Aber auch hier stossen wir auf Streit und Widerspruch. Und insbesondere ist es Hamilton, der für eine ganze weite €lasse von psychischen Erscheinungen, nämlich für alle diejenigen, die er als Gefühle (feelings) bezeichnet, für Lust und Schmerz in ihren mannigfachsten Arten und Abstufungen, die angegebene Eigenthümlichkeit leugnet. Hinsichtlich der Phänomene des Denkens und Begehrens ist er mit uns einig. Offenbar gebe es kein Denken ohne ein Object, das gedacht, kein Begehren ohne einen Gegenstand, der begehrt werde. „In den Phänomenen des Gefühles dagegen," sagt er, „(den Phänomenen von Lust und Schmerz) stellt das Bewusstsein den psychischen Eindruck oder Zustand nicht vor sich hin, €S betrachtet ihn nicht für sich (apart), sondern ist so zu:sagen in Eins mit ihm verschmolzen. Die Eigenais Empfundenes sei in dem Empfindenden, der Sinn nehme das Empfundene ohne die Materie auf, das Gedachte sei in dem denkendea Verstände. Bei Philo finden wir ebenfalls die Lehre von der mentalen Existenz und Inexistenz. Indem er aber diese mit der Existenz im •eigentlichen Sinne confundirt, kommt er zu seiner widerspruchsvollen -Logos- und Ideenlfthre. Aehnliches gilt von den Neuplatonikern.
Augustinus in seiner Lehre vom Verbum mentis und dessen inner-.lichem Ausgange berührt dieselbe Thatsache. Anseimus thut es iu meinem berühmten ontologischen Argumente; und dass er die mentale ^ie eine wirkliche Existenz betrachtete, wurde von Manchen als Grundlage seines Paralogismus hervorgehoben (vergl. üeberweg, Gesch. der Phil. II.). Thomas von Aquin lehrt, das Gedachte sei intentional in dem Denkenden, der Gegenstand der Liebe in dem Liebenden, das Begehrte in dem Begehrenden, und benützt dies zu theologischen Zwecken. Wenn die Schrift von einer Einwohnung des hl. Geistes spricht, so erklärt er diese als eine intentionale Einwohnung durch die Liebe. Und in der intentionalen Inexistenz beim Denken nnd Lieben ^ucht er auch für das Geheimniss der Trinität und den Hervorgang -des Wortes und Geistes ad intra eine gewisse Analogie zu finden.
Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene, 117 thümlichkeit des Gefühles besteht daher darin, dass in ihm nichts ist, ausser was subjectivisch subjectiv (subjectively subjective) ist; hier findet sich weder ein von dem Selbst verschiedenes Object, noch irgend welche Objectivirung des Selbst ^).''' In dem ersten Falle wäre etwas da, was nach Hamilton'?^ Ausdrucksweise „objectiv", in dem zweiten etwas: was „objectivisch subjectiv" ist, wie bei der Selbsterkenntniss, deren Object Hamilton darum Subject - Object nennt; Hamilton stellt, indem er Beides in Betreff des Gefühles leugnet, jede intentionale Inexistenz für dasselbe auf das Entschiedenste in Abrede.
Indessen ist, was Hamilton sagt, jedenfalls nicht durchgängig richtig. Gewisse Gefühle beziehen sich unverkennbar auf Gegenstände, und die Sprache selbst deutet diese durch die Ausdrücke an, deren sie sich bedient. Wir sagen, man freue sich an-, man freue sich über etwas, man trauere oder gräme sich über etwas. Und wiederum sagt man: das^ freut mich, das schmerzt mich, das thut mir leid u. s. L Freude und Trauer folgen, wie Bejahung und Verneinung^ Liebe und Hass, Begehren und Fliehen, deutlich einer Vorstellung und beziehen sich auf das in ihr Vorgestellte.
Am Meisten dürfte einer in den Fällen Hamilton beizustimmen geneigt sein, in welchen man, wie wir früher sahen, am Leichtesten der Täuschung verfällt, es liege dem Gefühle keine Vorstellung zu Grunde; also z. B. beim Schmerze, der durch Schneiden oder Brennen erweckt wird. Aber der Grund ist kein anderer als eben die Versuchung zu dieser, wie wir sahen, irrthümlichen Annahme. Auch Hamilton erkennt übrigens mit uns die Thatsache an,, dass Vorstellungen ausnahmslos, und somit auch hier, die Grundlage der Gefühle bilden. Um so auffallender erscheint daher seine Leugnung eines Objects für die Gefühle.
Eines freilich ist wohl zuzugeben. Das Object, auf welches sich ein Gefühl bezieht, ist nicht immer ein äusserer Gegenstand. Auch da, wo ich einen Wohlklang höre, ist die 118 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Lust, die ich fühle, nicht eigentlich eine Lust an dem Tone, sondern eine Lust am Hören. Ja man könnte vielleicht nicht mit Unrecht sagen, dass sie sich in gewisser Weise so-^ar auf sich selbst beziehe, und dass darum mehr oder minder das eintrete, was Hamilton sagt, dass nämlich das Gefühl mit dem Gegenstand „in Eins verschmolzen" sei. Aber dies ist nichts, was nicht in gleicher Weise bei manchen Phänomenen der Vorstellung und Erkenntniss gilt, wie wir "bei der Untersuchung über das innere Bewusstsein sehen werden. Dennoch bleibt bei ihnen eine mentale Inexistenz, «in Subject-Object, um mit Hamilton zu reden; und dasselbe wird darum auch bei diesen Gefühlen gelten. Hamilton hat Unrecht, wenn er sagt, dass bei ihnen Alles „subjectivisch subjectiv'' sei; ein Ausdruck, der ja eigentlich sich selbst widerspricht; denn, wo nicht mehr von Object, ist auch nicht mehr von S u b j e c t zu reden. Auch wenn Hamilton von einem in -Eins -Verschmelzen des Gefühles mit dem psychischen Eindruck sprach, gab er genau betrachtet gegen sich selbst Zeugniss. Jedes Verschmelzen ist eine Vereinigung von Mehrerem; und somit weist der bildUche Ausdruck, welcher die Eigenthümlichkeit des Gefühles anschaulich machen soll, immer noch auf eine gewisse Zweiheit in der Einheit hin.
Die intentionale Inexistenz eines Objects dürfen wir also mit Eecht als eine allgemeine Eigenthümlichkeit der psychischen Phänomene geltend machen, welche diese Classe der Erscheinungen von der Classe der physischen unterscheidet.
§. 6. Eine weitere gemeinsame Eigenthümlichkeit aller psychischen Phänomene ist die, dass sie nur in innerem Bewusstsein wahrgenommen werden, während bei den physischen nur äussere Wahrnehmung möglich ist. Dieses unterscheidende Merkmal hebt Hamilton hervor^).
Es könnte einer glauben, mit einer solchen Bestimmung sei wenig gesagt, da es vielmehr das Naturgemässe scheine, dass man umgekehrt den Act nach dem Object, also die *) Ebend.
Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 119 innere Wahrnehmung im Gegensätze zu jeder anderen als Wahrnehmung psychischer Phänomene bestimme. Allein die innere Wahrnehmung hat,. abgesehen von der Besonderheit ihres Objectes, auch noch Anderes, was sie auszeichnet; namentlich jene unmittelbare, untrügliche Evidenz, die unter allen Erkenntnissen der Erfahrungsgegenstände ihr allein zukommt. Wenn wir also sagen, die psychischen Phänomene seien diejenigen, welche durch innere Wahrnehmung erfasst werden, so ist damit gesagt, dass ihre Wahrnehmung unmittelbar evident sei.
Ja noch mehr! Die innere Wahrnehmung ist nicht bloss die einzige unmittelbar evidente; sie ist eigentlich die einzige Wahrnehmung im eigentlichen Sinne des Wortes. Haben wir doch gesehen, dass die Phänomene der sogenannten äusseren Wahrnehmung auch auf dem Wege mittelbarer Begründung, sich keineswegs als wahr und wirklich erweisen lassen; ja dass der, welcher vertrauend sie für das nahm, wofür sie sich boten, durch den Zusammenhang der Erscheinungen des Irrthums überführt wird. Die sogenannte äussere Wahrnehmung ist also strenggenommen nicht eine Wahrnehmung; und die psychischen Phänomene können somit als diejenigen bezeichnet werden, in Betreff deren allein eine Wahrnehmung im eigentlichen Sinne des Wortes möglich ist.
Auch durch diese Bestimmung sind die psychischen Phänomene genügend charakterisirt. Nicht als ob alle psychischen Phänomene für jeden innerlich wahrnehmbar, und darum alle, die einer nicht wahrnehmen kann, von ihm den physischen Phänomenen zuzurechnen seien; vielmehr ist es offenbar und wurde von uns schon früher ausdrücklich bemerkt, dass kein psychisches Phänomen von mehr als einem Einzigen wahrgenommen wird; allein wir haben damals auch gesehen, dass in jedem vollentwickelten menschlichen Seelenleben jede Gattung psychischer Erscheinungen sich vertreten findet und darum dient der Hinweis auf die Phänomene, welche das Gebiet der inneren Wahrnehmung ausmachen, in genügender Weise unserem Zwecke.
120 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
§. 7. Wir sagten, die psychischen Phänomene seien diejenigen, von welchen allein eine Wahrnehmung im eigentlichen Sinne möglich sei. Wir können eben so gut sagen, sie seien diejenigen Phänomene, welchen allein ausser der intentionalen auch eine wirkliche Existenz zukomme. Erkenntnisse Freude, Begierde bestehen wirkUch; Farbe, Ton, Wärme nur phänomenal und intentional.
Es gibt Philosophen, welche so weit gehen zu sagen, essei durch sich selbst evident, dass einer Erscheinung wie die,, welche wir eine physische nennen, keine Wirklichkeit entsprechen könne. Sie behaupten, dass, wer dies annehme und physischen Phänomenen eine andere als mentale Existenz zuschreibe, etwas sieh selbst Widersprechendes behaupte. So sagt z. B. Bain, man habe die Erscheinungen der äusseren Wahrnehmung durch die Annahme einer physischen Welt zu erklären gesucht, „welche zuerst ohne wahrgenommen zu werden bestehe, und dann durch Einwirkung auf den Geist zur Wahrnehmung gelange". „Diese Anschauung", sagt er^ „enthält einen Widerspruch. Die herrschende Lehre ist, dass ein Baum etwas in sich selbst, abgesehen von aller Wahrnehmung, sei, dass er durch das Licht, welches er entsende, in unserem Geist einen Eindruck hervorbringe und dann wahrgenommen werde; so zwar, dass die Wahrnehmung eine Wirkung, und der unwahrgenommene" (d. h. wohl der ausser der Wahrnehmung bestehende) „Baum die Ursache sei. Allein der Baum ist nur durch Wahrnehmung bekannt; was er vor der Wahmehnjung und unabhängig von ihr sein mag, können wir nicht sagen; wir können an ihn als wahrgenommenen^ aber nicht als unwahrgenommenen denken. Es liegt ein offenbarer Widerspruch in der Annahme; man verlangt von von uns in demselben Augenblicke, wir sollten das Ding wahrnehmen, und wir sollten es nicht wahrnehmen. Wir kennen die Bertihrungsempfindung von Eisen, aber es ist nicht möghch, dass wir die Berührungsempfindung, abgesehen von der Berührungsempfindung, kennen^)."
Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 121 Ich muss eingestehto, dass ich nicht im Stande bin^ niich Ton der Richtigkeit dieser Argumentation zu überzeugen. So gewiss es auch ist, dass eine Farbe uns nur erscheint, wenn wir sie vorstellen: so ist doch hieraus nicht zu schliessen, dass eine Farbe ohne vorgestellt zu sein nicht existiren könne. Nur wenn das Vorgestellt -sein als ein Moment in der Farbe enthalten wäre, so etwa wie eine gewisse Qualität und Intensität in ihr enthalten ist, würde eine nicht vorgestellte Farbe einen Widerspruch besagen, da ein Ganzes ohne einen seiner Theile in Wahrheit ein Widerspruch ist. Dieses aber ist offenbar nicht der Fall. Wäre es doch sonst auch geradezu unbegreiflich, wie der Glauben an die wirkhche Existenz der physischen Phänomene ausserhalb unserer Vorstellung, ich will nicht sagen, entstehen, aber zu der allgemeinsten Ausbreitung gelangen, mit äusserster Zähigkeit sich erhalten, ja selbst von Denkern ersten Ranges lange Zeit getheilt werdien konnte. -^ Wenn das richtig wäre, was Bain sagt: „wir können an einen Baum als wahrgenommenen, nicht aber als unwahrgenommenen denken; es liegt ein offenbarer Widerspruch in der Annahme": so wären seine weiteren Folgerungen allerdings nicht mehr zu beanstanden.
Allein gerade dies ist nicht zuzugeben. Bain erläutert den Ausspruch, indem er bemerkt: „man verlangt von uns in demselben Augenblicke, wir sollten das Ding wahrnehmen, und wir sollten es nicht wahrnehmen." Aber es ist nicht richtig, dass man dies verlangt: denn einmal ist nicht jedes Denken eine Wahrnehmung; und dann, selbst wenn dies der FaU wäre, würde nur folgen, dass einer nur an von ihm wahrgenommene Bäume, nicht aber, dass er nur an Bäume als von ihm wahrgenommene denken könne. Ein weisses Stück Zucker schmecken, heisst nicht, ein Stück Zucker a 1 s weisses schmecken. Recht deutlich zeigt sich der Fehlschluss, wenn man ihn auf die psychischen Phänomene an« wendet. Wenn einer sagen würde: „ich kann an ein psychisches Phänomen nicht denken, ohne daran zu denken; also kann ich nur an psychische Phänomene als von mir gedachte denken; also existiren keine psychischen Phänomene 122 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
ausser meinem Denken": so wäre dies ein völlig gleiches Schlussverfahren, wie das, dessen Bain sich bedient. Nichtsdestoweniger wird Bain selbst nicht leugnen, dass sein individuelles psychisches Leben nicht das einzige ist, dem wirkliche Existenz zukommt. Wenn Bain beifügt: „wir kennen die Berührungsempfindung von Eisen, aber es ist nicht möglich, dass wir die Berührungsempfindung als etwas für sich, abgesehen von der Berührungsempfindung, kennen": so gebraucht er das Wort Berührungsempfindung zuerst offenbar im Sinne des Empfundenen, dann im Sinne des Empfindens. Das sind verschiedene Begriffe, wenn auch der Namen derselbe ist. Und somit würde nur der, welcher durch die Aequivocation sich täuschen liesse, das von Bain verlangte Zugeständniss unmittelbarer Evidenz machen können.
Nicht also das ist richtig, dass die Annahme, es existire ein physisches Phänomen, wie die, welche intentional in uns sich finden, ausserhalb des Geistes und in Wirklichkeit, einen Widerspruch einschliesst: nur eines mit dem anderen verglichen, zeigen sie Conflicte, welche deutlich beweisen, dass der intentionalen hier keine wirkUche Existenz entspricht. Und gilt dies auch zunächst nur, so weit unsere Erfahrung reicht, so werden wir doch nicht fehl gehen, wenn wir ganz allgemein den physischen Phänomenen jede andere als intentionale Existenz absprechen; §. 8. Man hat noch einen anderen Umstand als unterscheidend für physische und psychische Phänomene geltend gemacht. Man sagte, dass von psychischen Phänomenen immer nur eines nach dem anderen, von physischen dagegen viele zugleich auftreten. Nicht immer jedoch ist dies in ein und demselben Sinne gesagt worden; und nicht jeder Sinn, den man mit der Behauptung verband, zeigte sich im Einklänge mit der Wahrheit.
In neuester Zeit hat H. Spencer sich also darüber ausgesprochen: „Die zwei grossen Classen von lebendigen Thätigkeiten, welche die Physiologie und die Psychologie beziehungsweise umfassen, sind dadurch weit von einander geschieden, dass, während die eine sowohl gleichzeitige als auch auf einander Capitel 1. Unterschied der psych, und pliys. Phänomene. 123 folgende Veränderungen, die andere nur auf einander folgende Veränderungen einschliesst. Die Phänomene, welche den Gegenstand der Physiologie bilden, stellen sich als eine Unzahl verschiedener mit einander verknüpfter Reihen dar. Diejenigen, welche den Gegenstand der Psychologie bilden, stellen sich nur dar als eine einzige Reihe. Ein Blick auf die vielen fortdauernden Bethätigungen, welche das Leben des Körpers in seiner Gesammtheit ausmachen, zeigt sofort, dass sie gleichzeitig sind, — dass Verdauung, Blutumlauf, Athmung, Excretion, Secretion u. s. f., in allen ihren zahlreichen Untereintheilungen zugleich und in gegenseitiger Abhängigkeit vor sich gehen. Und die kürzeste Selbstbetrachtung lässt deutlich erkennen, dass die Thätigkeiteh, welche das Denken ausmachen, niclit zusammen, sondern die eine nach der anderen, verlaufen 0." — H. Spencer fasst also im Besonderen die physiologischen und physischen Erscheinungen bei ein und demselben mit psychischem Leben verbundenen Organismus vergleichend ins Auge. Würde er dies nicht gethan haben, so hätte er nothwendig zugeben, müssen, dass auch von psychischen Erscheinungsreihen mehrere gleichzeitig verlaufen, da ja von psychisch begabten lebenden Wesen mehr als eines in der Welt sich findet. Aber auch in der Beschränkung, die er ihr gibt, bleibt die von ihm aufgestellte Behauptung nicht durchgängig wahr. Und H. Spencer selbst ist so weit davon entfernt, dies zu verkennen, dass er sofort auf jene Arten von niederen Thieren, wie z. B. auf die Strahlenthiere, hinweist, bei welchen ein mehrfaches Seelenleben in einem Leibe gleichzeitig sich abspinnt. Hier, meint er, darum — was Andere aber nicht leicht zugestehen werden — sei zwischen psychischem und physischem Leben wenig Unterschied^).
Und er macht noch weitere Zugeständnisse, wonach die angegebene Verschiedenheit zwischen physiologischen und psychischen Erscheinungen zu einem blossen mehr oder minder sich abschwächt. — Noch mehr! wenn wir uns fragen, was Spencer unter den physiologischen Phänomenen versteht, 124 Buch II. Von (Jen psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
deren Veränderungen im Gegensatze zu den psychischen zugleich verlaufen sollen, so scheint es, dass er nicht eigentliche physische Erscheinungen,, sondern die in sich selbst unbekannten Ursachen dieser Erscheinungen mit dem Namen bezeichnet; denn hinsichtlich der physischen Erscheinungen, die in der Empfindung auftreten, möchte es unleugbar sein, dass sie sich nicht gleichzeitig verändern können, wenn nicht auch die Empfindungen gleichzeitigen Veränderungen unterUegen. In dieser Weise können wir also nicht wohl zu einem unterscheidenden Merkmale für die eine und andere Classe gelangen.
Andere haben darin eine Besonderheit des Seelenleben» sehen wollen, dass immer nur ein Object, nie mehrere gleichzeitig im Bewusstsein erfasst werden könnten. Sie wiesen auf den merkwürdigen Fall des Fehlers in der Zeitbestimmung hin, der bei astronomischen Beobachtungen regelmässig eintritt, indem der gleichzeitige Pendelschlag nicht gleichzeitig, sondern früher oder später zum Bewusstsein kommt^ als der beobachtete Stern mit dem Faden in dem Fernglase sich berührt^). So folge denn von psychischen Phänomenen in einfacher Reihe immer nur eines dem anderen nach. — Allein sicher hatte man Unrecht, das, was ein solcher Fall von äusserster Concentration der Aufmerksamkeit zeigt, ohne Weiteres zu verallgemeinern. H. Spencer wenigstens sagt: „Ich finde, dass man zuweilen nicht weniger als fünf gleichzeitige Reihen von Nervenveränderungen entdecken kann, welche in verschiedenen Graden zum Bewusstsein kommen, so dass wir keine von ihnen schlechthin unbewusst nennen können. Wenn wir gehen, ist die Reihe der Ortserscheinungen vorhanden; unter gewissen Umständen mag eine Reihe von Berührungserscheinungen sie begleiten; sehr häufig ist (bei mir wenigstens) eine Reihe von Tonerscheinungen da, welche eine Melodie oder das Bruchstück einer Melodie bilden, die mich verfolgt; und zu ihnen kommt die Reihe der *) Vgl. Bessel, Astronom. Beobachtungen, Abthl. VIII. Königsb, 1823, Einl. Struve, Expedition chronometrique etc. Petersb. 1844, p. 29.
Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 125 Oesichtserscheinungen: welche alle, dem herrschenden Bewusstsein, das durch einen Zug von Reflexionen gebildet wird, untergeordnet, denselben kreuzen und sich darein verweben^)." Aehnliches berichten Hamilton, Cardaillac und andere Psychologen auf Grund ihrer Erfahrungen. Angenommen aber, es wäre richtig, dass alle Fälle der Perception -demjenigen des Astronomen ähnlich seien, müsste man nicht immer wenigstens anerkennen, dass wir oft zugleich etwas vorstellen und ein Urtheil darüber fällen oder danach begehren? Es bhebe also dennoch eine gleichzeitige Mehrheit psychischer Phänomene. Ja man könnte mit besserem Rechte •die umgekehrte Behauptung aufstellen, dass von psychischen Phänomenen wohl oft mehrere zugleich, von physischen aber flie mehr als eines vorhanden sei.
In welchem Sinne kann man also allein etwa sagen, dass Ton psychischen Phänomenen stets nur eines, von physischen •dagegen viele zu gleicher Zeit auftreten? Man kann es, insofern die ganze Mannigfaltigkeit der psychischen Phänomene, •die Jemanden in innerer Wahrnehmung erscheinen, ihm immer als eine Einheit sich zeigt, während von den physischen Phänomenen, die er gleichzeitig durch sogenannte Äussere Wahrnehmung erfasst, nicht dasselbe gilt. — Wie anderwärts häufig, so ist auch hier von Manchen Einheit mit Einfachheit verwechselt worden, und sie behaupteten darum, sich selbst als etwas Einfaches in innerem Bewusstsein wahrzunehmen. Andere wieder leugneten, indem sie mit Recht der Einfachheit der Erscheinung widersprachen, zugleich die Einheit. Aber wie die Ersteren sich nicht consequent bleiben konnten, da vielmehr, sobald sie ihr Inneres beschrieben, eine reiche Vielheit verschiedener Momente Erwähnung fand: so konnten auch die Letzteren sich nicht ervvehren, unwillkürlich der Einheit der Seelenphänomene *) Ebend. p. 398. Ebenso sagt Drobisch, es sei „Thatsache, dass mehrere Reihen von Vorstellungen zugleich durch das Bewusstsein ^ehen können, aber gleichsam in verschiedenen Höhen." Erapir» Psychol. S. 140.
\ 126 Buch II. Von den J)sychi8chen Phänomenen im Allgemeinen.
Zeugniss zu geben. Sie sprechen, wie Andere, von einem „Ich*^ und nicht von einem „Wir" und bezeichnen dasselbe bald als ein „Bündel" von Erscheinungen, bald durch andere Namen, die das Zusammengehen in eine innige Einheit charakterisiren. Wenn wir Farbe, Schall, Wärme, Geruch gleichzeitig wahrnehmen, so hindert uns nichts, jedes einem besonderen Dinge zuzuschreiben. Dagegen die Mannigfaltigkeit der entsprechenden Empfindungsacte, Sehen, Hören, Empfinden der Wärme und Riechen, und mit ihnen das gleichzeitige Wollen und Fühlen und Nachdenken, so wie die innere Wahrnehmung, die uns von ihnen allen Kenntniss gibt, sind wir genöthigt, für Theilphänomene eines einheitlichen Phänomens^ in dem sie enthalten sind, und für ein einziges einheitliches Ding zu nehmen. Worin der Grund dieser Nöthigung besteht, das werden wir etwas später eingehend erörtern und dann auch noch manches hieher Gehörige ausführlicher darlegen. Denn das, was* wir hier berührten, ist nichts Anderes als die sogenannte Einheit des Bewusstseins, eine der folgenreichsten und immer noch angefochtenen Thatsachen der Psychologie.
§. 9. Fassen wir abschliessend die Ergebnisse der Erörterungen über den Unterschied der psychischen und physischen Phänomene zusammen. Wir machten zunächst die Besonderheit der beiden Classen an Beispielen anschaulich. Wir bestimmten dann die psychisiJhen Phänomene als Vorstellungen und solche Phänomene, die auf Vorstellungen als ihrer Grundlage beruhen; alle übrigen gehören zu den physischen. Wir sprachen darauf von dem Merkmale der Ausdehnung, welches von Psychologen als Eigenthümlichkeit aller physischen Phänomene geltend gemacht wurde; allen psychischen sollte es mangeln. Die Behauptung war aber nicht ohne Widerspruch geblieben, und erst spätere Untersuchungen können über sie entscheiden; nur dass die psychischen Phänomene wirklich sämmtlich ausdehnungslos erscheinen, konnte schon jetzt festgestellt werden. Wir fanden demnächst al? unterscheidende Eigenthümlichkeit aller psychischen Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 127 Phänomene die intentionale Inexistenz, die Beziehung auf etwas als Object; keine von den physischen Erscheinungen zeigt etwas Aehnliches. Weiter bestimmten wir die psychischen Phänomene als den ausschliesslichen Gegenstand der inneren Wahrnehmung; sie allein werden darum mit unmittelbarer Evidenz wahrgenommen; ja si^ allein werden wahrgenommen im strengen Sinne des Wortes^. Und hieran knüpfte sich die weitere Bestimmung, dass sie allein Phänomene seien, denen ausser der intentionalen auch wirkliche Existenz zukomme. Endlich hoben wir als^ unterscheidend hervor, dass die psychischen Phänomene, die Jemand wahrnimmt, ihm trotz aller Mannigfaltigkeit immer als Einheit erscheinen, während die physischen Phäno-^ mene, die er etwa gleichzeitig wahrnimmt, nicht in derselben Weise alle als Theilphänomene eines einzigen Phänomens sich darbieten.
Dasjenige Merkmal, welches die psychischen Phänomene unter allen am Meisten kennzeichnet, ist wohl ohne Zweifel die intentionale Inexistenz. Durch dieses, so wie durch die anderen angegebenen Eigenthümlichkeiten dürfen wir sie den physischen Erscheinungen gegenüber nunmehr als deutlich bestimmt betrachten. — Es kann nicht fehlen, dass die gegebenen Erklärungen der psychischen und physischen Phänomene auch unsere früheren Begriffsbestimmungen von psychischer und Naturwissenschaft in helleres Licht setzen; haben wir ja von dieser gesagt, sie sei die Wissenschaft von den physischen, und von jener, sie sei die Wissenschaft von den psychischen Phänomenen. Es ist nunmehr leicht zu erkennen, dass die beiden Bestimmungen stillschweigend gewisse Beschränkungen einschliessen.
Vor Allem gilt dies von der Bestimmung der Natur-^ Wissenschaft. Denn sie handelt nicht von allen physischen Phänomenen; nicht von denen der Phantasie, sondern nur von denen, welche in der Empfindung auftreten. Und auch für diese stellt sie die Gesetze nur insoweit, als sie von der physischen Reizung der Sinnesorgane abhängen, fest. Man.
128 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
iönnte die wissenschaftliche Aufgabe der Naturwissenschaft etwa so ausdrücken, dass man sagte: die Naturwissenschaft sei jene Wissenschaft, welche die Aufeinanderfolge der physischen Phänomene normaler und reiner (durch keine besonderen psychischen Zustände und Vorgänge mitbeeinflusster) Sensationen auf Grund der Annahme der Einwirkung einer raumähnlich in drei Dimensionen ausgebreiteten und zeitähnlich in einer Richtung verlaufenden Welt auf unsere Sinnesorgane zu erklären suche ^). Ohne über die absolute Beschaffenheit dieser Welt Aufschluss zu geben, begnüge sie sich damit, ihr Kräfte zuzuschreiben, welche die Empfindungen hervorbringen und sich gegenseitig in ihrem Wirken beeinflussen, und stelle für diese Kräfte die Gesetze der Co-•existenz und Succession fest. In ihnen gibt sie dann indirect die Gesetze der Aufeinanderfolge der physischen Phänomene der Empfindungen, wenn diese, durch wissenschaftliche Abstraction von psychischen Mitbedingungen, als rein und bei unveränderlicher Empfindungsfähigkeit stattfindend gedacht werden. — In dieser etwas complicirten Weise muss man also den Ausdruck „Wissenschaft von den physischen Phänomenen" deuten, wenn man ihn mit der Naturwissenschaft als gleichbedeutend setzt 2).
Indessen haben wir gesehen, wie man den Ausdruck ^jphysisches Phänomen" missbräuchlich zuweilen auf die eben *) Vgl. darüber Ueberweg (System der Logik), in dessen Auseinandersetzung freilich nicht Alles zu biUigen ist. Namentlich hat er Unrecht, wenn er die Welt der äusseren Ursachen statt raumähnlich geradezu räumlich, statt zeitähnlich geradezu zeitlich sich erstreckend denkt.
*) Ganz so, wie Kant sie fordern würde, wäre die Erklärung nicht, doch so weit als thunlich seinen Erklärungen angenähert. In gewissem ^inne kommt sie den Ansichten von J. St. Mili in der Schrift gegen Hamilton (eh. 11) näher, ohne doch auch mit ihnen in allen wesentlichen Beziehungen zu stimmen. Was Mill bleibende Möglichkeiten von Sensation (Permanent Possibilities of Sensation) nennt, hat mit dem, was wir Kräfte nannten, enge Verwandtschaft. Die Verwandtschaft sowohl als auch die vorzüglichste Abweichung von Ueberweg's Anschauung wurde bereits in der vorigen Anmerkung berührt.
Capitel 1. Unterschied der psych, und phys. Phänomene. 129 erwähnten Kräfte selbst anwendet. Und da naturgemäss das als der Gegenstand einer Wissenschaft bezeichnet wird, wofür sie direct und ausdrücklich die Gesetze feststellt, so glaube ich nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, dass auch bei der Definition der Naturwissenschaft als der Wissenschaft von den physischen Phänomenen häufig mit diesem Namen der Begriff von Kräften einer raumähnlich ausgebreiteten und zeitähnlich verlaufenden Welt verbunden wird, die durch ihre Einwirkung auf die Sinnesorgane die Empfindungen hervorrufen und einander in ihrer Wirksamkeit beeinflussen, und für welche die Naturwissenschaft die Gesetze der Coexistenz und Succession erforscht. Betrachtet man diese Kräfte als das Object, so hat dies auch das Conveniente, dass als Gegenstand der Wissenschaft etwas erscheint, was wahrhaft und wirklich besteht. Das Letzte wäre wohl auch zu erreichen, wenn man die Naturwissenschaft als Wissenschaft von den Empfindungen bestimmte, stillschweigend dieselbe Beschränkung, die wir so eben besprachen, ergänzend. Was dem Ausdrucke „physisches Phänomen" den Vorzug geben liess, war wohl vorzüglich der Umstand, dass man die äusseren Ursachen der Empfindung den in ihr auftretenden physischen Phänomenen entsprechend dachte: sei es, wie es anfänglich der Fall war, in jeder Hinsicht; oder sei es, was noch jetzt geschieht, wenigstens hinsichtlich der Ausdehnung in drei Dimensionen. Daher ja auch der sonst unpassende Namen „äussere Wahrnehmung". Dazu kommt aber, dass der Act des Empfindens ausser der intentionalen Inexistenz des physischen Phänomens auch noch andere Eigenthümlichkeiten zeigt, mit welchen der Naturforscher sich gar nicht beschäftigt, da durch sie die Empfindung nicht in gleicher Weise Andeutungen über die besonderen Verhältnisse der Aussenwelt gibt.