Die Sinne betrügen nicht. Dieser Satz ist die Ablehnung des wichtigsten, aber auch, genau erwogen, nichtigsten Vorwurfs, den man den Sinnen macht; und dieses darum, nicht weil sie immer richtig urtheilen, sondern weil sie gar nicht urtheilen* weshalb der Irrthum immer nur dem Verstände zur Last fällt. — Doch gereicht diesem der Sinnen schein (species apparentia, wenngleich nicht zur Rechtfertigung, doch zur Entschuldigung; wonach der Mensch fff) öfters in den Fall f) 1. Ausg.: „zuschrieb:) dass nämlich das erste Urtheil" u. s. w.
kommt, das Subjective seiner Vorstellungsart für das Objective (den entfernten Thurm, an dem er keine Ecken siebt, für rund, das Meer, dessen entfernter Theii ihm durch höhere Lichtstrahlen in's Auge fällt, für höher, als das Ufer (altum mare), den Vollmond, den er in seinem Aufgange am Horizont durch eine dunstige Luft sieht, obzwar er ihn durch denselben Sehwinkel in's Auge fasst, für entfernter, also auch für grösser, als wie er hoch am Himmel erscheint), und so Erscheinung für Erfahrung zu halten; dadurch aber in Irrthum, als einen Fehler des Verstandes, nicht den der Sinne, zu gerathen. 12) Ein Tadel, den die Logik der Sinnlichkeit entgegenwirft, ist der: dass man dem Erkenntniss, so wie es durch sie befördert wird, Seichtigkeit (Individualität, Einschränkung aufs Einzelne) vorwirft, da hingegen den Verstand, der aufs Allgemeine geht, eben darum aber zu Abstractionen sich bequemen muss, der Vorwurf der Trockenheit trifft. Die ästhetische Behandlung, deren erste Forderung Popularität ist, schlägt aber einen Weg ein, auf dem beiden Fehlern ausgebeugt werden kann.
Vom Können in Ansehung des Erkenntnissvermögens überhaupt.
Der vorhergehende Paragraph, der vom Scheinvermögen handelte, in dem, was kein Mensch kann, führt uns zur Erörterung der Begriffe vom Leichten und Schweren (leve et grave)f)7 welche, dem Buchstaben nach, im Deutschen zwar nur körperliche Beschaffenheiten und Kräfte bedeuten, dann aber, wie im Lateinischen, nach einer gewissen Analogie, das Thunliche (facüe) und Comparativ-Unthunliche ißifftcüe) bedeuten sollen; denn das Kaum - Thunliche wird doch 32 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
von einem Subject, das an dem Grade seines dazu erforderlichen Vermögens zweifelt, in gewissen Lagen und Verhältnissen desselben für subjectiv-unthunlich gehalten.
Die Leichtigkeit, etwas zu thun (promptiiudo) muss mit der Fertigkeit in solchen Handlungen {häbitus) nicht verwechselt werden. Die erstere bedeutet einen gewissen Grad des menschlichen Vermögens: — „ich kann, wenn ich will", und bezeichnet subjective Möglichkeit; die zweite die subjectiv- praktische Notwendigkeit, d. i. die Gewohnheit, mithin einen gewissen Grad des Willens, der durch den oft widerholten Gebrauch seines Vermögens erworben wird: „ich will, weil es die Pflicht gebietet". Daher kann man die Tugend nicht so erklären: sie sei die Fertigkeit in freien rechtmässigen Handlungen; denn dann wäre sie blos Mechanismus der Kraftanwendung; sondern Tugend ist die moralische Stärke in Befolgung seiner Pflicht, die niemals zur Gewohnheit werden, sondern immer ganz neu und ursprünglich aus der Denkungsart hervorgehen soll.
Das Leichte wird dem Schweren, oft aber auch dem Lästigen entgegengesetzt. Leicht ist einem Subject dasjenige, wozu ein grosser Ueberschuss seines Vermögens über die zu einer That erforderliche Kraftanwendung in ihm anzutreffen ist. Was ist leichter, als die Förmlichkeiten der Visiten, Gratulationen und Condolenzen zu begehen? Was ist aber auch einem beschäftigten Manne beschwerlicher? Es sind freundschaftliche Vexationen (Plackereien), die ein Jeder herzlich wünscht los zu werden, indess er doch auch Bedenken trägt, wider den Gebrauch zu Verstössen.
Welche Vexationen giebt es nicht in äusseren, zur Religion gezählten, eigentlich aber zur kirchlichen Form gezogenen Gebräuchen; wo gerade darin, dass sie zu nichts nützen, und in der blossen Unterwerfung der Gläubigen, sich durch Ceremonien und Observanz, Büssungen und Kasteiungen (je mehr, desto besser) geduldigt) hudeln zu lassen, das Verdienstliche der f) „geduldig" Zusatz der 2. Ausg.
Frömmigkeit gesetzt wird; indessen diese Frohndienste zwar mechanisch leicht (weil keine lasterhafte Neigung dabei aufgeopfert werden darf), aber dem Vernünftigen moralisch sehr beschwerlich und lästig fallen müssen. — Wenn daher der grosse moralische Volkslehrer sagte: „meine Gebote sind nicht schwer", so wollte er dadurch nicht sagen: sie bedürfen nur geringen f) Aufwand von Kräften, um sie zu erfüllen; denn in der That sind sie, als solche, welche reine Herzensgesinnungen fordern, das Schwerste unter Allem, was geboten werden mag; aber sie sind für einen Vernünftigen doch unendlich leichter, als Gebote einer geschäftigen Nichtsthuerei {gratis anhelare, multa agendo nihil agere), dergleichen die waren, welche das Judenthum begründete; denn das Mechanischleichte fühlt der vernünftige Mann centnerschwer, wenn er sieht, dass die darauf verwandte Mühe doch zu nichts nützt.
Etwas Schweres leicht zu machen, ist Verdienst; es als leicht vorzumalen, ob man gleich es selbst zu leisten nicht vermag, ist Betrug. Das, was leicht ist, zu thun, ist verdienstlos. Methoden und Maschinen, und unter diesen die Vertheilung unter verschiedene Künster (fabrikenmässige Arbeit) machen Vieles leicht, was mit eigenen Händen, ohne andere Werkzeuge, zu thun schwer sein würde.
Schwierigkeiten zu zeigen, ehe man die Vorschrift zur Unternehmung giebt (wie z. B. in Nachforschungen der Metaphysik), mag zwar abschrecken, aber das ist doch besser, als sie zu verhehlen. Der Alles, was er sich vornimmt, für leicht hält, ist leichtsinnig. Dem Alles, was er thut, leicht lässt, ist gewandt; so wie der, dessen Thun Mühe verräth, schwerfällig. — Die gesellige Unterhaltung (Conversation) ist ein blosses Spiel, worin Alles leicht sein und leicht lassen muss. Daher die Ceremonie (das Steife) in derselben, z. B. das feierliche Abschiednehmen nach einem Gelage, als altväterisch abgeschafft ist.
Die Gemüthsstimmung der Menschen ff) bei Unterf) 1. Ausg.: „bedürfen wenig", ff) 1. Ausg.: „Einiger". Hanf, Anthropologie.
34 Anthropologie. L Theil. Anthropol. Didaktik.
nehmung eines Geschäfts ist nach Verschiedenheit der Temperamente verschieden. Einige fangen von Schwierigkeiten und Besorgnissen an (Melancholische), bei Anderen ist die Hoffnung und vermeinte Leichtigkeit der Ausführung das Erste, was ihnen in die Gedanken kommt (Sanguinische).
Was ist aber von dem ruhmredigen Ausspruche der Kraftmänner, der nicht auf blossem Temperament gegründet ist, zu halten: „was der Mensch will, das kann er?" Er ist nichts weiter, als eine hochtönende Tautologie; was er nämlich auf das Geheiss seiner moralischgebietendeu Vernunft will, das soll er, folglich kann er es auch thun (denn das Unmögliche wird ihm die Vernunft nicht gebieten). Es gab aber vor einigen Jahren solche Gecken, die das auch im physischen Sinne von sich priesen und sich so als Weltbestürmer ankündigten, deren t) Race aber vorlängst ausgegangen ist.
Endlich macht das Gewohntwerden (consuetudo) ff), da nämlich Empfindungen von eben derselben Art, durch ihre lange Dauer ohne Abwechselung, die Aufmerksamkeit von den Sinnen abziehen und man sich ihrer kaum mehr bewusst ist, zwar die Ertragung fff) der Uebel leicht (die man alsdann fälschlich mit dem Namen einer Tugend, nämlich der Geduld beehrt), aber auch das Bewusstsein und die Erinnerung des empfangenen Guten schwerer, welches dann gemeiniglich zum Undank (einer wirklichen Untugend) führt, ff tt) Aber die Angewohnheit (assuetiulo ttttt) ist eine physische innere Nöthigung, nach derselben Weise ferner zu verfahren, wie man bis dahin verfahren hat. Sie benimmt selbst den guten Handlungen eben dadurch ihren moralischen Werth, weil sie der Freiheit des Gef) 1. Ausg.: „Sinne als Weltbestürmer von sich priesen, deren" ff) 1. Ausg.: „assuefaclio': fff) 1. Ausg.: „bewusst ist; was dann die Ertragung der Uebel leicht macht" ff ff) 1. Ausg.: „schwerer, mithin gemeiniglich Undank macht (welches eine Untugend)", ttttt) 1« Ausg.: yctssuefactio" 1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §.11. 35 müths Abbruch thut und überdies zu gedankenlosen Wiederholungen ebendesselben Acts f) (Monotonie) führt und dadurch lächerlich wird. — Angewöhnte Flickwörter (Phrasen zu blosser Ausfüllung der Leere an Gedanken) machen den Zuhörer unaufhörlich besorgt; das Sprüchelchen wiederum hören zu müssen, und den Redner zur Sprachmaschine. Die Ursache der Erregung des Ekels, den die Angewohnheit eines anderen in uns erregt, ist, weil das Thier hier gar zu sehr aus dem Menschen hervorspringt, das instinctmässig nach der Regel der Angewöhnung, gleich als eine andere (nichtmenschliche) Natur geleitet wird und so Gefahr läuft, mit dem Vieh in eine und dieselbe Klasse zu gerathen. — Doch können gewisse Angewöhnungen absichtlich geschehen und eingeräumt werden, wenn nämlich die Natur der freien Willkür ihre Hülfe versagt, z. B. im Alter sich an die Zeit des Essens und Trinkens, die Qualität und Quantität desselben, oder auch des Schlafs zu gewöhnen und so allmälig mechanisch zu werden; aber das gilt nur als Ausnahme und im Nothfall. In der Regel ist alle Angewohnheit verwerflich. 13) Von dem künstlichen Spiel mit dem Sinnenschein.
Das Blendwerk, welches durch Sinnenvorstellungen dem Verstände gemacht wird (praestigiae), kann natürlich oder auch künstlich sein, und ist entweder Täuschung (illusio) oder Betrug (/raus). — Dasjenige Blendwerk, wodurch man genöthigt wird, etwas auf das Zeugniss der Augen für wirklich zu halten, ob es zwar von eben demselben Subject durch seinen Verstand für unmöglich erklärt wird, heisst Augenverblendniss (praestigiae ft)« Illusion ist dasjenige Blendwerk, welches bleibt, ob man gleich weiss, dass der vermeinte Gegenstand nicht wirklich ist. — Dieses Spiel des Gemüths mit t) „Acts" fehlt in der 1. Ausg. ff) 1. Ausg.: „fascinatio" 3* 36 Anthropologie I. Theil. Anthropol. Didatik.
dem Sinnenschein ist sehr angenehm und unterhaltend, wie z. B. die perspectivische Zeichnung des Inneren eines Tempels, oder wie Raphael Mengs von dem Gemälde der Schule der Peripatetiker (mich däucht von Corregio) sagt: „dass, wenn man sie lange ansieht, sie zu gehen scheinen"; oder wie eine im Stadthaus von Amsterdam gemalte Treppe mit halbgeöffneter Thür Jeden verleitet, an ihr hinaufzusteigen u. dgl.
Betrug aber der Sinne ist: wenn, sobald man weiss, wie es mit dem Gegenstande beschaffen ist, auch der Schein sogleich aufhört. Dergleichen sind die Taschenspielerkünste von allerlei Art. — Kleidung, deren Farbe zum Gesicht vortheilhaft absticht, ist Illusion; Schminke aber Betrug. Durch die erstere wird man verleitet durch die zweite geäfft, daher kommt es auch, dass man mit Farben bemalte Statuen menschlicher oder thierischer Gestalten nicht leiden mag; indem man jeden Augenblick betrogen wird, sie für lebend zu halten, so oft sie unversehens zu Gesichte kommen.
Bezauberung (fascinatiö) in einem sonst gesunden Gemüthszustande ist ein Blendwerk der Sinne, von dem man sagt, dass es nicht mit natürlichen Dingen zugehe; weil das Urtheil, dass ein Gegenstand (oder eine Beschaffenheit desselben) sei; bei darauf verwandter Attention, mit dem Urtheil, dass er nicht (oder anders gestaltet) sei, unwiderstehlich wechselt, — der Sinn also sich selbst zu widersprechen scheint. Wie ein Vogel, der gegen den Spiegel, indem er sich selbst sieht, flattert und ihn bald für einen wirklichen Vogel, bald nicht dafür hält. Dieses Spiel mit Menschen, dass sie ihren eigenen Sinnen nicht trauen, findet vornehmlich bei Solchen statt, die durch Leidenschaft stark angezogen werdeu. Dem Verliebten, der (nach Helvetius) seine Geliebte in den Armen eines Anderen sah, konnte diese, die es ihm schlechthin ableugnete, sagen: „Treuloser, du liebst mich nicht mehr, du glaubst mehr, was du siehst, als was ich dir sage." — Gröber, wenigstens schädlicher war der Betrug, den die Bauchredner, die Gassnere, dieMesmerianer u. dgl. vermeinte Schwarzkünstler verübten. Man nannte vor Alters die armen unwissenden Weiber, die so etwas Uebernatürliches zu thun vermeinten, Hexen, und noch in diesem Jahrhundert war der Glaube darin nicht völlig ausgerottet.*) Es scheint, das Gefühl der Verwunderung über etwas Unerhörtes habe an sich selbst viel Anlockendes für den Schwachen; nicht blos, weil ihm auf einmal neue Aussichten eröffnet werden, sondern weil er dadurch von dem ihm lästigen Gebrauch der Vernunft losgesprochen zu sein, dagegen Andere in der Unwissenheit sich gleich zu machen verleitet wird. 14) Von dem erlaubten moralischen Schein.
Die Menschen sind insgesammt, je civilisirter, desto mehr Schauspieler; sie nehmen den Schein der Zuneigung, der Achtung vor Anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgend Jemand dadurch zu betrügen; weil ein jeder Anderer, dass es hiemit eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist, und es ist auch sehr gut, dass es so in der Welt zugeht. Denn dadurch, dass Menschen diese Rolle spielen, werden zuletzt die Tugenden, deren Schein sie eine geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach und nach *) Ein protestantischer Geistlicher in Schottland sagte noch in diesem Jahrhunderte in dem Verhör über einen solchen Fall als Zeuge zum Richter: „Mein Herr, ich versichere euch auf meine priesterliche Ehre, dass dieses Weib eine Hexe ist;" worauf der Letztere erwiderte: „Und ich versichere euch auf meine richterliche Ehre, dass ihr kein Hexenmeister seid." — Das jetzt deutsch gewordene Wort Hexe kommt von den Anfangsworten der Messformel bei Einweihung der Hostie her, welche der Gläubige mit leiblichen Augen als eine kleine Scheibe Brot sieht, nach Aussprechung derselben aber mit geistigen Augen als den Leib eines Menschen zu sehen verbunden wird. Denn die Wörter hoc est haben zuerst das Wort corpus hinzugethan, wo hoc est corpus sprechen in hocuspocus machen verändert wurde; vermuthlich aus frommer Scheu, den rechten Namen zu nennen und zu profaniren; wie es Abergläubische bei unnatürlichen Gegenständen zu thun pflegen, um sich daran nicht zu vergreifen.
38 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
wohl erweckt und gehen in die Gesinnung über. — Aber den Betrüger in uns selbst, die Neigung, zu betrügen, ist wiederum Rückkehr zum Gehorsam unter das Gesetz der Tugend, und nicht Betrug, sondern schuldlose Täuschung unserer selbst.
So ist die Anekelung seiner eigenen Existenz, aus der Leerheit des Gemüths an Empfindungen, zu denen es unaufhörlich strebt, der langen Weile, wobei man doch zugleich ein Gewicht der Trägheit fühlt, d. i. f) des Ueberdrusses an aller Beschäftigung, die Arbeit heissen und jenen Ekel vertreiben könnte, weil sie mit Beschwerden verbunden ist, ein höchst widriges Gefühl, dessen Ursache keine andere ist, als die natürliche Neigung zur Gemächlichkeit (einer Ruhe, vor der keine Ermüdung vorhergeht). — Diese Neigung ist aber betrügerisch, selbst in Ansehung der Zwecke, welche die Vernunft dem Menschen zum Gesetz macht, um mit sich selbst zufrieden zu sein, wenn er gar nichts thut (zwecklos vegetirt), weil er da doch nichts Böses thut. Sie also wieder zu betrügen (welches durch das Spiel mit schönen Künsten, am meisten aber durch gesellige Unterhaltung geschehen kann), heisst die Zeit vertreiben (tempus /allere)] wo der Ausdruck schon die Absicht andeutet, nämlich die Neigung zur geschäftlosen Ruhe selbst zu betrügen, wenn durch schöne Künste das Gemüth spielend unterhalten, ja auch nur durch ein blosses an sich zweckloses Spiel in einem friedlichen Kampfe wenigstens Cultur des Gemüths bewirkt wird; widrigenfalls es heissen würde, die Zeit tödten. — — Mit Gewalt ist wider die Sinnlichkeit in den Neigungen nichts ausgerichtet; man muss sie überlisten, und, wie Swift sagt, dem Wallfisch eine Tonne zum Spiel hingeben, um das Schiff zu retten.
Die Natur hat den Hang, sich gern täuschen zu lassen, dem Menschen weislich eingepflanzt, selbst um die Tugend zu retten oder doch zu ihr hinzuleiten. Der gute ehrbare Anstand ist ein äusserer Schein, der Anderen Achtung einflösst (sich nicht gemein zu f) 1. Ausg.: „die lange Weile, doch auch zugleich der Trägheit, d. i.u machen). Zwar würde das Frauenzimmer damit schlecht zufrieden sein, wenn das männliche Geschlecht ihren Reizen nicht zu huldigen schiene. Aber Sittsamkeit (pudicitia), ein Selbstzwang, der die Leidenschaft versteckt, ist doch als Illusion sehr heilsam, um zwischen einem und dem anderen Geschlecht den Abstand zu bewirken, der nöthig ist, um nicht das eine zum blossen Werkzeuge des Genusses des anderen herabzuwürdigen. — Ueberhaupt ist Alles, was man Wohlanständigkeit (decorum) nennt, von derselben Art, nämlich nichts als schöner Schein.
Höflichkeit (Politesse) ist ein Schein der Herablassung, der Liebe einflösst. Die Verbeugungen (Complimente) und die ganze höfische Galanterie, sammt den heissesten Freundschaftsversicherungen mit Worten, sind zwar nicht eben immer Wahrheit (meine lieben Freunde, es giebt keinen Freund! Aristoteles), aber sie betrügen darum doch auch nicht, weil ein Jeder weiss, wofür er sie nehmen soll, und dann vornehmlich darum, weil diese anfänglich leeren Zeichen des Wohlwollens und der Achtung nach und nach zu wirklichen Gesinnungen dieser Art hinleiten.
Alle menschliche Tugend im Verkehr ist Scheidemünze; ein Kind ist Der, welcher sie für ächtes Gold nimmt. — Es ist doch aber besser, Scheidemünze, als gar kein solches Mittel im Umlauf zu haben, und endlich kann es doch, wenngleich mit ansehnlichem Verlust, in baares Gold umgesetzt werden. Sie für lauter Spielmarken, die gar keinen Werth haben, auszugeben, mit dem sarkastischen Swift zu sagen: „die Ehrlichkeit ist ein Paar Schuhe, die im Kothe ausgetreten worden" u. s. w., oder mit dem Prediger Hofstede, in seinem Angriff aur Marmontel's Beiisar, selbst einen Sokrates zu verleumden, um ja zu verhindern, dass irgend Jemand an die Tugend glaube, ist ein an der Menschheit verübter Hochverrath. Selbst der Schein des Guten an Anderen muss uns werth sein; weil aus diesem Spiel mit Verteilungen, welche Achtung erwerben, ohne sie vielleicht zu verdienen, endlich wohl Ernst werden kann. — Nur der Schein des Guten in uns selbst muss ohne Verschonen weggewischt und der Schleier, womit die Eigenliebe unsere moralischen Gebrechen verdeckt, ab- 40 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
gerissen werden; weil der Schein da betrügt, wo man durch das, was ohne allen moralischen Gehalt ist, die Tilgung seiner Schuld oder gar, in Wegwerfung desselben, die Ueberredung, nichts schuldig zu sein, sich vorspiegelt, z. B. wenn die Bereuung der Uebelthaten am Ende des Lebens für wirkliche Besserung oder vorsätzliche Uebertretung als menschliche Schwachheit vorgemalt wird. 15) Von den fünf Sinnen.
Die Sinnlichkeit im Erkenntnissvermögen (das Vermögen der Vorstellungen in der Anschauung) enthält zwei Stücke: den Sinn und die Einbildungskraft. — Das erstere ist das Vermögen der Anschauung in der Gegenwart des Gegenstandes, das zweite auch ohne die Gegenwart desselben. — Die Sinne aber werden wiederum in die äusseren und den inneren Sinn (sensus externus, internus) eingetheilt; der erstere ist der, wo der menschliche Körper durch körperliche Dinge, der zweite, wo er durch's Gemüth afficirt wird; wobei zu merken ist, dass der letztere als blosses Wahrnehmungsvermögen (der empirischen Anschauung) vom Gefühl der Lust und Unlust, d. i. der Empfänglichkeit des Subjects, durch gewisse Vorstellungen zur Erhaltung oder Abwehrung des Zustandes dieser Vorstellungen bestimmt zu werden, verschieden gedacht wird, den man den inwendigen Sinn (sensus interior) nennen könnte. — Eine Vorstellung durch den Sinn, deren man sich als einer solchen bewusst ist, heisst besonders Sensation, wenn die Empfindung zugleich Aufmerksamkeit auf den Zustand des Subjects erregt.16) Man kann zuerst die Sinne der Körperempfindnng in den der Vitalempfindung (sensus vagus) und die der Organempfindung (sensus ftxus) und, da sie insgesammt nur da, wo Nerven sind, angetroffen werden, in diejenigen eintheilen, welche das ganze System der Nerven oder nur den zu einem gewissen Gliede des Körpers gehörenden Nerven afficiren. — Die Empfindung der Wärme und Kälte, selbst die, welche durch's Gemüth erregt wird (z. B. durch schnell wachsende Hoffnung oder Furcht), gehört zum Vitalsinn. Der Schauer, der den Menschen selbst bei der Vorstellung des Erhabenen überläuft, und das Gräuseln, womit Ammenmärchen in später Abendzeit die Kinder zu Bette jagen, sind von der letzteren Art; sie durchdringen den Körper, so weit als in |hm Leben ist.
Der Organsinne aber können füglich nicht mehr oder weniger als fünf aufgezählt werden, sofern sie sich auf äussere Empfindung beziehen.
Drei derselben aber sind mehr objectiv als subjectiv, d. i. sie tragen, als empirische Anschauung, mehr zur Erkenntniss des äusseren Gegenstandes bei, als sie das Bewusstsein des afficirten Organs rege machen; — zwei aber sind mehr subjectiv als objectiv, d. i. die Vorstellung durch dieselbe ist mehr die des Genusses als der Erkenntniss des äusseren Gegenstandes; daher man sich über die ersteren mit Anderen leicht einverständigen kann, in Ansehung der letzteren aber, bei einerlei äusserer empirischer Anschauung und Benennung des Gegenstandes, die Art, wie das Subject sich von ihm afficirt fühlt, ganz verschieden sein kann.
Die Sinne von der ersteren Klasse sind 1) der der Betastung (tactus), 2) des Gesichts (visus), 3) des Gehörs (auditus). -— Von der zweiten a) des Geschmacks (gusius), b) des Geruchs {plfactus)\ insgesammt lauter Sinne der Organempfindung, gleichsam so vieler äusserer, von der Natur für das Thier zum Unterscheiden der Gegenstände zubereiteter Eingänge. 17) Vom Sinne der Betastung.
Der Sinn der Betastung liegt in den Fingerspitzen und den Nervenwärzchen (papülae) derselben, um durch die Berührung der Oberfläche eines festen Körpers die Gestalt desselben zu erkundigen. — Die Natur scheint 42 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
allein dem Menschen dieses Organ angewiesen zu haben, damit er durch Betastung von allen Seiten sich einen Begriff von der Gestalt eines Körpers machen könne; denn die Fühlhörner der Insecten scheinen nur die Gegenwart desselben, nicht die Erkundigung der Gestalt zur Absicht zu haben. — Dieser Sinn ist auch der einzige von unmittelbarer äusserer Wahrnehmung; eben darum auch der wichtigste und am sichersten belehrende, dennoch aber der gröbste; weil die Materie fest sein muss, von deren Oberfläche der Gestalt nach wir durch Berührung belehrt werden sollen, (Von der Vitalempfindung, ob die Oberfläche f) sanft oder unsanft, viel weniger noch, ob sie warm oder kalt anzufühlen sei, ist hier nicht die Rede.) — Ohne diesen Organsinn würden wir uns von einer körperlichen Gestalt gar keinen Begriff machen können, auf deren Wahrnehmung also die beiden anderen Sinne der ersten Klasse ursprünglich bezogen werden müssen, um Erfahrungskenntniss zu verschaffen. 1S) Vom Gehör.
Vom Gehör.
Der Sinn des Gehörs ist einer der Sinne von blos mittelbarer Wahrnehmung. — Durch die Luft, die uns umgiebt, und vermittelst derselben wird ein entfernter Gegenstand in grossem Umfange erkannt, und durch eben dieses Mittel, welches durch das Stimmorgan, den Mund, in Bewegung gesetzt wird ff), können sich Menschen am leichtesten und vollständigsten mit Anderen in Gemeinschaft der Gedanken und Empfindungen bringen, vornehmlich wenn die Laute, die Jeder den Anderen hören lässt, artikulirt sind und in ihrer gesetzlichen Verbindung durch den Verstand eine Sprache ausmachen. Die Gestalt des Gegenstandes wird durch's Gehör nicht gegeben und die Sprachlaute führen nicht unmittelbar zur Vorstellung desselben, sind aber eben darum, und f) 1. Ausg.: „sie ff) 1. Ausg.: „dessen Gebrauch durch das Stimmorgan, den Mund, geschieht".
weil sie an sich nichts, wenigstens keine Objecte, sondern allenfalls nur innere Gefühle bedeuten, die geschicktesten Mittel der Bezeichnung der Begriffe, und Taubgeborne, die eben darum auch stumm (ohne Sprache) bleiben müssen, können nie zu etwas Mehrerem als einem Analogon der Vernunft gelangen.
Was aber den Vitalsinn betrifft, so wird dieser durch Musik, als ein regelmässiges Spiel von Empfindungen des Gehörs, unbeschreiblich lebhaft und mannichfaltig nicht blos bewegt, sondern auch gestärkt, welche also gleichsam eine Sprache blosser Empfindungen (ohne alle Begriffe) ist. Die Laute sind hier Töne, und dasjenige für's Gehör, was die Farben für's Gesicht sind: eine Mittheilung der Gefühle in die Ferne in einem Raum umher an Alle, die sich darin befinden, und ein gesellschaftlicher Genuss, der dadurch nicht vermindert wird, dass Viele an ihm theilnehmen. 19) Von dem Sinn des Sehens.
Auch das Gesicht ist ein Sinn der mittelbaren Empfindung durch eine, nur für ein gewisses Organ (die Augen) empfindbare, bewegte Materie, durch Licht, welches nicht, wie der Schall, blos eine wellenartige Bewegung eines flüssigen Elements ist, die sich im Räume umher nach allen Seiten verbreitet, sondern eine Ausströmung, durch welche ein Punkt für das Object im Räume bestimmt wird f), und vermittelst dessen uns das Weltgebäude in einem so unermesslichen Umfange bekannt wird, dass, vornehmlich bei selbstleuchtenden Himmelskörpern, wenn wir ihre Entfernung mit unseren f) In der 1. Ausg. beginnt dieser §. so: „Gleichfalls ein Sinn der mittelbaren Empfindung durch eine...Licht, welches eine Ausströmung ist, nicht, wie der Schall, blos eine wellenartige Bewegung des unendlich gröberen Flüssigen (der Luft), welche sich...verbreitet, sondern dadurch ein Punkt für das Object in demselben bestimmt wird" u. s. w.
44 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Maasstäben hier auf Erden vergleichen, wir über die Zahlenreihe ermüden und dabei fast mehr Ursache haben, über die zarte Fmpfindsamkeit dieses Organs in Ansehung der Wahrnehmung so geschwächter Eindrücke zu erstaunen, als über die Grösse des Gegenstandes (des Weltgebäudes), vornehmlich wenn man die Welt im Kleinen, so wie sie uns vermittelst der Mikroskopien vor Augen gestellt wird, z. B. bei den Infusionstierchen, dazunimmt. — Der Sinn des Gesichts ist, wenngleich nicht unentbehrlicher als der des Gehörs, doch der edelste; weil er sich unter allen am meisten von dem der Betastung, als der eingeschränktesten Bedingung der Wahrnehmungen, entfernt und nicht allein die grösste Sphäre derselben im Räume enthält, sondern auch sein Organ am wenigsten afficirt fühlt (weil es sonst nicht blosses Sehen sein würde), hiemit also einer reinen Anschauung (der unmittelbaren Vorstellung des gegebenen Objects ohne beigemischte merkliche Empfindung) näher kommt. 20) Diese drei äusseren Sinne leiten durch Reflexion das Subject zum Erkenntniss des Gegenstandes als eines Dinges ausser uns. — Wenn aber die Empfindung so stark wird, dass das Bewusstsein der Bewegung des Organs stärker wird als das der Beziehung auf ein äusseres Object, so werden äussere Vorstellungen in innere verwaudelt. — Das Glatte oder Rauhe in Anfühlbaren bemerken, ist ganz was Anderes, als die Figur des äusseren Körpers dadurch erkundigen. Ebenso: wenn das Sprechen Anderer so stark ist, dass Einem, wie man sagt, die Ohren davon weh thun, oder wenn Jemand, welcher aus einem dunkelen Gemach in den hellen Sonnenschein tritt, mit den Augen blinzelt, so wird der Letzte durch zu starke oder plötzliche Erleuchtung auf einige Augenblicke blind, der Erste durch kreischende Stimme taub, d. i. Beide können vor der Heftigkeit der Sinnesempfindung nicht zum Begriff vom Object kommen, sondern ihre Aufmerksamkeit ist blos an die subjective Vorstellung, nämlich die Veränderung des Organs geheftet. 21) Von den Sinnen des Geschmacks und des Riechens.
Die Sinne des Geschmacks und des Geruchs sind beide mehr subjectiv als objectiv; der ersteref) in der Berührung des Organs der Zunge, des Schlundes und der Gaumen durch den äusseren Gegenstand, der zweite durch Einziehung der mit der Luft vermischten fremden Ausdünstungen, wobei der Körper, der sie ausströmt, selbst vom Organ entfernt sein kann, ff) Beide sind einander nahe verwandt, und wem der Geruch mangelt, der hat jederzeit nur einen stumpfen Geschmack. — Man kann; sagen, dass beide durch Salze (fixe und flüchtige), deren die eine durch Flüssigkeit im Munde, die andere durch die Luft aufgelöst sein müssen, afficirt werden, welche in das Organ eindringen müssen, um diesem ihre specifische Empfindung zukommen zu lassen. 22) Allgemeine Anmerkung über die äusseren Sinne.
Man kann die Empfindungen der äusseren Sinne in die des mechanischen und des chemischen Einflusses eintheilen. Zu den mechanisch einfliessenden gehören die drei obersten, zu denen von chemischem Einfluss die zwei niederen Sinne. Jene sind Sinne der Wahrnehmung (oberflächlich), diese des Genusses (innigste Einnehmung). — Daher kommt es, dass der Ekel, ein Anreiz, sich des Genossenen durch den kürzesten Weg des Speisekanals zu entledigen (sich zu erbrechen), als eine so starke Vitalempfindung den Menschen beigegeben worden, weil jene innigliche Einnehmung dem Thiere gefährlich werden kann.
Weil es aber auch einen Geistesgenuss giebt, der in der Mittheilung der Gedanken besteht, das Gemüth aber diesen, wenn er uns aufgedrungen wird und doch f) 1. Ausg.: „§. 18. Beide sind mehr subjectiv...der erstere (des Geschmacks)".
ff) „wobei — kann". Zusatz der 2. Ausg.
46 Anthropologie. I. Theii Anthropol. Didaktik.^ als Geistesnahrung für uns nicht gedeihlich ist, widerlich findet (wie z. B. die Wiederholung immer einerlei witzig oder lustig sein sollender Einfälle uns selbst durch diese Einerleiheit ungedeihlich werden kann), so wird der Instinct der Natur, seiner los zu werden f), der Analogie wegen, gleichfals Ekel genannt; ob er gleich zum inneren Sinne gehört.
Geruch ist gleichsam ein Geschmack in die Ferne, und Andere werden gezwungen, mit zu gemessen, sie mögen wollen oder nicht, und darum ist er, als der Freiheit zuwider, weniger gesellig als der Geschmack, wo, unter vielen Schüsseln oder Bouteillen, der Gast eine nach seiner Behaglichkeit wählen kann, ohne dass Andere genöthigt werden, davon mitzugeniessen. — Schmutz scheint nicht sowohl durch das Widrige für's Auge und die Zunge, als vielmehr durch den davon zu vermuthenden Gestank Ekel zu erwecken. Denn die Einnehmung durch den Geruch (in die Lungen) ist noch inniglicher als die durch die einsaugenden Gefässe des Mundes oder des Schlundes.
Je stärker die Sinne, bei eben demselben Grade des auf sie geschehenen Einflusses, sich afficirt fühlen, desto weniger lehren sie. Umgekehrt: wenn sie viel lehren sollen, müssen sie mässig afficiren. Im stärksten Licht sieht (unterscheidet) man nichts, und eine stentorisch angestrengte Stimme betäubt (unterdrückt das Denken).
Je empfänglicher der Vitalsinn für Eindrücke ist (je zärtlicher und empfindlicher), desto unglücklicher ist der Mensch; je empfänglicher für den Organsinn (empfindsamer), dagegen abgehärteter für den Vitalsinn der Mensch ist, desto glücklicher ist erft); — ich sage i f) 1. Ausg.: „Weil es aber auch...nicht gedeihlich ist (wie z. B. die Wiederholung immer einerlei witzig oder lustig sein sollender Einfälle), uns selbst durch diese Einlerleiheit ungedeihlich werden kann, so wird der Instinct der Natur, ihrer los zu werden" u. s. w.
tt) 1- Ausg.: „Je empfänglicher...desto unglücklicher, je empfänglicher für den Organsinn, dagegen abgehärteter für den Vitalsinn der Mensch ist (empfindsamer), desto glücklicher ist er;" glücklicher, nicht eben moralisch -besser; — denn er hat das Gefühl seines Wohlseins mehr in seiner Gewalt. Die Empfindungsfähigkeit aus Stärke {sensibilitas stehnica) kann man zarte Empfindsamkeit, die aus Schwäche des Subjects, dem Eindringen der Sinneneinflüsse in's Bewusstsein nicht hinreichend widerstehen zu können, d. i. wider Willen darauf zu attendiren, zärtliche Empfindlichkeit {sensibilitas astehnica) nennen*23) Fragen.
Fragen.
Welcher Organsinn ist der undankbarste und scheint auch der entbehrlichste zu sein? Der des Geruchs. Es belohnt nicht, ihn zu cultiviren, oder wohl gar zu verfeinern, um zu gemessen; denn es giebt mehr Gegenstände des Ekels (vornehmlich in volkreicheren Oertern) als der Annehmlichkeit, die er verschaffen kann, und der Genuss durch diesen Sinn kann immer auch nur flüchtig und vorübergehend sein, wenn er vergnügen soll. — Aber als negative Bedingung des Wohlseins, um nicht schädliche Luft (den Ofendunst, den Gestank der Moräste und Aeserf) einzuathmen, oder auch faulende Sachen zur Nahrung zu brauchen, ist dieser Sinn nicht unwichtig. — Eben dieselbe Wichtigkeit hat auch der zweite Genusssinn, nämlich der Sinn des Geschmacks, aber mit dem ihm eigenthümlichen Vorzuge, dass dieser die Geselligkeit im Geniessen befördert, was der vorige nicht thut, überdies auch, dass er schon bei der Pforte des Einganges der Speisen in den Darmkanal die Gedeihlichkeit derselben zum Voraus beurtheilt; denn diese ist mit der Annehmlichkeit in diesem Genüsse, als einer ziemlich sicheren Vorhersagung der letzteren wohl verbunden, wenn Ueppigkeit und Schwelgerei den Sinn nur nicht verkünstelt hat. — Worauf der Appetit bei Kranken fällt, das pflegt ihnen auch gemeiniglich, gleich einer Arznei, gedeihlich zu sein. — Der Geruch der f) 1. Ausg.: „Ofendunst, die der Moräste und Anger verfaulter Thiere."
48 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.