SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

German

Page 49 of 58

von sich aus gelangen kann — was durch den sozialen Pflicht -willen wie durch die Gefühle von Liebe und Mitleid so oft geschieht.

Darum ist die rationalistische Welt auf fassung — die, unparteiisch wie das Geld, auch das sozialistische Lebensbild genährt hat — die Schule des neuzeitlichen Egoismus und des rücksichtslosen Durchsetzens der Individualität geworden. Für die gewöhnliche — nicht gerade ver¬ tiefte — Anschauung ist das Ich im Praktischen nicht weniger als im Theoretischen die selbstverständliche Grundlage und das un¬ vermeidlich erste Interesse; alle Motive der Selbstlosigkeit er¬ scheinen nicht als ebenso natürliche und autochthone, sondern als nachträgliche und gleichsam künstlich angepflanzte. Der Erfolg davon ist, daß das Handeln im selbstischen Interesse als das eigent¬ lich und einfach »logische« gilt. Alle Hingabe und Aufopferung scheint aus den irrationalen Kräften des Gefühls und Willens zu fließen, so daß die bloßen Verstandesmenschen dieselbe als einen Beweis mangelnder Klugheit zu ironisieren oder als den Umweg eines versteckten Egoismus zu denunzieren pflegen. Gewiß ist dies schon deshalb irrig, weil auch der egoistische Wille eben Wille ist, so gut wie der altruistische, und so wenig wie dieser aus dem bloßen ver¬ standesmäßigen Denken herausgepreßt werden kann; dieses vielmehr kann, wie wir sahen, immer nur die Mittel, für das eine wie für das andere, an die Hand geben, es steht dem praktischen Zweck, der diese auswählt und verwirklicht, völlig indifferent gegenüber. Allein da jene Verbindung der reinen Intellektualität mit dem praktischen Egoismus nun einmal eine verbreitete Vorstellung ist, so wird sie wohl, wenn auch nicht mit der angeblichen logischen Unmittelbar¬ keit, so doch auf irgendwelchen psychologischen Umwegen irgendeine Wirklichkeit haben. Aber nicht nur der eigentlich ethische Egois¬ mus, sondern auch der soziale Individualismus erscheint als das not¬ wendige Korrelat der Intellektualität. Aller Kollektivismus, der eine neue Lebenseinheit aus und über den Individuen schafft, scheint dem nüchternen Verstände etwas Mystisches, ihm Undurchdring¬ liches zu enthalten, sobald er es eben nicht in die bloße Summe der Individuen auflösen kann — wie die Lebenseinheit des Organismus, soweit er ihn nicht als Mechanismus der Teile verstehen kann. Darum ist mit dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts, der sich zur Revo¬ lution aufgipfelte, ein strenger Individualismus verbunden, und erst die Opposition gegen den ersteren, die von Herder über die Romantik führte, hat mit der Anerkennung der überindividuellen Gefühls¬ potenzen des Lebens auch die überindividuellen Kollektivitäten als Einheiten und historische Wirklichkeiten anerkannt. Die Allgemein¬ gültigkeit der Intellektualität ihren Inhalten nach wirkt, indem sie für jede individuelle Intelligenz gilt, auf eine Atomisierung der Ge¬ sellschaft hin, sowohl vermittels ihrer wie von ihr aus gesehen er¬ scheint jeder als ein in sich geschlossenes Element neben jedem anderen, ohne daß diese abstrakte Allgemeinheit irgendwie in die konkrete überginge, in der der Einzelne erst mit den anderen zu- Pi sammen eine Einheit bildete. Endlich hat die innere Zugängigkeit und Nachdenkbarkeit theoretischer Erkenntnisse, die sich niemandem so prinzipiell versagen können, wie gewisse Gefühle und Wollungen es tun, eine Konsequenz, die ihr praktisches Resultat direkt umkehrt.

Zunächst bewirkt gerade jene allgemeine Zugängigkeit, daß Um¬ stände ganz jenseits der personalen Qualifikation über die tatsäch¬ liche Ausnutzung derselben entscheiden: was zu dem ungeheuren Übergewicht des unintelligentesten »Gebildeten« über den klügsten Proletarier führt. Die scheinbare Gleichheit, mit der sich der Bildungsstoff jedem bietet, der ihn ergreifen will, ist in der Wirklich¬ keit ein blutiger Hohn, gerade wie andere Freiheiten liberalistischer Doktrinen, die den Einzelnen freilich an dem Gewinn von Gütern jeder Art nicht hindern, aber übersehen, daß nur der durch irgend¬ welche Umstände schon Begünstigte die Möglichkeit besitzt, sie sich anzueignen. Da nun die Inhalte der Bildung — trotz oder wegen ihres allgemeinen Sich-Darbietens — schließlich nur durch indivi¬ duelle Aktivität angeeignet werden, so erzeugen sie die unangreif¬ barste, weil ungreifbarste Aristokratie, einen Unterschied zwischen Hoch und Niedrig, der nicht wie ein ökonomisch-sozialer durch ein Dekret oder eine Revolution auszulöschen ist, und auch nicht durch den guten Willen der Betreffenden; Jesus konnte dem reichen Jüng¬ ling wohl sagen: Schenke deinen Besitz den Armen, aber nicht: Gib deine Bildung den Niederen. Es gibt keinen Vorzug, der dem Tieferstehenden so lunheimlich erschiene, dem gegenüber er sich so inner¬ lich zurückgesetzt und wehrlos fühlte, wie der Vorzug der Bildung; weshalb denn Bestrebungen, die auf die praktische Gleichheit aus¬ gingen, so oft und in so vielen Variationen die intellektuelle Bildung perhorreszierten: von Buddha, den Zynikern, dem Christentum in ge¬ wissen seiner Erscheinungen an bis zu Robespierres: nous n'avons pas besoin de savants. Wozu das sehr Wesentliche kommt, daß die Fixierung der Erkenntnisse durch Sprache und Schrift — abstrakt betrachtet, ein Träger ihres kommunistischen Wesens — eine An¬ häufung und namentlich Verdichtung derselben ermöglicht, die die Kluft zwischen Hoch und Niedrig in dieser Hinsicht sich stetig er¬ weitern läßt. Der intellektuell beanlagte oder material sorgenfreiere Mensch wird um so mehr Chancen haben, über die Masse hinauszu¬ ragen, je größer und zusammengedrängter der vorliegende Bildungs¬ stoff ist. Wie dem Proletarier heute mancherlei früher versagte Komforts und Kulturgenüsse zugängig sind, zugleich aber — be¬ sonders wenn wir mehrere Jahrhunderte und Jahrtausende zurück¬ sehen — die Kluft zwischen seiner Lebenshaltung und der der höheren Stände doch viel größer geworden ist: so bringt die allgemeine Erhöhung des Erkenntnisniveaus durchaus keine allgemeine Nivel¬ lierung, sondern das Gegenteil davon hervor.

Ich habe dies so ausführlich erörtert, weil die Gegensätzlichkeit des Sinnes, die der Begriff der Intellektualität zeigt, am Gelde ihre genaue Analogie findet. Dem Verständnis des Geldes dient so nicht nur seine Wechselwirkung mit der Intellektualität, durch die ihre Formen sich gegenseitig anähnlichen, sondern vielleicht auch der gegebene Hinweis auf ein tiefer gelegenes, ihnen gemeinsames Prinzip, das die Gleichheit ihrer Entwicklung trägt — etwa auf jene fundamentale Beschaffenheit oder Stimmung der historischen Ele¬ mente, die, indem sie die Formung derselben bewirkt, ihren Stil aus¬ macht. Wie sehr nun das Geld auf der Basis seiner prinzipiellen All-Zugänglichkeit und Objektivität dennoch der Ausbildung der Individualität und Subjektivität dient; wie gerade seine Immer- und Allgleichheit, sein qualitativ kommunistischer Charakter bewirkt, daß jeder quantitative Unterschied sogleich zu qualitativen Differenzen führt — ist in den vorangehenden Kapiteln beschrieben. Es zeigt sich aber auch hier in der mit keinem anderen Kulturfaktor vergleichbaren Ausbreitung seiner Macht, die die entgegengesetztesten Lebens¬ tendenzen zu gleichen Rechten trägt, als die Verdichtung der rein formalen Kulturenergie, die jedem beliebigen Inhalt zugesetzt werden kann, um ihn in seiner eigenen Richtung zu steigern und zu immer reinerer Darstellung zu bringen. Ich hebe deshalb nur einige spezielle Analogien mit der Intellektualität hervor, des Inhalts, daß die Unpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit seines abstrakten, sach¬ lichen Wesens, sobald es auf seine Funktion und Verwendung an¬ kommt, in den Dienst des Egoismus und der Differenzierung tritt.

Der Charakter des Rationellen und Logischen, der sich am Egoismus herausstellte, haftet auch an der vollen und rücksichtslosen Aus¬ nutzung des Geldbesitzes. Wir haben früher als das Bezeichnende des Geldes andern Besitzen gegenüber festgestellt, daß es keinerlei Hinweis auf irgendeine bestimmte Verweildungsart und ebendeshalb keinerlei Hemmung in sich schließt, durch die ihm die eine Ver¬ wendung ferner oder schwieriger wäre als die andere; in jede, gerade fragliche, geht es restlos auf, ohne daß ein Verhältnis seiner Qualität zu der der realen Objekte spezifisch fördernd oder abbiegend wirkte — darin den logischen Formen selbst vergleichbar, die sich jedem beliebigen Inhalt, seiner Entwicklung oder Kombination gleichmäßig darbieten und eben dadurch freilich dem sachlich Unsinnigsten und Verderblichsten dieselbe Chance der Darstellung und formalen Richtigkeit wie dem Wertvollsten gewähren; und nicht weniger den Schematen des Rechtes analog, dem es oft genug an Schutzvorrichtungen dagegen fehlt, daß das schwerste materielle Unrecht sich mit unangreifbarer formaler Gerechtigkeit ausstatte. Diese absolute Möglichkeit, die Kräfte des Geldes bis aufs Letzte auszunutzen, er¬ scheint mm nicht nur als Rechtfertigung, sondern sozusagen als lo¬ gisch-begriffliche Notwendigkeit, es auch wirklich zu tun. Da es in sich weder Direktiven noch Hemmungen enthält, so folgt es dem je stärksten subjektiven Impuls, — der auf den Gebieten der Geld¬ verwendung überhaupt der egoistische zu sein pflegt. Jene Hem¬ mungsvorstellungen: daß an einem bestimmten Gelde »Blut klebt« oder ein Fluch haftet, sind Sentimentalitäten, die mit der wachsen¬ den Indifferenz des Geldes — indem es also immer mehr bloß Geld wird — ihre Bedeutung ganz einbüßen. Die rein negative Be¬ stimmung, daß keinerlei Rücksicht sachlicher oder ethischer Art, wie sie sich aus andern Besitzarten ergibt, die Verwendung des Geldes bestimmt, wächst ohne weiteres zur Rücksichtslosigkeit als einer ganz positiven Verhaltungsart aus. Seine Nachgiebigkeit, die aus seinem völligen Gelöstsein von singulären Interessen, Ursprüngen und Be¬ ziehungen folgt, enthält als anscheinend logische Konsequenz die Aufforderung, uns in den von ihm beherrschten Lebensprovinzen keinerlei Zwang anzutun. An seiner absoluten Sachlichkeit, die gerade aus dem Ausschluß jeder einseitigen Sachlichkeit hervor¬ geht, findet der Egoismus reinen Tisch vor, wie er ihn auch an der bloßen Intellektualität fand — aus keinem anderen Grunde, als weil diese Triebfeder die logisch einfachste und nächstliegende ist, so daß die rein formalen und indifferenten Lebensmächte an ihr ihre erste, gleichsam natürliche und wahlverwandte Erfüllung finden.

Es ist nicht nur, wie ich es oben berührte, die Rechtsform über¬ haupt, die sich mit der reinen Intellektualität und dem Geldverkehr darin trifft, daß sie alle sich dem sachlich und sittlich perversesten Inhalte nicht entziehen; sondern es ist vor allem das Prinzip der Rechtsgleichheit, in dem diese Diskrepanz zwischen der Form und dem realen Inhalt gipfelt. Alle drei: das Recht, die Intellektualität, das Geld, sind durch die Gleichgültigkeit gegen individuelle Eigen¬ heit charakterisiert; alle drei ziehen aus der konkreten Ganzheit der Lebensbewegungen einen abstrakten, allgemeinen Faktor heraus, der sich nach eigenen und selbständigen Normen entwickelt und von diesen aus in jene Gesamtheit der Interessen des Daseins eingreift und sie nach sich bestimmt. Indem alle drei also Inhalten, gegen die sie ihrem Wesen nach gleichgültig sind, Formen und Richtungen vorzuschreiben mächtig sind, bringen sie unvermeidlich die Wider¬ sprüche, die uns hier beschäftigen, in die Totalität des Lebens hin¬ ein. Wo die Gleichheit die formalen Fundamente der Beziehungen zwischen Menschen ergreift, wird sie zum Mittel, ihre individuellen Ungleichheiten zum schärfsten und folgenreichsten Ausdruck zu bringen, der Egoismus hat sich, indem er die Schranken der for¬ malen Gleichheit einhält, mit inneren und äußeren Hindernissen abgefunden und besitzt nun gerade in der Allgemeingültigkeit jener Bestimmungen eine Waffe, die, weil sie jedem dient, auch gegen jeden dient. Die Formen der Rechtsgleichheit bezeichnen den Typus hierfür, den einerseits die Intellektualität in ihrer oben geschilderten Bedeutung, andrerseits das Geld wiederholt: seine allgemeine Zu¬ gängigkeit und Gültigkeit, sein potenzieller Kommunismus beseitigt sowohl für die Oben- wie für die Unten- wie für die Gleichstehenden gewisse Schranken, die aus der apriorischen, standesmäßigen Ab¬ grenzung der Besitzarten gefolgt waren. So lange der Grundbesitz und die Berufe in den Händen bestimmter Klassen waren, brachten sie Verpflichtungen gegen die Tieferstehenden, Solidaritäten der Genossen, selbstverständliche Begehrlichkeitsgrenzen der Ausge¬ schlossenen mit sich, zu denen für einen »aufgeklärten« Rationalismus kein Grund mehr vorliegt, sobald jeder Besitz in einen Wert überführbar ist, von dessen unbegrenzter Erwerbung niemand prinzipiell fernzuhalten ist — womit natürlich die Frage nach der Gesamt -Zu¬ oder Abnahme des Egoismus im Lauf der Geschichte keineswegs entschieden ist.

Endlich erwähne ich das äußerst Charakteristische, daß auch jene Aufhäufung intellektueller Errungenschaften, die dem irgendwie Begünstigten einen imverhältnismäßigen und rapid wachsenden Vor¬ sprung gönnt, in den Akkumulierungen des Geldkapitals ihre Ana¬ logie findet. Die Struktur der geldwirtschaftlichen Verhältnisse, die Art, wie das Geld Renten und Gewinn erzielt, bringt es mit sich, daß es von einer gewissen Höhe ab sich wie von selbst vermehrt, ohne durch verhältnismäßige Arbeit des Besitzers befruchtet zu werden. Dies entspricht der Struktur der Erkenntnisse in der Kultur¬ welt, die von einem bestimmten Punkte an einen immer geringeren Selbsterwerb des Einzelnen fordern, weil sich die Wissensinhalte in verdichteter und mit ihrer größeren Höhe immer konzentrierterer Form darbieten. Auf den Höhen der Bildung fordert jeder weitere Schritt oft im Verhältnis zu dem Tempo der Erwerbungen niederer Stufen ebenso viel weniger Mühe, wie er einen höheren Erkenntnis¬ ertrag liefert. Wie die Objektivität des Geldes ihm schließlich ein von personalen Energien relativ unabhängiges »Arbeiten« gestattet, dessen sich aufhäufende Erträge wie automatisch zu weiteren Auf¬ häufungen in steigenden Proportionen führen — so bewirkt das Objektivwerden der Erkenntnisse, die Lösung der Resultate der Intelligenz von dem Prozesse der letzteren selbst, daß diese Resultate sich zu verdichteten Abstraktionen aufhäufen, und daß man sie, wenn man nur schon hoch genug steht, wie F rüchte pflücken kann, die ihren Reifeprozeß ohne unser Zutun vollzogen haben.

Als Erfolg von alledem wird das Geld, das seinem immanenten Wesen und seinen begrifflichen Bestimmungen nach ein absolut demokratisches, nivelliertes, jede individuelle Sonderbeziehung aus¬ schließendes Gebilde ist, gerade von den auf allgemeine Gleichheit ausgehenden Bestrebungen aufs entschiedenste verworfen — die gleiche Konsequenz aus den gleichen Voraussetzungen, wie wir sie der Intellekt ualität gegenüber beobachten konnten. Die Allgemein¬ heit im logisch -inhaltlichen Sinne und die im sozial-praktischen Sinne fallen in diesen beiden Provinzen auseinander. In anderem gehen sie oft genug zusammen: so hat man es als das Wesen der Kunst — gleichviel, ob erschöpfend oder nicht — bezeichnet, daß ihr In¬ halt die typisch -allgemeinen Züge der Erscheinungen darstelle, da¬ mit aber auch an die typischen Seelenregungen der Gattung in uns appelliere, ihren prinzipiellen Anspruch auf allgemeine subjektive Anerkennung auf die Ausschaltung alles Zufällig-Individuellen in ihrem Objekte gründe. So erheben sich die Gebilde der Religion ihrem Begriff nach über alle Besonderheit irdischer Gestaltung zum Absolut-Allgemeinen und gewinnen eben dadurch die Beziehung zu dem Allgemeinsten und alle Individuen Verbindenden in der Menschenwelt; sie erlösen uns von dem bloß Individuellen in uns, indem sie dieses durch die All-Einheit ihres Inhalts auf die funda¬ mentalen, als die gemeinsamen Wurzeln alles Menschlichen emp¬ fundenen Züge zurückführen. Ebenso verhält sich die Moral im Sinne Kants.

Die Handlungsweise, welche eine logische Verallgemeinerung verträgt, ohne mit sich selbst in Widerspruch zu geraten, sei zugleich sittliches, für jeden Menschen ohne Ansehn der Person gültiges Ge¬ bot, das Kriterium: daß man sich die praktische Maxime als Natur¬ gesetz denken könne, also ihre begriffliche, objektive Allgemeinheit, entscheidet über die Allgemeinheit für alle Subjekte, die sie als mora¬ lische Forderung besitzt. Im Gegensatz zu diesen Gebilden scheint das moderne Leben an anderen gerade eine Spannung zwischen der sachlich - inhaltlichen und der praktisch-personalen Allgemeinheit aufwachsen zu lassen. Gewisse Elemente gewinnen immer größere Allgemeinheit ihres Inhalts, ihre Bedeutung wird über immer mehr Einzelheiten und Beziehungen mächtig, ihr Begriff schließt, unmittel¬ bar oder mittelbar, einen immer größeren Teil der Wirklichkeit ein; so das Recht, die Prozesse und Ergebnisse der Intellektualität, das Geld. Hand in Hand damit geht aber die Zuspitzung derselben zu 32 Simmel. Philosophie des Geldes.

subjektiv differenzierten Lebensgestaltungen, die Ausnutzung ihrer ausgreifenden, allen Interessenstoff ergreifenden Bedeutung für die Praxis des Egoismus, die erschöpfende Entwicklung personaler Unterschiede an diesem nivellierten, allgemein zugängigen und gültigen, und deshalb jedem Sonderwillen gegenüber widerstands¬ losen Material. Die Wirrnis und das Gefühl geheimen Selbstwider¬ spruches, das den Stil der Gegenwart an so vielen Punkten charak¬ terisiert, wird zum Teil auf dieser Unausgeglichenheit und Gegen¬ bewegung beruhen, die zwischen dem Sachgehalt, der objektiven Bedeutung jener Gebiete und ihrer personalen Verwendung und Ausgestaltung in Hinsicht auf Allgemeinheit und Gleichheit be¬ steht. — Ich komme in dem Stilbilde der Gegenwart auf einen letzten Zug, dessen Rationalistik den Einfluß des Geldwesens sichtbar macht. Die geistigen Funktionen, mit deren Hilfe sich die Neuzeit der Welt gegenüber abfindet und ihre inneren — individuellen und sozialen — Beziehungen regelt, kann man großenteils als rechnende bezeichnen.

Ihr Erkenntnisideal ist, die Welt als ein großes Rechenexempel zu begreifen, die Vorgänge und qualitativen Bestimmtheiten der Dinge in einem System von Zahlen aufzufangen, und Kant glaubt in der Naturlehre nur soviel eigentliche Wissenschaft zu finden, wie in ihr Mathematik angewandt werden kann. Aber nicht nur die körperliche Welt gilt es mit Wägen und Messen geistig zu bezwingen; den Wert des Lebens selbst wollen Pessimismus wie Optimismus durch ein gegenseitiges Aufrechnen von Lust und Leid festsetzen, der zahlen¬ mäßigen Fixierung beider Faktoren mindestens als ihrem Ideal zu¬ strebend. In derselben Richtung liegt die vielfache Bestimmung des öffentlichen Lebens durch Majoritätsbeschlüsse. Die Majorisierung des Einzelnen durch die Tatsache, daß andere, von vornherein doch nur gleichberechtigte, anderer Meinung sind, ist keineswegs so selbst¬ verständlich, wie sie uns heute erscheint; alte germanische Rechte kennen sie nicht: wer dem Beschluß der Gemeinde nicht zustimmt, ist auch nicht durch ihn gebunden; im Stammesrat der Irokesen, in den aragonesischen Cortes bis ins 16. Jahrhundert hinein, im polni¬ schen Reichstag und anderen Gemeinschaften gab es keine Über¬ stimmung; der nicht einstimmige Beschluß war ungültig. Das Prinzip, daß die Minorität sich zu fügen hat, bedeutet, daß der ab¬ solute oder qualitative Wert der individuellen Stimme auf eine Ein¬ heit von rein quantitativer Bedeutung reduziert ist. Die demokratische Nivellierung, der jeder für einen und keiner für mehr als einen gilt, ist das Korrelat oder die Voraussetzung dieses rechnenden Verfahrens, in dem das arithmetische Mehr oder Weniger unbenannter Einheiten die innere Wirklichkeit einer Gruppe ausdrückt und ihre äußere lenkt. Dieses messende, wägende, rechnerisch exakte Wesen der Neuzeit ist die reinste Ausgestaltung ihres Intellektualismus, der freilich auch hier über der abstrakten Gleichheit die selbstsüchtigste Besonderung der Elemente wachsen läßt: denn mit feiner instinktiver Einsicht versteht die Sprache unter einem »berechneten« Menschen schlecht¬ hin einen, der im egoistischen Sinne berechnet ist. Gerade wie bei der Verwendung von »verständig« oder »vernünftig«, wird hier der scheinbar ganz imparteiische Formalismus des Begriffes in seiner Disposition, sich gerade mit einem bestimmten einseitigen Inhalt zu erfüllen, durchschaut.

Der hiermit charakterisierte zeitpsychologische Zug, der sich in so entschiedenen Gegensatz zu dem mehr impulsiven, auf das Ganze gehenden, gefühlsmäßigen Wesen früherer Epochen stellt, scheint mir in enger kausaler Verbindung mit der Geldwirtschaft zu stehen.

Sie bewirkt von sich aus die Notwendigkeit fortwährender mathe¬ matischer Operationen im täglichen Verkehr. Das Leben vieler Menschen wird von solchem Bestimmen, Abwägen, Rechnen, Redu¬ zieren qualitativer Werte auf quantitative ausgefüllt. Eine viel größere Genauigkeit und Grenzbestimmtheit mußte in die Lebens¬ inhalte durch das Eindringen der Geldschätzung kommen, die jeden Wert bis in seine Pfennigdifferenzen hinein bestimmen und spezifi¬ zieren lehrte. Wo die Dinge in ihrem unmittelbaren Verhältnisse zueinander gedacht werden — also nicht auf ihren Generalnenner Geld reduziert sind —, da findet viel mehr Abrundung, Setzen von Einheit gegen Einheit statt. Die Exaktheit, Schärfe, Genauigkeit in den ökonomischen Beziehungen des Lebens, die natürlich auf seine anderweitigen Inhalte abfärbt, hält mit der Ausbreitung des Geld¬ wesens Schritt — freilich nicht zur Förderung des großen Stiles in der Lebensführung. Erst die Geldwirtschaft hat in das praktische Leben — und wer weiß, ob nicht auch in das theoretische — das Ideal zahlenmäßiger Berechenbarkeit gebracht. Auch von dieser Wirkung aus gesehen stellt sich das Geldwesen als bloße Steigerung und Sublimierung des wirtschaftlichen Wesens überhaupt dar. Über die Handelsgeschäfte zwischen dem englischen Volke und seinen Königen, in denen jenes, besonders im 13. und 14. Jahrhundert, diesen allerhand Rechte und Freiheiten ab kaufte, bemerkt ein Historiker: »Dies ermöglichte für schwierige Fragen, die in der Theorie unlös¬ bar waren, eine praktische Entscheidung. Der König hat Rechte als Herr seines Volkes, das Volk hat Rechte als freie Männer und als Stände des Reiches, das der König personifiziert. Die Feststellung der Rechte eines jeden, prinzipiell äußerst schwer, wurde in der Praxis leicht, sobald sie auf eine Frage von Kauf und Verkauf zurück¬ geführt war.« Das heißt also, sobald ein qualitatives Verhältnis praktischer Elemente ganz von derjenigen Bedeutung seiner reprä¬ sentiert wird, die seine Behandlung als Handelsgeschäft zuläßt, ge¬ winnt es eine Genauigkeit und Fixierungsmöglichkeit, die seinem direkten, den ganzen Umfang seiner Qualitäten einschließenden Ausdruck versagt bleibt. Hierzu bedarf es nun noch nicht unbedingt des Geldes, da derartige Transaktionen auch oft durch Hingabe naturaler Werte, z. B. von Wolle, abgeschlossen wurden. Es ist aber offenbar, daß, was hier das Handelsgeschäft überhaupt für die Präzi¬ sierung der Werte und Ansprüche leistete, durch das Geld in sehr viel schärferer und exakterer Weise geleistet werden kann. Auch nach dieser Seite hin darf man vielleicht sagen, daß sich das Geld¬ geschäft zum Handelsgeschäft überhaupt verhält, wie dieses zu der sonstigen, vor dem Tausch bestehenden Bestimmtheit oder Verhältnis der Dinge; es drückt sozusagen das reine Geschäft an der geschäfts¬ mäßigen Behandlung der letzteren aus, wie die Logik die Begreiflich¬ keit an den begreiflichen Dingen darstellt. Und indem nun das ab¬ strakte Gebilde, das den aus den Dingen herausgezogenen Wert ihrer ausmacht, die Form arithmetischer Genauigkeit und damit die un¬ bedingte rationale Bestimmtheit besitzt, muß dieser Charakter auf die Dinge selbst zurückstrahlen. Wenn es wahr ist, daß die jeweilige Kunst allmählich die Art bestimmt, wie wir die Natur sehen, wenn die spontane und subjektive Abstraktion aus der Wirklichkeit, die der Künstler vollzieht, das scheinbar so unmittelbare sinnliche Bild derselben für unser Bewußtsein formt — so wird wohl der Überbau der Geldrelationen über der qualitativen Wirklichkeit in noch viel eingreifenderer Weise das innere Bild derselben nach seinen For¬ men bestimmen. Durch das rechnerische Wesen des Geldes ist in das Verhältnis der Lebenselemente eine Präzision, eine Sicherheit in der Bestimmung von Gleichheiten und Ungleichheiten, eine Un¬ zweideutigkeit in Verabredungen und Ausmachungen gekommen — wie sie auf äußerlichem Gebiet durch die allgemeine Verbreitung der Taschenuhren bewirkt wird. Die Bestimmung der abstrakten Zeit durch die Uhren wie die des abstrakten Wertes durch das Geld geben ein Schema feinster und sicherster Einteilungen und Mes¬ sungen, das, die Inhalte des Lebens in sich aufnehmend, diesen wenigstens für die praktisch-äußerliche Behandlung eine sonst un¬ erreichbare Durchsichtigkeit und Berechenbarkeit verleiht. Die rechnende Intellektualität, die in diesen Formen lebt, mag von ihnen wiederum einen Teil der Kräfte beziehen, mit denen sie das moderne Leben