SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

German

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Dass auf die Regierungsart Alles ankomme, welchen Charakter ein Volk haben werde, ist eine ungegründete, nichts erklärende Behauptung; denn woher hat denn die Regierung selbst ihren eigenthümlichen Charakter? — Auch Klima und Boden können den Schlüssel hiezu nicht geben; denn Wanderungen ganzer Völker haben bewiesen, dass sie ihren Charakter durch ihre neuen Wohnsitze nicht veränderten, sondern ihnen diesen nur nach Umständen anpassten, und doch dabei in Sprache, Gewerbart, selbst in Kleidung, die Spuren ihrer Abstammung und hiemit auch ihren Charakter noch immer hervorblicken lassen. — — Ich werde die Zeichnung ihres Portraits etwas mehr von Seite ihrer Fehler und *) Die Türken, welche das christliche Europa Frankes tan nennen, wenn sie auf Reisen gingen, um Menschen und ihren Volkscharakter kennen zu lernen (welches kein Volk ausser dem europäischen thut, und die Eingeschränktheit aller übrigen an Geist beweist), würden die Eintheilung desselben, nach dem Fehlerhaften in ihrem Charakter gezeichnet, vielleicht auf folgende Art machen. 1. Das Modenland (Frankreich). 2. Das Land der Launen (England). 3. Ahnenland (Spanien). 4. Prachtland (Italien). 5. Das Titelland (Deutschland, sammt Dänemark und Schweden, als germanischen Völkern). 6. Herrenland (Polen), wo ein jeder Staatsbürger Herr, keiner dieser Herren aber, ausser dem der nicht Staatsbürger ist, Unterthan sein will. — Russland und die europäische Türkei, beide von grösstentheils asiatischer Abstammung, würden über Frankestan hinaus liegen: das erste slavischen, das andere arabischen Ursprungs, von zweien Stammvölkern, die einmal ihre Herrschaft über einen grösseren Theil von Europa, als je ein anderes Volk, ausgedehnt haben und in den Zustand einer Verfassung des Gesetzes ohne Freiheit, wo also Niemand Staatsbürger ist, gerathen sind.

Kant, Anthropologie. 16 242 Anthropologie. EL Theil. Anthropol. Charakteristik.

Abweichung von der Regel, als von der schöneren (dabei aber doch auch nicht in Carricatur) entwerfen; denn ausserdem dass die Schmeichelei verdirbt, der Tadel dagegen bessert, so verstösst der Kritiker weniger gegen die Eigenliebe der Menschen, wenn er ihnen ohne Ausnahme ihre Fehler vorrückt, als wenn er durch mehr oder weniger Lobpreisungen nur den Neid der Beurtheilten gegen einander rege machte.

1. Die französische Nation charakterisirt sich unter allen anderen durch den Conversationsgeschmack, in Ansehung dessen sie das Muster aller übrigen ist. ^ie ist höflich, vornehmlich gegen den Fremden, der sie besucht, wenn es jetzt gleich ausser der Mode ist, höfisch zu sein. Der Franzose ist es nicht aus Interesse, sondern aus unmittelbarem Geschmacksbedürfniss, sich mitzutheilen. Da dieser Geschmack vorzüglich den Umgang mit der weiblichen grossen Welt angeht, so ist die Damensprache zur allgemeinen Sprache der letzteren geworden, und es ist überhaupt nicht zu streiten, dass eine Neigung solcher Art auch auf Willfährigkeit in Dienstleistungen, hülfreiches Wohlwollen und allmälig auf allgemeine Menschenliebe nach Grundsätzen Einfluss haben und ein solches Volk im Ganzen liebenswürdig machen müssen.

Die Kehrseite der Münze ist die, nicht genugsam durch überlegte Grundsätze gezügelte Lebhaftigkeit, und bei hellsehender Vernunft, ein Leichtsinn, gewisse Formen, blos weil sie alt oder auch nur übermässig gepriesen worden, wenn man sich gleich dabei wohl befunden hat, nicht lange bestehen zu lassen, und ein ansteckender Freiheitsgeist, der auch wohl die Vernunft selbst in sein Spiel zieht, und in Beziehung des Volks auf den Staat einen Alles erschütternden Enthusiasmus bewirkt, der noch über das Äeusserste hinausgeht. — Die Eigenheiten dieses Volkes, in schwarzer Kunst, doch nach dem Leben gezeichnet, lassen sich ohne weitere Beschreibung, blos durch unzusammenhängend hingeworfene Bruchstücke, als Materialien zur Charakteristik, leicht in ein Ganzes vorstellig machen.

Die Wörter: esprit (statt bon seilst, frivolite, galan-Mrib, petit- maitre, coquette, etourderie, point d'honneuer. bon -ton, bureau d' esprit, bon-mot, lettre de cachet — iL dgl. lassen sich nicht leicht in andere Sprachen über- C. Der Charakter des Volks.

setzen, weil sie mehr die Eigentümlichkeit der Sinnesart der Nation, die sie spricht, als den Gegenstand bezeichnet, der dem Denkenden vorschwebt.

2. Das englische Volk. Der alte Stamm der Briten *) (eines celtischen Volks) scheint ein Schlag tüchtiger Menschen zu sein; allein die Einwanderungen der Deutschen und des französischen Vöikerstammes (denn die kurze Anwesenheit der Römer hat keine merkliche Spur hinterlassen können) haben, wie es ihre vermischte Sprache beweist, die Originalität dieses Volkes verlöscht, und da die insularische Lage seines Bodens, die es wider äussere Angriffe ziemlich sichert, vielmehr selbst Angreifer zu werden einladet, es zu einem mächtigen Seehandlungsvolk machte, so hatte es einen Charakter, den es sich selbst anschaffte, wenn es gleich von Natur eigentlich keinen hat. Mithin dürfte der Charakter des Engländers wohl nichts Anderes bedeuten, als den durch frühe Lehre und Beispiel erlernten Grundsatz, er müsse sich einen solchen machen, d. i. einen zu haben affectiren; indem ein steifer Sinn, auf einem freiwillig angenommenen Princip zu beharren und von einer gewissen Regel (gleich gut welcher) nicht abzuweichen, einem Manne die Wichtigkeit giebt, dass man sicher weiss, wessen man sich von ihm und er sich von Anderen zu gewärtigen hat.

Dass dieser Charakter dem des französischen Volks mehr als irgend einem anderen gerade entgegengesetzt ist, erhellt daraus: weil er auf alle Liebenswürdigkeit, als die vorzüglichste Umgangseigenschaft jenes Volks, mit Anderen, ja sogar unter sich selbst, Verzicht thut und blos t) auf Achtung Anspruch macht, wobei übrigens Jeder blos nach seinem eigenen Kopfe leben will. — Für seine Landesgenossen errichtet der Engländer grosse und allen anderen Völkern unerhörte wohlthätige Stiftungen. — Der Fremde aber, der durch's Schicksal auf englischen Boden verschlagen und in grosse Noth gerathen ist, kann *) Wie Herr Professor Büsch es richtig schreibt (nach dem Worte Brilanni, nicht Brittanni).

f) 1. Ausgabe: „nicht allein keinen Anspruch macht, sondern blos" 244 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

immerhin auf dem Misthaufen umkommen, weil er kein Engländer d. i. kein Mensch ist.

Aber auch in seinem eigenen Vaterlande isolirt sich der Engländer, wo er für sein Geld speist. Er will lieber in einem besonderen Zimmer allein, als an der Wirthstafel für dasselbe Geld speisen, weil bei der letzteren doch etwas Höflichkeit erfordert wird, und in der Fremde, z. B. in Frankreich, wohin Engländer nur reisen, um alle Wege und Wirthshäuser (wie Dr. Sharp) für abscheulich auszuschreien, sammeln sie sich in diesen, um blos unter sich Gesellschaft zu halten. — Sonderbar ist doch, dass, da der Franzose die englische Nation gemeiniglich liebt und mit Achtung lobpreist, dennoch der Engländer (der nicht aus seinem Lande gekommen ist) Jenen im Allgemeinen hasst und verachtet; woran wohl nicht die Rivalität der Nachbarschaft (denn da sieht sich England dem letzteren ohne allen Streit überlegen), sondern der Handelsgeist überhaupt Schuld ist, der, in der Voraussetzung, den vornehmsten Stand auszumachen, unter Kaufleuten desselben Volks sehr ungesellig ist*). Da beide Völker einander in Ansehung der beiderseitigen Küsten nahe und nur durch einen Canal (der freilich wohl ein Meer heissen könnte) von einander getrennt sind, so bewirkt die Rivalität derselben untereinander doch einen auf verschiedene Art modificirten politischen Charakter in ihrer Befehdung: Besorgniss auf der einen und Hass auf der anderen Seite; welche zwei Arten ihrer Unvereinbarkeit sind, wovon jene die Selbsterhaltung, diese die Bell e r r s c h u n g, im entgegengesetzten Falle aber die Vertilgung der anderen zur Absicht hat.

Die Charakterzeichnung der übrigen, deren Nationaleigenthümlichkeit nicht sowohl, wie bei beiden vorher- *) Der Handelsgeist ist überhaupt an sich ungesellig wie der Adelgeist. Ein Haus (so nennt der Kaufmann sein Comptoir) ist von dem andern durch seine Geschäfte, wie ein Rittersitz vom anderen durch seine Zugbrücke, abgesondert und freundschaftlicher Umgang ohne Ceremonie daraus verwiesen; es müsste denn der mit von demselben Beschützten sein, die aber alsdann nicht als Glieder desselben anzusehen sein würden.

C. Der Charakter des Volks.

gehenden, meistens aus der Art ihrer verschiedenen Cultur, als vielmehr aus der Anlage ihrer Natur durch Vermischung ihrer ursprünglich - verschiedenen Stämme abzuleiten sein möchte, können wir jetzt kürzer fassen.

3. Der aus der Mischung des europäischen mit arabischem (mohrischem) Blut entsprungene Spanier zeigt in seinem öffentlichen und Privatbetragen eine gewisse Feierlichkeit, und selbst der Bauer gegen Obere, denen er auch auf gesetzliche Art gehorsam ist, ein Bewusstsein seiner Würde. — Die spanische Grandezza und die, selbst in ihrer Conversationssprache befindliche Grandiloquenz zeigen auf einen edlen Nationalstolz. Daher ist ihm der französische vertrauliche Muthwille ganz zuwider. Er ist mässig, den Gesetzen, vornehmlich denen seiner alten Religion, herzlich ergeben. — Diese Gravität hindert ihn auch nicht, an Tagen der Ergötzlichkeit (z. ß. bei Einführung seiner Ernte durch Gesang und Tanz) sich zu vergnügen, und wenn an einem Sommerabende der Fandango gefiedelt wird, fehlt es nicht an jetzt müssigen Arbeitsleuten, die zu dieser Musik auf den Strassen tanzen. Das ist seine gute Seite.

Die schlechtere ist: er lernt nicht von Fremden, reiset nicht, um andere Völker kennen zu lernen *), bleibt in Wissenschaften wohl Jahrhunderte zurück; schwierig gegen alle Reform, ist er stolz darauf, nicht arbeiten zu dürfen; von romantischer Stimmung des Geistes, wie das Stiergefecht, grausam, wie das ehemalige Auto da Fe beweist, und zeigt in seinem Geschmack zum Theil aussereuropäische Abstammung.

4. Der Italiener vereinigt die französische Lebhaftigkeit (Frohsinn) mit spanischem Ernste (Festigkeit) und sein ästhetischer Charakter ist ein mit Affect verbundener Geschmack, so wie die Aussicht von seinen Alpen in die reizenden Thäler einerseits Stoff zum Muth, andererseits zum *) Die Eingeschränktheit des Geistes aller Völker, welche die uninteressirte Neubegierde nicht anwandelt, die Aussenwelt mit eigenen Augen kennen zu lernen, noch weniger sich dahin (als Weltbürger) zu verpflanzen, ist etwas Charakteristisches an denselben, wodurch sich Franzosen, Engländer und Deutsche vor anderen vortheilhaft unterscheiden.

246 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik, ruhigen Genuss darbietet. Das Temperament ist hierin nicht gemischt, noch desultorisch (denn so gäbe es keinen Charakter ab), sondern eine Stimmung der Sinnlichkeit zum Gefühl des Erhabenen, sofern es zugleich mit dem des Schönen vereinbar ist. — In seinen Mienen äussert sich ein starkes Spiel seiner Empfindungen, und sein Gesicht ist ausdrucksvoll. Das Plaidiren ihrer Advocaten vor den Schranken ist so affectvoll, dass es einer Declamation auf der Schaubühne ähnlich sieht.

So wie der Franzose im Conversationsgeschmack vorzüglich ist, so ist es der Italiener im Kunstgeschmack. Der Erstere liebt mehr die Privatbelustigungen, der Andere öffentliche: pompöse Aufzüge, Processionen, grosse Schauspiele, Carnevals, Maskeraden, Pracht öffentlicher Gebäude, Gemälde mit dem Pinsel oder in musivischer Arbeit gezeichnet, römische Alterthümer im grossen Styl; um zu sehen und in grosser Gesellschaft gesehen zu werden. Dabei aber (um doch den Eigennutz nicht zu vergessen): Erfindung der Wechsel, der Banken und der Lotterie. Das ist seine gute Seite; so wie die Freiheit, welche die Gondolieri und Lazzaroni sich gegen Vornehme nehmen dürfen.

Die schlechtere ist: sie conversiren, wie Rousseau sagt, in Prachtsälen und schlafen in Ratzennestern. Ihre Conversazioni sind einer Börse ähnlich, wo die Dame des Hauses einer grossen Gesellschaft etwas zu kosten reichen lässt, um im Herumwandeln sich einander die Neuigkeiten des Tages mitzutheilen, ohne dass dazu eben Freundschaft nöthig wäre, und mit einem kleinen daraus gewählten Theil zur Nacht isst. — Die schlimme aber: das Messerziehen, die Banditen, die Zuflucht der Meuchelmörder in geheiligten Freistätten, das vernachlässigte Amt der Sbirren u. dergl.; welche doch nicht sowohl dem Römer, als vielmehr seiner zweiköpfigen Regierungsart zugeschrieben wird. — Dieses sind aber Beschuldigungen, die ich keineswegs verantworten mag, und mit denen sich gewöhnlich Engländer herumtragen, denen keine andere Verfassung gefallen will als die ihrige.

5. Die Deutschen stehen im Ruf eines guten Charakters, nämlich dem der Ehrlichkeit und Häuslichkeit; Eigenschaften, die eben nicht zum Glänzen geeignet sind. — Der Deutsche fügt sich unter allen civilisirteu Völkern C. Vom Charakter des Volks.

am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung, unter der er ist, und ist am meisten von Neuerungssucht und Widersetzlichkeit gegen die eingeführte Ordnung entfernt. Sein Charakter ist mit Verstand verbundenes Phlegma; ohne weder über die schon eingeführte zu vernünfteln, noch sich selbst eine auszudenken. Er ist dabei doch der Mann von allen Ländern und Klimaten, wandert leicht aus und ist an sein Vaterland nicht leidenschaftlich gefesselt; wo er aber in fremde Länder als Colonist hinkommt, da schliesst er bald mit seinen Landesgenossen eine Art von bürgerlichem Verein, der durch Einheit der Sprache, zum Theil auch der Religion, ihn zu einem Völkchen ansiedelt, was unter der höheren Obrigkeit in einer ruhigen, sittlichen Verfassung durch Fleiss, Reinlichkeit und Sparsamkeit vor den Ansiedlern anderer Völker, sich vorzüglich auszeichnet. — So lautet das Lob, welches selbst Engländer den Deutschen in Nordamerika geben.

Da Phlegma (im guten Sinn genommen) das Temperament der kalten Ueberlegnng und der Ausdauerung in Verfolgung seines Zwecks, ingleichen des Aushaltens der damit verbundenen Beschwerlichkeiten ist, so kann man von dem Talente seines richtigen Verstandes und seiner tief nachdenkenden Vernunft so viel wie von jedem anderen der grösseren Cultur fähigen Volke erwarten; das Fach des Witzes und des Künstlergeschmacks ausgenommen, als worin er es vielleicht den Franzosen, Engländern und Italienern nicht gleich thun möchte.

Das ist nun seine gute Seite, in dem, was durch anhaltenden Fleiss auszurichten ist, und wozu eben nicht Genie*) erfordert wird; welches letztere auch bei weitem *) Genie ist das Talent der Erfindung dessen, was nicht gelehrt oder gelernt werden kann. Man kann gar wohl von Anderen gelehrt werden, wie man gute Verse, aber nicht, wie man ein gutes Gedicht machen soll; denn das muss aus der Natur des Verfassers von selbst hervorgehen. Daher kann man es nicht auf Bestellung und für reichliche Bezahlung als Fabrikat, sondern muss es, gleich als Eingebung, von der der Dichter selbst nicht sagen kann, wie er dazu gekommen sei, d. i. einer gelegentlichen Disposition, deren Ursache ihm unbekannt ist, erwarten (seit genius natale 248 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

nicht von der Nützlichkeit ist, als der mit gesundem Verstandestalent verbundene Fleiss des Deutschen. — Dieses sein Charakter im Umgange ist Bescheidenheit. Er lernt, mehr als jedes andere Volk, fremde Sprachen, ist (wie Robertson sich ausdrückt) Grosshändler in der Gelehrsamkeit, und kommt im Felde der Wissenschaften zuerst auf manche Spuren, die nachher von Anderen mit Geräusch benutzt werden; er hat keinen Nationalstolz, hängt, gleich als Kosmopolit, auch nicht an seiner Heimath. In dieser aber ist er gastfreier gegen Fremde als irgend eine andere Nation (wie Boswell gesteht: disciplinirt seine Kinder zur Sittsamkeit mit Strenge, wie er dann auch, seinem Hange zur Ordnung und Regel gemäss, sich eher despotisiren, als sich auf Neuerungen (zumal eigenmächtige Reformen in der Regierung) einlassen wird. Das ist seine gute Seite.

Seine unvorteilhafte Seite ist sein Hang zum Nachahmen und die geringe Meinung von sich, original sein zu können (was gerade das Gegentheil des trotzigen Engländers ist); vornehmlich aber eine gewisse Methodensucht, sich mit den übrigen Staatsbürgern nicht etwa nach einem Princip der Annäherung zur Gleichheit, sondern nach Stufen des Vorzugs und einer Rangordnung peinlich classificiren zu lassen und in diesem Schema des Ranges in Erfindung der Titel (von Edlen und Hochedlen, Wohl- und Hochwohl-, auch Hochgeborenen) unerschöpflich und so aus blosser Pedanterie knechtisch zu sein; welches Alles freilich wohl der Form der Reichsverfassung Deutschlands zugerechnet werden mag, dabei aber sich die Bemerkung nicht bergen lässt, dass doch das Entstehen dieser pedantischen Form selber aus dem Geiste der Nation und dem natürlichen Hange des comes qiii tenvperai astrum), (der Genius, der natürliche Begleiter, weiss es, der die Gestirne lenkt). — Das Genie glänzt daher als augenblickliche, mit Intervallen sich zeigende und wieder verschwindende Erscheinung, nicht mit einem willkürlich angezündeten und eine beliebige Zeit fortbrennenden Licht, sondern wie sprühende Funken, welche eine glückliche Anwandlung des Geistes aus der produktiven Einbildungskraft auslockt.

C. Der Charakter des Volks.

Deutschen hervorgehe: zwischen dem, der herrschen, bis zu dem, der gehorchen soll, eine Leiter anzulegen, woran jede Sprosse mit dem Grade des Ansehens bezeichnet wird, der ihr gebührt, und der, welcher kein Gewerbe, dabei aber auch keinen Titel hat, wie es heisst, nichts ist; welches denn dem Staate, der diesen ertheilt, freilich was einbringt, aber auch ohne hierauf zu sehen, bei Unterthanen Ansprüche, Anderer Wichtigkeit in der Meinung zu begrenzen, welche andern Völkern lächerlich vorkommen muss, und in der That als Peinlichkeit und Bedürfniss der methodischen Eintheilung, um ein Ganzes unter einen Begriff zu fassen, die Beschränkung des angeborenen Talents verräth.

Da Russland das noch nicht ist, was zu einem bestimmten Begriff der natürlichen Anlagen, welche sich zu entwickeln bereit liegen, erfordert wird, Polen aber es nicht mehr ist, die Nationalen der europäischen Türkei aber das nie gewesen sind, noch sein werden, was zur Aneignung eines bestimmten Volkscharakters erforderlich ist +), so kann die Zeichnung derselben hier füglich übergangen werden.

Ueberhaupt da hier vom angeborenen, natürlichen Charakter, der, so zu sagen in der Blutmischung der Menschen liegt, nicht von dem Charakteristischen des erworbenen künstlichen (oder verkünstelten) der Nationen die Rede ist, so wird man in der Zeichnung desselben viel Behutsamkeit nöthig haben. In dem Charakter der Griechen unter dem harten Druck der Türken und dem nicht viel sanfteren ihrer Caloyers hat sich ebenso wenig ihre Sinnesart (Lebhaftigkeit und Leichtsinn), wie die Bildung ihres Leibes, Gestalt und Gesichtszüge verloren, sondern diese Eigenthümlichkeit würde sich vermuthlich wiederum in That herstellen, wenn die Religionsf ) L Ausg.: „erforderlich ist, so wird man gegen diese unvollständige und unsichere Zeichnung derselben, welche auf demonstrativen, r em emorativen und prognostischen Zeichen beruht, schon Nachricht haben müssen.

Da hier" 250 Anthropologie. II. Theil. Authropol. Charakteristik.

und Regierungsform durch glückliche Ereignisse ihnen Freiheit verschaffte, sich wieder herzustellen. — Unter einem anderen christlichen Volke, den Armenianern, herrscht ein gewisser Handelsgeist von besonderer Art, nämlich durch Fusswanderungen von China 's Grenzen aus bis nach Cap-Corso an der Guineaküste Verkehr zu treiben, der auf einen besonderen Abstamm dieses vernünftigen und emsigen Volks, welcher, in einer Linie von Nordost nach Südwest, beinahe die ganze Strecke des alten Continents durchzieht und sich friedfertige Begegnung unter allen Völkern, auf die es trifft, zu verschaffen weiss, und einen vor dem flatterhaften und kriechenden der jetzigen Griechen vorzüglichen Charakter beweist, dessen erste Bildung wir nicht mehr erforschen können. — So viel ist wohl mit Wahrscheinlichkeit zu urtheilen, dass die Vermischung der Stämme (bei grossen Eroberungen), welche nach und nach die Charaktere auslöscht, dem Menschengeschlecht, alles vergeblichen Philanthropismus ungeachtet, nicht zuträglich sei. i)0) D. Der Charakter der Race.

D. Der Charakter der Race.

In Ansehung dieser kann ich mich auf das beziehen, was der Herr Geh. H. E. Girtanner davon in seinem Werk (meinen Grundsätzen gemäss) zur Erläuterung und Erweiterung schön und gründlich vorgetragen hat; — nur will ich noch etwas vom Familienschlag und den Varietäten, oder Spielarten, anmerken, die sich in einer und derselben Kace bemerken lassen.

Hier hat die Natur, statt der Verähnlich ung, welche sie in der Zusammenschmelzung verschiedener Racen beabsichtigte, gerade das Gegentheil sich zum Gesetze gemacht; nämlich in einem Volk von derselben Race (z. B. der Weissen), anstatt in ihrer Bildung die Charaktere beständig und fortgehend einander sich nähern zu lassen, — wo dann endlich nur ein und dasselbe Portrait, wie das durch den Abdruck eines Kupferstichs herauskommen würde, — vielmehr in demselben Stamme und gar in der nämlichen Familie, im Körperlichen und Geistigen, in's Unendliche zu vervielfältigen. — Zwar sagen die Ammen, um einem der Eltern zu schmeicheln: „das hat dies Kind vom Vater, das hat es von der Mutter"; wo, wenn es wahr wäre, alle Formen der Menschenzeugung längst erschöpft sein würden, und da die Fruchtbarkeit in Paarungen durch die Heterogeneität der Individuen aufgefrischt wird, die Fortpflanzung zum Stocken gebracht werden würde. — So kommt nicht etwa die graue Haarfarbe (cendree) von der Vermischung eines Brünetten mit einer Blondinen her, sondern bezeichnet einen besonderen Familienschlag und die Natur hat Vorrath genug in sich, um nicht, der Armuth ihrer vorräthigen Formen halber, einen Menschen in die Welt zu schicken, der schon ehemals drin gewesen ist; wie denn auch die Nahheit der Verwandtschaft notorisch auf Unfruchtbarkeit hinwirkt, 91) 252 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

E. Der Charakter der Gattung.

Von der Gattung gewisser Wesen einen Charakter anzugeben, dazu wird erfordert: dass sie mit anderen uns bekannten unter einen Begriff gefasst, das aber, wodurch sie sich von einander unterscheiden, als Eigentliümlichkeit (proprietas) zum Unterscheidungsgrunde angegeben und gebraucht wird. — Wenn aber eine Art Wesen, die wir kennen (Ä), mit einer andern Art Wesen (non A), die wir nicht kennen, verglichen wird: wie kann man da erwarten oder verlangen, einen Charakter des ersteren anzugeben, da uns der Mittelbegriff der Vergleichung (tertium comparationis) abgeht? — Der oberste Gattungsbegriff mag der eines irdischen vernünftigen Wesens sein, so werden wir keinen Charakter desselben nennen können, weil wir von vernünftigen nicht irdischen Wesen keine Kenntniss haben, um ihre Eigenthümlichkeit angeben und so jene irdischen unter den vernünftigen überhaupt charakterisiren zu können. — Es scheint also, das Problem, den Charakter der Menschengattung anzugeben, sei schlechterdings unauflöslich; weil die Auflösung durch Vergleichung zweier Species vernünftiger Wesen durch Erfahrung angestellt sein müsste, welche die letztere uns nicht darbietet.

Es bleibt uns also, um dem Menschen im System der lebenden Natur seine Classe anzuweisen und so ihn zu charakterisiren, nichts übrig, als: dass er einen Charakter hat, den er sich selbst schafft; indem er vermögend ist, sich nach seinen von ihm selbst genommenen Zwecken zu perfectioniren; wodurch er, als mit Ver- E. Der Charakter der Gattung.

nunftfähigkeit begabtes Thier (animal rationabile), aus sich selbst ein vernünftiges Thier (animal rationale) machen kann; — wo er dann: erstlich sich selbst und seine Art erhält, zweitens sie übt, belehrt und für die häusliche Gesellschaft erzieht, drittens sie, als in ein systematisches (nach Vernunftprincipien geordnetes) für die Gesellschaft gehöriges Ganze, regiert, wobei das Charakteristische der Menschengattung, in Vergleichung mit der Idee möglicher vernünftiger Wesen auf Erden überhaupt, dieses ist: dass die Natur den Keim der Zwietracht in sie gelegt und gewollt hat, dass ihre eigene Vernunft aus dieser diejenige Eintracht, wenigstens die beständige Annäherung zu derselben, herausbringe, welch letztere zwar in der Idee der Zweck, der That nach aber die erstere (die Zwietracht) in dem Plane der Natur das Mittel einer höchsten und unerforschlichen Weisheit ist, die Perfectionirung des Menschen durch fortschreitende Cultur, wenngleich mit mancher Aufopferung der Lebensfreuden desselben, zu bewirken.

Unter den lebenden Erdbewohnern ist der Mensch durch seine technische (mit Bewusstsein verbunden mechanische) zu Handhabung der Sachen, durch seine pragmatische (andere Menschen zu seinen Absichten geschickt zu brauchen) und durch die moralische Anlage zu seinem Wesen (nach dem Freiheitsprincip unter Gesetzen gegen sich und Andere) zu handeln, von allen übrigen Naturwesen kenntlich unterschieden, und eine jede dieser drei Stufen kann für sich allein schon den Menschen zum Unterschiede von anderen Erdbewohnern charakteristisch unterscheiden.

I. Die technische Anlage. Die Fragen: ob der Mensch ursprünglich zum vierfüssigen Gange (wie Moscati, vielleicht blos zur Thesis für eine Dissertation, vorschlug) oder zum zweifüssigen bestimmt sei; — ob der Gibbon, der Orangoutang, der Chimpanse u. a. dazu bestimmt sei (worin Linne und Camper einander widerstreiten); — ob er ein frucht- oder (weil er einen häutigen Magen hat) fleischfressendes Thier sei; — ob, da er weder Klauen noch Fangzähne, folglich (ohne Vernunft) keine Waffen hat, er von Natur ein Raub- oder friedliches Thier sei? — — Die Beantwortung dieser Fragen hat keine Bedenklichkeit. Allenfalls könnte diese 254 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

noch aufgeworfen werden: ob er von Natur ein geselliges oder einsiedlerisches und nachbarschaftscheues Thier sei; wovon das Letztere wohl das Wahrscheinlichste ist.

Ein erstes Menschenpaar, schon mit völliger Ausbildung, mithin unter Nahrungsmitteln von der Natur hingestellt, wenn ihm nicht zugleich ein Naturinstin et, der uns doch in unserem jetzigen Natur zustande nicht beiwohnt, beigegeben worden, lässt sich schwerlich mit der Vorsorge der Natur für die Erhaltung der Art vereinigen. Der erste Mensch würde im ersten Teich, den er vor sich sähe, ertrinken; denn Schwimmen ist schon eine Kunst, die man lernen muss; oder er würde giftige Wurzeln und Früchte geniessen und dadurch umzukommen in beständiger Gefahr sein. Hatte aber die Natur dem ersten Menschenpaar diesen Instinct eingepflanzt, wie war es möglich, dass er ihn nicht an seine Kinder vererbte? welches doch jetzt nie geschieht.

Zwar lehren die Singvögel ihren Jungen gewisse Gesänge und pflanzen sie durch Tradition fort; so dass ein isolirter Vogel, der noch blind aus dem Neste genommen und aufgefüttert worden, nachdem er erwachsen, keinen Gesang, sondern nur einen gewissen angeborenen Organlaut hat. Wo ist aber nun der erste Gesang hergekommen*)? denn gelernt ist dieser nicht, und wäre er instinetmässig entsprungen, warum erbte er den Jungen nicht an?

*) Man kann mit dem Ritter Linne für die Archäologie der Natur die Hypothese annehmen, dass aus dem allgemeinen Meer, welches die ganze Erde bedeckte, zuerst eine Insel unter dem Aequator als ein Berg hervorgekommen, auf welchem alle klimatische Stufen der Wärme, von der des heissen am niedrigen Ufer desselben, bis zur arktischen Kalte auf seinem Gipfel, sammt den ihnen angemessenen Pflanzen und Thieren, nach und nach entstanden; das, was die Vögel aller Art betrifft, die Singvögel den angeborenen Organlaut so vielerlei verschiedener Stimmen nachahmten, und jede, soviel ihre Kehle es verstattete, mit dem anderen verbanden, wodurch eine jede Speeles sich ihren bestimmten Gesang machte, den nachher einer dem anderen durch Be- E. Der Charakter der Gattung.

Die Charakterisirung des Menschen als eines vernünftigen Thieres liegt schon in der Gestalt und Organisation seiner Hand, seiner Finger und Fingerspitzen, deren theils Bau, theils zartes Gefühl, dadurch die Natur ihn nicht für eine Art der Handhabung der Sachen, sondern unbestimmt für alle, mithin für den Gebrauch der Vernunft geschickt macht, und dadurch die technische oder Geschicklichkeitsanlage seiner Gattung als eines vernünftigen Thieres bezeichnet hat.

IL Die pragmatische Anlage der Civilisirung durch Cultur, vornehmlich der Umgangseigenschaften und der natürliche Hang seiner Art, im gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Rohigkeit der blossen Selbstgewalt herauszugehen und ein gesittetes (wenngleich noch nicht sittliches) zur Eintracht bestimmtes Wesen zu werden, ist nun eine höhere Stufe. — Er ist einer Erziehung, sowohl in Belehrung, als Zucht (Disciplin) fähig und bedürftig. Hier ist nun (mit oder gegen Rousseau) die Frage: ob der Charakter seiner Gattung ihrer Naturanlage nach sich besser bei der Rohigkeit seiner Natur, als bei den Künsten der Cultur, welche kein Ende absehen lassen, befinden werde? — Zuvörderst muss man anmerken, dass bei allen übrigen, sich selbst überlassenen Thieren jedes Individuum seine ganze Bestimmung erreicht, bei den Menschen aber allenfalls nur die Gattung; so dass sich das menschliche Geschlecht nur durch Fortschreiten, in einer Reihe unabsehlich vieler Generationen, zu einer Bestimmung empor arbeiten kann; wo das Ziel ihm doch immer noch im Prospecte bleibt, gleichwohl aber die Tendenz zu diesem Endzwecke, zwar wohl öfters gehemmt, aber nie ganz rückläufig werden kann.

III. Die moralische Anlage. Die Frage ist hier: ob der Mensch von Natur gut oder von Natur böse, oder von Natur gleich für Einen oder das Andere empfänglich sei, nachdem er in diese oder jene ihn lehrung (gleich einer Tradition) beibrachte; wie man auch sieht, dass Finken und Nachtigallen in verschiedenen Ländern auch einige Verschiedenheit in ihren Schlägen anbringen.

256 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

bildenden Hände fällt {cereus in Vitium flecti etc.) [wie Wachs biegsam in's Schlechte]. Im letzteren Falle würde die Gattung selbst keinen Charakter haben. — Aber dieser Fall widerspricht sich selbst; denn ein mit praktischem Vernunftvermögen und Bewusstsein der Freiheit seiner Willkür ausgestattetes Wesen (eine Person) sieht sich in diesem Bewusstsein, selbst mitten in den dunkelsten Vorstellungen, unter einem Pflichtgesetze und im Gefühl (welches dann das moralische heisst), dass ihm oder durch ihn Anderen recht oder unrecht geschehe. Dieses ist nun schon selbst der intelligible Charakter der Menschheit überhaupt, und insofern ist der Mensch seiner angeborenen Anlage nach (von Natur) gut. Da aber doch auch die Erfahrung zeigt, dass in ihm ein Hang zur thätigen Begehrung des Unerlaubten, ob er gleich weiss, dass es unerlaubt sei, d. i. zum Bösen sei, der sich so unausbleiblich und so früh regt, als der Mensch nur von seiner Freiheit Gebrauch zu machen anhebt, und darum als angeboren betrachtet werden kann; so ist der Mensch, seinen sensiblen Charakter nach, auch als (von Natur) böse zu beurtheilen, ohne dass sich dieses widerspricht, wenn vom Charakter der Gattung die Rede ist; weil man annehmen kann, dass die Natur -Bestimmung dieser im continuirlichen Fortschreiten zum Besseren bestehe.

Die Summe der pragmatischen Anthropologie in Ansehung der Bestimmung des Menschen und die Charakteristik seiner Ausbildung ist folgende. Der Mensch ist durch seine Vernunft bestimmt, in einer Gesellschaft mit Menschen zu sein, und in ihr sich durch Kunst und Wissenschaften zu cultiviren, zu civilisiren und zu moralisiren; wie gross auch sein thierischer Hang sein mag, sich den Anreizen der Gemächlichkeit und des Wohllebens, die er Glückseligkeit nennt, passiv zu überlassen; sondern vielmehr thätig, im Kampf mit den Hindernissen, die ihm von der Rohigkeit seiner Natur anhängen, sich der Menschheit würdig zu machen.

Der Mensch muss also zum Guten erzogen werden; der aber, welcher ihn erziehen soll, ist wieder ein Mensch, der noch in der Rohigkeit der Natur liegt und nun E. Der Charakter der Gattung.

doch dasjenige bewirken soll, was er selbst bedarf. Daher die beständige Abweichung von seiner Bestimmung mit immer wiederholten Einlenkungen zu derselben. — Wir wollen die Schwierigkeiten der Auflösung dieses Problems und die Hindernisse derselben anführen.

A.