* Er sagt daselbst: Motus quidem veros corporum singulorum cognoscere et ab apparentibus actu discriminare difficillimum est: propterea quod partes spatii illius immobilis, in quo corpora vere moventur, non incurrunt in sensus. Causa tarnen non est prorsus desperata. Hierauf lässt er zwei durch einen Faden verknüpfte Kugeln sich um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt im leeren Räume drehen, und zeigt, wie die Wirklichkeit ihrer Bewegung sammt der Richtung derselben dennoch durch Erfahrung könne gefunden werden. Ich habe dieses auch an der um ihre Achse bewegten Erde unter etwas veränderten Umstanden zu zeigen gesucht.
102 Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.
sondern nur auf den zwischen ihnen, welcher ihr äusseres Verhältnis» unter einander allein bestimmt, als den absoluten Raum betrachtet, und ist also wiederum nur relativ. Absolute Bewegung würde also nur diejenige sein, die einem Körper ohne ein Verhältniss auf irgend eine andere Materie zukäme. Eine solche wäre allein die geradlinigte Bewegung des Weltganzen, d. i. des Systems aller Materie. Denn wenn ausser einer Materie noch irgend eine andere, selbst durch den leeren Raum getrennte Materie wäre, so würde die Bewegung schon relativ sein. Um deswillen ist ein jeder Beweis eines Bewegungsgesetzes, der darauf hinausläuft, dass das Gegentheil desselben eine geradlinigte Bewegung des ganzen Weltgebäudes zur Folge haben müsste, ein apodiktischer Beweis der Wahrheit desselben; blos weil daraus absolute Bewegung folgen würde, die schlechterdings unmöglich ist. Von der Art ist das Gesetz des Antagonismus in aller Gemeinschaft der Materie durch Bewegung. Denn eine jede Abweichung von demselben würde den gemeinschaftlichen Mittelpunkt der Schwere aller Materie, mithin das ganze Weltgebäude aus der Stelle rücken, welches dagegen, wenn man dieses sich als um seine Achse gedreht vorstellen wollte, nicht geschehen würde, welche Bewegung also immer noch zu denken möglich, obzwar anzunehmen, so viel man absehen kann, ganz ohne begreiflichen Nutzen sein würde.
Auf die verschiedenen Begriffe der Bewegung und bewegenden Kräfte haben auch die verschiedenen Begriffe vom leeren Räume ihre Beziehung. Der leere Raum in phoronomischer Rücksicht, der auch der absolute Raum heisst, sollte billig nicht ein leerer Raum genannt werden; denn er ist nur die Idee von einem Räume, in welchem ich von aller besonderen Materie, die ihn zum Gegenstande der Erfahrung machte abstrahire, um in ihm den materiellen, oder jeden empirischen Raum noch als beweglich und dadurch die Bewegung nicht blos einseitig als absolutes, sondern jederzeit wechselseitig als blos relatives Prädicat zu denken. Er ist also gar nichts, was zur Existenz der Dinge, sondern blos zur Bestimmung der Begriffe gehört, und sofern existirt kein leerer Raum. Der leere Raum in dynamischer Rücksicht ist der, der nicht erfüllt ist; d. i. worin dem Eindringen des Beweglichen nichts anderes Bewegliches widersteht, folglich keine repulsive Kraft wirkt, und er kann entweder der leere Raum i n der Welt (vacuum mundanum), oder, wenn diese als begrenzt vorgestellt wird, der leere Raum ausser der Welt (vacuum extramundanum) sein; der erstere auch entweder als zerstreuter {vacuum disseminatum, der nur einen Theil des Volumens der Materie ausmacht), oder als gehäufter leerer Raum (vacuum coacervatum, der die Körper, z. B. Weltkörper, von einander absondert), vorgestellt werden, IV. Hauptstück. Phänomenologie. 103 welche Unterscheidung:, da sie nur auf dem Unterschied der Plätze, die man dem leeren Raum in der Welt anweist, beruht, eben nicht wesentlich ist, aber doch in verschiedener Absicht gebraucht wird, der erste, um den specifischen Unterschied der Dichtigkeit, der zweite, um die Möglichkeit einer von allem äusseren Widerstände freien Bewegung im Welträume davon abzuleiten. Dass den leeren Raum in der ersteren Absicht anzunehmen nicht nöthig sei, ist schon in der allgemeinen Anmerkung zur Dynamik gezeigt worden; dass er aber unmöglich sei, kann aus seinem Begriffe allein, nach dem Satze des Widerspruchs, keineswegs bewiesen werden. Gleichwohl, wenn hier auch kein blos logischer Grund der Verwerfung desselben anzutreffen wäre, könnte doch ein allgemeiner physischer Grund, ihn aus der Naturlehre zu verweisen, nämlich der von der Möglichkeit der Zusammensetzung einer Materie überhaupt, da sein, wenn man die letztere nur besser einsähe. Denn wenn die Anziehung, die man zur Erklärung des Zusammenhanges der Materie annimmt, nur scheinbare, nicht wahre Anziehung, vielmehr etwa blos die Wirkung einer Zusammendrückung durch äussere im Welträume allenthalben verbreitete Materie (den Aether), welche selbst nur durch eine allgemeine und ursprüngliche Anziehung, nämlich die Gravitation, zu diesem Drucke gebracht wird, sein sollte, welche Meinung manche Gründe für sich hat; so würde der leere Raum innerhalb der Materien, wenngleich nicht logisch, doch dynamisch und also physisch unmöglich sein, weil jede Materie sich in die leeren Räume, die man innerhalb derselben annähme (da ihrer expansiven Kraft hier nichts widersteht), von selbst ausbreiten und sie jederzeit erfüllt erhalten würde. Ein leerer Raum ausser der Welt würde, wenn man unter dieser den Inbegriff aller vorzüglich attractiven Materien (der grossen Weltkörper) versteht, aus ebendenselben Gründen unmöglich sein, weil nach dem Maasse, als die Entfernung von diesen zunimmt, auch die Anziehungskraft auf den Aether (der jene Körper alle einschliesst und, von jener getrieben, sie in ihrer Dichtigkeit durch Zusammendrückung erhält), in umgekehrtem Verhältnisse abnimmt, dieser also selbst nur ins Unendliche an Dichtigkeit abnehmen, nirgend aber den Raum ganz leer lassen würde. Dass es indessen mit dieser Wegschaffung des leeren Raumes ganz hypothetisch zugeht, darf Niemand befremden; geht es doch mit der Behauptung desselben nicht besser zu. Diejenigen, welche diese Streitfrage dogmatisch zu entscheiden wagen, sie mögen es bejahend oder verneinend thun, stützen sich zuletzt auf lauter metaphysische Voraussetzungen, wie aus der Dynamik zu ersehen ist, und es war wenigstens nöthig, hier zu zeigen, dass diese über gedachte Aufgabe gar nicht entscheiden können. Was drittens den leeren Raum in media- 104 Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.
nischer Absicht betrifft, so ist dieser das gehäufte Leere innerhalb dem Weltganzen, um den Weltkörpern freie Bewegung zu verschaffen. Man sieht leicht, dass die Möglichkeit oder Unmöglichkeit desselben nicht auf metaphysischen Gründen, sondern dem schwer aufzuschliessenden Naturgeheimnisse, auf welche Art die Materie ihrer eigenen ausdehnenden Kraft Schranken setze, beruhe. Gleichwohl, wenn das, was in der allgemeinen Anmerkung zur Dynamik von der ins Unendliche möglichen grösseren Ausdehnung specifisch verschiedener Stoffe, bei derselben Quantität der Materie (ihrem Gewichte nach) gesagt worden, eingeräumt wird, so möchte wohl, um der freien und dauernden Bewegung der Weltkörper willen, einen leeren Raum anzunehmen, unnöthig sein, weil der Widerstand, selbst bei gänzlich erfüllten Räumen, alsdenn doch so klein, als man will, gedacht werden kann.
Und so endigt sich die metaphysische Körperlehre mit dem Leeren und eben darum Unbegreiflichen, worin sie einerlei Schicksal mit allen übrigen Versuchen der Vernunft hat, wenn sie im Zurückgehen zu Principien den ersten Gründen der Dinge nachstrebt, da, weil es ihre Natur so mit sich bringt, niemals etwas Anderes, als sofern es unter gegebenen Bedingungen bestimmt ist, zu begreifen, folglich sie weder beim Bedingten stehen bleiben, noch sich das Unbedingte fasslich machen kann, ihrr wenn Wissbegierde sie auffordert, das absolute Ganze aller Bedingungen zu fassen, nichts übrig bleibt, als von den Gegenständen auf sich selbst zurückzukehren, um anstatt der letzten Grenze der Dinge die letzte Grenze ihres eigenen sich selbst überlassenen Vermögens zu erforschen und zu bestimmen.
Oswald Schmidt, Leipzig.
Veröffentlichungen der Philosophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien, Band III b.
Studien zur gegenwärtigen Philosophie der Mechanik.
Als Nachwort zu: Kaufs Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.
Von Dr. Alois Höfler, Privatdocent der Philosophie und der Pädagogik an der Universität Wien, k. k. Schulrath, Professor der Mathematik, Physik and philosophischen Propädeutik an der Theresianischen Akademie in Wien.
Leipzig 1900.
Verlag von C. E. M. Pfeffer.
Vorbemerkung.
„...Ich möchte Jenen, welche irgend ein metaphysisches System studieren, anempfehlen, den Theil desselben, der sich mit physikalischen Begriffen beschäftigt, sorgfältig zu prüfen."
MAXWELL, Matter and Motion, Art. XVI.
Gelegentlich eines Collegs: „Kants Metaphysische Anfangsgründe der Natur wi 8 sen seh aft, verglichen mit Maxwell'S Stoff und Bewegung", das ich im Wintersemester 1898/99 an der Universität Wien abgehalten habe, stellte es sich als eine Unbequemlichkeit für die Teilnehmer heraus, dass jene Schrift Kant'S seit ihrer dritten, unveränderten Auflage 1800 nicht mehr selbständig gedruckt worden, sondern nur in den Gesammtausgaben Kants zugänglich war. Da die Philosophische Gesellschaft an der Universität zu Wien um jene Zeit als zweiten Band ihrer Veröffentlichungen die „Vorreden und Einleitungen zu klassischenWerken der Mechanik"1) vorbereitete, lag als drittes Bändchen ein Neudruck der Schrift Kants nahe, indem ihr Gegenstand sich auf gleichem Gebiet, das man die Philosophie der Mechanik nennen kann, bewegt. Der Verleger ging auf den Vorschlag zu einem solchen Neudruck des Kant-Textes bereitwilligst ein und stellte auch den Teilnehmern des Collegs eine grössere Anzahl Vordrucke unentgeltlich zur Verfügung, für welches Entgegenkommen ihm an dieser Stelle unser Dank gebührt. Andrerseits trug der Umstand, dass diese Sonderdrucke ein Semester lang von vielen Augen gelesen wurden, zur Correctheit des Druckes vorliegender Ausgabe bei, für welche Unterstützung ich den Teilnehmern des Collegs hiermit nochmals danke.
Dem Neudruck ist zu Grunde gelegt die Ausgabe von Hartenstein: „Kants sämmtliche Werke", Vierter Band, 1867. — Hartenstein sagt in der Vorrede zu diesem Band, S. VII: „Die metapby- *) Enthaltend die Hauptetellen philosophiechen Inhaltes aue GALILEI, NEWTON, d Alembert, Lagbange, Kirchhoff, Hertz. — 258 S.
1* 4 Vorbemerkung.
sischenAnfangsgründe der Naturwissenschaft erschienen zuerst 1786 (Riga, J. F. Habtknoch, XXIV u. 158 S. gr. 8). Schon 1787 erschien eine zweite, den Typen, der Einrichtung des Drucks und der Seitenzahl nach mit jener ganz übereinstimmende Ausgabe, die sich von ihr lediglich durch die Verbesserung einiger weniger Druckfehler unterscheidet. Abgesehen von einem Nachdrucke (Frankfurt u. Leipzig, 1794) erschien bei Kant'S Leben im Jahre 1800 die dritte Ausgabe, die wieder ein blosser Abdruck der zweiten ist. Die nicht ganz geringe Anzahl von Lesarten, die in den beiden ersten Ausgaben gleichlautend sich als Druckfehler verrathen, hat folgende Änderungen des ursprünglichen Textes veranlasst. Es ist gesetzt worden 363, 9 u. (Text) Objecten st. Objecte; 365, 13 o. (Anm.) des äusseren st. äusserer; 367, 7 o. sich findet st. findet; 370, 10 u. sich bewegt st. bewegt; 376, 8 o. Grade verzögert werde, der kleiner ist st. Grade, der kleiner ist; 381, 10 o. jeder st. jede; 383, 1 o. die Richtungen st. Richtungen, 14 o. der relative Raum st. der Raum; 390, 19 n. Lehrsatz 1 st. Lehrsatz 2; 397, 8 o. ihn st. sie; 403, 15 o. Demnach st. Dennoch; 406, 15 n. gar st. ganz; 411, 20 u. Weiten st. Welten, 11 u. sich st. sie; 414, 15 o. war st. waren, 2 u. könnest, können; 415, 3 o. erfüllt st. erfüllt war; 416, 3 o. müssen st. müsse; 417, 15 o. Erwärmung st. Erwägung; 427, 13 o. forschende st. herrschende; 429, 9 o. nach ursprünglich st. nach als ursprünglich, 12 u.
Schwere st. Schweren, 8 u. über dem st. über den; 431, 5 u. einer anderen st. eine andere; 437, 9 u. die Substanz st. der Substanz; 444, 10 o. sich bewegt st. bewegt; 446, 12 o. die Körper st. ein Körper; 448, 12 o. der Anziehung st. die Anziehung."
Von dem Hartenstein 'sehen Text unterscheidet sich der vorliegende Neudruck durch eine Reihe, freilich meist unbeträchtlicher Veränderungen. Bei einer genauen Vergleichung der Vordrucke mit dem Härtens tein'schen Texte einerseits, dem Originaltexte von 1786 andererseits — um welche Vergleichung sich von den Hörern des Collegs ganz besonders die Herren Dr. Karl Neisser und Otto Neisser durch wiederholte vollständige Durchsicht der Drucke verdient gemacht haben — glaubten wir schliesslich folgende beiden Arten a) und b) von Veränderungen vornehmen zu sollen: a) Abweichungen von Hartenstein (H.), übereinstimmend S. 3, Text, Z. 6 v. u.: der rationalen (bei Hartenstein: rationalen); S. 6, Z. 15 v. o.: aus ihren blossen Begriffen (bei H.; aus blossen Begriffen); Vorbemerkung. 5 S. 9, Z. 1 v. o.: wo metaphysische und mathematische Konstruktionen (bei H.: wo mathematische Konstruktionen); S. 11, Anmerkung, Z. 15 v. o.: äusserer oder des inneren Sinnes (bei H.: des äusseren oder des inneren Sinnes); S. 16, Z. 3 v. u.: der absolute Raum ist also an sich nichts (bei H. der absolute Raum ist an sich nichts); S. 27, Z. 6 v. o.: welches das ist, was verlangt wurde (bei H.:...das ist, was ist, was verlangt wurde); S. 28, Z. 6 v. o.: und zwar in einem und demselben Raum (bei H.:.. in demselben Räume); S. 38, Anmerkung, Z. 5 v. u.: nach allen Seiten h i n ausgeübt (bei H.: nach allen Seiten ausgeübt); S. 85, Z. 14 v. o.: zusammt dem relativen Räume, worin...(bei H. zusammt dem relativen, worin...); Q Vorbemerkung.
S. 103, Z. 14 v. u.: aus ebendenselben Gründen (bei H.: aus ebendemselben Grunde); Ueberdies wurde bei der Wahl der stark wechselnden Typen die Ausgabe 1786 zum Vorbild genommen.
b) Abweichungen von Hartenstein, zugleich Abweichungen S. 17, Anmerkung 1, Z. 4 v. o.: konnte (bei Kant und Hartenstein: könnte); S. 66, Z. 1 v. o.:, in den verschiedenen Grad (bei K. u. H.: in dem verschiedenen Grade); S. 100, Z. 7 v. u.: von Westen nach Osten ***) (bei K. u. H,: von Osten nach Westen). Ueberdies wurden durchgehends die Declinations- und Conjugationsformen den gegenwärtig allein noch üblichen angenähert [z. B. alle formalen (statt formale), zwischen zwei(eu) u. dgl.]. — Ferner wurde überall dieReihenfolge von Komma und Parenthese umgekehrt, z. B.: statt bei Kant S. 1:.. muss, (der mithin.. ist) beisst...jetzt S. 15:.. muss (der mithin.. ist), heisst.,.
*) Es folgt kein Grundsatz 2, bezw. Lehrsatz 2 innerhalb des Hauptstückes.
**) Bei K. und H. sind nur „negativ" und „Einschränkung" fett gedruckt; der Zweck des „Allgemeinen Zusatzes der Dynamik" ist aber, auch das „Reelle" in den gleichen Rang mit jenen beiden hervorgehobenen Terminis zu stellen — weil sie ja de» Kategorieen „Realität, Negation, Limitation" entsprechen sollen.
***) STADLER (Kants Theorie der Materie, S. 266, Anm. 95) glaubt umgekehrt: „Hier bat der Text auf p. 457 [bei Hartenstein] letzte Zeile den offenbaren Druckfehler von West nach Ost. Die folgende Seite bringt das Richtige...SCHWAB nimmt den Druckfehler für Ernst.. u. s. f." — STADLER's Vorschlag aber widerspräche den bekannten Thatsachen des von NEWTON vorausgesagten, von KANT acceptirten und erst 1802 von BENZENBERG wirklich ausgeführten Versuches. — Nachträglich bemerke ich erst, dass auch KEFERSTEIN (s. u.) den „Druckfehler" nicht wie STADLER, sondern wie es oben im Neudrucke geschehen ist, berichtigt wissen will.
Vorbemerkung. 7 Einige noch unwesentlichere Abweichungen theils der vorliegenden Ausgabe von H. u. K., theils der H. von K. dürfen füglich unerwähnt bleiben, zumal den strengsten philologischen Ansprüchen ohnedies bald durch die in Vorbereitung stehende grosse Berliner Kant- Ausgabe Genüge geschehen wird.
Man kann an das Studium der Schrift Kant's von zwei Seiten herantreten: von der physikalischen und von der philosophischen. Vom Standpunkte der Philosophie wie von dem der Geschichte der Philosophie und der Philosophen werden die Metaphysischen Anfangsgründe wie jedes Werk Kant's immer mit Interesse angesehen werden und bleiben. Da aber der Stoff, auf welchen hier Kant die Methode seiner Transcendentalphilosophie anwendet, ein specifisch physikalischer, genauer: der der theoretischen Mechanik, ist und also gerade diejenigen Probleme betrifft, welche auch jetzt wieder mehr als seit langer Zeit einen Gegenstand des NachdenkeDs der hervorragendsten Naturforscher bilden, so ist es wahrscheinlich und wünschenswert, dass man in den Discussionen über die Begriffe der Kraft, der Materie, der Masse, der Trägheit, des absoluten Raumes und der absoluten Bewegung u. dgl. m. immer wieder auch von naturwissenschaftlicher Seite zu der Schrift Kant's greife. Insbesondere Studirende und künftige Lehrer der Physik, welche während der Zeit ihres Eindringens in die Methoden und sachlichen Ergebnisse der gegenwärtigen Forschung auch auf ihre formale Schulung im Nachdenken über die erkenntnisstheoretischen Principien dieser Wissenschaft Wert legen, werden sich die nicht selten harte Arbeit, welche das Studium der Schrift Kant's kostet, nicht ersparen wollen.
Ich hatte ursprünglich beabsichtigt, dem Neudruck der „Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft4', sei es als Anhang, sei es in einem besonderen Hefte, fortlaufende „Erläuterungen und Zusätze" folgen zu lassen. Ihr Zweck wäre nicht der eines Commentares zu dieser Schrift gewesen, wie deren schon mehrere vorliegen, so der alte von Bendavid und der sehr ausführliche und sorgfältige von Stadler*), welcher unter dem Titel „Kaufs TJieorie der Materie" (Leipzig, Hirzel, 1883) *) Nach STADLER'8 Schrift erschien das Programm von D. HANS KEF ERSTEIN: „Die philosophischen Grundlagen der Physik nach KANT's,Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft' und dem Manuscript,Uel>ergang von den Metaphysischen Anfangsgründen dor Naturwissenschaft zur Physik'." Hamburg 1892. — Jn STADLER's und KEFERSTEIN's Monographien findet man auch die weitere Litteratur über KANT's vorliegende Schrift.
8 Vorbemerkung.
„versucht, die Grundgedanken von Kant's M. A. d. N. so zu ordnen, dass die Schwierigkeiten sich auflösen, soweit sie überhaupt auflösbar sind*'.
Einer eigentlich conimentatorischen Beschäftigung mit dieser Schrift Kant's dürfte nach Stadler's Arbeit höchstens eine Nachlese erübrigen. Dasjenige besondere Interesse dagegen, welches auch ich (ohne auch nur annähernd so überzeugt zu sein vvie Stadler, dass Kant in allen wesentlichen Dingen am Ende doch Recht behalten müsse) Kant's physikalisch-philosophischem Hauptwerke immer noch zugewendet sehen möchte, wäre nicht das des Historikers oder Philologen, sondern ganz einfach das des Physikers, der sich bei der gegenwärtigen Neugestaltung der Principien der Mechanik gelegentlich auch einmal der Anregung durch einen Philosophen vom Fach nicht überheben will. Mit Verwunderung wird ein solcher Leser inne werden, dass die von Kant berührten Probleme während des zu Ende gehenden Jahrhunderts reichster Entfaltung der physikalischen Mechanik nach der Höhe und Weite dennoch in ihren principiellen Fundierungen an Festigkeit und namentlich an Unbestrittenheit eher verloren als gewonnen haben. Eine fortlaufende Vergleichung der KANT'schen Schrift z. B. mit Maxwell's Matter and motion weist einen Parallelismus der Auswahl und zum Theil sogar der Anordnung der in beiden Schriften behandelten Grundbegriffe und Grundsätze der Mechanik auf, welcher — da er gewiss nicht auf einer Beeinflussung des englischen Physikers durch den deutschen Philosophen beruht — immerhin Zeugniss ablegt für die auch von diesem Philosophen nicht willkürlich getroffene Auswahl der am stärksten problematischen Grundlagen der wissenschaftlichen Mechanik. Selbst wo sich die Ergebnisse beider Schriften von ähnlichen Mängeln behaftet zeigen, wie in ihrer beinahe gemeinschaftlichen und schwerlich widerspruchslos zu nennenden Stellungnahme zum Problem der absoluten Bewegung, liegt hierin ein Zeugniss für natürliche Schwierigkeiten des Gegenstandes und — was natürlich fruchtbarer ist, als jene Widersprüche bloss aufzustöbern — eine Aufforderung, neuerlich ihre Auflösung zu versuchen.
Die von mir anfänglich beabsichtigten „Erläuterungen und Zusätze" hätten also sich wesentlich die Aufgabe gestellt, überall in der KANT'schen Schrift die Ansatzpunkte aufzuzeigen, an welchen sich ein von rein sachlichem Interesse an dem gegenwärtigen Stande jener physikalisch-erkenntnisstheoretischen Probleme und von Hoffnung auf ihre künftige befriedigendere Lösung erfüllter Forscher oder Studierender durch die ausschliesslich diesen Problemen gewidmete Special schrift Kant's aufgefordert fühlen sollte, den damaligen Problemstellungen in ihre gegenwärtig nur noch reicher und feiner gewordenen Verzweigungen nachzugehen. — Auf diese Weise aber haben sich durch Berücksichtigung der neueren und neuesten Vorbemerkung. 9 Litteratur jene Erläuterungen und Zusätze zu einem Umfange ausgewachsen, der allein schon ihre Veröffentlichung als Anhang oder als Anhängsel zu Kant's Schrift unziemlich hätte erscheinen lassen. Die Zahl jener Ansatzstellen innerhalb der KANT'schen Schrift belief sich nämlich alsbald, wenn wirklich jedes Wort und Wörtchen, auf das es bei einer einwurfs freien Problemstellung und Problemlösung ankommen kann, Beachtung finden sollte, auf einige Hundert.
Statt einer solchen durchgängigen Anleitung zur intensiven Ausnützung der vom Philosophen gegebenen Anregungen, wie sie wohl besser der mündlichen Unterweisung vorbehalten bleibt, gebe ich im folgenden nur Beispiele und Stichproben dafür, wie ich mir denke, dass „der selige Kant" (so nannte ihn jüngst ein ungläubiger physikalischer Freund) ans auch heute noch auf ungedeckte Bedürfnisse nach unanfechtbaren Grundlagen unseres Denkens über Mechanik aufmerksam machen kann. Mag die folgende Auswahl solcher Fragen und gelegentlicher Andeutungen zu ihrer Beantwortung, so wenig sie das letzte Wort in Sachen des jeweilig strittigen Problemes zu sein sich anmasst, doch neben den augenblicklich beliebtesten Lösungsversuchen in Erwägung gezogen werden und zu „unzeitgemässen Betrachtungen" über Kraft, Masse, Trägheit, absolute Bewegung u. dgl. auffordern. Als „Studien zur gegenwärtigen Philosophie der Mechanik" bieten sie auch aus der einschlägigen reichen Litteratur nur eine knappe Auswahl.
Inwieweit diese „Studien" nicht nur Andere anregen möchten, sondern zugleich einem innerlich geschlossenen Systeme von Ueberzeugungen ihres Verfassers angehören, werden sie günstigstenfalls dem geneigten Leser insoweit verrathen, als eine aphoristische Darstellung dies überhaupt für sich beanspruchen kann. Sollten jene Überzeugungen eine erschöpfendere systematische Darstellung verdienen, so wünschte ich sie in derjenigen Stoffabgrenzung zu geben, von welcher S. 31 Anm. die Rede ist. Jedenfalls mu8ste für die Reihenfolge der vorläufig zu bietenden Aphorismen an dieser Stelle ausschliesslich die Reihenfolge ihrer Gegenstände in Kant's Schrift massgebend sein.
Wien, 31. December 1899.
Alois Höfler.
Zur Vorrede.
Der leitende Gedanke der Vorrede ist die Charakterisirung der Bolle, welche dem apriorischen Erkennen innerhalb des gesammten Naturerkennens zukommt. Die Sätze „Alle eigentliche Naturwissenschaft bedarf einen reinen Theil, auf dem sich die apodiktische Gewissheit, die die Yernunft in ihr sucht, gründen könne" (S. 5) und: „Eigentlich so zu nennende Naturwissenschaft setzt Metaphysik der Natur voraus" *) (S. 5) dürften freilich gegenwärtig Vielen anstössig klingen, weil ihnen schon die blossen Wörter „Metaphysik8 und „a priori* anstössig sind.
Die erkenntnisstheoretische Vorfrage, an deren Beantwortung sich die historische Frage nach dem sachlichen Werth oder Unwerth speciell von Kant's Glauben an apriorische Erkenntnisse überhaupt und an apriorische Erkenntnisse innerhalb der Naturwissenschaft insbesondere messen muss, lautet: Giebt es überhaupt apriorische Erkenntnisse?
*) Dieser Satz war sozusagen wörtlich genommen in der grossen Allgemeinen Encyklopädie der Physik von Karsten, in der u. a. HELMHOLTZ's Physiologische Optik erschienen ist, und deren erster Band eine Naturphilosophie von HARMS aller späteren „eigentlich so zu nennenden Naturwissenschaft" buchstäblich, voraussetzte.- — Ich kann hier nur versichern, dass ich zu Denjenigen gehöre, welche an das hier äusserlich bekundete Verhältniss von Naturphilosophie und Naturwissenschaft nicht glauben. — Dass aber gerade dieses Verhältniss von Apriori und Empirie, wie es die nachkantische „Naturphilosophie" unseligen Andenkens zum heute noch nicht verwundenen Aergernis aller wirklichen Naturforschung einzurichten versucht hat, auch KANT selbst nicht gewollt (wenn auch vielleicht, wie die ganze SCHELLING-HEGEL'sche Wendung der deutschen Philosophie, mitverschuldet) hat — das sagt er uns in dem lapidaren Satze an der Spitze der „Kritik der reinen Vernunft": „Wenn.. gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung." An diesem Satze gemessen werden die oben aus der Vorrede zu den M. A. d. N. angeführten Sätze jeden unbeabsichtigten, vermeintlich erfahrungsfeindlichen Nebensinn abstreifen Nachwort zu Kant, Metaph. Anf. der Nat., Vorrede. H Eine Vorfrage dieser Vorfrage muss natürlich die sein: Was heisst a priori? Die Antwort kann in zweierlei Sinn verlangt sein. Es läge nahe, als Antwort die Kant sehe Definition — vielmehr die KANT'schen Definitionen, denn leider hat er deren mehr als eine gegeben — hier wiederzugeben. Doch besteht hiernach gewiss kein Bedürfniss mehr, seit in Vaihingens Commentar, Bd. I, S. 165 — 197 unter dem Titel „Die Erkenntniss a priori" eine überaus reichhaltige Uebersicht solcher Art gegeben worden ist; wozu noch S. 197—229 „Tatsächlicher Besitz apriorischer Erkenntniss" weiteres Material bieten. Vgl. auch Bd. II, S. 89—101.)
Es muss aber noch eine zweite Art, auf die Frage: „Was heisst a priori?" zu antworten, zulässig sein: nämlich unseren „tatsächlichen Besitz" an Erkenntnissen neuerdings mit eigenen Augen, nicht von vornherein mit den Augen Kants, daraufhin anzusehen, wie der Begriff des Apriori bestimmt werden kann und muss, damit er einer in unserer Erkenntnispraxis thatsächlich und unleugbar sich aufdrängenden Eigenthümlichkeit ganz bestimmter Erkenntnissgebilde im Gegensatz zu anderen, „den Erfahrungen" (aposteriorischen Erkenntnissen nach Kant) einen adäquaten theoretischen Ausdruck gebe. Was nach solcher Methode, die nicht schon in den Ausgangspunkten, wohl aber in dem Wesentlichen der Ergebnisse mit Kant zusammentrifft, über jenen Gegensatz zu sagen ist, habe ich möglichst knapp in meiner Logik*) § 55 auseinandergesetzt. Es genüge hier an das Beispiel und Gegenbeispiel zu erinnern: Ein Kind hat durch Probieren gefunden, dass sich um eine Münze nicht mehr und nicht weniger als sechs gleiche bei gegenseitiger Berührung je dreier herumlegen lassen; und: der Geometer beweist das a priori aus der per definitionern vorausgesetzten Gleichheit der Radien seiner Kreise.
Zur Rechtfertigung, warum ich gerade die dort gegebene Definition des Apriori gegenüber unzähligen anderen bevorzugt habe, kann ich nur anführen, dass die jener Definition zu Grunde liegenden Bestimmungen in ihren Uebereinstimmungen mit, sowie ihren Abweichungen von den einschlägigen KANT'schen sich mir durch nun schon geraume Zeit ausnahmslos bewährt haben. Es sind die Bestimmungen, welche Meinong, Hume-Studien IL Zur Relationstheorie (Sitzungsberichte der phil. hist. Classe der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien CI. Bd., 1882, S. 732 ff., S. 162 ff. der Sonderausgabe) als *) Logik. Unter Mitwirkung von MEINONG verfaest von HÖFLER. Leipzig und Prag, 1890. Grössere Ausgabe (247 SS.).
12 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
eines der erkenntnistheoretischen Erträgnisse seiner Relationstheorie so formuliert: