SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

German

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Das gesteigerte Bewußtsein und die gesteigerte Tatsächlichkeit er Funktionsbedeutung des Geldes ermöglichte auch den Einwand gegen die Silberwahrung: was man vom Geld fordere, sei zuerst und unbedingt Bequemlichkeit und Handlichkeit. Man könne zwar ein Nahrungsmittel beibehalten, wenn sein Gebrauch auch viele Un¬ bequemlichkeiten mit sich bringt, sobald es nur nahrhaft und wohl¬ schmeckend sei, auch ein unbequemes Kleidungsstück, weil es schön oder warm ist. Aber ein unbequemes Geld sei wie ein ungenießbares ahrungsmittel oder ein untragbares Kleidungsstück. Denn der oberste Zweck des Geldes sei die Bequemlichkeit des Güteraustausches. Der Unterschied gegen die hier verglichenen Güter be¬ ruht eben darauf, daß das Geld weniger Nebenqualitäten neben seiner lauptquahtat hat und haben darf, als andere Güter. Da es das abso¬ lute Abstraktum über allen konkreten Gütern ist, so wird es von je(?er, ^U^n[at,’ die außerhalt> seiner reinen Bestimmung liegt, un¬ gebührlich belastet und abgelenkt.

Daß die Steigerung oder Herabsetzung einer Funktion des Gel¬ des seinen Wert unabhängig von seinem Substanzwert erhöhen oder erniedrigen könne - gilt selbst für denjenigen Schätzungsgrund seiner, der besonders eng mit seinem Substanzwert verbunden scheint: für seine Wertbeständigkeit. Die römischen Kaiser besaßen, wie schon erwähnt, das ausschließliche Recht der Gold- und Silber¬ prägung, während die Kupfermünzen, d. h. das Kreditgeld, vom Senat und im Orient von den Städten geschlagen wurden. Das bildete von vornherein eine gewisse Garantie dagegen, daß der Kaiser das Land mit substanzwertloser Scheidemünze überschwemmte. Der Erfolg war schließlich nur der, daß die Kaiser sich an die ihnen freistehende Verschlechterung des Silbers hielten, von der dann auch der boden¬ lose Verfall des römischen Münzwesens ausging. Daraus entstand nun eine merkwürdige Umkehrung der Wertverhältnisse: das Silber sank durch seine Verschlechterung zur Kreditmünze herab, während das Kupfer dadurch, daß es sich ziemlich unverändert behauptet hatte, wieder in höherem Maße den Charakter der Wertmünze erhielt. Die Eigenschaft der Wertbeständigkeit also ist hier imstande, durch ihre relative Höhe oder Erniedrigung die bisherigen Charaktere der Metallsubstanzen als Geldwertträger völlig umzukehren. In diesem Sinne des Hinausragens des Stabilitätswertes über den Substanz wert hat man jetzt hervorgehoben, daß der Übergang eines Notenlandes zur Goldwährung keineswegs die Wiederaufnahme der Barzahlungen mit sich bringen müßte. In einem Lande wie Österreich etwa, dessen Noten kein Disagio gegen Silber mehr machen, wäre schon durch den Übergang zur bloßen Goldrechnung der entscheidende Vorteil der Goldwährung, nämlich die Stabilisierung des Geldwertes, ge¬ wonnen: die Funktion der Substanz, auf die es ankommt, wäre so ganz ohne die Substanz selbst erreichbar. Und neuerdings hat das Interesse an der Beständigkeit des Geldwertes sogar zu der Forde¬ rung geführt, die metallische Deckung der Noten überhaupt abzu¬ schaffen. Denn sobald diese bestände, wäre für die verschiedenen Länder eine Gemeinsamkeit des Systems geschaffen, die den inneren Verkehr eines jeden all den Schwankungen in den politischen und wirtschaftlichen Schicksalen der anderen unterwirft! Ein ungedecktes Papiergeld biete durch seine Exportunfähigkeit nicht nur den Vorteil, überhaupt im Lande zu bleiben und für alle Unternehmungen daselbst bereit zu sein, sondern vor allem eine vollständige Wertbeständigkeit.

So angreifbar diese Theorie ist, so zeigt ihre bloße Möglichkeit doch jene psychologische Lösung des Geldbegriffes von dem Substanz -begriff und seine wachsende Erfüllung durch die Vorstellung seiner funktionellen Dienste. Übrigens unterliegen alle derartigen Funk¬ tionen des Geldes ersichtlich den Bedingungen, unter denen seine all¬ gemeine Auflösung in Funktionen steht: daß sie in jedem gegebenen Augenblick nur unvollkommen gelten und ihre Begriffe ein im Un¬ endlichen liegendes Entwicklungsziel bezeichnen. Schon dadurch, daß die Werte, die es messen und deren gegenseitiges Verhältnis es ausdrucken soll, etwas bloß Psychologisches sind, wird ihm die Be¬ ständigkeit der Raum- oder Gewichtsmaße versagt.

Indes rechnet die Praxis mit dieser Wertbeständigkeit als mit einer Tatsache angesichts der Frage, wie man sich bei der Wieder¬ erstattung eines Gelddarlehns zu verhalten habe, wenn inzwischen der Wert des Geldes sich geändert hat. Geschieht das etwa durch Sinken des Geldwertes überhaupt, so daß die gleiche Summe bei der Rückgabe weniger wert ist, so wird dies von den Gesetzen nicht m Betracht gezogen; die identische Geldsumme gilt ohne weiteres als der identische Wert. Wo die Münze sich selbst verschlechtert, sei es durch Legierung, sei es durch Änderung des Münzfußes, entscheien die Gesetze bald so, daß die, nach dem neuen Münzfuß, ent¬ sprechende Summe, bald das gleiche Quantum Feingehalt, bald rein mechanisch der Nennwert der Schuld zu erstatten sei. Im ganzen also uberwiegt dte Vorstellung, daß das Geld seinen Wert unverändert ehalte. Nun ist diese Stabilität zwar auch an Naturalgegenständen, bei deren Ausleihe sie niemand bezweifelt, eine Fiktion: ein Zentner Kartoffeln, den man sich im Frühling leiht, um ihn später in natura wiederzugeben, kann dann viel mehr oder viel weniger wert sein.

lern hier kann man sich auf die unmittelbare Bedeutung des Gegen¬ standes zurückziehen: während der Tauschwert der Kartoffeln schwanken mag, bleibt ihr Sättigungs- und Nährwert genau der gleiche. Da nun aber das Geld keinen derartigen, sondern ausschließ-Tauschwert hat, so ist die Voraussetzung seiner Stabilität eine um so auffallendere. Die Entwicklung wird zweckmäßigerweise da¬ hin streben, diese praktisch notwendige Fiktion mehr und mehr zu bewahrheiten. Schon vom Edelmetallgeld hat man hervorgehoben, daß seine Beziehung zum Schmuck seiner Wertstabilität diene: denn da das Schmuckbedürfnis sehr elastisch sei, so nehme es bei Verde8Metall Vorrates sogleich ein größeres Quantum desselben auf und verhindere dadurch einen zu starken Druck auf seinen Wert wahrend bei steigendem Bedürfnis nach Geld die Schmuckvorräte als Reservoir dienen, aus dem das erforderliche Quantum zu entnelunen und die Preiserhöhung zu begrenzen sei. In der Fortsetzung dieser Tendenz aber scheint das Ziel zu liegen, die Geldsubstanz über- ^ rZUSChfCn- D'nncselbst eine 80 geeignete wie das Edel¬ metall kann nicht ganz den Schwankungen entzogen werden, die aus seinen eigenen Bedingungen des Bedarfs, der Produktion, der Ver¬ arbeitung usw. hervorgehen und die bis zu einem gewissen Grade mit seinem Dienste als Tauschmittel und Ausdruck der relativen Waren¬ werte nichts zu tun haben. Die vollständige Stabilität des Geldes wäre erst erreichbar, wenn es überhaupt nichts mehr für sich wäre, sondern nur der reine Ausdruck des Wert Verhältnisses zwischen den konkreten Gütern. Damit wäre es in eine Ruhelage gekommen, die sich durch die Schwankungen der Güter so wenig verändert, wie der Meterstab durch die Verschiedenheit der realen Größen, die er mißt. Dann wäre auch der Wert, der ihm durch das Leisten dieses Dienstes zukäme, auf ein Maximum von Stabilität gelangt, weil so das Verhältnis von Angebot und Nachfrage sich viel genauer regulieren ließe, als bei seiner Abhängigkeit von einer Substanz, deren Quantum unserem Willen nur unvollkommen unterliegt. Damit ist freilich nicht ge¬ leugnet, daß unter bestimmten historischen und psychologischen Um¬ ständen die Bindung an das Metall dem Gelde noch eine größere Stabilität garantieren könnte, als die Lösung von ihm — wie ich es oben selbst behauptet habe. So mag — um an die dort gegebenen Analogien anzuknüpfen — die tiefste und sublimste Liebe diejenige sein, die nur zwischen Seelen, unter völliger Ausschaltung jedes Erdenrestes, besteht — allein solange diese nicht erreichbar ist, wird sich ein Maximum von Liebesempfindung gerade da zeigen, wo die rein seelische Beziehung einen Zusatz und Vermittlung durch sinn¬ liche Nähe und Anziehung erhält; so mag das Paradies das Wunder¬ versprechen seiner Seligkeit darin erfüllen, daß das Bewußtsein der¬ selben keines Sichabhebens von entgegengesetzten Empfindungen be¬ darf — so lange wir aber Menschen sind, können allein sonst vor¬ handene, leidvolle, indifferente oder herabgesetzte Gefühlszustände uns ein positives Glück, als Unterschiedsempfindung, eintragen. Wenn also auch in einer idealen Sozialverfassung ein ganz substanzloses Geld das absolut zweckmäßige Tauschmittel ist, so kann doch bis dahin seine relativ höchste Zweckmäßigkeit gerade von seiner Bin¬ dung an eine Substanz bedingt sein. Dieser letztere Umstand be¬ deutet also keine Ablenkung des unendlichen Weges, der zur Auf¬ lösung des Geldes in einen bloß symbolischen Träger seiner reinen Funktion führt.

Ein besonderes Stadium des Scheidungsprozesses zwischen dem Funktions- und dem inneren Werte des Geldes zeigen die Fälle, wo für die Schätzung der Werte als Maßstab ein Geld angewandt wird, in dem die tatsächlichen Zahlungen gar nicht erfolgen. Den Tausch¬ dienst kann das Geld nicht leisten, ohne zugleich Maßdienste zu leisten; wohl aber zeigen sich die letzteren in gewisser Hinsicht von jenem unabhängig. Im alten Ägypten wurden die Preise nach dem Uten, einem Stück gewundenen Kupferdrahts, bestimmt, während die Zahlungen in den verschiedensten Bedarfsartikeln erfolgten. Im Mittelalter wird vielfach der Geldpreis festgesetzt, während der Käufer ihn zahlen darf, in quo potuerit. An vielen Stellen Afrikas wird heute der Güteraustausch nach einer, manchmal recht kompli¬ zierten, Geld-Valuta vollzogen, aber das Geld selbst ist meistens nicht vorhanden. Die Geschäfte der außerordentlich wichtigen Genueser Wechselmessen des 16. Jahrhunderts wurden nach der Werteinheit des Markenskudo (scudo de’ marchi) abgewickelt. Diese war in keiner existierenden Münze ausgedrückt, war vielmehr rein imaginär: ioo Skudi galten so viel wie 99 der besten Goldskudi. Alle Verpflich¬ tungen waren auf Markenskudi gestellt, wodurch die Meßwährung, eben wegen ihrer Idealität, eine vollkommen feste, aller Schwankung und Zerfahrenheit der Prägungen entzogene war. Auch die indische Kompagnie hat, um der Verschlechterung, dem Verschleiß und der Fälschung der indischen Münze zu begegnen, den rupee current ein¬ geführt: eine überhaupt nicht geprägte Münze, die einem gewissen Quantum Silber entsprach und nur den Maßstab bildete, an dem der Wert der wirklichen, deteriorierten Münzen festgestellt wurde. Diese gewannen nun durch ein solches festes ideelles Maß auch für sich einen festen relativen Wert. Damit war fast schon der Zustand er¬ reicht, den ein Theoretiker von Anfang des 19. Jahrhunderts vor Augen hat. Indem er alles gemünzte oder in anderer Form den Ver¬ kehr vermittelnde Geld für eine Anweisung auf tauschbare Güter er¬ klärt, kommt er schließlich zu einer Negation aller Realität des Gel¬ des: er stellt dem Gelde im eigentlichen Sinne die Münze gegenüber und erklärt nur die letztere für jene »Anweisung«, die nach dem Geld berechnet wäre, während das Geld selbst nur der ideale Maßstab für alle Vermögenswerte wäre. Hier ist also das Prinzip des Markenskudo zu einer allgemeinen Theorie geworden, das Geld ist so sehr zu einer reinen Form und Verhältnisbegriff idealisiert, daß es Überhaupt mit keiner greifbaren Wirklichkeit mehr identisch ist, son¬ dern zu dieser sich nur noch verhält, wie das abstrakte Gesetz zu emem empirischen Fall. In den oben angeführten Vorkommnissen hat die Funktion des Wertmessers sich von dem substanziellen Träger gelost: die Rechenmünze tritt wie in einen absichtlichen Gegensatz zu der MetaUmunze, um ihre Stellung jenseits dieser festzulegen. In der hier fraglichen Beziehung tut das ideale Geld dieselben Dienste wie das gute Geld, denn auch dieses ist hier eben gutes nur wegen seiner Funktion: der Sicherheit der Wertabmessungen, die sich mit Hilfe seiner vollziehen.

Dies fuhrt nun weiter auf die Vertretung des Geldwertes durch Äquivalente, insoweit diese die Mobilisierung der Werte als einen der wesentlichen Dienste des Geldes hervortreten lassen. Je mehr die Bedeutung des Geldes als Tauschmittel, Wertmaß, Aufbewahrungsmittel usw. aus ihrer ursprünglichen Geringfügigkeit zum Über¬ gewicht über seinen sogenannten Substanzwert aufwächst, desto mehr Geld kann auch in anderer als gerade in Metallform in der Welt zirkulieren. Und dieselbe Entwicklung, die von der eingeschränkten Starrheit und substanziellen Festgelegtheit des Geldes zu diesen Ver¬ tretungen führt, macht sich auch weiterhin innerhalb dieser selbst geltend. So etwa in der Entwicklung von dem von Person zu Person lautenden Schuldschein zu dem Inhaberpapier. Die Stufen dieser Entwicklung sind noch zu verfolgen. Die Klausel des Schuld¬ anerkenntnisses, daß der Inhaber desselben und nicht nur der eigent¬ liche Ausleiher zur Einziehung berechtigt sei, kommt zwar schon im Mittelalter vor; aber nicht um seinen Wert zu übertragen, sondern um die Einziehung durch einen Vertreter des Gläubigers zu er¬ leichtern. Diese bloß formale Mobilisierung des Papiers wurde eine mehr tatsächliche in dem französischen billet en blanc, das an der Lyoner Börse kursierte. Dasselbe wies seiner Fassung nach noch auf einen individuellen Gläubiger an, dessen Name aber nicht aus¬ gefüllt war; wurde ein solcher indes an die leere Stelle eingefügt, so war nun der Gläubiger individuell bestimmt. Der eigentliche Handels¬ verkehr mit reinen Inhaberpapieren begann im 16. Jahrhundert in Antwerpen; wir wissen, daß anfänglich denselben, wenn sie ohne be¬ sondere Zession in Zahlung gegeben waren, oft die Einlösung jam Verfallstage verweigert wurde, so daß eine kaiserliche Verordnung ihre prinzipielle Gültigkeit feststellen mußte. Hier haben wir eine sehr deutliche Stufenfolge. Der fragliche Wert ist durch den indivi¬ duell bestimmten Schuldschein sozusagen zwischen Gläubiger und Schuldner festgeklemmt; er gewinnt seine erste Beweglichkeit, indem er wenigstens von einem anderen eingezogen werden kann, wenngleich für Rechnung des ursprünglichen Gläubigers; dies erweitert sich, indem das Blankopapier die personale Bestimmtheit des Gläubigers zwar nicht aufhebt, aber doch beliebig hinausschiebt, bis schließlich in dem reinen Inhaberpapier, das wie eine Münze von Hand zu Hand gehen kann, der Wert völlig mobilisiert ist. Dies erscheint als dei Revers oder die gleichsam subjektive Wendung der oben an den staatlichen Schatzassignationen beobachteten Entwicklung. Indem dieselben statt auf einzelne bestimmte Kroneinkünfte schließlich auf die Staatseinkünfte überhaupt lauteten, verloren sie nach der Seite des Schuldners hin ihre individuelle Fixiertheit, gingen aus ihrer substanziellen Eingeschränktheit in die Bewegungen der allgemeinen Staatswirtschaft über und wurden, schon weil die Prüfung ihrer be¬ sonderen Qualität jetzt wegfiel, unendlich viel beweglichere Träger des Wertes, den sie darstellten.

An der allgemeinen Zirkulationsbeschleunigung der Werte ent¬ wickelt sich nun auch unmittelbar das Verhältnis von Substanz und Funktion des Geldes. Gegenüber einer einseitigen Auffassung des Verhältnisses zwischen Geld und Geldsurrogaten hat man bervorgehoben, daß diese letzteren — Schecks, Wechsel, Warrants, Giro — das Geld nicht verdrängen, sondern nur zu schnellerer Umsetzung veranlassen. Diese Funktion gerade der Vertretungen des Geldes zeigt sich recht daran, daß die Noten von ihren großen und also schwerer beweglichen Werten zu immer geringeren herabsteigen: bis 1759 gab die englische Bank keine kleineren Noten aus als zu 20 Pfund, die Bank von Frankreich bis 1848 nur solche von 500 Fr Indem jene Surrogate an die Stelle der Barzahlung treten, ersparen sie es dem Einzelnen zwar, einen größeren Geldbestand in seiner Kasse zu halten, allem der Vorteil davon liegt doch nur darin, daß das so frei werdende Geld anderwärts bzw. bei der Scheckbank arbeiten kann. Was erspart wird, ist also nicht eigentlich das Geld sondern nur sein passives Daliegen als Kassenbestand. So ist auch sonst zu beobachten, daß Kredit- und Bargeld sirh «...n n verschiedenen Betätigungen des Erkenntnistriebes, sowohl wenn sie sich gegenseitig hervorrufen, wie wenn sie sich gegenseitig ver¬ drängen, gleichmäßig die Einheit des grundlegenden Interesses be¬ kunden; endlich, die politischen Energien in einer Gruppe verdichten sich je nach dem Naturell und Milieu der Einzelnen zu divergenten Parteien, aber sie zeigen ihr Kraftmaß ebenso in der Leidenschaft des Kampfes zwischen diesen, wie darin, daß das Interesse des Ganzen sie gelegentlich zu gemeinsamer Aktion zu vereinheitlichen imstande ist. So weist die Bedeutung des Kredits: einerseits mit der Bargeld¬ zirkulation in einem Verhältnis gegenseitiger Anregung zu stehen, andrerseits dieselbe zu ersetzen, nur auf die Einheit des Dienstes hin, den beide zu leisten haben.

Nun tritt an die Stelle der Vermehrung der Geldsubstanz, die durch die Steigerung des Umsatzes erfordert scheint, immer mehr die Vermehrung seiner Umlaufsgeschwindigkeit. Ich führte früher an, daß schon im Jahre 1890 die französische Bank auf Kontokorrent das 135 fache der tatsächlich darauf eingezahlten Gelder umgesetzt hat (54 Milliarden auf 400 Millionen Francs), die deutsche Reichsbank sogar das 190 fache. Man macht sich im allgemeinen selten klar, mit wie unglaublich wenig Substanz das Geld seine Dienste leistet.

Die auffällige Erscheinung, daß bei Ausbruch eines Krieges oder sonstiger Katastrophen das Geld verschwindet, als ob es in die Erde gesunken wäre, bedeutet doch nur die Stockung der Zirkulation, die durch die Ängstlichkeit des Einzelnen, sich auch nur momentan von seinem Gelde zu trennen, veranlaßt oder verstärkt ist. In normalen Zeiten läßt die Schnelligkeit der Zirkulation seine Substanz viel aus¬ gedehnter erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist — wie ein glühendes Fünkchen, das im Dunkeln rasch im Kreise bewegt wird, als ein ganzer glühender Kreis erscheint, — um in dem Augenblick, wo seine Bewegung aufhört, sofort wieder in seine substanzielle Minimität zu¬ sammenzuschmelzen. Am heftigsten tritt dies bei einem schlechten Gelde auf. Denn das Geld gehört in jene Kategorie von Er¬ scheinungen, deren Wirksamkeit sich bei regulärer Form und Verlauf in angebbaren Grenzen und determiniertem Umfang hält, während sie bei Ablenkungen und Verschlimmerungen einen unübersehbaren und kaum begrenzten Schaden anrichten. Die Typen dafür sind die Mächte des Wassers und des Feuers. Da das gute Geld nicht mit so vielen Nebenwirkungen belastet ist wie das schlechte und deshalb nicht so viel Erwägungen, Vorsicht und sekundäre Maßregeln bei seiner Benutzung verlangt, so kann es leichter und flüssiger als dieses kursieren. In je präziserer Form es die Dienste des bloßen Geldes leistet, desto geringer braucht sein Quantum zu sein, desto leichter ist es durch seine Bewegung zu ersetzen. Auch kann die Vermehrung der Umsätze statt durch eine Vermehrung der kursierenden Geld¬ substanz durch Verkleinerung der Stücke erzielt werden. Die Ent¬ wicklung der Münze geht im allgemeinen von großen zu kleinen Stücken und ich erwähne aus derselben hier des bezeichenden Falles: in England war lange Zeit der Farthing (gleich 0,12 gr Silber) das geringste Münzstück; erst von 1843 an wurden halbe Farthings ge¬ schlagen. Bis dahin waren also alle Werte, die unter ein Farthing galten, vom Geldverkehr ausgeschlossen, und für alle, die zwischen zwei ganzen Zahlen von Farthings standen, der Verkehr erschwert. Ein Reisender erzählt aus Abessinien (1882), wie außerordentlich es den Handel behindere, daß nur eine ganz bestimmte Münze, der Maria-Theresia-T aler von 1780, anerkannt werde, das Kleingeld aber so gut wie ganz fehle. Wenn jemand also für einen halben Taler Gerste kaufen wolle, so müsse er für den Rest des Geldes irgend sonstige Gegenstände in Kauf nehmen. Wogegen aus Bornu in den sechziger Jahren von einem besonders leichten Verkehr berichtet wird, da der Wert jenes Talers in zirka 4000 Kaurimuscheln zerlegt sei und der. Arme deshalb ein Geld für die kleinsten Warenmengen besitze.

Freilich hat die Verkleinerung der Münze die Folge, daß nicht mehr so viel umsonst geleistet wird, das Leihen und Aushelfen, das in primitiven Verhältnissen Regel ist, fällt fort, sobald für den allerkleinsten Dienst ein Geldäquivalent zur Verfügung steht und eben deshalb auch gefordert wird. Aber jene Hingabe ohne Äquivalent, die zuerst soziale Notwendigkeit, dann moralische Pflicht oder freie Freundlichkeit ist, bedeutet noch keine eigentliche und entwicklungs¬ fähige Wirtschaft, sowenig wie umgekehrt der Raub. Zu dieser wird che Hmgabe erst mit der Objektivation des Verkehrs und seiner Gegenstände. Jenes subjektive Verfahren ist sicher von hohem, auch Ökonomischem Werte — aber es setzt der Wirtschaft sehr enge Grenzen; und diese können erst durch die Maßregeln gesprengt wer¬ den, die freilich jene Werte unmittelbar vernichten und zu denen die Einführung möglichst kleiner Münze gehört. Die Verflüchtigung des Geldstoffes sozusagen in Atome hebt den Verkehr außerordent¬ lich; indem sie das Tempo der Geldumsätze beschleunigt, vermehrt sie ihre Zahl; d. h. also, die bestimmte Art, in der das Geld funktioniert, ist imstande, die quantitativen Mehrungen seiner Substanz zu ersetzen.

Auch haben nun endlich gewisse Leistungen des Geldes von vorn¬ herein einen Sinn, der dem Wesen einer Substanz heterogen ist. Es gehört zu den Funktionen des Geldes, die ökonomische Bedeutung der Dinge in der ihm eigenen Sprache nicht nur überhaupt darzustellen, sondern zu kondensieren. In der Einheit der Geldsumme, mit der ein Gegenstand bezahlt wird, verdichten sich ebenso die Werte aller, vielleicht durch einen langen Zeitraum hin erstreckten Momente seiner Nutznießung, wie die Sonderwerte seiner räumlich auseinander¬ liegenden Teile, wie die Werte aller vorbereitenden und in ihm mün¬ denden Kräfte und Substanzen. Ein Geldpreis, aus wie vielen Münz¬ einheiten er auch bestehe, wirkt doch als eine Einheit; dank der völligen Ununterscheidbarkeit seiner Teile, die seinen Sinn aus¬ schließlich in seiner quantitativen Höhe bestehen läßt, bilden diese Teile eine so völlige Einheit, wie sie auf praktischem Gebiet sonst kaum besteht. Wenn man selbst von einem hochwertigen und viel¬ verzweigten Objekt, etwa einem Landgut, sagt, es gelte eine halbe Million Mark, so wird durch diese Summe, auf wie viele einzelne Voraussetzungen und Erwägungen sie sich auch fundamentiere, doch der Wert des Gutes in einen ganz einheitlichen Begriff zusammen¬ gezogen, nicht anders, als wenn man eine auch in sich einheitliche Sache durch einen in sich einheitlichen Münzbegriff schätzt, also etwa: eine Arbeitsstunde gelte eine Mark. Man könnte dies höch¬ stens mit der Einheit des Begriffes vergleichen, der das Wesentliche einer Anzahl individueller Gestaltungen zusammenschließt; wenn ich z. B. den Allgemeinbegriff Baum bilde, so liegen die Merkmale desselben, die ich aus ihren sehr verschiedenartigen Verwirklichungen an den einzelnen Bäumen heraus abstrahiere, nicht mehr nebenein¬ ander, sondern durchdringen sich zu einer einheitlichen Wesenheit.

Wie es der tiefere Sinn des Begriffes ist, nicht ein bloßes Zusammen von Merkmalen zu sein, sondern die ideale Einheit, in der diese Merk¬ male trotz aller ihrer Verschiedenheiten sich begegnen, und in die sie sich einschmelzen — so läßt der Geldpreis alle vielfache und extensiv-ökonomische Bedeutung des Objekts in eine gleichsam un¬ ausgedehnte Einheit konvergieren. Es scheint zwar, als ob jener Charakter reiner Quantität dies gerade verhindern müßte: niemals könne eine Mark mit einer zweiten eine solche Einheit bilden wie die Elemente eines organischen Körpers oder einer sozialen Ver¬ einigung, die Verschlingung ineinander fehle ihnen, sie blieben ewig an die Form des Nebeneinander gebunden. Allein dies gilt tatsächlich nicht für den Fall, daß die Geldsumme den Wert eines Objektes ausdrückt. Eine halbe Million Mark sind an und für sich freilich ein bloßes additionales Konglomerat zusammenhangsloser Einheiten; dagegen als Wert eines Landgutes sind sie das einheitliche Symbol, Ausdruck oder Äquivalent seiner Werthöhe und so wenig ein bloßes Nebeneinander einzelner Markeinheiten, wie, wenn man die Luft¬ temperatur mit 20 0 bezeichnet, damit nicht eine Summe von 20 einzelnen Graden, sondern vielmehr ein in sich völlig einheitlicher Wärmezustand gemeint ist. Dies entspricht der erwähnten Leistung des Geldes, Werte zu kondensieren; mit dieser schließt es sich deD großen Kulturmächten an, deren Wesen es ist, überall in einem kleinsten Punkt die größte Kraft zu sammeln und vermöge der Form der Konzentrierung der Energien die passiven und aktiven Wider¬ stände gegen unsere Zwecke zu überwinden. Hier ist vor allem an die Maschine zu erinnern, und zwar nicht nur nach der auf der Hand. liegenden Seite, daß sie die Naturkräfte in konzentrierter Weise in die Bahnen uns erwünschter Betätigung lenkt; sondern auch nach der hin, daß jede Verbesserung der Maschine und Erhöhung ihrer Geschwindigkeit den Arbeiter zu erhöhter Intensifikation seines Kraft¬ einsatzes zwingt. Das eben ist der Grund, weshalb Fortschritt der maschinellen Technik und Verkürzung der Arbeitszeit so oft Hand in Hand gehen kann und muß: weil die verbesserte Maschinerie nicht nur die Naturkräfte, sondern auch die Menschenkräfte in zu¬ sammengedrängterer, gleichsam porenloserer Form in den Dienst unserer Zwecke stellt. Ich sehe die gleiche Kulturtendenz sich an der Herrschaft des Naturgesetzes innerhalb unseres Weltbildes ver¬ wirklichen: gegenüber dem Haften an der einzelnen Erscheinung, der Zufälligkeit und der Isoliertheit primärer Empirie, ist das Natur¬ gesetz eine ungeheure Kondensierung des Erkennens; es faßt in eine kurze Formel die Erscheinungsart und Bewegung endloser Einzelfälle zusammen, der Geist komprimiert mit ihm die räumliche und zeit¬ liche Extensität des Geschehens in eine überschaubare Systematik, in der sozusagen die ganze Welt latent enthalten ist. An einem ganz anderen Pol der Erscheinungen zeigt die Ablösung der Handwaffen durch die Feuerwaffen dieselbe Entwicklungsform. Im Pulver hegt die enorme Kraftverdichtung, die mit einem Minimum von Muskel¬ leistung eine unmittelbar gar nicht erzielbare Extensität der Wirkung entfesselt. Ja vielleicht ist die Wichtigkeit und die Differenzierung der Persönlichkeit innerhalb der historischen Bewegung, die an die Stelle der Gentil-, Familien-, Genossenschaftsorganisationen tritt, dem gleichen Prinzip untertan. Indem die bewegenden Kräfte von immer individualisierteren, äußerlich enger begrenzten Trägern aus¬ strahlen, erscheinen sie komprimierter als vorher, die Schicksals -faktoren, die bei enger Einschmelzung des einzelnen in seine Gruppe durch diese hin verteilt sind, konzentrieren sich jetzt in ihm selbst; das Selbstbestimmungsrecht des modernen Menschen hätte zweck¬ mäßigerweise nicht aufkommen können, wenn nicht in der engen Form personaler Existenz ein sehr gestiegenes Quantum von Wir¬ kungsmöglichkeiten zusammengebunden wäre. Und dem widerstreitet