SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 1

German

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hervorgerufene vermehrte Pulsfrequenz sich in gewissem Grade auch durch die versuchsfreien Tage forterstreckte, daher an den Versuchstagen noch vor den Versuchen wiedergefunden wurde, dass diese bleibende Er- höhung während des Versuchsmonates wuchs und dass sie sich noch lange nach Schluss der Versuchsreihe, sehr allmälig abnehmend, fort- erhielt. Es war diese, im Laufe der Versuchsreihe mehr und mehr wach- sende Pulsfrequenz ein Hauptgrund für mich, von der ferneren Fortsetzung auch dieser Ermüdungsversuche, die ich mit einer gewissen Abänderung beabsichtigt hatte, abzusehen. Um so weniger glaubte ich, eine weitere Pulserhöhung obne Nachtheil vertragen zu können, als ich anfieng zu füh- len, dass mein Kopf durch die gewaltsamen Ermüdungsoperationen ange- griffen ward; was kein zu grosses Wunder war, da das Blut bei den letzten mühsamen Hebungen jeder Operation stark nach dem Kopfe getrieben ward, und dieser nach einem früheren Leiden bei mir zu den schwächeren Thei- len gehört, wogegen meine sehr gesunde Brust keinen Nachtheil empfand. Diess Angegriffensein des Kopfes zeigte sich in einem nicht bestimmt zu charakterisirenden Gefühle, und einiger Verstärkung des Ohrenbrausens, an dem ich habituell leide, hatte jedoch keine nachhaltige Folge, nachdem die Versuchsreihe eingestellt worden.

Die allmälige Steigerung der Pulsfrequenz während der Versuchsreihe stand nun in Verbindung mit einer allmäligen Steigerung der richtigen Zahlen rin den 4 Abtheilungen, die der Ermüdungsoperation an den Versuchstagen vorausgiengen, allerdings wiederum keineswegs regelmässig; aber doch ziemlich deutlich in einer gegenseitigen Abhängigkeit. Denn, nachdem ich schon seit mehreren Jahren Empfindlichkeitsversuche mit Gewichten an- stelle, kann diess nicht von einem Fortschritte der Uebung abhängig gemacht werden.

Hier folgt die Zusammenstellung der Pulszahl mit den richtigen Zahlen für die 46 Versuchstage der eigentlichen Versuchsreihe, getheilt in zwei Fractionen ], II. Hinzugefügt sind noch die Zahlen für 7 vorläufige und 2 nachträgliche Versuchstage, welche hinsichtlich des Pulses und der vor der Ermüdung angestellten 4 Versuchsabtheilungen mit denen der 46tägigen Reihe ganz vergleichbar sind, indess die nachherige Ermüdung unter ande- ren Formen, und hauptsächlich nur zu einer vorläufigen und nachträglichen Orientirung angestellt wurde, daher die nach der Ermüdung erhaltenen Resultate folgends nicht mit angeführt sind. An den beiden ersten der 7 vor- läufigen Versuchstage ist blos der Puls vor der Ermüdung gezählt, aber keine Hebungsversuche mit den Gefässen zur Prüfung der Empfindlichkeit angestellt. Die richtigen Fälle r sind wie immer aus den 4 Hauptfällen zu- sammengezählt.

j I u Dt « auge BRAlelret. Döyrais Vene eo ran vopn 20) AL ARE 1 Puls vor Puls vor.) (En Datum. | Ermüd Ermüd. | (n=256) Mittel | 92,53 474,9 || Mittel | 97,19 | 486,4 2 nachträgliche Versuchstage. Puls vorEr- e- müdung. (n = 256) Se Ba Nimmt man das Mittel für die 7 kleinsten, 8 mittlen und 8 höchsten Werthe 1 von r mit dem zugehörigen Pulse, so hat man (unter Beifügung der mitten Versuchstemperatur) r Puls Temp.

Nach dem 5. Dec., wo die letzte Ermüdung stattfand, habe ich den Puls nicht wieder gezählt, bis ich am 49. Dec. eine neue Versuchsreihe ohne Ermüdungsoperationen begann, d. i. die ein- und zweihändige mit P=2000 und 3000 Grammen, deren Resultate S. 495 ff. angegeben sind. Als ich nun hier (und in der nächstfolgenden Reihe) wieder den Puls vor und nach der Versuchszeit jedes Tages untersuchte, fand ich immer noch eine ungewöhn- lich hohe Pulsfrequenz, ungeachtet vom 5. bis 19. Dec. keine Versuche überhaupt Platz gegriffen hatten. Diese Frequenz nahm nachher langsam, aber, in dem Mittel von je 8 Tagen, continuirlich ab, verhielt sich nämlich, als Mittel vor und nach den Hebungen der Gefässe bestimmt, in den Mitteln von je 8 Tagen, wie folgt: Auch bei dieser subsequenten Versuchsreihe ergab eine Zusammenstellung der Pulszahlen für die 46 grössten und 46 kleinsten richtigen Zahlen, bei vergleichbaren Versuchsumständen zusammengenommen, einen, jedoch nur geringen Vortheil für die grösseren Pulszahlen; nämlich im Ganzen (bein r mittl. Pulszahl.

Hienach scheint mir ein gewisser Zusammenhang der Zunahme der Zahlen r mit der Zunahme der Pulsfrequenz mindestens sehr wahrscheinlich.

Alles Folgende bezieht sich wieder nur auf die 46 Hauptversuchstage der Reihe, die uns jetzt zunächst beschäftigt. Die Pulszahl vor und nach den vier ersten, der Ermüdung vorgängigen, Versuchsabtheilungen insbe- sondere fand sich so gut wie gleich, nämlich in Summa für die 16 Tage vorher 1547,5, nachher 4518; im Mittel vorher 94,84, nachher 94,88, so dass also die Hebungen der Gefässe von 4 Kilogr. Gewicht gar keinen Ein- fluss auf den Puls äusserten.

Der Puls unmittelbar nach den drei, durch je zwei Versuchsabtheilun- gen getrennten, Ermüdungsoperationen (von 4 Min. auf 4 Min. reducirt) war im Mittel Also hatte (nach Vergleich mit Tabelle S. 318) der Puls nach der 4. Ermü- dungsoperation nur um etwa 8 bis 40 Schläge, etwas mehr nach den fol- genden gegen den unermüdeten Zustand zugenommen, jedesfalls wenig ge- gen die ungeheure Erhöhung bei der vorigen Reihe. Auch hier zeigte sich *) Folgendes die Zahlen der einzelnen 8 Tage. 92,75; 409,5; 108,5; Mu U DA oa Fe im Ganzen eine Vermehrung von der Fraction I zu Fraction Il. Endlich wa- ren die mittleren Pulszahlen, respectiv (4), (2), nach der 4. und 2. Versuchs- abtheilung, welche den Ermüdungsoperationen folgten, folgende: 4. Ermüd.

2. Ermüd.

3. Ermüd.

. So viel über die Pulsverhältnisse.

Da bei der vorigen Versuchsreihe (S. 309) trotz der ausnehmend starken momentanen Pulserhöhung durch die Ermüdungsoperation doch nur eine nicht sehr starke, nicht einmal ganz unzweideutig davon abhängige, Vermehrung der Zahlen r und demgemässe Ver- grösserung von hD eingetreten war, so liess sich von der verhält- nissmässig so viel geringeren momentanen Pulserhöhung bei der jetzigen Reihe um so weniger eine solche erwarten; und also der Einfluss der Ermüdung reiner beurtheilen. Hier folgt nun Vergleich der Resultate in dieser Hinsicht vor und nach Ermü- dung. Alle Resultate sind auf 8 AD reducirt, die vor Ermüdung aber aus dem doppelten Werthe abgeleitet, und für die 4 Abthei- lungen nach ihrer Zeitfofge an jedem Tage specifieirt, bei den An- gaben nach Ermüdung für Linke und Rechte ist durch Zuerst und Zuzweit unterschieden, ob die betreffende Hand die zu- erst oder zuzweit ermüdete war 8 hD vor Ermüdung.

Mittel 341727,& 8 AD nach Ermüdung folgender Hand.

Mittel 32558 8 hnD nach Ermüdung beider Hände.

UI. Fraction la; - 1 90897 Mittel | 29877 Man sieht, dass die Resultate vor und nach Ermüdung sich in keiner in Betracht kommenden Weise unterscheiden, dass also das Parallelgesetz sich wohl bestätigt.

Hiegegen hatten die Werthe 8hp, 8hq höchst bedeutende Veränderungen durch dieErmüdung erlitten (hp wie gewöhnlich in negativer Richtung), deren Detail ich jedoch, da die Mittheilung und Discussion nicht ohne Umständlichkeit geschehen könnte, hier übergehen muss.

Nur folgenden Punct glaube ich als unerwartet anführen zu müssen. Da man nach Ermüdung allgemein gesprochen eine Last schwerer als sonst spürt, so schien zu erwarten, dass nach einseitiger Ermüdung diess auch einseitig sich geltend machen, und mithin in den Abtheilungen nach einseitiger Ermüdung der Linken hg sich in positivem, nach einseitiger Er- müdung der Rechten in negativem Sinne gegen die Abtheilungen ohne Ermü- dung geändert zeigen würde; und zwar musste diese Aenderung am stärk- sten an den Tagen erwartet werden, wo die Ermüdung der betreffenden Hand eher als die der anderen stattfand, also eine vorgängige Ermüdung der anderen Hand noch keine Gegenwirkung zurückgelassen hatte, dazu am stärksten in der ersten, der Ermüdung am nächsten liegenden, Portion (Hälfte) der auf die Ermüdung (nach 4 Min. Zwischenzeit) folgenden Abthei- lung. Die Untersuchung dieser Portion giebt aber das Resultat, dass hg sich beidesfalls, sowohl nach einseitiger Ermüdung der Rechten als der Lin- ken, in positivem Sinne geändert hat, nur nach Ermüdung der Linken un- vergleichlich mehr als nach Ermüdung der Rechten. Auch nach der, den Schluss bildenden, zweiseitigen Ermüdung zeigt hg der ersten Portion sich in positiver Richtung gegen den unermüdeten Zustand geändert, weniger aber, als nach einseitiger Ermüdung der Linken, mehr als nach einseitiger Ermü- dung der Rechten. Diess nun ist meines Erachtens so zu deuten. Die Ermüdung hatte überhaupt einen allgemeinen Einfluss der Art, dass hg in po- sitiver Richtung wuchs; dieser ward durch die einseitige Ermüdung der Linken gesteigert, durch die der Rechten vermindert. Worauf jener allge- meine Einfluss beruht, ist unbekannt; der Sinn jener Vermehrung und dieser Verminderung aber entspricht wirklich dem, was von vorn herein zu erwarten war.

Alle vorigen Resultate bezogen sich auf zeitliche Abänderun- gen der Empfindlichkeit durch Ermüdung. Für die Frage, inwie- fern Theile mit grösserer absoluter Empfindlichkeit für Gewichte Fechner, Elemente der Psychophysik. 21 A a a au —er——n u Fu = a zugleich grössere Unterschiedsempfindlichkeit besitzen, kann man Versuche von E. H. Weber in Betracht nehmen; indem man die Resultate, die er nach der Methode der eben merklichen Unter- schiede*) an gegebenen Theilen erhielt, mit denen vergleicht, die er an denselben Theilen nach der Methode der Aequivalente **) erhielt; sofern erstere Methode sich auf die Unterschiedsempfind- lichkeit, letztere auf die absolute Empfindlichkeit bezieht.

Wurde auf folgende Theile jeder beiden Körperseiten eine Säule von 6 Speciesthalern gesetzt, so ward der Gewichtsunter- schied empfunden, wenn auf einer Körperseite weggenommen ward folgende Zahl Species, Unterschied bezeichnen: Volarfläche der Finger Fusssohle, capit. metatars.

Schulterblatt. Ferse Hinterkopf. > Andererseits waren einander uquivalene, d. h. wurden als-gleieh schwer empfunden folgende Gewichte in Unzen auf folgenden Theilen: I) A 2 3 4 welche hiemit den eben merklichen e Volarfläche der Finger 4 und Fusssohle (cap. metat.) 40,4 8 5 Man sieht, dass hier nicht das geringste Entsprechen beider Ska- len stattfindet. Der eben merkliche Unterschied auf Finger und Fusssohle ist gleich, indess die als gleich empfundenen Gewichte sich auf beiden Theilen wie 4 und 40,4 verhalten.

Umgekehrt sind die als gleich empfundenen Gewichte auf Finger und Hinter- kopf fast gleich, indess der eben merkliche Unterschied sich wie 4:4 verhält.

Nun können unstreitig derartige Versuche nur als entschei- dend gelten, wenn sie unter strenger Vergleichbarkeit der Um- stände angestellt. sind; was hier nicht vorauszusetzen, da die Ab- sicht nicht auf eine Vergleichung der Resultate beider Methoden gerichtet war, und die Versuche zu verschiedenen Zeiten, vielleicht auch an verschiedenen Personen angestellt sind; indess lässt sich doch kaum denken, dass bei einem wirklich parallelen Gange der absoluten und Unterschieds-Empfindlichkeit solche Discordanzen sollten überhaupt möglich sein.

2) Erfahrungen im Gebiete der Liehtempfindung.

Im Gebiete der Lichtempfindung fehlt es zwar noch ganz an directen Versuchen, inwiefern das Parallelgesetz gültig sei; aber es liegen mancherlei Thatsachen vor, die mit der Frage desselben in Beziehung stehen, und hier mit Bezug darauf besprochen wer- den sollen, indem sich theils fragt, ob und wie sie mit dem Ge- setze bestehen, theils wiefern sie zur Bestätigung desselben die- nen können, theils welche Erläuterung sie dadurch erhalten.

Zuvörderst kann man geneigt sein, eine allgemein bekannte Thatsache gegen das Parallelgesetz geltend zu machen, die schon im Kapitel über das Weber’sche Gesetz berührt ward, deren weitere Erörterung aber hieher verschoben ist. Durch längeren Aufenthalt im Dunkel gewinnt man an Fähigkeit, im Dunkeln zu sehem, durch längeren Aufenthalt im Hellen verliert man diese Fähigkeit. Was heisst aber, im Dunkeln sehen? Ein Licht, was sich photometrisch nur wenig vom Nachtdunkel unterscheidet, doch noch davon unterscheiden. Denn in der That handelt es sich hiebei nicht blos um einen absoluten Eindruck, sondern einen Unterschied; da auch das Nachtdunkel noch seinen photometri- schen Werth hat. Es schiene also doch, dass Ermüdung des Auges durch den Lichtreiz auch die Empfindlichkeit für Unterschiede abstumpft.

Ungeachtet die Thatsache selbst als notorisch keiner ausführ- lichen Belege bedarf, stelle ich doch hier einschaltungsweise Eini- ges darüber zusammen, was dieselbe unter besonders auffälligen oder interessanten Formen hervortreten lässt.

»Buffon erzählt, dass ein Oflicier in einem Gefängnisse, zu dem nur selten von oben Licht zutreten konnte, so lange als Lebensmittel hinabge- reicht wurden, schon nach einigen Monaten die Mäuse sehen konnte. Nach einigen Monaten in Freiheit gesetzt, musste er sich sehr langsam an dasLicht gewöhnen. Ein Mensch, der 33 Jahre gefangen gesessen halte, konnte in der Nacht die kleinsten Objecte sehen, bei Tage nichts. (Ruete, Ophthalmol,, nach Larrey Mem. de Chir. med. Vol. I. p. 6).« V. Reichenbach giebt in seinen Schriften über das sog. Od an, dass gewisse Personen, sog. Sensitiven, im vollkommenen Dunkel an den Polen G U ZU starker Magnete Jammenähnliche Lichterscheinungen, am Nordpole eine blaue und blaugraue, am Südpole eine rothe, rothgelbe und rothgraue wahr- nehmen, dass sie auch die Spitze von Krystallen, lebende menschliche, tbie- rische und pflanzliche Körper, ganz besonders die Fingerspitzen, Metalle, Schwefel, Flüssigkeiten, die im chemischen oder Krystallisationsacte begrif- fen sind, u. s. w. leuchten sehen. Endlich kommt der Verf. (sensit. Mensch 1I. S. 492) zu dem Resultate, dass alle Körper der Erde überhaupt im Dun- keln Licht, für die Sensiliven spürbar, ausgeben, die einen nur mehr, die anderen weniger.

Es ist hier nicht der Ort, auf die Frage, inwiefern Reichenbach’s Od als besonderes Agens Realität hat, einzugehen; seinen Erfahrungen über das im Dunkeln von manchen Personen wahrnehmbare Licht scheint mir an sich nichts entgegenzustehen; hier aber erwähne ich derselben namentlich nur insofern, als Reichenbach als ausdrückliche Bedingung der Wahr- nehmung des Lichtes nicht nur absolute Verdunklung des Beobachtungs- zimmers, sondern auch bei minder Sensitiven längeren Aufenthalt darin an- giebt, bevor etwas gesehen werden kann. Nach seiner Angabe fangen im vollkommenen Dunkel Hochsensitive nicht selten sofort oder nach 5 bis 40 Minuten, Mittelsensitive erst nach 4 bis 2 oder 3Stunden an Odlicht zu sehen, Ich selbst und überhaup! ältere Personen erinnern sich noch recht wohl, dass man früher sich zur Abendbeleuchtung am Familien- und Schreibtische mit einem Talglichte zu begnügen pflegte. Jetzt, nachdem die hellere Lampenbeleuchtung gewöhnlich geworden ist, hält man diess für ei- nen Augenverderb; man vermag nicht mehr ohne Anstrengung dabei zu sehen.

Von einer Fabrik, welche so eingerichtet war, dass ein Theil der Arbei- ten von den Arbeitern zu Hause verrichtet ward, ist mir Folgendes erzählt worden. Der früheren schlechteren Beleuchtung in der Fabrik ward eine hellere substituirt. Es währte nicht lange, so verlangten die Arbeiter nach der früheren schlechteren Beleuchtung zurück, weil sie mit der gewöhnlichen schwachen Beleuchtung, die sie sich zu Hause verschaffen konnten, nicht mehr auszukommen vermochten.

Aubertins, Beitr. z. Kenntniss des indirecten Sehens *) bemerkt Fol- gendes: »Ist man Tage lang in einem stark verdunkelten Zimmer, so schätzt man es ebenso hell, als ein vielleicht zehnmal helleres Zimmer früher ge- schätzt wurde. Ich habe selbst ein frappantes Beispiel davon erlebt. Als ich in meinem 44. Jahre der Masern wegen über 8 Tage lang in einem so verfin- sterten Zimmer sein musste, dass die Eintretenden darin wie im Finstern umhertappten, kam es mir nach einigen Tagen sehr hell vor und da mich die Langeweile sehr plagte, so grilf ich nach einer ziemlich kleinen Land- karte mit feiner Schrift; ich konnte hier die Farben ganz gut sehen und die feine Schrift überall so gut lesen, wie sonst bei gewöhnlicher Tagesbeleuch- tang. Ich holte mir auch Bücher in mein Bett, wurde aber nie damit ertappt, denn die Eintretenden sahen das Buch überhaupt nicht, auch wenn sie einige *) Moleschott, Unters. IV. S. 224.

Minuten im Zimmer gewesen waren. Ich bemerke dabei, dass meine Augen durchaus nicht krankhaft affieirt waren « Förster*) bemerkt bezüglich der Anwendung des S. 275 beschrie- benen photometrischen Apparates, wobei man die schwächste Beleuchtung aufsucht, bei der ein kleines schwarzes Rechteck auf weissem Grunde noch erkannt wird (p. 43): »Im Anfange der Untersuchung bedarf Jeder, wenn er nicht vorher längere Zeit jeden helleren Lichteindruck vermieden hat, einer grösseren Lichtquantität zum Erkennen desselben Objectes, als wie nach einer Viertelstunde. Blickt der Beobachter dann nur während einer Secunde auf eine heller erleuchtete Fläche oder gar in die Lichtflamme, so ist seine Sehschärfe für die nächsten Minuten bereits um eine Anzahl Grade gesun- ken, bis eine abermalige Ruhe durch Ausschluss helleren Lichtes die Energie der Retina wieder hebt. Höchst auffallend ist es, wie dabei das Centrum der Retina besonders leicht afficirt wird.« Alle diese Erfahrungen scheinen direct gegen die Gültigkeit des Parallelgesetzes im Gebiete der Liehtempfindung zu sprechen; indem sich durch Abstumpfung für den Lichtreiz zugleich die Empfindlichkeit für Liebtunterschiede geschwächt zeigt; denn wie bemerkt ist die Erkenntniss von schwachen Lichtscheinen oder lichtschwachen Gegenständen im Dunkeln eben nichts anderes als eine Unterscheidung derselben vom dunkeln Grunde; und diese findet mit abgestumpftem Auge nicht mehr stalt.

Aber man sieht leicht, dass diese Abweichung vom Parallel- gesetze unter ganz analogen Verhältnissen stattfindet, als die Ab- weichung vom Weber’schen Gesetze an dessen unterer Gränze. So wie eine oder beide Componenten sich dem Schwarz nähern, hört das Weber’sche wie das Parallelgesetz auf, gültig zu sein. Wir nehmen aber die Gültigkeit des Parallelgesetzes nicht inner- halb weiterer Gränzen in Anspruch, als die des Weber'schen.

Es wird sich nur fragen: 4) ob sich für die untere Gränze des Parallelgesetzes auch ein entsprechender Grund, als für die des Weber'schen finden lässt; 2) ob die Abweichung für höhere Lichtgrade eben so wie beim Weber’schen Gesetze verschwindet.

Beides lässt sich meines Erachtens bejahen. Was das Erste anlangt, so fasse ich den Gegenstand aus folgendem Gesichtspuncte. Der äussere Lichtreiz stumpft für die Wirkung des äusseren Lichtreizes ab; aber das Augenschwarz nimmt hiebei verhältniss- mässig wenig an Dunkelheit zu; also wird der relative Unterschied der Wirkung eines äusserlichen Lichtes dagegen geringer. In der wu en =>» That kann sich das Augenschwarz nur bis zu gewissen Gränzen vertiefen, wie es im Nachbilde heller Objecte allerdings der Fall ist, aber nicht erlöschen; und selbst beim vollen schwarzen Staare, wo das stärkste äussere Licht keinen Eindruck mehr macht, wird noch Schwarz gesehen, ja scheinen unter Umständen noch Farben gesehen werden zu können. Auch leuchtet an sich ein, dass die Netzhaut, die Nerven und sonstigen Theile, welche die Ueberleitung des Reizes zum Gehirne bewirken, durch eine Menge Ursachen gelähmt oder undurchgängig werden können, so dass der äussere Reiz keine oder nur eine schwache innere Er- regung hervorruft, ohne dass die Centraltheile, an deren Erregung die Empfindung des Augenschwarz hängt, desshalb wesentlich leiden.

Schwächt sich nun durch die Abstumpfung das innere Au- genlicht nicht erheblich oder jedesfalls in viel minderem Grade als der äussere Eindruck, so muss diess einer relativen Erhellung des Augenschwarz bei gleichbleibendem Lichteindrucke äquivalent wirken, und beim vollen schwarzen Staare, welcher als der höchste Grad der Abstumpfung zu betrachten ist, kann selbst der stärkste Eindruck nicht mehr vom Augenschwarz unterschieden werden, weil keiner mehr gemacht wird, indess das innere Au- genschwarz noch fortbesteht;; eben so wie durch ganz dunkle Glä- ser der Unterschied der Lichter mit den Lichtern zugleich für die Wahrnehmung verschwindet.

Soll diese Erklärung triftig sein, so kann man die Bestätigung in folgender Folgerung verlangen: dieselben Personen, welche wegen abgestumpfter Reizbarkeit im Finstern oder Dämmerlichte schlecht sehen, d. h. schlecht unterscheiden, müssen eben so gut als solche mit nicht abgestumpfter Reizbarkeit darin unterschei- den, wenn der Lichteindruck der Componenten nur überhaupt stark genug ist, dass die Helligkeit des Augenschwarz dagegen als verschwindend angesehen werden kann. Dass aber dem wirk- lich so sei, dafür lassen sich positive Thatsachen anführen, welche um so beweisender erscheinen, als sie ohne Beziehung zur vor- stehenden Theorie und ohne Kenntniss derselben veröffentlicht worden sind.

Förster in s. Abhandlung über Hemeralopie sagt (p- 33): »Man sehe des Abends bei heller Lampenbeleuchtung mehrere Minuten lang mit einem Auge auf ein weisses Blatt Papier, während das andere geschlossen und verdeckt ist. Im erleuchteten Zimmer wird man sodann auch bei Oeffnung des anderen keinen auffallenden Unterschied finden. Sobald man sich aber in einen stark dunkeln Raum begiebt, tritt ein solcher Unterschied sehr merklich hervor. Vor dem angestrengten Auge scheint sich eine Art Nebel zu befinden, welcher die Gegenstände ganz oder theil- weis verdeckt, die das andere Auge noch wahrnimmt, und es ist eine ganz eigenthümliche Unsicherheit betreffs der Orientirung, welche im Dunkeln bei so verschieden functionirenden Gesichts- feldern über uns kommt, die sofort verschwindet, wenn ınan in einen hellen Raum zurückkehrt. Bei der zweiten Reihe der Unter- suchungen mit Aubert über den Raumsinn der Netzhaut, welche bei Lampenlicht stattfand, habe ich diese künstliche monoeulare Hemeralopie oft zu bemerken Gelegenheit gehabt. Dieser Blen- dungszustand hielt bisweilen 40 Minuten und länger an. Die Gas- laternen erschienen dem affieirten Auge in einiger Entfernung gleich trüben räthlich brennenden Oellampen und meine Umge- bung so dunkel, dass ich mich nur mit Mühe orientirte. Bei ab- wechselndem Schliessen der einzelnen Augen trat der Unterschied der Energieen in beiden Netzhäuten äusserst frappant hervor, ohne dass jedoch das nicht angestrengte Auge etwa scharfsichtiger in der Dunkelheit geworden wäre. Bei Aubert war noch 1 Minute nach Beendigung der Anstrengung des einen Auges die künstliche Hemeralopie so stark, dass er bei 24 [JMill. Lichtquelle kaum die 1,32 Mm. breiten Striche unterschied, während das nicht aflicirte, wie gewöhnlich bei dieser Beleuchtung, noch 0,24 Mm. Breite wahrnahm.. Bei mir erreichte die Abstumpfung einen noch höhe- ren Grad und dauerte länger an.« Diese Beobachtungen bezogen sich auf gesunde Augen. Noch instructiver aber vielleicht sind die Beobachtungen bei der Krank- heit, womit Förster den Zustand des ermüdeten Auges vergleicht, bei der Hemeralopie selbst.

Der doppelte Fall nämlich, dass das Auge nach längerem Ver- weilen im Hellen vorübergehend schlecht im Finstern sieht und nach längerenı Verweilen im Dunkeln vorübergehend schlecht im Hellen sieht, findet sich als dauernder Zustand in zwei Krank- heitszuständen ausgeprägt, der Hemeralopie und der Nycta- lopie, über deren erste die auf genauen Beobachtungen fussende schätzbare Abhandlung von Förster vorliegt. Nun identifieirt Förster (p. 32) ausdrücklich nach der Uebereinstimmung der wesentlichen Merkmale den Zustand der gesunden Retina nach heller Beleuchtung mit dem habituellen Zustande der hemeralopi- schen Retina. In mehreren, obwohl nicht allen, Fällen ist selbst vorheriger längerer Aufenthalt in sehr hellem Lichte Ursache der Hemeralopie (p. 30), und längerer Aufenthalt im Finstern durch 24 bis 56 Stunden das wirksamste Heilmittel gewesen (p. 40) *). Das charakteristische Symptom der Hemeralopie ist aber gerade das, dass die Kranken im Dämmerlichte ohne Vergleich schlechter sehen, als Personen mit gesunder Sehkraft, indess sie bei helle- rem Lichte eben so gut sehen. In der That, der Hemeralopische unterscheidet nach Eintritt der Dämmerung oder Eintritt in einen dämmerigen Ort, wo das gesunde Auge noch recht wohl zu sehen im Stande ist, nichts mehr oder bedarf einer grösseren Helligkeit der Objecte oder bei gleicher Helligkeit eines grösseren Umfanges derselben, um sie noch zu unterscheiden, worüber Förster Ver- suchszahlen giebt. Hingegen sieht nach seinen ebenfalls auf Mes- sungen gestützten Angaben (p. 20. 23): »der Hemeralopische bei zunehmender Beleuchtung, Tageslicht, eben so scharf kleine Gegenstände, wie der Gesunde, nur tritt dieses Verschwinden jedes Unterschiedes für sehr kleine Objecte erst bei sehr heller Beleuchtung ein. « »Blos in einigen Fällen, wo die Krankheit eine lange Dauer gehabt hatte, oder wo sie von grosser Intensität war, trat auch am Tage eine Gesichtsschwäche hervor, die sich entweder dadurch äusserte, dass der Kranke zum Erkennen kleiner Objecte — Lesen — sehr helles Licht bedurfte, oder auch dadurch, dass er nur gröbere Objecte überhaupt erkannte. « a Die hemeralopische Eigenschaft ist nicht, wie man wohl meint, eine Sache der Tageszeit, sondern nach Förster’s Beob- achtungen (p. 16) sieht der Hemeralopische Tages bei schwachen Beleuchtungsgraden eben so schlecht wie in der Nacht. Der He- meralopische vermag sich (p. 48) wie der Gesunde nach Eintritt aus dem Hellen in das Dunkle bis zu gewissen Gränzen allmälig der Dunkelheit zu adaptiren, so dass er Gegenstände erkennt, die er anfangs nicht erkannte; nur mit dem Unterschiede, dass er a) gleich anfangs schlechter sieht, als der Gesunde, b) viel mehr *) Diess wird auch von Ruete nach eigenen Erfahrungen bestätigt.

(die 4- bis 10fache) Zeit zur Adaption bedarf, c) auch nach mög- lichster Adaption schlechter sieht, als der Gesunde nach Adaption; was Alles Förster mit dem $. 275 beschriebenen Apparate con- statirt hat.

Hinsichtlich des weiteren, sehr lesenswerthen, Details der Beobachtungen über diese Krankheit muss ich auf die Schrift selbst verweisen. a Es wäre sehr erwünscht, wenn über Nyctalopie eben so gründliche Beobachtungen vorlägen, worüber mir jedoch nichts bekannt ist, In Bezug auf das Räumliche scheint es, dass die centralen Theile der Netzhaut, insofern sie nicht, wie es beim gewöhnlichen Gebrauche der Augen allerdings leicht der Fall ist, durch Ermüdung mehr abgestumpft sind, als die eentralen, sowohl heller als ‚ deutlicher sehen, als die seitlichen. Doch fehlt noch viel an einer hinreichenden Untersuchung der hier obwaltenden Verhältnisse. Eine Literatur des Gegenstandes mit einigen dahin einschlagenden Beobachtungen findet man in meiner Abhandlung: » Ueber einige Verhältnisse des binocularen Sehens«, in den Abhandl. der sächs. Soc. math.-phys. Cl. Bd. IV. S. 373.

3) Versuche im Gebiete extensiver Empfindung.

Ich habe an mehreren Theilen, so einmal an Kinn und Ober- lippe, ein anderesmal an den 5 Fingern, vergleichungsweise Ver- suche nach der Methode der mittleren Fehler und der Methode der Aequivalente angestellt, um zu ermitteln, ob nach Massgabe, als eine Zirkeldistanz grösser auf einer gegebenen Hautstelle erscheint, auch der Unterschied zwischen zwei Zirkeldistanzen grösser er- scheint; oder ob keine wesentliche Abhängigkeit in dieser Bezie- hung stattfindet. Meine Versuche sprechen gegen eine wesentliche Abhängigkeit. Da jedoch meine Beobachtungen in dieser Hinsicht theils noch nicht vollständig, theils noch nicht vollständig discutirt sind, so übergehe ich für jetzt die nähere Mittheilung.

XIII. Gesetze der Mischungsphänomene.

Die bisherigen Erörterungen über das Weber’sche Gesetz, dessen Parallelgeseiz und die Thatsache der Schwelle bezogen sich im Grunde nur auf den einfachsten Fall eines sehr allgemeinen Falles. Es handelte sich dabei stets darum, wiefern die Empfin- dung wächst oder abnimmt, beginnt oder schwindet, wenn eine Reizgrösse einen Zuwachs oder eine Verminderung erfährt, unter der Voraussetzung, dass das, was zuwächst oder weggenommen wird, von gleicher Qualität als die Reizgrösse sei, die man vermehrt oder vermindert; also auch der Reiz durch den Zuwachs oder die Verminderung keine Aenderung in seiner Beschaffenheit erfahre. Aber unter allen denkbaren Fällen, wo ein Reiz einen Zuwachs oder eine Verminderung, überhaupt eine Aenderung, er- fährt, ist der Fall, dass das Zuwachsende oder Weggenommene von gleicher Beschaffenheit sei, als dasjenige, dem es zuwächst oder entzogen wird, eben nur der einfachste. Es kann sich aber z. B. der Reiz eines weissen Lichtes, anstatt dadurch, dass man die Intensität aller Farbestralen in gleichem Verhältnisse steigert oder schwächt, auch dadurch ändern, dass man farbiges Licht zum weissen fügt oder der weissen Farbemischung diesen oder jenen Farbestral oder ein Gemisch von Farbestralen, das nicht weiss ist, entzieht. Und Entsprechendes lässt sich, wie leicht zu erachten, auf andere als weisse Farbemischungen, auf Gemische von Tönen oder Klängen, von Gerüchen, von Substanzen, welche Geschmacksempfindung erregen, anwenden. Der Kürze halber wollen wir die von derartigen Veränderungen abhängigen Phäno- mene überhaupt als Mischungsphänomene den früheren als homogenen gegenüber bezeichnen, und uns in Besprechung derselben hauptsächlich an das Beispiel der Farben halten.

Man übersieht leicht, dass, indem es sich bei den Mischungs- phänomenen nicht mehr um rein quantitative, sondern auch qua- litative Aenderungen des Reizes handelt, auch nicht blos quantita- tive, sondern auch qualitative Aenderungen der Empfindung zu erwarten sind, wie denn wirklich erfahrungsmässig solche hiebei Platz greifen, und es wird sich handeln, diese bezüglich der Mess- barkeit unter Gesichtspuncte zu bringen, welche mit denjenigen zusammenhängen, die für die quantitativen Aenderungen Anwen- dung gefunden haben.

Allgemein nun finden wir Folgendes: Wenn zwei einfache oder selbst schon zusammengesetzte Reize A, B, deren jeder für sich eine einfache Empfindung besonderer Art, respectiv a, b zu erwecken im Stande ist, beispielsweise zwei Farben, in solcher Vermischung oder überhaupt Verbindung der