SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

German

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vielgliedrigen Zweckreihen Platz macht. Unter diesen Umständen ist Vorstellung und Genuß von Endzwecken ein relativ häufiger, das Bewußtsein der sachlichen Verknüpfungen und der Wirklichkeit, die Intellektualität, tritt seltener in Funktion, als die Gefühlsbegleitungen, die sowohl die unmittelbare Vorstellung wie den realen Eintritt der Endzwecke charakterisieren. Noch das Mittelalter hatte durch die ausgedehnte Produktion für den Selbstbedarf, durch die Art des Handwerksbetriebes, durch die Vielfachheit und Enge der Einungen, vor allem durch die Kirche eine viel größere Zahl definitiver Be¬ friedigungspunkte des Zweckhandelns, als die Gegenwart, in der die Umwege und Vorbereitungen zu solchen ins Endlose wachsen, wo der Zweck der Stunde so viel häufiger über die Stunde hinaus, ja, über den Gesichtskreis des Individuums hinausliegt. Diese Verlänge¬ rung der Reihen bringt das Geld zunächst dadurch zustande, daß es ein gemeinsames, zentrales Interesse über sonst auseinanderliegenden schafft und sie dadurch in Verbindung bringt, so daß die eine zur Vorbereitung der anderen, ihr sachlich ganz fremden, werden kann (indem z. B. der Geldertrag der einen und damit sie als Ganzes zum Unternehmen der anderen dient). Das Wesentliche aber ist die allgemeine, nach ihrem Zustandekommen bereits früher besprochene Tatsache, daß das Geld allenthalben als Zweck empfunden wird und damit außerordentlich viele Dinge, die eigentlich den Charakter des Selbstzwecks haben, zu bloßen Mitteln herabdrückt. Indem nun aber das Geld selbst überall und zu allem Mittel ist, werden dadurch die Inhalte des Daseins in einen ungeheuren teleologischen Zusammen¬ hang eingestellt, in dem keiner der erste und keiner der letzte ist.

Und da das Geld alle Dinge mit imbarmherziger Objektivität mißt und ihr Wertmaß, das sich so herausstellt, ihre Verbindungen be¬ stimmt — so ergibt sich ein Gewebe sachlicher und persönlicher Lebensinhalte, das sich an imunterbrochener Verknüpftheit und strenger Kausalität dem naturgesetzlichen Kosmos nähert und von dem alles durchflutenden Geldwert so zusammengehalten wird, wie die Natur von der alles belebenden Energie, die sich ebenso wie jener in tausend Formen kleidet, aber durch die Gleichmäßigkeit ihres eigentlichen Wesens und die Rückverwandelbarkeit jeder ihrer Um¬ setzungen jedes mit jedem in Verbindung setzt und jedes zur Be¬ dingung eines jeden macht. Wie nun aus der Auffassung der natür¬ lichen Prozesse alle Gefühlsbetonungen verschwunden und durch die eine objektive Intelligenz ersetzt worden sind, so scheiden die Gegen¬ stände und Verknüpfungen unserer praktischen Welt, indem sie mehr und mehr zusammenhängende Reihen bilden, die Einmischungen des Gefühles aus, die sich nur an teleologischen Endpunkten einstellen, n und sind nur noch Objekte der Intelligenz, die wir an der Hand dieser benutzen. Die steigende Verwandlung aller Lebensbestandteile in Mittel, die gegenseitige Verbindung der sonst mit selbstgenügsamen Zwecken abgeschlossenen Reihen zu einem Komplex relativer Ele¬ mente ist nicht nur das praktische Gegenbild der wachsenden Kausal¬ erkenntnis der Natur und der Verwandlung des Absoluten in ihr in Relativitäten; sondern, da alle Struktur von Mitteln — für unsere jetzige Betrachtung — eine von vorwärts betrachtete Kausalverbin¬ dung ist, so wird damit auch die praktische Welt mehr und mehr zu einem Problem für die Intelligenz; oder genauer: die vorstellungs¬ mäßigen Elemente des Handelns wachsen objektiv und subjektiv zu berechenbaren, rationellen Verbindungen zusammen und schalten dadurch die gefühlsmäßigen Betonungen und Entscheidungen mehr und mehr aus, die sich nur an die Cäsuren des Lebensverlaufes, an die Endzwecke in ihm, anschließen.

Diese Beziehung zwischen der Bedeutung des Intellekts und der des Geldes für das Leben läßt die Epochen oder Interessengebiete, wo beides herrscht, zunächst negativ bestimmen: durch eine ge¬ wisse Charakterlosigkeit. Wenn Charakter immer bedeutet, daß Personen oder Dinge auf eine individuelle Daseinsart, im Unter¬ schiede und unter Ausschluß von allen anderen, entschieden festgelegt sind, so weiß der Intellekt als solcher davon nichts: denn er ist der indifferente Spiegel der Wirklichkeit, in der alle Elemente gleich¬ berechtigt sind, weil ihr Recht hier in nichts anderem als in ihrem Wirklichsein besteht. Gewiß sind auch die Intellektualitäten der Menschen charakteristisch unterschieden: allein genau angesehen, sind dies entweder Unterschiede des Grades: Tiefe oder Oberfläch¬ lichkeit, Weite oder Beschränktheit — oder solche, die durch den Beisatz anderer Seelenenergien, des Fühlens oder Wollens, entstehen.

Der Intellekt, seinem reinen Begriff nach, ist absolut charakterlos, nicht im Sinne des Mangels einer eigentlich erforderlichen Qualität, sondern weil er ganz jenseits der auswählenden Einseitigkeit steht, die den Charakter ausmacht. Eben dies ist ersichtlich auch die Charakterlosigkeit des Geldes. Wie es an und für sich der mecha¬ nische Reflex der Wertverhältnisse der Dinge ist und allen Parteien sich gleichmäßig darbietet, so sind innerhalb des Geldgeschäftes alle Personen gleichwertig, nicht, weil jede, sondern weil keine etwas wert ist, sondern nur das Geld. Die Charakterlosigkeit aber des Intellekts wie des Geldes pflegt über diesen reinen, negativen Sinn hinauszuwachsen. Wir verlangen von allen Dingen — vielleicht nicht immer mit sachlichem Recht — Bestimmtheit des Charakters und verdenken es dem rein theoretischen Menschen, daß sein Alles -Verstehen ihn bewegt, alles zu verzeihen — eine Objektivität, die wohl einem Gotte, aber niemals einem Menschen zukäme, der sich damit in offenbaren Widerspruch sowohl gegen die Hinweisungen seiner Natur wie gegen seine Rolle in der Gesellschaft setze. So verdenken wir es der Geldwirtschaft, daß sie ihren zentralen Wert der elendesten Machination als ein völlig nachgiebiges Werkzeug zur Verfügung stellt; denn dadurch, daß sie es der hochsinnigsten Unternehmung nicht weniger leiht, wird dies nicht gut gemacht, sondern gerade nur das völlig zufällige Verhältnis zwischen der Reihe der Geld¬ operationen und der unserer höheren Wertbegriffe, die Sinnlosigkeit des einen, wenn man es am anderen mißt, in das hellste Licht gestellt.

Die eigentümliche Abflachung des Gefühlslebens, die man der Jetzt¬ zeit gegenüber der einseitigen Stärke und Schroffheit früherer Epochen nachsagt; die Leichtigkeit intellektueller Verständigung, die selbst zwischen Menschen divergentester Natur und Position be¬ steht — während selbst eine intellektuell so überragende und theo¬ retisch so interessierte Persönlichkeit wie Dante noch sagt, gewissen theoretischen Gegnern dürfe man nicht mit Gründen, sondern nur mit dem Messer antworten; die Tendenz zur Versöhnlichkeit, aus der Gleichgültigkeit gegen die Grundfragen des Innenlebens quellend, die man zuhöchst als die nach dem Heil der Seele bezeichnen kann und die nicht durch den Verstand zu entscheiden sind — bis zu der Idee des Weltfriedens, die besonders in den liberalen Kreisen, den historischen Trägern des Intellektualismus und des Geldverkehrs gepflegt wird: alles dies entspringt als positive Folge jenem nega¬ tiven Zuge der Charakterlosigkeit. An den Höhenpunkten des Geldverkehrs wird diese Farblosigkeit sozusagen zur Farbe von Berufs¬ inhalten. In den modernen Großstädten gibt es eine große Anzahl von Berufen, die keine objektive Form und Entschiedenheit der Be¬ tätigung aufweisen: gewisse Kategorien von Agenten, Kom¬ missionäre, all die unbestimmten Existenzen der Großstädte, die von den verschiedenartigsten, zufällig sich bietenden Gelegenheiten, etwas zu verdienen, leben. Bei diesen hat das ökonomische Leben, das Gewebe ihrer teleologischen Reihen überhaupt keinen sicher anzugebenden Inhalt, außer dem Geldverdienen, das Geld, das absolut Unfixierte, ist ihnen der feste Punkt, um den ihre Tätigkeit mit un¬ begrenzter Latitüde schwingt. Eine besondere Art von »unquali¬ fizierter Arbeit« liegt hier vor, neben der die gewöhnlich so bezeichnete sich doch noch als qualifiziert herausstellt: nämlich dadurch, daß das Wesen der letzteren in der bloßen Muskelarbeit besteht, bei völligem Überwiegen des aufgewendeten Energiequantums über die Form seiner Äußerung, bekommt diese Arbeit der niedrigsten Arbeiter doch eine spezifische Färbung, ohne die schon die bloßen, neuerdings in England gemachten Versuche, sie in Gewerkvereinen zu organisieren, nicht möglich wären. Sehr viel mehr entbehren jene, den divergentesten Verdienstgelegenheiten nachgehenden Existenzen jeder apriorischen Bestimmtheit ihres Lebensinhaltes — im Unter¬ schiede vom Bankier, bei dem das Geld nicht nur der Endzweck, sondern auch das Material der Tätigkeit ist, als welches es durch¬ aus besondere, festgelegte Direktiven, eigenartige Interessiertheiten, Züge eines bestimmten Berufscharakters zeitigen kann. Erst bei jenen problematischen Existenzen haben die Wege zu dem Endziel Geld jede sachliche Einheit oder Verwandtschaft abgestreift. Das Nivelle¬ ment, das das Geldziel den einzelnen Betätigungen und Interessen bereitet, findet erst hier ein Minimum von Widerstand, die Bestimmt¬ heit und Färbung, die der Persönlichkeit aus ihren ökonomischen Tätigkeiten kommen könnte, ist aufgehoben. Nun ist offenbar eine solche Existenz nur bei nicht gewöhnlicher Intellektualität von irgend¬ welchem Erfolge, ja Möglichkeit, und zwar in jener Form, die man als »Schlauheit« bezeichnet — womit man die Lösung der Klugheit von jeder Festgelegtheit durch die Normen der Sache oder der Idee und ihre vorbehaltlose Dienstbarkeit für das jeweilige persönliche Interesse meint. Zu diesen »Berufen« — denen gerade das »Berufen¬ sein«, d. h. die feste ideelle Linie zwischen der Person und einem Lebensinhalt fehlt — sind begreiflicherweise die überhaupt entwurzel¬ ten Menschen disponiert und ebenso begreiflich ruht auf ihnen der Verdacht der Unzuverlässigkeit; wie sogar schon in Indien gelegent¬ lich der Name für Kommissionär, Vermittler, zugleich der Name für jemanden geworden ist who lives by cheating his fellow-creatures. Jene großstädtischen Existenzen, die nur auf irgendeine, völlig unpräjudizizierte Weise Geld verdienen wollen und dazu um so mehr des Intellekts als allgemeiner Funktion bedürfen, weil spezielle Sachkenntnis für sie nicht in Frage kommt — stellen ein Hauptkontingent zu jenem Typus unsichrer Persönlichkeiten, die man nicht recht greifen und »stellen« kann, weil ihre Beweglichkeit und Vielseitigkeit es ihnen erspart, sich sozusagen in irgendeiner Situation festzulegen. Daß das Geld und die Intellektualität den Zug der Unpräjudiziertheit oder Charakterlosig¬ keit gemeinsam haben, das ist die Voraussetzung dieser Erscheinun¬ gen, die auf einem anderen Boden als auf der Berührungsfläche jener beiden Mächte nicht wachsen könnten.

Gegen derartige Züge der Geld Wirtschaft ist die Heftigkeit der modernen Wirtschaftskämpfe, in denen kein Pardon gegeben wird, doch nur eine scheinbare Gegeninstanz, da sie durch das unmittelbare Interesse am Gelde selbst entfesselt werden. Denn nicht nur, daß diese in einer objektiven Sphäre vor sich gehen, in der die Persönlich¬ keit nicht sowohl als Charakter, sondern als Träger einer bestimmten sachlichen Wirtschaftspotenz wichtig ist und wo der todfeindliche Konkurrent von heute der Kartellgenosse von morgen ist; sondern vor allem: die Bestimmungen, die ein Gebiet innerhalb seiner er¬ zeugt, können durchaus denen heterogen sein, die es außerhalb seiner gelegenen, aber von ihm beeinflußten, mitteilt. So kann eine Reli¬ gion innerhalb ihrer Anhänger und ihrer Lehre die Friedfertigkeit selbst und doch sowohl den Ketzern wie den ihr benachbarten Lebens -mächten gegenüber äußerst streitbar und grausam sein; so kann ein Mensch in Anderen Gefühle und Gedanken hervorrufen, die seinen eigenen Lebensinhalten völlig heterogen sind, so daß er gibt, was er selbst nicht hat; so mag eine Kunstrichtung ihrer eigenen Über¬ zeugung und artistischen Idee nach völlig naturalistisch sein, in dem Verhältnis der Unmittelbarkeit und bloßen Reproduktion zur Natur stehend, während die Tatsache, daß es überhaupt eine so treue Hin¬ gabe an die Erscheinung des Wirklichen und eine künstlerische Be¬ mühung um ihre Abspiegelung gibt, im System des Lebens ein ab¬ solut ideales Moment ist und sich, im Vergleich zu dessen anderen Bestandteilen, weit über alle naturalistische Wirklichkeit hinaushebt.

So wenig die Schärfe theoretisch-logischer Kontroversen hindert, daß die Intellektualität doch ein Prinzip der Versöhnlichkeit ist — denn sobald der Streit aus dem Gegensatz der Gefühle oder der Wollungen oder der unbeweisbaren, nur gefühlsmäßig anerkennbaren Axiome in die theoretische Diskussion übergegangen ist, muß er prinzipiell beigelegt werden können —, so wenig hindern die Inter¬ essenkämpfe in der Geldwirtschaft, daß diese doch ein Prinzip der Indifferenz ist, die Gegnerschaften aus dem eigentlich Persönlichen heraushebt und ihnen einen Boden bietet, auf dem schließlich immer eine Verständigung möglich ist. Gewiß hat die rein verstandesmäßige Behandlung der Menschen und Dinge etwas Grausames; aber sie hat dies nicht als positiven Impuls, sondern als einfache Unberührtheit ihrer bloß logischen Konsequenz durch Rücksichten, Gutmütigkeit, Zartheiten; weshalb denn auch entsprechend der rein geldmäßig interessierte Mensch es gar nicht zu begreifen pflegt, wenn man ihm Grausamkeit und Brutalität vorwirft, da er sich einer bloßen Folge¬ richtigkeit und reinen Sachlichkeit seines Verfahrens, ohne irgend¬ einen bösen Willen, bewußt ist. Bei alledem ist festzuhalten, daß es sich nur um das Geld als Form der Wirtschaftsbewegungen han¬ delt, denen darum doch aus anderweitigen, inhaltlichen Motiven noch ganz davon abweichende Züge kommen können. Man kann dieses Jenseits der Charakterbestimmtheiten, in das das Leben, unbeschadet aller sonstigen, gegensatzverschärfenden Folgen der Intellektualität und der Geldwirtschaft, durch sie gestellt wird, als Objektivität des Lebensstiles bezeichnen. Dies ist nicht ein Zug, der sich der Intelli¬ genz hinzugesellte, sondern er ist ihr Wesen selbst; sie ist die einzige dem Menschen zugängjige Art, auf die er zu den Dingen ein nicht durch die Zufälligkeit des Subjektes bestimmtes Verhältnis gewinnen kann. Angenommen selbst, daß die gesamte objektive Wirklichkeit durch die Funktionen unseres Geistes bestimmt ist, so nennen wir eben die¬ jenigen Funktionen die intelligenten, durch die sie uns als die ob¬ jektive, im spezifischen Sinne des Wortes, erscheint, so sehr die Intelligenz selbst auch durch anderweitige Kräfte belebt und dirigiert sei. Das glänzendste Beispiel für diese Zusammenhänge ist Spinoza: ein objektivstes Verhalten zur Welt, jeder einzelne Akt der Inner¬ lichkeit als ein harmonisches Weiterklingen der Notwendigkeiten des allgemeinen Daseins gefordert, den Unberechenbarkeiten der Indivi¬ dualität nirgends gestattet, die logisch-mathematische Struktur der Welteinheit zu durchbrechen, die Funktion, die dieses Weltbild und seine Normen trägt, die rein intellektuelle; auf das bloße Verstehen der Dinge ist diese Weltanschauung selbst subjektiv aufgebaut, und es reicht zur Erfüllung ihrer Forderungen aus; diese Intellektualität selbst aber allerdings auf ein tief religiöses Fühlen gegründet, auf eine völlig über-theoretische Beziehung zum Grunde der Dinge, die nur nie in das Einzelne des in sich geschlossenen intellektuellen Pro¬ zesses eingreift. Im großen zeigt das indische Volk dieselbe Ver¬ bindung. Aus den ältesten wie aus modernen Zeiten wird berichtet, daß zwischen den kämpfenden Heeren indischer Staaten der Land¬ mann ruhig sein Feld bebauen könne, ohne von einer feindlichen Partei belästigt zu werden; denn er sei »der gemeinsame Wohltäter von Freund und Feind«. Offenbar ist dies ein äußerstes Maß objek¬ tiver Behandlung der praktischen Dinge: die als natürlich erscheinen¬ den subjektiven Impulse sind völlig zugunsten einer nur der sach¬ lichen Bedeutung der Elemente entsprechenden Praxis ausgeschaltet, die Differenzierung des Verhaltens folgt nur noch einer objektiven Angemessenheit statt denen der persönlichen Leidenschaft. Aber dieses Volk war auch völlig intellektualis tisch gestimmt: an scharfer Logik, grüblerischer Tiefe der Weltkonstruktion, ja, einer kahlen Verstandesmäßigkeit selbst seiner gigantischsten Phantasien wie seiner gesteigertsten ethischen Ideale war es in alten Zeiten allen anderen ebenso überlegen, wie es an ausstrahlender Wärme des eigentlichen Gemütslebens und an Willenskraft hinter sehr vielen zurückstand; es war ein bloßer Zuschauer und logischer Konstruk¬ teur des Weltlaufs geworden — aber daß es das geworden war, das ruhte dennoch auf letzten Entscheidungen des Gefühles, auf einer Unermeßlichkeit des Leidens, die zu einem metaphysisch -religiösen Fühlen seiner kosmischen Notwendigkeit auswuchs, weil der Einzelne mit ihm weder innerhalb der Gefühlsprovinz selbst, noch durch die Ableitungen einer energischen Lebenspraxis fertig werden konnte.

Eben diese Objektivität der Lebensverfassung geht auch von deren Beziehung zum Gelde aus. Ich habe in früherem Zusammen¬ hang darauf hingewiesen, eine wie große Erhebung über die ur¬ sprüngliche undifferenzierte Subjektivität des Menschen schon der Handel darstellt. Noch heute gibt es Völker in Afrika und Mikro¬ nesien, die keinen anderen Besitzwechsel als in der Form des Raubes und des Geschenkes kennen. Wie aber dem höheren Menschen neben und über den subjektivistischen Antrieben von Egoismus und Alt¬ ruismus — in deren Alternative die Ethik leider noch die mensch¬ lichen Motivierungen einzusperren pflegt — objektive Interessen er¬ wachsen, ein Hingegebensein oder Verpflichtetsein, das gar nicht mit Verhältnissen von Subjekten, sondern mit sachlichen Angemessen¬ heiten und Idealen zu tun hat: so entwickelt sich, jenseits der egoisti¬ schen Impulsivität des Raubes und der nicht geringeren altruistischen des Geschenkes, der Besitzwechsel nach der Norm objektiver Richtig¬ keit und Gerechtigkeit, der Tausch. Das Geld aber stellt das Moment der Objektivität der Tauschhandlungen gleichsam in reiner Ab¬ gelöstheit und selbständiger Verkörperung dar, da es von allen ein¬ seitigen Qualifikationen der tauschbaren Einzeldinge frei ist und des¬ halb von sich aus zu keiner wirtschaftlichen Subjektivität ein ent¬ schiedeneres Verhältnis hat als zu einer anderen — gerade wie das theoretische Gesetz die für sich seiende Objektivität des Natur¬ geschehens darstellt, der gegenüber jeder einzelne, von jenem be¬ stimmte Fall als zufällig — das Seitenstück zu dem Subjektiven im Menschlichen — erscheint. Daß dennoch die verschiedenen Persön¬ lichkeiten gerade zum Gelde die verschiedensten inneren Beziehungen haben, beweist gerade seine Jenseitigkeit von jeder subjektiven Einzelheit; es teilt diese mit den anderen großen historischen Poten¬ zen, die weiten Seen gleichen, aus denen man von jeder Seite her und alles das schöpfen kann, was das mitgebrachte Gefäß nach Form und Umfang gestattet. Die Objektivität des gegenseitigen Verhaltens der Menschen die freilich nur eine Formung eines ursprünglich von subjektiven Energien gelieferten Materiales ist, aber eine von schließlich selbständigem Bestände und Normgebung — gewinnt an den rein geldwirtschaftlichen Interessen ihre restloseste Ausprägung.

Was gegen Geld fortgegeben wird, gelangt an denjenigen, der das meiste dafür gibt, gleichgültig, was und wer er sonst sei; wo andere Äquivalente ins Spiel kommen, wo man um Ehre, um Dienstleistung, um Dankbarkeit sich eines Besitzes entäußerst, sieht man sich die Beschaffenheit der Person an, der man gibt. Und umgekehrt, wo ich selbst um Geld kaufe, ist es mir gleichgültig, von wem ich das kaufe, was mir erwünscht und den Preis wert ist; wo man aber um den Preis der Dienstleistung, der persönlichen Verpflichtung in inner¬ licher und äußerlicher Beziehung erwirbt, da prüft man genau, mit wem man zu tun hat, weil wir nichts anderes von uns als gerade nur Geld jedem Beliebigen geben mögen. Die Bemerkung auf den Kassenscheinen, daß der Wert derselben dem Einlieferer »ohne Legi¬ timationsprüfung« ausgezahlt wird, ist bezeichnend für die absolute Objektivität, mit der in Geldsachen verfahren wird. Auf ihrem Ge¬ biete findet sich selbst bei einem sehr viel leidenschaftlicheren Volke als den Indern doch ein Gegenstück zu jener Exemtion des Acker¬ bauers von den kriegerischen Bewegungen: bei einigen Indianern darf der Händler unbehelligt durch Stämme ziehen und Handel treiben, die mit dem seinigen auf dem Kriegsfuß stehen I Das G^ld stellt Handlungen und Verhältnisse des Menschen so außer¬ halb des Menschen als Subjektes, wie das Seelenleben, soweit es rein intellektuell ist, aus der persönlichen Subjektivität in die Sphäre der Sachlichkeit, die es nun abspiegelt, eintritt. Damit ist ersichtlich ein Überlegenheitsverhältnis angelegt. Wie der, der das Geld hat, dem überlegen ist, der die Ware hat, so besitzt der intel¬ lektuelle Mensch als solcher eine gewisse Macht gegenüber dem, der mehr im Gefühle und Impulse lebt. Denn soviel wertvoller des letzteren Gesamtpersönlichkeit sein mag, so sehr seine Kräfte in letzter Instanz jenen überflügeln mögen — er ist einseitiger, enga¬ gierter, vorurteilsvoller als jener, er hat nicht den souveränen Blick und die ungebundenen Verwendungsmöglichkeiten über alle Mittel der Praxis wie der reine Verstandesmensch. Aus diesem Überlegen¬ heitsmoment heraus, in dem das Geld und die Intellektualität durch ihre Objektivität gegenüber jedem singulären Lebensinhalt Zu¬ sammentreffen, hat Comte in seinem Zukunftsstaat an die Spitze der weltlichen Regierung die Bankiers gestellt, da sie die Klasse der all¬ gemeinsten und abstraktesten Funktionen bildeten. Und dieser Zu¬ sammenhang klingt schon bei den mittelalterlichen Gesellen¬ verbänden an, in denen der Seckeimeister zugleich der Vorstand der Bruderschaft zu sein pflegt.

Diese Begründung der Korrelation zwischen Intellektualität und geldmäßiger Wirtschaft auf die Objektivität und charakterologische Unbestimmtheit, die beiden gemeinsam wären, begegnet nun aber einer sehr entschiedenen Gegeninstanz. Neben der unpersönlichen Sachlichkeit nämlich, die der Intelligenz ihren Inhalten nach eigen ist, steht eine äußerst enge Beziehung, die sie gerade zur Indivi¬ dualität und zum ganzen Prinzip des Individualismus besitzt; das Geld seinerseits, so sehr es die impulsiv -subjektivistischen Verfahrungsweisen in überpersönliche und sachlich normierte übertührt, ist dennoch die Pflanzstätte des wirtschaftlichen Individualismus und Egoismus. Hier liegen also offenbar Mehrdeutigkeiten und Ver¬ schlingungen der Begriffe vor, die klar auseinandergelegt werden müssen, um den durch sie bezeichenbaren Lebensstil zu verstehen.

Jene Doppelrolle, die sowohl der Intellekt wie das Geld spielen, wird begreiflich, sobald man ihren Inhalt, den Sachgehalt ihres Wesens, von der Funktion unterscheidet, die diesen trägt, bzw. von der Verwendung, die von ihm gemacht wird. In dem ersteren Sinne hat der Intellekt einen nivellierten, ja, man möchte sagen: kommu¬ nistischen Charakter. Zunächst, weil es das Wesen seiner Inhalte ist, daß sie allgemein mitteilbar sind, und daß, ihre Richtigkeit vor¬ ausgesetzt, jeder hinreichend vorgebildete Geist sich von ihnen muß überzeugen lassen können — wozu es auf den Gebieten des Willens und des Gefühles gar kein Analogon gibt. Auf diesen hängt jede Übertragung der gleichen inneren Konstellation von der mitgebrach¬ ten und jedem Zwange nur bedingt nachgiebigen Verfassung der individuellen Seele ab; ihr gegenüber gibt es keine Beweise, wie sie dem Intellekt, wenigstens prinzipiell, zu Gebote stehen, um die gleiche Überzeugung durch die Gesamtheit der Geister zu ver¬ breiten. Die Beiehrbarkeit, die ihm allein eigen ist, bedeutet, daß man sich auf einem mit Allen gemeinsamen Niveau befindet. Dazu kommt, daß die Inhalte der Intelligenz, von ganz zufälligen Kompli¬ kationen abgesehen, die eifersüchtige Ausschließlichkeit nicht kennen, die die praktischen Lebensinhalte so oft besitzen. Gewisse Gefühle, z. B. die mit dem Verhältnis zwischen einem Ich und einem Du ver¬ bundenen, würden ihr Wesen und ihren Wert völlig verlieren, wenn eine Mehrzahl sie genau so teilen dürfte; gewissen Willenszielen ist es unbedingt wesentlich, daß Andere von ihnen, sowohl dem Er¬ streben wie dem Erreichen nach, ausgeschlossen sind. Theoretische Vorstellungen dagegen gleichen, wie man wohl gesagt hat, der Fackel, deren Licht darum nicht geringer wird, daß beliebig viele andere an ihr entzündet werden; indem die potenzielle Unendlichkeit ihrer Verbreitung gar keinen Einfluß auf ihre Bedeutung hat, ent¬ zieht sie sie mehr als alle sonstigen Lebensinhalte dem Privatbesitz.

Endlich bieten sie sich durch die Fixierung, über die sie verfügen, in einer Art dar, die von der Aufnahme ihres Inhaltes alle indivi¬ duellen Zufälligkeiten, wenigstens prinzipiell, ausschließt. Wir haben gar keine Möglichkeit, Gefühlsbewegungen und Willensenergien in so restloser und unzweideutiger Weise niederzulegen, daß jeder in jedem Augenblick darauf zurückgreifen und an der Hand des ob¬ jektiven Gebildes den gleichen inneren Vorgang immer wieder er¬ zeugen kann — wozu wir allein intellektuellen Inhalten gegenüber in der in Begriffen und ihrer logischen Verknüpfung sich bewegenden Sprache ein zulängliches, von der individuellen Disposition relativ unabhängiges Mittel besitzen. Nach ganz anderer Richtung aber entwickelt sich nun die Bedeutung des Intellektes, sobald die realen geschichtlichen Kräfte mit jenen abstrakten Sachlichkeiten und Möglichkeiten seines Inhaltes zu schalten beginnen. Zunächst ist es gerade die Allgemeingültigkeit der Erkenntnis und ihre daraus fol¬ gende Eindringlichkeit und Unwiderstehlichkeit, die sie zu einer furchtbaren Waffe der irgend hervorragenderen Intelligenzen macht.

Gegen einen überlegenen Willen können wenigstens die nicht suggestiblen Naturen sich wehren; einer überlegenen Logik aber kann man sich nur durch ein eigensinniges: Ich will nicht — entziehen, womit man sich denn doch als den schwächeren bekennt. Es kommt hinzu, daß zwar die großen Entscheidungen zwischen den Menschen von den überintellektuellen Energien ausgehen, der tägliche Kampf um das Sein und Haben aber durch das einzusetzende Maß von Klugheit entschieden zu werden pflegt. Die Macht der größeren Intelligenz beruht gerade auf dem kommunistischen Charakter ihrer Qualität: weil sie inhaltlich das Allgemeingültige und überall Wirk¬ same und Anerkannte ist, gibt schon das bloße Quantum ihrer, das jemandem durch seine Anlage zugängig ist, ihm einen unbedingteren Vorsprung, als ein qualitativ individuellerer Besitz es könnte, der eben wegen seiner Individualität nicht überall verwendbar ist und nicht ebenso an jedem Punkte der praktischen Welt irgendein Herr¬ schaftsgebiet findet. Hier wie sonst ist es gerade der Boden des gleichen Rechtes für Alle, der die individuellen Unterschiede zur vollen Entwicklung und Ausnutzung bringt. Gerade weil die bloß verstandesmäßige, auf die unbegründbaren Betonungen des Wollens und Fühlens verzichtende Vorstellung und Ordnung der menschlichen Verhältnisse keinen a priori gegebenen Unterschied zwischen den Individuen kennt, hat sie ebensowenig Grund, dem a posteriori hervor¬ tretenden irgend etwas von der Ausdehnung abzuschneiden, zu der er