Dasselbe gilt in Betreff der Stärke. Die Gesammtheit der Classe ist deutlich durch eine besondere Gattung von Intensität ausgezeichnet. Die Unterschiede der Gewissheit sind, wie schon früher bemerkt, mit den Unterschieden der Grade des Liebens und Hassens unvergleichbar; ja geradezu lächerlich würde es sein, wenn einer sagte: es ist mir dies doppelt so wahrscheinlich, als mir jenes heb ist od. dgl. Aber innerhalb der Classe selbst gilt nirgends dasselbe. Wie die verschiedenen Stufen der Ueberzeugung im Anerkennen und Verwerfen, so lassen auch die Gradunterschiede im Lieben und Hassen sich mit einander vergleichen. Wie ich ohne Inconvenienz sagen kann, dass ich das Eine mit grösserer Gewissheit annehme, als ich das Andere leugne: so kann ich auch sagen, dass ich das Eine in höherem Maasse liebe als ich das Andere hasse. Und nicht bloss die Stärke von Gegensätzen, sondern auch die von Freude und 330 Buch IT. Von den psychischen Phäuomenen im Allgemeinen.
Verlangen und "Willen und Vorsatz kann ich im Verhältnisse zu einander als grösser und geringer bestimmen. Ich freue mich mehr darüber, als ich nach jenem verlange; mein Verlangen ihn wieder zu sehen ist nicht so stark, als mein Vorsatz ihn meine Missbilligung emp&nden zu lassen u. s. f.
Aehnliehes zeigt sich in Hinsicht auf die Vollkommenheit und Unvollkomraenheit. "Wir sahen, wie in den Vorstellungen einerseits weder Tugend noch sittliche Schlechtigkeit, andererseits weder Erkenntnis noch Irrthum liegt. Mit den Phänomenen des Urtheilens kommen die letzten beiden hinzu; das erste Paar dagegen liegt, wie schon gesagt, ausschliesslich in dem Gebiete der Liebe und des Hasses. Findet es sich nun vielleicht nur in der einen der beiden Classen, in welche man das Gebiet zerlegt hat, in dem Willen; nicht aber in dem der Gefühle? — Man erkennt leicht, dass dies nicht der Fall ist, sondern dass es wie einen sittlich guten und sittlich schlechten Willen, auch sittlich gute und sittlich schlechte Gefühle gibt, wie z. B. Mitleid, Dankbarkeit, Heldenmuth, Neid, Schadenfreude, feige Furcht u. s. f. Wegen des besprochenen Mangels deutlicher Abgrenzung weiss ich freilich nicht, in wie weit einer einzelne von diesen Beispielen vielleicht lieber zum Gebiete des Willens rechnet; aber auch nur eines von ihnen würde zu unserem Zwecke genügen 0- ') Es ist richtig, dase die Namen Tngend and Schlechtigkeit von nna in einem zu engen Sinoe gebraucht zu werden pflegen, als dasa man von jedem Acte der Liebe oder des Hasses sagen könnte, er sei tugendhaft oder schlecht. Nur gewisse ausgezeichnete Acte, in welchen das wahrhaft Liebenswürdige geliebt, das wahrhaft Hassen s würdige gehasst wird, ehren wir mit dem Namen Tugend,- und ebenso legen wir nur gewiaaen ausgezeichneten Acten, in welchen ein entgegengesetztes Verhalten stattfindet, den Namen Schlechtigkeit bei. Acte von Liebe und Haas, bei welchen ein entsprechendes Yerhalten selbatveratäudhch erscheint, werden wir nicht als tugendhaft bezeichnen. Wir könnteu vielleicht zeigen, wie sich die Begriffe zu einer vollkommen allgemeinen Anwendbarkeit entschränken liessen. Doch genügt es uoa bier, dargethan zu haben, dass sie so, wie mau sie gemeiniglich anwendet, wenigstens der üblichen Unierscheiduug von Gefühl und Willen keine Stütze bieten.
Capitel 8. Einheit der Grundclasae für Gefühl und Willen. 331 Auch kann man nicht behaupten, dass zwar Tugend und Schlechtigkeit beiden Gebieten gemeiti, aber im Willen noch eine neue, besondere Classe von Vollkommenheit und UnvoUkommenheit zu ihnen hinzugekommen sei; und bis jetzt wenigstens hat, meines Wissens, Niemand eine solche bezeichnet.
Wenden wir uns zu dem letzten Punkte des Vergleiches^ zu den Gesetzen der Succession der Erscheinungen.
Bei den Urtheilen, obwohl sie von den allgemeinen Gesetzen des Vorstellungslaufes sich keineswegs unabhängig zeigen, kommen doch noch andere, besondere Gesetze hinzu, welche aus ihnen nicht abgeleitet werden können. Wir bemerkten bereits, dass diese Gesetze die vorzügliche psychologische Grundlage der Logik ausmachen. Bei Liebe und Hass, sagten wir damalö,*sei etwas Aehnliches der Fall; und in der That sind zwar diese Phänomene weder von den Gesetzen des Vorstellungslaufes noch von denen der Entstehung und Succession der Urtheile unabhängig: aber dennoch zeigen auch sie besondere unableitbare Gesetze ihrer Aufeinanderfolge und Entwickelung, welche die psychologische Grundlage der Ethik bilden.
Fragen wir nun, wie es mit diesen Gesetzen sich verhalte. Sind sie vielleicht auf die Classe des Willens allein beschränkt? oder beherrscht wenigstens nur ein Theil von ihnen Gefühle und Willensthätigkeiten gemeinsam, während ein anderer, durch einen neuen und eigenthtimlichen Charakter ausgezeichnet, für die Phänomene des Wollens ausschliesslich Geltung hat? — Keines von Beidem ist richtig; vielmehr gehen in ganz ähnlicher Weise in einem Falle Acte des Wollens wie in einem anderen Acte der Freude und Traurigkeit auseinander hervor. Ich freue mich oder betrübe mich über einen Gegenstand um eines Anderen willen, während er sonst mich unberührt gelassen hätte; und ebenso begehre und will ich etwas wegen eines Anderen, obwohl ich sonst nicht danach verlangte. Auch erzeugt die Gewohnheit des Genusses bei eingetretenem Mangel eine stärkere Begierde, wie umgekehrt ein vorausgegangenes längeres Verlangen den eingetretenen Genuss verstärkt und hebt.
fj^A -^ e?r &> I 332 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im. Allgemeinen.
Doch wie? — wir sagen, dass wesentlich dieselben Gesetze auf dem öebiete der Gefühle und auf dem des Willens Geltung haben? und doch scheint gerade hier der grösste Gegensatz zu bestehen, der überhaupt auf psychischem Gebiete Sich zeigt. Denn der WiUen, im Unterschiede von allen übrigen Gattungen, gilt als das Reich der Freiheit, welches, wenn nicht jeden Einfluss, doch sicher eine Herrschaft von Gesetzen, wie sie auf den anderen Gebieten besteht, von sich ausschliesse. Somit scheint hier ein starker Grund für die » » herkömmliche Scheidung von Gefühl und Willen vorzuliegen. Die Thatsache der Willensfreiheit, auf welche sich dieser Einwand stützt, hat bekanntlich von Alters her den Gegenstand eifrigen Streites gebildet, an dem wir selbst uns erst an einem späteren Orte betheiligen werden *). Aber ohne -dem künftigen Ergebniss irgendwie vorzugreifen, sind wir, glaube ich, schon jetzt das Argument zurückzuweisen im Stande. Angenommen es finde sich auf dem Gebiete des Willens wirklich jene volle Freiheit, welche in demselben einzelnen Fall ein Wollen und Nichtwollen und ein entgegengesetztes Wollen als möglich erscheinen lässt: so besteht dieselbe doch sicher nicht auf dem ganzen Gebiete, sondern nur etwa da, wo entweder verschiedene Arten des Handelns oder wenigstens Handeln und nicht»- Handeln, jedes in seiner Weise als ein Gut in Betracht kommt. Dies wurde von den bedeutendsten Vertretern der Willensfreiheit immer und ausdrücklich anerkannt. Was aber, obwohl vielleicht minder deutlich ausgesprochen, dennoch ebenso unverkennbar als ihre Ueberzeugung sich zu erkennen gibt, ist, dass sich unter jenen Seelenthätigkeiten, die nicht als ein Wollen bezeichnet werden können, und die man den Gefühlen zurechnet, gleichfalls freie Acte finden. So hält man den Schmerz der Reue über ein früheres Vergehen, die schadenfrohe Lust und viele andere Phänomene der Freude und Traurigkeit für nicht weniger freie Acte, als den Vorsatz sein Leben zu ändern und die Absicht Jemand einen Nachtheil zuzu- 1) Buch V.
Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 333 fügen. Ja die Gefühle einer contemplativen Gottesliebe gelten Vielen als verdienstlicher als die htilfreiche Bethätigung des Willens im Dienste des Nächsten, obwoHl sie nur bei freien Bethätigungen von Verdienst und Missverdienöt sprechen wollen. Wenn man trotzdem im Allgemeinen nur von Willensfreiheit sprach, so hing dies bei älteren Philosophen mit dem, wie wir sahen, erweiterten und auf Gefühl und Willen im engeren Sinne gleichmässig ausgedehnten Gebrauche dieses Namens; bei modernen aber häufig mit anderen Unklarheiten zusammen, die sich in ihre Untersuchung einmischten. So hat selbst Locke die Unterscheidung zwischen dem Vermögen, eine Handlung, je nachdem man sie will oder nicht will, zu üben oder zu unterlassen, und der Möglichkeit, unter denselben Umständen sie zu wollen oder nichtj zu wollen, niemals klar vollzogen. Es ist also sicher, dass, wenn überhaupt auf dem Gebiete der Liebe und des Hasses Freiheit besteht, dieselbe nicht auf Acte des WoUens allein, sondern ebenso auf gewisse Bethätigungen der Gefühle sich erstreckt, und dass andererseits ebensowenig jeder Act des Wollens als jeder Act des Fühlens frei genannt Werden kann. DiiBS genügt, um zu zeigen, wie durch die Anerkennung der Freiheit die Kluft zwischen Gefühl und Willen nicht erweitert und der hergebrachten Classeneintheilung keine Stütze geboten wird.
§. 8. Wir haben nun den vorgezeichneten Weg unserer Untersuchung auch seinem dritten Theile nach zurückgelegt» Es war wesentlich derselbe Gang, den wir jetzt einhielten, da wir das Verhältniss von Gefühl und Begehren prüften, wie früher, als es sich um den Nachweis des fundamentalen Unterschiedes zwischen Vorstellung und Urtheil handelte. Aber Schritt für Schritt waren unsere Wahrnehmungen dieses Mal die entgegengesetzten.
Fassen wir das Ergebniss kurz zusammen: Erstens hat uns die innere Erfahrung gezeigt, wie zwischen Gefühl und Willen nirgends eine scharfe Grenze gezogen ist. Wir haben bei allen psychischen Phänomenen, 334 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
die nicht Voi^steUungen oder UrtheiJe sind, einen übereinsümmenden Charakter der Beziehung auf den Inhalt gefunden, und können sie alle in einem einheitlichen Sinne als Phänomene der Liebe und des Hasses bezeichnen.
Zweitens, wenn bei Vorstellung und Urtheil mit der Leugnung einer Verschiedenheit in der "Weise des Bewusstseins die Angabe eines Unterschiedes überhaupt unmöglich wurde: so haben wir auf dem Gebiete von Gefühl und Willen im Gegentheile gesehen, dass unter zu Hülfe Nähme des Gegensatzes von Liebe und Hass und ihrer Gradunterschiede sich jede einzelne Classe durch Berücksichtigung der besonderen zu Grunde liegenden Phänomene definiren lässt.
Drittens endlich haben wir gesehen, dass eine Variation von Umständen, wie sie bei einer Verschiedenheit der Weise des Bewusstseins anderwärts sich zu zeigen pflegt, bei Gefühl und Willen nicht gefunden wird.
Somit dürfen wir wohl die Einheit unserer dritten Gnindclasse als vollkommen erwiesen betrachten, und es bleibt uns nur noch übrig, wie früher bei Vorstellung und Urtheil, BO jetzt bei Gefühl und Willen die Grande aufzudecken, welche eine Verkennung des wahren Verhältnisses begünstigten.
§. 9. Diese Anlässe der Täuschung scheinen mir von dreifacher Art gewesen zu sein: psychische, sprachliche und, wenn wir sie so nennen wollen, historische, d. h. solche Anlässe, welche durch vorausgegangene Verirnmgen der Psychologie in anderen Fragen gegeben wurden.
Betrachten wir zunächst die vornehmsten psychischen Gründe.
Wir haben früher gesehen, wie die Phänomene des inneren Bewusstseins in eigenthümlicher Weise mit ihrem Object verschmolzen sind. Die innere Wahrnehmung ist in dem Acte, den sie wahrnimmt, mitbegriflfen, und ebenso ist das innere Gefühl, welches einen Act begleitet, selbst Theil seines Gegenstandes. Es lag nahe, diese besondere Weise der Verbindung mit dem Objecte mit einer besonderen Weise von intentionaler Beziehung zu ihm zu verwechseln, und so Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 335 die zum inneren Bewusstsein gehörigen Phänomene der Liebe lUJQd desTlasses von allen übrigen, wie eine Grundclasse von einer anderen zu sondern.
Wenn wir an die Weise zurückdenken, in welcher Kant über den Unterschied des Gefühls und Begehrens sich äusserte, so glaube ich yrerden wir deutliche Spuren eines Zusammenhanges seiner Lehre mit dem eben erwähnten Unterschiede erkennen; sagte er doch, dass das Begehrungsvermögen eine „objective Beziehung" habe, während das Gefühl „bloss aufs Subject" sich beziehe^).
Bei Hamilton tritt dasselbe in dem Maasse auffälliger hervor, als er sich ausführlicher über die Scheidung von Gefühl und Streben verbreitet; und Bestimmungen, die im Uebrigen schwer mit einander in Einklang zu bringen sind, weisen doch übereinstimmend darauf hin, dass ihm bei der Classe des Gefühls hauptsächlich die zum inneren Bewusstsein gehörigen Gefühlsphänomene vorschwebten. Seine Bestimmung, dass das Gefühl ausschliesslich der Gegenwart angehöre, ist dann gerechtfertigt; und seine Charakteristik der Gefühle als „subjectivisch subjectiv" wenigstens begreiflich geworden. Auch steht die Untersuchung über die Entstehung der Gefühle, wie man sie im zweiten Bande seiner Vorlesungen findet, vollkommen mit einer solchen Auffassung im Einklänge*).
Wie kommt es aber, dass wenn hier die besondere Verbindung der inneren Phänomene mit ihrem Objecte zu einer Unterscheidung zweier Grundclassen führte, auf dem Gebiete der Erkenntniss nicht dasselbe der Fall war? Warum hat man nicht auch die innere Wahrnehmung von jeder anderen Erkenntniss als eine eigene, grundverschiedene Weise des Bewusstseins abgesondert? — Die Antwort hierauf ist leicht. Wir haben gesehen, wie es eine Eigenthümlichkeit unserer dritten Grundclasse ist, eine Menge von Arten in sich zu schliessen, die mehr als besondere Classen von Ur- *) Lectures on MetaphysicB IL p. 436 es. Vgl. auch Lotze, Mikrokosmus 1. Aufl. I. S. 261 ff. und a. a. 0.
336 Buch ir. Von den psychischen Phänomenen im AUgemeinen.
theilen von einander verschieden sind. So war es denn hier überhaupt leichter, die Uebereinstimmung im allgemeinen Charakter der Beziehung zum Objecte zu verkennen als bei den Phänomenen der Erkenntniss; und derselbe Umstand, der auf diesem Gebiete keinerlei Versuchung mit sich führte, konnte auf dem anderen die Täuschung veranlassen.
§. 10. Zu dem angegebenen kommt aber noch ein anderer psychischer Grund. Wie wir uns erinnern, machten Kant und seine Nachfolger für die fundamentale Verschiedenheit des Wollens von dem Gefühle seine Unableitbarkeit aus den Phänomenen dieser Classe geltend. Es ist ausser Frage, dass die Erscheinungen des Willens wirklich aus anderen psychischen Phänomenen nicht abgeleitet werden können., Und ich meine hier nicht etwa dies, dass die besondere Färbung der Willensbethätigungen nur durch specifische Erfahrung erkannt werden kann; denn das ist etwas, was ebenso für andere specielle Classen der Liebe und des Hasses gilt. Die besondere Färbung der Hoffnung gegenüber dem besitzenden Genüsse, die besondere Färbung der edelen geistigen Freude gegenüber der niederen Sinnenlust sind ebenfalls unableitbar. Ein anderer Umstand ist, der in einer ganz vorzügüchen Weise gerade das WoUen als unableitbar erscheinen und gerade bei ihm die Neigung entstehen lässt, es als Bethätigung eines besonderen Urvermögens zu fassen.
Jedes Wollen oder Streben im eigentlicheren Sinne bezieht sich auf ein Handeln. Es ist nicht einfach ein Begehren, dass etwas geschehe, sondern ein Verlangen, dass etwas als Folge des Verlangens selbst eintrete. Ehe Jemand die Erkenntniss oder wenigstens die Vermuthung gewonnen hat, dass gewisse Phänomene der Liebe und des Verlangens die geliebten Gegenstände unmittelbar oder mittelbar als Folge nach sich ziehen, ist ein Wollen für ihn unmöglich.
Wie soU er nun aber zu einer solchen Erkenntniss oder Vermuthung gelangen? — Aus der Natur der Phänomene der Liebe, seien sie Phänomene der Lust oder Unlust, des Verlangens, der Furcht oder andere, lässt sie sich nicht Capitel 8. Einheit der Grandclasse für Gefühl und Willen. 337 schöpfen. Es bleibt also nur übrig, entweder anzunehmen dass sie ihm angeboren sei, oder dass sie, ähnlich wie auch andere Erkenntnisse von Krafbbeziehungen, von ihm der Erfahrung entnommen werde. Das Erste wäre offenbar die Annahme einer ganz ausserordentlichen Thatsache, die, wenn irgend etwas, keine Ableitung zuliesse. Das Zweite aber, das gewiss von vom herein unvergleichlich wahrscheinlicher ist, setzt deutlich einen besonderen Kreis von Erfahrungen und die Existenz und wirkliche Bethätigung einer besonderen Gattung von Kräften voraus, auf welche diese Erfahrungen sich beziehen. Somit ist die Kraft gewisser Phänomene der Liebe zur Verwirklichung der Gegenstände^ auf welche sie gerichtet sind, eine Vorbedingung des WoUens, und gibt, auch wenn man nicht, wie Bain es gethan hat, das Vermögen zu handeln als das Vermögen des Wollens selbst betrachtet, in gewisser Weise erst die Fähigkeit zu ihm. Da nun diese Kraft zur Aeusserung und Bethätigung der Liebe und des Verlangens der Fähigkeit zu diesen Phänomenen selbst völlig heterogen ist, und darum nicht mehr, ja eher noch viel weniger aus ihr als sie aus dem Vermögen der Erkenntniss ableitbar erscheint: so erscheint natürlich auch die Fähigkeit zum Streben und Wollen als ein in ganz vorzüglicher Weise unableitbares Vermögen, obwohl die Unmöglichkeit der Ableitung nicht darin ihren Grund hat, dass die betreffenden Phänomene selbst einen von den übrigen Phänomenen der Liebe fundamental verschiedenen Charakter zeigen.
Im Gegentheile wird man bei näherer Erwägung finden, dass sich hier aufs Neue ein Zug der Verwandtschaft der Willensphänomene mit anderen Erscheinungen der Liebe und des Verlangens offenbart. Wenn das Wollen die Erfahrung eines Einflusses von Phänomenen der Liebe zur Hervorbringung des geliebten Gegenstandes voraussetzt, so setzt es offenbar voraus, dass auch Phänomene der Liebe, welche kein Wollen genannt werden können, ähnlich wie das Wollen, wenn auch vielleicht in schwächerem Grade, sich wirksam erweisen. Denn würde eine solche Brentano, Psychologie. I. 22 pt ' 338 Buch U. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
P:l: ^y Einwirkung sich ausschliesslich an das Wollen knüpfen, so ^ y würde man in einen verhängnissvoUen Zirkel verwickelt.
Das Wollen würde die Erfahrung des Wollens voraussetzen.
?^! während natürlich umgekehrt auch diese das Wollen voraussetzt.
i: Anders, wenn auch schon das blosse Verlangien nach gewissen I? V Ereignissen ihr Eintreten zur Folge hat; es kann dann mit *r der Modification, welche die Kenntniss von dieser Kraftbe- ^1^ Ziehung ihm gibt, d. i. als Wollen sich wiederholen.
^Sv Mögen diese Andeutungen genügen, bis wir später uns fr eingehend mit dem Probleme der Entstehung des Wollens ^^y beschäftigen werden.
^p Wenn wir aus einer früher betrachteten Aeusserung 1# Känt's über die Eigenthümlichkeit der Gefühle den Zusam- * ■ menhang seiner Classification mit der Zugehörigkeit gewisser ^^- Phänomene der Liebe zum inneren Bewusstsein erkannten, so weisen andere, und nicht wenige, sehr deutlich auf die eben betrachteten Verhältnisse hin. Hat doch Kant das Bei^^r ' gehrungsvermögen geradezu als das „Vermögen durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu sein" definirt, und an derselben Stelle, an welcher er von einer Beziehung von Vorstellungen „bloss aufs Subject" redet, hinsichtlich welcher sie „im Verhältnisse zum Gefühle der Lust betrachtet werden", spricht er von einer anderen, „objectiven Beziehung, da sie, zugleich als Ursache der Wirklichkeit dieses Objectes betrachtet, zum Begehrungsvermögen gezählt »werden". Nun fällt aber die Abgrenzung der beiden Classen, welche sich ergibt, wenn man die inneren Phänomene der Liebe als Gefühle zusammenfasst und allen übrigen entgegenstellt, keineswegs mit jener zusammen, zu welcher man gelangt, wenn man das Streben nach einem Gegenstande, das die besprochene Kraftbeziehung als bekannt voraussetzt, von allen übrigen Phänomenen der Liebe scheidet. Daher finden wir bei Kant jene befremdende Behauptung, dass jeder Wunsch, und wenn es ein anerkannt unmöglicher wäre, wie z. B. der Wunsch Flügel zu haben, schon ein Bestreben sei, das Gewünschte zu erlangen, und die Capitel 8. Einheit der Gnmdclasse für Gefühl und Willen. 339 Vorstellung der Causalität unserer Begehrung enthalte^). Sie ist ein verzweifelter Versuch die Grenzlinie der beiden Glassen, so wie die eine Bücksicht sie verlangt, auch mit der anderen in Einklang zu bringen. Andere haben es vorgezogen, die Classe der Gefühle weiter und bis zur Grenze des eigentlichen WoUens auszudehnen, und wieder Andere haben jeder der beiden Glassen mehr oder minder beträchtliche Theile von dem Zwischengebiete zugewiesen. Daher die Unsicherheit der Grenzscheidung, die wir gefunden haben.
I §. 11. Wir sagten, zu den psychischen Gründen, die in der eig^nthümlichen Natur der Phänomene selbst liegen, seien sprachliche Anlässe hinzugekommen.
Aristoteles, welcher die Einheit unserer dritten Gnmdclasse richtig erkannt hatte, bezeichnete sie, wie wir hörten, mit dem Namen Begehren (ogc^tg). Der Ausdruck war wenig passend gewählt ^); denn nichts liegt dem Sprachgebrauche des gewöhnlichen Lebens femer, als die Freude ein Begehren zu nennen. Doch dies hinderte nicht, dass das Mittelalter sich hier wie in so mancher anderen Beziehung von der Autorität des „Philosophen" und seiner üebersetzer leiten iiess und das Vermögen zu den sämmtlichen hieher gehörigen Acten als „facultas appetendi" bezeichnete *); und an die Ausdrücke der Scholastiker schloss sich später Wolflf bei der Unterscheidung seines Erkenntniss- und Begehrungsvermögens an.
1) Kritik der Urtheilskraft, Einleitung III. Anm.
^) Aristoteles wurde auf ihn wahrscheinlich durch eine veraUgemeinemde Zusammenfassung von ^vfxog und intd-vfiia geführt, die in Platon's Eintheilung neben dem XoyiOfiog erscheinen; ein Zeichen mehr für die Wahrheit unserer früheren Bemerkung, dass sich die Grundeintheüungen des Aristoteles sämmtlich aus der Platonischen entwickelt haben. Nach anderen Seiten hin ist der Zusammenhang ohnehin unverkennbar.
') Nur einzelne Male zeigen sich Spuren von Emancipation, wie z. B. bei Thomas von Aquin, wenn er Summ. Theol. P. I. Q. 37. art. 1 und öfter den Ausdruck „amare^^ als allgemeinsten Ciassennamen gebraucht.
340 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Da nun der Namen Begehren im Leben eine viel zu enge Bezeichnung hat, als dass er alle psychischen Phänomene ausser denen des Denkens umfassen könnte, so lag der 6e* danken nahe, dass es Phänomene gebe, die in den bisher aufgestellten Glassen nicht einbegriffen seien, und dass somit diesen eine neue Classe coordinirt werden müsse. Dass wirkUch auch dieser Umstand nicht ohne Einfluss blieb, zeigt eine früher aus Hamilton angezogene Stelle^).
§, 12. Wir sagten aber, die Täuschung hinsichtlich der Einheit dieser Classe psychischer Phänomene habe auch noch eine dritte Art von Ursachen gehabt; in früheren Untersuchungen begangene Fehler haben hier nachtheilig eingewirkt.
Der Irrthum, den wir hier vorzüglich im Auge hatten, war der, dass man Vorstellung und Urtheil als Phänomen derselben Grundclasse betrachtete. Man fand die drei Ideen (wie man sie oft mit Auszeichnung nennt) des Wahren, Guten und Schönen; und sie schienen einander coordinirt. Man glaubte, sie müssten eine Beziehung zu drei coordinirten, grundverschiedenen Seiten unseres Seelenlebens haben. Die Idee des Wahren theilte man dem Erkenntnissvermögen, die Idee des Guten dem Begehrungsvermögen zu; da war denn das dritte Vermögen, das der Gefühle, eine willkommene Entdeckung, um ihm die Idee des Schönen als seinen Antheil zuzuweisen. So ist schon bei Mendelssohn, wo er von den drei Seelenvermögen spricht, von dem Wahren, Guten und Schönen die Rede. Und Kant wird es von späteren Vertretern einer ähnlichen Dreitheilung zum Vorwurfe gemacht, dass er das Gefühl der Lust und Unlust „einseitig auf das ästhetische Geschmacksurtheil" beschränl^, und ebenso „das Begehrungsvermögen nicht als rein psychologische Kraft, sondern in Beziehung zum Ideal des Guten, dem es dienen soll, betrachtete*)."
Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 341 Bei einer genaueren Untersuchung, ob die Vertheilung des Wahren, Guten und Schönen auf die drei Classen des Erkenntniss -, Begehrungs- und Gefühlsvermögens wirklich zu rechtfertigen sei, wird sich freilich manches Bedenken erheben.
Wir haben früher eine Stelle von Lotze angeführt, worin dieser Denker, der doch selbst Willen und Gefühl als Grundvermögen scheidet, „die sittlichen Grundsätze jeder Zeit" als „Aussprüche eines werthempfindenden Gefühles" bezeichnet. In der That hat Herbart die ganze Ethik, wie einen besonderen Zweig, der Aesthetik als der allgemeineren Wissenschaft zugewiesen, so dass bei ihm das Ideal des Guten ganz in dem des Schönen unterzugehen droht, oder doch als eine besondere Gestaltung dem umfassenderen Gedanken sich unterordnet.
Andere haben einen entgegengesetzten Versuch gemacht; sie haben das Schöne unter den Begriff des Guten gestellt, wie z. B. Thomas von Aquin, indem er sagt, gut sei das, was gefalle, schön das, dessen Erscheinung gefalle*). Hier wird zunächst die Erscheinung des Schönen als etwas Gutes betrachtet, und dann natürlich ist auch das, was die Erscheinung hervorruft, in Rücksicht darauf ein Gut. In der That gehört die Schönheit in diesem Sinne ohne Zweifel unter die Güter; aber auch von der Wahrheit muss Aehnliches gesagt werden; und somit scheint der Charakter des Begehrenswerthen allen dreien gemeinsam zu sein, wie es ja auch darum weil es sich um drei Ideale handelt nicht anders denkbar ist.
*) Im Grunde genommen schon Adam Smith, wenn anders Kant Becht hat, indem er sagt, schön sei was uninteressirtes Wohlgefallen errege. Ja lange vor ihnen sagte Augastinus: „Honestam voco intelligibilem pulchritudinem, quam spiritualem nos proprie dicimus." (83 Q. Q. quaest. 30 nahe am Anf.)
>) De ratione boni est quod in eo quietetur appetitus. Sed ad rationem pulchri pertinet quod in ejus aspectu seu cognitione quietetur appetitus...Pulchrum addit supra bonum quemdam ordinem ad ▼im cognoscitivam; ita quod honum dicatur id quod simpHciter complacet appetitui; pulchrum autem dicatur id cujus ipsa apprehensio placet. (Summ. Theol. P. IL 1. Q. 27. A. 1 ad 3.)
342 Buch II. Ton den paychischen PhSnomenen im Allgemeinen.
Es thut also Noth, in einer etwas anderen Weise die Dreiheit des Schönen, Wahren und Guten zu fassen, und es wird sich dann zeigen, dass sie wirklich zu einer Dreiheit der SeitMi »mseres Seelenlebens in Beziehung steht; nicht aber zu Erkenntniss, GefUhl und Willen, sondern zu jener Dreiheit, die wir in dea drei Gnindclassen der psychischen Phänomene unterschieden haben.
Jede Grundelasse von psychischen Phänomenen hat eine ihr cigenthümliehe Gattung von Vollkommenheit; und diese gibt sich in dem inneren Gefühle, welches, wie wir sahen, jeden Act begleitet, zu erkennen. Den vollkommensten Acten jeder Grundelasse wohnt eine darauf bezüghche, wie wir sagen, edle Freude inne. Die höchste Vollkommenheit der vorstellenden Thätigkeit liegt in der Betrachtung des Schonei), sei diese nun durch die Einwirkung des Objectes unterstützt, oder von einer solchen unabhängig. An sie knüpft sich der höchste Genuss, welchen wir in der vorstellenden Thiitigkeit als solcher finden können. Die höchste ^ollkomnienheit der urtheilenden Thätigkeit liegt in der Erkenntniss der Wahrheit; am Meisten natürlich in der Erkenntnie;s solcher Wahrheiten, die mehr als andere eine reiche l-'ülle des Seins uns offenbaren. Dies ist z. B, dann der Fall, wenn wir ein Gesetz erfassen, durch welches, wie durch das Gesetz der Gravitation, mit einem Schlage ein weites Gebiet von Erscheinungen erklärt wird. Darum ist das Wissen eine Freude und ein Gut an und fllr sich und abgesehen von allem praktischen Nutzen, den es gewährt.
„Alle Menschen verlangen von Natur nach dem Wissen", sagt der grosse Denker, der mehr als viele Andere die Freuden der Erkenntniss verkostet hat. Und wiederum sagt er: „die erkennende Betrachtung ist das Süsseste und Beste i)." Die höchste Vollkommenheit der liebenden Thätigkeit endUch liegt in der durch Rücksicht auf eigene Lust und eigenen Gewinn ungehemmten freien Erhebung zu höheren Gütern, in der opferwilligen Hingabe ihrer sdhst an das, was um Capitel 8. Einheit der Grondclasse für Gefühl und Willen. ^43 seiner Vollkommenheit willen mehr und über Alles liebenswürdig ist, in* der Uebung der Tugend oder der Liebe des Guten um seiner selbst willen und nach dem Maasse seiner Vollkommenheit. Die Freude, die der edlen Handlung und überhaupt der edlen Liebe innewohnt, ist es, die in ähnlicher Weise dieser Vollkommenheit, wie die Freuden der Erkenntniss und der Betrachtung des Schönen der Vollkommenheit der anderen beiden Seiten des Seelenlebens, entspricht. Das Ideal der Ideale besteht in der Einheit alles Wahren, Guten und Schönen, d. i. in einem Wesen, dessen Vorstellung die unendliche Schönheit und in ihr wie in ihrem unendlich überragenden ürbilde alle denkbare endliche Schönheit zeigt; dessen Erkenntniss die unendliche Wahrheit und in ihr wie in ihrem ersteü und allgemeinen Erklärungsgrunde alle endliche Wahrheit offenbart; und dessen Liebe das unendliche, allumfassende Gut und in ihm jedes andere liebt, welches in endlicher Weise an der Vollkommenheit Theil hat. Das, sage ich, ist das Ideal der Ideale. Und die^ Seligkeit aller Seligkeiten bestände in dem dreifachen Genüsse dieser dreifachen Einheit, indem die unendliche Schönheit angeschaut, und aus ihrer Anschauung durch sich selbst als nothwendige und unendliche Wahrheit erkannt, und als unendliche Liebenswürdigkeit offenbar geworden mit gänzlicher und nothwendiger Hingabe als das unendliche Gut geliebt würde. Dies ist auch die Verheissung der Seligkeit, welche in der vollkommensten der Religionen, die in der Geschichte aufgetreten sind, in dem Christenthume, gegeben wird, und mit ihm stimmen die grössten Denker des Heidenthums und namentlich der gottbegeisterte Piaton in der Hoffnung auf ein solches beseligendes Glück überein.
Wir sehen, auch wenn man mit uns das Gefühl als eine Grundclasse verwirft, wenn man nur zugleich im Uebrigen unsere Grundeintheilung sich eigen macht, lässt die Dreiheit der Ideale, des Schönen, Wahren und Guten, sich aus dem System der psychischen Vermögen wohl erklären. Ja sie wird dadurch erst in voller Weise verständlich gemacht; und selbst bei Kant fehlt es nicht an Aeusserungen, welche dafür zeu- 344 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.