewissen Unterschied der Allgemeinheit bemerkt, insofern das primäre Object noth wendig und allgemein nur in der dem Vorstellen eigenen Weise der intentionalen Einwohnung im Bewusstsein gegenwärtig ist. Auch könnte man sich ohne Widerspruch ein Wesen denken, welches, ohne Vermögen für Urtheil und Liebe, allein mit dem Vermögen der Vorstellung ausgestattet wäre, nicht aber umgekehrt; und die Gesetze des Vorstellungslaufes bei einer solchen psychischen Fiction könnten einige von den Gesetzen sein, die auch jetzt in unserem psychischen Leben ihren Einfluss offenbaren.

Aus ähnlichen Gründen gebührt dem Urtheile die zweite Stelle. Denn das Urtheil ist nächst der Vorstellung die einfachste Classe. Es hat nur die Vorstellung zu seiner Grund- Capitel 9. Die natürliche Ordnung der Grundclassen. 349 läge, nicht aber die Phänomene der Liebe und des Hasses. i)er Gedanken eines Wesens, das mit der Thätigkeit zum Vorstellen die zum Urtheilen verbände, aber ohne jede Regung der Liebe oder des Hasses bliebe, enthält keinen Widerspruch; und wir sind im Stande zu jenen Gesetzen des Vorstellungslaufes, von welchen wir sprachen, einen gewissen Kreis von besonderen Gesetzen des Urtheiles hinzuzufügen, worin noch von allen Phänomenen der Liebe gänzlich Umgang genommen wird. Anderes gilt dagegen von diesen Erscheinungen, wenn man sie in ihrem Verhältniss zu den Urtheilen betrachtet. Es ist gewiss nicht nöthig, dass derjenige, welcher etwas liebt, glaubt, dass es existire, oder auch nur existiren könne; aber dennoch ist jedes Lieben ein Lieben, dass etwas sei; und wenn eine Liebe die andere erzeugt, weain Eines um des Anderen willen geliebt wird, so geschieht dies nie, ohne dass ein Glauben an gewisse Beziehungen des Einen zum Anderen dabei betheiligt ist. Je nach dem Urtheile über das Sein oder Nichtsein, die Wahrscheinlichkeit oder UnWahrscheinlichkeit dessen, was man liebt, ist der Act der Liebe bald Freude, bald Trauer, bald Hoffnung, bald Furcht, und nimmt so noch mannigfache andere Formen an. So scheint es in der That undenkbar, dass ein Wesen mit dem Vermögen der Liebe und des Hasses begabt wäre, ohne an dem des Urtheiles Theil zu haben. Und ebenso ist es unmögüch, irgend welches Gesetz der Aufeinanderfolge für diese Gattung von Phänomenen aufzustellen, welches von den Phänomenen des Urtheiles gänzüch absieht. In Bezug auf Unabhängigkeit, in Bezug auf Einfachheit, und eben darum auch in Bezug auf Allgemeinheit steht also diese Classe der des Urtheiles nach; an Allgemeinheit natürüch nur in dem Sinne, in welchem allein auch bei Vorstellung und Urtheil von einem Unterschiede der Allgemeinheit gesprochen werden konnte.

Man erkennt aus dem Gesagten, wie vollständig diejenigen den wahren Zusammenhang der Thatsachen verkennen, welche, wie es gerade in unseren Tagen von mehreren Seiten geschieht, den Willen unter allen psychischen Phäno-