zusprechen, dazu würde mehr Unterscheidungsvermögen des Spiels, welches die Natur mit den Formen ihrer Bildung treibt, um blos Mannichfaltigkeit der Temperamente hervorzubringen, von dem, was sie hierin für die Moral thut oder nicht thut, gehören, als wohl irgend ein Sterblicher zu besitzen sich anmaassen darf. 87) B. Der Charakter des Geschlechts.
In alle Maschinen, durch die mit kleiner Kraft ebensoviel ausgerichtet werden soll, als durch andere mit grosser, muss Kunst gelegt sein. Daher kann man schon zum Voraus annehmen, dass die Vorsorge der Natur in die Organisirung des weiblichen Theiles mehr Kunst gelegt haben wird als in die des männlichen, weil sie den Mann mit grösserer Kraft ausstattete als das Weib, um Beide zur innigsten leiblichen Vereinigung, doch auch als vernünftige Wesen, zu dem ihr am meisten angelegenen Zwecke, nämlich der Erhaltung der Art zusammenzubringen, und überdies sie in jener Qualität (als vernünftige Thiere) mit gesellschaftlichen Neigungen versah, ihre Geschlechtsgemeinschaft in einer häuslichen Verbindung fortdauernd zu machen.
Zur Einheit und Unauflöslichkeit einer Verbindung ist das beliebige Zusammentreten zweier Personen nicht hinreichend: ein Theilmusste dem anderen unterworfen, und wechselseitig einer dem anderen irgend worin überlegen sein, um ihn beherrschen oder regieren zu können. Denn in der Gleichheit der Ansprüche Zweier, die einander nicht entbehren können, bewirkt die Selbstliebe lauter Zank. Ein Theil muss im Fortgange der Cultur auf heterogene Art überlegen sein; der Mann dem Weibe durch sein körperliches Vermögen und seinen Muth, das Weib aber dem Manne durch ihre Naturgabe, sich der Neigung des Mannes zu ihr zu bemeistern; dahingegen im noch uncivilisirten Zustande die Ueberlegenheit blos auf der Seite des Mannes ist. — Daher ist in der Anthropologie die weibliche Eigentümlichkeit mehr als die des männlichen Geschlechts ein Studium für den B. Vom Charakter des Geschlechts. 229 Philosophen. Im rohen Naturzustande kann man sie ebenso wenig erkennen, als die der Holzäpfel und Holzbirnen, deren Mannichfaltigkeit sich nur durch Pfropfen und Inoculiren entdeckt; denn die Cultur bringt diese weiblichen Beschaffenheiten nicht hinein, sondern veranlasst sie nur, sich zu entwickeln und unter begünstigenden Umständen kennbar zu werden.
Die Weiblichkeiten heissen Schwächen. Man spasst darüber; Thoren treiben damit ihren Spott, Vernünftige aber sehen sehr gut, dass sie gerade die Hebezeuge sind, die Männlichkeit zu lenken und sie zur Erreichung ihrer Absichten zu gebrauchen. Der Mann ist leicht zu erforschen, die Frau verräth ihr Geheimniss nicht; obgleich das der Anderen (wegen ihrer Redseligkeit) schlecht bei ihr verwahrt ist. Er liebt den Hausfrieden und unterwirft sich gern ihrem Regimente, um sich nur in seinen Geschäften nicht behindert zu sehen; sie scheut den Hauskrieg nicht, den sie mit der Zunge führt, und zu welchem Behuf die Natur ihr Redseligkeit und affectvolle Beredtheit gab, die den Mann entwaffnet. Er fusst sich auf das Recht des Stärkeren, im Hause zu befehlen, weil er es gegen äussere Feinde schützen soll; sie auf das Recht des Schwächeren: vom männlichen Theile gegen Männer geschützt zu werden, und macht durch Thränen der Erbitterung den Mann wehrlos, indem sie ihm seine Ungrossmüthigkeit vorrückt.
Im rohen Naturzustande ist das freilich anders. Das Weib ist da ein Hausthier. Der Mann geht mit Waffen in der Hand voran, und das Weib folgt ihm mit dem Gepäck seines Hausraths beladen. Aber selbst da, wo eine barbarische bürgerliche Verfassung Vielweiberei gesetzlich macht, weiss das am meisten begünstigte Weib in ihrem Zwinger (Harem genannt) über den Mann die Herrschaft zu erringen, und dieser hat seine liebe Noth, sich in dem Zank Vieler um Eine (welche ihn beherrschen soll) erträglicherweise Ruhe zu schaffen.
Im bürgerlichen Zustande giebt sich das Weib den Gelüsten des Mannes nicht ohne Ehe weg, und zwar die der Monogamie; wo, wenn die Civilisirung noch nicht bis zur weiblichen Freiheit in der Galanterie (auch andere Männer, als den einen, öffentlich zu Liebhabern zu haben) gestiegen ist, der Mann sein Weib 230 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik, bestraft, das ihn mit einem Nebenbuhler bedroht*). Wenn diese aber zur Mode, und die Eifersucht lächerlich geworden ist (wie das dann im Zeitpunkt des Luxus nicht ausbleibt), so entdeckt sich der weibliche Charakter: mit ihrer Gunst gegen Männer auf Freiheit und dadurch zugleich auf Eroberung dieses ganzen Geschlechts Anspruch zu machen. — Diese Neigung, ob sie zwar unter dem Namen Koketterie in üblem Ruf steht, ist doch nicht ohne einen wirklichen Grund zur Rechtfertigung. Denn eine junge Frau ist doch immer in Gefahr, Wittwe zu werden, und das macht, dass sie ihre Reize über alle, den Glücksumständen nach ehefähige Männer ausbreitet; damit, wenn jener Fall sich ereignet, es ihr nicht an Bewerbern fehlen möge.
Pope glaubt, man könne das weibliche Geschlecht (versteht sich, den cultivirten Theil desselben) durch zwei Stücke charakterisiren: die Neigung zu herrschen, und die Neigung zum Vergnügen. — Von dem letzteren aber muss man nicht das häusliche, sondern das öffentliche Vergnügen verstehen, wobei es sich zu ihrem Vortheil zeigen und auszeichnen könne; da dann die *) Die alte Sage von den Russen, dass die Weiber ihre Ehemänner im Verdacht hielten, es mit anderen Weibern zu halten, wenn sie nicht dann und wann von diesen Schläge bekämen, wird gewöhnlich für Fabel gehalten. Allein in Cook's Reisen findet man: dass, als ein englischer Matrose einen Indier auf Otaheite sein Weib mit Schlägen züchtigen sah, jener den Galanten machen wollte und mit Drohungen auf diesen losging. Das Weib kehrte sich auf der Stelle wider den Engländer, fragte, was ihn das angehe: der Mann müsse das thun! — — Ebenso wird man auch finden, dass, wenn das verehelichte Weib sichtbarlich Galanterie treibt und ihr Mann gar nicht mehr darauf achtet, sondern sich dafür durch Punsch- und Spielgesellschaft oder andere Buhlerei schadlos hält, nicht blos Verachtung, sondern auch Hass in den weiblichen Tfyeil übergeht; weil das Weib daran erkennt, dass er nun gar keinen Werth mehr in sie setzt und seine Frau Anderen, an demselben Knochen zu nagen, gleichgültig überlässt.
B. Vom Charakter des Geschlechts. 231 zweite sich auch in die erstere auflöst, nämlich: ihren Nebenbuhlerinnen im Gefallen nicht nachzugeben, sondern über sie alle durch ihren Geschmack und ihre Reize, wo möglich, zu siegen. Aber auch die erstgenannte Neigung, so wie Neigung überhaupt, taugt nicht zum Charakterisiren einer Menschenclasse überhaupt in ihrem Verhalten gegen Andere. Denn Neigung zu dem, was uns vortheilhaft ist, ist allen Menschen gemein, mithin auch die, so viel uns möglich, zu herrschen; daher charakterisirt sie nicht. — Dass aber dieses Geschlecht mit sich selbst in beständiger Fehde, dagegen mit dem anderem in recht gutem Vernehmen ist, möchte eher zum Charakter desselben gerechnet werden können, wenn es nicht die blosse natürliche Folge des Wetteifers wäre, damit Eine der Anderen in der Gunst und Ergebenheit der Männer den Vortheil abgewinne. Da dann die Neigung, zu herrschen, das wirkliche Ziel, das öffentliche Vergnügen aber, als durch welches der Spielraum ihrer Reize erweitert wird, nur das Mittel ist, jener Neigung Effect zu verschaffen.
Man kann nur dadurch, dass man, nicht was wir uns zum Zwecke machen, sondern was Zweck der Natur bei Einrichtung der Weiblichkeit war, als Princip braucht, zu der Charakteristik dieses Geschlechts gelangen, und da dieser Zweck, selbst vermittelst der Thorheit der Menschen, doch der Naturabsicht nach Weisheit sein muss, so werden diese ihre muthmaasslichen Zwecke auch das Princip derselben anzugeben dienen können; welches nicht von unserer Wahl, sondern von einer höheren Absicht mit dem menschlichen Geschlecht abhängt. Sie sind 1) die Erhaltung der Art, 2) die Cultur der Gesellschaft und Verfeinerung derselben durch die Weiblichkeit.
I. Als die Natur dem weiblichen Schoosse ihr theuerstes Unterpfand, nämlich die Species in der Leibesfrucht anvertraute, durch die sich die Gattung fortpflanzen und verewigen sollte, so fürchtete sie gleichsam wegen Erhaltung derselben, und pflanzte diese Furcht, nämlich vor körperlicher Verletzung und Schüchternheit vor dergleichen Gefahren in ihre Natur; durch welche Schwäche dieses Geschlecht das männliche rechtmässig zum Schutze für sich auffordert.
II. Da sie auch die feineren Empfindungen, die zur 232 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik. Cultur gehören, nämlich die der Geselligkeit und Wohlanständigkeit, einflössen wollte, machte sie dieses Geschlecht zum Beherrscher des männlichen durch seine Sittsamkeit, Beredtsamkeit in Sprache und Mienen, früh gescheut, mit Ansprüchen auf sanfte, höfliche Begegnung des männlichen gegen dasselbe, so dass sich das letztere durch seine eigene Grossmuth von einem Kinde unsichtbar gefesselt, und wenngleich dadurch nicht eben zur Moralität selbst, doch zu dem, was ihr Kleid ist, dem gesitteten Anstände, der zu jener die Vorbereitung und Empfehlung ist, gebracht sah f). 88) Zerstreute Anmerkungen. Die Frau will herrschen, der Mann beherrscht sein (vornehmlich vor der Ehe). Daher die Galanterie der alten Ritterschaft. — Sie setzt früh in sich selbst Zuversicht, zu gefallen. Der Jüngling besorgt immer, zu missfallen, und ist daher in Gesellschaft der Damen verlegen (genirt). — Diesen Stolz des Weibes, durch den Respect, den es einflösst, alle Zudringlichkeiten des Mannes abzuhalten, und das Recht, Achtung vor sich auch ohne Verdienste zu fordern, behauptet sie schon aus dem Titel ihres Geschlechts. — Das Weib ist weigernd, der Mann bewerbend; ihre Unterwerfung ist Gunst. — Die Natur will, dass das Weib gesucht werde; daher musste sie selbst nicht so delicat in der Wahl (nach Geschmack) sein als der Mann, den die Natur auch gröber gebaut hat, und der dem Weibe schon gefällt, wenn er nur Kraft und Tüchtigkeit zu ihrer Vertheidigung in seiner Gestalt zeigt; denn wäre sie in Ansehung der Schönheit seiner Gestalt ekel und fein in der Wahl, um sich verlieben zu können, so müsste sie sich bewerbend, er aber sich weigernd zeigen; welches den Werth ihres Geschlechts, selbst in den Augen des Mannes, gänzlich herabsetzen würde. — Sie f) 1. Ausg.: „gegen dasselbe, und das letztere...gefesselt, wenngleich dadurch...gebraucht".
B. Vom Charakter des Geschlechts.
muss kalt, der Mann dagegen in der Liebe affectenvoll zu sein scheinen. Einer verliebten Ausforderung nicht zu gehorchen, scheint dem Manne, ihr aber leicht Gehör zu geben, dem Weibe schimpflich zu sein. — Die Begierde des letzteren, ihre Reize auf alle feine Männer spielen zu lassen, ist Koketterie; die Affectation, in alle Weiber verliebt zu scheinen, Galanterie; Beides kann ein blosses, zur Mode gewordenes Geziere, ohne alle ernstliche Folgen sein; so wie das Cicisbeat eine affectirte Freiheit des Weibes in der Ehe, oder das gleichfalls ehedem in Italien gewesene Courtisanen wesen (in der historia concilii Tridentini heisst es unter anderen: (erant ibi etiam 300 honestae meretrices, quas cortegianas voca?it), von dem man erzählt, dass es mehr geläuterte Cultur des gesitteten öffentlichen Umgangs enthalten habe, als die der gemischten Gesellschaften in Privathäusern. — Der Mann bewirbt sich in der Ehe nur um seines Weibes, die Frau aber um aller Männer Neigung; sie putzt sich nur für die Augen ihres Geschlechts aus Eifersucht, andere Weiber in Reizen oder im Vornehmthun zu übertreffen; der Mann hingegen für das weibliche; wenn man das Putz nennen kann, was nur so weit geht, um seiner Frau durch seinen Anzug nicht Schande zu machen. — Der Mann beurtheilt weibliche Fehler gelind, die Frau aber (öffentlich) sehr strenge, und junge Frauen, wenn sie die Wahl hätten, ob ihr Vergehen von einem männlichen oder weiblichen Gerichtshofe abgeurtheilt werden solle, würden sicher den ersten zu ihrem Richter wählen. — Wenn der verfeinerte Luxus hoch gestiegen ist, so zeigt sich die Frau nur aus Zwang sittsam und hat kein Hehl, zu wünschen, dass sie lieber Mann sein möchte, wo sie ihren Neigungen einen grösseren und freieren Spielraum geben könnte; kein Mann aber wird ein Weib sein wollen.
Sie fragt nicht nach der Enthaltsamkeit des Mannes vor der Ehe; ihm aber ist an derselben auf Seiten der Frauen unendlich viel gelegen. — In der Ehe spotten Weiber über Intoleranz (Eifersucht) der Männer überhaupt; es ist aber nur ihr Scherz; das unverehelichte Frauenzimmer richtet hierüber mit grosser Strenge. — Was die gelehrten Frauen betrifft, so brauchen sie 234 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, dass sie eine haben; ob sie zwar gemeiniglich still steht oder nicht nach der Sonne gestellt ist.
Weibliche Tugend oder Untugend ist von der männlichen nicht sowohl der Art als der Triebfedern nach sehr unterschieden. — Sie soll geduldig, er muss duldend sein. Sie ist empfindlich, er empfindsam. — Des Mannes Wirthschaft ist Erwerben, die des Weibes Sparen; — der Mann ist eifersüchtig, wenn er liebt; die Frau auch ohne dass sie liebt; weil so viel Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen worden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind. — Der Mann hat Geschmack für sich, die Frau macht sich selbst zum Gegenstande des Geschmacks für Jedermann. — „Was die Welt sagt, ist wahr, und was sie thut, gut", ist ein weiblicher Grundsatz, der sich schwer mit einem Charakter, in der engen Bedeutung des Worts, vereinigen lässt. Es gab aber doch wackere Weiber, die in Beziehung auf ihr Hauswesen einen dieser ihrer Bestimmung angemessenen Charakter mit Ruhm behaupteten. — Dem Milton wurde von seiner Frau zugeredet, er solle doch die ihm nach CromweH's Tode angetragene Stelle eines lateinischen Secretärs annehmen, ob es zwar seinen Grundsätzen zuwider war, jetzt eine Regierung für rechtlich zu erklären, die er vorher als widerrechtlich vorgestellt hatte. „Ach", antwortete er ihr, „meine Liebe, Sie und andere Ihres Geschlechts*; wollen in Kutschen fahren, ich aber — muss ein ehrlicher Mann sein." — Die Frau des Sokrates (vielleicht auch die Hiob's) wurden durch ihre wackeren Männer ebenso in die Enge getrieben, aber männliche Tugend behauptete sich in ihrem Charakter, ohne doch der weiblichen das Verdienst des ihrigen, in dem Verhältniss, worein sie gesetzt waren, zu schmälern.
*) 1. Ausg: „Sie und die Ihrigen Ihres Geschlechts".
B. Vom Charakter des Geschlechts. 235 Pragmatische Folgerungen.
Das weibliche Geschlecht muss sich im Praktischen selbst ausbilden und discipliniren; das männliche versteht sich darauf nicht.
Der junge Ehemann herrscht über seine ältere Ehefrau. Dieses gründet sich auf Eifersucht, nach welcher der Theil, welcher dem anderen im Geschlechtsvermögen unterlegen ist, vor Eingriffen des anderen Theils in seine Rechte besorgt ist und dadurch sich zur willfährigen Begegnung und Aufmerksamkeit gegen ihn zu bequemen genöthigt sieht. — Daher wird jede erfahrene Ehefrau die Heirath mit einem jungen Manne, auch nur von gleichem Alter, widerrathen; denn im Fortgange der Jahre altert doch der weibliche Theil früher als der männliche, und wenn man auch von dieser Ungleichheit absieht, so ist auf die Eintracht, welche sich auf Gleichheit gründet, nicht mit Sicherheit zu rechnen, und ein junges verständiges Weib wird mit einem gesunden, aber doch merklich älteren Manne das Glück der Ehe doch besser machen. — Ein Mann aber, der sein Geschlechtsvermögen vielleicht schon vor der Ehe liederlich durchgebracht hat, wird der Geck in seinem Hause sein; denn er kann diese häusliche Herrschaft nur haben, sofern er keine billigen Ansprüche schuldig bleibt.
Hume bemerkt, dass die Weiber (selbst alte Jungfern) *) Satiren auf den Ehestand mehr verdriessen, als die Sticheleien auf ihr Geschlecht. — Denn mit diesen kann es niemals Ernst sein, da aus jenen allerdings wohl Ernst werden könnte, wenn man die Beschwerden jenes Standes recht in's Licht stellt, deren der Unverheirathete überhoben ist. Eine Freigeisterei in diesem Fache müsste aber von schlimmen Folgen für das ganze weibliche Geschlecht sein**); weil dieses zu einem blossen Mittel der Befriedigung der Neigung des anderen Ge- *) 1. Ausg.: „den Weibern (selbst alten Jungfern)". **) 1. Ausg.: „ist; wodurch aber die Freigeisterei in diesem Falle von...sein würde".
236 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
schlechts herabsinken würde, welche aber leicht in Ueberdruss und Flatterhaftigkeit ausschlagen kann. — Das Weib wird durch die Ehe frei; der Mann verliert dadurch seine Freiheit. Die moralischen Eigenschaften an einem, vornehmlich jungen Manne vor der Ehelichung desselben auszuspähen, ist nie die Sache einer Frau. Sie glaubt ihn bessern zu können; eine vernünftige Frau, sagt sie, kann einen verunarteten Mann schon zurechte bringen; in welchem Urtheile sie mehrentheils sich auf die kläglichste Art betrogen findet. Dahin gehört auch die Meinung jener Treuherzigen, dass die Ausschweifungen dieses Menschen vor der Ehe übersehen werden können, weil er nun an seiner Frau, wenn er sich nur noch nicht erschöpft hat, hinreichend für diesen Instinct versorgt sein werde. — Die guten Kinder bedenken nicht, dass die Liederlichkeit in diesem Fache gerade im Wechsel des Genusses besteht, und das Einerlei in der Ehe ihn bald zur obigen Lebensart zurückführen würde *).
Wer soll dann den oberen Befehl im Hause haben? denn nur Einer kann es doch sein, der alle Geschäfte in einem mit diesen seinen Zwecken übereinstimmenden Zusammenhang bringt. — Ich würde in der Sprache der Galanterie (doch nicht ohne Wahrheit) sagen: die Frau soll herrschen, und der Mann regieren; denn die Neigung herrscht, und der Verstand regiert. — Das Betragen des Ehemannes muss zeigen, dass ihm das Wohl seiner Frau vor allem Anderen am Herzen liege. Weil aber der Mann am besten wissen muss, wie er stehe, und wie weit er gehen könne; so wird er, wie ein Minister seinen blos auf Vergnügen bedachten Monarchen, der etwa ein Fest oder den Bau eines Palais beginnt, auf diesen fürstlichen Befehl zuerst seine schuldige Willfährigkeit dazu erklären, nur dass z. B. für *) Die Folge davon ist, wie in Voltaire' s Reise des Scarmentado: „Endlich", sagt er, „reisete ich in mein Vaterland Kandia zurück; nahm daselbst ein Weib, wurde bald Hahnrei und fand, dass dies die gemächlichste Lebensart unter ullen sei".
B. Vom Charakter des Geschlechts. 237 jetzt nicht Geld im Schatze sei, dass gewisse dringendere Notwendigkeiten zuvor abgemacht werden müssen u. s. w., so dass der höchstgebietende Herr Alles thun kann, was er thun will, doch mit dem Umstände, dass diesen Willen ihm sein Minister an die Hand giebt. Da sie gesucht werden soll (denn das will die dem Geschlecht nothwendige Weigerung), so wird sie doch in der Ehe selbst allgemein zu gefallen suchen müssen, damit, wenn sie etwa junge Wittwe würde, sich Liebhaber für sie finden. — Der Mann legt alle solche Ansprüche mit der Eheverbindung ab. — Daher ist die Eifersucht aus dem Grunde dieser Gefallsucht f) der Frauen ungerecht.
Die eheliche Liebe aber ist ihrer Natur nach intolerant. Frauen spotten darüber zuweilen, aber wie bereits oben bemerkt worden, im Scherz ff); denn bei dem Eingriffe Fremder in diese Rechte dulden und nachsichtlich zu sein, müsste Verachtung des weiblichen Theils, und hiemit auch Hass gegen einen solchen Ehemann zur Folge haben.
Dass gemeiniglich Väter ihre Töchter und Mütter ihre Söhne verziehen, und unter den Letzteren der wildeste Junge, wenn er nur kühn ist, gemeiniglich von der Mutter verzogen wird, das scheint seinen Grund in dem Prospect auf die Bedürfnisse beider Eltern in ihrem Sterbefall zu haben; denn wenn dem Mann seine Frau stirbt, so hat er doch an seiner ältesten Tochter eine ihn pflegende Stütze; stirbt der Mutter ihr Mann, so hat der erwachsene wohlgeartete Sohn die Pflicht auf sich und auch die natürliche Neigung in sich, sie zu verehren, zu unterstützen und ihr das Leben als Wittwe angenehm zu machen.
Ich habe mich bei diesem Titel der Charakteristik länger aufgehalten, als es für die übrigen Abschnitte der Anthropologie proportionirlich scheinen mag; aber die f) 1. Ausg.: „aus diesem Grunde der Galanterie" ff) L Ausg.: „Frauen spotten darüber im Scherz"; 238 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.
Natur hat auch in diese ihre Oekonomie einen so reichen Schatz von Veranstaltungen zu ihrem Zwecke, der nichts Geringeres ist, als die Erhaltung der Art, hineingelegt, dass, bei Gelegenheit näherer Nachforschungen, es noch lange Stoff genug zu Problemen geben wird, die Weisheit der sich nach und nach entwickelnden Naturanlagen zn bewundern und praktisch zu gebrauchen. 89) C. Der Charakter des Volks. Unter dem Wort Volk {populus) versteht man die in einem Landstrich vereinigte Menge Menschen, insofern sie ein Ganzes ausmacht. Diejenige Menge oder auch der Theil derselben, welcher sich durch gemeinschaftliche Abstammung für vereinigt zu einem bürgerlichen Ganzen erkennt, heisst Nation (gens)\ der Theil, der sich von diesen Gesetzen ausnimmt (die wilde Menge in diesem Volk), heisst Pöbel (vulgus)*), dessen gesetzwidrige Vereinigung das Rottiren {agere per turbas) ist; ein Verhalten, welches ihn von der Qualität eines Staatsbürgers ausschliesst.
Hume meint, dass, wenn in einer Nation jeder Einzelne seinen besonderen Charakter anzunehmen beflissen ist (wie unter den Engländern), die Nation selbst keinen Charakter habe. Mich dünkt, darin irre er sich; denn die Affectation eines Charakters ist gerade der allgemeine Charakter des Volks, wozu er selbst gehörte, und ist Verachtung aller Auswärtigen, besonders darum, weil es sich allein einer ächten, staatsbürgerliche Freiheit im Inneren mit Macht gegen Aussen verbindenden Verfassung rünmen zu können glaubt. — Ein solcher Charakter ist stolze Grobheit, im Gegensatz der sich leicht *) Der Schimpfname la canaille du peuple hat wahrscheinlicherweise seine Abstammung von canalicola, einem am Canal im alten Rom hin und her gehenden und beschäftigte Leute foppenden Haufen Müssiggänger (cavillator et ridicularius, vid. Plaut us Curcul).
240 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik. familiär machenden Höflichkeit; ein trotziges Betragen gegen jeden anderen aus vermeinter Selbstständigkeit, wo man keines Anderen zu bedürfen, also auch der Gefälligkeit gegen Andere sich überheben zu können glaubt f).
Auf diese Weise werden die zwei civilisirtesten Völker auf Erden *), die gegen einander im Contrast des Charakters und vielleicht hauptsächlich darum mit einander in beständiger Fehde sind, England und Frankreich, auch ihrem angeborenen Charakter nach, von dem der erworbene und künstliche nur die Folge ist, vielleicht die einzigen Völker sein, von denen man einen bestimmten und, so lange sie nicht durch Kriegsgewalt vermischt werden, unveränderlichen Charakter annehmen kann. — Dass die französische Sprache die allgemeine Conv er sations- Sprache, vornehmlich der weiblichen feinen Welt, die englische aber die ausgebreitetste Handels-Sprache**) der commercirenden geworden ist, liegt wohl in dem Unterschied ihrer Continental- und insularischen Lage. Was aber im Naturell, was sie jetzt wirklich haben und dessen Ausbildung durch Sprache betrifft, so müsste dieses von dem angeborenen Charakter des Urvolks ihrer Abstammung hergeleitet werden; dazu uns aber die Documente mangeln. — In einer Anthropologie in pragmatischer Hinsicht aber liegt uns nur daran: den Charakter beider, wie sie jetzt sind, in einigen Beispielen, und so weit es möglich ist, systematisch aufzustellen; welche urtheilen lassen, wessen sich das eine zu dem anderen zu versehen habe, und wie eines das andere zu seinem Vortheil benutzen könne.
f) I.Ausgabe.: „Selbstständigkeit (keines Anderen zu bedürfen), nicht nöthig zu haben, gegen Jemand gefällig zu sein". *) Es versteht sich, dass bei dieser Classification vom deutschen Volk abgesehen werde; weil das Lob des Verfassers, der ein Deutscher ist, sonst Selbstlob sein würde.
**) Der kaufmännische Geist zeigt auch gewisse Modificationen seines Stolzes in der Verschiedenheit des Tons im Grossthun. Der Engländer sagt: „der Mann ist eine Million werth"; der Holländer: „er commandirt eine Million"; der Franzose: „er besitzt eine Million".
C. Der Charakter des Volks.
Die angestammten oder durch langen Gebrauch gleichsam zur Natur gewordenen und auf sie gepfropften Maximen, welche die Sinnesart eines Volkes ausdrücken, sind nur zu viel gewagte Versuche, die Varietäten im natürlichen Hange ganzer Völker, mehr für den Geographen, empirisch, als für den Philosophen, nach Vernunftgründen, zu classificiren *).
Dass auf die Regierungsart Alles ankomme, welchen Charakter ein Volk haben werde, ist eine ungegründete, nichts erklärende Behauptung; denn woher hat denn die Regierung selbst ihren eigenthümlichen Charakter? — Auch Klima und Boden können den Schlüssel hiezu nicht geben; denn Wanderungen ganzer Völker haben bewiesen, dass sie ihren Charakter durch ihre neuen Wohnsitze nicht veränderten, sondern ihnen diesen nur nach Umständen anpassten, und doch dabei in Sprache, Gewerbart, selbst in Kleidung, die Spuren ihrer Abstammung und hiemit auch ihren Charakter noch immer hervorblicken lassen. — — Ich werde die Zeichnung ihres Portraits etwas mehr von Seite ihrer Fehler und *) Die Türken, welche das christliche Europa Frankes tan nennen, wenn sie auf Reisen gingen, um Menschen und ihren Volkscharakter kennen zu lernen (welches kein Volk ausser dem europäischen thut, und die Eingeschränktheit aller übrigen an Geist beweist), würden die Eintheilung desselben, nach dem Fehlerhaften in ihrem Charakter gezeichnet, vielleicht auf folgende Art machen. 1. Das Modenland (Frankreich). 2. Das Land der Launen (England). 3. Ahnenland (Spanien). 4. Prachtland (Italien). 5. Das Titelland (Deutschland, sammt Dänemark und Schweden, als germanischen Völkern). 6. Herrenland (Polen), wo ein jeder Staatsbürger Herr, keiner dieser Herren aber, ausser dem der nicht Staatsbürger ist, Unterthan sein will. — Russland und die europäische Türkei, beide von grösstentheils asiatischer Abstammung, würden über Frankestan hinaus liegen: das erste slavischen, das andere arabischen Ursprungs, von zweien Stammvölkern, die einmal ihre Herrschaft über einen grösseren Theil von Europa, als je ein anderes Volk, ausgedehnt haben und in den Zustand einer Verfassung des Gesetzes ohne Freiheit, wo also Niemand Staatsbürger ist, gerathen sind.
Kant, Anthropologie. 16 242 Anthropologie. EL Theil. Anthropol. Charakteristik. Abweichung von der Regel, als von der schöneren (dabei aber doch auch nicht in Carricatur) entwerfen; denn ausserdem dass die Schmeichelei verdirbt, der Tadel dagegen bessert, so verstösst der Kritiker weniger gegen die Eigenliebe der Menschen, wenn er ihnen ohne Ausnahme ihre Fehler vorrückt, als wenn er durch mehr oder weniger Lobpreisungen nur den Neid der Beurtheilten gegen einander rege machte.
1. Die französische Nation charakterisirt sich unter allen anderen durch den Conversationsgeschmack, in Ansehung dessen sie das Muster aller übrigen ist. ^ie ist höflich, vornehmlich gegen den Fremden, der sie besucht, wenn es jetzt gleich ausser der Mode ist, höfisch zu sein. Der Franzose ist es nicht aus Interesse, sondern aus unmittelbarem Geschmacksbedürfniss, sich mitzutheilen. Da dieser Geschmack vorzüglich den Umgang mit der weiblichen grossen Welt angeht, so ist die Damensprache zur allgemeinen Sprache der letzteren geworden, und es ist überhaupt nicht zu streiten, dass eine Neigung solcher Art auch auf Willfährigkeit in Dienstleistungen, hülfreiches Wohlwollen und allmälig auf allgemeine Menschenliebe nach Grundsätzen Einfluss haben und ein solches Volk im Ganzen liebenswürdig machen müssen.
Die Kehrseite der Münze ist die, nicht genugsam durch überlegte Grundsätze gezügelte Lebhaftigkeit, und bei hellsehender Vernunft, ein Leichtsinn, gewisse Formen, blos weil sie alt oder auch nur übermässig gepriesen worden, wenn man sich gleich dabei wohl befunden hat, nicht lange bestehen zu lassen, und ein ansteckender Freiheitsgeist, der auch wohl die Vernunft selbst in sein Spiel zieht, und in Beziehung des Volks auf den Staat einen Alles erschütternden Enthusiasmus bewirkt, der noch über das Äeusserste hinausgeht. — Die Eigenheiten dieses Volkes, in schwarzer Kunst, doch nach dem Leben gezeichnet, lassen sich ohne weitere Beschreibung, blos durch unzusammenhängend hingeworfene Bruchstücke, als Materialien zur Charakteristik, leicht in ein Ganzes vorstellig machen.
Die Wörter: esprit (statt bon seilst, frivolite, galan-Mrib, petit- maitre, coquette, etourderie, point d'honneuer. bon -ton, bureau d' esprit, bon-mot, lettre de cachet — iL dgl. lassen sich nicht leicht in andere Sprachen über- C. Der Charakter des Volks.
setzen, weil sie mehr die Eigentümlichkeit der Sinnesart der Nation, die sie spricht, als den Gegenstand bezeichnet, der dem Denkenden vorschwebt. 2. Das englische Volk. Der alte Stamm der Briten *) (eines celtischen Volks) scheint ein Schlag tüchtiger Menschen zu sein; allein die Einwanderungen der Deutschen und des französischen Vöikerstammes (denn die kurze Anwesenheit der Römer hat keine merkliche Spur hinterlassen können) haben, wie es ihre vermischte Sprache beweist, die Originalität dieses Volkes verlöscht, und da die insularische Lage seines Bodens, die es wider äussere Angriffe ziemlich sichert, vielmehr selbst Angreifer zu werden einladet, es zu einem mächtigen Seehandlungsvolk machte, so hatte es einen Charakter, den es sich selbst anschaffte, wenn es gleich von Natur eigentlich keinen hat. Mithin dürfte der Charakter des Engländers wohl nichts Anderes bedeuten, als den durch frühe Lehre und Beispiel erlernten Grundsatz, er müsse sich einen solchen machen, d. i. einen zu haben affectiren; indem ein steifer Sinn, auf einem freiwillig angenommenen Princip zu beharren und von einer gewissen Regel (gleich gut welcher) nicht abzuweichen, einem Manne die Wichtigkeit giebt, dass man sicher weiss, wessen man sich von ihm und er sich von Anderen zu gewärtigen hat.