SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

German

Page 11 of 17

Mit dem wahren, idealen Geschmack lässt sich Pracht, mithin etwas Erhabenes, was zugleich schön ist, verbinden (wie ein prachtvoll bestirnter Himmel, oder, wenn es nicht zu widrig klingt, eine St. Peterskirche in Rom). Aber Pomp, eine prahlerische Ausstellung zur Schau, kann zwar auch mit Geschmack verbunden werden, aber nicht ohne Weigerung des letzteren; weil der Pomp für den grossen Haufen, der viel Pöbel in sich fasst, berechnet ist, dessen Geschmack, als stumpf, mehr Sinnenempfindung als Beurtheilungsfähigkeit erfordert.

158 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

B.

Vom Kunstgeschmack.

Ich ziehe hier nur die redenden Künste: B e r e d t -samkeit und Dichtkunst, in Betrachtung, weil diese auf eine Stimmung des Gemüths angelegt sind, wodurch dieses unmittelbar zur Thätigkeit aufgeweckt wird, und so in einer pragmatischen Anthropologie, wo man den Menschen nach dem zu kennen sucht, was aus ihm zu machen ist, ihren Platz hat.

Man nennt das durch Ideen belebende Princip des Gemüths Geist. — Geschmack ist ein blosses regulatives Beurtheilungsvermögen der Form in der Verbindung des Mannichfaltigen in der Einbildungskraft; Geist aber das productive Vermögen der Vernunft, ein Muster für jene Form a priori der Einbildungskraft unterzulegen. Geist und Geschmack: der erste, um Ideen zu schaffen, der zweite, um sie für die den Gesetzen der productiven Einbildungskraft angemessene Form zu beschränken, und so ursprünglich (nicht nachahmend) zu bilden (fingendi). Ein mit Geist und Geschmack abgefasstes Product kann überhaupt Poesie genannt werden und ist ein Werk der schönen Kunst; es mag den Sinnen vermittelst der Augen oder der Ohren unmittebar vorgelegt werden, welche auch Dichtkunst (poetica in sensu lato) genannt werden kann; sie mag Maler -, Garten -, Baukunst oder Ton - und Versmacherkunst {poetica in sensu stricto) sein. Dichtkunst aber, im Gegensatz mit der Beredtsamkeit, ist von dieser nur der wechselseitigen Unterordnung des Verstandes und der Sinnlichkeit nach unterschieden, so, dass die erstere ein Spiel der Sinnlichkeit durch den Verstand geordnet, die zweite aber ein Geschäft des Verstandes durch Sinnlichkeit belebt, Beide aber, der Redner sowohl als der Poet (in weitem Sinne) Dichter sind und aus sich selbst neue Gestalten (Zusammenstellungen des Sinnlichen) in ihrer Einbildungskraft hervorbringen. *) *) Die Neuigkeit der Darstellung eines Begriffes ist eine Hauptforderung der schönen Kunst an den Dichter, 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 69. 159 Weil die Dichtergabe ein Kunstgeschick und, mit Geschmack verbunden, ein Talent für schöne Kunst ist, die zum Theil auf (obzwar süsse, oft auch indirect heilsame) Täuschung ausgeht, so kann es nicht fehlen, dass von ihr nicht grosser (oft auch nachtheiliger) Gebrauch im Leben gemacht werde. — Ueber den Charakter des Dichters also, oder auch über den Einfluss, den sein Geschäft auf ihn und Andere hat, und die Würdigung desselben verlohnt es wohl einige Fragen und Bemerkungen aufzustellen f ).

wenngleich der Begriff selbst auch nicht neu sein sollte. — Für den Verstand aber (abgesehen vom Geschmack) hat man folgende Ausdrücke für die Vermehrung unserer Kenntnisse durch neue Wahrnehmung. — Etwas entdecken, zuerst wahrnehmen, was schon da war, z. B. Amerika, die magnetische, nach den Polen sich richtende Kraft, die Luftelektricität. — Etwas erfinden (was noch nicht da war, zur Wirklichkeit bringen), z. B. den Compass, den Aerostat f f ). — Etwas ausfindig machen, das Verlorene durch Nachsuchen wiederfinden. — Ersinnen und ausdenken (z. B. von Werkzeugen für Künstler, oder Maschinen). — Erdichten, mit dem Bewusstsein, das Unwahre als wahr vorstellig machen, wie in Romanen, wenn es nur zur Unterhaltung geschieht. — Eine für Wahrheit ausgegebene Erdichtung aber ist Lüge.

— — Turpiter atrum — — Turpiter atrum Desinit in piscem mulier formosa superne. Horat.

(Hässlich endet unten in einen schwarzen Fisch das schöne Weib von oben.)

f) 1. Ausg.: [Ueber] „den Charakter des Dichters also, oder auch, was sein Geschäft...Andere für Einfluss habe, und wie es zu würdigen sei, verlohnt...aufzustellen, die seine eigenthümliche Lage betreffen".

ff) Hier folgen in der 1. Ausg. noch folgende Worte, die nur eine Wiederholung der §. 55, Anmerk. *) stehenden sind: „Der Mönch Schwarz mag wohl die Natur des Schiesspulvers zuerst entdeckt haben, wenn er etwa die Bestandtheile desselben durch Auslaugen, Glühen u. dergl. herausbrachte; denn erfunden hat er's nicht, weil es lange vor ihm schon in der Belagerung von Algeziras gebraucht worden war".

160 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Warum gewinnt unter den schönen (redenden Künsten die Poesie den Preis über die Beredtsamkeit bei ebendenselben Zwecken? — Weil sie zugleich Musik (singbar) und Ton, ein für sich allein angenehmer Laut ist, dergleichen die blosse Sprache nicht ist. Selbst die Beredtsamkeit borgt von der Poesie einen dem Ton nahe kommenden Laut, den Accent, ohne welchen die Rede der nöthigen dazwischen kommenden Augenblicke der Ruhe und der Belebung entbehrte. Die Poesie gewinnt aber nicht blos den Preis über die Beredtsamkeit, sondern auch über jede andere schöne Kunst: über die Malerei (wozu die Bildhauerkunst gehört), und selbst über die Musik. Denn die letztere ist nur darum schöne (nicht blos angenehme) Kunst; weil sie der Poesie zum Vehikel dient. Auch giebt es unter den Poeten nicht so viel seichte (zu Geschäften untaugliche Köpfe als unter den Tonkünstlern; weil jene doch auch zum Verstände, diese aber blos zu den Sinnen reden. — Ein gutes Gedicht ist das eindringenste Mittel der Belebung des Gemüths. Es gilt aber nicht blos vom Poeten, sondern von jedem Besitzer der schönen Kunst: man müsse dazu geboren sein und könne nicht durch Fleiss und Nachahmung dazu gelangen; ingleichen, dass der Künstler zum Gelingen seiner Arbeit noch einer ihn anwandelnden glücklichen Laune, gleich als dem Augenblicke einer Eingebung, bedürfe (daher er auch vates genannt wird), weil, was nach Vorschrift und Regeln gemacht wird, geistlos (sklavisch) ausfällt, ein Product der schönen Kunst aber nicht blos Geschmack, der auf Nachahmung gegründet sein kann, sondern auch Originalität des Gedanken erfordert, die als aus sich selbst belebend Geist genannt wird. — Der Naturmaler mit dem Pinsel oder der Feder i^das Letztere sei in Prose oder in Versen) ist nicht der schöne Geist, weil er nur nachahmt; der Ideenmaler ist allein der Meister der schönen Kunst.

Warum versteht man unter dem Poeten gewöhnlich einen Dichter in Versen, d. i. in einer Rede, die scandirt (der Musik ähnlich, tactmässig gesprochen) wird? Weil er, ein Werk der schönen Kunst ankündigend, mit einer Feierlichkeit auftritt, die dem feinsten Geschmack (der Form nach) genügen muss: denn 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 69. 161 sonst wäre es nicht schön. — Weil diese Feierlichkeit aber am meisten zur schönen Vorstellung des Erhabenen erforciert wird, so wird dergleichen affectirte Feierlichkeit ohne Vers (von Hugo Blair) „tollgewordene P r o s e " genannt. — Versmacherei ist andererseits auch nicht Poesie, wenn sie ohne Geist ist.

Warum ist der Reim in den Versen der Dichter neuerer Zeiten, wenn er glücklich den Gedanken schliesst, ein grosses Erforderniss des Geschmackes in unserem Welttheile?* dagegen ein widriger Verstoss gegen den Vers in Gedichten der alten Zeiten, so dass z. B. im Deutschen reimfreie Verse wenig gefallen, ein in Reim gebrachter lateinischer Virgil aber noch weniger besagen kann? Vermuthlich, weil bei den alten classischen Dichtern die Prosodie bestimmt war, den neueren Sprachen aber grossentheils mangelt, und dann doch das Ohr durch den Reim, der den Vers gleichtönend mit dem vorigen schliesst, dafür schadlos gehalten wird. In einer prosaischen feierlichen Rede wird ein von ungefähr zwischen andere Sätze einfallender Reim lächerlich.

Woher schreibt sich die poetische Freiheit, die doch dem Redner nicht zusteht, dann und wann wider die Sprachgesetze zu Verstössen? Vermuthlich davon, dass er durch das Gesetz der Form nicht gar zu sehr beengt werde, einen grossen Gedanken auszudrücken.

Warum ist ein mittelmässiges Gedicht unleidlich, eine mittelmässige Rede aber noch wohl erträglich? Die Ursache scheint darin zu liegen, dass die Feierlichkeit des Tones in jedem poetischen Product grosse Erwartungen erregt und eben dadurch, dass diese nicht befriedigt wird, wie gewöhnlich, noch tiefer sinkt, als der prosaische Werth desselben es etwa noch verdienen würde. — Die Endigung eines Gedichtes mit einem Verse, der als Sentenz aufbehalten werden kann, wirkt ein Vergnügen im Nachschmacke, und macht dadurch manches Schale wieder gut, gehört also auch zur Kunst des Dichters.

Dass im Alter die poetische Ader vertrocknet, zu einer Zeit, da Wissenschaften dem guten Kopf noch immer gute Gesundheit und Thätigkeit in Geschäften ankündigen, kommt wohl daher, dass Schönheit eine Kant, Anthropologie. 11 162 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Blüthe, Wissenschaft aber Frucht ist, d. i. die Poesie eine freie Kunst sein muss, welche der Mannichfaltigkeit halber Leichtigkeit erfordert, im Alter aber dieser leichte Sinn (und das mit Recht) schwindet; weil ferner Gewohnheit, in derselben Bahn der Wissenschaften nur fortzuschreiten, zugleich Leichtigkeit bei sich führt, Poesie also, welche zu jedem ihrer Producte Originalität und Neuigkeit (und hiezu Gewandtheit) erfordert, mit dem Alter nicht wohl zusammenstimmt; ausser etwa in Sachen des kaustischen Witzes, in Epigrammen undXenien, wo sie aber auch mehr Ernst als Spiel ist.

Dass Poeten kein solches Glück machen als Advocaten und andere Professionsgelehrte, liegt schon in der Anlage des Temperaments, welches überhaupt zum geborenen Poeten erforderlich ist: nämlich die Sorgen durch das gesellige Spiel mit Gedanken zu verjagen. — Eine Eigenheit aber, die den Charakter betrifft, nämlicli die, keinen Charakter zu haben, sondern wetterwendisch, launisch und (ohne Bosheit) unzuverlässig zu sein, sich muthwillig Feinde zu machen, ohne doch eben Jemand zu hassen, und seinen Freund beissend zu bespötteln, ohne ihm wehe tinin zu wollen, liegt |) in einer über die praktische Urtheilskraft herrschenden zum Theil angeborenen Anlage des verschrobenen Witzes.06) Von der Ueppigkeit.

Ueppigkeit (luxus) ist das Uebermaass des gesellschaftlichen Wohllebens mit Geschmack in einem gemeinen Wesen (der also der Wohlfahrt desselben zuwider ist). Jenes Uebermaass, aber ohne Geschmack, ist die öffentliche Schwelg er ei (luxuries). — Wenn man beiderlei Wirkungen auf die Wohlfahrt in Betrachtung zieht, so ist Ueppigkeit ein entbehrlicher Aufwand, der arm macht, Schwelgerei aber ein solcher, der krank macht. Die erste ist doch noch mit der f) 1. Ausg.: „Dass aber, was den Charakter betrifft. zu wollen, liegt" u. s. w.

2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 70. 163 fortschreitenden Cultur des Volkes (in Kunst und Wissenschaft) vereinbar; die zweite aber überfüllt mit Genuss und bewirkt endlich Ekel. Beide sind mehr prahlerisch (von aussen zu glänzen) als selbstgeniessend; die erstere durch Eleganz (wie auf Bällen und in Schauspielen) für den idealen Geschmack; die zweite durch Ueberfluss und Mannichfaltigkeit für den Sinn des Schmeckens (den physischen, wie z. B. ein Lordmayorschmaus). — Ob die Regierung befugt sei, beide durch Aufwandsgesetze einzuschränken, ist eine Frage, deren Beantwortung hieher nicht gehört. Die schönen aber sowohl, als die angenehmen Künste, welche das Volk zum Theil schwächen, um es besser regieren zu können, würden mit Eintretung des rauhen Laconicismus der Absicht der Regierung gerade zuwider wirken.

Gute Lebensart ist die Angemessenheit des Wohllebens zur Geselligkeit (also mit Geschmack). Man sieht hieraus, dass der Luxus der guten Lebensart Abbrueh thut, und der Ausdruck: „er weiss zu leben", der von einem begüterten oder vornehmen Mann gebraucht wird, bedeutet die Geschicklichkeit seiner Wahl im geselligen Genuss, der Nüchternheit (Sobrietät) enthält, beiderseitig den Genuss gedeihlich macht und für die Dauer berechnet ist.

Man sieht hieraus, dass, da Ueppigkeit nicht eigentlich dem häuslichen, sondern nur dem öffentlichen Leben vorgerückt werden kann, das Verhältniss des Staatsbürgers zum gemeinen Wesen, was die Freiheit im Wetteifer betrifft, um in Verschönerung seiner Person oder Sachen (in Festen, Hochzeiten und Leichenbegängnissen und so herab bis zu dem guten Ton des gemeinen Umganges) dem Nutzen allenfalls vorzugreifen, schwerlich f) mit Aufwandsverboten belästigt werden dürfe; weil sie doch den Vortheil schafft, die Künste zu beleben, und so dem gemeinen Wesen die Kosten wieder erstattet, welche ihm ein solcher Aufwand verursacht haben möchte. 67) f) 1. Ausg.: „gemeinen Wesen, in dem, was die Freiheit...Sachen dem Nutzen allenfalls vorzugreifen (in Festen...Umganges), sich zu erweitern, schwerlich mit" u. s. w.

Drittes Buch, f) Vom Begehr ungsrer mögen.

Begierde (appetitio) ist die Selbstbestimmung der Kraft eines Subjects durch die Vorstellung von etwas Künftigem, als einer Wirkung derselben. Die habituelle sinnliche Begierde heisst Neigung. Das Begehren ohne Kraftanwendung zur Hervorbringung des Objects ist der Wunsch. Dieser kann auf Gegenstände gerichtet sein, zu deren Herbeischaffung das Subject sich selbst unvermögend fühlt, und ist dann ein leerer (müssiger) Wunsch. Der leere Wunsch, die Zeit zwischen dem Begehren und Erwerben des Begehrten vernichten zu können, ist Sehnsucht. Diese in Ansehung des Objects unbestimmte Begierde (appetitio vaga), welche das Subject nur antreibt, aus seinem gegenwärtigen Zustande herauszugehen, ohne zu wissen, in welchen es dann eintreten will, kann der launische Wunsch genannt werden (den nichts befriedigt).

Die durch die Vernunft des Subjects schwer oder gar nicht bezwingliche Neigung ist Leidenschaft. Dagegen ist das Gefühl einer Lust oder Unlust im gegenwärtigen Zustande, welches im Subject die Ueb erleg ung (die Vernunftvorstellung, ob man sich ihm überlassen oder weigern solle) nicht aufkommen lässt, der Affect.

Affecten und Leidenschaften unterworfen zu sein, ist wohl immer Krankheit des Gemüths; weil beides die Herrschaft der Vernunft ausschliesst. Beide sind auch gleich heftig dem Grade nach; was aber ihre Qualität betrifft, so sind sie wesentlich von einander unterschieden, sowohl in der Vorbeugungs -, als in der Heilmethode, die der Seelenarzt dabei anzuwenden hätte. 68) Von den Affecten in Gegeneinanderstellung derselben mit der Leidenschaft.

Der AfFect ist Ueberraschung durch Empfindung, wodurch die Fassung des Gemüths (animus sui compos) aufgehoben wird. Er ist also übereilt, d. i. er wächst geschwinde zu einem Grade des Gefühls, der die Ueberlegung unmöglich macht (ist unbesonnen). — Die AfFectlosigkeit, ohne Verminderung der Stärke der Triebfedern zum Handeln, ist das Phlegma im guten Verstände: eine Eigenschaft des wackeren Mannes (animi strenui), sich durch die Stärke jener nicht aus der ruhigen Ueberlegung bringen zu lassen. Was der Affect des Zorns nicht in der Geschwindigkeit thut, das thut er gar nicht; und er vergisst leicht. Die Leidenschaft des Hasses aber nimmt sich Zeit, um sich tief einzuwurzeln und es seinem Gegner zu denken. — Ein Vater, ein Schulmeister können nicht strafen, wenn sie die Abbitte (nicht die Rechtfertigung) anzuhören nur die Geduld gehabt haben. — Nöthigt Einen, der im Zorn zu euch in's Zimmer tritt, um euch in heftiger Entrüstung harte Worte zu sagen, höflich, sich zu setzen; wenn es euch hiemit gelingt, so wird sein Schelten schon gelinder; weil die Gemächlichkeit des Sitzens eine Abspannung ist, welche mit den drohenden Geberdungen und dem Schreien im Stehen sich nicht wohl vereinigen lässt. Die Leidenschaft hingegen (als zum Begehrungsvermögen gehörige Gemüthsstimmung) lässt sich Zeit, und ist überlegend, so heftig sie auch sein mag, um ihren Zweck zu erreichen. — Der AfFect wirkt wie ein Wasser, was den Damm durchbricht; die 166 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Leidenschaft wie ein Strom, der sich in seinem Bette immer tiefer eingräbt. Der Affect wirkt auf die Gesundheit wie ein Schlagfluss, die Leidenschaft wie eine Schwindsucht oder Abzehrung. — Er ist wie ein Rausch, den man ausschläft, obgleich Kopfweh darauf folgt; die Leidenschaft aber wie eine Krankheit aus verschlucktem Gift oder Verkrüppelung anzusehen, die einen innern oder äussern Seelenarzt bedarf, der doch mehrentheils keine radikalen, sondern fast immer nur palliativ heilende Mittel zu verschreiben weiss.

Wo viel Affect ist, da ist gemeiniglich wenig Leidenschaft; wie bei den Franzosen, welche durch ihre Lebhaftigkeit veränderlich sind, in Vergleichung mit Italienern und Spaniern (auch Indiern und Chinesen), die in ihrem Groll über Rache brüten, oder in ihrer Liebe bis zum Wahnsinn beharrlich sind. — Affecte sind ehrlich und offen, Leidenschaften dagegen hinterlistig und versteckt. Die Chinesen werfen den Engländern vor, dass sie ungestüm und hitzig wären, „wie die Tataren", diese aber jenen, dass sie ausgemachte (aber gelassene) Betrüger sind, die sich durch diesen Vorwurf in ihrer Leidenschaft gar nicht irre machen lassen. — Affect ist wie ein Rausch, der sich ausschläft; Leidenschaft als ein Wahnsinn anzusehen, der über einer Vorstellung brütet, die sich immer tiefer einnistelt. — Wer liebt, kann dabei doch noch sehend bleiben; der sich aber verliebt, wird gegen die Fehler des geliebten Gegenstandes unvermeidlich blind; wiewohl der Letztere acht Tage nach der Hochzeit sein Gesicht wieder zu erlangen pflegt. — Wen der Affect wie ein Raptus anzuwandeln pflegt, der ist, so gutartig jener auch sein mag, doch einem Gestörten ähnlich; weil es ihn aber schnell darauf reuet, so ist es nur ein Paroxysmus, den man Unbesonnenheit betitelt.

Mancher wünscht wohl sogar, dass er zürnen könne, und Sokrates war im Zweifel, ob es nicht auch manchmal gut wäre, zu zürnen; aber den Affect so in seiner Gewalt zu haben, dass man kaltblütig überlegen kann, ob man zürnen solle oder nicht, scheint etwas Widersprechendes zu sein. — Leidenschaft dagegen wünscht sich kein Mensch. Denn wer will sich in Ketten legen lassen, wenn er frei sein kann?

Von den Affecten insbesondere. A.

Von der Regierung des Gemüths in Ansehung der Affecten.

Das Princip der Apathie: dass nämlich der Weise niemals im Affect, selbst nicht in dem des Mitleids mit den Uebeln seines besten Freundes sein müsse, ist ein ganz richtiger und erhabener moralischer Grundsatz der stoischen Schule; denn der Affect macht (mehr oder weniger) blind. — Dass gleichwohl die Natur in uns die Anlage dazu eingepflanzt hat, war Weisheit der Natur, um provisorisch, ehe die Vernunft noch zur gehörigen Stärke gelangt ist, den Zügel zu führen, nämlich den moralischen Triebfedern zum Guten noch die des pathologischen (sinnlichen) Anreizes, als einstweiliges Surrogat der Vernunft, zur Belebung beizufügen. Denn übrigens ist Affect, für sich allein betrachtet, jederzeit unklug; er macht sich selbst unfähig, seinen eigenen Zweck zu verfolgen, und es ist also unweise +), ihn in sich vorsätzlich entstehen zu lassen. — Gleichwohl kann die Vernunft in Vorstellung des Moralisch - Guten durch Verknüpfung ihrer Ideen mit Anschauungen (Beispielen), die ihnen unterlegt werden, eine Belebung des Willens hervorbringen (in geistlichen oder auch politischen Reden an's Volk, oder auch einsam an sich selbst), und also nicht als Wirkung, sondern als Ursache eines Affects in Ansehung des Guten seelenbelebend sein, wobei diese Vernunft doch immer noch den Zügel führt, und ein Enthusiasmus des guten Vorsatzes bewirkt wird, der aber eigentlich zum Begehrungsvermögen und nicht zum Affect, als einem stärkeren sinnlichen Gefühl gerechnet werden muss. — 163 Anthropologie. L Theil. Anthropol. Didaktik.

Die Naturgabe einer Apathie, bei hinreichender Seelenstärke, ist, wie gesagt, das glückliche Phlegma (im moralischen Sinne). Wer damit begabt ist, der ist zwar darum eben noch nicht ein Weiser, hat aber doch die Begünstigung von der Natur, dass es ihm leichter wird als Anderen, es zu werden.

Ueberhaupt ist es nicht die Stärke eines gewissen Gefühls, welche den Zustand des Affects ausmacht, sondern der Mangel der Ueberlegung, dieses Gefühl mit der Summe aller Gefühle (der Lust oder Unlust) in seinem Zustande zu vergleichen. Der Reiche, welchem sein Bedienter bei einem Feste einen schönen und seltenen gläsernen Pokal im Herumtragen ungeschickter Weise zerbricht, würde diesen Zufall für nichts halten, wenn er in demselben Augenblicke diesen Verlust eines Vergnügens mit der Menge aller Vergnügen, die ihm sein glücklicher Zustand als eines reichen Mannes darbietet, vergliche. Nun überlässt er sich aber ganz allein diesem einen Gefühl des Schmerzes (ohne jene Berechnung in Gedanken schnell zu machen); kein Wunder also, dass ihm dabei so zu Muthe wird, als ob seine ganze Glückseligkeit verloren wäre. 69) B.

Von den verschiedenen Affecten selbst.

Das Gefühl, welche das Subject antreibt, in dem Zustande, darin es ist, zu bleiben, ist angenehm; das aber, was antreibt, ihn zu verlassen, unangenehm. Mit Bewusstsein verbunden, heisst das erstere Vergnügen (yoluptas), das zweite Missvergnügen (taedium. Als Affect heisst jenes Freude, dieses Traurigkeit. — Die ausgelassene Freude (die durch keine Besorgniss eines Schmerzes gemässigt wird) und die versinkende Traurigkeit (die durch keine Hoffnung gelindert wird), der Gram, sind Affecten, die dem Leben drohen. Doch hat man aus den Sterbelisten ersehen, dass doch mehr Menschen durch die erstere, als durch die letztere das Leben plötzlich verloren haben; weil 3 Buch. Vom Begehrimgs vermögen. §. 74. 169 der Hoffnung, als Affect, durch die unerwartete Eröffnung der Aussicht in ein nicht auszumessendes Glück, das Gemüth sich ganz tiberlässt und so der Affect, bis zum Ersticken, steigend ist; dagegen den immer fürchtenden Grame doch natürlicherweise vom Gemüthe auch immer noch widerstritten wird, und er also nur langsam tödtend ist.

Der Schreck ist die plötzlich erregte Furcht, welche das Gemüth ausser Fassung bringt. Einem Schreck ähnlich ist das Auffallende, was stutzig (noch nicht bestürzt) macht, und was das Gemüth erweckt, sich zur Ueberlegung zu sammeln; es ist der Anreiz zur Verwunderung (welche schon Ueberlegung in sich enthält). Erfahrenen widerfährt das nicht so leicht; aber zur Kunst gehört es, das Gewöhnliche von einer Seite, da es auffallend wird, vorzustellen. Der Zorn ist ein Schreck, der zugleich die Kräfte zum Widerstande gegen das Uebel schnell rege macht. Furcht über einen, unbestimmtes Uebel drohenden Gegenstand ist Bangigkeit. Es kann einem Bangigkeit anhängen, ohne ein besonderes Object dazu zu wissen: eine Beklommeaheit aus blos subjectiven Ursachen (einem krankhaften Zustande). Scham ist Angst aus besorgter Verachtung einer gegenwärtigen Person und, als solche, ein Affect. Sonst kann Einer sich auch empfindlich schämen ohne Gegenwart Dessen, vor dem er sich schämt; aber dann ist es kein Affect, sondern, wie der Gram, eine Leidenschaft, sich selbst mit Verachtung anhaltend, aber vergeblich zu quälen; die Scham dagegen, als Affect, muss plötzlich eintreten.

Affecten sind überhaupt krankhafte Zufälle (Symptomen) und können (nach einer Analogie mit Brown's System) in sthenische, aus Stärke, und asthenische, aus Schwäche, eingetheilt werden. Jene sind von der erregenden, dadurch aber oft auch erschöpfenden, diese von einer die Lebenskraft abspannenden, aber oft dadurch auch Erholung vorbereitenden Beschaffenheit. — Lachen mit Affect ist eine convulsi vische Fröhlichkeit. Weinen begleitet die schmelzende Empfindung eines ohnmächtigen Zürnens mit dem Schicksal oder mit andern Menschen, gleich einer von ihnen 170 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

erlittenen Beleidigung; und diese t) Empfindung ist W eh -muth. Beide aber, das Lachen und das Weinen ff), heitern auf; denn es sind Befreiungen von einem Hinderniss der Lebenskraft durch Ergiessungen (man kann nämlich auch bis zu Thränen lachen, wenn man bis zur Erschöpfung lacht). Lachen ist männlich, weinen dagegen weiblich (beim Manne weibisch), und nur die Anwandlung zu Thränen, und zwar aus grossmüthiger, aber ohnmächtiger Theilnehmung am Leiden Anderer, kann dem Mann verziehen werden, dem die Thräne im Auge glänzt, ohne sie in Tropfen fallen zu lassen, noch weniger sie mit Schluchzen zu begleiten und so eine widerwärtige Musik zu machen. 70) Von der Furchtsamkeit und der Tapferkeit.

Bangigkeit, Angst, Grauen und Entsetzen sind Grade der Furcht, d. i. des Abscheues vor Gefahr. Die Fassung des Gemüths, die letztere mit Ueberlegung zu übernehmen, ist der Muth; die Stärke des inneren Sinnes (ataraxia), nicht leicht wodurch in Furcht gesetzt zu werden, ist Unerschrockenheit. Der Mangel des ersteren ist Feigheit *), des zweitem Schüchternheit.

Herzhaft ist Der, welcher nicht erschrickt; Muth hat Der, welcher mit Ueberlegung der Gefahr nicht weicht; tapfer ist Der, dessen Muth in Gefahren, anhaltend ist. Wagehalsig ist der Leichtsinnige der sich in Gefahren wagt, weil er sie nicht kennt Kühn, der sie wagt, ob er sie gleich kennt; tollkühn der bei sichtbarer Unmöglichkeit, seinen Zweck zu er reichen, sich in die grösste Gefahr setzt (wie Karl XII f) 1. Ausg.: „die letztere" ff) „das Lachen und das Weinenu Zusatz der 2. Ausg.

*) Das Wort Poltron (von pollex truncatus hergenommen wurde im späteren Lateinischen mit murcus gegeben, und be deutet einen Menschen, der sich den Daumen abgehackt, um nicht in den Krieg ziehen zu dürfen.

bei Bender). Die Türken nennen ihre Braven (vielleicht durch Opium) Tolle. — Feigheit ist also ehrlose Verzagtheit.

Erschrockenheit ist nicht eine habituelle Beschaffenheit, leicht in Furcht zu gerathen; denn diese heisst Schüchternheit; sondern blos ein Zustand und zufällige Disposition, mehrentheils blos von körperlichen Ursachen abhängend, sich gegen eine plötzlich aufstossende Gefahr nicht gefasst genug zu fühlen. Einem Feldherrn, der im Schlafrock ist, indem ihm die unerwartete Annäherung des Feindes angekündigt wird, kann wohl das Blut einen Augenblick in den Herzkammern stocken, und an einem gewissen General bemerkte sein Arzt, dass? wenn er Säure im Magen hatte, er kleinmüthig und schüchtern war. Herzhaftigkeit ist aber blos Temperamentseigenschaft. Der Muth dagegen beruht auf Grundsätzen und ist eine Tugend. Die Vernunft reicht dem entschlossenen Mann alsdann Stärke, die ihm die Natur bisweilen versagt. Das Erschrecken in Gefechten bringt sogar wohlthätige Ausleerungen hervor, welche einen Spott (das Herz nicht am rechten Ort zu haben) sprichwörtlich gemacht haben; man will aber bemerkt haben, dass diejenigen Matrosen, welche, bei dem Aufrufe zum Schlagen, zum Orte ihrer Entledigung eilen, hernach die Muthigsten im Gefechte sind. Eben das bemerkt man doch auch an dem Eeiher, wenn der Stossfalk über ihm schwebt und jener sich zum Gefecht gegen ihn anschickt.

Geduld ist demnach nicht Muth. Sie ist eine weibliche Tugend; weil sie nicht Kraft zum Widerstande aufbietet, sondern das Leiden (Dulden) durch Gewohnheit unmerklich zu machen hofft. Der unter dem chirurgischen Messer oder bei Gicht- und Steinschmerzen schreit, ist darum in diesem Zustande nicht feig oder weichlich; es ist so wie das Fluchen, wenn man im Gehen an einen freiliegenden Strassenstein (mit dem grossen Zeh, davon das Wort hallucinari hergenommen) stösst, vielmehr ein Ausbruch des Zornes, in welchem die Natur durch Geschrei das Stocken des Bluts am Herzen zu zerstreuen bestrebt ist. — Geduld aber von besonderer Art beweisen die Indianer in Amerika, welche, wenn sie umzingelt sind, ihre Waffen wegwerfen und, 172 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

ohne um Pardon zu bitten, sich ruhig niedermachen lassen. Ist nun hiebei mehr Muth, als die Europäer zeigen, die sich in diesem Falle bis auf den letzten Mann wehren? Mir scheint es blos eine barbarische Eitelkeit zu sein: ihrem Stamme dadurch die Ehre zu erhalten, dass ihr Feind sie zu Klagen und zu Seufzern, als Beweisthümer ihrer Unterwerfung, nicht sollte zwingen können.

Der Muth als Affect (mithin einerseits zur Sinnlichkeit gehörend) kann aber auch durch Vernunft erweckt und so wahre Tapferkeit (Tugendstärke) sein. Sich durch Sticheleien und mit Witz geschärfte, eben dadurch aber nur desto gefährlichere, spöttische Verhöhnungen dessen, was ehrwürdig ist, nicht abschrecken zu lassen, sondern seinen Gang standhaft zu verfolgen, ist ein moralischer Muth, den Mancher nicht besitzt, welcher in der Feldschlacht, oder dem Duell, sich als einen Braven beweist. Es gehört nämlich zur Entschlossenheit, etwas, was die Pflicht gebietet, selbst auf die Gefahr der Verspottung von Anderen, zu wagen, sogar ein hoher Grad von Muth, weil Ehr liebe die beständige Begleiterin der Tugend ist, und Der, welcher sonst wider Gewalt hinreichend gefasst ist, doch der Verhöhnung sich selten gewachsen fühlt, wenn man ihm diesen Anspruch auf Ehre mit Hohnlachen verweigert f).

Der Anstand, der einen äusseren Anschein von Muth giebt, sich in Vergleichung mit Anderen in der Achtung nichts zu vergeben, heisst Dreistigkeit; im Gegensatz der Blödigkeit; einer Art von Schüchternheit und Besorgniss, Anderen nicht vortheilhaft in die Augen zu fallen. — Jene kann, als billiges Vertrauen zu sich selbst, nicht getadelt werden. Diejenige Dreis tigkeit *) aber im Anstände, welche Jemandem den Anschein giebt, sich f) Dieser Satz: „Es gehört...verweigert." ist an dieser Stelle Zusatz der 2. Ausg. In der 1. Ausg. steht er nach dem folgenden Absätze und lautet dort: „Endlich gehört auch zum Muth, der rein moralisch ist, die Entschlossenheit, etwas, was die Pflicht gebietet zu wagen. Hiezu gehört ein hoher Grad von Muth, weil Ehrliebe" u. s. w.

*) Dieses Wort sollte eigentlich Dräustigkeit (von Dräuen oder Drohen), nicht Dreistigkeit geschrieben werden; aus dem Urtheil Anderer über ihn nichts zu machen, ist Dummdreistigkeit, Unverschämtheit; im gemilderten Ausdruck aber Unbescheidenheit; diese gehört also nicht zum Muthe, in der sittlichen Bedeutung des Worts.

Ob Selbstmord auch Muth oder immer nur Verzagtheit voraussetze, ist nicht eine moralische, sondern blos eine psychologische Frage. Wenn er verübt wird, blos um seine Ehre nicht zu überleben, also aus Zorn, so scheint er Muth; ist es aber die Erschöpfung der Geduld im Leiden durch Traurigkeit, welche alle Geduld langsam erschöpft, so ist es ein Verzagen. Es scheint dem Menschen eine Art von Heroismus zu sein, dem Tod gerade in's Auge zu sehen und ihn nicht zu fürchten, wenn er das Leben nicht länger lieben kann. Wenn er aber, ob er gleich den Tod fürchtet, doch das Leben auf jede Bedingung zu lieben immer nicht aufhören kann, und so eine Gemüthsverwirrung aus Angst vorhergehen muss, um zum Selbstmorde zu schreiten, so stirbt er aus Feigheit, weil er die Qualen des Lebens nicht länger ertragen kann. — Die Art der Vollführung des Selbstmordes giebt diesen Unterschied der Gemüthsstimmung gewissermassen zu erkennen. Wenn das dazu gewählte Mittel plötzlich und ohne mögliche Rettung tödtend ist, wie z. B. der Pistolenschuss oder (wie es ein grosser Monarch, auf den Fall, dass er in Gefangenschaft geriethe, im Kriege bei sich führte), ein geschärftes Sublimat oder tiefes Wasser und mit Steinen angefüllte Taschen; so kann man dem Selbstmörder den Muth nicht streiten. Ist es aber der Strang, der noch von Anderen abgeschnitten, oder gemeines Gift, das durch den Arzt noch aus dem Körper geschafft, oder ein Schnitt in den Hals, der wieder zugenäht und geheilt werden kann; bei welchen