Speisen ist gleichsam ein Vorgeschmack f), und der Hungrige wird durch den Geruch von beliebten Speisen zum Genüsse eingeladen, so wie der Satte dadurch abgewiesen wird.
Giebt es ein Vicariat der Sinne, d. i. einen Gebrauch des einen Sinnes, um die Stelle eines anderen zu vertreten? Dem Tauben kann man, wenn er nur sonst hat hören können, durch die Geberdung, also durch die Augen desselben, die gewohnte Sprache ablocken; wozu auch die Beobachtung der Bewegung seiner Lippen gehört, ja durch das Gefühl der Betastung bewegter Lippen im Finstern kann eben dasselbe geschehen. Ist er aber taub geboren, so muss der Sinn des Sehens aus der Bewegung der Sprachorgane die Laute, die man ihm bei seiner Belehrung abgelockt hat, in ein Fühlen der eigenen Bewegung der Sprachmuskeln desselben verwandeln; wiewohl er dadurch nie zu wirklichen Begriffen kommt, weil die Zeichen, deren er dazu bedarf, keiner Allgemeinheit fähig sind. — Der Mangel eines musikalischen Gehörs, obgleich das blos physische unverletzt ist, da das Gehör zwar Laute, aber nicht Töne vernehmen, der Mensch also zwar sprechen, aber nicht singen kann, ist eine schwer zu erklärende Verkrüppelung; so wie es Leute giebt, die sehr gut sehen, aber keine Farben unterscheiden können, und denen alle Gegenstände wie im Kupferstich erscheinen.
Welcher Mangel oder Verlust eines Sinnes ist wichtiger, der des Gehörs oder des Gesichts? — Der erster e ist, wean er angeboren wäre, unter allen am wenigsten ersetzlich; ist er aber nur später, nachdem der Gebrauch der Augen, es sei zu Beobachtung des Geberdenspiels oder, noch mittelbarer, durch Lesung einer Schrift schon cultivirt worden, erfolgt, so kann ein solcher Verlust, vornehmlich bei einem Wohlhabenden, noch wohl nothdürftig durch's Gesicht ersetzt werden. Aber ein im Alter Taubgewordener vermisst dieses Mittel des Umgangs gar sehr, und so wie man viele Blinde sieht, welche gesprächig, gesellschaftlich und an der Tafel f) 1. Ausg.: „Der Geruch ist gleichsam ein Geschmack in die Ferne," fröhlich sind, so wird man schwerlich Einen, der sein Gehör verloren hat, in Gesellschaft anders als verdriesslich, misstrauisch und unzufrieden antreffen. Er sieht in den Mienen der Tischgenossen allerlei Ausdrücke von Äffect oder wenigstens Interesse und zerarbeitet sich vergeblich, ihre Bedeutung zu errathen, und ist also selbst mitten in der Gesellschaft zur Einsamkeit verdammt. 24) Noch gehört zu den beiden letzteren Sinnen (die mehr subjectiv als objectiv sind) eine Empfänglichkeit für gewisse Objecte äusserer Sinnenempfindungen von der besonderen Art, dass sie blos subjectiv sind und auf die Organe des Riechens und Schmeckens durch einen Reiz wirken, der doch weder Geruch noch Geschmack ist, sondern als die Einwirkung gewisser fixer Salze, welche die Organe zu specifischen Ausleerungen reizen, gefühlt wird, daher denn diese Objecte nicht eigentlich genossen und in die Organe innigst aufgenommen werden f), sondern nur sie berühren und bald darauf weggeschafft werden sollen, eben dadurch aber den ganzen Tag hindurch (die Essenszeit und den Schlaf ausgenommen) ohne Sättigung können gebraucht werden. — Das gemeinste Material derselben ist der Tabak, es sei, ihn zu schnupfen, oder ihn in den Mund zwischen der Backe und dem Gaumen zur Reizung des Speichels zu legen, oder auch ihn durch Pfeifenröhre, wie selbst die spanischen ff ) Frauenzimmer in Lima durch einen angezündeten Cigarro, zu rauchen. Statt des Tabaks bedienen sich die Malaien im letzteren Fall der Arekanuss in ein Betelblatt gewickelt (Betelarek), welches ebendieselbe Wirkung thut. — Dies Gelüsten (pico), abgesehen von den medicinischen Nutzen oder Schaden, den die Absonderung des Flüssigen in beiderlei Organen zur Folge haben mag, ist, als blosse Aufreizung des f) 1. Ausg.: „reizen, gefühlt, aber nicht genossen und in die Organe innigst aufgenommen werden" u. s. w. ff) 1. Ausg.: „das spanische" Kant, Anthropologie. 4 50 Anthropologie. I. Theil. Anthropolog. Didaktik.
Sinnengefühls überhaupt, gleichsam ein oft wiederholter Antrieb der Recollection der Aufmerksamkeit auf seinen Gedankenzustand, der sonst einschläfern oder durch Gleichförmigkeit und Einerleiheit langweilig sein würde; statt dessen jene Mittel sie immer stossweise wieder aufwecken. Diese Art der Unterhaltung des Menschen mit sich selbst vertritt die Stelle einer Gesellschaft; indem es die Leere der Zeit statt des Gespräches mit immer neu erregten Empfindungen und schnell vorbeigehenden, aber immer wieder erneuerten Anreizen ausfüllt.
Vom innern Sinn j).
Vom innern Sinn j).
Der innere Sinn ist nicht die reine Apperception, ein Bewustsein dessen, wass der Mensch thut, denn dieses gehört zum Denkungsvermögen, sondern was er leidet, wiefern er durch sein eigenes Gedankenspiel afficirt wird. Ihm liegt die innere Anschauung, folglich das Verhältniss der Vorstellung in der Zeit (sowie sie darin zugleich oder nach einander sind), zum Grunde. Die Wahrnehmungen desselben und die durch ihre Verknüpfung zusammengesetzte (wahre oder scheinbare) innere Erfahrung ist nicht blos anthropologisch, wo man nämlich davon absieht, ob der Mensch eine Seele (als besondere unkörperliche Substanz) habe oder nicht, sondern psychologisch, wo man eine solche in sich wahrzunehmen glaubt, und das Gemüth ff), welches als ein blosses Vermögen, zu empfinden und zu denken, vorgestellt ist, als besondere, im Menschen wohnende Substanz angesehen wird. — Da giebt es alsdann nur einen innern Sinn; weil es nicht verschiedene Organe sind, durch welche der Mensch sich innerlich empfindet, und man könnte sagen, die Seele ist das Organ des inneren Sinnes, von dem nun gesagt wird, dass er auch Täuf) 1. Ausg.: „Anhang. Vom innern Sinn." ff) 1. Ausg.: „wo man ein solches in sich...und statt des Gemüths" schlingen unterworfen ist, die darin bestehen, dass der Mensch die Erscheinungen desselben entweder für äussere Erscheinungen, d. i. Einbildungen für Empfindungen nimmt, oder aber gar für Eingebungen hält, von denen f) ein anderes Wesen, welches doch kein Gegenstand äusserer Sinne ist, die Ursache sei; wo die Illusion alsdann Schwärmerei oder auch Geisterseherei und Beides Betrug des inneren Sinnes ist. In beiden Fällen ist es Gemüthskrankheit: der Hang, das Spiel der Vorstellungen des inneren Sinnes für Erfahrungserkenntniss anzunehmen, da er doch nur eine Dichtung ist, oft auch ff) sich selbst mit einer gekünstelten Gemüthsstimmung hinzuhalten, vielleicht weil man sie für heilsam und über die Niedrigkeit der Sinnenvorstellungen erhaben hält, und mit darnach geformten Anschauungen (Träumen im Wachen) sich zu hintergehen. — Denn nachgerade hält der Mensch das, was er sich selbst vorsätzlich in's Gemüth hineingetragen hat, für etwas, das schon vorher in demselben gelegen hätte, und glaubt das, was er f f f ) sich selbst aufdrang, in den Tiefen seiner Seele nur entdeckt zu haben.
So war es mit den schwärmerisch -reizenden inneren Empfindungen einer Bourignon, oder den schwärmerischschreckenden eines Pascal be wandt. Diese Verstimmung des Gemüths kann nicht füglich durch vernünftige Vorstellungen (denn was vermögen diese wider vermeinte Anschauungen?) gehoben werden. Der Hang, in sich selbst gekehrt zu sein, kann, sammt den daher kommenden Täuschungen des inneren Sinnes, nur dadurch in Ordnung gebracht werden, dass der Mensch in die äussere Welt, und hiemit in die Ordnung der Dinge, die den äusseren Sinnen vorliegen, zurückgeführt wird f f f f ). 25) f) 1. Ausg.: „unterworfen ist, die entweder darin bestehen, dass der Mensch Erscheinungen desselben für solche hält, von denen" ff) „oft auch" Zusatz der 2. Ausg. fff) 1. Ausg.: „nachgerade glaubt ber Mensch...hat, als schon verlier in demselben belegenen, und was er" ff ff) 1. Ausg.: „des inneren Sinnes nur durch Versetzung in die äussere Welt und hiemit in die Ordnung...vorliegen in's Gleis gebracht werden."
4* 52 Anthropologie. L Theil. Anthropol. Didaktik.
Von den Ursachen der Vermehrung oder Verminderung der Sinnenempfindungen dem Grade nach f).
Die Sinnenempfindungen werden dem Grade nach vermehrt, 1) durch den Contrast, 2) die Neuigkeit, 3) den Wechsel, 4) die Steigerung ff).
a.
Der Contrast.
Abstechung (Contrast) ist die Aufmerksamkeit erregende Nebeneinanderstellung einander widerwärtiger Sinnesvorstellungen unter einem und demselben Begriffe. Sie ist vom Widerspruch unterschieden welcher in der Verbindung einander widerstreitender Begriffe steht. — Ein wohlgebautes Land in einer Sandwüste hebt die Vorstellung des ersten durch den blossen Contrast; wie die angeblich paradiesischen Gegenden in der Gegend von Damaskus in Syrien. — Das Geräusch und der Glanz eines Hofes oder auch nur einer grossen Stadt, neben dem stillen, einfältigen und doch zufriedenen Leben des Landmanns, ein Haus unter einem Strohdach, inwendig mit geschmackvollen und bequemen Zimmern anzutreffen, belebt die Vorstellung, und man weilt gern dabei; weil die Sinne dadurch gestärkt werden. Dagegen Armuth und Hoffart, prächtiger Putz einer Dame, die mit Brillanten umschimmert, und deren Wäsche unsauber ist; — oder, wie ehemals bei einem polnischen Magnaten, verschwenderisch besetzte Tafeln und dabei zahlreiche Aufwärter, aber in Bastschuhen, stehen nicht im Contrast, sondern im Widerspruch; und eine Sinnenvorstellung vernichtet oder schwächt die andere, weil sie unter einem und demselben ff) 1. Ausg.: „Sie sind 1. der Contrast, 2. die Neuigkeit. 3. der Wechsel, 4. die Steigerung."
Begriffe das Entgegengesetzte vereinigen will^ welches unmöglich ist. Doch kann man auch komisch contrastiren und einen augenscheinlichen Widerspruch im Ton der Wahrheit, oder etwas offenbar Verächtliches in der Sprache der Lobpreisung vortragen, um die Ungereimtheit noch fühlbarer zu machen, wie Fielding in seinem Jonathan Wild dem Grossen, oder Blumauer in seinem travestirten Virgil, und z. B. einen herzbeklemmenden Roman, wie Clarissa, lustig und mit Nutzen parodiren und so die Sinne stärken, dadurch, dass man sie vom Widerstreite befreit, den falsche und schädliche Begriffe ihnen beigemischt haben. 26) 6.
Die Neuigkeit.
6.
Die Neuigkeit.
Durch das Neue, wozu auch das Seltene und das verborgen Gehaltene gehört, wird die Aufmerksamkeit belebt. Denn es ist Erwerb; die Sinnenvorstellung gewinnt also dadurch mehr Stärke. Das Alltägliche oder Gewohnte löscht sie aus. Doch ist darunter nicht die Entdeckung, Berührung oder öffentliche Ausstellung eines Stück des Alterthums zu verstehen, wodurch eine Sache vergegenwärtigt wird, von der man, nach dem natürlichen Lauf der Dinge, hätte vermuthen sollen, dass die Gewalt der Zeit sie längst vernichtet hätte f). Auf einem Stück des Gemäuers des alten Theaters der Römer (in Verona oder Nismes) zu sitzen, einen Hausrath jenes Volkes aus dem alten, nach vielen Jahrhunderten unter der Lava entdeckten Herculanum in Händen zu haben, eine Münze macedonischer Könige, oder eine Gemme von der alten Sculptur vorzeigen zu können u. dergl., weckt die Sinne des Kenners zur grössten Aufmerksamkeit. Der Hang zur Erwerbung einer Kenntniss, blos ihrer Neuigkeit, Seltenheit und Verborgenheit halber, wird die Curiosität genannt. Diese Neigung, ob sie zwar nur mit Vorstellungen spielend und sonst ohne Interesse an ihrem Gegenstande f) 1. Ausg.: „welche nach dem...Dinge vom Zahn der Zeit längst aufgezehrt zu sein vermuthet sein würde."
54 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
ist, wenn sie nur nicht auf Ausspähung dessen geht, was eigentlich nur Andere interessirt, ist nicht zu tadeln. — Was aber den blossen Sinneneindruck betrifft, so macht jeder Morgen blos durch die Neuigkeit seiner Empfindungen alle Vorstellungen der Sinne (wenn diese nur sonst nicht krankhaft sind) klarer und belebter, als sie gegen Abend zu sein pflegen. 2<) c.
Der Wechsel.
c.
Der Wechsel.
Monotonie (völlige Gleichförmigkeit in Empfindungen) bewirkt endlich Atonie derselben (Ermattung der Aufmerksamkeit auf seinen Zustand), und die Sinnenempfindung wird geschwächt. Abwechselung frischt sie auf; so wie eine in eben demselben Tone, es sei geschrieene oder mit gemässigter, aber gleichförmiger Stimme abgelesene Predigt die ganze Gemeinde in Schlaf bringt. — Arbeit und Kuhe, Stadt- und Landleben, im Umgange Unterredung und Spiel, in der Einsamkeit Unterhaltung, bald mit Geschichten, bald mit? Gedichten, einmal mit Philosophie und dann mit Mathematik, stärken das Gemüth. — Es ist eben dieselbe Lebenskraft, welche das Bewusstsein der Empfindungen rege macht; aber die verschiedenen Organe derselben lösen einander in ihrer Thätigkeit ab. So ist es leichter, sich eine geraume Zeit im Gehen zu unterhalten, weil da ein Muskel (der Beine) mit dem anderen in der Ruhe wechselt, als steif auf einer und derselben Stelle stehen zu bleiben, wo einer unabgespannt eine Weile wirken muss. — Daher ist das Reisen so anlockend; nur schade, dass es bei müssigen Leuten eine Leere (die Atonie), al$ die Folge von Monotonie des häuslichen Lebens zurücklässt.
Die Natur hat es nun zwar schon selbst so geordnet, dass sich zwischen angenehmen und den Sinn unterhaltenden Empfindungen der Schmerz ungerufen einschleicht und so das Leben interessant macht. Aber absichtlich, der Abwechselung wegen, ihn beizumischen und sich wehe zu thun, sich aufwecken zu lassen, um das erneuerte Einschlafen recht zu fühlen, oder, wie in Fielding's Roman (der Findling) ein Herausgeber dieses Buches nach des Verfassers Tode noch einen letzten Theil hinzufügte, um, der Abwechselung halber, in die Ehe (womit die Geschichte schloss) noch Eifersucht hineinzubringen ist abgeschmackt; denn die Verschlimmerung eines Zustandes ist nicht Vermehrung des Interesse, welches, die Sinne daran nehmen; selbst nicht in einem Trauerspiel. Denn Beendigung ist nicht Abwechselung. 28) Die Steigerung bis zur Vollendung.
Eine continuirliche Reihe dem Grade nach verschiedener auf einander folgender Sinnesvorstellungen hat., wenn die folgende immer stärker ist als die vorhergehende, ein Aeusserstes der Anspannung (intensio), dem sich zu nähern erweckend, es zu überschreiten wiederum abspannend ist (remissio). In dem Punkte aber, der beide Zustände trennt, liegt Vollendung (maximum) der Empfindung, welche Unempfindlichkeitr mithin Leblosigkeit zur Folge hat.
Will man das Sinnenvermögen lebendig erhalten, so muss man nicht von den starken Empfindungen anfangen (denn die machen uns gegen die folgenden unempfindlich), sondern sie sich lieber anfänglich versagen und sich kärglich zumessen, um immer höher steigen zu können. Der Kanzelredner fängt in der Einleitung mit einer kalten Belehrung des Verstandes an, die zu Beherzigung eines PflichtbegrifFs hinweist, bringt hernach in die Zergliederung seines Textes ein moralisches Interesse hinein und endigt in der Application mit Bewegung aller Triebfedern der menschlichen Seele durch die Empfindungen, welche jenem Interesse Nachdruck geben können.
Junger Mann! versage dir die Befriedigung (der Lustbarkeit, der Schwelgerei, der Liebe u. dgl.), wenn auch nicht in der stoischen Absicht, ihrer gar entbehren zu wollen, sondern in der feinen Epikurischen, um einen immer noch wachsenden Genuss im Prospect zu haben. Dieses Kargen mit der Baarschaft deines Lebensgefühls macht dich durch den Aufschub des Genusses wirklich 56 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
reicher, wenn du auch dem Gebrauch derselben am Ende des Lebens grossentheils entsagt haben solltest. Das Bewustsein, den Genuss in deiner Gewalt zu haben, ist, wie alles Idealische, fruchtbarer und weiter umfassend, als Alles, was den Sinn dadurch befriedigt, dass es hiemit zugleich verzehrt wird und so von der Masse des Ganzen abgeht. 29) Von der Hemmung, Schwächung und dem gänzlichen Verlust des Sinnenvermögens.
Das Sinnenvermögen kann geschwächt, gehemmt oder gänzlich aufgehoben werden. Daher die Zustände der Trunkenheit, des Schlafs, der Ohnmacht, des Scheintodes (Asphyxie) und des wirklichen Todes f).
Die Trunkenheit ist der widernatürliche Zustand des Unvermögens, seine Sinnenvorstellungen nach Erfahrungsgesetzen zu ordnen, sofern er die Wirkung eines übermässig genommenen Geniessmittels ist.
Der Schlaf ist, der Worterklärung nach, ein Zustand des Unvermögens eines gesunden Menschen, sich der Vorstellungen durch äussere Sinne bewusst werden zu können. Hiezu die Sacherklärung zu finden, bleibt den Physiologen überlassen, welche diese Abspannung, die doch zugleich eine Sammlung der Kräfte zu erneuerter äusserer Sinnenempfindung ist (wodurch sich der Mensch gleich als neugeboren in der Welt sieht, und womit wohl ein Drittheil unserer Lebenszeit unbewusst und unbedauert dahingeht), — wenn sie können, erklären mögen.
Der widernatürliche Zustand einer Betäubung der f) Dieser Paragraph beginnt in der 1. Ausg. so: „Der Zustand des Menschen ist hiebei der des Schlafs, oder der Trunkenheit, oder der Ohnmacht, oder des wahren oder des Scheintodes." Der folgende Absatz: „Die Trunkenheit...Geniessmittels ist." fehlt in der 1. Ausg. Vgl. die erste Anm. zu §. 27.
Sinnenwerkzeuge, welche einen geringeren Grad der Aufmerksamkeit auf sich selbst, als im natürlichen zur Folge hat, ist ein Analogon der Trunkenheit, daher der aus einem festen Schlafe schnell Aufgeweckte schlaftrunken genannt wird. — Er hat noch nicht seine völlige Besinnung. — Aber auch im Wachen kann eine plötzlich Jemanden anwandelnde Verlegenheit, sich zu besinnen, was man in einem unvorhergesehenen Falle zu thun habe, als Hemmung des ordentlichen und gewöhnlichen Gebrauchs seines Reflexionsvermögens, einen Stillstand im Spiel der Sinnen Vorstellungen hervorbringen, bei dem man sagt: er ist aus der Fassuug gebracht, ausser sich (vor Freude oder Schreck), perplex, verdutzt, verblüfft, hat den Tramontano*) verloren und dergl., und dieser Zustand ist, wie ein augenblicklich anwandelnder Schlaf, der eines Sammeins seiner Sinnenempfindungen bedarf, anzusehen. Im heftigen plötzlich erregten Affect (des Schrecks, des Zorns, auch wohl der Freude) ist der Mensch, wie man sagt, ausser sich (in einer Ekstasis, wenn man sich in einer Anschauung, die nicht die der Sinne ist, begriffen zu sein glaubt), seiner selbst nicht mächtig und für den Gebrauch ässerer Sinne einige Augenblicke gleichsam gelähmt.
*) Tramontano oder Tramontana heist der Nordstern; und perder la tramontana, den Nordstern (als Leitstern der Seefahrer) verlieren heisst aus der Fassung kommen, sich nicht finden zu wissen, f ) f) Diese Anmerkung lautet in der 1. Ausgabe so: „Tramontano ist ein beschwerlicher Nordwind in Italien, so wie Sirocco ein noch schlimmerer Südostwind. — Wenn nun ein junger, ungeübter Mann in eine über seine Erwartung glänzende Gesellschaft (vornehmlich von Damen) tritt, so geräth er leicht in Verlegenheit, wovon er zu sprechen anfangen solle. Nun wäre es unschicklich, mit einer Zeitungsnachricht den Anfang zu machen; denn man sieht nicht, was ihn gerade darauf gebracht hat. Da er aber von der Strasse kommt, so ist das schlimme Wetter das beste Einleitungsmittel, und wenn*er sich auch auf dieses (z. B. den Nordwind) nicht besinnt, so sagt der Italiener: „er hat den Nordwind verloren." " 58 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Die Ohnmacht, welche auf einen Schwindel (einen schnell im Kreise wiederkehrenden und die Fassungskraft übersteigenden Wechsel vieler ungleichartiger Empfindungen) zu folgen pflegt, ist ein Vorspiel von dem Tod. Die gänzliche Hemmung dieses insgesammt ist Asphyxie, oder der Scheintod, welcher, so viel man äusserlich wahrnehmen kann, nur durch den Erfolg von dem wahren zu unterscheiden ist (wie bei Ertrunkenen, Gehenkten, im Dampf Erstickten).
Das Sterben kann kein Mensch an sich selbst erfahren (denn eine Erfahrung zu machen, dazu gehört Leben), sondern nur an Anderen wahrnehmen. Ob es schmerzhaft sei, ist aus dem Röcheln, oder den Zuckungen des Sterbenden nicht zu beurtheilen; vielmehr scheint es eine blos mechanische Reaction der Lebenskraft und vielleicht eine sanfte Empfindung des allmäligen Freiwerdens von allem Schmerz zu sein. — Die allen Menschen, selbst den unglücklichsten oder auch den weisesten natürliche Furcht vor dem Tode ist also nicht ein Grauen vor dem Sterben, sondern, wie Montaigne richtig sagt, vor dem Gedanken, gestorben (d. i. todt) zu sein, den also der Candidat des Todes nach dem Sterben noch zu haben vermeint, indem er das Cadaver, was nicht mehr er selbst ist, doch als sich selbst im düstersten Grabe oder irgend sonst wo denkt. — Die Täuschung ist hier nicht zu heben; denn sie liegt in der Natur des Denkens, als eines Sprechens zu und von sich selbst. Der Gedanke: ich bin nicht, kann gar nicht existiren; denn bin ich nicht, so kann ich mir auch nicht bewusst werden, dass ich nicht bin. Ich kann wohl sagen: ich bin nicht gesund, u. dergl. Prädicate von mir selbst verneinend denken (wie es bei allen verbis geschieht); aber in der ersten Person sprechend das Subject selbst verneinen, wobei alsdann dieses sich selbst vernichtet, ist ein Widerspruch. 30) f) Dieser Paragraph steht in der 1. Ausg. als Anfang des §. 21 (obwohl dort mit falscher Zahl zwischen §. 22 und 23) am Ende des §. 26 der vorl. Ausg.
Von der Einbildungskraft f).
Die Einbildungskraft {facultas imaginandl), als ein Vermögen der Anschauungen auch ohne Gegenwart des Gegenstandes, ist entweder productiv, d. i. ein Vermögen der ursprünglichen Darstellung des letzteren (exhibita originaria), welche also vor der Erfahrung vorhergeht, oder reproductiv, der abgeleiteten (exhibitio derivativa), welche eine vorher gehabte empirische Anschauung in's Gemüth zurückbringt. — Reine Raumesund Zeitanschauungen gehören zur erstem Darstellung; alle übrige setzen empirische Anschauungen voraus, welche, wenn sie mit dem Begriffe vom Gegenstande verbunden und also empirisches Erkenntniss wird, Erfahrung heisst. — Die Einbildungskraft, sofern sie auch unwillkürlich Einbildungen hervorbringt, heisst Phantasie. Der, welcher diese für (innere oder äussere) Erfahrungen zu halten gewohnt ist, ist ein Phantast. — Im Schlaf (einem Zustande der Gesundheit) ein unwillkürliches Spiel seiner Einbildungen zu sein, heisst träumen ff).
Die Einbildungskraft ist (mit anderen Worten entweder dichten d (productiv), oder blos zurückrufend (reproductiv). Die productive aber ist dennoch darum eben nicht schöpferisch, nämlich nicht vermögend, eine Sinnenvorstellung, die vorher unserem Sinnesvermögen nie gegeben war, hervorzubringen, sondern man kann den Stoff zu derselben immer nachweisen. Dem, der unter den sieben Farben die rothe nie gesehen hätte, kann man diese Empfindung nie fasslich machen, dem Blindgebornen aber gar keine, selbst nicht die Mittelfarbe, die aus der Vermischung zweier hervorgebracht wird; z. B. die grüne. Gelb und Blau mit einander f) In der 1. Ausgabe lautet diese Ueberschrift: „Der Sinnlichkeit im Erkenntnissvermögen zweites Kapitel. Von der Einbildungskraft."
ff) Nach diesem Absatz steht in der 1. Ausg. die Ueberschrift; „Eintheilung. " ß() Anthropologie. I. Thcil. Anthropol. Didaktik.
vermischt, geben Grün; aber die Einbildungskraft würde nicht die mindeste Vorstellung von dieser Farbe, ohne sie vermischt gesehen zu haben, hervorbringen.
Ebenso ist es mit jedem besonderen aller fünf Sinne bewandt, dass nämlich die Empfindungen aus denselben in ihrer Zusammensetzung nicht durch die Einbildungskraft können gemacht, sondern ursprünglich dem Sinnesvermögen abgelockt werden müssen. Es hat Leute gegeben, die für die Lichtvorstellung keinen grösseren Vorrath in ihrem Sehevermögen hatten, als Weiss oder Schwarz, und für die, ob sie gleich gut sehen konnten, die sichtbare Welt nur wie ein Kupferstich erschien.
Ebenso giebt es mehr Leute, als man wohl glaubt, die von guten, ja sogar äusserst feinem, aber schlechterdings nicht musikalischem Gehör sind, derer Sinn für Töne, nicht blos um sie nachzumachen (zu singen), sondern auch nur vom blosen Schall zu unterscheiden, ganz unempfänglich ist. — Ebenso mag es mit den Vorstellungen des Geschmacks und Geruchs bewandt sein, dass nämlich für manche specifische Empfindungen dieser Stoffe des Genusses der Sinn mangelt, und Einer den Anderen hierüber zu verstehen glaubt, indessen dass die Empfindungen des Einen von denen des Anderen nicht blos dem Grade nach, sondern specifisch ganz und gar unterschieden sein mögen. — Es giebt Leute, denen der Sinn des Geruchs gänzlich mangelt, die die Empfindung des Einziehens der reinen Luft durch die Nase für Geruch halten, und daher aus allen Beschreibungen, die man ihnen von dieser Art zu empfinden machen mag, nicht klug werden können; wo aber der Geruch mangelt, da fehlt es auch sehr am Geschmack, den, wo er nicht ist, zu lehren und beizubringen, vergebliche Arbeit ist. Der Hunger aber und die Befriedigung desselben (die Sättigung) ist ganz was Anderes als der Geschmack.
Wenn also gleich die Einbildungkraft eine noch so grosse Künstlerin, ja Zauberin ist, so ist sie doch nicht schöpferisch, sondern muss den Stoff zu ihren Bildungen von den Sinnen hernehmen. Diese aber sind nach den eben gemachten Erinnerungen nicht so allgemein mittheilbar als die Verstandesbegriffe. Man nennt aber (wiewohl nur uneigentlich) auch die Empfänglichkeit für Vorstellungen der Einbildungskraft in der Mittheilung bisweilen einen Sinn und sagt: dieser Mensch hat hiefür keinen Sinn, ob es zwar eine Unfähigkeit nicht des Sinnes, sondern zum Theil des Verstandes ist, mitgetheilte Vorstellungen aufzufassen und im Denken zu vereinigen. Er denkt selbst nichts bei dem, was er spricht, und Andere verstehen ihn daher auch nicht; er spricht Unsinn (non sense)\ welcher Fehler noch von dem Sinn leeren unterschieden ist, wo Gedanken so zusammengepaart werden, dass ein Anderer nicht weiss, was er daraus machen soll. — Dass das Wort Sinn (aber nur im Singular) so häufig für Gedanken gebraucht, ja wohl gar noch eine höhere Stufe, als die des Denkens ist, bezeichnen soll; dass man von einem Ausspruche sagt: es liege in ihm ein reichhaltiger oder tiefer Sinn (daher das Wort Sinnspruch), und dass man den gesunden Menschenverstand auch Gemeinsinn nennt, und ihn, obzwar dieser Ausdruck eigentlich nur die niedrigste Stufe vom Erkenntnissvermögen bezeichnet, doch obenan setzt, gründet sich darauf, das die Einbildungskraft, welche dem Verstände Stoff unterlegt, um den Begriffen desselben Inhalt (zum Erkenntnisse) zu verschaffen, vermöge der Analogie ihrer (gedichteten) Anschauungen mit wirklichen Wahrnehmungen jenen Realität zu verschaffen scheint. 31) Die Einbildungskraft*) zu erregen oder zu besänftigen, giebt es ein körperliches Mittel in dem Genüsse f ) §. 27 und 28 haben in der 1. Ausg. noch die Ueberschrift: „Von gewissen körperlichen Mitteln der Erregung oder Besänftigung der Einbildungskraft." Die folgende Anmerkung *) gehört dort zur Ueberschrift.
*) Ich übergehe hier, was nicht Mittel zu einer Absicht, sondern natürliche Folge aus der Lage ist, darein Jemand gesetzt wird, und wodurch blos seine Einbildungskraft ihn ausser Fassung bringt. Dahin gehört der Schwindel beim Herabsehen vom Rande einer steilen Höhe (allenfalls auch nur einer schmalen Brücke ohne Geländer) und die Seekrankheit. — Das Brett, worauf der sich schwach fühlende Mensch tritt, würde, wenn es auf der Erde läge, ihm keine Furcht einjagen; wenn 62 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
berauschender Genissmittel f); deren einige als Gifte die Lebenskraft schwächend (gewisse Schwämme, Porsch, wilder Bärenklau, das Chika der Peruaner und das Ava der Südseeinsulaner, das Opium); andere sie stärkend, wenigstens ihr Gefühl erhebend (wie gegohrene Getränke, Wein und Bier, oder dieser ihr geistiger Auszug, Branntwein), alle aber widernatürlich und gekünstelt sind. Der, welcher sie in solchem Uebermasse zu sich nimmt, dass er die Sinnen Vorstellungen nach Erfahrungsgesetzen zu ordnen auf eine Zeit lang unvermögend wird, heisst trunken oder berauscht; und sich willkürlich oder absichtlich in diesen Zustand versetzen, heisst sich berauschen ff). Alle diese Mittel aber sollen dazu dienen, den Menschen die Last, die ursprünglich im Leben überhaupt zu Hegen scheint, vergessen zu machen. — Die sehr ausgebreitete Neigung nnd der Einfluss desselben auf den Verstandesgebrauch verdient vorzüglich in einer pragmatischen Anthropologie in Betrachtung gezogen zu werden.
Alle stumme Berauschung, d. i. diejenige, welcher die Geselligkeit und wechselseitige Gedankenmittheilung nicht belebt, hat etwas Schädliches an sich; dergleichen es aber, als ein Steg, über einen tiefen Abgrund gelegt ist, vermag der Gedanke von der blossen Möglichkeit, fehl zu treten, so viel, dass er bei seinem Versuche wirklich in Gefahr kommt. — Die Seekrankheit (von welcher ich selbst in einer Fahrt von Pillau nach Königsberg eine Erfahrung gemacht habe, wenn man anders dieselbe eine Seefahrt nennen will), mit ihrer Anwandlung zum Erbrechen, kam, wie ich bemerkt zu haben glaube, mir blos durch die Augen, da, beim Schwanken des Schiffs aus der Kajüte gesehen, mir bald das Haff, bald die Höhe von Balga in die Augen fiel und das wiederkommende Sinken, nach dem Steigen, vermittelst der Einbildungskraft durch die Bauchmuskeln eine antiperistaltisclie Bewegung der Eingeweide reizte.
f) Statt der Worte: „Die Einbildungskraft...Geniessmittel" beginnt dieser Paragraph in der 1. Ausgb. mit den §. 24, Anm. 1 (S. 56) als Zusatz bezeichneten Worten.
ff) 1. Ausg.: „Der, welcher sie zu sich nimmt, heisst trunken, und thut er es absichtlich, betrunken."
1. Buch. Vom Erkenntniss vermögen. §. 27. 63 die vom Opium und dem Branntwein ist. Wein und Bier, wovon der erstere blos reizend, das zweite mehr nährend und, gleich einer Speise, sättigend ist, dienen zur geselligen Berauschung; wobei doch der Unterschied ist, dass die Trinkgelage mit dem letzteren mehr träumerisch verschlossen, oft auch ungeschliffen, die aber mit dem ersteren fröhlich, laut und mit Witz redselig sind.
Die Unenthaltsamkeit im gesellschaftlichen Trinken, die bis zur Benebelung der Sinne geht, ist allerdings eine Unart des Mannes, nicht blos in Ansehung der Gesellschaft, mit der man sich |uuterhält, sondern auch in Absicht auf die Selbstschätzung, wenn er aus ihr taumelnd, wenigstens nicht sicheren Tritts, oder blos lallend herausgeht. Aber es lässt sich auch Vieles zur Milderung des Urtheils über ein solches Versehen, da die Grenzlinie des Selbstbesitzes so leicht übersehen und überschritten werden kann, anführen; denn der Wirth will doch, dass der Gast durch diesen Act der Geselligkeit völlig befriedigt (ut conviva satur) herausgehe.
Die Sorgenfreiheit, und mit ihr auch wohl die Unbehutsamkeit, welche der Rausch bewirkt, ist ein täuschendes Gefühl vermehrter Lebenskraft; der Berauschte fühlt nun nicht die Hindernisse des Lebens, mit deren Ueberwältigung die Natur unablässig zu thun hat (worin auch die Gesundheit besteht), und ist glücklich in seiner Schwäche, indem die Natur in ihm wirklich bestrebt ist, durch allmälige Steigerung seiner Kräfte sein Leben stufenweise wiederherzustellen. — Weiber, Geistliche und Juden betrinken gewöhnlich sich nicht, wenigstens vermeiden sie sorgfältig allen Schein davon, weil sie bürgerlich schwach sind und Zurückaltung nöthig haben (wozu durchaus Nüchternheit erfordert wird). Denn ihr äusserer Werth beruht blos auf dem Glauben Anderer an ihre Keuschheit, Frömmigkeit und separatistische Gesetzlichkeit. Denn was das Letztere betrifft, so sind alle Separatisten, d. i. solche, die sich nicht blos einem öffentlichen Landesgesetz, sondern noch einem besonderen (sectenmässig) unterwerfen, als Sonderlinge und vorgeblich Auserlesene, der Aufmerksamkeit des Gemeinwesens und der Schärfe der Kritik vorzüglich ausgesetzt; können also auch in der Aufmerksamkeit auf i 64 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
sich selbst nicht nachlassen, weil der Rausch, der diese Behutsamkeit wegnimmt, für sie ein Skandal ist.
Vom Cato sagt sein stoischer Verehrer: Seine Tugend stärkte sich durch Wein (virtus ejus incaluit mero)t und von den alten Deutschen ein Neuerer: „Sie fassten ihre Rathschläge (zu ßeschliessung eines Krieges) beim Trunk, damit sie nicht ohne Nachdruck wären, und überlegten sie nüchtern, damit sie nicht ohne Verstand wären."