Nach einer anderen Richtung freilich stellt sich das Geld jenseits dieser ganzen Reihe, indem es nämlich vielfach der Träger ist, durch den die einzelnen, jene Umbildung erfahrenden Zweckreihen ihrerseits erst zustande kommen. Es durchflicht dieselben als Mittel der Mittel, als die allgemeinste Technik des äußeren Lebens, ohne die die einzelnen Techniken unserer Kultur unentstanden geblieben wären. Also auch nach dieser.Wirkungsrichtung hin zeigt es die Doppelheit seiner Funktionen, durch deren Vereinigung es die Form der größten und tiefsten Lebenspotenzen überhaupt wiederholt: daß es einerseits in den Reihen der Existenz als ein Gleiches oder allenfalls ein Erstes unter Gleichen steht, und daß es andrerseits über ihnen steht, als zusammenfassende, alles Einzelne tragende und durchdringende Macht. So ist die Religion eine Macht im Leben, neben seinen andern Interessen und oft gegen sie, einer der Faktoren, deren Gesamtheit das Leben ausmacht, und andrerseits die Einheit und der Träger des ganzen Daseins selbst einerseits ein Glied des Lebensorganismus, andrerseits diesem gegenüberstehend, indem sie ihn in der Selbst¬ genügsamkeit ihrer Höhe und Innerlichkeit ausdrückt. — Ich komme nun zu einer zweiten Stilbestimmtheit des Lebens, die nicht, wie die Distanzierung, durch eine räumliche, sondern durch eine zeitliche Analogie bezeichnet wird; und zwar, da die Zeit inneres und äußeres Geschehen gleichmäßig umfaßt, wird die Wirklichkeit damit unmittelbarer und mit geringerer Inanspruchnahme der Sym¬ bolik als in dem früheren Falle charakterisiert. Es handelt sich um den Rhythmus, in dem die Lebensinhalte auftreten und zurück¬ treten, um die Frage, inwieweit die verschiedenen Kulturepochen überhaupt die Rhythmik in dem Abrollen derselben begünstigen oder zerstören, und ob das Geld nicht nur in seinen eigenen Bewegungen daran teil hat, sondern auch jenes Herrschen oder Sinken der Periodik des Lebens von sich aus beeinflußt. Auf den Rhythmus von Hebung und Senkung ist unser Leben in all seinen Reihen eingestellt; die Wellenbewegung, die wir in der äußeren Natur unmittelbar und als die zugrunde liegende Form so vieler Erscheinungen erkennen, be¬ herrscht auch die Seele im weitesten Kreise. Der Wechsel von Tag und Nacht, der unsere ganze Lebensform bestimmt, zeichnet uns die Rhythmik als allgemeines Schema vor; wir können nicht zwei, dem Sinne nach koordinierte Begriffe aussprechen, ohne daß psychologisch der eine den Akzent der Hebung, der andere den der Senkung er¬ hielte. so ist z. B. »Wahrheit und Dichtung« etwas ganz anderes als »Dichtung und Wahrheit«. Und wo von drei Elementen das dritte dem zweiten koordiniert sein soll, ist auch dies psychologisch nicht vollkommen zu realisieren, sondern die Wellenform des Seelischen strebt dem dritten einen dem ersten ähnlichen Akzent zu geben: z. B. ist das Vermaß - ~ ~ gar nicht völlig korrekt auszusprechen, sondern unvermeidlich wird die dritte Silbe schon wieder etwas stärker als die zweite betont. Die Einteilung der Tätigkeitsreihen, im großen wie im kleinen, in rhythmisch wiederholte Perioden dient zunächst der Kraftersparnis. Durch den Wechsel innerhalb der ein¬ zelnen Periode werden die Tätigkeitsträger, physischer oder psychi¬ scher Art, abwechselnd geschont, während zugleich die Regelmäßig¬ keit des Turnus eine Gewöhnung an den ganzen Bewegungskomplex schafft, deren allmähliches Festerwerden jede Wiederholung er¬ leichtert. Der Rhythmus genügt gleichzeitig den Grundbedürfnissen nach Mannigfaltigkeit und nach Gleichmäßigkeit, nach Abwechslung und nach Stabilität: indem jede Periode für sich aus differenten Ele¬ menten, Hebung und Senkung, quantitativen oder qualitativen Mannigfaltigkeiten besteht, die regelmäßige Wiederholung ihrer aber Beruhigung, Uniformität, Einheitlichkeit im Charakter der Reihe be¬ wirkt. An der Einfachheit oder der Komplikation der Rhythmik, der Länge oder Kürze ihrer einzelnen Perioden, ihrer Regelmäßig¬ keit, ihren Unterbrechungen, oder auch ihrem Ausbleiben finden die individuellen und die sozialen, die sachlichen und die historischen Lebensreihen gleichsam ihre abstrakte Schematik. Innerhalb der hier fraglichen Kulturentwicklungen begegnen zunächst eine Reihe von Erscheinungen, die in früheren Stadien rhythmisch, in späteren aber kontinuierlich oder unregelmäßig verlaufen. Vielleicht die auf¬ fallendste: der Mensch hat keine bestimmte Paarungszeit mehr, wie sie fast bei allen Tieren besteht, bei denen sich sexuelle Erregtheit und Gleichgültigkeit scharf gegeneinander absetzen; unkultivierte Völker weisen mindestens noch Reste dieser Periodik auf. Die Ver¬ schiedenheit in der Brunstzeit der Tiere hängt wesentlich daran, daß die Geburten zu derjenigen Jahreszeit erfolgen müssen, in der Nahrungs- und klimatische Verhältnisse für das Aufbringen der Jungen am günstigsten sind; tatsächlich werden auch bei einigen der sehr rohen Australneger, die keine Haustiere haben und deshalb regel¬ mäßigen Hungersnöten unterliegen, nur zu einer bestimmten Zeit des Jahres Kinder geboren. Der Kulturmensch hat sich durch seine Verfügung über Nahrung und Wetterschutz hiervon unabhängig ge¬ macht, so daß er in dieser Hinsicht seinen individuellen Impulsen und nicht mehr allgemein, also notwendig rhythmisch, bestimmten, folgt: die oben genannten Gegensätze der Sexualität sind bei ihm in ein mehr oder weniger fluktuierendes Kontinuum übergegangen.
Immerhin ist festgestellt, daß die noch beobachtbare Periodizität des Geburtenmaximums und -minimums in wesentlich Ackerbau treiben¬ den Gegenden entschiedener ist als in industriellen, auf dem Lande entschiedener als in Städten. Weiter: das Kind unterliegt einem unbezwinglichen Rhythmus von Schlafen und Wachen, von Betätigungs¬ lust und Abgespanntheit, und annähernd ist das auch noch in länd¬ lichen Verhältnissen zu beobachten — während für den Stadtmenschen diese Regelmäßigkeit der Bedürfnisse (nicht nur ihrer Befriedi¬ gungen!) längst durchbrochen ist. Und wenn es wahr ist, daß die Frauen die undifferenziertere, der Natur noch unmittelbarer ver¬ bundene Stufe des Menschlichen bezeichnen, so könnte die Periodik, die ihrem physiologischen Leben einwohnt, als Bestätigung dafür dienen. Wo der Mensch noch unmittelbar von der Ernte oder dem Jagdertrag, weiterhin von dem Eintreffen des umherziehenden Händ¬ lers oder von dem periodischen Markte abhängig ist, da muß sich das Leben nach sehr vielen Richtungen hin in einem Rhythmus von Expansion und Kontraktion bewegen. Für manche Hirtenvölker, die sogar schon höher stehen wie jene- Australneger, z. B. manche Afri¬ kaner, bedeuten die Zeiten, in denen es an Weideland fehlt, doch eine jährlich wiederkehrende halbe Hungersnot. Und selbst wo nicht eine eigentliche Periodik vorliegt, da zeigt doch die primitive Wirtschaft für den Selbstbedarf in bezug auf die Konsumtion wenigstens jenes wesentliche Moment ihrer: das unvermittelte Überspringen der Gegensätze ineinander, von Mangel zu Überfluß, von Überfluß zu Mangel. Wie sehr die Kultur hier Ausgleichung bedeutet, ist ersicht¬ lich. Nicht nur sorgt sie dafür, daß das ganze Jahr über alle erforder¬ lichen Lebensmittel in ungefähr gleichem Quantum angeboten werden, sondern vermöge des Geldes setzt sie auch die verschwende¬ rische Konsumtion herab: denn jetzt kann der zeitweilige Überfluß zu Gelde gemacht und sein Genuß dadurch gleichmäßig und konti¬ nuierlich über das ganze Jahr verteilt werden. Ich erwähne hier endlich, ganz jenseits aller Wirtschaft und nur als charakteristisches Symbol dieser Entwicklung, daß auch in der Musik das rhythmische Element das zuerst ausgeprägte und gerade auf ihren primitivsten Stufen äußerst hervortretende ist. Ein Missionar ist in Aschanti bei der wirren Disharmonie der dortigen Musik von dem wunderbaren Takthalten der Musiker überrascht, die chinesische Theatermusik in Kalifornien soll, obgleich ein ohrenzerreißender unmelodischer Lärm, doch strenge Taktmäßigkeit besitzen, von den Festen der Wintunindianer erzählt ein Reisender: »Dann kommen auch Gesänge, in denen jeder Indianer seine eigenen Gefühle ausdrückt, wobei sie selt¬ samerweise vollkommen Takt miteinander halten.« Tiefer hinab¬ steigend: gewisse Insekten bringen einen Laut zur Bezauberung der Weibchen hervor, der in einem und demselben, scharf rhythmisch wiederholten Ton besteht — im Unterschied gegen die höher ent¬ wickelten Vögel, in deren Liebesgesang die Rhythmik ganz hinter die Melodie zurücktritt. Und auf den höchsten Stufen der Musik wird bemerkt, daß neuerdings die Entwicklung vom Rhythmischen ganz abzuweichen scheine, nicht nur bei Wagner, sondern auch bei gewissen Gegnern von ihm, die in ihren Texten dem Rhythmischen aus dem Wege gehen und den Korintherbrief und den Prediger Salomonis komponieren; der scharfe Wechsel von Hebung und Senkung macht ausgeglichneren oder unregelmäßigeren Formen Platz. Sehen wir von dieser Analogie wieder auf das wirtschaftliche und allgemeine Kulturleben zurück, so scheint dasselbe von einer durchgängigen Vergleichmäßigung ergriffen, seit man für Geld alles zu jeder Zeit kaufen kann und deshalb die Regungen und Reizungen des Indivi¬ duums sich an keinen Rhythmus mehr zu halten brauchen, der, von der Möglichkeit ihrer Befriedigung aus, sie einer transindividuellen Periodizität unterwürfe. Und wenn die Kritiker der jetzigen Wirt¬ schaftsordnung gerade ihr den regelmäßigen Wechsel zwischen Über¬ produktion und Krisen vorwerfen, so wollen sie damit doch gerade das noch Unvollkommene an ihr bezeichnen, das in eine Kontinuität der Produktion wie des Absatzes überzuführen sei. Ich erinnere an die Ausdehnung des Transportwesens, das von der Periodizität der Fahr¬ post zu den zwischen den wichtigsten Punkten fast ununterbrochen laufenden Verbindungen und bis zum Telegraphen und Telephon fort¬ schreitet, die die Kommunikation überhaupt nicht mehr an eine Zeitbestimmtheit binden; an die Verbesserung der künstlichen Beleuch¬ tung, die den Wechsel von Tag und Nacht mit seinen, das Leben rhythmisierenden Folgen immer gründlicher paralysiert; an die ge¬ druckte Literatur, die uns, unabhängig von dem eigenen organischen Wechsel des Denkprozesses zwischen Anspannungen und Pausen, in jedem Momente, wo wir es gerade wünschen, mit Gedanken und Anregungen versorgt. Kurz, wenn die Kultur, wie man zu sagen pflegt, nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit überwindet, so be¬ deutet dies, daß die Bestimmtheit zeitlicher Abteilungen nicht mehr rfaq zwingende Schema für unser Tun und Genießen bildet, sondern daß dieses nur noch von dem Verhältnis zwischen unserem Wollen und Können und den rein sachlichen Bedingungen ihrer Betätigung abhängt. Also: die generell dargebotenen Bedingungen sind vom Rhythmus befreit, sind ausgeglichener, um der Individualität Frei¬ heit und mögliche Unregelmäßigkeit zu verschaffen; in diese Diffe¬ renzierung sind die Elemente von Gleichmäßigkeit und Verschieden¬ heit, die im Rhythmus vereint sind, auseinandergegangen.
Es wäre indes ganz irrig, die Entwicklung des Lebensstiles in die verführerisch einfache Formel zu bannen, daß er von der Rhyth¬ mik seiner Inhalte zu einer von jedem Schema unabhängigen Be¬ währung derselben weiterschritte. Dies gilt vielmehr nur für be¬ stimmte Abschnitte der Entwicklung, deren Ganzes tiefere und verwickeltere Nachzeichnungen fordert. Ich untersuche deshalb zunächst die psychologisch-historische Bedeutung jener Rhythmik, wo¬ bei ich ihr rein physiologisch veranlaßtes Auftreten, das nur die Periodik der äußeren Natur wiederholt, außer acht lasse.
Man kann den Rhythmus als die auf die Zeit übertragene Sym¬ metrie bezeichnen, wie die Symmetrie als Rhythmus im Raum. Wenn man rhythmische Bewegungen in Linien zeichnet, so werden diese symmetrisch; und tungekehrt: die Betrachtung des Symmetrischen ist ein rhythmisches Vorstellen. Beides sind nur verschiedene Formen desselben Grundmotives. Wie in den Künsten des Ohres der Rhyth¬ mus, so ist in denen des Auges die Symmetrie der Anfang aller Ge¬ staltung des Materiales. Um überhaupt in die Dinge Idee, Sinn, Harmonie zu bringen, muß man sie zunächst symmetrisch gestalten, die Teile des Ganzen untereinander ausgleichen, sie ebenmäßig um einen Mittelpunkt herum ordnen. Die formgebende Macht des Men¬ schen gegenüber der Zufälligkeit und Wirrnis der bloß natürlichen Gestaltung wird damit auf die schnellste, sichtbarste und unmittel¬ barste Art versinnlicht. Die Symmetrie ist der erste Kraftbeweis des Rationalismus, mit dem er uns von der Sinnlosigkeit der Dinge und ihrem einfachen Hinnehmen erlöst. Deshalb sind auch die Sprachen unkultivierter Völker oft viel symmetrischer gebaut, als die Kultur¬ sprachen, und sogar die soziale Struktur zeigt z. B. in den »Hundert¬ schaften«, die das Organisationsprinzip der verschiedensten Völker niederer Stufe bilden, die symmetrische Einteilung als einen ersten Versuch der Intelligenz, die Massen in eine überschaubare und lenk¬ bare Form zu bringen. Die symmetrische Anordnung ist, wie gesagt, durchaus rationalistischen Wesens, sie erleichtert die Beherrschung des Vielen und der Vielen von einem Punkte aus. Die Anstöße setzen sich länger, widerstandsloser, berechenbarer durch ein symmetrisch angeordnetes Medium fort, als wenn der innere Bau und die Grenzen der Teile unregelmäßig und fluktuierend sind. Wenn Dinge und Men¬ schen unter das Joch des Systems gebeugt — d. h. symmetrisch angeordnet — sind, so wird der Verstand am schnellsten mit ihnen fertig. Daher hat sowohl der Despotismus wie der Sozialismus be¬ sonders starke Neigungen zu symmetrischen Konstruktionen der Gesellschaft, beide, weil es sich für sie um eine starke Zentralisierung der letzteren handelt, um derentwillen die Individualität der Elemente, die Ungleichmäßigkeit ihrer Formen und Verhältnisse zur Symmetrie nivelliert werden muß. In äußerlichem Symbol: Ludwig XIV. soll seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, um Türen und Fenster symmetrisch zu haben. Und ebenso konstruieren sozialistische Uto¬ pien die lokalen Einzelheiten ihrer Idealstädte oder -Staaten immer nach dem Prinzip der Symmetrie: entweder in Kreisform oder in quadratischer Form werden die Ortschaften oder Gebäude ange¬ ordnet. In Campanellas Sonnenstaat ist der Plan der Reichshaupt¬ stadt mathematisch abgezirkelt, ebenso wie die Tageseinteilung der Bürger und die Abstufung ihrer Rechte und Pflichten. Rabelais* Orden der Thelemiten lehrt, in Opposition zu Morus, einen so ab¬ soluten Individualismus, daß es in diesem Utopien keine Uhr geben darf, sondern alles nach Bedürfnis und Gelegenheit geschehen soll; aber der Stil der imbedingten Ausgerechnetheit und Rationalisierung des Lebens verlockt ihn doch, die Gebäulichkeiten seines Idealstaates genau symmetrisch anzuordnen: ein Riesenbau in Form eines Sechs¬ ecks, in jeder Ecke ein Turm, sechzig Schritt im Durchmesser. Die »Bauhütte« der mittelalterlichen Baugenossenschaften mit ihrer stren¬ gen, abgezirkelten, Alles normierenden Lebensweise und Verfassung war möglichst in quadratischer Form gebaut. Dieser allgemeine Zug sozialistischer Pläne zeugt nur in roher Form für die tiefe An¬ ziehungskraft, die der Gedanke der harmonischen, innerlich aus¬ geglichenen, allen Widerstand der irrationalen Individualität über¬ windenden Organisation des menschlichen Tuns ausübt. Die sym¬ metrisch-rhythmische Gestaltung bietet sich so als die erste und ein¬ fachste dar, mit der der Verstand den Stoff des Lebens gleichsam stilisiert, beherrschbar und assimilierbar macht, als das erste Schema, vermöge dessen er sich in die Dinge hineinbilden kann. Aber eben damit ist auch die Grenze für Sinn und Recht dieses Lebensstiles angedeutet. Denn nach zwei Seiten hin wirkt er vergewaltigend: einmal auf das Subjekt, dessen Impulse und Bedürfnisse doch nicht in prästabilierter, sondern jedesmal nur glücklich-zufälliger Har¬ monie mit jenem feststehenden Schema auftreten; und nicht weniger der äußeren Wirklichkeit gegenüber, deren Kräfte und Verhältnisse zu uns sich nur gewaltsam in einen so einfachen Rahmen fassen lassen. Unter richtiger Verteilung auf die verschiedenen Geltungs¬ gebiete kann man dies, mit nur scheinbarer Paradoxie, so aussprechen: die Natur ist nicht so symmetrisch wie die Seele es for¬ dert, und die Seele nicht so symmetrisch, wie die Natur es fordert. Alle Gewalttätigkeiten und Inadäquatheiten, die die Systematik gegenüber der Wirklichkeit mit sich bringt, kommen auch der Rhythmisierung und Symmetrie in der Gestaltung der Lebensinhalte zu.
Wie es am Einzelmenschen zwar eine erhebliche Kraft verrät, wenn er Personen und Dinge sich assimiliert, indem er ihnen die Form und das Gesetz seines Wesens aufzwingt, wie aber der noch größere Mensch den Dingen in ihrer Eigenart gerecht wird und sie gerade mit dieser und gemäß ihrer in den Kreis seiner Zwecke und seiner Macht hineinzieht — so ist es zwar schon eine Höhe des Menschliehen, die theoretische und praktische Welt in ein Schema von uns aus zu zwingen; größer aber ist es; die eigenen Gesetze und Forde¬ rungen der Dinge anerkennend und ihnen folgsam, sie erst so in unser Wesen und Wirken einzubauen. Denn das beweist nicht nur eine sehr viel größere Expansionsfähigkeit und Bildsamkeit des letzteren, sondern es kann auch den Reichtum und die Möglichkeiten der Dinge viel gründlicher ausschöpfen. Deshalb sehen wir zwar auf manchen Gebieten den Rhythmus als das spätere, das rationa¬ listisch-systematische Prinzip als die nicht zu überwindende Ent¬ wicklungsstufe, andere aber lassen diese der Gestaltung von Fall zu Fall Platz machen und lösen die Vorbestimmtheit des mitgebrachten Schemas in die wechselnden Ansprüche der Sache selbst auf. So sehen wir z. B. daß erst in höheren Kulturverhältnissen die Ein¬ richtung regelmäßiger Mahlzeiten den Tag im allgemeinen rhyth¬ misch gliedert; eine Mehrzahl fester täglicher Mahlzeiten scheint bei keinem Naturvolk vorzukommen. Im Gegensatz dazu haben wir freilich schon oben bemerkt, daß in bezug auf das Ganze der Er¬ nährung Naturvölker oft einen regelmäßigen Rhythmus von Ent¬ behrungsperioden und Zeiten schwelgerischen Verjubelns haben, den die höhere Wirtschaftstechnik völlig beseitigt hat. Allein jene Gleich¬ mäßigkeit täglicher Mahlzeiten erreicht ihre große Stabilität zwar auf sehr hohen, vielleicht aber doch nicht auf den allerhöchsten Stufen der sozialen und geistigen Skala. In der obersten Gesellschaftsschicht erleidet dieselbe durch den Beruf, die Geselligkeit und komplizierte Rücksichten vielerlei Art wieder manchen Abbruch, und zu eben demselben werden den Künstler und den Gelehrten die wechselnden Anforderungen der Sache wie der Stimmungen des Tages veranlassen.
Dies weist schon darauf hin, wie sehr der Rhythmus der Mahlzeiten — und sein Gegenteil — dem der Arbeit entspricht. Auch hier lassen verschiedene Reihen ganz verschiedene Verhältnisse erkennen. Der Naturmensch arbeitet genau so unregelmäßig, wie er ißt. Auf ge¬ waltige Kraftanstrengungen, zu denen die Not oder Laune ihn treibt, folgen Zeiten absoluter Faulheit, beides ganz zufällig und prinziplos abwechselnd. Wahrscheinlich mit Recht hat man, wenigstens für die nördlicheren Länder, mit dem pflugmäßigen Ackerbau (erst eine feste Ordnung der Tätigkeiten, einen sinnvollen Rhythmus von An¬ spannung und Abspannung der Kräfte beginnen lassen. Diese Rhyth¬ mik erreicht ihren äußersten Grad etwa bei der höheren Fabrik¬ arbeit und bei der Arbeit in Bureaus jeder Art. Auf den Gipfeln der kulturellen Tätigkeit, der wissenschaftlichen, politischen, künstleri¬ schen, kommerziellen, pflegt sie wieder stark herabzusinken; so daß sogar, wenn wir etwa von einem Schriftsteller hören, daß er täglich zu gleicher Minute die Feder in die Hand nimmt und sie zu gleicher wieder fortlegt, dieser stationäre Rhythmus der Produktion uns gegen ihre Inspiration und innere Bedeutung mißtrauisch macht. Aber auch innerhalb des Lohnarbeitertums führt die Entwicklung, wenn auch aus ganz anderen Motiven, zu Ungleichmäßigkeit und Unberechen¬ barkeit als der späteren Stufe. Bei dem Aufkommen der englischen Großindustrie litten die Arbeiter außerordentlich darunter, daß jede Absatzstockung den Betrieb eines Großunternehmens viel mehr störte, als sie den vieler kleiner gestört hatte, schon weil die Zunft die Ver¬ luste zu teilen pflegte. Früher hatten die Meister in schlechten Zeiten auf Vorrat gearbeitet, jetzt wurden die Arbeiter einfach entlassen; früher waren die Löhne jahrweise durch die Obrigkeit fixiert worden, jetzt führte jeder Preisabschlag zu ihrer Herabsetzung. Unter diesen Umständen, so wird berichtet, zogen viele Arbeiter vor, unter dem alten System weiterzuarbeiten, statt die höheren Löhne des neuen mit der größeren Unregelmäßigkeit der Beschäftigung überhaupt zu bezahlen. So hat der Kapitalismus und die entsprechende wirt¬ schaftliche Individualisierung, mindestens strichweise, die Arbeit als Ganzes — darum auch meist ihre Inhalte! — zu etwas viel Un¬ sichrerem gemacht, viel zufälligeren Konstellationen unterworfen, als sie zur Zeit der Zünfte bestanden, wo die größere Stabilität der Arbeitsbedingungen doch auch den sonstigen Lebensinhalten des Tages und Jahres einen viel festeren Rhythmus verlieh. Und was die Gestaltung des Arbeitsinhaltes betrifft, so haben neuere Unter¬ suchungen nachgewiesen, daß derselbe früher, insbesondere bei dem primitiven Zusammenarbeiten und der allenthalben vorkommenden Gesangbegleitung, einen überwiegend rhythmischen Charakter be¬ sessen, denselben aber nachher, mit der Vervollkommnung der Werk¬ zeuge und der Individualisierung der Arbeit, wieder eingebüßt habe.
Nun enthält zwar gerade der moderne Fabrikbetrieb wieder stark rhythmische Elemente; allein soweit sie den Arbeiter an die Strenge gleichmäßig wiederholter Bewegungen binden, haben sie eine ganz andere subjektive Bedeutung, als jene alte Arbeitsrhythmik. Denn diese folgte den inneren Forderungen physiologisch -psychologischer Energetik, die jetzige aber entweder unmittelbar der rücksichtslos objektiven Maschinenbewegung oder dem Zwange für den einzelnen Arbeiter, als Glied einer Gruppe von Arbeitern, deren jeder nur einen kleinen Teilprozeß verrichtet, mit den anderen Schritt zu halten. Vielleicht erzeugte dies eine Abstumpfung des Gefühls für den Rhyth¬ mus überhaupt, die die folgende Erscheinung deuten könnte. Die alten Gesellenschaften kämpften wie die heutigen Gewerkvereine um kürzere Arbeitszeit. Aber während die Gesellenschaften die Arbeit voll 5 oder 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends akzeptierten, also eigent¬ lich für den ganzen Tag bis zur Schlafenszeit und dafür energisch auf einen ganz freien Tag drangen — kommt es heute auf Kürzung der täglichen Arbeitszeit an. Die Periode, in der der regelmäßige Wechsel von Arbeit und Erholung stattfindet, ist also für den modernen Arbeiter kürzer geworden. Bei den älteren Arbeitern war das rhythmische Gefühl weit und ausdauernd genug, um sich an der Wochen periode zu befriedigen. Jetzt aber bedarf dieses — was viel¬ leicht Folge, vielleicht Ausdruck gesunkener Nervenkraft ist — häufigerer Reizung, die Alternierung muß rascher erfolgen, um zu jenem subjektiv erwünschten Erfolge zu kommen.
Die Entwicklung des Geldwesens folgt dem gleichen Schema. Es zeigt gewisse rhythmische Erscheinungen als eine Art Mittelstufe: aus der chaotischen Zufälligkeit, in der sein erstes Auftreten sich bewegt haben muß, gelangt es zu jenen, die doch immerhin ein Prinzip und eine sinnvolle Gestaltung aufzeigen, bis es auf weiterer Stufe eine Kontinuität des Sich-Darbietens gewinnt, mit der es sich allen sachlichen und persönlichen Notwendigkeiten, frei von dem Zwange eines rhythmischen und in höherem Sinn doch zufälligen Schemas, anschmiegt. Es genügt für unseren Zweck, den Übergang von der zweiten zur dritten Stufe an einigen Beispielen zu zeigen.
Noch im 16. Jahrhundert war es selbst an einem Platz so gro߬ artigen Geldverkehrs wie Antwerpen fast unmöglich, außerhalb der regelmäßigen Wechselmessen eine erheblichere Geldsumme aufzu¬ treiben; die Verbreitung dieser Möglichkeit auf jeden beliebigen Augenblick, in dem der Einzelne Geld bedarf, bezeichnet den Über¬ gang zu der vollen Entwicklung der Geldwirtschaft. Immerhin ist es für die Fluktuation zwischen rhythmischer und unrhythmischer Ge¬ staltung des Geldwesens und für das Empfinden derselben bezeich¬ nend, daß von den an die mittelalterliche Schwierigkeit und Irratio¬ nalität des Geldverkehrs Gewöhnten der Antwerpener Verkehr eine »unaufhörliche Messe« genannt wurde. Ferner: solange der einzelne Geschäftsmann alle Zahlungen unmittelbar aus seiner Kasse leistet, bzw. in dieselbe einnimmt, muß er zu den Zeiten, wo regelmäßig größere Summen fällig werden, einen erheblichen Barbestand be¬ schaffen, und andrerseits in den Zeiten überwiegender Eingänge die¬ selben sogleich zweckmäßig unterzubringen wissen. Die Konzen¬ trierung des Geldverkehrs in den großen Banken enthebt ihn dieses periodischen Zwanges zur Anhäufung und Drainierung; denn nun werden, indem er und seine Geschäftsfreunde mit derselben Girobank arbeiten, Aktiva und Passiva einfach durch buchmäßige Übertragung saldiert, so daß der Kaufmann nur noch eines relativ geringfügigen und immer gleichbleibenden Kassenbestandes für die täglichen Aus¬ gaben bedarf, während die Bank selbst, weil die Ein- und Ausgänge von den verschiedenen Seiten sich im ganzen paralysieren, einen relativ viel kleineren Barbestand, als sonst der individuelle Kaufmann, zu halten braucht. Endlich ein letztes Beispiel. Der mehr oder weniger periodische Wechsel von Not und Plethora in Zeiten un¬ entwickelter Geldkultur bewirkt einen entsprechend periodischen Wechsel des Zinsfußes zwischen großer Billigkeit und schwindel¬ hafter Höhe. Die Vervollkommnung der Geldwirtschaft hat nun diese Schwankungen derartig ausgeglichen, daß der Zinsfuß, mit früheren Zeiten verglichen, kaum noch aus seiner Stabilität weicht und daß eine Änderung des englischen Bankdiskonts um ein Prozent schon als ein Ereignis von großer Bedeutsamkeit gilt; wodurch denn der Einzelne in seinen Dispositionen außerordentlich beweglicher und von der Bedingtheit durch Schwankungen befreit wird, die oberhalb seiner liegen und deren Rhythmus die Erfordernisse seines eigenen Geschäftsgebahrens in eine ihnen oft genug widerstrebende Formung zwang.
Die Gestaltungen, die der Rhythmus oder sein Gegenteil den Daseinsinhalten verleiht, verlassen nun aber ihre Form als wechselnde Stadien einer Entwicklung und bieten sich im Zugleich dar. Das Lebensprinzip, das man mit dem Symbol des Rhythmisch-Symmetri¬ schen, und dasjenige, das man als das individualistisch -spontane be¬ zeichnen kann, sind die Formulierungen tiefster Wesensrichtungen, deren Gegensatz nicht immer, wie in den bisherigen Beispielen, durch Einstellung in Entwicklungsgänge versöhnbar ist, sondern die dauern¬ den Charaktere von Individuen und Gruppen abschließend bezeichnet.
Die systematische Lebensform ist nicht nur, wie ich schon hervor¬ hob, die Technik zentralistischer Tendenzen, mögen sie despotischer oder sozialistischer Art sein, sondern sie gewinnt außerdem einen Reiz für sich: die innere Ausgeglichenheit und äußere Geschlossen¬ heit, die Harmonie der Teile und Berechenbarkeit ihrer Schicksale verleiht allen symmetrisch-systematischen Organisationen eine An¬ ziehung, deren Wirkungen weit über alle Politik hinaus an unzähligen öffentlichen und privaten Interessen gestaltende Macht übt. Mit ihr sollen die individuellen Zufälligkeiten des Daseins eine Einheit und Durchsichtigkeit erhalten, die sie zum Kunstwerk macht. Es handelt sich um den gleichen ästhetischen Reiz, wie ihn die Maschine auszu¬ üben vermag. Die absolute Zweckmäßigkeit und Zuverlässigkeit der Bewegungen, die äußerste Verminderung der Widerstände und Rei¬ bungen, das harmonische Ineinandergreifen der kleinsten und der größten Bestandteile: das verleiht der Maschine selbst bei ober-