Immanuel Kant's ANTHROPOLOGIE in pragmatischer Hinsicht.
Herausgegeben und erläutert von J. H. von Kirchmann.
Dritte Auflage.
Leipzig, 1880.
ERICH KOSCHNY.
Vorwort des Herausgebers.
[The three prefaces of the editor J. H. von Kirchmann (1869, 1872 and 1879) have been removed by SigPhi (2026): they are not Kant's text. Kirchmann notes there that the figures at the end of the paragraphs refer to his separate commentary (Erläuterungen), which is not part of this text.]
Inhalts - Verzeichniss.
Seite I. Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. 1798.
Vorrede 1 Erster Theil. Anthropologische Didaktik. Von der Art, das Innere sowohl, als das Aeussere des Menschen zu erkennen. 5 1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. 7 Vom Bewusstsein seiner selbst. § 1. 7 Vom Egoismus. § 2 8 Anmerkung. Ueber die Förmlichkeit der egoistischen Sprache 11 Von dem willkürlichen Bewusstsein seiner Von dem Beobachten seiner selbst. § 4 13 Von den Vorstellungen, die wir haben, ohne uns ihrer bewusst zu sein. § 5 16 Von der Deutlichkeit und Undeutlichkeit im Bewusstsein seiner Vorstellungen.
Von der Sinnlichkeit im Gegensatz mit dem Verstände. 8 7 23 Apologie für die Sinnlichkeit. §8—10 27 Vom Können in Ansehung des Erkenntnissvermögens überhaupt. § 10 a.. 32 Von dem künstlichen Spiel mit dem Von dem erlaubten moralischen Schein.
Vom Sinne der Betastung...41 Vom Gehör 42 Von dem Sinn des Sehens...43 Inhalts -Verzeichniss.
Seite Von den Sinnen des Geschmacks und Riechens. r 45 Allgemeine Anmerkung über die äusseren Sinne 45 Vom inneren Sinn. § 22 50 Von den Ursachen der Vermehrung oder Verminderung der Sinnenempfindungen dem Gradtf nach. § 23 52 a. Der Contrast 52 b. Die Neuigkeit 53 c. Der Wechsel 54 d. Die Steigerung bis zur Vollendung 55 Von der Hemmung, Schwächung und dem gänzlichen Verlust des Sinnenvermö- Von der Einbildungskraft. § 26.. 59 Von dem sinnlichen Dichtungsvermögen nach seinen verschiedenen Arten. § 29 68 A. Von dem sinnlichen Dichtungsvermögen der Bildung 68 B. Von dem sinnlichen Dichtungsvermögen der Beigesellung...70 C. Das sinnliche Dichtungsvermögen der Verwandtschaft 71 Von dem Vermögen der Vergegenwärtigung des Vergangenen und Zukünftigen durch die Einbildungskraft. § 32. 78 A. Vom Gedächtniss 78 B. Von dem Vorhersehungsvermögen 83 C. Von der Wahrsagergabe...85 Von der unwillkürlichem Dichtung im gesunden Zustande, d. i. vom Traume Von dem Bezeichnungsvermögen. § 89 89 Anhang 93 Vom Erkenntnissvermögen, sofern es auf Verstand gegründet wird. § 38.. 96 Anthropologische Vergleichung der drei oberen Erkenntnissvermögen mit ein- Inhalts - Verzeiehniss.
XI Seite Von den Schwächen und Krankheiten der Seele in Ansehung ihres Erkenntniss- A. Allgemeine Eintheilung 103 B. Von den Gemüthsschwächen im Erkenntnissvermögen 108 C. Von den Gemüthskrankheiten...116 Zerstreute Anmerkungen. § 51...123 Von den Talenten im Erkenntnissvermögen.
Von dem speeifischen Unterschiede des vergleichenden und des vernünftelnden A. Von dem produetiven Witze...127 B. Von der Sagacität oder der Nachforschungsgabe 130 C. Von der Originalität des Erkenntnissvermögens oder dem Genie...131 2. Buch. Vom Gefühl der Lust und Un- Eintheilung 138 Von der sinnlichen Lust. § 58—64.. 138 A. Vom Gefühl für das Angenehme, oder der sinnlichen Lust in der Empfindung eines Gegenstandes...138 Von der langen Weile und dem Kurzweil 141 B. Vom Gefühl für das Schöne, d. i. der theils sinnlichen, theils intellectuellen Lust in der reflectirten Anschauung, oder dem Geschmack.
Der Geschmack enthält eine Tendenz zur äusseren Beförderung der Mo- Anthropologische Bemerkungen über den Geschmack 156 B. Vom Kunstgeschmack 158 Von der Ueppigkeit 162 Inhalts -Verzeichniss.
Seile 3. Buch. Vom Begehr ungsvermögen. 164 Von den Affecten in Gegeneinanderstellung derselben mit der Leidenschaft. § 72. 165 Von den Affecten insbesondere. § 73 — 77 167 A. Von der Regierung des Gemüths in Ansehung der Affecten 167 B, Von den verschiedenen Affecten selbst 168 Von der Furchtsamkeit und der Tapferkeit 170 Von Affecten, die sich selbst in Ansehung ihres Zweckes schwächen 175 Von den Affecten, durch welche die Natur die Gesundheit mechanisch befördert. 177 Allgemeine Anmerkung 180 Eintheilung der Leidenschaften...185 A. Von der Freiheitsneigung als Leidenschaft 185 B. Von der Rachbegierde als Leidenschaft 188 C. Von der Neigung zum Vermögen, Einfluss überhaupt auf andere Menschen zu haben 189 a. Ehrsucht 190 b. Herrschsucht 191 c. Habsucht 192 Von der Neigung des Wahns als Leidenschaft 193 Von dem höchsten physischen Gut...195 Von dem höchsten moralisch-physischen Gut 196 Zweiter Theil. Die anthropologische Charakteristik. Von der Art, das Innere des Menschen aus dem Aeusseren zu erkennen 203 A. Vom Charakter der Person. § 87.. 205 1. Vom Naturell 206 2. Vom Temperament 206 I. Temperamente des Gefühls...208 A. Das sanguinische Temperament des Leichtblütigen 208 B. Das melancholische Temperament des Schwerblütigen...209 Inhalts -Verzeichniss. XIII Seite IL Temperamente der Thätigkeit.. 209 C. Das cholerische Temperament des Warmblütigen 209 D. Das phlegmatische Temperament des Kaltblütigen 210 III. Vom Charakter als der Denkungsart 213 Von den Eigenschaften, die blos daraus folgen, dass der Mensch einen Charakter hat oder ohne Charakter ist 214 Von der Physiognomik 217 Von der Leitung der Natur zur Physiognomik 218 Eintheilung der Physiognomik. 219 A. Von der Gesichtsbildung.. 220 B. Von dem Charakteristischen in den Gesichtszügen...222 C. Von dem Charakteristischen Zerstreute Anmerkungen...225 B. Der Charakter des Geschlechts.. 228 Zerstreute Anmerkungen...232 Pragmatische Folgerungen...235 6r. Der Charakter des Volks...239 D. Der Charakter der Race...250 E. Der Charakter der Gattung...252 Grundzüge der Schilderung des Charakters der Menschengattung.. 263 Die Vorrede Kant's. Alle Fortschritte in der Kultur, wodurch der Mensch seine Schule macht, haben das Ziel, diese erworbenen Kenntnisse und Geschicklichkeiten zum Gebrauch für die Welt anzuwenden; aber der wichtigste Gegenstand in derselben, auf den er jene verwenden kann, ist der Mensch: weil er sein eigener letzter Zweck ist. — Ihn also, seiner Species nach als mit Vernunft begabtes Erdwesen zu erkennen, verdient besonders Weltkenntniss genannt zu werden; ob er gleich nur einen Theil der Erdgeschöpfe ausmacht.
Eine Lehre von der Kenntniss des Menschen, systematisch abgefasst (Anthropologie), kann es entweder in physiologischer oder in pragmatischer Hinsicht sein. — Die physiologische Menschenkenntniss geht auf die Erforschung dessen, was die Natur aus dem Menschen macht, die pragmatische auf das, was Er, als freihandelndes Wesen, aus sich selber macht, oder machen kann und soll. — Wer den N furursachen nachgrübelt, worauf z. B. das Erinnerungsvermögen beruhen möge, kann über die im Gehirn zurückbleibenden Spuren von Eindrücken, welche die erlittenen Empfindungen hinterlassen, hin und her (nach dem Cartesius) vernünfteln, muss aber dabei gestehen, dass er in diesem Spiel seiner Vorstellungen blosser Zuschauer sei, und die Natur machen lassen muss, indem er die Gehirnnerven und Fasern nicht kennt, noch sich auf Handhabung derselben zu seiner Absicht versteht, mithin alles theoretische Vernünfteln hierüber reiner Verlust ist. — — Wenn er aber die Wahrnehmungen über das, was dem Gedächtniss hinderlich oder beförderlich befunden worden, dazu Kant, Anthropologie. 1 Anthropologie.
benutzt, um es zu erweitern oder gewandt zu machen, und liiezu die Kenntniss des Menschen braucht, so würde dieses einen Theil der Anthropologie in pragmatischer Absicht ausmachen, und das eben ist die, mit welcher wir uns hier beschäftigen. Eine solche Anthropologie, als Weltkenntniss, welche auf die Schule folgen muss, betrachtet, wird eigentlich alsdann noch nicht pragmatisch genannt, wenn sie eine ausgebreitete Erkenntniss der Sachen in der Welt, z. B. der Thiere, Pflanzen und Mineralien in verschiedenen Ländern und Klimaten, sondern wenn sie Erkenntniss des Menschen als Weltbürgers enthält. — Daher wird selbst die Kenntniss der Menschenracen als zum Spiel der Natur gehörender Produkte, noch nicht zur pragmatischen, sondern nur zur theoretischen Weltkenntniss gezählt.
Noch sind die Ausdrücke: die Welt kennen und Welt haben in ihrer Bedeutung ziemlich weit aus einander; indem der Eine nur das Spiel versteht, dem er zugesehen hat, der Andere aber mitgespielt hat. — Die sogenannte grosse Welt aber, den Stand der Vornehmen, zu beurtheilen, befindet sich der Anthropolog in einem sehr ungünstigen Standpunkte, weil diese sicli unter einander zu nahe, von Anderen aber zu weit befinden.
Zu den Mitteln der Erweiterung der Anthropologie im Umfange gehört das Reisen; sei es auch nur das Lesen der Reisebeschreibungen. Man muss aber doch vorher zu Hause, durch Umgang mit seinen Stadt- oder Landesgenossen*) sich Menschenkenntniss erworben haben, wenn man wissen will, wonach man auswärts suchen solle, um sie im grösseren Umfange zu erweitern. Ohne einen *) Eine grosse Stadt, der Mittelpunkt eines Reichs, in welchem sich die Landescollegia der Regierung desselben befinden, die eine Universität (zur Kultur der Wissenschaften) und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Innern des Landes sowohl, als auch mit angrenzenden entlegenen Ländern von verschiedenen Sprachen und Sitten einen Verkehr begünstigt, — eine solche Stadt, wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntniss, als auch der Weltkenntniss genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann.
Vorrede.
solchen Plan (der schon Menschenkenntniss voraussetzt) bleibt der Weltbürger in Ansehung seiner Anthropologie immer sehr eingeschränkt. Die Generalkenntniss geht hierin immer vor der Lokalkenntniss voraus, wenn jene durch Philosophie geordnet und geleitet werden soll, ohne welche alle erworbene Erkenntniss nichts, als fragmentarisches Herumtappen und keine Wissenschaft abgeben kann.
Allen Versuchen aber, zu einer solchen Wissenschaft mit Gründlichkeit zu gelangen, stehen erhebliche, der menschlichen Natur selber anhängende Schwierigkeiten entgegen.
1. Der Mensch, der es bemerkt, dass man ihn beobachtet und zu erforschen sucht, wird entweder verlegen (genirt) erscheinen, und da kann er sich nicht zeigen, wie er ist; oder er verstellt sich, und da will er nicht gekannt sein, wie er ist.
2. Will er auch nur sich selbst erforschen, so kommt er, vornehmlich was seinen Zustand im Affekt betrifft, der alsdann gewöhnlich keine Vorstellung zulässt, in eine kritische Lage: nämlich dass, wenn die Triebfedern in Aktion sind, er sich nicht beobachtet; und wenn er sich beobachtet, die Triebfedern ruhen.
3. Ort und Zeitumstände bewirken, wenn sie anhaltend sind, Angewöhnungen, die, wie man sagt, eine andere Natur sind und dem Menschen das Urtheil über sich selbst erschweren; wofür er sich halten, vielmehr aber noch, was er aus dem Anderen, mit dem er im Verkehr ist, sich für einen Begriff machen soll; denn die Veränderung der Lage, worein der Mensch durch sein Schicksal gesetzt ist, oder in die er sich auch, als Abenteurer, selbst setzt, erschweren es der Anthropologie sehr, sie zum Rang einer förmlichen Wissenschaft zu erheben.
Endlich sind zwar eben nicht Quellen, aber doch Hülfsmittel zur Anthropologie: Weltgeschichte, Biographien, ja Schauspiele und Romane. Denn obzwar beiden letzteren eigentlich nicht Erfahrung und Wahrheit, sondern nur Erdichtung untergelegt wird, und Uebertreibung der Charaktere und Situationen, worein Menschen gesetzt 1* Anthropologie. Vorrede.
werden, gleich als im Traumbilde aufzustellen, hier erlaubt ist, jene also nichts für die Menschenkenntniss zu lehren scheinen, so haben doch jene Charaktere, so wie sie etwa ein Eichardson oder Moliere entwarf, ihren Grundzügen nach aus der Beobachtung des wirklichen Thuns und Lassens der Menschen genommen werden müssen; weil sie zwar im Grade übertrieben, der Qualität nach aber doch mit der menschlichen Natur übereinstimmend sein müssen.
Eine systematisch entworfene und doch populär (durch Beziehung auf Beispiele, die sich dazu von jedem Leser auffinden lassen) in pragmatischer Hinsicht abgefasste Anthropologie führt den Vortheil für das lesende Publikum bei sich, dass durch die Vollständigkeit der Titel, unter welche diese oder jene menschliche, in's Praktische einschlagende, beobachtete Eigenschaft gebracht werden kann, so viel Veranlassungen und Aufforderungen demselben hiemit gegeben werden, jede besondere zu einem eigenen Thema zu machen, um sie in das ihr zugehörende Fach zu stellen, wodurch die Arbeiten in derselben sich von selbst unter die Liebhaber dieses Studiums vertheilen und durch die Einheit des Plans nachgerade zu einem Ganzen vereinigt werden, wodurch dann der Wachsthum der gemeinnützigen Wissenschaft befördert und beschleunigt wird. *) x) *) In meinem anfänglich frei übernommenen, späterhin mir als Lehramt aufgetragenen Geschäfte der reinen Philoso p Ii ie habe ich einige dreissig Jahre hindurch zwei auf Welt kennt -niss abzweckende Vorlesungen: nämlich (im Winter-) Anthropologie und (im Sommerhalbjahre) physische Geographie gehalten, welchen als populären Vorträgen beizuwohnen, auch andere Stände gerathen fanden; von deren ersterer dies das gegenwärtige Handbuch ist; von der zweiten aber ein solches, aus meiner zum Text gebrauchten, wohl keinem Anderen als mir leserlichen Handschrift zu liefern, mir jetzt für mein Alter kaum noch möglich sein dürfte.
Der Anthropologie erster Theil. Anthropologische Didaktik.
Von der Art, das Innere sowohl als das Aeussere des Menschen zu erkennen.
Erstes Buch. Vom Erkenntnissvermögen.
Vom Bewusstsein seiner selbst, f) Dass der Mensch in seiner Vorstellung das Ich haben kann, erhebt ihn unendlich über alle andere auf Erden lebende Wesen. Dadurch ist er eine Person und vermöge der Einheit des Bewusstseins, bei allen Veränderungen, die ihm zustossen mögen, eine und dieselbe Person, d. i. ein von Sachen, dergleichen die vernunftlosen Thiere sind, mit denen man nach Belieben schalten und walten kann, durch Hang und Würde ganz unterschiedenes Wesen; selbst wenn er das Ich noch nicht sprechen kann; weil er es doch in Gedanken hat; wie es alle Sprachen, wenn sie in der ersten Person reden, doch denken müssen, ob sie zwar diese Ichheit nicht durch ein besonderes Wort ausdrücken. Denn dieses Vermögen (nämlich zu denken) ist der Verstand.
Es ist aber merkwürdig, dass das Kind, was schon ziemlich fertig sprechen kann, doch ziemlich spät (vielleicht wohl ein Jahr nachher) erst anfängt, durch Ich zu reden, so lange aber von sich in der dritten Person sprach (Karl will essen, gehen u. s. w.), und dass ihm gleichsam ein Licht aufgegangen zu sein scheint, wenn es den Anfang macht, durch Ich zu sprechen; von welchem Tage an es niemals mehr in jene Sprechart zurückkehrt. — Vorher fühlte es blos sich selbst, jetzt f) § 1 — 6 sind in der 1. Ausgabe als „erster Abschnitt" bezeichnet. 3 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
denkt es sich selbst. — Die Erklärung dieses Phänomens möchte dem Anthropologen ziemlich schwer fallen.
Die Bemerkung, dass ein Kind vor dem ersten Vierteljahr nach seiner Geburt weder Weinen noch Lächeln äussert, scheint gleichfalls auf Entwicklung gewisser Vorstellungen, von Beleidigung und Unrechtthun, welche gar zur Vernunft hindeuten, zu beruhen. — Dass es den in diesem Zeitraum ihm vorgehaltenen glänzenden Gegenständen mit Augen zu folgen anhebt, ist der rohe Anfang des Fortschreitens von Wahrnehmungen (Apprehension der Empfindungsvorstellung), um sie zur Erkenntniss der Gegenstände der Sinne, d. i. der Erfahrung zu erweitern.
Dass ferner, wenn es nun zu sprechen versucht, das Radbrechen der Wörter es für Mütter und Ammen so liebenswürdig und diese geneigt macht, es beständig zu herzen und zu küssen, es auch wohl, durch Erfüllung jedes Wunsches und Willens, zum kleinen Befehlshaber zu verziehen: diese Liebenswürdigkeit des Geschöpfs, im Zeitraum seiner Entwicklung zur Menschheit, muss wohl auf Rechnung seiner Unschuld und Offenheit aller seiner noch fehlerhaften Aeusserungen, wobei noch kein Hehl und nichts Arges ist, einerseits, andererseits aber auf den natürlichen Hang der Ammen zum Wohlthun an einem Geschöpf, welches einschmeichelnd sich des Anderen Willkür gänzlich überlässt, geschrieben werden, da ihm eine Spielzeit, die glücklichste unter allen, eingewilligt wird, wobei der Erzieher dadurch, dass er sich selber gleichsam zum Kinde macht, diese Annehmlichkeit nochmals geniesst.
Diese Erinnerung seiner Kinderjahre reicht aber bei Weitem nicht bis an jene Zeit; weil sie nicht die Zeit der Erfahrungen, sondern blos zerstreuter unter den Begriff des Objects noch nicht vereinigter Wahrnehmungen war. 2) Vom Egoismus.
Von dem Tage an, wo der Mensch anfängt, durch Ich zu sprechen, bringt er sein geliebtes Selbst, wo er nur darf, zum Vorschein, und der Egoismus schreitet unaufhaltsam fort; wenn nicht offenbar (denn da widersteht ihm der Egoismus Anderer), doch verdeckt und mit scheinbarer Selbstverleugnung und vorgeblicher Bescheidenheit, um sich desto sicherer im Urtheil Anderer einen vorzüglichen Werth zu geben.
Der Egoismus kann dreierlei Anmaassungen enthalten: die des Verstandes, des Geschmackes und des praktischen Interesses, d. i. er kann logisch, oder ästhetisch, oder praktisch sein.
Der logische Egoist hält es für unnöthig, sein Urtheil auch am Verstände Anderer zu prüfen, gleich als ob er dieses Probirsteins {criterium veritatis externurri) gar nicht bedürfe. Es ist aber so gewiss, dass wir dieses Mittel, uns der Wahrheit unseres Urtheils zu versichern, nicht entbehren können, dass es vielleicht der wichtigste Grund ist, warum das gelehrte Volk so dringend nach der Freiheit der Feder schreit; weil, wenn diese verweigert wird, uns zugleich ein grosses Mittel entzogen wird, die Richtigkeit unserer eigenen Urtheile zu prüfen und wir dem Irrthum preisgegeben werden. Man sage ja nicht, dass wenigstens die Mathematik privilegirt sei, aus eigener Machtvollkommenheit abzusprechen: denn wäre nicht die wahrgenommene durchgängige Uebereinstimmung der Urtheile des Messkünstlers mit dem Urtheile aller Anderen, die sich diesem Fache mit Talent und Fleiss widmeten, vorhergegangen, so würde sie selbst der Besorgniss, irgendwo in Irrthum zu fallen, nicht entnommen sein. — Giebt es doch auch manche Fälle, wo wir sogar dem Urtheil unserer eignen Sinne allein nicht trauen, z. B. ob ein Geklingel blos in unseren Ohren, oder ob es das Hören wirklich gezogener Glocken sei, sondern noch Andere zu befragen nöthig finden, ob es ihnen nicht auch so dünke. Und ob wir gleich im Philosophiren wohl eben nicht, wie die Juristen sich auf Urtheile des Rechtserfahrenen, uns auf Anderer Urtheile zur Bestätigung unserer eigenen berufen dürfen, so würde doch ein jeder Schriftsteller der keinen Anhang findet, mit seiner öffentlich erklärten Meinung, die sonst von Wichtigkeit ist, in Verdacht des Irrthums kommen.
Eben darum ist es ein Wagestück, eine der allgemeinen Meinung, selbst der Verständigen, wider- 10 Anthropologie. I. Theil. Anthropolog. Didaktik.
streitende Behauptung ins Publikum zu spielen. Dieser Anschein des Egoismus heisst die Paradoxie. Es ist nicht eine Kühnheit, etwas auf die Gefahr, dass es unwahr sei, sondern nur, dass es bei Wenigen Eingang finden möchte, zu wagen. — Vorliebe ftir's Paradoxe ist zwar logischer Eigensinn, nicht Nachahmer von Anderen sein zu wollen, sondern als seltener Mensch zu erscheinen, statt dessen ein solcher oft nur den Seltsamen macht. Weil aber doch ein Jeder seinen eigenen Sinn haben und behaupten muss (si omnes patres sie, at ego non sie. Abaelard), so ist der Vorwurf der Paradoxie, wenn sie nicht auf Eitelkeit, sich blos unterscheiden zu wollen, gegründet ist, von keiner schlimmen Bedeutung. — Dem Paradoxen ist das Alltägige entgegengesetzt, was die gemeine Meinung auf seiner Seite hat. Aber bei diesem ist ebenso wenig Sicherheit, wo nicht noch weniger, weil es einschläfert; statt dessen das Paradoxon das Geniüth zur Aufmerksamkeit und Nachforschung erweckt, die oft zu Entdeckungen führt.
Der ästhetische Egoist ist derjenige, dem sein eigener Geschmack schon genügt, es mögen nun Andere seine Verse, Malereien, Musik u. dergl. noch so schlecht finden, tadeln oder gar verlachen. Er beraubt sich selbst des Fortschritts zum Besseren, wenn er sich mit seinem Urtheil isolirt, sich selbst Beifall klatscht und den Probirstein des Schönen der Kunst nur in sich allein sucht.
Endlich ist der moralische Egoist der, welcher alle Zwecke auf sich selbst einschränkt, der keinen Nutzen worin sieht, als in dem, was ihm nützt, auch wohl als Eudämonist, blos im Nutzen und der eigenen Glückseligkeit, nicht in der Pflichtvorstellung, den obersten Bestimmungsgrund seines Willens setzt. Denn weil jeder andere Mensch sich auch andere Begriffe von dem macht, was er zur Glückseligkeit rechnet, so ist's gerade der Egoismus, der es so weit bringt, gar keinen Probirstein des ächten Pflichtbegriffs zu haben, als welcher durchaus ein allgemein geltendes Princip sein muss. — Alle Eudämonisten sind daher praktische Egoisten.
Dem Egoismus kann nur der Pluralismus entgegengesetzt werden, d. i. die Denkungsart: sich nicht als die ganze Welt in seinem Selbst befassend, sondern 1. Buch. Vom Erkenntnissvemiögen. §. 2. als einen blossen Weltbürger zu betrachten und zu verhalten. — So viel gehört davon zur Anthropologie. Denn was diesen Unterschied nach metaphysischen Begriffen betrifft, so liegt er ganz ausser dem Felde der hier abzuhandelnden Wissenschaft. Wenn nämlich blos die Frage wäre, ob ich, als denkendes Wesen, ausser meinem Dasein noch das Dasein eines Ganzen anderer, mit mir in Gemeinschaft stehender Wesen (Welt genannt) anzunehmen Ursache habe, so ist sie nicht anthropologisch, sondern blos metaphysisch.
Anmerkung.
lieber die Förmlichkeiten der egoistischen Sprache. Die Sprache des Staatsoberhaupts zum Volk ist in unseren Zeiten gewöhnlich pluralistisch (Wir N. von Gottes Gnaden u. s. w.). Es fragt sich, ob der Sinn hiebei nicht vielmehr egoistisch, d. i. eigene Machtvollkommenheit anzeigend, und ebendasselbe bedeuten solle, was der König von Spanien mit seinem Io el Rey (Ich der König) sagt. Es scheint aber doch, dass jene Förmlichkeit der höchsten Autorität ursprünglich habe Herablassung (Wir, der König und sein Rath, oder die Staude) andeuten sollen. — Wie ist es aber zugegangen, dass die wechselseitige Anrede, welche in den alten klassischen Sprachen durch Du, f) mithin unit arisch, ausgedrückt wurde, von verschiedenen, vornehmlich germanischen Völkern pluralistisch, durch Ihr bezeichnet worden? wozu die Deutschen noch zwei eine grössere Auszeichnung der Person, mit der man spricht, andeutende Ausdrücke, nämlich den des Er und Sie (gleich als wenn es gar keine Anrede, sondern Erzählungen von Abwesenden, und zwar entweder Einem oder Mehreren wäre, erfunden haben; worauf endlich, ff) zu Vollendung aller f) 1. Ausg.: „durch Ich und Du" ff) 1. Ausg.: „durch Ihr und Sie umgewandelt worden? wozu die letztern noch einen mittleren, zur Mässigung der Herabsetzung des Angeredeten ausgedachten Ausdruck (gleich als wenn...erfunden haben; und endlich" 12 Anthropologie. I. Thcil. Anthropolog. Didaktik. Ungereimtheiten, der vorgeblichen Demüthigung unter dem Angeredeten und Erhebung des Anderen über sich, statt der Person, das Abstraktum der Qualität des Standes des Angeredeten (Ew. Gnaden, Hochgeboren, Hoch- und Wohledlen u. dgl.) in Gebrauch gekommen. — Alles vermuthlich durch das Feudalwesen, nach welchem dafür gesorgt wurde, dassf) von der königlichen Würde an durch alle Abstufungen bis dahin, wo die Menschenwürde gar aufhört und blos der Mensch bleibt, d. i. bis zu dem Stande des Leibeigenen, der allein von seinem Oberen durch Du angeredet wird, oder eines Kindes, was noch nicht einen eigenen Willen haben darf, — der Grad der Achtung, der dem Vornehmeren gebührt, ja nicht verfehlt würde. 3) Von dem willkürlichen Bewusstsein seiner Vorstellungen. Das Bestreben, sich seiner Vorstellungen bewusst zu werden, ist entweder das Aufmerken (attentio) — oder das Absehen von einer Vorstellung, deren ich mir bewusst bin (abstractio). — Das letztere ist nicht etwa blosse Unterlassung und Versäumung des ersteren (denn das wäre Zerstreuung, distractio), sondern ein wirklicher Akt des Erkenntnissvermögens, eine Vorstellung, deren ich mir bewusst bin, von der Verbindung mit anderen in einem Bewusstsein abzuhalten. — Man sagt daher nicht, etwas abstrahiren (absondern), sondern von etwas, d. i. einer Bestimmung des Gegenstandes meiner Vorstellung abstrahlen, wodurch diese die Allgemeinheit eines Begriffs erhält und so in den Verstand aufgenommen wird.
Von einer Vorstellung abstrahiren zu können, selbst wenn sie sich dem Menschen durch den Sinn aufdringt, ist ein weit grösseres Vermögen, als das zu attendiren; weil es eine Freiheit des Denkungsvermögens und die Eigenmacht des Gemüths beweist, den Zustand seiner f) „dafür gesorgt wurde, dass" Zusatz der 1. Ausg.
1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §.4. 13 Vorstellungen in seiner Gewalt zu haben (animus sui compos). — In dieser Rücksicht ist nun das Abstraktionsvermögen viel schwerer, aber auch wichtiger, als das der Attention, wenn es Vorstellungen der Sinne betrifft. Viele Menschen sind unglücklich, weil sie nicht abstrahiren können. Der Freier könnte eine gute Heirath machen, wenn er- nur über eine Warze im Gesicht oder eine Zahnlücke seiner Geliebten wegsehen könnte. Es ist aber eine besondere Unart unseres Attentionsvermögens, gerade darauf, was fehlerhaft an Anderen ist, auch unwillkürlich seine Aufmerksamkeit zu heften; seine Augen auf einen dem Gesicht gerade gegenüber am Rock fehlenden Knopf, oder die Zahnlücke, oder einen angewöhnten Sprachfehler zu richten, und den Anderen dadurch zu verwirren, sich selbst aber auch im Umgange das Spiel zu verderben. — Wenn das Hauptsächliche gut ist, so ist es nicht allein billig, sondern auch klüglich gehandelt, über das Ueble an Anderen, ja selbst unseres eigenen Glückszustandes, wegzusehen; aber dieses Vermögen, zu abstrahiren, ist eine Gemüthsstärke, welche nur durch Uebung erworben werden hann. 4) Von dem Beobachten seiner selbst.
Das Bemerken (animadvertere) ist noch nicht ein Beobachten (observare) seiner selbst. Das letztere ist eine methodische Zusammenstellung der an uns selbst gemachten Wahrnehmungen, welche den Stoff zum Tagebuch eines Beobachters seiner selbst abgiebt und leichtlich zu Schwärmerei und Wahnsinn hinführt.
Das Aufmerken {attentiö) auf sich selbst, wenn man mit Menschen zu thun hat, ist zwar nothwendig, muss aber im Umgange nicht sichtbar werden; denn da macht es entweder genirt (verlegen) oder affektirt (geschroben). Das Gegentheil von beiden ist die Ungezwungenheit (das air degage), ein Vertrauen zu sich selbst, von Anderen in seinem Anstände nicht nachtheilig beurtheiit zu werden. Der, welcher sich so stellt, als ob er sich vor dem Spiegel beurtheilen wolle, wie es 14 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
ihm lasse, oder so spricht, als ob er sich (nicht blos, als ob ein Anderer ihn) sprechen höre, ist eine Art von Schauspieler. Er will repräsentiren und erkünstelt einen Schein von seiner eigenen Person; wodurch, wenn man diese Bemühung an ihm wahrnimmt, er im Urtheil Anderer einbüsst, weil sie den Verdacht einer Absicht, zu betrügen, erregt, f) — Man nennt die Freimüthigkeit in der Manier, sich äusserlich zu zeigen, die zu keinem solchen Verdacht Anlass giebt, das natürliche Betragen (welches darum doch nicht alle schöne Kunst und Geschmacksbildung ausschliesst) ff), nnd es gefällt durch die blosse Wahrhaftigkeit in Aeusserungen. Wo aber zugleich Offenherzigkeit aus Einfalt, d. i. aus Mangel einer schon zur Regel gewordenen Verstellungskunst aus der Sprache hervorblickt, da heisst sie Nai vetät.
Die offene Art, sich zu erklären, an einem der Mannbarkeit sich nähernden Mädchen oder einem mit der städtischen Manier unbekannten Landmann, erweckt durch die Unschuld und Einfalt (die Unwissenheit in der Kunst, zu scheinen) ein fröhliches Lachen bei Denen, die in dieser Kunst schon geübt und gewitzigt sind. Nicht ein Auslachen mit Verachtung; denn man ehrt doch hiebei im Herzen die Lauterkeit und Aufrichtigkeit; sondern ein gutmüthiges liebevolles Belachen der Unerfahrenheit in der bösen, obgleich auf unsere schon verdorbene Menschennatur gegründeten Kunst, zu scheinen, die man eher beseufzen als belachen sollte, wenn man sie mit der Idee einer noch unverdorbenen Natur vergleicht.*) Es ist eine augenblickliche Fröhlichheit, wie von einem bewölkten Himmel, der sich an einer Stelle einmal öffnet, den Sonnenstrahl durchzulassen, aber sich sofort wieder zuschliesst, um der blöden Maulwurfsaugen der Selbstsucht zu schonen.
f) 1. Ausg.: „weil sie von einer Absicht, zu betrügen, Verdacht erregt".
ff) 1. Ausg.: „Wenn es übrigens doch nicht ohne schöne Kunst und Geschmacksbildung sein mag."
*) In Rücksicht auf dieses könnte man den bekannten Vers des Persius so parodiren: üaturam videant ingemiscantque relicta.
1. Buch. Vom Erkermtnissveraiögen. §. 4. Was aber die eigentliche Absicht dieses Paragraphs betrifft, nämlich die obige Warnung, sich mit der Ausspähung und gleichsam studirten Abfassung einer inneren Geschichte des unwillkürlichen Laufs seiner Gedanken und Gefühle durchaus nicht zu befassen, so geschieht sie darum, weil es der gerade Weg ist, in Kopfverwirrung vermeinter höherer Eingebungen und, ohne unser Zuthun, wer weiss woher, auf uns einfliessenden Kräfte, in Iiluminatismus ode#r Terrorismus zu gerathen. Denn unvermerkt machen wir hier vermeinte Entdeckungen von dem, was wir selbst in uns hineingetragen haben; wie eine Bourignon mit schmeichelhaften, oder ein Pascal mit schreckenden und ängstlichen Vorstellungen, in welchen Fall selbst f) ein sonst vortrefflicher Kopf, Albrecht Haller, gerieth, der bei seinem lange geführten, oft auch unterbrochenem Diarium seines Seelenzustandes zuletzt dahin gelangte, einen berühmten Theologen, seinen vormaligen akademischen Kollegen, den Dr. Less, zu befragen: ob er nicht in seinem weitläufigen Schatz der Gottesgelahrtheit Trost für seine beängstigte Seele antreffen könne.
Die verschiedenen Akte der Vorstellungskraft in mir zu beobachten, wenn ich sie herbeirufe, ist des Nachdenkens wohl werth, für Logik und Metaphysik nöthig und nützlich. — Aber sich belauschen zu wollen, so wie sie auch unge rufen von selbst in's Gemüth kommen (das geschieht durch das Spiel der unabsichtlich dichtenden Einbildungskraft), ist, weil alsdann die Principien des Denkens nicht (wie sie sollen) vorangehen, sondern hintennach folgen, eine Verkehrung der natürlichen Ordnung im Erkenntnissvermögen und ist entweder schon eine Krankheit des Gemüths (Grillenfängerei), oder führt zu derselben und zum Irrenhause. Wer von inneren Erfahrungen (von der Gnade, von Anfechtungen) viel zu erzählen weiss, mag bei seiner Entdeckungsreise zur Erforschung seiner selbst immer nur in Anticyra vorher anlanden. Denn es ist mit jenen inneren Erfahrungen nicht so bewandt, wie mit den äusseren, von Gegenständen im Raum, worin die Gegenstände neben einander und als bleibend festf) 1. Ausg.: „Pascal und selbst" 16 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
gehalten erscheinen, f) Der innere Sinn zielit die Verhältnisse seiner Bestimmungen nur in der Zeit, mithin im Fliessen, wo keine Dauerhaftigkeit der Betrachtung, die doch zur Erfahrung nothwendig ist, stattfindet, tt) 5) Von den Vorstellungen, die wir haben, ohne ihrer bewusst zu sein.
Vorstellungen zu haben und sich ihrer doch nicht bewusst zu sein, darin scheint ein Widerspruch ff) Wenn wir uns die innere Handlung (Spontaneität), wodurch ein Begriff (ein Gedanke) möglich wird, die Reflexion. die Empfänglichkeit (Receptivität), wodurch eine Wahrnehmung (perceptio), d. i. empirische Anschauung möglich wird, die Appr ehension, beide Akte aber mit Bewusstsein vorstellen, so kann das Bewusstsein seiner selbst (apperceptio) in das der Reflexion und das der Apprehension eingetheilt werden. Das erstere ist ein Bewusstsein des Verstandes, das zweite der innere Sinn; jenes die reine, dieses die empirische Apperception, da dann jene fälschlich der innere Sinn genannt wird. — In der Psychologie erforschen wir uns selbst nach unseren Vorstellungen des inneren Sinnes: in der Logik aber nach dem, was das intellectuelle Bewusstsein an die Hand giebt. — Hier scheint uns nun das Ich doppelt zu sein (welches widersprechend wäre): 1) das Ich, als Subject des Denkens (in der Logik), welches die reine Apperception bedeutet (das blos reflektirende Ich), und von welchem gar nichts weiter zu sagen, sondern das eine ganz einfache Vorstellung ist; 2) das Ich, als das Objekt der Wahrnehmung, mithin des inneren Sinnes, was eine Mannichfaltigkeit von Bestimmungen enthält, die eine innere Erfahrung möglich machen.