SigPhi · Immanuel Kant

Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft

German

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ändeiungselementes die erste Station in der Analyse des Causalbegriffes, das der Notwendigkeit die zweite. Eben gegen jenes erste Element bin ich aber seither bedenklich geworden, wie ich zu Ende des § 17 meiner Psychologie „Die metaphysischen Theorien von den Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Leib und Seele" (s. Sonderausgabe), unter Hinweis namentlich auf MACH'sche physikalische Beispiele eingestanden habe. — Ich möchte im vorliegenden Zusammenbange darauf aufmerksam machen, dass speciell für den Causal begriff in der Mechanik das Moment der Veränderung und Succession ganz besonders in Gefahr kommt durch die Thatsache der nicht bloss kinetischen, sondern auch statischen Wirkungen von Kräften. Bekanntlich hat KANT (Kr. d. r. V. ed. Kehrbach, S. 191) durch sein Beispiel von der Kugel, welche in das Kissen ein Grübchen drückt, an diese Schwierigkeit des auf Veränderung gemünzten Causalbegriffes gerührt. Wären einmal die statischen Wirkungen von Kräften, die mechanischen Spannungen, s. o. S. 33, als eine ganze grosse; den „Bewegungen" coordinirte Classe mechanischer Phänomene, voll gewürdigt, so würde man jenes Beispiel von der Kugel und dem Grübchen jedenfalls nicht mehr als eine blosse mehr oder weniger leicht hinwegzuerklärende Ausnahme von der Regel, dass der Causalbegrifr auf offenkundige Veränderungen gehe, behandeln dürfen.

58 Höiler, Studien zur Philos. der Mechanik.

nahe stehe, so muss nunmehr constatirt werden, dass seltsamer Weise auch der noch immer allermodernste Begriff der Energie sich seinerseits ebenfalls nicht immer von solchen „Fluidum"- Vorstellungen oder nicht viel Besserem freigehalten hat.*) Und etwa gar von „Umwandlung" der Energie aus einer Form in eine andere und von ihrer „Erhaltung" trotz „Umwandlung" nicht zu sprechen, möchte leicht wie ein völliger Verzicht auf die unermessliche Fruchtbarkeit des Energiebegriffes erscheinen.

Als in den ersten Berichten über Ostwald's bekannten Vortrag**) verlautete, er habe aus der Naturwissenschaft die „Materie" eliminirt, drängte sich mir das Wort auf die Lippen: „Ist nicht schade um sie". Der Wortlaut des Vortrages selbst schliesst es aber nicht aus, dass im Grunde doch nur die Energie in die Aemter jener Materie eingesetzt, dass sie zur Materie gemacht worden sei.***) *) Als drastisches Beispiel ist mir in Erinnerung geblieben, wie zu einer Zeit, da der Gedanke der „Kraftübertragung" noch lange nicht so eingelebt war wie heute, nämlich auf der elektrischen Ausstellung Wien 1883, bei einer aus zahlreichen Verbindungen von allerlei arbeiterzeugenden und arbeitverbrauchenden Maschinen zusammengestellten Gruppe der Demonstrator der verblüfft horchenden Menge mit anschaulichster Bestimmtheit versicherte, dass er bei dieser Kurbel (an einer Dynamomaschine) „Arbeit hineinstecke", die dann durch diese Drähte zu diesen, durch jene Drähte zu jenen Zwischen-Apparaten fliesse und endlich an dem letzten Modell einer elektrischen Eisenbahn oder an einer dafür eingeschalteten Glühlampe „als Arbeit wieder herauskomme". Wohlgemerkt — überall war hier von der Arbeit selbst, nicht von der Arbeitsfähigkeit = Energie die Rede. Vielleicht hätte das etwas minder verständlich geklungen, wäre aber, weil der Wahrheit näher kommend, jedenfalls verständlicher gewesen. — Vom „Wandern" der Energie aus einem System in ein anderes hört man nun gewiss auch heute nicht nur in schief populären Darstellungen sprechen; ist es aber nicht immer noch zu populär, zu anschaulich?

**) Die Ueberwindung des wissenschaftlichen Materialismus. Vortrag, gehalten in der dritten allgemeinen Sitzung der Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Aerzte zu Lübeck am 20. September 1895 von WILHELM OSTWALD, Professor der Chemie an der Universität Leipzig. Leipzig, Verlag von Veit ***) Ich gründe diesen Vorwurf nicht auf folgende Stellen: „.. Die Energie muss doch einen Träger haben. Ich aber frage dagegen: warum? Wenn alles, was wir von der Aussenwelt erfahren, deren Energieverhältnisse sind, welchen Grund haben wir, in eben dieser Aussenwelt etwas anzunehmen, wovon wir nie etwas erfahren haben? Ja, hat man mir geantwortet, die Energie ist doch nur etwas Gedachtes, ein Abstractum, während die Materie das Wirkliche ist. Ich erwidere: Umgekehrt! Die Materie ist ein Gedankending, das wir uns, ziemlich unvollkommen, construirt haben, um das Dauernde im Wechsel der Erscheinungen darzustellen. Nun wir zu begreifen anfangen, dass das Wirkliche, d. h. das, was Lässt sich dies vermeiden? Ich glaube ja: wenn man, ehe man zu irgend einer substanziellen Vorstellung von Energie greift oder auf uns wirkt, nur die Energie ist, haben wir zu prüfen, in welchem Verhältnis die beiden Begriffe stehen, und das Ergebnis ist unzweifelhaft, dass das Prädicat der Realität nur der Energie zugesprochen werden kann.. Es entdeckte MAYER in der Energie die allgemeinste Invariante, welche das ganze Gebiet der physischen Kräfte beherrscht. — Mit dem blossen Merkmal, eine Invariante zu sein, ist der Begriff der Substanz gewiss nicht erschöpft."

Warum ich trotz dieser Vorsichten OSTWALD nicht davon freisprechen kann, dass auch er die Energie substanzialisirt habe, zeigen vielmehr die folgenden Stellenj welche vielleicht nur eine dem Verf. unwesentlich scheinende Laxheit des Ausdruckes enthalten, vielleicht aber doch auch auf eine tiefer sitzende Unklarheit hinweisen. S. 26 lesen wir die correcte Formulirung: „Die Sinneswerkzeuge reagiren auf Energie-Unterschiede zwischen ihnen und der Umgebung." Mit Bezug hierauf heisst es aber dann S. 28: „Was wir empfinden, sind, wie schon betont, Unterschiede der Energie-Zustände gegen unsere Sinnesapparate, und daher ist es gleichgiltig, ob der Stock gegen uns, oder wir uns gegen den Stock bewegen." Was ich hier beanstande, ist die Behauptung, dass wir „Unterschiede der Energie - Zustände.. empfinden." Es ist das sicherlich nicht minder falsch (oder zum mindesten ein wahrer Gedanke sehr schief ausgedrückt), wie wenn man sonst sagen hört: „Was wir beim Hören empfinden, sind S ch wingunge n der Luftmoleküle" — denn nicht Schwingungen empfinden, hören wir, sondern Töne; oder: „Was wir empfinden, sind die Stösse der Gasmoleküle gegen unsere Haut" — denn nicht diese empfinden wir, sondern einen bestimmten Wärmegrad. — Da nun unvermeidlich die Sinnesqualitäten, sowie wir sie empfinden, auseinander gehalten werden müssen von dem, was diesen Bewusstseinsinhalten als physischer (oder metaphysischer) Erreger entspricht, und OSTWALD daher nicht ernstlich meinen kann, dass die infolge des Stockschlages empfundene Druekqualität mit der Energie identisch sei, so ist auch er gegen den Wortlaut der letzteren Stelle genöthigt, die Energie „hinter" die Sinnesqualität zu verlegen, wie der besonnene Materialist die „Schwingungen" als „das allein eigentlich Reale" nur „hinter" die auch ihm zunächst psychisch gegebenen Töne, Farben, verlegte. Und so wie nun, wer um LOCKE's Bedenken gegen eine ihre „Inhärenzen" tragende „Substanz" sich nicht kümmerte, sonst die „Materie" als das der allein phänomenalen Farbe, Härte „Zugrundeliegende", sub-stans, dachte, so denkt auch OSTWALD, wenn er sich näher prüft, der Farbe, der Härte seine Energien „zu Grunde liegend", substitirend". — Oder nicht seine Energien, sondern „die Energie"; ebenso wie der der naiven Objectivirung der Sinnesqualitäten freilich längst überlegene Chemiker zwar nicht für die rothen, die blauen, die harten, die weichen Stoffe immer eigene Substanzen annimmt, sondern womöglich nur „die eine Urmaterie" (nach PBOUST), von der schon der Wasserstoff eine höchst complicirte allotrope Modification ist. Aber wie diese (unter die von OSTWALD als „materialistisch" bekämpfte Auffassung fallende) Vorstellung trotz aller sonstigen theoretischen Verfeinerung des Gedankens eines ürgrundstoffes den naiven Substanzgedanken doch nicht losgeworden ist, so auch nicht der Gedanke der „einen Energie".

60 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

auch nur Nebengedanken an solche erregt, zuerst in aller Klarheit die Beziehung des Energie- zum C au sal- Begriff aufdeckt. Es ist dies in planmässiger Weise geschehen von Volkmann in dem Aufsatz: Naturwissenschaft und Causalität. *) Ich möchte mir indess gestatten, hier einige Gedanken, welche sich mir unabhängig von Volkmann 's Darstellung seit langem aus gleichzeitiger Beschäftigung mit dem Causal- Was nun schliesslich den Vorwurf des „Materialismus" betrifft, welchen OSTWALD schon im Titel seines Schriftchens gegen die kinetisch - atomistische Theorie erhebt, so Hesse sich dieser auch gegen die von OSTWALD empfohlene Form der Energetik erheben. Ich sage, er Hesse sich erheben, möchte aber vielmehr empfohlen haben, das Wort „Materialismus" mit Rücksicht auf den in ihm enthaltenen Vorwurf lieber ganz zu vermeiden. Also nur um zu zeigen, dass beide Theorien, als rein physikalische gefasst, den Vorwurf gleich wenig verdienen, weise ich auf den Punkt hin, von welchem angefangen sie ihn gleich sehr verdienen würden: es ist derjenige „Standpunkt", auf welchem ein Naturforscher mit der „Materie" oder der „Energie" als alleinigem „wirklich Realen" auskommen zu können meint und nicht auch das Psychische als mindestens ebenso real, sondern höchstens als „Wirklichkeiten zweiter Güte" will gelten lassen. — Nachträglich finde ich eine der obigen Beanstandung des Ostwald'schen Satzes dass wir „ unterschiede der Energie-Zustände.. empfinden", zumteil ähnliche Beanstandung in dem Schriftchen von WOLFÖ. PAULI „Über physikalisch-chemische Methoden und Probleme in der Medicin" (Wien, 1900, S. 12): „Wir empfinden die auf unser Sinnesorgan übertragene Energie nicht unmittelbar. Was wir empfinden, sind nur die Zustandsänderungen in unseren Sinnesnerven, eine Erkenntnis, die zurückgeht bis auf DESCARTES und, wie JOHANNES MÜLLER erwähnt, andeutungsweise schon bei PLATO angeführt ist."

Nach Obigem kann ich nur dem ersten, negativen Satze beistimmen, nicht dem zweiten, welcher anklingt an JOHANNES MÜLLER berühmtes, aber psychologisch mehr als unhaltbares Wort „Wir empfinden unsere eigene Netzhaut". „Empfinden" hiesse hier speciell „Sehen". Aber wer hat schon seine eigene Netzhaut gesehen ( — zu bemerken: sie, die Netzhaut, selbst — nicht etwa ein Spiegel- oder Linsenbild vor ihr). Einige monströse Consequenzen davon, dass JOHANNES MÜLLERS Satz gleichwohl mehrmals buchstäblich genommen wurde, so von UEBERWEG, habe ich gesammelt in meiner Psychologie, S. 286.

*) Ztschr. Himmel u. Erde, VIII. Jahrg. 1896. Hier nur z. B. die Anmerkung 2, S. 347: „Ich sehe den Vorzug der MAYER 'sehen Energetik, abgesehen davon, dass sie nicht ausschliesslich auf Fernkräfte zurückgeht, in der Verwerthung und Ausnutzung des Begriffes Auslösung und dem consequenten Gebrauche des Wortes Ursache." — Volkmann weist später (S. 357) darauf hin, dass in den Sachregistern zu MAYER 's Schriften sich zahlreiche Hinweise unter dem Stichworte „Ursache und Wirkung" finden, nicht aber das Wort Causalität; umgekehrt im Sachregister bei HELMHOLTZ das Wort Causalität, nicht aber Ursache. Ueber die hiermit von Volkmann urgirte Unterscheidung von Ursache und Causalität muss auf die Abhandlung selbst verwiesen werden. Hier nur der ganz im Sinne obiger Ausführung betonte Satz, dass schon bei Auslösungsvorgängen.. „die vermeintliche eine Ursache etwas sehr zusammengesetztes ist, ein Complex von Ursachen."

Nachwort zu Kant, IL Hauptstück: Dynamik. 61 problem und der physikalischen Energetik aufgedrängt haben, ohne Eingehen auf zahlreiche verwandte gelegentliche Ausführungen innerhalb der philosophischen und physikalischen Litteratur insoweit anzudeuten, als sie Ergänzungen zu den obigen Ausführungen über Kraft, Theilursache und Ursache darstellen.

Auch für Energie ist das genus proximum zweifellos „Teil-Ursache"; ist ja schon in der herkömmlichen Definition: „Energie ist die Fähigkeit, Arbeit zu leisten" (welche Definition auch von Solchen nicht verschmäht zu werden pflegt, welche sonst die physikalischen Grössen nur durch mathematische Formeln, z. B. die lebendige Kraft durch ^ mv!, „definiren"), durch das genus proximum „Fähigkeit" dieser Charakter einer blossen Teilursache viel deutlicher und richtiger bezeichnet, als bei der herkömmlichen Definition der Kraft als „Ursache" einer Bewegung. Worin sich nun die beiden Begriffe Kraft (im Sinne von mg) und Energie bei Gemeinsamkeit ihres bloss dispositionellen Charakters unterscheiden, das ist das Correlat*) dieser Disposition. Für die Kraft sind es die actuellen Vorgänge bzw. Zustände von Beschleunigung und mechanischer Spannung, für Energie die mannigfaltigen „Formen" von „Arbeit". Beschränken wir uns fürs erste auf die mechanische Arbeit (A=ps), so ist diese ein Vorgang, der den Blick von sich selbst, dem „Arbeiten", auf die „Umgebung" (in dem unten, S. 85 näher zu erörternden besonderen Sinne — also hier:) auf die durch die Arbeit zu überwindenden „Widerstände" und die die Arbeit leistenden „Kräfte" im Ganzen noch entschiedener hinlenkt, als es die Erscheinungen der Beschleunigung oder der Spannung für sich thun.**) *) Dieses Wort hier im Sinne des allgemeinen Satzes verwendet:,Jede Disposition besitzt ein actuelles Correlat." — Während des Druckes schreibt mir MEINONQ: „Streng genommen ist Fähigkeit und Disposition nie selbst Teilursache. Doch hat etwas Fähigkeit vermöge einer Eigenschaft, die Teilursache ist. Ebenso bei Disposition. In der Dispositions-Theorie rede ich daher nicht nur von Dispositions-Correlat, sondern auch von Dispositions-Grundlage."

**) Die psychologischen Gründe für diese sozusagen grössere Popularität, auch des physischen Arbeits begriffes als eines solchen, der die c a u s a 1 e Ausdeutung der phoronomischen und tononomischen Thatsachen noch näher legt und ungezwungener durchzuführen erlaubt, als die soviel missbrauchte vorwissenschaftliche, K r a f t" -Vorstellung, würden sich unschwer im einzelnen noch viel ausführlicher aufzeigen lassen, als ich es in der Monographie B Psychische Arbeit" gelegentlich gethan habe. Speciell der dort (a. a. 0. S. 226 ff., S. 125 des Sonder- Abdruckes) von mir aufgezeigte Primat des Begriffes der psychischen gegenüber dem jeder Art von physischer „ Arbeit" gehört sicherlich mit 62 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

Ist dann das Denken einmal von den den Arbeitsbegriff nach seiner phänomenalen Seite constituirenden Erscheinungselementen (dem „ Spann ungs-Factor" und dem „Weg-Factor", sowie ihrem Zusammengehen, d. h. der zwischen ihnen bestehenden Complexionsform) auf deren Ursachen gelenkt, so ist es nur die ins Einzelne und Concrete gehende physikalische Erfahrung, welche die möglichen verschiedenen Ursachen der gleichen Arbeits- Wirkung als qualitativ sehr mannigfaltige aufdeckt, und welche insbesondere auch die zahlenmässigen „Aequivalenzen", nicht nur der (dispositionellen) Energie und der (actuellen) Arbeit (nach dem Satze von der Maasszahlengleichheit der kategorialen und der correlativen phänomenalen Quanta, s. o. S. 35), sondern auch der qualitativ verschiedenen Energien unter einander, der mannigfachen „Fähigkeiten" zu ein und derselben Arbeit, aufzeigt. — Nirgends gewinnen die hierüber gesammelten Erfahrungstatsachen, von der ruhmvollen Entdeckung des mechanischen Wärmeäquivalentes an, an innerer Verständlichkeit durch Hineintragen irgend einer Substanz -Vorstellung in den Energie-Begriff; nirgends aber kann dieser Begriff dagegen auch seine Natur als blosse nähere Determination des Ursachbegriffes als „abgeleiteter C au sal- Begriff"*) auch nur dem Namen nach verleugnen. — Bedarf dies noch eines Nachweises, so sei auf den unverkennbaren Parallelismus hingewiesen, welcher zwischen dem der Energetik so wesentlichen Begriff der „Auslösung" und dem Begriff der „letzten" (d. h.

hier nicht etwa: in metaphysische Tiefen vordringen wollenden, sondern einfach:) completirenden Teilursache besteht. Dieser letzten Teilursache stehen die übrigen Teilursachen, die relativ bleibenden Teilbedingungen, gegenüber, und ebenso der Auslösung die auszulösende Energie selbst. — Wie nun der Ursachbegriff ein so weiter ist, dass Ursachen, besser Teilursachen, gleichgut „Dinge", Eigenschaften, Vorgänge, Zustände, ja ohne weiteres auch Relationen selbst sein können, so ist auch- der Energiebegriff so weit, dass es schliesslich keine Classe von Qualitäten gab, auf die dieser Begriff nicht Anwendung gefunden hätte. Hier also liegt die Wurzel der praktisch so gut bewährten und theoretisch zu den „Wurzeln" nicht nur des „Satzes", sondern schon des Begriffes der mechanischen, allgemeiner jeder physikalischen, chemischen und physiologischen Arbeit.

*) Vgl. meine Logik, § 27. — Anstatt dieses Terminus hat MEINONO später (Pbantasievorst. u. Phantasie, S. 218) „determinierte oder angewandte Causalvorstellungen" empfohlen.

Nachwort zu Kant, II. Hauptstück: Dynamik. 63 doch selten ohne eine Art Geheimthuerei dargestellten Begriffe »verschiedener Energieformen", ihrer „Umwandlung" in einander und ihrer „Erhaltung" trotz der Umwandlung. Auch dieser physikalisch sicherlich tadellose Aeguivalenzgedanke ist nur eine concrete Ausgestaltung eines allgemein ontologischen Gedankens: dass nämlich dieselbe Wirkung durch verschiedene Gruppirungen von Teilursachen zustande gebracht werden können.

Indem ich so auf die ontologischen Obersätze hinweise, fällt es mir nicht ein, die Untersätze, d. h. die einzelnen empirischen Feststellungen zum allgemeinen und zu den speciellen Energiesätzen aus dem physikalischen Gebiet ins metaphysische verlegen zu wollen. Aber wenn die Subsumption der physikalisch-concreten Vorstellung von „Energien" unter die ontologisch- allgemeine der „Ursache" auch nur möglich ist, so ist sie eben hiemit für eine Betrachtung, die neben den Untersätzen auch die Obersätze in Erwägung zieht, auch schon als unvermeidlich erwiesen. — Eine vielleicht praktische Lehre hieraus könnte die sein, dass, wie man den Kraftbegriff aus der Physik zu eliminiren versucht hatte, weil für seinen Oberbegriff, den Ursachbegriff, die genügend competente Inhaltsbestimmung zu fehlen schien, es auch eines Tages dem Energiebegriffe ergehen könnte; beiden Begriffen freilich mit gleichem Unrecht. Oder vielleicht gerade dem Energiebegriff nicht ganz mit Unrecht, wenn man sich an den oben (S. 30) aufgezeigten, im Terminus „Energie" liegenden groben Anthropomorphismus hielte. Eine Betrachtung freilich, die die Namen nach den Dingen, nicht umgekehrt bestimmt, wird mit gleich gutem Gewissen den Kraft-, wie den Energie-, wie den ürsach-Begriff allen Anstürmen gegenüber festzuhalten wagen.

Zu dem besonders reichen Inhalt des Zweiten Hauptstückes der KANT'schen Schrift im Folgenden nur noch einzelne Bemerkungen.

Zum Begriffe der „Undurchdringlichkeit."

Vielleicht von allen Anregungen der KANT'schen Schrift ist am meisten auch bei den Physikern durchgedrungen die Eliminirung der „Undurchdringlichkeit", nämlich ihre Zurückführung auf 64 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

„abstossende Kräfte". So sagt Mach*): „Man kann einfach sagen, dass bei Entfernung der Teile eines Körpers Anziehungskräfte, bei Annäherung dieser Teile Abstossungskräfte wirksam werden. Bei genügend inniger Berührung können sich diese Kräfte auch zwischen den Teilen verschiedener Körper äussern. — Die sogenannte Eigenschaft der Undurchdringlichkeit beruht auf den erwähnten Abstossungskräften. Der Raum, den ein Körper einnimmt, ist nicht durchaus unveränderlich; derselbe kann auch durch den Druck anderer Körper verkleinert werden, die widerstehenden Kräfte wachsen aber mit dieser Verkleinerung. Der Ausdruck „Undurchdringlichkeit" enthält nur eine ungenaue Umschreibung dieser Thatsache."

Unter den Begründungen, welche Kant seiner Ablehnung des Undurchdringlichkeitsbegriffes giebt, sind die "Worte (S. 35) berühmt geworden: „Der Satz des Widerspruches treibt keine Materie zurück." Ein glänzender Satz — aber doch mehr blendend als erleuchtend. Ebenso gut könnten wir ja sagen: Der Satz ps = ^mv2 treibt keine Locomotive vorwärts. Aber wir können ja nicht einmal sagen, der Pythagoreische Satz macht, dass a2 -|- b2 = c2. Ueberall kann es sich ja doch nur darum handeln, ob ein „Satz" der adäquate Ausdruck desjenigen unmittelbar oder mittelbar evidenten (evident gewissen oder evident wahrscheinlichen) Urteils sei, durch welches wir ein Dasein oder eine Beziehung vor das Forum unseres Denkens bringen. Also in unserem Falle: Ist der Umstand, dass „zwei Körper nicht zur selben Zeit am selben Ort sein können", ein „Nichtkönnen" von derjenigen Art, wie sie der Satz des Widerspruches ausspricht, oder eines von derjenigen Art, nach welcher der Analphabet sagt, dass er nicht lesen und schreiben könne? Allgemein: Besagt die (hier gleichviel, ob analysirte oder unanalysirte, auf „Kräfte" oder auf was immer sonst „zurückgeführte" oder nicht restlos zurückführbare) „Undurchdringlichkeit" eine apriorische oder eine empirische Unmöglichkeit? Ich denke, dass eine dem *) Naturlehre für Mittelschulen, S. 53. — Natürlich ist die Berufung auf abstossende Kräfte keine abschliessende, sobald diese im Sinne der kinetischen Gastheorie (welche ja MACH nicht anerkennt) den „anziehenden" nicht coordiniert werden. Freilich müsste, wie oft mit unwiderleglichem Rechte hervorgehoben worden ist, auch die Vorstellung von elastischen oder starren Atomen schliesslich irgendwie wieder mit Vorstellungen von „Undurchdringlichkeit" oder von „abstossenden Kräften" ausgestattet werden, damit es überhaupt zu einem „Stoss" zwischen Atomen oder Molekülen, der die „abstossenden Kräfte" ersetzen soll, kommen kann.

Nachwort zu Kant, IL Hauptstück: Dynamik. 65 Probleme auf den Grund gehende Untersuchung von den folgenden Distinctionen Meinong 's (Relationstheorie a. a. 0. S. 100 [670]) würde ausgehen müssen: „Wir haben bisher die Verträglichkeitsrelationen, wie früher die Vergleichungsverhältnisse, bloss mit Rücksicht auf die Vorstellungen von physischen und psychischen Zuständen in Betracht gezogen; doch sind auch von dieser Relationsciasse, wie von der ersten, Substanzvorstellungen nicht ausgeschlossen. Ich glaube als Beleg hierfür auf die geradezu schlagende Evidenz hinweisen zu dürfen, die sich bei philosophisch nicht reflectirenden Menschen einzustellen pflegt, wenn sie auf das physikalische Gesetz der Undurchdringlichkeit zuerst aufmerksam werden. Auch Locke hat dieser Evidenz Ausdruck gegeben, indem er das Urteil: zwei Körper können nicht Einen Raum einnehmen, unter die wenigen Fälle allgemeinen Wissens über Coexistenz rechnet; und von diesem Standpunkte aus ist es ganz zwecklos, daneben noch eine besondere Sensationsidee der „Solidität" zu statuiren, wie Locke es thut. Nichts kann das Verfehlte des Versuches, Undurchdringlichkeit auf Solidität zu stützen, die Vorstellung der Solidität aber von dem Widerstände herzuleiten, „den wir bei jedem Körper gegenüber dem Eindringen eines andern Körpers auf seinem Platz antreffen", besser beleuchten, als Locke's eigene Bemerkung, dass der Diamant um nichts solider sei als Wasser.

Es handelt sich eben hier nicht um Etwas, was Gegenstand einer Empfindung sein kann, sondern um die einfache Unverträglichkeit zweier qualitativ determinirter Körpervorstellungen unter Voraussetzung gleichen Orts- und Zeitdatums. Freilich ist dies aber nur eine Angelegenheit der Phänomene und nicht der Dinge; und bloss, wenn diese sich deckten, könnte das Gesetz der Undurchdringlichkeit ohne weiteres als eine allgemein formulirte Unverträglichkeitsbehauptung bezeichnet werden. In Wahrheit sind die Dinge, von denen das physikalische Gesetz doch gelten will, erst unter Vermittlung des Causalverhältnisses zu erreichen, und es bleibt zu untersuchen, ob und in welchen Grenzen Unverträglichkeit der Wirkungen auf Unverträglichkeit der Ursachen oder Teilursachen zurückweist." — Das hier angeregte Problem ist verwandt mit dem, auf welches wir uns S. 56 geführt sahen: Ob zwischen „Dingen an sich" Causalität bestehen könne. Es genüge hier wie dort, das metaphysische Restproblem als solches festgestellt zu haben.

ßß Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

Zum Begriffe des Atoms.

Eine andere physikalische Hauptfrage, in welcher Kant's Schrift einflussreich geworden ist, betrifft die Atomistik. Durch seinen Lehrsatz IV „Die Materie ist ins Unendliche teilbar und zwar in Teile, deren jeder wiederum Materie ist" (S. 40), sowie durch die Anmerkung S. 41, in welcher er der „monadistischen" (== atomistischen) die „dynamische" (= antiatomistische) Theorie der Raumerfüllung entgegenstellt, ist Kant zum Wortführer der nichtatomistischen Minorität unter den Naturforschern und Naturphilosophen des XIX. Jahrhunderts geworden. Nicht alle Kantianer haben sich ihm hierin angeschlossen. So unternimmt es Kurt Lasswitz in „Atomistik und Kriticismus", geradezu aus den Principien des „Kriticismus" die Atomistik sogar a priori zu beweisen. Im Folgenden soll weder auf solche Versuche für und gegen eingegangen, noch sollen solche gar neuerlich gewagt werden. Ganz anderes scheint gegenwärtig in dieser alten Streitsache nothzuthun; ich erlaube mir, was ich meine, durch ein mich überraschendes Erlebnis der jüngsten Tage zu erläutern. In einer geselligen Zusammenkunft mehrerer Privatdocenten der Universität Wien, darunter eine Majorität von Physikern, dann Chemiker, Meteorologen und Philosophen, kam das Gespräch auf die Atomistik. Alle bis auf einen Philosophen erklärten sich aufs Unbedingteste von der Atomistik überzeugt. Als aber der Philosoph um die Definition, oder noch lieber um die Beschreibung eines Anschauungsbildes von einem Atom bat und die Meinung vertrat, dass das Zerteiltsein der Materie in „letzte Teilchen" wenigstens nicht a priori einleuchte, wurde (mit allen gegen eine Stimme, welche aus der Yerdichtbarkeit allein schon einen giltigen Schluss auf leere Zwischenräume zwischen den Stofftheilchen ziehen zu können glaubte) versichert, dass die Atomistik im gegenwärtigen Sinne gar nichts mehr gegen die stetige Erfüllung des Raumes habe. Nur nicht homogen dürfe die Raumerfüllung sein, sondern sie müsse gegliedert sein durch Wirbel oder Schwingungsknoten*) oder sonst irgend periodisch auftretende, ausgezeichnete *) Schon vor fünfzehn Jahren habe ich mit Freunden (und einmal auch mit einem berühmten Physiker) die Möglichkeit besprochen, der eigentlichen Stütze der chemischen Atomtheorie, DALTON's „Gesetz der multiplen Propor. tionen", dadurch eine andere Deutung als durch das Anhäufen von 2, 3, 4, 5.. gleichen Kügelchen oder dgl. zu geben, dass man an harmonische Partialschwingungen denkt, die ja auch an diese Zahlenreihe 2, 3, 4, 5.. gebunden sind. Schwingungen einer Saite, die sich nicht auf diese Zahlen zurückführen lassen, Nachwort zu Kant, II. Hauptstück -.Dynamik. 67 Stellen innerhalb des raumerfüllenden Etwas. — Ich gestehe, dass mich dieses unser Gespräch lebhaft erinnert hat an jene bekannte Erzählung Locke's, nach welcher er durch einen Streit über die „Lebensgeister", während dessen sich herausgestellt hatte, einen wie wenig bestimmten und noch weniger einheitlichen Sinn die einzelnen Streitenden mit jenem übereinstimmend verwendeten Worte verbunden hatten, den ersten Anstoss zu seiner analytischen Psychologie, dem „Versuch über menschlichen Verstand" empfangen habe. — Der Leser der KANT'schen Schrift kann sich gewiss nur zu doppelt kritischer Prüfung von Kant's Argumenten gegen die einstige Atomistik angeregt fühlen, wenn er sich vorhält, dass dies gar nicht mehr die Atomistik unserer jungen Physiker sei. — Kant, der sich nur gegen die discontinuierlichen Atome wendet, stände hier auf Seite der neuesten, von Faraday, Thomson, Kirchhoff u. A. eingeleiteten Wendung des Denkens über „Atome". Ob diese gegenüber dem älteren Atombegriff physikalisch im Rechte ist, wäre die erste, hier natürlich nicht einmal nach Wahrscheinlichkeiten abzuwägende Vorfrage dafür, ob dereinst noch die Physik dem Eintreten Kant's f ür die S t e t i g k e i t der Materie sozusagen physikalische Anregungen zu verdanken haben wird. — Eine philosophische Anregung zur näheren psychologischen und logischen Analyse des herkömmlichen dogmatischen Atom -Begriffes bringen uns die Seiten 40 — 45 gewiss, wenn sie auch noch soviel physikalisch Anfechtbares enthalten sollten.

bilden keine stabilen Bewegungszustände; so könnten auch nur Stoffpaare, die nach jenen Zahlen zusammengesetzt sind, feste Verbindungen geben, dagegen variable Mischungen in allen anderen Verhältnissen. — Ich weiss nicht, inwieweit eine solche (hier nur als Beispiel für die Möglichkeit des Waltens ganzer Zahlen auch in stetiger Materie angeführte) Vorstellung in der theoretischen Chemie schon näher duichgearbeitet worden ist. In einer Abhandlung, die ein mir übrigens unbekannter italienischer Chemiker mir vor etwa einem Jahrzehnt zuzusenden die Freundlichkeit hatte, schien mir sich die Uebereinstimmung darauf zu beschränken, dass im Titel ebenfalls von Schwingungsknoten die Rede war.

5* Zum Dritten Hauptstück: Mechanik.

Das Dritte Hauptstück geht aus von einer Definition der Masse (Erklärung 2, S. 76) und schliesst daran ein erstes, zweites und drittes Gesetz der Mechanik (S. 80 — 84).