SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

German

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Attentaten der Selbstweil der Ton oder auch die Miene eines solchen Menschen Andere besorgen lässt, er könne auch wohl grob sein. Ebenso schreibt man liederlich für lüderlich, da doch das erste einen leichtfertigen, muthwilligen, sonst nicht unbrauchbaren und gutmüthigen, das zweite aber einen verworfenen, jeden Anderen anekelnden Menschen (vom Wort Luder) bedeutet.

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mörder, wenn er noch gerettet wird, gemeiniglich selbst froh wird und es nie mehr versucht; so ist es feige Verzweiflung aus Schwäche, nicht rüstige, welche noch Stärke der Gemüthsverfassung zu einer solchen That erfordert.

Es sind nicht immer blos verworfene, nichtswürdige Seelen, die auf solche Weise der Last des Lebens loszuwerden beschliessen; vielmehr hat man von solchen, die für wahre Ehre kein Gefühl haben, dergleichen That nicht leicht zu besorgen. — Indessen da sie doch immer grässlich bleibt, und der Mensch sich selber dadurch zum Scheusal macht, ist es doch merkwürdig, dass, in Zeitläuften der öffentlichen und für gesetzmässig erklärten Ungerechtigkeit eines revolutionairen Zustandes (z. B. des Wohlfahrtsausschusses der französischen Republik) ehrliebende Männer (z. B. Roland) der Hinrichtung nach dem Gesetz durch Selbstmord zuvorzukommen gesucht haben, den sie in einer constitutionellen selbst für verwerflich erklärt haben würden. Der Grund davon ist dieser. Es liegt in dieser Hinrichtung nach einem Gesetz etwas Beschimpfendes, weil sie Strafe ist, und wenn jene ungerecht ist, so kann Der, welcher das Opfer des Gesetzes wird, diese nicht für eine verdiente anerkennen. Dieses aber beweist er dadurch, dass, wenn er dem Tode einmal geweiht worden, er ihn nun lieber wie ein freier Mensch wählt und ihn sich selbst anthut. Dalier auch Tyrannen (wie Nero) es für eine Gunstbezeugung ausgaben, zu erlauben, dass der Verurtheilte sich selbst umbrächte; weil es dann mit mehr Ehre geschah. — — Die Moralität aber hievon verlange ich nicht zu vertheidigen.

Der Muth des Kriegers aber ist von dem des Duellanten noch sehr verschieden, wenngleich das Duell von der Regierung Nachsicht erhält, und gewissermaassen "Selbsthülfe wider Beleidigung zur Ehrensache in der Armee gemacht wird, in die sich das Oberhaupt derselben nicht mischt; ohne sie doch durch's Gesetz öffentlich erlaubt zu machen. — Dem Duell durch die Finger zu sehen, ist ein vom Staatsoberhaupt nicht wohl überdachtes schreckliches Princip; denn es giebt auch Nichtswürdige, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um etwas zu gelten, und die, für die Erhaltung des Staats etwas mit ihrer eigenen Gefahr zu thun, gar nicht gemeint sind.

Tapferkeit ist ge setzmässiger Muth, in dem, was Pflicht gebietet, selbst den Verlust des Lebens nicht zu scheuen. Die Furchtlosigkeit macht's allein nicht aus, sondern die moralische Untadelhaftigkeit {mens conscia recti) muss damit verbunden sein, wie beim Ritter Bayard {Chevalier sans peur et sans reproche).n) Von Affecten, die sich selbst in Ansehung ihres Zwecks schwächen.

(Impotentes animi motus.)

Die Affecten des Zorns und der Scham haben das Eigene, dass sie sich selbst in Ansehung ihres Zweckes schwächen. Es sind plötzlich erregte f) Gefühle eines Uebels als Beleidigung, die aber durch ihre Heftigkeit zugleich unvermögend machen, es abzuwehren.

Wer ist mehr zu fürchten: Der, welcher in heftigen Zorn erblasst, oder der hiebei erröthet? Der Erstere ist auf der Stelle zu fürchten; der Zweite desto mehr hinterher (der Rachegier halber). Im ersteren Zustande erschrickt der aus der Fassung gebrachte Mensch vor sich selbst, zu einer Heftigkeit im Gebrauche seiner Gewalt hingerissen zu werden, die ihn nachher reuen möchte. Im zweiten geht der Schreck plötzlich in die Furcht über, dass das Bewusstsein seines Unvermögens der Selbstvertheidigung sichtbar werden möchte. — Beide, wenn sie sich durch die behende Fassung des Gemüths Luft machen können, sind der Gesundheit nicht nachtheilig; wo aber nicht, so sind sie theils dem Leben selbst gefährlich, theils, wenn ihr Ausbruch zurückgehalten wird, hinterlassen sie einen Groll, d. i. eine Kränkung darüber, sich gegen Beleidigung nicht mit Anstand benommen zu haben; welche aber vermieden f) In der 1. Ausg. fängt dieser Paragraph an: „Sie sind Zorn und Scham. Plötzlich erregte" u. s. w.

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wird, wenn sie nur zu Worten kommen können. So aber sind beide Affecten von der Art, dass sie stumm machen und sich dadurch in einem unvortheilhaften Lichte darstellen.

Der Jaehzorn kann durch innere Disciplin des Gemüths noch wohl abgewendet werden; aber die Schwäche eines überzarten Ehrgefühls in der Scham lässt sich nicht so leicht wegkünsteln. Denn, wie Hume sagt (der selbst mit dieser Schwäche, — der Blödigkeit, öffentlich zu reden, — behaftet war), macht der erste Versuch zur Dreistigkeit, wenn er fehlschlägt, nur noch schüchterner und es ist kein anderes Mittel, als von seinem Umgange mit Personen, aus deren Urtheil über den Anstand man sich wenig macht, anhebend, allmälig von der vermeinten Wichtigkeit des Urtheiis Anderer über uns abzukommen und sich hierin innerlich auf den Fuss der Gleichheit mit ihnen zu schätzen. Die Gewohnheit hierin bewirkt die Freimüthigkeit, welche von der Blödigkeit und beleidigenden Dreistigkeit gleich weit entfernt ist.

Wir sympathisiren zwar mit der Scham des Anderen, als einem Schmerz, aber nicht mit dem Zorn desselben, wenn er uns die Anreizung zu demselben in diesem Affect gegenwärtig erzählt; denn vor Dem, der in diesem Zustande ist, ist Der, welcher seine Erzählung (von einer erlittenen Beleidigung) anhört, selbst nicht sicher.

Verwunderung (Verlegenheit, sich in das Unerwartete zu finden) ist eine das natürliche Gedankenspiel zuerst hemmende, mithin unangenehme, dann aber das Zuströmen der Gedanken zu der unerwarteten Vorstellung desto mehr befördernde und daher angenehme Erregung des Gefühls; Erstaunen heisst aber dieser Affect eigentlich alsdann nur, wenn man dabei gar ungewiss wird, ob die Wahrnehmung wachend oder träumend geschehe f). Ein Neuling in der Welt verwundert sich über Alles; wer aber mit dem Lauf der Dinge durch vielfältige Erfahrung bekannt geworden ft)> macht f) 1. Ausg.: „sie ist aber eigentlich alsdann nur, wenn. geschehe, der Affect des Erstaunens", ff) 1. Ausg.: „der mit dem...bekannt geworden".

es sich zum Grundsatze, sich über nichts zu verwundern {nihil admirari). Wer hingegen mit forschendem Blicke die Ordnung der Natur, in der grossen Mannigfaltigkeit derselben, nachdenkend verfolgt, geräth über eine Weisheit, deren er sich nicht gewärtig war, in Erstaunen; eine Bewunderung, von der man sich nicht losreissen (sich nicht genug verwundern) kann; welcher Affect aber alsdann nur durch die Vernunft angeregt wird und eine Art von heiligem Schauer ist, den Abgrund des Uebersinnlichen sich vor seinen Füssen eröffnen zu sehen. 72) Von den Affecten, durch welche die Natur die Gesundheit mechanisch befördert.

Durch einige Affecten wird die Gesundheit von der Natur mechanisch befördert. Dahin gehört vornehmlich das Lachen und das Weinen f ). Der Zorn, wenn man (doch ohne Widerstand zu besorgen) brav schelten darf, ist zwar auch ein ziemlich sicheres Mittel zur Verdauung, und manche Hausfrau hat keine andere innigliche Motion, als das Ausschelten der Kinder und des Gesindes, wie dann auch, wenn sich Kinder und Gesinde nur hiebei geduldig betragen, eine angenehme Müdigkeit der Lebenskraft durch die Maschine sich gleichförmig verbreitet; aber ohne Gefahr ist dieses Mittel doch auch nicht wegen des besorglichen Widerstandes jener Hausgenossen.

Das gutmüthige (nicht hämische, mit Bitterkeit verbundene) Lachen ist dagegen beliebter und gedeihlicher; nämlich das, was man jenem persischen König hätte empfehlen sollen, der einen Preis für den aussetzte, „welcher ein neues Vergnügen erfinden würde ". — Die dabei stossweise (gleichsam convulsivisch) geschehende Ausathmung der Luft (von welcher das Niesen nur ein kleiner, doch auch belebender Affect ist, wenn ihr Schall f) Statt dieser Anfangsworte stehen in der 1. Ausgabe als Ueberschrift die Worte: „Sie sind das Lachen und das Weinen."

Kant, Anthropologie.

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un verhalten f) ertönen darf), stärkt durch die heilsame Bewegung des Zwerchfelles das Gefühl der Lebenskraft. Es mag nun ein gedungener Possenreisser (Harlekin) sein, der uns zu Lachen macht, oder ein zur Gesellschaft der Freunde gehörender durchtriebener Schalk, der nichts Arges im Sinne zu haben scheint, „der es hinter den Ohren hat" und nicht mitlacht, sondern mit scheinbarer Einfalt eine gespannte Erwartung (wie eine gespannte Saite) plötzlich loslässt; so ist das Lachen immer Schwingung der Muskeln, die zur Verdauung gehören, welche diese weit besser befördert, als es die Weisheit des Arztes thun würde. Auch eine grosse Albernheit einer fehlgreifenden Urtheilskraft kann, — freilich aber auf Kosten des vermeintlichen Klügeren, — ebendieselbe Wirkung thun *).

Das Weinen, ein mit Schluchzen geschehendes (convuisivisches) Einathmen, wenn es mit Thränenerguss verbunden ist, ist, als ein schmerzlinderndes Mittel, *) Beispiele von Letzterem kann man in Menge geben. Ich will aber nur eines anführen, was ich aus dem Munde der verstorbenen Frau Gräfin von K — g habe, einer Dame, die die Zierde ihres Geschlechts war. Bei ihr hatte der Graf Sagramoso, der damals die Einrichtung des Maltheserritterordens in Polen (aus der Ordination Ostrog) zu besorgen den Auftrag hatte, den Besuch gemacht, und zufälligerweise war ein aus Königsberg gebürtiger, aber in Hamburg für die Liebhaberei einiger reichen Kaufleute zum Naturaliensammler und Aufseher dieser ihrer Kabinette angenommener Magister, der seine Verwandten in Preussen besuchte, hinzugekommen, zu welchem der Graf, um doch etwas mit ihm zu reden, im gebrochenen Deutsch sprach: „ick abe in Amburg eine Ant geabt (ich habe in Hamburg eine Tante gehabt); aber die ist mir gestorben". Fluchs ergriff der Magister das "Wort und fragte: „warum Hessen Sie sie nicht abziehen und ausstopfen"? Er nahm das englische Wort Ant. welches Tante bedeutet, für Ente, und weil er gleich darauf fiel, sie müsse sehr rar gewesen sein, bedauerte er den grossen Schaden. Man kann sich vorstellen, welches Lachen dieses Missversteheu erregen musste.

gleichfalls eine Vorsorge der Natur für die Gesundheit, und eine Wittwe, die, wie man sagt, sich nicht will trösten lassen, d. i. die Ergiessung der Thränen nicht gehindert wissen will, sorgt, ohne es zu wissen oder eigentlich zu wollen, für ihre Gesundheit. Ein Zorn, der in diesem Zustande einträte, würde diesen Erguss, aber zu ihrem Schaden, bald hemmen; obzwar nicht immer Wehmuth, sondern auch Zorn Weiber und Kinder in Thränen versetzen kann. — Denn das Gefühl seiner Ohnmacht gegen ein Uebel, bei einem starken Affect (es sei des Zorns oder der Traurigkeit) ruft die äusseren natürlichen Zeichen zum Beistand auf, die dann auch (nach dem Recht des Schwächeren), eine männliche Seele wenigstens, entwaffnen. Dieser Ausdruck der Zärtlichkeit als Schwäche des Geschlechts aber darf den th eilnehmenden Mann nicht bis zum Weinen, aber doch wohl bis zur Thräne im Auge rühren; weil er in ersteren Falle sich an seinem eigenen Geschlecht vergreifen und so mit seiner Weiblichkeit dem schwächeren Theil nicht zum Schutze dienen, im zweiten aber gegen das andere Geschlecht nicht die Theilnehmung beweisen würde, welche ihm seine Männlichkeit zur Pflicht macht, nämlich dieses in Schutz zu nehmen; wie es der Charakter, den die Ritterbücher dem tapferen Mann zueignen, mit sich bringt, der gerade in dieser Beschützung gesetzt wird.

Warum aber lieben junge Leute mehr das tragische Schauspiel und führen dieses auch lieber auf, wenn sie ihren Eltern etwa ein Fest geben wollen; Alte aber lieber das Komische, bis zum Burlesken? Die Ursache des Ersteren ist zum Theil ebendieselbe als die, welche die Kinder treibt, das Gefährliche zu wagen; vermuthlich durch einen Instinct der Natur, um ihre Kräfte zu versuchen, zum Theil aber auch, weil bei dem Leichtsinn der Jugend, von dem herzbeklemmenden oder schreckenden Eindrücken, sobald das Stück geendigt ist, keine Schwermuth übrig bleibt, sondern nur eine angenehme Müdigkeit, nach einer starken inneren Motion, welche aufs Neue zur Fröhlichkeit stimmt. Dagegen verwischt sich bei Alten dieser Eindruck nicht so leicht, und sie können die Stimmung zum Frohsinn nicht so leicht wieder in sich hervorbringen. Ein Harlekin, der 180 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

behenden Witz hat, bewirkt durch seine Einfälle eine wohlthätige Erschütterung des Zwerchfelles und der Eingeweide; wodurch der Appetit für die darauffolgende gesellschaftliche Abendmahlzeit geschärft und durch Gesprächigkeit gedeihlich wird. 73) Allgemeine Anmerkung.

Gewisse innere körperliche Gefühle sind mit Affecten verwandt, sind es aber doch nicht selbst; weil sie nur augenblicklich, vorübergehend sind und von sich keine Spur hinterlassen; dergleichen das Gräuseln ist, welches die Kinder anwandelt, wenn sie von Ammen des Abends Gespenstererzählungen anhören. — Das Schauern, gleichsam mit kaltem Wasser Uebergossen werden wie beim Regenschauer), gehört auch dahin. Nicht die Wahrnehmung der Gefahr, sondern der blosse Gedanke von Gefahr, — obgleich man weiss, dass keine da ist, — bringt diese Empfindung hervor, die, wenn sie blosse Anwandlung, nicht Ausbruch des Schrecks ist, eben nicht unangenehm zu sein scheint.

Der Schwindel, und selbst die Seekrankheit scheint ihrer Ursache nach in die Classe solcher idealen Gefahren zu gehören. — Auf einem Brett, was auf der Erde liegt, kann man ohne Wanken fortschreiten; liegt es aber über einem Abgrunde, oder für den, der nervenschwach ist, auch nur über einen Graben, so wird oft die leere Besorgniss der Gefahr wirklich gefiihrlich. Das Schwanken eines Schiffes, selbst bei gelindem Winde, ist ein wechselndes Sinken und Gehobenwerden. Bei dem Sinken ist die Bestrebung der Natur sich zu heben (weil alles Sinken überhaupt Vorstellung von Gefahr bei sich führt), mithin die Bewegung des Magens und der Eingeweide von unten nach oben zu mit einem Anreiz zum Erbrechen mechanisch verbunden, welcher alsdann noch vergrössert wird, wenn der Patient in der Kajüte zum Fenster derselben hinausschaut und wechselweise bald den Himmel, bald die See in die Augen bekommt, wodurch die Täuschung eines unter ihm weichenden Sitzes noch mehr gehoben wird.

Ein Acteur, der selbst kalt ist, übrigens aber nur Verstand und starkes Vermögen der Einbildungskraft besitzt, kann durch einen affectiven (gekünstelten) Affect oft mehr rühren als durch den wahren. Ein ernstlich Verliebter ist in Gegenwart seiner Geliebten verlegen, ungeschickt und wenig einnehmend. Einer aber, der blos den Verliebten macht und sonst Talent hat, kann seine Rolle so natürlich spielen, dass er die arme Betrogene in seine Schlingen bringt; gerade darum, weil sein Herz unbefangen, sein Kopf klar, und er also im ganzen Besitze des freien Gebrauchs seiner Geschicklichkeit und Kräfte ist, den Schein des Liebenden sehr natürlich nachzumachen.

Das gutmüthige (offenherzige) Lachen ist (als zum Affect der Fröhlichkeit gehörend) gesellig; das hämische (Grinsen) feindselig. Der Zerstreute (wie Terrasson mit der Nachtmütze statt der Perrücke auf dem Kopf und dem Hute unter dem Arm, voll von dem Streit über den Vorzug der Alten und der Neuen in Ansehung der Wissenschaften, gravitätisch einherschreitend) giebt oft zum ersteren Anlass; er wird belacht, darum aber doch nicht ausgelacht. Der nicht unverständige Sonderling wird belächelt, ohne dass es ihn was kostet; er lacht mit. — Ein mechanischer (geistloser) Lacher ist schal und macht die Gesellschaft schmacklos. Der darin gar nicht lacht, ist entweder grämlich oder pedantisch. — Kinder, vornehmlich Mädchen, müssen früh zum freimüthigen ungezwungenen Lächeln gewöhnt werden; denn die Erheiterung der Gesichtszüge hiebei drückt sich nach und nach auch im Inneren ab und begründet eine Disposition zur Fröhlichkeit, Freundlichkeit und Geselligkeit, weiche diese Annäherung zur Tugend des Wohlwollens frühzeitig vorbereitet.

Einen in der Gesellschaft zum Stichblatt des Witzes (zum Besten) zu haben, ohne doch stachlicht zu sein (Spott ohne Anzüglichkeit), gegen den der Andere mit dem seinigen zu ähnlicher Erwiderung gerüstet und so ein fröhliches Lachen in sie zu bringen bereit ist, ist eine gutmüthige und zugleich cultivirende Belebung derselben. Geschieht dieses aber auf Kosten eines Einfaltspinsels, den man wie einen Ball dem Anderen zuschlägt, so ist das Lachen, als schadenfroh, wenigstens unfein, und geschieht es an einem Schmarotzer, der sich 182 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Schwelgens halber zum muthwilligen Spiele hingiebt oder zum Narren machen lässtf), ein Beweis vom schlechten Geschmack sowohl als stumpfen moralischen Gefühle derer, die darüber aus vollem Halse lachen können. Die Steile eines Hofnarren aber, der zur wohlthätigen Erschütterung des Zwerchfelles der höchsten Person durch Anstichelung ihrer vornehmen Diener die Mahlzeit durch Lachen würzen soll, ist, wie man es nimmt, über und unter aller Kritik.

Von den Leidenschaften ff).

Die subjective Möglichkeit der Entstehung einer gewissen Begierde, die vor der Vorstellung ihres Gegenstandes vorhergeht, ist der Hang (propensio). — Die innere Nöthigung des Begehrungsvermögens zur Besitznehmung dieses Gegenstandes, ehe man ihn noch kennt, ist der In st inet (wie der Begattungstrieb, oder der Elterntrieb des Thieres, seine Jungen zu schützen u. dergl.). — Die dem Subject zur Regel (Gewohnheit) dienende sinnliche Begierde heisst Neigung {inclinatiö). — Die Neigung, durch welche die Vernunft gehindert wird, sie, in Ansehung einer gewissen Wahl, mit der Summe aller Neigungen zu vergleichen, ist die Leidenschaft (passio animi).

Man sieht leicht ein, dass Leidenschaften, weil sie sich mit der ruhigsten Ueberlegung zusammenpaaren lassen, mithin nicht unbesonnen sein dürfen, wie der Affect, daher auch nicht stürmisch und vorübergehend, sondern sich einwurzelnd, selbst mit dem Vernünfteln zusammen bestehen können, — der Freiheit den grössten Abbruch thun, und wenn der Affect ein Rausch ist, die Leidenschaft eine Krankheit sei, welche alle Arzneimittel verabscheut und daher weit schlimmer ist als f) 1. Ausgabe: „hingiebt (sich zum Narren inachen zu lassen.)"

ff) 1. Ausg. „Vom Begehrungsvermögen."

3. Buch. Vom Begehr ungsvermögen. §. 79. 183 alle jene vorübergehende Gemütsbewegungen, die doch wenigstens den Vorsatz rege machen, sich zu bessern; statt dessen die letztere eine Bezauberung ist, die auch die Besserung ausschlägt.

Man benennt die Leidenschaft mit dem Worte Sucht (Ehrsucht, Rachsucht, Herrschsucht u. dergl.), ausser die der Liebe nicht, in dem Verliebtsein. Die Ursache ist, weil, wenn die letztere Begierde (durch den Genuss) befriedigt worden, die Begierde, wenigstens in Ansehung ebenderselben Person, zugleich aufhört, mithin man wohl ein leidenschaftliches Verliebtsein (so lange der andere Theil in der Weigerung beharrt), aber keine physische Liebe als Leidenschaft aufführen kann; weil sie in Ansehung des Objects nicht ein beharrliches Princip enthält. Leidenschaft setzt immer eine Maxime des Subjects voraus, nach einem von der Neigung ihm vorgeschriebenen Zwecke zu handeln. Sie ist also jederzeit mit der Vernunft desselben verbunden, und blossen Thieren kann man keine Leidenschaften beilegen, so wenig wie reinen Vernunftwesen. Ehrsucht, Rachsucht u. s. w., weil sie nie vollkommen befriedigt sind, werden eben darum unter die Leidenschaften gezählt, als Krankheiten, wider die es nur Palliativmittel giebt.

Leidenschaften sind Krebsschäden für die reine praktische Vernunft und mehrentheils unheilbar; weil der Kranke nicht geheilt sein will und sich der Herrschaft des Grundsatzes entzieht, durch den dieses allein geschehen könnte. Die Vernunft geht auch im Sinnlichpraktischen vom Allgemeinen zum Besonderen nach dem Grundsatze: nicht einer Neigung zu gefallen die übrigen alle in Schatten oder in den Winkel zu stellen, sondern darauf zu sehen, dass jene mit der Summe aller Neigungen zusammen bestehen könne. — Die Ehrbegierde eines Menschen mag immer eine durch die Vernunft gebilligte Richtung seiner Neigung sein; aber der Ehrbegierige will doch auch von Anderen geliebt sein, er bedarf gefälligen Umgang mit Anderen, Erhaltung seines Vermögenszustandes u. dergl. mehr. Ist er nun aber leidenschaftlich-ehrbegierig, so ist er 184 Anthropologie. I. Theil Anthropol. Didaktik.

blind für diese Zwecke, wozu ihn doch seine Neigungen gleichfalls einladen, und dass er von Andern gehasst, oder im Umgange geflohen zu werden, oder durch Aufwand zu verarmen Gefahr läuft, — das übersieht er Alles. Es ist Thorheit (den Theil seines Zweckes zum Ganzen zu machen), die der Vernunft selbst in ihrem formalen Princip gerade widerspricht.

Daher sind Leidenschaften nicht blos, wie die Affecten, unglückliche Geraüthsstimmungen, die mit vielen Uebeln schwanger gehen, sondern auch ohne Ausnahme böse, und die gutartigste Begierde, wenn sie auch auf das geht, was (der Materie nach) zur Tugend, z. B. der Wohlthätigkeit, gehörte, ist doch (der Form nach), sobald sie in Leidenschaft ausschlägt, nicht blos pragmatisch verderblich, sondern auch moralisch verwerflich.

Der Affect thut einen augenblicklichen Abbruch an der Freiheit und der Herrschaft über sicli selbst. Die Leidenschaft giebt sie auf und findet ihre Lust und Befriedigung am Sklavensinn. Weil indessen die Vernunft mit ihrem Aufruf zur innern Freiheit doch nicht nachlässt, so seufzt der Unglückliche unter seinen Ketten, von denen er sich gleichwohl nicht losreissen kann; weil sie gleichsam schon mit seinen Gliedmaasen verwachsen sind.

Gleichwohl haben die Leidenschaften auch ihre Lobredner gefunden (denn wo finden die sich nicht, wenn einmal Bösartigkeit in Grundsätzen Platz genommen hat)? und es heisst: „dass nie etwas Grosses in der Welt ohne heftige Leidenschaften ausgerichtet worden, und die Vorsehung selbst habe sie weislich gleich als Springfedern in die menschliche Natur gepflanzt". — Von den mancherlei Neigungen mag man wohl dieses zugestehen, derer, als eines natürlichen und thierischen Bedürfnisses, die lebende Natur (selbst die des Menschen) nicht entbehren kann. Aber dass sie Leidenschaften werden dürften, ja wohl gar sollten, hat die Vorsehung nicht gewollt, und sie in diesem Gesichtspunkt vorstellig zu machen, mag einem Dichter verziehen werden (nämlich mit Pope zu sagen: „ist die Vernunft nun ein Magnet, so sind die Leidenschaften Winde"); aber der Philosoph darf diesen Grundsatz nicht an sich kommen lassen, selbst nicht um sie als eine provisorische Veranstaltung der Vorsehung zu preisen, welche absichtlich, ehe das menschliche Geschlecht zum gehörigen Grade der Cultur gelangt wäre, sie in die menschliche Natur gelegt hätte.

Einteilung der Leidenschaften.

Sie werden in die Leidenschaften der natürlichen (angebornen) und die der aus der Cultur der Menschen hervorgehenden (erworbenen) Neigung eingetheilt.

Die Leidenschaften der ersteren Gattung sind die Freiheits- und Geschlechtsneigung, beide mit AfFeet verbunden. Die der zweiten Gattung sind Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht, welche nicht mit dem Ungestüm eines Affects, sondern mit der Beharrlichkeit einer auf gewisse Zwecke angelegten Maxime verbunden sind. Jene können erhitzte (passiones ardentes), diese, wie der Geiz, kalte Leidenschaften {friegidae) genannt werden. Alle Leidenschaften aber sind immer nur von Menschen auf Menschen, nicht auf Sachen gerichtete Begierden, und man kann zu einem fruchtbaren Acker, oder dergleichen Kuh, zwar zur Benutzung derselben viel Neigung, aber keine Affection (welche in der Neigung zur Gemeinschaft mit Anderen besteht) haben; viel weniger eine Leidenschaft. 74) A.

Von der Freiheitsneigung als Leidenschaft.

Sie ist die heftigste unter allen am Naturmenschen, in einem Zustande, da er es nicht vermeiden kann, mit Anderen in wechselseitige Ansprüche zu kommen.

Wer nur nach eines Anderen Wahl glücklich sein kann (dieser mag nun so wohlwollend sein, als man immer will), fühlt sich mit Recht unglücklich. Denn welche Gewährleistung hat er, dass sein mächtiger Nebenmensch in dem Urtheile über das Wohl mit dem seinen zusammenstimmen werde? — Der Wilde (noch nicht an Unterwürfigkeit Gewöhnte) kennt kein grösseres Unglück, als in diese zu gerathen, und das mit Recht, 186 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

so lange noch kein öffentliches Gesetz ihn sichert; bis ihn Disciplin allmählich dazu geduldig gemacht hat. Daher sein Zustand des beständigen Krieges, in der Absicht, Andere so weit wie möglich von sich entfernt zu halten und in Wüsteneien zerstreut zu leben. Ja das Kind, welches sich nur eben dem mütterlichen Schoosse entwunden hat, scheint, zum Unterschiede von allen anderen Thieren, blos deswegen mit lautem Geschrei in die Welt zu treten, weil es sein Unvermögen, sich seiner Gliedmaassen zu bedienen, für Zwang ansieht und so seinen Anspruch auf Freiheit (wovon kein anderes Thier eine Vorstellung hat) sofort ankündigt *). — Nomadische *) Lucrez, als Dichter, wendet dieses in der That merkwürdige Phänomen im Thierreiche anders: Vagituque locum lugubri complet, ut aequom'st Quoi tantum'n vita restet transire malorum!

(Mit traurigem Geschrei erfüllt es den Ort, wie es billig ist, da ihm ein Leben mit so viel Uebel zu durchwandern bevorsteht.)

Diesen Prospect kann das neugeborne Kind nun wohl nicht haben; aber dass das Gefühl der Unbehaglichkeit in ihm nicht vom körperlichen Schmerz, sondern von einer dunkeln Idee (oder dieser analogen Vorstellung) von Freiheit und der Hinderniss derselben, dem Unrecht, herrühre, entdeckt sich durch die, ein paar Monate nach der Geburt, mit seinem Geschrei verbindenden Thränen; welches eine Art von Erbitterung anzeigt, wenn es sich gewissen Gegenständen zu nähern, oder überhaupt nur seinen Zustand zu verändern bestrebt ist und daran sich gehindert fühlt. — Dieser Trieb, seinen Willen zu haben und die Verhinderung daran als eine Beleidigung aufzunehmen, zeichnet sicli durch seinen Ton auch besonders aus und lässt eine Bösartigkeit hervorscheinen, welche die Mutter zu bestrafen sich genöthigt sieht, aber gewöhnlich durch noch heftigeres Schreien erwidert wird. Ebendasselbe geschieht, wenn es durch seine eigene Schuld fällt. Die Jungen anderer Thiere spielen, die des Menschen zanken frühzeitig untereinander, und es ist, als ob ein gewisser Kechtsbegriff (der sich auf die äussere Freiheit bezieht) sich mit der Thierheit zugleich entwickele und nicht etwa allmählich erlernt werde.

Völker, indem sie (als Hirtenvölker) an keinen Boden geheftet sind, z. B. die Araber, hängen stark an ihrer obgleich nicht völlig zwangsfreien Lebensart und haben dabei einen so hohen Geist, mit Verachtung auf die sich anbauenden Völker herabzusehen, dass die davon unzertrennliche Mühseligkeit in Jahrtausenden sie davon nicht hat abwendig machen können. Blosse Jagdvölker (Olenni-Tungusif) haben sich gar durch dieses Freiheitsgefühl (von den anderen mit ihnen verwandten Stämmen getrennt) wirklich veredelt. — So erweckt nicht allein der Freiheitsbegriff unter moralischen Gesetzen einen Affect, der Enthusiasmus genannt wird, sondern die blos sinnliche Vorstellung der äusseren Freiheit erhebt die Neigung, darin zu beharren oder sie zu erweitern, durch die Analogie mit dem Kechtsbegriffe bis zur heftigen Leidenschaft.

Man nennt bei blossen Thieren auch die heftigste Neigung (z. B. der Geschlechtsvermischung) nicht Leidenschaft; weil sie keine Vernunft haben, die allein den Begriff der Freiheit begründet und womit die Leidenschaft in Collison kommt; deren Ausbruch also dem Menschen zugerechnet werden kann. — Man sagt zwar von Menschen, dass sie gewisse Dinge leidenschaftlich lieben (den Trunk, das Spiel, die Jagd), oder hassen (z. B. den Bisam, den Branntwein); aber man nennt diese verschiedenen Neigungen oder Abneigungen nicht ebenso viel L eidenschaften, weil es nur soviel verschiedene Instincte, d. i. so vielerlei blos-Leidendes im Begehrungsvermögen sind und daher nicht nach den Objecten des Begehrungsvermögens, als Sachen, deren es unzählige giebt), sondern nach dem Princip des Gebrauchs oder Missbrauchs, den Menschen von ihrer Person und Freiheit unter einander machen, da ein Mensch den anderen blos zum Mittel seiner Zwecke macht, classificirt zu werden verdienen. — Leidenschaften gehen eigentlich nur auf Menschen und können auch nur durch sie befriedigt werden.

Diese Leidenschaften sind Ehrsucht, Herrschsucht, Habsucht.

Da sie Neigungen sind, welche blos auf den Besitz 188 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

der Mittel gehen, um alle Neigungen, welche unmittelbar den Zweck betreffen, zu befriedigen, so haben sie insofern den Anstrich der Vernunft: nämlich der Idee eines mit der Freiheit verbundenen Vermögens, durch welches allein Zwecke überhaupt erreicht werden können, nachzustreben. Der Besitz der Mittel zu beliebigen Absichten reicht allerdings viel weiter, als die auf eine einzelne Neigung und deren Befriedigung gerichtete Neigung. — Sie können auch daher Neigungen des Wahnes genannt werden, welcher darin besteht: die blosse Meinung Anderer vom Werthe der Dinge dem wirklichen Werthe gleich zu schätzen. 75) B.

Von der Rachbegierde als Leidenschaft.

Da Leidenschaften nur von Menschen auf Menschen gerichtete Neigungen sein können, sofern diese auf mit einander zusammenstimmende oder einander widerstreitende Zwecke gerichtet, d. i. Liebe oder Hass sind, der Rechtsbegriff aber, weil er unmittelbar aus dem Begriff der äusseren Freiheit hervorgeht, weit wichtiger und den Willen weit stärker bewegender Antrieb ist, als der des Wohlwollens, so ist der Hass aus dem erlittenen Unrecht, d. i. die Rachbegierde eine Leidenschaft, welche aus der Natur des Menschen unwiderstehlich hervorgeht und, so bösartig sie auch ist, doch die Maxime der Vernunft, vermöge der erlaubten Rechtsbegierde, deren Analogon jene ist, mit der Neigung verflochten und eben dadurch eine der heftigsten und am tiefsten sich einwurzelnden Leidenschaften; die, wenn sie erloschen zu sein scheint, doch immer noch insgeheim einen Hass, Groll genannt, als ein unter der Asche glimmendes Feuer überbleiben lässt.

Die Begierde, in einem Zustande mit seinen Mitmenschen und in Verhältniss zu ihnen zu sein, da Jedem das zu Theil werden kann, was das Recht will, ist freilich keine Leidenschaft; sondern ein Bestimmungsgrund der freien Willkür durch reine praktische Vernunft. Aber die Erregbarkeit derselben durch blosse