SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

German

Page 10 of 25

Hinsichtlich der Begriffsbestimmung der Psychologie möchte es zwar zunächst den Anschein haben, als ob der Begi'iff der psychischen Phänomene eher zu erweitem als zu verengern sei, indem die physischen Phänomene der Phantasie wenigstens ebenso wie die psychischen in dem früher Brentano, Psychologie. I. 9 \^ •ü 130 Buch II. \on den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

KV ' bestimmten Sinne ganz ihrer Betrachtung anheimfallen, und auch diejenigen, welche in der Empfindung auftreten, in der Lehre von der Sensation nicht unberücksichtigt bleiben können. Allein es ist offenbar, dass sie nur als Inhalt psychischer Phänomene bei der Beschreibung der Eigenthümlichkeit derselben in Betracht kommen. Und dasselbe gilt von allen psychischen Phänomenen, die ausschliesslich phänomenale Existenz haben. Als eigentlichen Gegenstand der Psychologie werden wir nur die psychischen Phänomene in dem Sinn von wirklichen Zuständen anzusehen haben. Und sie ausschliesslich sind es, in Bezug auf welche wir sagen, die Psy-<ihologie sei die Wissenschaft von den psychischen Phänomenen.

Itis'- Zweites CapiteL Vom inneren Bewusstsein 0- §. 1. Es ist nicht jedesmal ein unnützer Kampf um Worte, wenn man darüber streitet, welchei Begrifif mit einem Namen zu verbinden sei. Manchmal gilt es, die allgemeinübliche Bedeutung festzustellen, von der es immer misslich ist, sich zu entfernen; manchmal aber handelt es sich darum, die naturgemässe Abgrenzung einer einheitlichen Classe aufzufinden.

Ein Fall der letzteren Art muss wohl in dem Streite um die Bedeutung des Namens „Bewusstsein" vorliegen, wenn wir ihn nicht als eitles Wortgezänke verurtheilen sollen. Denn von einem allgemeinüblichen, ausschliesslichen Sinne, der mit dem Worte verbunden würde, kann keine Rede sein. Davon überzeugt man sich sofort, wenn man auf die üebersicht blickt, die in England Bain 2), oder auf die, welche in Deutschland Horwicz ^) von dem verschiedenen Gebrauche des Wortes gegeben hat. Bald versteht man darunter Erinnerung an eigene frühere Acte, besonders wenn sie moralischer Natur ^) Aehnlich wie man die Wahrnehmung einer gegenwärtig in uns bestehenden psychischen Thätigkeit „innere" Wahrnehmung nennt, nennen wir hier das darauf gerichtete Bewusstsein „inneres'* Bewusstsein.

*) Mental and Moral Science. Append. p. 93.

9* f - fA EP. ' 132 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

waren, wie wenn man sagt: ich bin mir keiner Schuld bewusst. Bald bezeichnet man damit jede Art von unmittelbarer Erkenntniss eigener psychischer Acte, insbesondere auch eine Wahrnehmung, welche gegenwärtige psychische Acte begleitet. Bald gebraucht man das Wort in Bezug auf äussere Wahrnehmung, wie z. B. wenn man von dem, welcher aus Schlaf oder Ohnmacht erwacht, sagt, er sei wieder zum Bewusstsein gekommen. Bald nennt man nicht bloss Wahrnehmen und Erkennen, sondern auch jedes Vorstellen ein Bewusstsein. Erscheint nun etwas in der Phantasie, so sagen wir, es trete im Bewusstsein auf. Manche haben jeden psychischen Act als ein Bewusstsein bezeichnet, mochte es nun ein Vorstellen, ein Erkennen, eine irrthümliche Annahme, ein Gefühl, ein Wollen oder irgend eine andere Art von psychischer Erscheinung sein; und diese Bedeutung scheint von den Psychologen (freilich nicht von allen) insbesondere auch dann mit dem Namen verknüpft zu werden, wenn sie von der Einheit des Bewusstseins, d. i. von einer Einheit gleichzeitig bestehender psychischer Phänomene, sprechen.

Für irgend einen bestimmten Gebrauch des Wortes werden wir uns entscheiden müssen, wenn es uns nicht, statt guter, schlechte Dienste leisten soll. Würden wir auf den Ursprung des Namens Gewicht legen, so würden wir ihn ohne Zweifel auf Phänomene der Erkenntniss, sei es auf alle^ sei es auf einige, zu beschränken haben. Allein darauf kommt es offenbar weniger an; geschieht es ja auch sonst häufig ohne Nachtheil, dass Worte ihrer ursprünglichen Bedeutung entfremdet werden. Viel dienlicher ist es offenbar, ihn so zu gebrauchen, dass er eine wichtige Glasse bezeichnet, besonders wenn sonst ein entsprechender Namen dafür vermisst^ also durch ihn eine fühlbare Lücke ausgefüllt wird ^). So gebrauche ich ihn denn am Liebsten als gleichbedeutend mit psychischem Phänonien oder psychischem Acte; denn einmal würde die beständige Anwendung einer solchen zusammen- *) Vgl. die Bemerkung Herbart*s, Lehrb. zur Psychol. I. Cap, 2. §. 17, und Psychol. als Wissenschaft, Th. I. Absehn. IL Cap. 2. §. 48.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 133 gesetzten Bezeichnung schwerfällig sein; und dann scheint der Ausdruck Bewusstsein, da er auf ein Object hinweist, von welchem das Bewusstsein Bewusstsein ist, die psychischen Phänomene gerade nach der sie unterscheidenden Eigenthümlichkeit der intentionalen Inexistenz eines Objectes zu charakterisiren geeignet, für welche uns ebenso ein gebräuchlicher Ifamen mangelt.

§. 2. Dass kein psychisches Phänomen bestehe, welches nicht in dem angegebenen Sinne Bewusstsein von einem Objecte ist, haben wir gesehen. Eine andere Frage aber ist die, ob kein psychisches Phänomen besteht, welches nicht Object eines Bewusstseins ist. Alle psychischen Phänomene sind Bewusstsein; sind aber auch alle psychischen Phänomene bewusst, oder gibt es vielleicht auch unbewusste psychische Acte?

Mancher wird über eine solche Frage den Kopf schütteln. Ein unbewusstes Bewusstsein anzunehmen, scheint ihm absurd. Und auch bedeutende Psychologen, wie z. B. Locke und J. St. Mill, wollten darin einen unmittelbaren Widerspruch erblicken. Allein wer auf die vorangehenden Bestimmungen achtet, wird kaum mehr so urtheilen. Er wird erkennen, dass, wer die Frage erhebt, ob es ein unbewusstes Bewusstsein gebe, nicht in ähnlicher Weise lächerlich fragt, wie einer, der wissen möchte, ob es eine nicht -rothe Röthe gebe. Ein unbewusstes Bewusstsein ist so wenig als ein ungesehenes Sehen eine Contradictio in adjecto^).

Doch auch ohne durch falsche Analogien, die der gebrauchte Ausdruck nahelegt, bestimmt zu sein, werden die meisten Laien in der Psychologie sich sofort gegen die Annahme eines unbewussten Bewusstseins erklären. Hat es ^) Wir gebrauchen „unbewusst" in zweifacher Weise; einmal, activ, von dem, was sich einer Sache nicht bewusst ist; dann, passiv, VOR einer Sache, deren man sich nicht bewusst ist. In dem ersteren Sinne wäre „unbewusstes Bewusstsein" ein Widerspruch, nicht aber in dem zweiten, und dieser ist es, in welchem das Wort „unbewusst'^ hier genommen wird.

i: 134 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

doch ein paar Jahrtausende gewährt, ehe unter den Philosophen einer auftrat, d6r ein solches lehrte. Natürlich waren sie mit der Thatsache wohl bekannt, dass man einen Schatz erworbener Erkenntnisse, ohne an sie zu denken, besitzen könne; aber ganz richtig fassten sie dieselben als Dispositionen zu gewissen Acten des Denkens, wie auch den erworbenen Charakter als Disposition zu gewissen AflFecten und Willensbethätigungen, nicht aber selbst als ein Erkennen und Bewusstsein. Einer der ersten, die ein unbewusstes Bewusstsein gelehrt haben, ist wohl Thomas von Aquin '). Später sprach Leibnitz von „perceptiones sine apperceptione seu conscientia", „perceptiones insensibiles ^)", und Kant folgte seinem Vorgange. In neuester Zeit aber findet die Lehre von unbewussten psychischen Phänomenen zahlreiche Vertreter, und zwar in Männern, die sonst nicht gerade verwandten Richtungen angehören. So sagt der ältere Mill, es gebe Empfindungen, deren wir uns aus gewohnter Unachtsamkeit nicht bewusst werden. Hamilton lehrt, dass die Kette unserer Ideen oft nur durch unbewusste Mittelglieder verbunden sei. Ebenso glaubt Lewes, dass viele psychische Acte ohne Bewusstsein stattfinden. Maudsley macht die, wie er glaubt, sicher erwiesene Thatsache unbewusster Seelenthätigkeit zu einem der Hauptgründe für seine physiologische Methode.

Herbart lehrt Vorstellungen, deren man sich nicht bewusst sei, und Beneke glaubt, nur diejenigen, welche ein höheres Maass von Intensität besitzen, seien von Bewusstsein begleitet. Auch Fechner sagt, die Psychologie könne von unbewussten Empfindungen und Vorstellungen nicht Umgang nehmen. Wundt^), Helmholtz, Zöllner u. A. behaupten, dass es unbewusste Schlüsse gebe. Ulrici sucht durch gehäufte 2) Nouveaux Essais II. J. Monadologie §. 14. Frineipes de la nature et de la grace §. 4.

^) Wenigstens in seinem früheren Werke „Vorlesungen über Menschen - und Thierseele". Einige Stellen seiner Physiol. Psychologie^ so weit sie bis jetzt vorliegt, scheinen anzudeuten, dass er von der Annahme unbewusster Seelenthätigkeiten zurückgekommen ist.

s Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 135 Argumente daxzuthup, dass sowohl Empfindungen als auch andere psychische Acte, wie Liebe und Sehnsucht, oft unbewusst geübt würden. Und v. Hartmann hat eine ganze „Philosophie des ünbewussten" ausgearbeitet.

Indessen, so gross die Schaar derjenigen geworden ist, welche den unbewussten psychischen Phänomenen das Wort reden, fehlt doch viel daran, dass sie zu allgemeiner Anerkennung gelangt wären. Weder Lotze hat sie sich zu eigen gemacht, noch haben die berühmten englischen Psychologen A. Bain und H. Spencer sich ihr angeschlossen; und J. St» Mill hat die hohe Achtung, die er durchwegs den Ansichten seines Vaters zollt, nicht abgehalten, hier seiner Lehre entgegenzutreten. Ja auch von denen, welche unbewüsste Vorstellungen behaupten, sind viele nur darum ihre Vertheidiger, weil sie mit den Worten einen anderen Sinn verbinden. Dies ist z. B. bei Fechner der Fall, der offenbar, wenn er von unbewusster Empfindung und Vorstellung spricht, mit den Namen Empfindung und Vorstellung etwas anderes bezeichnet als wir, so zwar, dass er gar kein psychische^ Phänomen darunter versteht. Die psychischen Phänomene sind nach ihm sämmtlich bewusst, und er ist also der Sache nach ein Gegner der neueren Anschauung^). Ulrici aber versteht unter Bewusstsein etwas Anderes, und leugnet in unserem Sinne ebenso wie Fechner jeden unbewussten *) Dies zeigt deutlich eine Stelle der Psychophysik (II. S. 438): „Die Psychologie kann von unbewussten Empfindungen, Vorstellungen, ja von Wirkungen unbewusster Empfindungen, Vorstellungen nicht abstrahiren. Aber wie kann wirken, was nicht ist; oder wodurch unterscheidet sich eine unbewüsste Empfindung, Vorstellung von einer solchen, die wir gar nicht haben?" Fechner antwortet hierauf, dass im ersteren Fall zwar nicht eigentlich eine Empfindung, aber etwas, wozu die Empfindung in functioneller Beziehung stehe, gegeben sei. „Empfindungen, Vorstellungen haben freilich im Zustande des Unbewusstseins aufgehört, als wirkliche zu existiren, sofern man sie abstract von ihrer Unterlage fasst, aber es geht etwas in uns fort, die psychophysische Thätigkeit, deren Function sie sind, und woran die Möglichkeit des Wiederhervortrittes der Empfindung hängt, u. s. f."

in..

y 136 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

psychischen Act^). Wir möchten wohl auch von Hartmann s^en, dass er mit „Bewusstsein" etwas Anderes als wir bezeichnen wolle, denn seine Definition, das Bewusstsein sei „die Emancipation der Vorstellung vom Willen...und die Opposition des Willens gegen diese Emancipation", es sei „die Stupefaction des Willens über die von ihm nicht gewollte und doch empfindlich vorhandene Existenz der Vorstellung", scheint sich, wenn überhaupt auf etwas nicht rein Imaginäres, jedenfalls auf etwas Anderes als dasjenige, was wir Bewusstsein nannten, zu beziehen^). Doch die von ihm gebrachten Gründe wenigstens zeigen ihn deutlich als eiuen Verfechter der unbewussten psychischen Thätigkeiten in dem Sinne, in welchem wir davon reden.

Die Uneinigkeit der Psychologen in diesem Punkte kann uns nicht auffallen; begegneten wir ihr ja auch sonst bei jedem Schritte. Aus ihr lässt sich vernünftiger Weise kein Grund dafür entnehmen, dass die Wahrheit nicht mit Sicherheit erkennbar sei. Dagegen ist die besondere Natur der Frage allerdings von der Art, dass Mancher glauben möchte, es stehe die UnmögUchkeit einer Beantwortung ihr auf der Stime geschrieben, und sie könne darum wohl Gegenstand geistreichen Gedankenspieles, nicht aber ernster wissenschaftlicher Untersuchung werden. Denn, dass keine unbewussten Vorstellungen im Bereiche unserer Erfahrung vorkommen, ist selbstverständlich und nothwendig der Fall, auch wenn solche in reicher Anzahl in uns vorhanden sein sollten; wären sie ja sonst nicht unbewusst. Wenn man aber darum, wie es scheint, die Erfahrung nicht gegen sie anrufen kann, so scheint dieselbe doch ebensowenig und aus demselben Grunde >) Gott und Mensch I. 283 sagt er, dass „wir überhaupt von unseren inneren Zuständen, Vorgängen, Bewegungen und Thätigkeiten, ein unmittelbares Gefühl haben**, und dass es keinem Zweifel unterliege, „d&ss es alle, auch die alltäglichsten Sinneseindrücke (Perceptionen) begleite", dass wir in dieser Weise „auch fühlen, dass wir sehen, hören, schmecken etc."

Capitel 2. Vom iDneren Bewusstsein. 137 für sie Zeugniss geben zu können. Und wie sollen wir, von der Erfahrung verlassen, die Frage zur Entscheidung führen?

Doch gegenüber diesem Vorwurfe haben die Vertheidiger des unbewussten Bewusstseins mit Recht geltend gemacht, dass^ was nicht unmittelbar erfahren, vielleicht mittelbar aus Erifahrungsthat Sachen erschlossen werden könne ^). Und sie haben nicht versäumt, solche Thatsachen zu sammeln, und so durch viele und mannigfache Argumente den Beweis für ihre Behauptung zu versuchen.

§. 3. Vier verschiedene Wege sind es, die hier mit einer gewissen Hoffnung auf Erfolg eingeschlagen werden konnten.

Man konnte Erstens nachzuweisen suchen, dass gewisse in der Erfahrung gegebene Thatsachen die Annahme eines unbewussten psychischen Phänomens als ihre Ursache verlangen.

Man konnte Zweitens darzuthun streben, dass eine in der Erfahrung gegebene Thatsache ein psychisches Phänomen als Wirkung nach sich ziehen müsse, während doch keines im Bewusstsein erscheine.

Man konnte Drittens darauf ausgehen zu zeigen, dass bei den bewussten psychischen Phänomenen die Stärke des begleitenden Bewusstseins eine Function ihrer eigenen Stärke sei, und dass in Folge dieses Verhältnisses in gewissen Fällen, in welchen die letztere eine positive Grösse sei, die erstere jedes positiven Werthes entbehren müsse.

Man konnte endlich Viertens den Beweis versuchen, dass die Annahme, es sei jedes psychische Phänomen Object eines psychischen Phänomens, zu einer unendlichen Verwickelung der Seelenzustände führe, welche sowohl von vornherein unmöglich, als auch der Erfahrung entgegen sei.

^) Vgl. Kant, Anthropol. §. 5.

v 138 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

§. 4. Am Häufigsten ward und wird der erste Weg betreten. Gewöhnlich aber hat man nicht genug auf die Bedingungen geachtet, unter welchen er allein zum Ziele fuhren kann. Soll aus einer gewissen Thatsache als Wirkung auf ein unbewusstes psychisches Phänomen als Ursache ein gültiger Schluss gezogen werden, so muss vor Allem die Thatsache selbst hinreichend gesichert sein. Dies ist die erste Bedingung. Aus diesem Grunde schon wird den Beweisversuchen, welche sich auf die Erscheinungen des sogenannten Hellsehens, der Ahnungen, Vorgefühle u. dgl. stützen, ein zweifelhafter Werth zukommen. Hartmann selbst, der auf sie hinweist^), ist sich recht wohl bewusst, dass der Ausgangspunkt des Beweises hier nicht auf grosses Vertrauen rechnen darf. Von diesen Argumenten werden wir darum gänzlich Umgang nehmen können. Aber auch was Maudsley von Leistungen des Genies erzählt^), die^ nicht aus bewusstem Denken hervorgehen, sind keine Thatsachen, welche genugsam gesichert sind, um als Grundlage eines triftigen Arguments benützt zu werden. Die genialen Denker sind seltener noch als die Somnambulen, und überdies berichteten manche von ihnen, wie z. B. Newton, in der Art über ihre herrlichsten Entdeckungen, dass wir deutlich erkennen, wie dieselben nicht die Frucht unbewussten Denkens gewesen sind. Wir begleiten sie auf dem Wege ihrer Forschung und begreifen ihren Erfolg, ohne ihn darum weniger zu bewundem. Wenn aber andere von ihren Leistungen nicht in gleicher Weise Rechenschaft geben konnten, ist es dann eine gewagtere Annahme, dass sie der bewussten Vermittelung sich nicht mehr erinnerten, als dass ein unbewusstes Denken die Brücke geschlagen habe? Goethe, der sicher Anspruch hat, unter den Genies einen Platz zu erhalten, sagt in seinem Wilhelm Meister, dass ungewöhnliches Talent „nur eine geringe Abweichung von gewöhnlichem" sei. Gibt *) Physiol. u. Pathol. d. Seele, deutsch von Böhm, S. 17 f. 32 ff.; vgl. oben Buch I. Capitel 3. §. 6.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 139 es unbewusste psychische Vorgänge, so werden sie sich also auch an minder seltenen Exemplaren nachweisen lassen.

Eine weitere Bedingung ist diese, dass die Erfahrungsthatsache durch die Annahme eines psychischen Phänomens, von dem wir kein Bewusstsein haben, wirklich wie eine Wirkung durgh die entsprechende Ursache eine Erklärung ^ finden kann. Dazu gehört vor Allem, dass bewusste psychische Phänomene erfahrungsgemäss ähnliche Folgen nach sich zogen. Femer, dass diese nicht zugleich auch andere Folgen nach sich zogen, welche in dem betreffenden Falle fehlen, obwohl kein Grund ist, zu vermuthen, sie seien an das hier mangelnde begleitende Bewusstsein geknüpft gewesen. Ferner ist nöthig, dass die unbewussten psychischen Phänomene, welche die Hypothese zu Hülfe nimmt, in ihrem Verlaufe so wie in ihren anderen Eigenthümlichkeiten mit den anerkannten Gesetzen der bewussten psychischen Phänomene nicht im Widerspruche stehen, so zwar, dass etwaige Besonderheiten aus dem Mangel des begleitenden Bewusstseins hinreichend begreiflich sind. Unmittelbar können ihr Verlauf und ihre anderen Eigenthümlichkeiten natürlich nicht wahrgenommen werden, aber in ihren Wirkungen werden sie sich offenbaren, wie ja auch die Gesetze der Aussenwelt, das Gesetz der Trägheit, der Gravitation u. s. f. in den Empfindungen als ihren Wirkungen zu Tage treten. So muss denn insbesondere auch die Entstehung des psychischen Phänomens, welches man trotz mangelnden Bewusstseins annimmt, nicht selbst als etwas ganz und gar Undenkbares erscheinen.

Diese Forderungen werden ganz besonders dann unabweislich sein, wenn, wie es fast ausnahmslos geschieht, die angenommenen unbewussten Seelenthätigkeiten den bewussten homogen gedacht werden. Auch kann man sagen, dass diejenigen, welche aus Erfahrungsthatsachen auf unbewusste psychische Acte als ihre Ursache schlössen, in ihrer grossen Mehrzahl wenigstens nicht auffallend gegen sie zu Verstössen pflegen. Nur bei einzelnen Denkern, wie namentlich bei Hartmann, liegt das Gegentheil zu Tage. Er aber unterscheidet sich auch darin von der grösseren Schaar der Ver- 140 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

treter unbewusster psychischer Acte, dass er sie den bewussten heterogen, ja in den wesentlichsten Beziehungen von ihnen abweichend denkt. Es ist einleuchtend, dass wer dieses thut, von vorn herein die Hypothese schwächt. Viele Forscher, welche in ihren logischen Ansichten mit J. St.

Mill *) übereinkommen, werden sie in dieser Gestalt, weil sie keiner „Vera Causa" als Erklärungsprincips sich bediene, sogar ohne Weiteres als unwissenschaftlich verwerfen. Sicher ist, dass der Schluss als Analogieschluss in dem Maasse an Kraft verliert, in welchem die Aehnlichkeit der angenommenen Ursache mit den beobachteten schwindet. Schon die erste abweichende Bestimmung bringt also in dieser Hinsicht Nachtheil, und mit jeder neuen, welche sich aus den früheren nicht als nothwendige Consequenz ergibt, wird die Wahrscheinlichkeit der Hypothese auch wegen der wachsenden Complication eine bedeutende Einbusse erleiden. Im üebrigen, glaube ich, kann man die Annahme nicht als eine bodenlose und willkürliche Fiction abweisen, wenn sie nur dasjenige erfüllt, was von den zuvor erwähnten Forderungen nach wie vor in Kraft bleibt, oder an deren Stelle tritt. Auch wenn wir aus den Erscheinungen unserer Empfindungen auf eine raumähnlich ausgebreitete Welt als ihre Ursache schliessen, nehmen wir etwas an, was nie als unmittelbare Erfahrungsthatsache gefunden wurde, und doch ist der Schluss vielleicht nicht unberechtigt. Aber warum nicht? Darum allein, weil wir, indem wir mit der Annahme einer solchen Welt die Annahme gewisser allgemeiner Gesetze verbinden, die in ihr herrschen, die sonst unverständliche Succession unserer Empfindungsphänomene in ihrem Zusammenhang zu begreifen, ja vorherzusagen im Stande sind. So wird es denn auch hier nöthig sein, die Gesetze jener angeblichen unbewussten Phänomene darzulegen und durch die einheitliche Erklärung einer Fülle von Erfahrungsthatsachen, die sonst unerklärt blieben, und durch die Voraussagung anderer, die sonst Niemand erwarten würde, zu bewähren. Femer, da die un- ^) Ded. u. Ind. Log. B. III. c.

Capitel 2. Vom iuneren Bewusstsein. 141 bewussten Phänomene, die man voraussetzt, wenn auch nicht den bewussten homogen, doch in einem gewissen Maasse ihnen ähnlich gedacht werden (würden sie ja sonst mit- Unrecht den psychischen Thätigkeiten zugezählt): so wird man nachzuweisen haben, dass, was sich an das ihnen Gemeinsame knüpft, nicht verletzt wird; und überhaupt, dass man in ihrer Annahme nicht widersprechende Bestimmungen vereinigt.

Diesen Forderungen hat Hartmann eben so wenig wie den früher angegebenen genügt. Vielmehr zeigt sich da, wo man die Gesetze für die unbewussten psychischen Phänomene erwarten sollte^), dass diese gar keine psychischen Phänomene sind. Sie lösen sich in ein ewig Unbewusstes, in ein alleiniges ^), allgegenwärtiges, allwissendes und allweises ^) Wesen auf. Ein Gott tritt an die Stelle, dem, um diesen Namen vollkommen zu verdienen, nur das Bewusstsein mangeln soll *), der aber freilich auch sonst noch mit einigen kräftigen Widersprüchen behaftet ist. Er ist das An - sich -seiende^), er erkennt das An -sich -seiende^), er erkennt aber doch nicht sich selbst. Er ist erhaben über alle Zeit '), obwohl er doch zeitlich nicht bloss wirkt, sondern auch leidet®). Er ermüdet nicht*), geht aber doch sehr darauf aus, sich möglichst alle Mühe zu ersparen^®). Die Maschinerien, die er zu dem Zwecke erfindet, bleiben freilich sehr unvollkommen^ und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als fort und fort und ^) Ebend. S. 480. Es gibt nichts ausser dem Unbewussten (ebend.

®) Ebend. S. 472 wird z. B. von einer „Wechselwirkung gewisser materieller Theile des organischen Individuums mit dem Unbewussten^^ gesprochen.

142 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Überall durch unmittelbares Eingreifen nachzuhelfen^). Aber auch das thut er nicht immer und lässt es im Widerspruche mit seinem sonstigen Verhalten geschehen, dass die Ziele, die durch sein unmittelbares „allweises" Eingreifen sicher zu erreichen wären, verfehlt werden ^), ja dass die von ihm zur Erhaltung geschaffenen Einrichtungen zur Zerstörung führen '). Mit einem Worte, er spielt ganz die Rolle eines Dens ex machina, die vor Zeiten Piaton und Aristoteles an dem Nus des Anaxagoras rügten, der überall als Lückenbüsser bei der Hand ist, wo die mechanische Erklärung im Stiche lässt*). Ein solches hypothetisches Unding wird jeder, auch wenn er nicht die von J. St. Mill der wissenschaftlichen Hypothese angewiesenen Schranken anerkennt, wenn er nur einigermaassen ein exacter Denker ist, als unzulässig verwerfen. Es kann darum keinem Zweifel unterliegen, dass die sämmtlichen Argumente, die Hartmann für die Annahme unbewusster psychischer Thätigkeit anführt, so wie er sie bringt, der zweiten Bedingung nicht genügen. Er hat nicht nachgewiesen, dass die Erfahrungsthatsachen, aus welchen die unbewusste psychische Thätigkeit erschlossen werden soll, durch eine solche Annahme eine wirkliche Erklärung finden würden. Eine dritte Bedingung für die Gültigkeit des Schlusses auf unbewusste psychische Phänomene als Ursache gewisser Erfahrungsthatsachen ist endlich die, dass nachgewiesen werde, wie die betreffenden Erscheinungen gar nicht oder wenigstens nicht ohne die grösste Unwahrscheinlichkeit auch ohne ihre Annahme auf Grund anderer Hypothesen denkbar sind. Wenn feststeht, dass in gewissen Fällen bewusste psychische Phänomene ähnüche Erscheinungen als Folgen nach sich zogen, so ist damit noch nicht erwiesen, dass diese niemals in Folge anderer Ursachen entstehen. Es ist nicht richtig, Ebend. S. 555.

^) Man vergleiche, um recht schlagende Belege dafür zu finden, 2. B. das Capitel über die aufsteigende Entwickelang des organischen Lebens auf der Erde.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 143 dass ähnliche Wirkungen immer ähnliche Ursachen haben. Sehr verschiedenartige Körper sind der Farbe pach oft nicht von einander zu unterscheiden. Die Wirkung ist also hier die gleiche, die Ursachen aber sind darum nicht weniger von «inander verschieden. Dass Bacon diese Möglichkeit ausser Acht liess, war der vorzügliche Grund, wesshalb seine inductiven Versuche so wenig von glücklichem Erfolge gekrönt wurden. Was aber hier auf physischem, ist auch auf psychischem Gebiete möglich. Wirklich gelangen wir oft, schon Aristoteles hat dies erkannt und hervorgehoben, von ver--schiedenen Prämissen ausgehend, zu demselben Schlusssatze.