Das einzige allgemeine Merkmal der Verrücktheit ist der Verlust des Gemeinsinnes {sensus communis) und der dagegen eintretende logische Eigensinn {sensus privatus), z. B. ein Mensch sieht am hellen Tage auf seinem Tisch ein brennendes Licht, was doch ein dabei stehender Anderer nicht sieht, oder hört eine Stimme, die kein Anderer hört. Denn es ist ein subjectiv-nothwendiger Probirstein der Richtigkeit unserer Urtheile überhaupt, und also auch der Gesundheit unseres Verstandes, dass wir diesen auch an den Verstand Anderer halten, nicht aber uns mit dem unsrigen isoliren, und mit unserer Privatvorstellung doch gleichsam öffentlich urtheilen. Daher das Verbot der Bücher, die blos auf theoretische Meinungen gestellt sind (vornehmlich, wenn sie aufs gesetzliche Thun und Lassen gar nicht Einfluss haben), die Menschheit beleidigt. Denn man nimmt uns ja dadurch, wo nicht das einzige, doch das grösste und brauchbarste Mittel unserer eigenen Gedanken zu berichtigen, welches dadurch geschieht, dass wir sie öffentlich aufstellen, um zu sehen, ob sie auch mit dem Verstände Anderer zusammenpassen, weil sonst etwas blos Subjectives (z. B. Gewohnheit oder 126 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik, Neigung) leichtlich für objectiv würde gehalten werden; als worin gerade der Schein besteht, von dem man sagt, er betrügt, oder vielmehr, wodurch man verleitet wird, in der Anwendung einer Regel sich selbst zu betrügen. — Der, welcher sich an diesen Probirstein gar nicht kehrt, sondern es sich in den Kopf setzt, den Privatsinn, ohne oder selbst wider den Gemeinsinn schon für gültig anzuerkennen, ist einem Gedankenspiel hingegeben, wobei er nicht in einer mit Anderen gemeinsamen Welt, sondern (wie im Traum) in seiner eigenen sich sieht, verfährt und urtheilt. — Bisweilen kann es doch blos an den Ausdrücken liegen, wodurch ein sonst helldenkender Kopf seine äusseren Wahrnehmungen Anderen mittheilen will, dass sie nicht mit dem Princip des Gemeinsinnes zusammenstimmen wollen, und er auf seinem Sinne beharret. So hatte der geistvolle Verfasser der Oceana, Harrington, die Grille, dass seine Ausdünstungen (effluvia) in Form der Fliegen von seiner Haut absprängen. Es können dieses aber wohl elektrische Wirkungen auf einen mit diesem Stoff überladenen Körper gewesen sein; wovon man auch sonst Erfahrung gehabt haben will, und er hat damit vielleicht nur eine Aehnlichkeit seines Gefühls mit diesem Absprunge, nicht das Sehen dieser Fliegen andeuten wollen.
Die Verrückung mit Wuth (rabies), einem Affecte des Zorns (gegen einen wahren oder eingebildeten Gegenstand), welcher ihn gegen alle Eindrücke von aussen unempfindlich macht, ist nur eine Spielart der Störung, die öfters schreckhafter aussieht, als sie in ihren Folgen ist, welche, wie der Paroxysmus in einer hitzigen Krankheit, nicht sowohl im Gemüth gewurzelt, als vielmehr durch materielle Ursachen erregt wird und oft durch den Arzt mit einer Gabe gehoben werden kann. 52) Von den Talenten im Erkenntnissvermögen.
Unter Talent (Naturgabe) versteht man diejenige Vorzüglichkeit des Erkenntnissvermögens, welche nicht von der Unterweisung, sondern der natürlichen Anlage des Subjects abhängt. Sie sind der productive Witz {ingenium strictius s> materialiter dictum), dieSagacität und die Originalität im Denken (das Genie).
Der Witz ist entweder der vergleichende {Ingenium comparans), oder der vernünftelnde Witz (ingenium argutans). Der Witz paart (assimilirt) heterogene Vorstellungen, die oft nach dem Gesetze der Einbildungskraft (der Association) weit auseinanderliegen, und ist ein eigenthümliches Verähnlichungsvermögen, welches dem Verstände (als dem Vermögen der Erkenntniss des Allgemeinen), sofern er die Gegenstände unter Gattungen bringt, angehört. Er bedarf nachher der Urtheilskraft, um das Besondere unter dem Allgemeinen zu bestimmen und das Denkungsvermögen zum Erkennen anzuwenden. — Witzig (im Reden oder Schreiben) zu sein, kann durch den Mechanismus der Schule und ihren Zwang nicht erlernt werden, sondern gehört, als ein besonderes Talent, zur Liberalität der Sinnesart in der wechselseitigen Gedankenmittheilung (veniam damus petimusque vicissim); einer schwer zu erldärenden Eigenschaft des Verstandes überhaupt, — gleichsam seiner Gefälligkeit, die mit der Strenge der Urtheilskraft (Judicium discretivum) in der Anwendung des Allgemeinen auf das Besondere (der Gattungsbegriffe auf die der Species) contrastirt, als welche das Assimilationsvermögen sowohl als auch den Hang dazu einschränkt.
Von dem specifischen Unterschiede des vergleichenden und des vernünftelnden Witzes.
Ä.
Von dem productiven Witze.
Es ist angenehm, beliebt und aufmunternd, Aehnlichkeiten unter ungleichartigen Dingen aufzufinden und so, was der Witz thut, für den Verstand Stoff zu geben, um seine Begriffe allgemein zu machen. Urtheilskraft dagegen, welche die Begriffe einschränkt und mehr zur 128 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Berichtigung als zur Erweiterung derselben beiträgt, wird zwar in allen Ehren genannt und empfohlen, ist aber ernsthaft, strenge und in Ansehung der Freiheit zu denken einschränkend, eben darum aber unbeliebt. Des vergleichenden Witzes Thun und Lassen ist mehr Spiel; das der Urtheilskraft aber mehr Geschäft. — Jener ist eher eine Blüthe der Jugend, diese mehr eine reife Frucht des Alters. — Der im höheren Grade in einem Geistesproduct beide verbindet, ist sinnreich (perspiöax).
Witz hascht nach Einfällen; Urtheilskraft strebt nach Einsichten. Bedachtsamkeit ist eine Burgemeistert ugen d (die Stadt, unter dem Oberbefehl der Burg, nach gegebenen Gesetzen zu schützen und zu verwalten). Dagegen kühn (hardi), mit Beiseitesetzung der Bedenklichkeiten der Urtheilskraft, absprechen, wurde dem grossen Verfasser des Naturystems Buffon von seinen Landsleuten zum Verdienst angerechnet, ob es zwar als Wagestück ziemlich nach Unbescheidenheit (Frivolität) aussieht. — Der Witz geht mehr nach der Brühe, die Urtheilskraft nach der Nahrung. Die Jagd auf Witzwörter (bo?is?nois), wie sie der Abt Trublet reichlich aufstellte und den Witz dabei auf die Folter spannte, macht seichte Köpfe, oder ekelt den gründlichen nachgerade an. Er ist erfinderisch in Moden, d. i. den angenommenen Verhaltungsregeln, die nur durch die Neuheit gefallen und, ehe sie Gebrauch werden, gegen andere Formen, die ebenso vorübergehend sind, ausgetauscht werden müssen.
Der Witz mit Wortspielen ist schal, leere Grübelei (Mikrologie) der Urtheilskraft aber pedantisch. Launigter Witz heisst ein solcher, der aus der Stimmung des Kopfs zum Paradoxen hervorgeht, wo hinter dem treuherzigen Ton der Einfalt doch der (durchtriebene) Schalk hervorblickt, Jemanden (oder auch seine Meinung) zum Gelächter aufzustellen; indem das Gegentheil des Beifallswürdigen mit scheinbaren Lobsprüchen erhoben wird (Persifflage), z. B. Swift's „Kunst, in der Poesie zu kriechen", oder Butt ler 's Hudibras; ein solcher Witz, das Verächtliche durch den Contrast noch verächtlicher zu machen, ist durch die Ueberraschung des Unerwarteten sehr aufmunternd, aber doch immer nur ein Spiel und leichter Witz (wie der des Voltaire); dagegen der, welcher wahre und wichtige Grundsätze in der Einkleidung aufstellt (wie Young in seinen Satiren), ein centnerschwerer Witz genannt werden kann, weil es ein Geschäft ist und mehr Bewunderung als Belustigung erregt.
Ein Sprichwort (proverbium) ist kein Witz wort (bon mot)] denn es ist eine gemein gewordene Formel, welche einen Gedanken ausdrückt, der durch Nachahmung fortgepflanzt wird und im Munde des Ersten wohl ein Witzwort gewesen sein kann. Durch Sprichwörter reden, ist daher die Sprache des Pöbels und beweist den gänzlichen Mangel des Witzes im Umgange mit der feineren Welt.
Gründlichkeit ist zwar nicht eine Sache des Witzes; aber sofern dieser durch das Bildliche, was er den Gedanken anhängt, ein Vehikel oder eine Hülle für die Vernunft und deren Handhabung für ihre moralischpraktischen Ideen sein kann, lässt sich ein gründlicher Witz (zum Unterschiede des seichten) denken. Als eine von den, wie es heisst, bewunderungswürdigen Sentenzen Samuel Johnson's über Weiber, wird die in Waller's Leben angeführt: „er lobte ohne Zweifel Viele, die er zu heirathen sich würde gescheut haben, und heirathete vielleicht Eine, die er sich geschämt haben würde, zu loben". Das Spielende der Antithese macht hier das ganze Bewundernswürdige aus; die Vernunft gewinnt dadurch nichts. — Wo es aber auf streitige Fragen für die Vernunft ankam, da konnte sein Freund Boswell keinen von ihm so unablässig gesuchten Orakelspruch herauslocken, der den mindesten Witz verrathen hätte; sondern Alles, was er über die Zweifler im Punkte der Religion, oder des Rechts einer Regierung, oder auch nur die menschliche Freiheit überhaupt herausbrachte, fiel, bei seinem natürlichen und durch Verwöhnung von Schmeichlern eingewurzelten Despotismus des Absprechens, auf plumpe Grobheit hinaus, die seine Verehrer Rauhigkeit*) zu nennen belieben; die aber *) Boswell erzählt, dass, da ein gewisser Lord in seiner Gegenwart sein Bedauern äusserte, dass Johnson nicht eine Kant, Anthropologie. 9 130 Anthropologie. I. Theil Anthropol. Didaktik.
sein grosses Unvermögen eines in demselben Gedanken mit Gründlichkeit vereinigten Witzes bewies. — Auch scheinen die Männer von Einflüsse, die seinen Freunden kein Gehör gaben, welche ihn als ein für's Parlament ausnehmend taugliches Glied vorschlugen, sein Talent wohl gewürdigt zu haben. — Denn der Witz, der zur Abfassung des Wörterbuchs einer Spraehe zureicht, langt darum noch nicht zu, Vernunftideen, die zur Einsicht in wichtigen Geschäften erforderlich sind, zu erwecken und zu beleben. Bescheidenheit tritt von selbst in das Gemütli Dessen ein, der sich hierzu berufen sieht, und Misstrauen in seine Talente, für sich allein nicht zu entscheiden, sondern Anderer Urtheile (allenfalls unbemerkt) auch mit in Anschlag zu bringen, war eine Eigenschaft, die Johnson nie anwandelte.:>:i B.
Von der Sagacität oder Nachforschungsgabe.
Um etwas zu entdecken (was entweder in uns selbst oder anderwärts verborgen liegt), dazu gehört in vielen Fällen ein besonderes Talent, Bescheid zu wissen, wie man gut suchen soll; eine Naturgabe, vorläufig zu urth eilen (Judicii praetrii), wo die Wahrheit wohl zu finden sein möchte, den Dingen auf die Spur zu kommen und die kleinsten Anlässe der Verwandtschaft zu benutzen, um das Gesuchte zu entdecken oder zu erfinden. Die Logik der Schulen lehrt uns nichts hierüber. Aber ein Baco von Verulam gab ein glänzendes Beispiel an seinem Organon von der Methode, wie durch Experimente die verborgene Beschaffenheit der Naturdinge könne aufgedeckt werden. Aber selbst dieses feinere Erziehung gehabt hätte, Baretti gesagt habe: »Nein, nein, Mylord! Sie hätten mit ihm machen mögen, was Sie gewollt, er wäre immer ein Bär geblieben". Doch wohl ein Tanzbär? sagte der Andere, welches ein Dritter, sein Freund, dadurch zu mildern vermeinte, dass er sagte: rEr hat nichts vom Bären, als das Fell".
Beispiel reicht nicht zu, eine Belehrung nach bestimmten Regeln zu geben, wie man mit Glück suchen solle, denn man muss immer hiebei etwas zuerst voraussetzen (von einer Hypothese anfangen), von da man seinen Gang antreten will, und das muss nach Principien, gewissen Anzeigen zufolge, geschehen, und darin liegt's eben, wie man diese auswittern soll. Denn blind, auf gut Glück, da man über einen Stein stolpert und eine Erzstufe findet, hiemit auch einen Erzgang entdeckt, es zu wagen, ist wohl eine schlechte Anweisung zum Nachforschen. Dennoch giebt es Leute f) von einem Talent, gleichsam mit der Wünschelruthe in der Hand den Schätzen der Erkenntniss auf die Spur zu kommen, ohne dass sie es gelernt haben; was sie denn auch Andere nicht lehren, sondern es ihnen nur vormachen können; weil es eine Naturgabe ist. 54) C.
Von der Originalität des Erkenntnissvermögens oder dem Genie.
Etwas erfinden, ist ganz was Anderes, als etwas entdecken. Denn die Sache, welche man entdeckt, wird als vorher schon existirend angenommen, nur dass sie noch nicht bekannt war, z. B. Amerika vor dem Columbus; was man aber erfindet, z. B. das Schiesspulver, war vor dem Künstler *), der es machte, noch gar nicht bekannt. Beides kann Verdienst *) Das Schiesspulver war lange vor des Mönchs Schwarz Zeit schon in der Belagerung von Algeziras gebraucht worden, und die Erfindung desselben scheint den Chinesen anzugehören. Es kann aber doch sein, dass jener Deutsche, der dieses Pulver in seine Hände bekam, Versuche zur Zergliederung desselben (z. B. durch Auslaugen des darin befindlichen Salpeters, Abschwemmung der Kohle und Verbrennung des Schwefels) machte, und so es entdeckt, obgleich nicht erfunden hat.
9* 132 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
sein. Man kann aber etwas finden, was man gar nicht sucht (wie der Goldkoch den Phosphor), und da ist es auch kein Verdienst. — Nun heisst das Talent zum Erfinden das Genie. Man legt aber diesen Namen immer nur einem Künstler bei, also Dem, der etwas zu machen versteht, nicht Dem, der blos Vieles kennt und weiss; aber auch nicht einem blos nachahmenden, sondern einem seine Werke ursprünglich hervorzubringen aufgelegten Künstler; endlich auch diesem nur, wenn sein Product musterhaft ist, d. i. wenn er es verdient, als Beispiel (exemplar) nachgeahmt zu werden. — Also ist das Genie eines Menschen „die musterhafte Originalität seines Talents" (in Ansehung dieser oder jener Art von Kunstproducten). Man nennt aber auch einen Kopf, der die Anlage dazu hat, ein Genie; da alsdann dieses Wort nicht blos die Naturgabe einer Person, sondern auch die Person selbst bedeuten soll. — In vielen Fächern Genie zu sein, ist ein vastes Genie wie Leonardo da Vinci).
Das eigentliche Feld für das Genie ist das der Einbildungskraft; weil diese schöpferisch ist und weniger als andere Vermögen unter dem Zwange der Regeln steht, dadurch aber der Originalität desto fähiger ist. — Der Mechanismus der Unterweisung, weil diese jederzeit den Schülern zur Nachahmung nöthig, ist dem Aufkeimen eines Genies, nämlich was seine Originalität betrifft, zwar allerdings nachtheilig. Aber jede Kunst bedarf doch gewisser mechanischer Grundregeln, nämlich der Angemessenheit des Products zur untergelegten Idee, d. i. Wahrheit in der Darstellung des Gegenstandes, der gedacht wird. Das muss nun mit Schulstrenge gelernt werden und ist allerdings eine Wirkung der Nachahmung. Die Einbildungskraft aber auch von diesem Zwange zu befreien, und das eigenthümliche Talent, sogar der Natur zuwider, regellos verfahren und schwärmen zu lassen, würde vielleicht originale Tollheit abgeben; die aber freilich nicht musterhaft sein und also auch nicht zum Genie gezählt werden würde.
Geist ist das belebende Princip im Menschen. In der französischen Sprache führen Geist und Witz einerlei Namen, esprit. Im Deutschen ist es anders. Man sagt: eine Rede, eine Schrift, eine Dame in Ge- Seilschaft u. s. w. ist schön, aber ohne Geist. Der Vorrath von Witz macht es hier nicht aus; denn man kann sich auch diesen verekeln, weil seine Wirkung nichts Bleibendes hinterlässt. Wenn alle jene obgenannte Sachen und Personen geistvoll heissen sollen, so müssen sie ein Interesse erregen und zwar durch Ideen. Denn das setzt die Einbildungskraft in Bewegung, welche für dergleichen Begriffe einen grossen Spielraum vor sich sieht. Wie wäre es also: wenn wir das französische Wort genie mit dem deutschen eigenthümlicher Geist ausdrückten; denn unsere Nation lässt sich bereden, die Franzosen hätten ein Wort dafür aus ihrer eigenen Sprache, dergleichen wir in der unserigen nicht hätten, sondern von ihnen borgen müssten, da sie es doch selbst aus dem Lateinischen (genius) geborgt haben, welches nicht Anderes als einen eigenthümlichen Geist bedeutet.
Die Ursache aber, weswegen die musterhafte Originalität des Talents mit diesem mystischen Namen benannt wird, ist, weil Der, welcher dieses hat, die Ausbrüche desselben sich nicht erklären, oder auch, wie er zu einer Kunst komme, die er nicht hat erlernen können, sich selbst nicht begreiflich machen kann. Denn Unsichtbarkeit (der Ursache zu einer Wirkung) ist ein Nebenbegriff vom Geiste (einem genius, der dem Talentvollen schon in seiner Geburt beigesellt worden), dessen Eingebung gleichsam er nur folgt. Die Gemüthskräfte aber müssen hiebei vermittelst der Einbildungskraft harmonisch bewegt werden; weil sie sonst nicht beleben, sondern sich einander stören würden, und das muss durch die Natur des Subjects geschehen; weshalb man Genie auch das Talent nennen kann, „durch welches die Natur der Kunst die Regel giebt".
Ob der Welt durch grosse Genies im Ganzen sonderlich gedient sei, weil sie doch oft neue Wege einschlagen und neue Aussichten eröffnen, oder ob mechanische Köpfe, wenn sie gleich nicht Epoche machten, mit ihren alltäglichen, langsam am Stecken und Stabe der Erfahrung fortschreitenden Verstände nicht das Meiste zum Wachs- 134 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
thum der Künste und Wissenschaften beigetragen haben, indem sie, wenngleich Keiner von ihnen Bewunderung erregte, doch auch keine Unordnung stifteten, mag hier unerörtert bleiben. — Aber ein Schlag von ihnen, Geniemänner (besser Geniealfen) genannt, hat sich unter jenem Aushängeschilde mit eingedrängt, welcher die Sprache ausserordentlich von der Natur begünstigter Köpfe führt, das mühsame Lernen und Forschen für stümperhaft erklärt, und den Geist aller Wissenschaft mit einem Griffe gehascht zu haben, ihn aber in kleinen Gaben concentrirt und kraftvoll zu reichen vorgiebt. Dieser Schlag ist, wie der der Quacksalber und Marktschreier, den Fortschritten in wissenschaftlicher und sittlicher Bildung sehr nachtheilig, wenn er über Religion, Staatsverhältnisse und Moral, gleich dem Eingeweihten oder Machthaber, vom Weisheitssitze herab im entscheidenden Tone abspricht und so die Armseligkeit des Geistes zu verdecken weiss. Was ist hiewider Anderes zu thun, als zu lachen und seinen Gang mit Fleiss, Ordnung und Klarheit geduldig fortzusetzen, ohne auf jene Gaukler Rücksicht zu nehmen?
Das Genie scheint auch, nach der Verschiedenheit des Nationalschlages und des Bodens, dem es angeboren ist, verschiedene ursprüngliche Keime in sich zu haben und sie verschiedentlich zu entwickeln. Es schlägt bei den Deutschen mehr in die Wurzel, bei den Italienern in die Krone, bei den Franzosen in die Blüthe, und bei den Engländern in die Frucht.
Noch ist der allgemeine Kopf (der alle verschiedenartige Wissenschaften befasst) vom Genie, als dem erfinderischen, unterschieden. Der erstere kann es in demjenigen sein, was gelernt werden kann; nämlich der die historische Erkenntniss von dem, was in Ansehung aller Wissenschaften bisher gethan ist, besitzt (Polyhistor), wie Jul. Cäs. Scaliger. Der letztere ist der Mann, nicht sowohl von grossem Umfange des Geistes, als intensiver Grösse desselben, in allem Epoche zu machen, was er unternimmt (wie Newton, Leibniz). Der architektonische, der den Zusammen- 1. Buch. Vom Erkenntniss vermögen. §. 57. 135 hang aller Wissenschaften, und wie sie einander unterstützen, methodisch einsieht, ist nur subalternes, aber doch nicht gemeines Genie. — Es giebt aber auch gigantische Gelehrsamkeit, die doch oft cyklopisch ist, der nämlich ein Auge fehlt: nämlich das der wahren Philosophie, um diese Menge des historischen Wissens, die Fracht von hundert Kameelen, durch die Vernunft zweckmässig zu benutzen.
Die blossen Naturalisten des Kopfs (eleves de la nature, Autodidacti) können in manchen Fällen auch für Genies gelten, weil sie, ob sie zwar Manches, was sie wissen, von Anderen hätten lernen können, für sich selbst ausgedacht haben und in dem, was an sich keine Sache des Genies ist, doch Genies sind: wie es, was mechanische Künste betrifft, in der Schweiz Manche giebt, welche in diesen Künsten Erfinder sind; aber ein frühkluges Wunderkind (ingenium praecox), wie in Lübeck Hein ecke oder in Halle Bar ati er, von ephemerischer Existenz, sind Abschweifungen der Natur von ihrer Regel, Raritäten für's Naturalienkabinet, und lassen ihre überfrühe Zeitigung zwar bewundern, aber oft auch von Denen, die sie beförderten, im Grunde bereuen. 55) Weil am Ende der ganze Gebrauch des Erkenntnissvermögens zu seiner eigenen Beförderung, selbst im theoretischen Erkenntnisse, doch der Vernunft bedarf, welche die Regel giebt, nach welcher es allein befördert werden kann; so kann man den Anspruch, den die Vernunft an dasselbe macht, in die drei Fragen zusammenfassen, welche nach den drei Facultäten desselben gestellt sind: Was will ich? (fragt der Verstand)*), Worauf kommt's an? (fragt die Urtheilskraft), Was kommt heraus? (fragt die Vernunft). Die Köpfe sind in der Fähigkeit der Beantwortung aller dieser drei Fragen sehr verschieden. — Die erste erfordert nur einen klaren Kopf, sich selbst zu verstehen; *) Das Wollen wird hier blos im theoretischen Sinne verstanden: Was will ich als wahr behaupten?
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und diese Naturgabe ist, bei einiger Kultur, ziemlich gemein; vornehmlich wenn man darauf aufmerksam macht. — Die zweite treffend zu beantworten, ist weit seltener; denn es bieten sich vielerlei Arten der Bestimmung des vorliegenden Begriffs und der scheinbaren Auflösung der Aufgabe dar; welche ist nun die einzige, die dieser genau angemessen ist? (z. B. in Processen oder in Beginnen gewisser Handlungsplane zu demselben Zwecke). Hiezu giebt es ein Talent der Auswahl des in einem gewissen Falle gerade Zutreffenden (Judicium discretivum), welches sehr erwünscht, aber auch sehr selten ist. Der Advocat, der mit viel Gründen ausgezogen kommt, die seine Behauptung bewähren sollen, beschwert dem Richter sehr seine Sentenz, weil er selbst nur herumtappt; weiss er aber nach der Erklärung dessen, was er will, den Punkt zu treffen (denn der ist nur ein einziger), worauf es ankommt, so ist es kurz abgemacht, und der Spruch der Vernunft folgt von selbst.
Der Verstand ist positiv und vertreibt die Finster -niss der Unwissenheit, — die Urtheilskraft mehr negativ zur Verhütung der Irrthümer aus dem dämmernden Lichte, darin die Gegenstände erscheinen. — Die Vernunft verstopft die Quelle der Irrthümer (die Vorurtheile) und sichert hiemit den Verstand durch die Allgemeinheit der Principien. — Büchergelehrsamkeit vermehrt zwar die Kenntnisse, aber erweitert nicht den Begriff und die Einsicht, wo nicht Vernunft dazukommt. Diese ist aber noch vom Vernünfteln, dem. Spiel mit blossen Versuchen im Gebrauche der Vernunft ohne ein Gesetz derselben, unterschieden. Wenn die Frage ist: ob ich Gespenster glauben soll? so kann ich über die Möglichkeit derselben auf allerlei Art vernünfteln; aber die Vernunft verbietet, abergläubisch, d. i. ohne ein Princip der -Erklärung des Phänomens nach Erfahrungsgesetzen die Möglichkeit desselben anzunehmen.
Durch die grosse Verschiedenheit der Köpfe, in der Art, wie sie ebendieselben Gegenstände, imgleichen sich unter einander ansehen, durch das Reiben derselben an einander und die Verbindung derselben sowohl als ihre Trennung bewirkt die Natur ein sehenswürdiges Schauspiel auf der Bühne der Beobachter und Denker von unendlich verschiedener Art. Für die Classe der Denker können f) folgende Maximen (die als zur Weisheit führend bereits oben erwähnt worden) ff) zu unwandelbaren Geboten gemacht werden: 1) Selbst denken.
2) Sich (in der Mittheilung mit Menschen) in die Stelle jedes Anderen zu denken.
3) Jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken.
Das erste Princip ist negativ (nullius addictus jurare in verba magistri), das der zwangsfreien; das zweite positiv, der liberalen, sich den Begriffen Anderer bequemenden, das dritte der consequenten (folgerechten) Denkungsart; von deren jeder, noch mehr aber von ihrem Gegentheil die Anthropologie Beispiele aufstellen kann.
Die wichtigste Revolution in dem Inneren des Menschen ist: „der Ausgang desselben aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Statt dessen, dass bis dahin Andere für ihn dachten, und er blos nachahmte oder am Gängelbande sich leiten Hess, wagt er es jetzt, mit eigenen Füssen auf dem Boden der Erfahrung, wenngleich noch wackelnd, fortzuschreiten. 56) f) 1. Ausg.: «Für die letztere Art können" u. s. f. ff) „(die — worden)" Zusatz der 2. Ausg.
* Zweites Buch, f ) Das Gefühl der Lust und Unlust Eintheilung.
1) Die sinnliche, 2) die intellectuelle Lust. Die erste re entweder A) durch den Sinn (das Vergnügen), oder B) durch die Einbildungskraft (der Geschmack); die zweite (nämlich intellectuelle) entweder a) durch darstellbare Begriffe oder b) durch Ideen, und so wird auch das Gegentheil, die Unlust, vorgestellt werden. 57) Von der sinnlichen Lust.
A. tt) Vom Gefühl für das Angenehme oder der sinnlichen Lust in der Empfindung eines Gegenstandes.
Vergnügen ist eine Lust durch den Sinn, und was diesen belustigt, heisst angenehm. Schmerz ist die Unlust durch den Sinn, und was jenen hervorbringt, ist f) 1. Ausg.: „Zweites Hauptstück." ff) 1- Ausg.: „Erster Abschnitt."
2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 58. 139 unangenehm. — Sie sind einander nicht wie Erwerb und Mangel (+ und 0), sondern wie Erwerb und Verlust (+ und — ), d. i. Eines dem Andern nicht blos als Gegentheil (contradictorie s, logice oppositum), sondern auch als Widerspiel (contrarie s. realiter oppositum) entgegengesetzt. — — Die Ausdrücke von dem, was gefällt und missfällt, und dem, was dazwischen ist, dem Gleichgültigen, sind zu weit; denn sie können auch aufs Inteilectuelle gehen; wo sie dann mit Vergnügen und Schmerz nicht zusammentreffen würden.
Man kann diese Gefühle auch durch die Wirkung erklären, die die Empfindung unseres Zustandes auf das Gemüth macht. Was unmittelbar (durch den Sinn) mich antreibt, meinen Zustand zu verlassen (aus ihm herauszugehen), ist mir unangenehm, — es schmerzt mich; was ebenso mich antreibt, ihn zu erhalten (in ihm zu bleiben), ist mir angenehm, es vergnügt mich. Wir sind aber unaufhaltsam im Strome der Zeit und dem damit verbundenen Wechsel der Empfindungen fortgeführt. Ob nun gleich das Verlassen des einen Zeitpunkts und das Eintreten in den Anderen ein und derselbe Act (des Wechsels) ist, so ist doch in unserem Gedanken und dem Bewusstsein dieses Wechsels eine Zeitfolge; dem Verhältniss der Ursache und Wirkung gemäss. — Es fragt sich nun: ob das Bewusstsein des Verlassens des gegenwärtigen Zustandes, oder ob der Prospect des Eintretens in einen künftigen in uns die Empfindung des Vergnügens erwecke? Im ersten Falle ist das Vergnügen nichts Anderes als Aufhebung eines Schmerzes und etwas Negatives; im zweiten würde es Vorempfindung einer Annehmlichkeit, also Vermehrung des Zustandes der Lust, mithin etwas Positives sein.
Es lässt sich aber auch schon zum Voraus errathen, dass das erstere allein stattfinden werde; denn die Zeit schleppt uns vom gegenwärtigen zum künftigen (nicht umgekehrt), und dass wir zuerst genöthigt werden, aus dem gegenwärtigen herauszugehen, unbestimmt, in welchen anderen wir treten werden, nur so, dass er doch ein anderer ist, das kann allein die Ursache des angenehmen Gefühls sein.
Vergnügen ist das Gefühl der Beförderung; Schmerz das einer Hinderniss des Lebens. Leben aber (des 140 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Thiers) ist, wie auch schon die Aerzte angemerkt haben, ein continuirliches Spiel des Antagonismus von beiden.
Also muss vor j edem Vergnügen der Schmerz vorhergehen; der Schmerz ist immer das Erste. Denn was würde aus einer continuirlichen Beförderung der Lebenskraft, die über einen gewissen Grad sich doch nicht steigern lässt, Anderes folgen, als ein schneller Tod vor Freude?.
Auch kann kein Vergnügen unmittelbar auf das andere folgen; sondern zwischen einem und dem anderen muss sich der Schmerz einfinden. Es sind kleine Hemmungen der Lebenskraft, mit dazwischengemengten Beförderungen derselben, welche den Zustand der Gesundheit ausmachen, den wir irrigerweise für ein continuirlich gefühltes Wohlbefinden halten; da er doch nur aus ruckweise (mit immer dazwischen eintretendem Schmerz) einander folgenden angenehmen Gefühlen besteht. Der Schmerz ist der Stachel der Thätigkeit, und in dieser fühlen wjr allererst unser Leben; ohne diesen würde Leblosigkeit eintreten.
Die Schmerzen, die langsam vergehen (wie das allmälige Genesen von einer Krankheit oder der langsame Wiedererwerb eines verlorenen Capitata), haben kein lebhaftes Vergnügen zur Folge, weil der Uebergang unmerklich ist. — Diese Sätze des Grafen Veri unterschreibe ich mit voller Ueberzeugung. 5S) Erläuterung durch Beispiele.
Warum ist das Spiel (vornehmlich um Geld) so anziehend und, wenn es nicht gar zu eigennützig ist, die beste Zerstreuung und Erholung nach einer langen Anstrengung der Gedanken? denn durch Nichtsthun erholt man sich nur langsam. Weil es der Zustand eines unablässig wechselnden Fürchtens und Höffens ist. Die Abendmahlzeit nach demselben schmeckt und bekommt auch besser. — Wodurch sind Schauspiele (es mögen Trauer- oder Lustspiele sein) so anlockend? Weil in allen gewisse Schwierigkeiten, — Aengstlichkeit und Verlegenheit zwischen Hoffnung und Freude, — eintreten und so das Spiel einander widriger Affecten beim Schlüsse des Stücks dem Zuschauer Beförderung des Lebens 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 59. 141 ist, indem es ihn innerlich in Motion versetzt hat. — Warum schliesst ein Liebesroman mit der Trauung, und weswegen ist ein ihm angehängter Supplement - Band (wie im Fiel ding), der ihn von der Hand eines Stümpers, noch in der Ehe fortsetzt, widrig und abgeschmackt? Weil Eifersucht, als Schmerz der Verliebten, zwischen ihre Freuden und Hoffnungen, vor der Ehe Würze für den Leser, in der Ehe aber Gift ist; denn, um in der Romansprache zu reden, ist „das Ende der Liebesschmerzen zugleich das Ende der Liebe" (versteht sich mit Affect). — Warum ist die Arbeit die beste Art, sein Leben zu geniessen? Weil sie beschwerliche (an sich unangenehme und nur durch den Erfolg ergötzende) Beschäftigung ist, und die Ruhe, durch das blosse Verschwinden einer langen Beschwerde, zur fühlbaren Lust, dem Frohsein wird; da sie sonst nichts Geniessbares sein würde. Der Tabak (er werde geraucht oder geschnupft) ist zunächst mit einer unangenehmen Empfindung verbanden. Aber gerade dadurch, dass die Natur (durch Absonderung eines Schleims der Gaumen oder der Nase) diesen Schmerz augenblicklich aufhebt, wird er (vornehmlich der erstere) zu einer Art von Gesellschaft, durch Unterhaltung und immer neue Erweckung der Empfindungen und selbst der Gedanken; wenn diese gleich hiebei nur herumschweifend sind. — Wen endlich auch kein positiver Schmerz zur Thätigkeit anreizt, den wird allenfalls ein negativer, die lange Weile, als Leere an Empfindung, die der an den Wechsel derselben gewöhnte Mensch in sich wahrnimmt, indem er den Lebenstrieb doch womit anszufüllen bestrebt ist, oft dermassen afficiren, dass er eher etwas zu seinem Schaden als gar nichts zu thun sich angetrieben fühlt.
Von der langen Weile und dem Kurzweil.
Sein Leben fühlen, sich vergnügen, ist also nichts Anderes als: sich continuirlich getrieben fühlen, aus dem gegenwärtigen Zustande herauszugehen (der also ein eben so oft wiederkommender Schmerz sein muss). Hieraus 142 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
erklärt sich auch die drückende, ja ängstliche Beschwerlichkeit der langen Weile für Alle, welche auf ihr Leben und auf die Zeit aufmerksam sind (cultivirte Menschen). *) Dieser Druck oder Antrieb, jeden Zeitpunkt, darin wir sind, zu verlassen und in den folgenden überzugehen, ist accelerirend und kann bis zur EntSchliessung wachsen, seinem Leben ein Ende zu machen \ weil der üppige Mensch den Genuss aller Art versucht hat und keiner für ihn mehr neu ist; wie man in Paris vom Lord Mordaunt sagte: „die Engländer erhenken sich, um sich die Zeit zu passiren". Die in sich wahrgenommene Leere an Empfindungen erregt ein Grauen (Horror vacui) und gleichsam das Vorgefühl eines langsamen Todes, der für peinlicher gehalten wird, als wenn das Schicksal den Lebensfaden schnell abreist.