SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

German

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Hieraus erklärt sich auch, warum Zeitverkürzungen mit Vergnügen für Einerlei genommen werden; weil, je schneller wir über die Zeit wegkommen, wir uns desto erquickter fühlen; wie f) eine Gesellschaft, die auf einer Lustreise im Wagen drei Stunden lang mit Gesprächen wohl unterhalten hat, beim Aussteigen, wenn Einer von ihnen nach der Uhr sieht, fröhlich sagt: wo ist die Zeit geblieben? oder: wie kurz ist uns die Zeit geworden? Da im Gegentheil, wenn die Aufmerksamkeit auf die *) Der Karaibe ist durch seine angeborne Leblosigkeit von dieser Beschwerlichkeit frei. Er kann Stunden lang mit seiner Angelruthe sitzen, ohne etwas zu fangen; die Gedankenlosigkeit ist ein Mangel des Stachels der Thätigkeit, der immer einen Schmerz bei sich führt, und dessen Jener überhoben ist. — Unsere Lesewelt von verfeinertem Geschmack wird durch ephemerische Schriften immer im Appetit, selbst im Heisshunger zur Leserei (eine Art von Nichtsthun) erhalten, nicht um sich zu cultiviren, sondern zu geniessen, so dass die Köpfe dabei immer leer bleiben, und keine Uebersättigung zu besorgen ist; indem sie ihren geschäftigen Müssiggange den Anstrich einer Arbeit geben und sich in demselben einen würdigen Zeitaufwand vorspiegeln, der doch um nichts besser ist als jener, welchen das Journal des Luxus und der Moden dem Publicum anbietet.

2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 59. 143 Zeit nicht Aufmerksamkeit auf einen Schmerz, über den wir weg zu sein uns bestreben, sondern auf ein Vergnügen wäre, man wie billig jeden Verlust der Zeit bedauern würde. — Unterredungen, die wenig Wechsel der Vorstellungen enthalten, heissen langweilig, sind eben hiemit auch beschwerlich, und ein kurzweiliger Mann wird, wenngleich nicht für einen wichtigen, doch für einen angenehmen Mann gehalten, der, sobald er nur in's Zimmer tritt, gleich aller Mitgäste Gesichter erheitert; wie durch ein Frohsein wegen Befreiung einer Beschwerde.

Wie ist aber das Phänomen zu erklären, dass ein Mensch, der sich den grössten Theii seines Lebens hindurch mit langer Weile gequält hat, so dass ihm jeder Tag lang wurdet), doch am Ende des Lebens über die Kürze des Lebens klagt? — Die Ursache hievon ist in der Analogie mit einer ähnlichen Beobachtung zu suchen: woher die deutschen (nicht gemessenen oder mit Meilenzeigern, wie die russischen Werste, versehenen) Meilen, je näher zur Hauptstadt (z. B. Berlin), immer desto kleiner, je weiter aber davon (in Pommern), desto grösser werden; nämlich die Fülle der gesehenen Gegenstände (Dörfer und Landhäuser) bewirkt in der Erinnerung den täuschenden Schluss auf einen grossen zurückgelegten Raum, folglich auch auf eine längere, dazu erforderlich gewesene Zeitf); das Leere aber im letzteren Fall wenig Erinnerung des Gesehenen, und also den Schluss auf einen kürzeren Weg und folglich kürzere Zeit, als sich nach der Uhr ergeben würde. Ebenso wird die Menge der Abschnitte, die den letzten Theil des Lebens mit mannichfaltigen veränderten Arbeiten auszeichnen, dem Alten die Einbildung von einer längeren zurückgelegten Lebenszeit erregen, als er nach der Zahl der Jahre geglaubt hatte, und das Ausfüllen der Zeit durch planmässig fortschreitende Beschäftigungen, die einen grossen beabsichtigten Zweck zur Folge haben (vitam extendere factis), ist das einzige f) 1. Ausg.: „und ihm...lang war" ff) 1. Ausgabe: „Schluss auf eine lange dazu erforderlich gewesene Zeit, folglich auch auf einen grossen zurückgelegten Kaum."

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Mittel, seines Lebens froh und dabei doch auch lebenssatt zu werden. „Je mehr du gedacht, je mehr du gethan hast, desto länger hast du (selbst in deiner eigenen Einbildung) gelebt." Ein solcher Beschluss des Lebens geschieht nun mit Zufriedenheit.

Wie steht es aber mit der Zufriedenheit acqiäescentia) während dem Leben? — Sie ist dem Menschen unerreichbar: weder in moralischer (mit sicli selbst im Wohlverhalten zufrieden zu sein), noch in pragmatischer Hinsicht (mit seinem Wohlbefinden, was er sich durch Geschicklichkeit und Klugheit zu verschaffen denkt1. Die Natur hat den Schmerz zum Stachel der Tliätigkeit in ihn gelegt, dem er nicht entgehen kann, um immer zum Besseren fortzuschreiten; und auch im letzten Augenblicke des Lebens ist die Zufriedenheit mit dem letzten Abschnitte desselben nur comparativ (theils indem wir uns mit dem Lot>se Anderer, theils auch mit uns selbst vergleichen) so zu nennen; nie aber ist sie rein und vollständig. — Im Leben (absolut) zufrieden zu sein, wäre thatlose Ruhe und Stillstand der Triebfedern, oder Abstumpfung der Erfindungen und der damit verknüpften Tliätigkeit. Eine solche aber kann ebenso wenig mit dem intellectuellen Leben des Menschen zusammen bestehen, als der Stillstand des Herzens in einem thierischen Körper, auf den, wenn nicht (durch den Schmerz) ein neuer Anreiz ergeht, unvermeidlich der Tod erfolgt.

Anmerkung. In diesem Abschnitte sollte nun auch von Affe et en, als Gefühlen der Lust und Unlust, welche die Schranken der inneren Freiheit im Menschen überschreiten, gehandelt werden. Allein da diese mit den Leidenschaften, welche in einem anderen Abschnitte, nämlich dem des Begehrungsvermögens, vorkommen, oft vermengt zu werden pflegen, und doch auch damit in naher Verwandtschaft stehen, so werde ich ihre Erörterung bei Gelegenheit dieses dritten Abschnittes vornehmen.

Habituell zur Fröhlichkeit gestimmt zu sein, ist zwar mehrentheils eine Temperamentseigenschaft, kann aber 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 60. 145 auch oft eine Wirkung von Grundsätzen sein; wie Epikur's von Anderen so genanntes und darum verschrieenes W ollustprincip, was eigentlich das stets fröhliche Herz des Weisen bedeuten sollte. — Gleichmüthig ist Der, welcher sich weder erfreut noch betrübt, und von Dem, der gegen die Zufälle des Lebens gleichgültig, mithin von stumpfem Gefühl ist, sehr unterschieden. — Von der Gleichmüthigkeit unterscheidet sich die launische Sinnesart (vermuthlich hat sie anfänglich lunatisch geheissen), welche eine Disposition zu Anwandlungen eines Subjects zur Freude oder Traurigkeit ist, von denen dieses sich selbst keinen Grund angeben kann, und die vornehmlich den Hypochondristen anhängt. Sie ist von dem laun igten Talent (eines Butt ler oder Sterne) ganz unterschieden; welches durch die absichtlich - verkehrte Stellung, in die der witzige Kopf die Gegenstände setzt (gleichsam sie auf den Kopf stellt), mit schalkhafter Einfalt dem Zuhörer oder Leser das Vergnügen macht, sie selbst zurechtzustellen. — Empfindsamkeit ist jener Gleichmüthigkeit nicht entgegen. Denn sie ist ein Vermögen und eine Stärke, den Zustand sowohl der Lust als Unlust zuzulassen, oder auch vom Gemüth abzuhalten, und hat also eine Wahl. Dagegen ist Empfindelei eine Schwäche, durch Theilnehmung an dem Zustande Anderer f), die gleichsam auf dem Organ des Empfindeinden nach Belieben spielen können, sich auch wider Willen afficiren zu lassen. Die erstere ist männlich; denn der Mann, welcher dem Weibe oder dem Kinde Beschwerlichkeiten oder Schmerz ersparen will, muss so viel feines Gefühl haben, als nöthig ist, um die Empfindungen Anderer, nicht nach seiner Stärke, sondern nach ihrer Schwäche zu beurtheilen; und die Zartheit seiner Empfindung ist zur Grossmuth noth wendig. Dagegen ist die thatleere Theilnehmung seines Gefühls, sympathetisch zu den Gefühlen Anderer das seine mittönen und sich so blos leidend afficiren zu lassen, läppisch und kindisch. — So kann und sollte es Frömmigkeit in guter Laune geben; so kann und soll man bet) 1< Ausg.: „an Anderer ihrem Zustand" Kant, Anthropologie. 10 146 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

schwerliche, aber nothwendige Arbeit in guter Laune verrichten, ja selbst sterben in guter Laune f); denn Alles dieses verliert seinen Werth dadurch, dass es in übler Laune oder mürrischer Stimmung begangen oder erlitten wird.

Von dem Schmerz, über dem man vorsätzlich als einem, der nie anders, als mit dem Leben aufhören soll, brütet, sagt man, dass Jemand sich etwas ein Uebel) zu Gemütlie ziehe. — Man muss sich aber nichts zu Gemüthe ziehen; denn was sich nicht ändern lässt, muss aus dem Sinn geschlagen werden; weil es Unsinn wäre, das Geschehene ungeschehen machen zu wollen. Sich selbst bessern, geht wohl an und ist auch Pflicht; an dem aber, was schon ausser meiner Gewalt ist, noch bessern zu wollen, ist ungereimt. Aber etwas zu Herzen nehmen, worunter jeder gute Rath oder jede gute Lehre verstanden wird, die man sich angelegen sein zu lassen den festen Vorsatz fasst, ist eine überlegte Gedankenrichtung, seinen Willen mit genugsam starkem Gefühl zur Ausübung desselben zu verknüpfen. — Die Busse des Selbstpeinigers, statt der schnellen Verwendung seiner Gesinnung auf einen besseren Lebenswandel, ist rein verlorene Mühe, und hat noch wohl die schlimme Folge, blos dadurch (durch die Reue) sein Schuldregister für getilgt zu halten und so sich die vernünftiger Weise jetzt noch zu verdoppelnde Bestrebung zum Besseren zu ersparen.

Eine Art sich zu vergnügen ist zugleich Cultiir: nämlich Vergrösserung der Fähigkeit, noch mehr Vergnügen dieser Art zu geniessen; dergleichen das mit Wissenschaften und schönen Künsten ist. Eine andere Art aber ist Abnutzung; welche uns des ferneren Genusses immer weniger fähig macht. Auf welchem Wege man aber auch immer Vergnügen suchen mag, so ist es, f) 1. Ausg.: „So kann und sollte es Frömmigkeit in guter Laune, beschwerliche, aber nothwendige Arbeit, selbst das Sterben in guter Laune geben;" u. s.w.

2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §.62. 147 wie bereits oben gesagt, eine Hauptmaxime, es sich so zuzumessen, dass man noch immer damit steigen kann; denn damit gesättigt zu sein, bewirkt denjenigen ekelnden Zustand, der dem verwöhnten Menschen das Leben selbst zur Last macht und Weiber, unter dem Namen der Vapeurs, verzehrt. Junger Mensch! (ich wiederhole es) f)? gewinne die Arbeit lieb; versage dir Vergnügen, nicht um ihnen zu entsagen, sondern, so viel als möglich, immer nur in Prospect zu behalten. Stumpfe die Empfänglichkeit für dieselbe nicht durch Genuss frühzeitig ab. Die Reife des Alters, welche die Entbehrung eines jeden physischen Genusses nie bedauern lässt, wird selbst in dieser Aufopferung dir ein Capital zur Zufriedenheit zusichern, welches vom Zufall oder dem Naturgesetz unabhängig ist. 60) Wir urtheilen aber auch über Vergnügen und Schmerz durch ein höheres Wohlgefallen oder Missfallen an uns selbst (nämlich das moralische): ob wir uns demselben weigern oder überlassen sollen.

1) Der Gegenstand kann angenehm sein, aber das Vergnügen an demselben miss fallen. Daher der Ausdruck von einer bitteren Freude. — Der, welcher in misslichen Glücksumständen ist und nun seine Eltern oder einen würdigen und wohlthätigen Anverwandten beerbt, kann nicht vermeiden, sich über ihr Absterben zu freuen; aber auch nicht, sich diese Freude zu verweisen. Eben das geschieht im Gemüthe eines Adjuncts, der einem von ihm verehrten Vorgänger mit ungeheuchelter Traurigkeit im Leichenbegängnisse folgt.

2) Der Gegenstand kann unangenehm sein; aber der Schmerz über ihn gefällt. Daher der Ausdruck süsser Schmerz, z. B. einer sonst wohlhabend hinterlassenen Wittwe, die sich nicht will trösten lassen; welches oft ungebührlicher Weise für Affection ausgelegt wird.

Dagegen kann das Vergnügen überdies noch gefallen, nämlich dadurch, dass der Mensch an solchen Gegenständen, mit denen sich zu beschäftigen ihm Ehre f) „(ich wiederhole es)" Zusatz der 2. Ausg.

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macht, ein Vergnügen findet: z. B. die Unterhaltung mit schönen Künsten, statt des blossen Sinnengenusses, und dazu noch das Wohlgefallen daran, dass er als ein feiner Mann eines solchen Vergnügens fähig ist. — Ebenso kann der Schmerz eines Menschen obenein ihm noch missfallen. Jeder Hass eines Beleidigten ist Schmerz; aber der Wohldenkende kann doch nicht umhin, es sich zu verweisen, dass, selbst nach der Genugthuung, er noch immer einen Groll gegen ihn übrig behält.

Vergnügen, was man selbst (gesetzmässig) erwirbt, wird verdoppelt gefühlt; einmal als Gewinn, und dann noch obenein als Verdienst (die innere Zurechnung, selbst Urheber desselben zu sein). — Erarbeitetes Geld vergnügt, wenigstens dauerhafter, als im Glücksspiel gewonnenes, und wenn man auch über das Allgemeinschädliche der Lotterie wegsiehet, so liegt doch im Gewinn durch dieselbe etwas, dessen sich ein wohldenkender Mensch schämen muss. — Ein Uebel, woran eine fremde Ursache schuld ist, schmerzt; aber woran man selbst schuld ist, betrübt und schlägt nieder.

Wie ist es aber zu erklären oder zu vereinigen, dass bei einem Uebel, was Jemandem von Anderen widerfährt, zweierlei Sprache geführt wird? — So sagt z. B. einer der Leidenden: „Ich wollte mich zufrieden geben, wenn ich nur die mindeste Schuld daran hätte"; ein zweiter aber: „Es ist mein Trost, dass ich daran ganz unschuldig bin". — Unschuldig leiden, entrüstet; weil es Beleidigung von einem Anderen ist. — Schuldig leiden, schlägt nieder, weil es innerer Vorwurf ist. — Man siehet leicht, dass von jenen Beiden der Zweite der bessere Mensch ist.61) Es ist eben nicht die lieblichste Bemerkung am Menschen, dass ihr Vergnügen durch Vergleichung mit dem Schmerze Anderer erhöht, der eigene Schmerz aber durch die Vergleichung mit Anderer ähnlichen oder noch grösseren Leiden vermindert wird. Diese Wirkung aber blos psychologisch (nach dem Satze des Contrastes 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §.64. 149 (opposita juxta se posita magis elucescunt) und hat keine Beziehung aufs Moralische: etwa Anderen Leiden zu wünschen, damit man die Behaglichheit seines eigenen Zustandes desto inniglicher fühlen möge. Man leidet vermittelst der Einbildungskraft mit dem Anderen mit (sowie, wenn man Jemandem, der aus dem Gleichgewicht gekommen, dem Falle nahe sieht, man unwillkürlich und vergeblich sich auf die Gegenseite hinbeugt, um ihn gleichsam gerade zu stellen) und ist nur froh, in dasselbe Schicksal nicht auch verflochten zu sein. *) Daher läuft das Volk mit heftiger Begierde, die Hinführung eines Delinquenten und dessen Hinrichtung anzusehen, als zu einem Schauspiel. Denn die Gemüthsbewegungen und Gefühle, die sich an seinem Gesicht und Betragen äussern, wirken sympathetisch auf den Zuschauer und hinterlassen, nach der Beängstigung desselben durch die Einbildungskraft (deren Stärke durch die Feierlichkeit noch erhöht wird), das sanfte, aber doch ernste Gefühl einer Abspannung, welche den darauf folgenden Lebensgenuss desto fühlbarer macht.

Auch wenn man seinen Schmerz mit andern möglichen an seiner eigenen Person vergleicht, wird er dadurch doch erträglicher. Dem, welcher ein Bein gebrochen hat, kann man dadurch sein Unglück doch erträglicher machen, wenn man ihm zeigt, dass es leicht hätte das Genick treffen können.

Das gründlichste und leichteste Besänftigungsmittel aller Schmerzen ist der Gedanke, den man einem vernünftigen Menschen wohl anmuthen kann: dass das Leben überhaupt, was den Genuss desselben betrifft, der *) Suave f), mari magno, turbantibus aequora ventis, E terra alterius magnum spectare laborem. Non quia vexari quenquam est jucunda voluptas, Sed quibus ipse malis careas, quia cernere suave est.

Lucret.

(Es ist süss, vom Lande aus den schweren Kampf Anderer auf hoher See und im tosenden Sturm anzuschauen; nicht weil die Qual Anderer eine Lust ist, sondern weil man selbst frei von der Noth ist, die zu schauen so angenehm ist.)

t) 1. Ausg.: nDulceu.

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von Glücksumständen abhängt, gar keinen eigenen Werth, und nur was den Gebrauch desselben anlangt, zu welchen Zwecken es gerichtet ist, einen Werth habe, den nicht das Glück, sondern allein die Weisheit dem Menschen verschaffen kann; der also in seiner Gewalt ist. Wer ängstlich wegen des Verlustes desselben bekümmert ist, wird des Lebens nie froh werden. 62) Vom Gefühl für das Schöne, d. i. ff) der theils sinnlichen, theils intellectuellen Lust in der reflectirten Anschauung oder dem Geschmack.

Geschmack, in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, ist, wie schon oben gesagt ttt)> die Eigenschaft eines Organs (der Zunge, des Gaumens und des Schlundes, von gewissen aufgelösten Materien im Essen oder Trinken specifiseh afficirt zu werden. Er ist in seinem Gebrauch entweder blos als Unterscheidungs- oder auch zugleich als Wohlgeschmack zu verstehen (z. B. ob etwas süss oder bitter sei, oder ob das Gekostete [süsse oder bittere] angenehm sei;. Der erstere kann allgemeine Uebereinstimniung in der Art, wie gewisse Materien zu benennen sind, der letztere aber kann niemals ein allgemein gültiges Urtheil abgeben: dass nämlich (z. B. das Bittere), was mir angenehm ist, auch Jedermann angenehm sein werde. Der Grund davon ist klar: weil Lust oder Unlust nicht zum Erkenntnissvermögen in Ansehung der Objecte gehören, sondern Bestimmungen des Subjects sind, also äusseren Gegenständen nicht beigelegt werden können. — Der Wohlgeschmack enthält also zugleich den Begriff von einer Unterscheidung durch Wohlgefallen oder Missfallen, f) 1. Ausg.: „Zweiter Abschnitt." ff) 1. Ausg.: „oder" ttt) nwie ' ' • gesagt?" Zusatz der 2. Ausg.

2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 65. 151 welche ich mit der Vorstellung des Gegenstandes in der Wahrnehmung oder Einbildung verbinde.

Nun wird aber auch das Wort Geschmack für ein sinnliches Beurtheilungsvermögen genommen, nicht blos nach der Sinnesempfindung für mich selbst, sondern auch nach einer gewissen Regel zu wählen, die als für Jedermann geltend vorgestellt wird. Diese Regel kann empirisch sein; wo sie aber alsdann auf keine wahre Allgemeinheit, folglich auch nicht Nothwendigkeit (es müsse im Wohlgeschmack jedes Anderen Urtheil mit dem meinigen übereinstimmen), — Anspruch machen kann. So gilt nämlich die Geschmacksregel in Ansehung der Mahlzeiten, für die Deutschen mit einer Suppe, für Engländer aber mit derber Kost anzufangen; weil eine durch Nachahmung allmälig verbreitete Gewohnheit es zur Regel der Anordnung einer Tafel gemacht hat.

Aber es giebt auch einen Wohlgeschmack, dessen Regel a priori begründet sein muss, weil sie Nothwendigkeit, folglich auch Gültigkeit für Jedermann ankündigt, wie die Vorstellung eines Gegenstandes in Beziehung auf das Gefühl der Lust oder Unlust zu beurtheilen sei (wo also die Vernunft ingeheim mit im Spiel ist, ob man zwar das Urtheil derselben nicht aus Vernunftprincipien ableiten und es darnach beweisen kann), und diesen Geschmack könnte man den vernünftelnden, zum Unterschiede vom empirischen als dem Sinnengeschmack (jenen gustus reflectens, diesen refleocus) nennen.

Alle Darstellung seiner eigenen Person oder seiner Kunst mit Geschmack setzt einen gesellschaftlichen Zustand (sich mitzutheilen) voraus, der nicht immer gesellig, theilnehmend an der Lust Anderer, sondern im Anfange gemeiniglich barbarisch, ungesellig und blos wetteifernd ist. — In völliger Einsamkeit wird Niemand sich sein Haus schmücken oder ausputzen; er wird es auch nicht gegen die Seinigen (Weib und Kinder), sondern nur gegen Fremde thun, um sich vortheilhaft zu zeigen. Im Geschmack (der Auswahl) aber, d. i. in der ästhetischen Urtheilskraft, ist es nicht unmittelbar die Empfindung (das Materiale der Vorstellung des Gegenstandes), sondern wie es die freie (productive) Einbildungskraft durch Dichtung zusammen- 152 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

paart, d. i. die Form, was das Wohlgefallen an demselben hervorbringt; denn nur die Form ist es, was des Anspruchs auf eine allgemeine Regel für das Gefühl der Lust fähig ist. Von der Sinnenempfindung, die, nach Verschiedenheit der Sinnesfähigkeit des Subjects, sehr verschieden sein kann, darf man eine solche allgemeine Regel nicht erwarten. — Man kann also den Geschmack so erklären: „Geschmack ist das Vermögen der ästhetischen Urtheilskraft, allgemeingültig zu wählen".

Es ist also ein Vermögen der gesellschaftlichen Beurtheilung äusserer Gegenstände in der Einbildungskraft. — Hier fühlt das Gemüth seine Freiheit im Spiele der Einbildungen (also der Sinnlichkeit); denn die Socialität mit andern Menschen setzt Freiheit voraus, — und dieses Gefühl ist Lust. — Aber die Allgemeingültigkeit dieser Lust für Jedermann, durch weiche die Wahl mit Geschmack (des Schönen) sich von der Wahl durch blosse Sinnenempfindung (des blos subjectiv Gefallenden, d. i. des Angenehmen, unterscheidet, führt den Begriff eines Gesetzes bei sich; denn nur nach diesem kann die Gültigkeit des Wohlgefallens für den Beurtheilenden allgemein sein. Das Vermögen der Vorstellung des Aligemeinen aber ist der Verstand. Also ist das Geschmacksurtheil sowohl ein ästhetisches, als ein Verstandesurtheil, aber in beider Vereinigung (mithin das letztere nicht als rein; gedacht. — Die Beurtheilung eines Gegenstandes durch Geschmack ist ein Urtheil über die Einstimmung oder den Widerstreit der Freiheit im Spiele der Einbildungskraft und der Gesetzmässigkeit des Verstandes, und geht also nur die Form (diese Vereinbarkeit der Sinnenvorstellungen) ästhetisch zu beurth eilen, nicht Producte, in weichen jene wahrgenommen wird, hervorzubringen, an; denn das wäre Genie, dessen aufbrausende Lebhaftigkeit durch die Sittsamkeit des Geschmacks gemässigt und eingeschränkt zu werden oft bedarf.

Schönheit ist allein das, was für den Geschmack gehört; das Erhabene gehört zwar auch zur ästhetischen Beurtheilung, aber nicht für den Geschmack. Aber es kann und soll die Vorstellung des Erhabenen doch an sich schön sein* sonst ist sie rauh, barbarisch und geschmackwidrig. Selbst die Darstellung des Bösen oder Hässlichen (z. B. die Gestalt des personificirten 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 65 Todes bei Milton) kann und muss schön sein, wenn einmal ein Gegenstand ästhetisch vorgestellt werden soll, und wenn es auch ein Thersites wäre; denn sonst bewirkt sie entweder Unschmackhaftigkeit oder Ekel, welche beide das Bestreben enthalten, eine Vorstellung f), die zum Genuss dargeboten wird, von sich zu stossen, dahingegen Schönheit den Begriff der Einladung zur innigsten Vereinigung mit dem Gegenstande, d. i. zum unmittelbaren Genuss bei sich führt. — Mit dem Ausdruck einer schönen Seele sagt man Alles, was sich, sie zum Zwecke der innersten Vereinigung mit ihr zu machen, sagen lässt: denn Seeleng rosse und Seelenstärke betreffen die Materie (die Werkzeuge zu gewissen Zwecken); aber die Seelengüte, die reine Form, unter der alle Zwecke sich vereinigen lassen müssen, und die daher, wo sie angetroffen wird, gleich dem Eros der Fabelwelt, urschöpferisch, aber auch überirdisch ist, — diese Seelengüte ist doch der Mittelpunkt, um welchen das Geschmacksurtheil alle seine Urtheile der mit der Freiheit des Verstandes vereinbarten sinnlichen Lust versammelt.

Anmerkung. Wie mag es doch gekommen sein, dass vornehmlich die neuere Sprachen das ästhetische Beurtheilungsvermögen mit einem Ausdruck (gusius, sapor), der blos auf ein gewisses Sinnenwerkzeug (das innere des Mundes) und die Unterscheidung sowohl, als die Wahl geniessbarer Dinge durch dasselbe hinweist, bezeichnet habe? — Es ist keine Lage, wo Sinnlichkeit und Verstand in einem Genüsse vereinigt so lange fortgesetzt und so oft mit Wohlgefallen wiederholt werden können — als eine gute Mahlzeit in guter Gesellschaft. — Die erstere wird aber hiebei nur als Vehikel der Unterhaltung der letzteren angesehen. Der ästhetische Geschmack des Wirths zeigt sich nun in der Geschicklichkeit, allgemeingültig zu wählen; welches er aber durch seinen eigenen Sinn nicht bewerkstelligen kann; weil seine Gäste sich vielleicht andere Speisen oder Getränke, Jeder nach seinem Privatsinn, auswählen würden. Es setzt also seine Veranstaltung in der 154 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Mannichfaltigkeit: dass nämlich für Jeden nach seinem Sinn Einiges angetroffen werde; welches eine comparative Allgemeingültigkeit abgiebt. Von seiner Geschicklichkeit, die Gäste selbst zur wechselseitigen allgemeinen Unterhaltung zu wählen (welche auch wohl Geschmack genannt wird, eigentlich aber Vernunft in ihrer Anwendung auf den Geschmack, und von diesem noch verschieden ist), kann in der gegenwärtigen Frage nicht die Rede sein. Und so hat das Organgefühl durch einen besonderen Sinn den Namen für ein ideales, nämlich einer sinnlichallgemeingültigen Wahl überhaupt, hergeben können. — Noch sonderbarer ist es, dass die Geschicklichkeit der Erprobung durch den Sinn, ob etwas ein Gegenstand des Genusses eines und desselben Subjects (nicht ob dessen Wahl allgemeingültig) sei {$apor)y sogar zur Benennung der Weisheit (sapientia) hinaufgeschroben worden: vermuthlich deswegen, weil ein unbedingt nothwendiger Zweck eines Ueberlegens und Versuchens bedarf, sondern unmittelbar gleichsam durch Schmecken des Zuträglichen in die Seele kommt. e3) Das Erhabene {sublime ist die ehrfurchterregende Grossheit (tnagnitudo reverenda)* dem Umfange oder dem Grade nach, zu dem die Annäherung (um ihm mit seinen Kräften angemessen zu sein) einladend, die Furcht aber, in der Vergleichung mit demselben in seiner eigenen Schätzung zu verschwinden, zugleich abschreckend ist (z. B. der Donner über unserem Haupte oder ein hohes wildes Gebirge); wobei, wenn man selbst in Sicherheit ist, Sammlung seiner Kräfte, um die Erscheinung zu fassen, und dabei Besorgniss, ihre Grösse nicht erreichen zu können, Verwunderung fein angenehmes Gefühl durch continuirliche Ueberwindung des Schmerzens) erregt wird.

Das Erhabene ist zwar das Gegengewicht, aber nicht das Widerspiel vom Schönen; weil die Bestrebung und der Versuch, sich zu der Fassung (apprehen?i<> des Gegenstandes zu erheben, dem Subject ein Gefühl seiner eigenen Grösse und Kraft erweckt; aber die Gedankenvorstellung desselben in der Beschreibung oder Darstellung kann und muss immer schön sein. Denn 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 67. 155 sonst wird die Verwunderung Abschreckung, welche von Bewunderung, als einer Beurtheilung, wobei man des Verwunderns nicht satt wird, sehr unterschieden ist.

Die Grossheit, die zweckwidrig ist (magnitudo mortstrosa), ist das Ungeheuere. Daher haben die Schriftsteller, welche die weitläufige Grösse des russischen Reichs erheben wollten, es schlecht getroffen, dass sie es als ungeheuer betitelten; denn hierin liegt ein Tadel: als ob es, für einen einzigen Beherrscher zu gross sei. Abenteuerlich ist ein Mensch, der den Hang hat, sich in Begebenheiten zu verflechten, deren wahre Erzählung einem Roman ähnlich ist.

Das Erhabene ist also zwar nicht ein Gegenstand für den Geschmack, sondern für das Gefühl der Rührung; aber die künstliche Darstellung desselben in der Beschreibung und Bekleidung (bei Nebenwerken, parerga) kann und soll schön sein; weil es sonst wild, rauh und abstossend und so dem Geschmack zuwider ist.64) Der Geschmack enthält eine Tendenz zur äusseren Beförderung der Moralität.

Der Geschmack (gleichsam als formaler Sinn) geht auf Mittheilung seines Gefühls der Lust oder Unlust an Andere und enthält eine Empfänglichkeit, durch diese Mittheilung selbst mit Lust afficirt, ein Wohlgefallen (complacentia) daran gemeinschaftlich mit Anderen (gesellschaftlich) zu empfinden. Nun ist das Wohlgefallen, was nicht blos als für das empfindende Subject, sondern auch für jeden Andern, d. i. als allgemeingültig betrachtet werden kann, weil es Nothwendigkeit (dieses Wohlgefallens), mithin ein Princip desselben a priori enthalten muss, um als ein solches gedacht werden zu können, ein Wohlgefallen an der Uebereinstimmung der Lust des Subjects mit dem Gefühl jedes Anderen nach einem allgemeinen Gesetz, welches aus der allgemeinen Gesetzgebung des Fühlenden, mithin aus der Vernunft entspringen muss: d. i. die Wahl nach diesem Wohlgefallen steht der Form nach unter dem Princip der Pflicht. Also hat der ideale Geschmack eine Tendenz zur äusseren Beförderung der Moralität. — Den Menschen für seine gesellschaftliche Lage gesittet zu 156 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

machen, will zwar nicht ganz so viel sagen, als ihn sittlich -gut (moralisch) zu bilden, aber bereitet doch, durch die Bestrebung, in dieser Lage Anderen wohlzugefallen (beliebt oder bewundert zu werden), dazu vor. — Auf diese Weise könnte man den Geschmack Moralität in der äusseren Erscheinung nennen; obzwar dieser Ausdruck, nach dem Buchstaben genommen, einen Widerspruch enthält; denn Gesittetsein enthält doch den Anschein oder Anstand vom Sittlichguten und selbst einen Grad davon, nämlich die Neigung, auch schon in den Schein desselben einen Werth zu setzen.

Gesittet, wohlanständig, manierlich, geschliffen mit Abstossung der Rauhigkeit) zu sein, ist doch nur die negative Bedingung der Geschmacks. Die Vorstellung dieser Eigenschaften in der Einbildungskraft kann eine äusserlich intuitive Vorstellungsart eines Gegenstandes oder seiner eigenen Person mit Geschmack sein, aber nur für zwei Sinne, für das Gehör und Gesicht. Musik und bildende Kunst (Malerei, Bildhauer-, Bau- und Gartenkunst) machen Ansprüche auf Geschmack, als Empfänglichkeit eines Gefühls der Lust für die blossen Formen äusserer Anschauung, erstere in Ansehung des Gehörs, die andere des Gesichts. Dagegen enthält die discursive Vorstellungsart, durch laute Sprache oder durch Schrift, zwei Künste, darin der Geschmack sich zeigen kann: die Beredtsamkeit und Dichtkunst.,;:> Anthropologische Bemerkungen über den Geschmack.

A.

Vom Modegeschmack.

Es ist ein natürlicher Hang des Menschen, in seinem Betragen sich mit einem Bedeutenderen (des Kindes mit den Erwachsenen, des Geringeren mit den Vornehmeren) in Vergleichung zu stellen und seine Weise nachzumachen. Ein Gesetz dieser Nachahmung, um blos nicht geringer zu erscheinen als Andere, und zwar in 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §.69. 157 dem, wobei übrigens auf keinen Nutzen Rücksicht genommen wird, heisst Mode. Diese gehört also unter den Titel der Eitelkeit, weil in der Absicht kein innerer Werth ist; ingleichen der Thorheit, weil dabei doch ein Zwang ist, sich durch blosses Beispiel, das uns Viele in der Gesellschaft geben, knechtisch leiten zu lassen. In der Mode sein, ist eine Sache des Geschmackes; der ausser der Mode einem vorigen Gebrauch anhängt, heisst altvaterisch; der gar einen Werth darin setzt, ausser der Mode zu sein, ist ein Sonderling. Besser ist es aber doch immer, ein Narr in der Mode, als ein Narr ausser der Mode zu sein; wenn man jene Eitelkeit überhaupt mit diesem harten Namen belegen will; welchen Titel doch die Modesucht wirklich verdient, wenn sie jener Eitelkeit wahren Nutzen oder gar Pflichten aufopfert. — Alle Moden sind schon ihrem Begriffe nach veränderliche Lebensweisen. Denn wenn das Spiel der Nachahmung fixirt wird, so wird diese zum Gebrauch; wobei dann auf den Geschmack gar nicht mehr gesehen wird. Die Neuigkeit ist es also, was die Mode beliebt macht, und erfinderisch in allerlei äusseren Formen zu sein, wenn diese auch öfters in's Abenteuerliche und zum Theil Hässliche ausarten, gehört zum Ton der Hofleute, vornehmlich der Damen, denen dann Andere begierig nachfolgen und sich in niedrigen Ständen noch lange damit sehleppen, wenn jene sie schon abgelegt haben. — Also ist die Mode eigentlich nicht eine Sache des Geschmacks (denn sie kann äusserst geschmackwidrig sein), sondern der blossen Eitelkeit, vornehm zu thun, und des Wetteifers, einander dadurch zu übertreffen. (Die elegants de la cour, petits - maitres genannt, sind Windbeutel).