SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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Seele von einem Gegenstande erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inner- stes zerrissen, oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch ge- nommen hatte, giebt uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Com- binationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und sym- bolisirt die Wirklichkeit. So sind schon die Schlummerbilder fast nie be- kannte Gestalten, sondern Figuren, wie wir sie fast nie gesehen haben, wun- derliche Bildungen und Formen, dergleichen nicht leicht in der Aussenwelt sich finden.« (Burdach’s Physiol. II. S. 474.)

»Nicht leicht ist im Traume Erinnerung: Alles ist, als ob es jetzt ge- schähe. Und nie stellt sich im Traume etwas dar, was uns einst wirklich be- gegnet ist; nur Geträumtes wiederholt sich vielleicht. Phantasiebilder von Gegenden sieht man, bekannte Gegenden überhaupt selten, und dann nicht ohne Veränderung. Eben so kommen uns im Traume keine bekannten Melo- dien, wohl aber neue, sei es, dass wir nach dem Erwachen uns ihrer als ge- träumter Melodien erinnern, oder dass die in dem Momente des Erwachens und in halbwachem Zustande uns bewusst werdende Melodie sich als eine solche erkennen lässt, welche aus dem Schlafe herüber kommt. Als dem Nachtleben angehörig bezeichnet diese Melodien schon der Umstand, dass sie nach dem Erwachen nicht festzuhalten sind. Sie gleichen Träumen, und wieder einem Denken im Schlafe, was wir überhaupt nicht genau sondern können. Was der Traum aus der Wirklichkeit nimmt, pflegt er zu verfäl- schen. Häufig erscheinen die Personen in ihren früheren, nicht in ihren jetzigen Verhältnissen. Verschiedene Zeitpuncte werden unter einander ge- mischt. Man vermisst in dem Vorgange Zusammenhang zwischen Vorher und Nachher.« (Ueber den Geist und sein Verhältniss zur Natur, von einem ungenannten Verfasser. Berlin 4852. S. 209.)

Die Erfahrungen, die wir im Wachen selbst über den Erfolg der Abwendung der Aufmerksamkeit von irgend welchen Gebieten machen können, beweisen, dass die blosse Herabdrückung unter die Hauptschwelle im Sinne unseres Schema nur den Grad, nicht die Art und Ordnung des bewussten Lebens ändert. Die unzähli- gen Handlungen, die wir im Unbewusstsein während des Wachens vollführen, dass wir uns z. B. waschen, anziehen, handthieren, indess wir dabei an ganz Anderes denken, sind ganz in demselben Sinne und Geiste, gleich vernünftig, als die, die wir mit vollem Bewusstsein vollführen und in vollem Zusammenhange damit. Nicht so mit dem, was wir im Traume thun und vorstellen. Auch lässt sich das eben so wenig daraus erklären, dass wir uns wegen des Schlusses der äusseren Sinne nicht mehr an der Aussenwelt orientiren können und daher auch innerlich zu irren anfangen; sonst müsste Stille der Nacht und Schluss der Augen denselben Erfolg äussern; indess hiedurch der Geist während des Wachens nur um so gesammelter wird. Weder die einfache Herabdrückung des bewussten Seelenlebens unter die Hauptschwelle, noch die Abziehung von den Einflüssen der Aussenwelt genügt also, die Eigenthümlichkeit des Schlaflebens dem wachen Leben gegenüber zu erklären. Statt einer blossen Herabdrückung der psychophysischen Thätigkeit unter Verschluss der äusseren Sinne ist es vielmehr, als ob die psychophysische Thätigkeit aus dem Gehirne eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelte; weil aber beide Gehirne oder vielmehr Theile des Gehirnes unmittelbar zusammenhängen und die Bewegung selbst eine zusammenhängende und aus einander folgende ist, besteht auch der allgemeine pıpnz Zusammenhang dazwischen fort.

Unstreitig hängt die Ordnung der psychophysischen Thätig- keit und des daran geknüpften Vorstellungslebens nicht blos von der Anlage, sondern auch von der Ausarbeitung ab, die ihr Organ unter ihrem eigenen Einflusse erfahren hat, daher die Weise, wie die Vorstellungen, die Gefühle eines Erwachsenen, eines Gebildeten sich associiren und aus einander folgen, auch bei gleicher ursprünglicher Anlage ganz anders geordnet ist, als bei einem Kinde, einem Ungebildeten; die Beschaffenheit der Einzelvorstellungen aber, die wir jetzt haben, hängt mit der Beschaffenheit der Nach- klänge zusammen, die unser früheres Leben und Denken hinter- lassen hat. Nun hat sich der Sitz, den die psychophysische Thä- tigkeit des Vorstellens im Wachen einnimmt, unter dem vollen und wirksamen Einflusse eines zusammenhüngenden vernünftigen Lebens mit Menschen und Welt demgemäss ausgearbeitet, indem die psychopbysische Thätigkeit selbst unter diesem Einflusse ge- standen und ihren Sitz demgemäss organisirt hat. Nicht so mit dem Sitze der psychophysischen Thätigkeit im Schlafe, in welchen sich nur die Nachklänge dieses Lebens unter der Schwelle hin- überziehen. Statt ihn mit dem Gehirne eines Narren zu verglei- chen, werden wir ihn daher noch triftiger mit dem Gehirne eines Kindes oder Wilden vergleichen, nur mit der Rücksicht, dass er mit dem eines Erwachsenen, eines Gebildeten in solcher Verbin- dung steht, dass beim Uebergange aus Wachen in Schlaf und dem- gemässer Verrückung des Wellengipfels der psychophysischen Thätigkeit die Nachklänge von dessen Empfindungs- und Vorstel- lungsleben sich als Traumwellen in den neuen Sitz hinüberziehen.

Indem sie nun hier keiner durch die Erziehung ausgearbeiteten . u a an nn =‘ Organisation mehr begegnen, fangen sie an zu irren; so wie ein Kind oder Wilder nicht versteht, was ihm ein Erwachsener oder Gebildeter vorerzählt, untriftige Folgerungen daraus zieht und ungeregelte Phantasiebilder daraus webt. Oder auch, es ist, wie wenn man aus einer Stadt mit festen Strassen, Häusern mit Hausnummern etc. etc. in eine naturwüchsige Wildniss ohne Wege tritt; da wird der Gang unbestimmt; es taucht bald hier, bald da ein Wild auf, aber der geordnete Gang hört auf. Schliesst man blos die Augen im Wachen, so ist diess anders; die vorher mehr in der Richtung nach Aussen beschäftigte psychophysische Thätig- keit sammelt sich, eoncentrirt sich in dem Sitze des vernünftigen inneren Lebens, in den die Wege der Sinne unmittelbar überfüh- ren, siedelt aber nicht in einen anderen über.

Im Uebrigen, wenn das Traumleben ein relativ zusammen- hangsloseres, nicht so vernünftig geordnetes ist, als das wache Leben, hat es doch seinen Zusammenhang eigenthümlicher Art. So setzt sich nicht selten, wenn wir nach Zwischenerwachen wie- der einschlafen, der Traum des ersten Schlafes in dem zweiten fort, ohne dass die zwischenfallenden Vorstellungen des Wachseins intereurriren, was auch dafür spricht, dass waches und Traum- leben einen verschiedenen Schauplatz haben. Besonders ist das bei Nachtwandlern gewöhnlich, so dass sie, wie bei jedem Er- wachen zu den täglichen Geschäften, bei jedem Schlafe zu der gewohnten Art des Traumlebens zurückkehren. (Burdach IN. S. 474.) So kann man auf der Stadt und auf dem Lande leicht eine ganz verschiedene Lebensart führen, und im Uebergange von einem zum anderen Aufenthaltsorte immer wieder zu derselben in sich zusammenhängenden Lebensart zurückkehren. Unmöglich aber wäre es, an demselben Aufenthaltsorte mit der Lebensart glei- cherweise zu wechseln. Was hier vom umsiedelnden Menschen gilt, gilt von der umsiedelnden psychophysischen Thätigkeit im Menschen.

Jedoch kann der Umstand, dass der Gang der Vorstellungen im Traume nicht an so feste Wege gebunden, hiemit freier und die Ordnungslosigkeit doch nicht absolut, sondern nur relativ zu verstehen ist, unter Umständen auch wohl ausnahmsweise grössere Leistungen im Traume möglich machen, als im Wachen, die Phan- tasie namentlich im Traume zuweilen etwas hervorbringen, was sie im Wachen nicht vermocht hätte. (Beispiele s. in Burdach’s Physiol. Ill. S. 469.) Hiezu trägt die Abziehung vom Aeusseren bei. Der Träumende ist ein Dichter, der seiner Phantasie die Zü- gel ganz und gar schiessen lässt, und ganz in eine innere Welt versunken und verloren ist, so dass ihm die Erscheinung Wahr- heit wird.

Lassen wir die Betrachtung noch einen letzten Schritt thun. Indem der Gipfel der psychophysischen Thätigkeit, mehr und mehr sich erniedrigend, zugleich mehr und mehr einem, den Sinnesreizen weniger zugänglichen, Theile sich zuwendet, wird er doch aber eben hiemit eine Erhöhung des Inneren, wohin er sich wendet, gegen die Zeit des Wachens bewirken, so dass die psy- chophysische Hauptwelle zwar im Ganzen gesunken und unter der Schwelle bleibt; aber doch an einer Stelle im Inneren gegen die Zeit des Wachens gestiegen und diese Stelle dem Erwachen näher gerückt ist. Und so ist es auch möglich, dass im abnormen und extremen Falle diess bis zum wirklichen Erwachen geht, und da- mit ein, durch Schlaf vom gewöhnlichen Wachen geschiedenes und durch Schlaf wieder darein übergehendes, neues Erwachen erfolgt, was dann aber nothwendig mit einem um so tieferen Ein- schlafen des gewöhnlichen Sitzes wachen Lebens in Beziehung steht. Diess könnte das Erwachen zum Somnambulismus sein.

Wenn das somnambule Wachen vernünftiger als der Traum scheint, könnte diess daher rühren, dass die doch immerhin fremde und oft mit Visionen bevölkerte innere Welt bei dem hel- leren Bewusstseinslichte des neuen Wachens von selbst auch so zu sagen klarer überschaulich wird.

Ich halte es aber für bedenklich, den Versuch, die Erschei- nungen des Schlafes psychophysisch zu repräsentiren, noch weiter auf die particulären Erscheinungen des Somnambulismus auszu- dehnen. Nicht, dass sich nicht hoffen liesse, die Psychophysik werde auch in dieser Hinsicht ein bis jetzt noch vermisstes Licht geben; nicht, dass sich nicht allgemeine Gedanken darüber schon jetzt entwickeln liessen. Aber um zu etwas Sicherem zu führen, wird vorher noch Manches in diesem Felde Seitens der Thatsachen wie der psychophysischen Gesetze sicher gestellt sein rw was zur Zeit noch nicht sicher steht.

Dass die Traumvorstellungen Reflexe in das Gebiet der äus- seren Muskelthätigkeit und äusseren Sinnesempfindungen mitfüh- ren können, geht einerseits daraus hervor, dass Schlafende nicht selten in Folge von Träumen sich bewegen, anderseits, dass nach PR. v ee a u x F a.

mehrfachen Angaben lebhafte Traumvorstellungen selbst nach dem Erwachen noch als Nachbilder, Nachempfindungen fortbeste- hen können. Mehrere eigene und fremde Erfahrungen der Art, Gesichts-, Gehörs-, Geschmackssinn betreffend, berichtet Gruit- huisen in s. Beiträgen z. Physiognosie und Eautognosie. 1812. S. 237. u. 256, welche Burdach in s. Physiologie Ill. S. 465 und J. Müller in s. Schrift über phant. Ges. S. 36 zum Theil reprodueirt hat. Folgende Beispiele eigener Erfahrung theilt H. Meyer in s. Physiologie der Nervenfaser S. 309 mit.

»Ich gieng im Traume in einem finsteren, engen Thale neben einem Ka- nale hin, in welchem das Wasser trübe und schwarz floss; da kam plötzlich ein kleiner hellgelber Mops und bellte mich heftig an, indem er mich immer zu beissen drohte; ich wehrte denselben ab, indem ich mich, wie er auch herumsprang, immer nach seiner Seite kehrte; darüber erwachte ich, es war bereits ziemlich helle Morgendämmerung, und ich sahe noch längere Zeit das deutliche schwarze Nachbild des Mopses vor meinen Augen schweben.

Ein ander Mal träumte mir von einer Gesellschaft; das Gewirre war bunt und die Bedienten liefen mit den Tbeebretern hin und her; ich fasste gerade einen, welcher mit grosser Behendigkeit zur Thüre hinaus gieng, ins Auge, da wachte ich auf, es war schon dämmerig, und ich sahe noch längere Zeit das dunkle Bild des Bedienten, welcher in etwas vorgebogener Stellung das Theebret bielt, vor mir.

Eine gleiche Erscheinung hatte ich von einem Kapuziner, der eine Pi- stole in der Hand hielt.

Diese Nachbilder erschienen mir alle als dunkle Schatten mit etwas verwaschenen Rändern. « Hienach dürfte auch der wesentliche Unterschied der unwill- kührlichen, leicht in Träume übergehenden, Hallucinationen vor dem Einschlafen von den willkührlich erzeugten Sinnesphantas- men des Abschnittes a) nur darauf beruhen, dass jenes Reflexe aus dem Sitze, welchen der Gipfel der psychophysischen Haupt- welle unter der Schwelle im Schlafe einnimmt, dieses aus dem Sitze des Gipfels über der Schwelle im Wachen in die Sinnes- sphäre hinein sind, von welchen erstere selbst schon bei Annähe- rungen an den Schlaf erfolgen könne. So erklärt sich, dass jene unwillkührlich mit phantastisch traumartigen Bildern, auch wenn sie noch nicht Träume sind, in das wache Leben hineinspielen, indess diese durch Willkühr und Association nach den Gesetzen des Wachens bestimmt sind.

nn nn XLV. Psychophysische Continuität und Discontinuität. Psycho- physischer Stufenbau der Welt. Anknüpfungspunct der Psycho- physik an Naturphilosophie und Religion.

Als gewissen Ausgangspunct der folgenden, am Schlusse sich in ferne Aussichten verlierenden, Betrachtungen sehe ich folgen- den allgemeinen Satz an, der sich durch die hinzuzufügenden Thatsachen zugleich zu erläutern und zu begründen haben wird, stillschweigend auch schon früher vorausgesetzt worden ist und vorausgesetzt werden musste, sofern die Thatsachen überall keine andere Deutung und Verwerthung zulassen, als unter seiner Vor- aussetzung.. Das psychisch Einheitliche und Einfache knüpft sich an ein physisch Mannichfaltiges, das physisch Mannichfaltige zieht sich psychisch ins Einheitliche, Einfache oder doch Einfachere zusam- men. Oder anders: das psychisch Einheitliche und Einfache sind Resultanten physischer Mannichfaltigkeit, die physische Mannich- faltigkeit giebt einheitliche oder einfache Resultanten.

Das psychisch Einheitliche und Einfache sind insofern unterschieden, als das Einheitliche selbst noch die Verknüpfung einer unterscheidbaren Mehrheit ist, woraus aber das Bewusstsein der Verknüpfung oder verknü- pfende Bewusstsein als etwas identisch Einfaches abstrahirbar ist, wie man sich an der Einheit des Bewusstseins, der Einheit einer Idee oder eines Be- griffes erläutern kann, indess das schlechthin Einfache keine unterscheid- bare Mehrheit mehr einschliesst, und nur Element für Verknüpfungen, aber nicht selbst mehr Verknüpfung von Einfacherem ist, wozu eine einfache Ton-, Farben-, Geruchsempfindung Beispiele gewähren.

Untriftig hat man oft die abstracte Einfachheit des Bewusstseins mit ei- ner Einfachheit der ganzen concreten Seele verwechselt, nutzlos meines Er- achtens durch ein einfaches hinterwirkliches Seelenwesen hypostasirt.

Denselben Satz habe ich im 37. Kapitel mit anderer Richtung der Auffassung auch so ausgesprochen, dass der Geist, die Seele, das verknüpfende Prineip für die körperliche Zusammenstellung und Auseinanderfolge sei, unter Hinweis ($. 388), wie beide Aus- drucksweisen im Factischen zusammentreffen; so dass es hier wie früher gleichgültig sein kann, welcher man sich bedienen will.

Die Thatsachen, als deren Zusammenfassung ich siebetrachte, und in deren Sinne sie zu verstehen sind, sind folgender Art.

Die identische Einheit des Bewusstseins knüpft sich an ein zusammengesetztes körperliches System; und die Gründe, welche BE \ et - SE li © 7 rn Di im 37. Kapitel (über den Sitz der Seele) dargelegt sind, gestatten factisch nicht, dieses blos als äussere Hülle eines einfachen Seelen- sitzes anzusehen. Mit beiden Gehirnhälften denken wir nur ein- fach, mit den identischen Stellen beider Netzhäute sehen wir nur einfach; dem einfachsten Gedankengange liegt nach den zusam- mengesetzten Anstalten in unserem Gehirne ein sehr zusammen- gesetzter Process unter; die einfachste Licht- oder Schallempfin- dung knüpft sich an Vorgänge in uns, die als angeregt und unterhalten durch äussere Osecillationsvorgänge, auch selbst irgendwie oscillatorischer Natur sein müssen, ohne dass wir etwas von den einzelnen Phasen und Oscillationen unterscheiden. Die unsäglich mannichfaltigen einfachen Geruchs- und Geschmacksempfindungen würden sich psychophysisch nicht repräsentiren lassen, wenn wir nicht einfache Resultanten verschieden zusammengesetzter Pro- cesse darin sehen wollten, welche sich nach dieser Zusammen- setzung verschieden qualifieiren.

So gewiss es hienach ist, dass einheitliche und einfache psy- chische Resultanten an physischer Mannichfaltigkeit hängen, so gewiss ist von der anderen Seite, dass nicht alles physisch Zu- sammengesetzte, selbst wenn es einem in sich zusammenhängen- den körperlichen Systeme angehört, in eine einfache psychische Resultante zusammengeht. Ob nicht doch in eine einheitliche, ist Glaubenssache, denn man kann fragen, ob nicht schliesslich die ganze Welt eine einheitliche psychische Resultante gebe; dann fehlt uns aber wenigstens das Bewusstsein dieser Einheit. Zuvörderst unterscheiden sich verschiedene Bewusstseins- gebiete in den verschiedenen Menschen und Thieren,, ungeachtet ihre Leiber Theile desselben allgemeinen Systemes materieller Puncte sind, das wir kurz Natur nennen. Dann weiter unter- scheiden sich in jedem Menschen und Thiere die verschiedenen Sinnesgebiete, und im Felde des Gesichtes und Getastes können wieder mehrere gleichzeitige Empfindungen unterschieden, auch solche Unterschiede in der Erinnerung reprodueirt werden. Ueberhaupt befasst das Seelenleben jedes Menschen und Thie- res eine unzählige Menge theils coexistirender,, theils successiver unterscheidbarer Phänomene, ungeachtet doch das ganze körper- liche System und Leben desselben räumlich und zeitlich in sich zusammenhängt. Der Kürze halber mögen wir die beiden Fälle, um deren Unterscheidung es sich hier handelt, als psychophysischeConti- nuitätund Discontinuität unterscheiden. Continuität, sagen wir, findet statt, sofern eine physische Mannichfaltigkeit eine einheit- licheoder einfache psychische Resultante giebt, Discontinuität, sofern sie eine unterscheidbare Mehrheit von solchen giebt. Insofern aber in der Einheit eines allgemeineren Bewusstseins oder Bewusstseins- phänomenens selbst noch eine unterscheidbare Mehrheit vorhan- den ist, schliesst die Continuität eines allgemeineren Bewusstseins die Discontinuität besonderer Phänomene nicht aus. urn Eine der wichtigsten Fragen und Aufgaben der Psychophysik ist nun die, die Gesichtspuncte festzustellen, unter welche der Fall der Sarahagkzaischen Continuität und Discontinuität tritt.

Woran hängt es, dass die verschiedenen Organismen ein ge- schiedenes Bewusstsein haben, ungeachtet ihre Leiber so gut durch die allgemeine Natur zusammenhängen, als die Theile jedes Organismus unter sich, die doch zu einem einheitlichen Bewusst- sein zusammenstimmen. Unstreitig kann man sagen, der Zusaın- menhang der Theile in einem Organismus sei inniger, als der der Organismen in der Natur. Aber was heisst ein innigerer Zusam- menhang? lässt sich auch an eine Relation ein absoluter Unter- schied knüpfen? Und zeigt nicht die Natur im Ganzen so gut die Charaktere einer festen, ja noch unlösbareren, Verknüpfung, als jeder Organismus in ihr? Dieselben Fragen wiederholen sich in- nerhalb jedes Organismus. Woran hängt es, dass wir mit ver- schiedenen Gesichts- und Tastnervenfasern verschiedene Raum- puncte unterscheiden, indess Alles, was durch dieselbe Faser ein- tritt, ununterschieden bleibt; ungeachtet doch die verschiedenen Nervenfasern so gut im Gehirne zusammenhängen, als die Theile derselben Nervenfaser unter sich? Wieder kann man einen inni- geren Zusammenhang der letzteren geltend machen, aber wieder werden sich ähnliche Gegenfragen als oben bezüglich der ganzen Organismen wiederholen.

Unstreitig ist die Aufgabe, welche hier für die Psychophysik vorliegt, bis jetzt noch keiner scharfen Lösung fähig, doch lässt sich ein allgemeiner Gesichtspunct dafür wohl aufstellen, und zwar in consequentem Zusammenhange mit dem, welcher über die Be- ziehung zwischen den allgemeinen und besonderen Bewusstseins- phänomenen im 42. Kapitel aufgestellt worden ist. Daher erläu- tere ich denselben auch an dem dort gebrauchten Schema, was d TEEN yEv E. = der abstracten Darstellung um so mehr vorzuziehen sein wird, als das Schema selbst von einer Seite so bestimmt, von anderer Seite so unbestimmt ist, ‘als unsere Kenntniss von den Bedingun- gen der Frage.

Wenn sich zwischen. den verschiedenen Organismen jene Continuität des Bewusstseins unterbrochen zeigt, vermöge deren sich eine Vielheit von Sonderphänomenen in derselben Seelen- einheit verknüpft; ungeachtet doch alle Organismen durch die allgemeine Natur zu einem einzigen Systeme verknüpft sind, so kann diess nur darauf geschrieben werden, dass die psychophy- sische Thätigkeit sich zwischen ihnen nicht in derselben Weise durch die Natur forterstreckt, als in ihnen, sei es, dass sie in der äusseren Natur, oder selbst schon über jedes Nervensystem bin- aus, überhaupt fehlt oder dass sie unter die Schwelle sinkt, was unter dasselbe Prineip tritt, sofern ein Aufhören der psychophy- sischen Thätigkeit nur die grösstmögliche Tiefe unter der Schwelle bedeutet.

Insofern wir nun jedes System psychophysischer Thätigkeit, was durch ein allgemeines oder Hauptbewusstsein verknüpft ist, durch eine Welle, Hauptwelle darstellen können, welche mit ih- rem Gipfel eine gewisse Gränze, die Schwelle, übersteigt, werden wir den physischen Zusammenhang aller psychophysischen Sy- steme durch die Natur mit ihrer psychophysischen Discontinuität zugleich dadurch darstellen können, dass wir alle Wellen in Zu- sammenhang verzeichnen; aber nicht oberhalb, sondern unter- halb der Schwelle zusammenhängen lassen, nach diesem Schema: Hier stellen a, b, c drei Organismen oder vielmehr die psychophy- sischen Hauptwellen dreier Organismen vor, AB die Schwelle. Was von jedem Wellenberge die Schwelle überragt, hängt in sich zusammen und trägt ein einiges Bewusstsein; was unter der Schwelle ist, trennt als Unbewusstsein tragend das Bewusste, in- dess es doch noch die physische Verbindung dazwischen unterhält.

Allgemein: wenn eine psychophysische Hauptwelle oberhalb ihrer Schwelle in sich zusammenhängt, so findet Einheit, Identität Fechner, Elemente der Psychophysik. II. 34 En Fr des Hauptbewusstseins statt, indem dann der Zusammenhang der psychischen Phänomene, welcher den Theilen dieser Welle zuge- hört, auch in das Bewusstsein fällt. Wenn hingegen Hauptwellen nicht oder nur unter der Schwelle zusammenhängen, so findet Scheidung des zugehörigen Bewusstseins statt, indem dann ein Zusammenhang des Bewusstseins für das Bewusstsein nicht vor- handen ist. Oder kurz: das Hauptbewusstsein ist continuirlich oder discontinuirlich, einheitlich oder discret, je nachdem die psychophysıschen Hauptwellen, die ihm urteuiluchen continuirlich oder discontinuirlich oberhalb ihrer Schwelle sind. e Unter denselben Gesichtspunect als der Fall der durch die äussere Natur geschiedenen Organismen tritt der zuweilen vorge- kommene Fall zusammengewachsener Menschen, deren Gehirn nicht zusammenhängt, sofern die Hauptwelle ihrer psychophy- sischen Thätigkeit unstreitig nur innerhalb ihres Nervensystemes- oder selbst nur Gehirnes oberhalb der Schwelle ist, durch den übrigens verwachsenen Organismus also nur unterhalb der Schwelle zusammenhängt.

Es würde hinreichen, den ganzen Wellenzug a, u c...im Schema zu erheben, so dass die Wellenthäler in der Natur mit den Bergen zugleich über die Schwelle träten, so würden sie nur noch Einsenkungen eines und desselben oberhalb der Schwelle conti- nuirlichen Wellenzuges bilden, und die Discontinuität des Bewusst- seins in der Natur würde sich in Continuität verwandeln. Das können wir nicht verwirklichen. Es würde auch hinreichen, die Berge so zusammenzuschieben, dass die Thäler wegfielen, und die Berge oberhalb der Schwelle confluirten; so würden die discret empfindenden Organismen zu einem einheitlich empfindenden Or- ganismus werden. Auch das kann der Mensch nicht willkührlich verwirklichen; er ist aber selbst die Verwirklichung davon. Seine zwei Hälften, die rechte und linke, sind in dieser Weise verbun- den; und die Menge Segmente eines Stralthieres und anderer theil- barer Thiere beweisen, dass noch mehrere dergleichen so verbun- den sein können. Man braucht sie in der That blos wieder u trennen, d. h. einen Theil der Natur unter der Schwelle zwischen sie einzuschieben, so zerfallen sie auch wieder in zwei für sich empfindende Wesen. le 2 Zum Anhalte für die Vorstellung, wie'sich die Phänomene bei solchen Trennungsversuchen darstellen, theileieh'hier einige Beobach \ 4 5 net’s*) aus seiner Abhandlung »Observalions sur quelques espöces de vers d’eau douce, qui coup6s par morceaux, deviennent autant d’animaux com- plets« mit.

Bonnet beschreibt das Thier, an dem er seine Versuche angestellt, ohne einen naturhistorischen Namen dafür anzugeben; Treviranus (die Ersch. u. Ges. d. org. Leb. I. 57. 59) bezeichnet es als bunte Naide (Nais variegata oder Lumbricus variegatus Müll.), p- 178. »J’avois partag6 un pareil ver en deux parties. Je fis cette op£&- ration le 3. de Juin 41744. — Immediatement aprös je mis les deux moities dans une espöce de tasse de verre, de trois ä qualre pouces de diamötre sur un pouce ou environ de profondeur, Je ne les perdis presque pas de vue: je remarquai que la premiöre moitie, celle oü tenoit la tele, se mouvoit comme A l’ordinaire. Mais ce qui me parut bien autrement remarquable, c’est que l’autre moitie qui n'avait poiut de tete, se mouvoit presque comme si elle en avoit eu une, Elle alloit en avant en s’appuyant sur l’extremile anterieure de son corps; elle avangoit m&me avec assez de vitesse, On vo- yoit que ce n’etoit point un mouvement sans direction, un mouvement pro- duit par une cause telle que celle qui fait mouvoir la queue d’un Lezard apres qu'elle a et& s6parde du tronc, mais un mouvement tr&s-volontaire. On l’observoit se detourner A la rencontre de quelque obstacle, s’arr£ter, puis se remettre A ramper, Lorsque les deux moities venaient ä se rencon- trer, c’etoit comme si elles n’eussent jamais forme un m&me insecte: elles ne paroissoient ni se chercher, ni se fuir. Chacune tiroit de son cöt&: ou si elles alloient de compagnie vers le m&me eudroit, la premiere devangoit or- dinairement la seconde. Mais celle-ci ne montroit jamais mieux une sorte de volonte, que lorsque je l’exposois au soleil: elle hätoit alors considera- blement sa marche.« »Deux jours s’6tant &coules, je crus devoir mettre dans la tasse un peu de terre et de lentille aqualique. La premiere moiti6 ne tarda pas A s’y enfoncer: mais la seconde se contenta de se cacher entre les menues racines de la lentille: Dans ce temps-lA j’observois au bout anterieur de cette moitie une espece de petit renflement, une sorte de bourlet analogue & celui qui vient & une branche d’arbre dont on a enleve circulairement une portion d’ecorce: je ne le distinguai pas si bien ä l’extr&mite posterieure de l’autre moitie. Ce bourlet sembloit lui donner plus de facilite pour ramper, elle ne paroissoit plus craindre autant le frottement.« »Le lendemain j’appergus & la coupe de chaque moiti6 un petit accrois- sement reconnoissable par la differeuce de couleur, qui etait la beaucoup plus claire que dans le reste du corps. Les jours suivans tout devint plus sensible. Enfin au bout d’environ une semaine, chaque moiti6 fut un ver complet. La t&te qui avoit pouss6 & la seconde, 6tait precis6ment telle, quant A la forme, que celle de la premiere, et capable des m&mes fonctions; et la . nouvelle queue de celle-ei, en tout semblable a celle de la seconde moitie; le coeur, l’estomac, les intestins, etc. s’6toient prolonges dans l’une et dans In.- u Eu l’aulre; de nouveaux anneaux avoient pouss6 A la suite des anciens. En un mot, tout de que le premier ver faisoit avant que d’avoir 6t& partage, nos deux vers qui en 6toient provenus, le faisoient pareillement; me&me agilite, me&mes inclinations, m&me fagon de vivre, de se nourrir.« p: 244. »Tout cela, quoique fort remarquable, ne l’est pas neanmoins | autant que ce que j'ai observ@ sur de semblables vers, peu de temps apres leur avoir coupe la tete. Je les ai vus, aA mon grand etonnement, 's’enfoncer dans la boue en se servant de leur bout anterieur comme d’une t&te, pour 8'y frayer un chemin. J'ai vu le ver no. 2. de la Tab. II. ramper le long des parois du vase de verre, oü je le tenois renferme, et faire effort pour” en sortir, quoiqu’il n’eüt ni tete ni queue.« se p. 183. Bonnet wiederholte nachher diese Versuche so, dass er die Thiere, statt blos in zwei, in drei, in vier, in acht, in zehn, in vierzehn T theilte, und alle oder fast alle, reproduchien Kopf und Schwanz; einmal selbst geschahe diess bei einem in sechzehn Theile getheilten Thiere. vd die Weise der Lebensäusserungen der Stücke bis zur Reproduction ist a 5 nichts angegeben.

_p. 191. So wie Knochen, wenn einmal die Verknöcherung bis zu einem gewissen Puncte gediehen ist, nur noch an ihren Enden wachsen, fand auch. Bonnet nach mehreren Beobachtungen, dass die Stücke des getheilten Thieres sich nur durch Sprossen an den Enden, nicht durch inneres Wachs- thum wieder zur früheren Grösse ergänzen. ö p. 218. »Man kann dasselbe Thier wiederholt um Kopf oder Schwanz verkürzen; es erfolgt immer Wiedererzeugung, doch gelang es Bon net nicht, diess über 16mal bei demselben Thiere zu treiben. « p. 228. Kopf und Schwanz, wenn man sie zu nahe am Körper abschnei- det, reproduciren sich niemals, »Je suis maintenant sipersuad6, que ni!’une ni l’autre de ces parties ne sauroient devenir des animaux parfails, que je le regarde comme un principe dans cetle matiere, d’oü je erois pouvoir lirer cette consequence, que la source de reproduction ne reside pas dans tout le corps de ces vers, mais que si!’on fait la section A une distance de l’une ou de lautre extremite, qui soit moindre qu’une ligne et.demie, la partie coupe p6rira sans se reproduire,« Hingegen reproducirten sich Stücke von 4 bis $ Linie, zwischen diesen beiden Puncten genommen, zu Thieren, denen nichts fehlte.

2, _ 2, _ Die Gesammtheit der Thatsachen, welche sich auf diide Ver- hältnisse der Verbindung und Trennung beziehen, führt zu fol- gendem allgemeinen Satze, welcher in das bineiperfig was im ir ie 2 Kapitel über die solidarische Ergänzung und Vertretung der Kö pertheile im Dienste der Seele gesagt wurde. re Wenn ein psychophysisches System sich aus einer Mehrheit von gleichen Theilen, Segmenten zusammensetzt, die oberhalb der Schwelle susemmenhängen, so geben sie in ihrer Verbind ‚eine einheitliche psychische Leistung derselben Art, ai jeder für > e sich zu geben vermöchte, unterstützen sich also in derselben Lei- stung, so lange sie oberhalb der Schwelle zusammenhängen, und geben dieselbe einheitliche Leistung jeder für sich nur mit ver- minderter Stärke, die unter Umständen unter die Schwelle fallen kann, wenn sie so, getrennt werden, dass sie nicht mehr ober- halb der Schwelle zusammenhängen. N In der That ist diess nur der Ausdruck der Thatsachen, die man an theilbaren Thieren beobachtet, in soweit man die natür- lichste Deutung ihrer Lebensäusserungen vor und nach der Thei- lung gelten lässt. Dass die getrennten Theile bei gleicher Art der psychischen Leistung solche doch nicht in gleicher Stärke als vorher das ganze Thier geben, lässt sich aus der im Allgemeinen geringeren Energie ihrer Lebensäusserungen schliessen, die unter Umständen bis zum Absterben gehen kann, bis es gelungen ist, die abgetrennte Hälfte durch Reproduction zu ersetzen, wozu alle theilbaren Thiere befähigt sind. j Dasselbe, was die Versuche mit völliger Theilung von Thieren lehren, lehren die Versuche mit Abspaltung. oder Zerstörung blos - einer Hirnhälfte. In der That gewährt jede Hirnhälfte nach Ab- trennung oder Zerstörung der andern, falls das Leben überhaupt fortbesteht, noch ‚dasselbe Bewusstsein, wie die Versuche von Flourens an Thieren, sofern ihr Bewusstseinszustand nach ihren Aeusserungen beurtheilbar ist, und approximative pathologi- sche Erfahrungen an Menschen gelehrt haben, nur mit leich- terer Ermüdung, als wenn die wechselseitige Unterstützung stalt- findet, wie man auseinigen merkwürdigen Erfahrungen schliessen kann.

Ferrus berichtet von einem Generale, der durch eine Verwundung ei- nen grossen Theil des linken Scheitelbeines verloren hatte, was eine be- trächtliche Atrophie der linken Hirnhemisphäre nach sich zog, die sich äus- serlich durch eine enorme Depression desSchädels kund gab. Dieser General zeigte noch dieselbe Lebhafligkeit des Geistes, dasselbe richtige Urtheil als früher, konnte sich aber geisligen Beschäftigungen nicht mehr hingeben, ohne sich bald ermüdet zu fühlen. Longet sagt bei Mittheilung dieser Er- fahrung, er habe einen alten Soldaten gekannt, der sich ganz in demselben Falle befinde. (Longet, Anat. et physiol. du syst. nerv. I. 670.)

Diese wie die folgenden Beispiele sind gewissermassen pathologische Wiederholungen der, von Flourens an Thieren angestellten, physiologi- schen Versuche am Menschen, und können dienen zu beweisen, dass in der That für Menschen und Thiere in dieser Hinsicht ganz dieselben Verhältnisse gelten.

he, vr »Diemerbroek*) erzählt von einem Mädchen, welchem die ganze rechte Hirnbälfte durch den Fall eines schweren Steines zerstört wurde, und bei welchem noch 36 Stunden lang das psychische und das sensorielle Leben sich ungestört zeigte. Einen ähnlichen Fall erzählt Roloff**) von einem Weibe, bei welchem man bei der Section bedeutende Zerstörungen der linken Hirnhälfte fand, während die rechte Hemisphäre ganz normal war; bei diesem Individuum waren die psychischen Functionen nicht im Minde-