36 Simmel. Philosophie des Geldes.
flächlicher Betrachtung eine eigenartige Schönheit, die die Organi¬ sation der Fabrik in erweitertem Maße wiederholt und die der sozia¬ listische Staat im allerweitesten wiederholen soll. Aber diesem Reize liegt, wie allem Ästhetischen, eine letztinstanzliche Richtung und Be¬ deutsamkeit des Lebens zum Grunde, eine elementare Beschaffenheit der Seele, von der auch die ästhetische Anziehung oder Bewährung nur eine Erscheinung an äußerem Stoffe ist; wir haben jene nicht eigentlich, wie wir ihre Ausgestaltungen im Material des Lebens: ästhetische, sittliche, soziale, intellektuelle, eudämonistische, haben, sondern wir sind sie. Diese äußersten Entscheidungen der mensch¬ lichen Naturen sind mit Worten nicht zu bezeichnen, sondern sie sind nur aus jenen einzelnen Darstellungen ihrer als deren letzte Trieb¬ kräfte und Direktiven herauszufühlen. Darum ist der Reiz der ent¬ gegengesetzten Lebensform ebenso indiskutabel, in dessen Empfinden sich die aristokratischen und die individualistischen Tendenzen — in welcher Provinz unserer Interessen sie auch auftreten mögen — be¬ gegnen. Die historischen Aristokratien vermeiden gern die Systema¬ tik, die generelle Formung, die den Einzelnen in ein ihm äußeres Schema einstellt, jedes Gebilde — politischer, sozialer, sachlicher, personaler Art — soll sich gemäß der echt aristokratischen Empfin¬ dung als eigenartiges in sich zusammenschließen und bewähren. Der aristokratische Liberalismus des englischen Lebens findet deshalb in der Asymmetrie, in der Befreiung des individuellen Falles von der Präjudizierung durch sein Pendant, den typischsten und gleichsam organischsten Ausdruck seiner innersten Motive. Ganz direkt hebt Macaulay, der begeisterte Liberale, dies als die eigentliche Stärke des englischen Verfassungslebens hervor. »Wir denken,« so sagt er, »gar nicht an die Symmetrie, aber sehr an die Zweckmäßigkeit; wir ent¬ fernen niemals eine Anomalie, bloß weil sie eine Anomalie ist; wir stellen keine Normen von weiterem Umfang auf, als es der besondere Fall, um den es sich gerade handelt, erfordert. Das sind die Regeln, die im ganzen, vom König Johann bis zur Königin Viktoria, die Er¬ wägungen unserer 250 Parlamente geleitet haben.« Hier wird also das Ideal der Symmetrie und logischen Abrundung, die allem Ein¬ zelnen von einem Punkte aus seinen Sinn gibt, zugunsten jenes anderen verworfen, das jedes Element sich nach seinen eigenen Be¬ dingungen unabhängig ausleben und so natürlich das Ganze eine regellose und unausgeglichene Erscheinung darbieten läßt. Und es ist ersichtlich, wie tief in die persönlichen Lebensstile dieser Gegen¬ satz heruntersteigt. Auf der einen Seite die Systematisierung des Lebens: seine einzelnen Provinzen harmonisch um einen Mittelpunkt geordnet, alle Interessen sorgfältig abgestuft und jeder Inhalt eines solchen nur soweit zugelassen, wie das ganze System es vorzeichnet; die einzelnen Betätigungen regelmäßig abwechselnd, zwischen Aktivi¬ täten und Pausen ein festgestellter Turnus, kurz, im Nebeneinander wie im Nacheinander eine Rhythmik, die weder der unberechenbaren Fluktuation der Bedürfnisse, Kraftentladungen und Stimmungen, noch dem Zufall äußerer Anregungen, Situationen und Chancen Rechnung trägt — dafür aber eine Existenzform eintauscht, die ihrer selbst dadurch völlig sicher ist, daß sie überhaupt nichts in das Leben hineinzulassen strebt, was ihr nicht gemäß ist oder was sie nicht zu ihrem System passend umarbeiten kann. Auf der anderen Seite: die Formung des Lebens von Fall zu Fall, die innere Gegebenheit jedes Augenblickes mit den koinzidierenden Gegebenheiten der Außenwelt in das möglichst günstige Verhältnis gesetzt, eine ununterbrochene Bereitheit zum Empfinden und Handeln zugleich mit einem steten Hinhören auf das Eigenleben der Dinge, um ihren Darbietungen und Forderungen, wann immer sie eintreten, gerecht zu werden. Da¬ mit ist freilich die Berechenbarkeit und sichere Abgewogenheit des Lebens preisgegeben, sein Stil im engeren Sinne, das Leben wird nicht von Ideen beherrscht, die in ihrer Anwendung auf sein Material sich immer zu einer Systematik und festen Rhythmik ausbreiten, son¬ dern von seinen individuellen Elementen aus wird es gestaltet, un¬ bekümmert um die Symmetrie seines Gesamtbildes, die hier nur als Zwang, aber nicht als Reiz empfunden würde. — Es ist das Wesen der Symmetrie, daß jedes Element eines Ganzen nur mit der Rück¬ sicht auf ein anderes und auf ein gemeinsames Zentrum seine Stellung, sein Recht, seinen Sinn erhält; wogegen, sobald jedes Element nur sich selbst gehorcht und sich nur um seiner selbst willen und aus sich selbst entwickelt, das Ganze unvermeidlich unsymmetrisch und zufällig ausfallen wird. Gerade angesichts seines ästhetischen Re¬ flexes zeigt dieser Widerstreit sich als das grundlegende Motiv aller Prozesse, die zwischen einem sozialen Ganzen — politischer, religiöser, familiärer, wirtschaftlicher, geselliger und sonstiger Art — und seinen Individuen spielen. Das Individuum begehrt, ein geschlossenes Ganzes zu sein, eine Gestaltung mit eigenem Zentrum, von dem aus alle Ele¬ mente seines Seins und Tuns einen einheitlichen, aufeinander bezüg¬ lichen Sinn erhalten. Soll dagegen das überindividuelle Ganze in sich abgerundet sein, soll es mit selbstgenugsamer Bedeutsamkeit eine eigene objektive Idee verwirklichen — so kann es jene Abrundung seiner Glieder nicht zulassen: man kann keinen Baum aus Bäumen erwachsen lassen, sondern nur aus Zellen, kein Gemälde aus Ge¬ mälden, sondern aus Pinselstrichen, deren keiner für sich Fertigkeit, Eigenleben, ästhetischen Sinn besitzt. Die Totalität des Ganzen — so sehr sie nur in gewissen Aktionen Einzelner, ja vielleicht innerhalb jedes Einzelnen praktische Wirklichkeit gewinnt — steht in einem ewigen Kampfe gegen die Totalität des Individuums. Das ästhetische Bild desselben ist deshalb so besonders nachdrücklich, weil sich ge¬ rade der Reiz der Schönheit immer nur an ein Ganzes knüpft — habe es unmittelbare, habe es durch Phantasie ergänzte Anschaulichkeit, wie das Fragment; es ist der ganze Sinn der Kunst, aus einem zu¬ fälligen Bruchstück der Wirklichkeit, dessen Unselbständigkeit durch tausend Fäden mit dieser verbunden ist, eine in sich ruhende Totalität, einen jedes Außerhalbseiner unbedürftigen Mikrokosmos zu gestalten. Der typische Konflikt zwischen dem Individuum und dem über¬ individuellen Sein ist darstellbar als das unvereinbare Streben beider, zu einem ästhetisch befriedigenden Bilde zu werden.
Das Geld scheint zunächst nur der Ausprägung einer dieser Gegensatzformen zu dienen. Denn es selbst ist absolut formlos, es enthält in sich nicht den geringsten Hinweis auf eine regelmäßige Hebung und Senkung der Lebensinhalte, es bietet sich jeden Augen¬ blick mit der gleichen Frische und Wirksamkeit dar, es nivelliert durch seine Fern Wirkungen wie durch seine Reduktion der Dinge auf ein und dasselbe Wertmaß unzählige Schwankungen, gegenseitige Ablösungen von Distanz und Annäherung, Schwingung und Still¬ stand, die dem Individuum sonst allgemeingültige Abwechslungen in seinen Betätigungs- und Empfindungsmöglichkeiten auferlegten. Es ist sehr bezeichnend, daß man das kursierende Geld flüssig nennt: wie einer Flüssigkeit fehlen ihm die inneren Grenzen, und nimmt es die äußeren widerstandslos von der festen Fassung an, die sich ihm jeweilig bietet. So ist es das durchgreifendste, weil für sich völlig indifferente Mittel für die Überführung eines uns überindividuell zwingenden Rhythmus von Lebensbedingungen in eine Ausgeglichen¬ heit und Schwankungslosigkeit derselben, die unseren persönlichen Kräften und Interessen eine freiere, einerseits individuellere, andrer¬ seits reiner sachliche Bewährung gestattet. Dennoch: gerade dieses an sich wesenlose Wesen des Geldes ermöglicht, daß es sich auch der Systematik und Rhythmik des Lebens leihe, wo das Entwicklungs¬ stadium der Verhältnisse oder die Tendenz der Persönlichkeit darauf hindrängt. Während wir gesehen haben, daß zwischen liberaler Ver¬ fassung und Geldwirtschaft eine enge Korrelation besteht, war doch nicht weniger bemerkbar, daß der Despotismus im Gelde eine un¬ vergleichlich zweckmäßige Technik findet, ein Mittel, die räumlich fernsten Punkte seiner Herrschaft an sich zu binden, die bei Natural¬ wirtschaft immer zu Abschnürung und Verselbständigung neigen.
Und während die individualistische Sozialform Englands an der Ausbildung des Geldwesens groß geworden ist, zeigt sich dasselbe nicht nur in dem Sinn als Vorläufer sozialistischer Formen, daß es durch einen dialektischen Prozeß in diese als in seine Negation umschlage, sondern ganz direkt geben, wie wir an manchen Stellen sahen, spezi¬ fisch geldwirtschaftliche Verhältnisse die Skizze oder den Typus der vom Sozialismus erstrebten ab.
Hier ordnet sich das Geld einer uns schon früher wichtig ge¬ wordenen Kategorie von Lebensmächten ein, deren sehr eigenartiges Schema es ist, daß sie ihrem Wesen und ursprünglichen Sinne nach sich über die Gegensätze erheben, in die die betreffende Interessen¬ provinz auseinandergeht, als die imgeteilte Indifferenz derselben jen¬ seits ihrer stehen — dann oder zugleich aber in den Gegensatz der Einzelheiten hinuntersteigen: sie werden Partei, wo sie soeben Un¬ beteiligte oder Richter gewesen waren. So zunächst die Religion — die der Mensch braucht, um die Entzweiung zwischen seinen Be¬ dürfnissen und deren Befriedigung, zwischen seinem Sollen und seiner Praxis, zwischen seinem Idealbild der Welt und der Wirklichkeit zu versöhnen. Hat er sie aber einmal geschaffen, so bleibt sie nicht in der Höhe, die sie in ihren höchsten Augenblicken erreicht, son¬ dern steigt selbst auf den Kampfplatz hinunter, wird eine Seite im Dualismus des Daseins, den sie eben noch in sich vereinheitlichte.
Die Religion steht einerseits dem, was wir als unser ganzes Leben empfinden, als äquivalente Macht gegenüber, sie ist eine Totalität jenseits aller Relativitäten unserer sonstigen Menschlichkeit; und andrerseits steht sie doch wieder im Leben, als eines seiner Ele¬ mente und erst in der Wechselwirkung mit allen anderen die Ganz¬ heit.desselben ausmachend. So ist sie ein ganzer Organismus und zu¬ gleich ein Glied, ein Teil des Daseins und zugleich das Dasein selbst auf einer höheren, verinnerlichten Stufe. Die gleiche Form zeigt das Verhalten des Staates. Sicher ist es dessen Sinn, über den Parteien und den Konflikten ihrer Interessen zu stehen, und dieser abstrakten Höhe verdankt er seine Macht, seine Unberührbarkeit, seine Stellung als letzte Instanz der Gesellschaft. Mit alledem nun ausgerüstet, pflegt er dennoch in jenen Streit der partikularen Gesellschafts¬ mächte einzutreten, die Partei der einen gegen gewisse andere zu ergreifen, die, obgleich von ihm in seinem weiteren Sinne mit¬ umfaßt, ihm in seinem engeren Sinne wie Macht zu Macht gegen¬ überstehen. Das ist die Doppelstellung oberster Instanzen, die sich innerhalb der Metaphysik wiederholt, wenn sie etwa der Gesamtheit des Seins geistiges Wesen zuschreibt, das Absolute, das alle Er¬ scheinungen trägt oder ausmacht, für eine geistige Substanz erklärt. Aber dieses Absolute muß sie zugleich als ein Relatives anerkennen.
Denn in der Wirklichkeit steht dem Geiste nicht nur eine Körper¬ lichkeit gegenüber, so daß er in diesem Gegensatz erst sein eigenes Wesen findet, sondern es begegnen geistige Erscheinungen unter¬ wertiger Art, Böses, Träges, Feindseliges; und eine derartige Meta¬ physik wird solches nicht als dem Geiste zugehörig betrachten, der ihr die absolute Substanz des Seins ist. Sondern dieser wird als Partei, Ausgleichung, spezifischer Wert allem ungeistigeren und un¬ vollkommenen Sein entgegengestellt, das er doch andrerseits, da er das Absolute ist, soeben noch mitumfaßt hat. Am durchgreifendsten wird diese Doppelexistenz am Begriff des Ich wirksam. Das Ich, dessen Vorstellung die Welt ist, steht jedem einzelnen Inhalt der¬ selben in gleich beherrschender Höhe gegenüber, jenseits aller Quali¬ täten, Unterschiede und Konflikte, die nur innerhalb seiner, sozu¬ sagen als Privatangelegenheiten seiner Inhalte untereinander, statt -finden. Aber unser tatsächliches Lebensgefühl läßt das Ich nicht in dieser Höhe stehen, es identifiziert es mit gewissen seiner Inhalte mehr als mit anderen — gerade wie die Religiosität Gott an be¬ stimmten Stellen besonders eingreifen sieht, während er doch an allen anderen nicht weniger wirksam sein müßte —, das Ich wird zu einem einzelnen Inhalte seiner selbst, es differenziert sich, freund¬ lich oder feindlich, sich hoch oder niedrig abmessend, gegen die übrige Welt und ihre Partikularitäten, während der Sinn seiner es doch oberhalb aller dieser gestellt hatte. Dies also ist der Form¬ typus, in dem das Verhältnis des Geldes zu seinem Herrschafts¬ gebiete sich mit jenen, inhaltlich ihm so fremden Mächten begegnet.
Auch sein Wesen liegt in der abstrakten Höhe, mit der es sich über alle Einzelinteressen und Stilgestaltungen des Lebens erhebt; es ge¬ winnt seine Bedeutung in und aus den Bewegungen, den Konflikten, den Ausgleichungen aller dieser, ein parteiloses Allgemeines, das in sich nicht den geringsten Anhaltspunkt für oder gegen den Dienst eines spezifischen Interesses enthält. Und nun, ausgerüstet mit all der unvergleichlichen Fern Wirksamkeit, Konzentriertheit der Kraft, Überall - Eindringlichkeit, wie sie gerade die Folge seiner Ent¬ fernung von allem Partikularen und Einseitigen ist, begibt es sich in den Dienst der partikularen Begehrung oder Lebensgestaltung. Und hier tritt, innerhalb der betonten allgemeinen Gleichheit mit Ge¬ bilden wie Religion, Staat, metaphysischer Geistigkeit des Seins — ein merkwürdiger Unterschied gegen diese hervor. Sie alle, wenn sie sich auf das Niveau der singulären Interessen und Standpunkte hinabbegeben, treten im Konflikt je zweier entschieden auf die Seite des einen, dem Gegner aber entgegen; sie verbünden oder identifi¬ zieren sich mit einer der spezifischen Differenzen, deren Indifferenz sie darstellten, und schließen nun die je andere von sich aus. Das Geld aber stellt sich fast jeder Tendenz in dem Umkreis, für den es gilt, gleichmäßig zur Verfügung, es lebt jedenfalls nicht in der Form des Antagonismus gegen anderes, die jene anderen Mächte annehmen, sobald sie sich aus ihrem allgemeinen Sinne in einen partikularen umsetzen. Das Geld bewahrt wirklich das Umfassende, das seinen all¬ gemeinen Sinn ausmacht, auch in der Gleichmäßigkeit, mit der es sich den Gegensatzpaaren leiht, wenn sie auseinandertretend ihr all¬ gemeines Verhältnis zum Gelde für die Ausgestaltung ihrer Unter¬ schiede und das Ausfechten ihrer Konflikte benutzen. Die Objektivi¬ tät des Geldes ist praktisch kein Jenseits der Gegensätze, das dann nur von einem dieser illegitim gegen den anderen ausgenutzt würde; sondern diese Objektivität bedeutet von vornherein den Dienst beider Seiten des Gegensatzes.
Aber damit fällt das Geld nicht etwa in die breite Kategorie, der die Luft angehört, die die sonst Unterschiedensten doch Unterschieds los atmen, oder die Waffen, deren Gleichartigkeit sich nicht der Be nutzung durch alle Parteien verweigert. Das Geld ist zwar das um¬ fassendste Beispiel auch für diese Tatsache: daß auch die radikalsten Unterschiede und Gegnerschaften in der Menschenwelt immer noch für Gleichheiten und Gemeinsamkeiten Raum geben — aber es ist doch noch mehr. Jener Typus unparteiischer Dinge bleibt den inneren Tendenzen, denen sie dienen, etwas schlechthin Äußerliches.
Dagegen, so fremd das Geld auch seinem abstrakten Wesen nach allen Innerlichkeiten und Qualitäten gegenübersteht, so zeigt es, als der ökonomische Extrakt des Wertkosmos in dessen ganzer Aus¬ dehnung, doch sehr häufig die geheimnisvolle Fähigkeit, dem ganz spezifischen Wesen und Tendenz jeder von zwei entgegengesetzten Einseitigkeiten zu dienen; die eine entnimmt dem allgemeinen Wert¬ reservoir, das es darstellt, gerade die Kräfte, die Ausdrucksmittel, die Verbindungs- oder Verselbständigungsmöglichkeiten, die ihrer Eigenart angepaßt sind, während es der inhaltlich entgegengesetzten nicht weniger biegsame und schmiegsame, nicht weniger gerade ihrer Innerlichkeit entgegenkommende Hilfen bietet. Das ist die Bedeutung des Geldes für den Stil des Lebens, daß es gerade ver¬ möge seines Jenseits aller Einseitigkeit einer jeden solchen wie ein eigenes Glied ihrer Zuwachsen kann. Es ist das Symbol, im Engen und Empirischen, der unsagbaren Einheit des Seins, aus der der Welt in ihrer ganzen Breite und all ihren Unterschieden ihre Energie und Wirklichkeit strömt. Denn so wird die Metaphysik sich doch wohl die an sich unerkennbare Struktur der Dinge subjektiv deutend aus¬ einanderlegen müssen: daß die Inhalte der Welt, einen bloß geistigen Zusammenhang bildend, in bloßer Ideellität bestehen und nun — natürlich nicht in zeitlichem Prozeß — über sie das Sein kommt; wie man es ausgedrückt hat: daß das Was sein Daß gewinnt. Nie¬ mand wüßte zu sagen, was dieses Sein denn eigentlich ist, das den wirklichen Gegenstand von dem qualitativ nicht von ihm unter¬ schiedenen, aber bloß gültigen, bloß logischen Sachgehalt unter¬ scheidet. Und dieses Sein, so leer und abstrakt sein reiner Begriff ist, erscheint als der warme Strom des Lebens, der sich in die Schemata der Dingbegriffe ergießt, der sie gleichsam aufblühen und ihr Wesen entfalten läßt, gleichviel wie unterschieden oder einan¬ der feindselig ihr Inhalt und ihr Verhalten sei. Aber es ist ihnen doch nichts äußerliches oder fremdes, sondern ihr eigenes Wesen ist es, das das Sein aufnimmt und in wirksame Wirklichkeit ent¬ wickelt. Dieser Kraft des Seins nähert sich von allem Äußerlich-Praktischen — für das jede Analogie mit dem Absoluten immer nur unvollständig gelten kann — das Geld am meisten. Wie jene steht es seinem Begriffe nach ganz außerhalb der Dinge und deshalb gegen ihre Unterschiede völlig gleichgültig, so daß jedes einzelne es ganz in sich aufnehmen und mit ihm gerade sein spezifisches Wesen zur vollkommensten Darstellung und Wirksamkeit bringen kann. Seine Bedeutung für die Entwicklung der Lebensstile, die man als den rhythmischen und den individuell-sachlichen bezeichnen kann, habe ich deshalb herausgehoben, weil die unvergleichliche Tiefe ihres Gegensatzes den Typus dieser Wirksamkeit des Geldes sehr rein her¬ vorleuchten läßt. — Endlich gibt es eine dritte Beeinflussung, durch die das Geld den Inhalten des Lebens ihre Form und Ordnung bestimmen hilft; sie betrifft das Tempo des Verlaufs derselben, in dem sich die ver¬ schiedenen historischen Epochen, die Zonen der gleichzeitigen Welt, die Individuen desselben Kreises unterscheiden. Unsere innere Welt ist gleichsam nach zwei Dimensionen ausgedehnt, deren Maße über das Lebenstempo bestimmen. Je tiefer die Unterschiede zwischen den Vorstellungsinhalten — selbst bei gleicher Zahl der Vor¬ stellungen — in einer Zeiteinheit sind, desto mehr lebt man, eine desto größere Lebensstrecke gleichsam wird zurückgelegt. Was wir als das Tempo des Lebens empfinden, ist das Produkt aus der Summe und der Tiefe seiner Veränderungen. Die Bedeutung, die dem Gelde für die Herstellung des Lebenstempos einer gegebenen Epoche zu¬ kommt, mag zunächst aus den Folgen hervorleuchten, die eben die Veränderung der Geldverhältnisse für die Veränderung jenes Tempos auf weisen.
Man hat behauptet, daß die Vermehrung des Geldquantums, sei es durch Metallimporte, oder durch Verschlechterung des Geldes, durch positive Handelsbilanzen oder durch Papiergeldausgabe, den inneren Status des Landes ganz imgeändert lassen müßte. Denn wenn man von den wenigen Personen absehe, deren Einkommen in nicht vermehrbaren festen Bezügen besteht, so sei zwar bei Geld¬ vermehrung jede Ware oder Leistung mehr Geld wert, als vorher, allein da jedermann sowohl Konsument wie Produzent sei, so nehme er als letzterer nur soviel mehr ein, wie er als ersterer mehr ausgebe, und alles bleibe beim Alten. Selbst wenn eine solche proportionale Preissteigerung der objektive Effekt der Geldvermehrung wäre, so würde sie dennoch sehr wesentliche psychologische Veränderungs¬ erscheinungen mit sich bringen. Man entschließt sich nicht leicht, einen über dem bisherigen und gewohnten liegenden Preis für eine Ware anzulegen, selbst wenn das eigene Einkommen inzwischen ge¬ stiegen ist; und man läßt sich andrerseits durch gewachsenes Ein¬ kommen leicht zu allerhand Aufwendungen bestimmen, ohne zu be¬ denken, daß jenes Plus durch die Preissteigerung der täglichen Be¬ dürfnisse ausgeglichen wird. Die bloße Vermehrung des Geld¬ quantums, das man auf einmal in der Hand hat, vermehrt, ganz un¬ abhängig von allen Überlegungen ihrer bloßen Relativität, die Ver¬ suchung zum Geldausgeben und bewirkt damit einen gesteigerten Warenumsatz, also eine Vermehrung, Beschleunigung und Vermannigfaltigung der ökonomischen Vorstellungen. Jener Grundzug unseres Wesens: das Relative psychologisch zum Absoluten auswachsen zu lassen — nimmt der Beziehung zwischen einem Objekte und einem bestimmten Geldquantum ihren fließenden Charakter und verfestigt sie zu sachlicher, dauernder Angemessenheit. Dadurch ent¬ steht nun, sobald das eine Glied des Verhältnisses sich ändert, eine Erschütterung und Desorientierung. Die Alterierung in den Aktiven und den Passiven gleicht sich in ihren psychologischen Wirkungen keineswegs unmittelbar aus, von jeder Seite her wird das Bewußt¬ sein der ökonomischen Prozesse in der bisherigen Stetigkeit seines Verlaufs unterbrochen, der Unterschied gegen den vorigen Stand macht sich auf jeder gesondert geltend. Solange die neue Anpassung nicht vollzogen ist, wird die gleichmäßige Vermehrung des Geldes zu fortwährenden Differenzgefühlen und psychischen Chocs Ver¬ anlassung geben, so die Unterschiede, das Sich-Gegeneinander-Absetzen innerhalb der ablaufenden Vorstellungen vertiefen und damit das Tempo des Lebens beschleunigen. Deshalb ist es mindestens mi߬ verständlich, wenn man aus der dauernden Steigerung der Ein¬ kommen auf eine »Konsolidierung der Gesellschaft« geschlossen hat.
Gerade vermöge der Vermehrung des Geldeinkommens ergreift die unteren Stände eine Erregtheit, die, je nach dem Parteistandpunkt, als Begehrlichkeit und Neuerungssucht, oder als gesunde Entwick¬ lung und Schwungkraft gedeutet wird, aber bei größerer Stabilität des Einkommens und der Preise — die zugleich Stabilität der sozialen Abstände bedeutet — jedenfalls ausbleibt.
Die beschleunigenden Wirkungen der Geldvermehrung auf den Ablauf der ökonomisch - psychischen Prozesse verraten sich am ehesten in den Entwicklungen schlechten Papiergeldes — gerade wie manche Seiten der normalen Physiologie durch pathologische und Entartungsfälle ihre hellste Beleuchtung empfangen. Der un¬ organische und unfundamentierte Geldzufluß bewirkt zunächst ein sprunghaftes und der inneren Regulierung entbehrendes Steigen aller Preise. Die erste Geldplethora reicht aber immer nur aus, um den Ansprüchen gewisser Warenkategorien zu genügen. Deshalb zieht jede Ausgabe von unsolidem Papiergeld die zweite nach sich, und die zweite noch weitere. »Jeder Vorwand — so wird über Rhode-Island vom Anfang des 18. Jahrhunderts berichtet — diente zu weiterer Vermehrung der Noten. Und wenn das Papiergeld alle Münze aus dem Lande getrieben hatte, war die Knappheit des Silbers ein neuer Grund weiterer Emissionen.« Das ist das Tra¬ gische solcher Operationen, daß die zweite Emission nötig ist, um den Ansprüchen zu genügen, die aus der ersten folgen. Das wird sich um so umfassender geltend machen, je mehr das Geld selbst das unmittelbare Zentrum der Bewegungen ist: die Preisrevolutionen in¬ folge von Papiergeldüberschwemmungen führen zu Spekulationen, die zu ihrer Abwicklung immer gewachsene Geldvorräte erfordern.
Man kann sagen, daß die Tempo-Beschleunigung des sozialen Lebens durch Geldvermehrung am sichtbarsten da eintreten wird, wo es sich um Geld seiner reinen Funktionsbedeutung nach, ohne irgendeinen Substanzwert, handelt; die Steigerung des gesamten ökonomischen Tempos findet hier gleichsam noch in einer höheren Potenz statt, weil sie jetzt sogar rein immanent beginnt, d. h. sich in erster Instanz in der Beschleunigung der Geldfabrikation selbst offenbart. Es ist für diesen Zusammenhang beweisend, wenn in Ländern, deren wirt¬ schaftliches Tempo überhaupt ein rapides ist, das Papiergeld jenem Anwachsen seiner Quantität ganz besonders schnell unterliegt. Über Nordamerika sagt ein genauer Kenner in dieser Beziehung: »Man kann nicht erwarten, daß ein Volk, so ungeduldig gegenüber kleinen Gewinnen, so durchdrungen davon, daß sich Reichtum aus Nichts oder wenigstens aus sehr wenig machen läßt — sich die Selbst -beschränkungen auferlegen wird, die in England oder Deutschland die Gefahren der Papiergeldemissionen auf ein Minimum reduzieren.« Die Beschleunigung des Lebenstempos durch die Papiergeldver¬ mehrungen liegt aber insbesondere in den Umwälzungen des Be¬ sitzes, die von ihnen ausgehen. So geschah es sehr sichtbar in der nordamerikanischen Papiergeldwirtschaft bis zum Unabhängigkeits¬ kriege. Das massenhaft fabrizierte Geld, das am Anfang noch zu höherem Wert kursiert hatte, erlitt die fürchterlichsten Einbußen.