Ganz äusserlich genommen erinnert das an unser gegenwärtiges System der Mechanik, indem auch für dieses der Begriff der Masse den Ausgangspunkt bildet (gemäss dem GAuss'schen absoluten oder physikalischen Maasssystem im Gegensatz zum terrestrischen oder technischen, welches von der Kraft ausgeht). Und die drei mechanischen Gesetze erinnern an die drei leges motus Newton's. Aber was Kant sein Erstes mechanisches Gesetz nennt, das der Erhaltung der Masse, wird heute überhaupt nicht als ein Princip der Mechanik behandelt, sondern pflegt erst in der Chemie seine systematische Erwähnung zu finden. Seit der Aufstellung des Gesetzes der „Erhaltung der Kraft" haben freilich auch viele Physiker einen Parallelismus zum Gesetz der „Erhaltung der Materie oder der Masse" herzustellen versucht. Aber das hatte doch immer einen leisen Beigeschmack von derjenigen Naturphilosophie, auf die man in Kreisen der Physiker nicht allzuviel hält. Und vollends für diejenige modernste energetische Auffassung, welche im Begriff der Energie einen Ersatz für den Begriff der Materie gefunden zu haben glaubt (vgl. oben S. 58), kann von einer Parallelisirung überhaupt nicht mehr die Rede sein.
Ueber das Verhältnis der KANT'schen Fassung des Massen-Begriffes zu demjenigen, was diesen Begriff noch heute für die systematische Mechanik zu einem Problem macht, sogleich unten (S. 69—78) einiges Nähere. — Was dagegen die drei „Gesetze der Mechanik" betrifft, so fehlt unter ihnen dasjenige, welches man heute meist als Ersatz der zweiten lex motus Newton's einzusetzen pflegt: das Unabhängigkeitsprincip. — Statt einer gleich- Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 69 massigen Erörterung der drei von Kant angeführten Gesetze der Mechanik wird angesichts der gegenwärtigen lebhaften litterarischen Bewegung in Sachen des Trägheitsgesetzes eine umso eingehendere, wenn auch freilich nicht erschöpfende Betrachtung der hier schwebenden Streitfragen am Platze sein. — Vorerst also: Zum Massen-Begriff.
Vor allem dürfte an der sprachlichen Wendung: „Eine Materie wirke in Masse" (S. 76), auf welche Kant wesentlichen Ton legt, in der gegenwärtigen Sprechweise der Mechanik die angefügte Bestimmung „in Masse" wohl überhaupt nicht mehr wesentlich und geläufig sein; wir werden also von ihr im Weiteren absehen. Was nach Weglassung dieser Wortverbindung aus der KANT'schen Definition der Masse übrig bleibt, lautet: „Die Quantität der Materie.. heisst die Mass e." Die Nebenbestimmung, welche ich hier nicht mit reproducirt habe, nämlich „.. die Menge des Beweglichen..", findet ihre schärfere Formulirung in dem sofort folgenden Lehr- „Die Quantität der Materie kann in Yergleichung mit jeder anderen nur durch die Quantität der Bewegung bei gegebener Geschwindigkeit geschätzt werden."
Sehen wir ab von dem beigegebenen Beweis: (S. 76) „Die Materie ist ins Unendliche teilbar" etc., welcher Beweis nur im Hinblick auf die oben erwähnte Nebenbedeutung „in Masse wirken" Zusammenhang mit der übrigen Betrachtung gewinnt, so darf gesagt werden, dass sich Kant's Massenbegriff sehr nahe berührt mit demjenigen Massenbegriff, welcher gegenwärtig als der wesentlichste Fortschritt gegenüber Newton's Definition der Masse fast allgemein angenommen ist. IuNewton's Definition: „Mass e = Quantität der Materie", wird (ganz abgesehen von der oft gerügten Forderung, diese Quantität durch das Product aus Volumen und Dichte zu messen, wo doch Dichte — heute wenigstens — nicht anders als durch den Quotienten aus Masse und Volumen definirt zu werden pflegt) die Unbestimmtheit des Ausdruckes „Quantität der Materie" beanstandet. Man ist gegenwärtig darüber einig, dass es eine ganze Reihe von Merkmalen sein kann, nach welcher diese „Quantität" bemessen wird: Volumen, Gewicht, chemische Wirkungsfähigkeit u. s. f. — welche, weil es z. B. zur Verbindung mit verschiedenen anderen Stoffen sehr verschiedener Mengen eines und desselben Stoffes bedarf, sogar ein sehr gutes Beispiel für die Relativität des Quantitätsbegriffes bilden u. s. f.
70 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Ausführlich und lichtvoll ist diese Relativität des Massenbegriffes u. a. in Maxwell's Stoff und Bewegung Artikel XL VI dargestellt. Wenn aber auch nach dieser Richtung die Acten über den Wortlaut von Newton's Definition (—es wurde neuestens mehrmals, so von Volkmann und Poske aufmerksam gemacht, dass es wohl gar keine eigentliche „Definition" hat sein sollen) geschlossen sind, so sind sie es doch nicht über eine ganze Reihe zum mindesten ebenfalls formeller, wahrscheinlich aber auch noch sehr sachlicher Fragen nach einer allseits befriedigenden Definition des mechanischen Begriffes „Masse". Ja wer nicht metaphysische Betrachtungen a limine abweist, wird, wenn überhaupt, so durch den Massenbegriff sich immer wieder vor die metaphysischen Probleme der „Substanz" und des „Dinges" geführt sehen. Wer ihnen ausweichen will, muss die Masse als „Eigenschaft" auffassen. Nicht in dem Sinne, als ob dabei durch das Wort „Eigen u-schaft doch wieder implicite ein Hinweis auf eine Substanz, dem jene „eigen" ist, gegeben wäre (gemäss dem Satze „Attributa sunt suppositorum*, von dem Edmund Pfleiderer wieder jüngst fragte, ob er nur ein Jahrtausend altes Vorurteil sei); sondern nach der antimetaphysischen oder ametaphysischen Fassung des Massenbegriffes wäre Masse nur ebenso ein wahrnehmbarer Vorstellungsinhalt, wie die Sinnesphänomene, Farbe oder Wärme, bei denen es zum mindesten nicht unerlässlich ist, sie als „Accidentia" einer „Substanz" aufzufassen, indem sie sich ja sozusagen als „Eigenschaften an sich", unabhängig von jedem Gedanken an ein „Ding an sich", denken lassen. In diesem ametaphysischen Sinne also sei „Masse" für den Physiker ausschliesslich die Eigenschaft, vermöge deren ein Körper (auch dieses Wort nur in phänomenalem Sinne genommen) Beschleunigungen erteilt und empfängt (beides ebenfalls causallos); wobei in letzter Hinsicht die Masse vielleicht am schärfsten als Beschleunigungscapacität*) definirt werden könnte (ein *) In dem oben angeführten Vortrage definirt OSTWALD die „Masse" als „die Capacität für Bewegungsenergie" (S. 28).
Ich hatte in der Monographie „Psychische Arbeit" (Ztschr. f. Psychol. und Physiol. d. Sinnesorgane, 1894, VIII. Bd., S. 163 [S. 62 der Sonderausgabe]) darauf hingewiesen, dass man ebensogut, wie man zu „definiren" pflegt m = —, auch „definiren" könnte m =,-7—^,.° „ In der einen wie in der anderen Form ■M trifft die Form des Quotienten zusammen mit der für eine „Dich t e" D = -r=-, wo V als das die Masse M „in sich Fassende" gedacht ist.— Ueber die Erweiterung des Dichtebegriffes, vermöge deren er sich geradezu mit dem einen der beiden Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 71 Körper hat eine grosse Masse, wenn an ihm eine gegebene Kraft eine kleine Beschleunigung hervorbringt — ebenso wie ein Conductor grosse Capacität hat, wenn er bei gegebener Ladung ein kleines Potenzial erhält).
Sieht man sich aber nun ein wenig um über die thatsächliehe Verwendung, welche das Wort Masse bei den maassgebendsten Physikern der Gegenwart findet, so zeigt sich an derjenigen Stelle des Systems, wo sozusagen officiell die Massendefinition versucht wird, allerdings ein unverkennbares Bestreben, mit einer Eigenschaftsdefin i t i o n (wie wir kurz sagen wollen) das Auslang zu finden. Im ganzen weiteren Lehrgange aber hören wir doch alsbald wieder von „Massen" sprechen, die einander anziehen, die auf einander stossen, wo deutlich genug die anziehenden, die stossenden Körper selbst kurz — oder nur abkürzend? — als „die Massen" bezeichnet werden. So sind namentlich auch die „verborgenen Massen", mit welchen Hertz an Stelle der „Kräfte" auszukommen sucht, unverkennbar als Körper gedacht es dürfte schwer sein, auch für d i e s e „Massen" mit der MACH'schen Definition m/m' = — <p'\<p so das Auslangen zu finden, dass die von Hertz beabsichtigte Einführung einer dritten Grösse „Masse" (neben Eaum und Zeit) statt der dritten und vierten („Kraft") noch ihren Zweck erfüllt. Natürlich gilt das Gesagte wie von den „verborgenen" Massen auch von den „grob sinnlichen" nach Hertz. — Ja auch in Abschnitten, welche gar nichts mit Beschleunigungen zu thun haben, stellen sich Wort und Begriff „Masse" als vorläufig noch unentbehrlich heraus. So in der Hier müsste zum mindesten vorher der Begriff der „thermischen Masse"*) im Gegensatz zur „mechanischen Masse" eingeführt sein.
Typen von „Dimensionen", dem „divisiven Typus", deckt, vgl. meine Abhandlung „Die abgeleiteten physikalischen Grössen und ihre Dimensionen", Ztschr. f. d. physikalischen Unterricht, XII. Jahrg., 1899, S. 23.
*) Um ein jüngst vernommenes Missverständnis auszuschliessen, hebe ich hervor, dass oben mit „thermische Masse" nicht das Product aus der mechanischen Masse und der speeifischen Wärme (der Wasserwert) gemeint sei, sondern nur die Masse selbst, bei der der ausdrückliche Zusatz „thermisch" nur noch besonders aufmerksam machen soll, wie sehr es eine Erfahrungstatsache für sich ist, dass in der „W ärmemenge" (welcher Begriff nach MACH ja erst im Hinblick auf Ausgleichungsvorgänge nach RlOHMANN's Regel nebst der durch BOERHAVE's, FAHBENHEIT'8, BLACK'» Beobachtungen nothwendig gewordene Er- 72 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
Indem ich diese Begriffsschwankungen — nicht tadle, natürlich auch nicht lobe, sondern einfach — constatire, legt sich die Vermuthung nahe, dass Wort und Begriff „Masse" vielleicht doch Denkbedürfnissen, und zwar nicht unberechtigten, entsprechen, welche durch die künstliche Schaffung der Eigenschaftsdefinition nicht ihre volle Befriedigung finden. Gesetzt dies sei so, wäre dann bei einer künftigen Revision des Begriffssystem es der Physik einer Rehabilitirung des Substanz- Begriffes das Wort zu sprechen? — Meinong that einmal gegen mich die kurze Aeusserung, wer sich bei „Substanz" nichts denken könne, habe damit noch nicht den Ding- Begriff verworfen. In der That steht der Begriff des Dinges, der res, zu dem des „Realen" ungekünstelt in so nahem Verhältnis, dass wir eine Realität bestimmter Art, an deren Existenz zu glauben wir anderweitig Grund haben, auch dann noch mit dem bequemen Namen „Ding" bezeichnen dürfen, wenn wir einer Stellungnahme zum Problem der Kategorien und speciell zur Kategorie der Substanz noch so vorsichtig ausweichen wollen. „Ding" ist dann ein ebenso zutreffender Name für den empirischen Begriff des „Körpers" wie für den transcendentalen Begriff des „Dinges an sich". Und dabei ist der Begriff des Dinges doch wieder nicht etwa so vag, dass man es nicht als eine unerlaubte Erweiterung empfände, auch noch das Abendroth oder die Schwere oder die Cholera — und hinwieder: das Singen, das Nachdenken ein „Ding" zu nennen. Ohne sich also auf das Problem einzulassen, inwieweit den sprachlichen Kategorien der Substantiva, Adjectiva und Verba und den correlativen sogenannten logischen Kategorien der Dinge, der Eigenschaften und der Vorgänge und Zustände wirklich völlig scharf abgrenzbare logische Begriffsinhalte oder Begriffsformen (welch letztere ja schliesslich doch auch wieder als irgendwelche „Inhalte" gedacht werden müssten) entsprechen, wird der Physiker seinem Denken über Massen auch im Sprechen immer noch am treuesten bleiben, wenn er sie nicht Weiterung für verschiedene specifische Wärmen den rein tbatsächlichen Inhalts gewinnt) die „Masse" neben (eigentlich anstatt) ihrer mechanischen Rolle ohne weiteres eine thermische Rolle zu übernehmen vermag. Da diese Erfahrungsthat« sache durch die Eigenschafts- Definition der Masse geradezu unverständlich wird, während sie durch die Mengen- Annahme verständlich war, so wollte obiges Auseinanderhalten zweier Eigenschafts-Definitionen mittelst zweier besonderen Termini es der Erwägung empfehlen, inwieweit hierin nicht geradezu ein Argument gegen eine bloss phänomenalistische Umprägung des Massenund weiterhin des Körper-Begriffes liege.
als Eigenschaften (auch nicht als Vorgänge oder Zustände), sondern als Dinge bezeichnet. Und da es immer gut ist, wenn man als genus proximum schon den möglichst nahe determinirten Begriff wählt (denn sonst ist es eben kein genus „proximum"), so wird es weitaus die ungezwungenste Redeweise sein, unter „Massen" die Körper selbst zu verstehen, welchen die bei der Messung der Massen jeweilig hervorzuhebende Eigenschaft (Beschleunigungs-, Wärme-Capacität u. s. f.) zukommt. — Oder verzichtet denn etwa auch der in seiner Sprechweise vorsichtigste Physiker darauf, von den in seinem Gewichtsatz aufbewahrten Messing- und Platin -Körpern selbst zu sagen: sie s i n d die Gramme, die Milligramme? Nach der Eigenschaftsdefinition müsste man sagen: Diese Körper haben Gramme; was ganz ungewohnt klänge. Immerhin soll nicht unbemerkt bleiben, dass auch das ein ungezwungener Sprachgebrauch ist, zu sagen: „Dieser Messingkörper hat eine Masse von 10 gr." Was ähnlich klingt, wie: er hat gelbe Farbe oder er hat cylindrische Gestalt, er ist von gelber Farbe u. dgl. — womit Masse sprachlich nun doch wieder auf eine Linie mit Eigenschaften, mit Farbe und Gestalt gestellt erscheint. Aber hier wäre aus der sprachlichen Fügung eine zu bestimmte Anweisung auf diese oder jene gedankliche Formgebung herausgelesen. Sagen wir doch auch z. B. ein Regiment von 4000 Mann, ohne dass das Regiment hiemit als Ding und die 4000 Mann als seine Eigenschaften bezeichnet*) wären.
Angenommen nun, als Masse gelte der Körper selbst, nicht eine seiner Eigenschaften, so würde das durchaus nicht hindern, innerhalb der verschiedenen Capitel der Physik sich bewusst zu werden und zu bleiben, dass uns der Körper einmal nach dieser, einmal nach jener seiner Eigenschaften interessirt; also in der Mechanik als „mechanische Masse'* nach seiner Beschleunigungscapacität, in der Wärmelehre gemäss Richmann's Regel als „thermische Masse" u. s. f. Und es ist dann zunächst eine blosse Empirie so gut wie jede andere, aber hiemit keineswegs die Wissbegierde nach tieferen Einsichten in sachliche Zusammenhänge ausschliessend, wenn man sich davon über- *) Die Biegsamkeit oder sagen wir entschiedener: Mehrdeutigkeit der Präposition „von" kann uns in unserem Falle sogar willkommen sein, indem sie uns den einen Körper „von" 1000 Gramm ebenso als „aus" 1000 einzelnen Gramm bestehend zu denken einladet, wie das Regiment aus den 4000 Mann besteht. Eben dieses „Bestehen" erinnert aber gleichfalls daran, was an der Fassung „Masse = Quantität der Materie = Menge des Stoffes" nicht zu verwerfen war, obwohl sie einer Ergänzung bedürftig ist.
74 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
zeugt, dass zwei Körper, die als mechanische Massen sich nach dem Zahlenverhältnisse 1: m verhalten, auch als thermischen Massen sich wie 1: m verhalten. Dass es dann einund derselbe Körper ist, welcher sich in zweierlei (und mehrerlei) zunächst heterogenen Erscheinungskreisen in dennoch übereinstimmender Weise als grössenbestimmend erweist, führt jenes Weiterdenken in durchaus gesunder Weise auf Gedanken, welche der Physiker als solcher je nach persönlicher Neigung mitdenken oder deren er sich enthalten mag, ohne den Inhalt seiner Wissenschaft und ihre verständliche Darstellung hiemit zu beeinflussen. Nämlich: Jenes Uebereinstimmen oder Proportionalgehen verschiedener Wirkungen legt eben doch den Gedanken nahe, dass es sich hier um ein Eeales handle, das je nach seinem Zusammentreffen mit anderen Teilbedingungen einmal die mechanischen, einmal die thermischen Effecte (und andere) mit verursachen hilft. — Der Gründlichkeit einer solchen Betrachtung kann es nur nützlich sein, wenn unter den anderen Teilbedingungen auch der specifi sehen Energien unserer eigenen Sinnesorgane und was mit diesen zusammenhängt, nicht vergessen wird. Wie hoch immer wir aber auch den Einfluss dieser als speeifische Energie ausgezeichneten einen subjeetiven Teilbedingung für das Auftreten gerade dieser oder jener Sinneserscheinung ansetzen mögen — seine Rolle als eine andere Teilbedingung für das Auftreten bald dieser bald jener Empfindungs-Gattung und -Art hat hiemit der einheitliche „Körper" keineswegs eingebüsst. Nur freilich wird eine solche Betrachtung, welche neben der physikalischen auch die physiologische und die psychologische Seite des Gesammtphänomens und seiner ausserphänomenalen Bedingungen würdigt (— unter die letzteren, nicht unter die „Phänomene" selbst gehören ja auch die speeifischen Sinnes-Energien), den „Körper" nicht mehr sammt allen seinen phänomenalen Merkmalen für gleichmassig „real" halten; sondern indem nun alle direct empfundenen „Eigenschaften" als Empfindungsqualitäten erkannt sind, muss die erkenntnistheoretisch gewitzigte Betrachtung von dem „Körper", d. h. von Dem, was der Naive und auch noch der Physiker selbst den Körper nannte, einen ausgiebigen Betrag in Abzug bringen, um wenigstens ein „Ding an sich" des „Körpers" vor dem Aufgehen in subjeetiven Sinnesqualitäten zu retten. — „Ganz ohne Realitäten geht es nicht ab"*) — sagt P. Volkmann in seiner Akademie-Abhandlung: „Denken und Sein in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis."
Nachwort zu Kant, III. Hauptstück: Mechanik. 75 Und: „Der Begriff der Dinge an sich, welche hinter der Welt der Erscheinungen liegen, darf keine zu grosse Rolle in der Speculation übernehmen."*) Gewiss, es ist sogar durchaus räthlich, dass die Speculation über „Dinge an sich" gar keine Rolle spielt, während man etwa gerade mit dynamischen Grundgleichungen, Wärmemischungen u. dgl. zu thun hat; es ist aber auch mehr als räthlich, dass diese Ametaphysik als schlichte Enthaltsamkeit nirgends den Weg von den Erscheinungen zu den echten Realitäten verschüttet.
Und da trifft es sich glücklich, was speciell die Physik der Massen betrifft, dass das tolerante Wort „Ding" ebenso den Weg offen hält einerseits zum harmlos empirischen Begriff des Körpers, wie anderseits zum unheimlich abstracten Begriff des D i n g e s an sich. Soll es überhaupt neben der Physik der Massen eine Metaphysik der Massen geben, so wird diese auch „hinter" den Massen so gut (oder dank der physikalisch constatirten Wiederkehr „derselben" Masse innerhalb verschiedener Phänomenenkreise sogar noch etwas besser) als hinter manchen anderen Erscheinungen ein dem Gramm-Körper entsprechendes Ding an sich suchen (hinter dem Kilogramm-Körper wahrscheinlich ein „anderes" Ding an sich — das man sich freilich noch lange nicht als aus 1000 „Gramm -Dingen-an-sich" bestehend denken darf). Und sie würde über diese Dinge an sich sogar noch etwas mehr als gar nichts auszusprechen wissen, nämlich wenigstens nicht weniger, als dass das „Ding an sich" des phänomenalen Gramm -Körpers auch noch nach der „kritischesten", wenn nur eben nicht rein idealistischen Betrachtung eine der realen Theilbedingungen für die jenem „empirischen" Gramm -Körper (im Unterschiede z. B. zu dem einen Kilogramm-Körper) eigenthümlichen physikalischen Erscheinungen sei. — Zusammenfassend also: Ich glaube, man könnte den physikalischen Begriff „Masse" so fassen, dass einerseits von der gegenwärtigen Ergänzung der Definition als „Quantität der Materie" mittelst der näheren Bestimmung, welches der mehreren an einem und demselbem Körper unterscheidbaren quantitativen Merkmale gemeint sei — nämlich die Grösse der „Beharrung" oder die „Beschleunigungscapacität" —, nichts aufgegeben wird, und anderseits doch auch dem strengsten physikalischen Denken gestattet bleibt, dem natürlichen Denken insofern nahe zu bleiben, als man zum genus proximum des Massenbegriff^s nicht „Eigenschaft" macht, sondern „Ding", und zwar „Körper" belässt. Man könnte dann von der in 76 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
der dynamischen Grundgleichung p = mg gemessenen Masse sagen: Eine Masse von 1 Gramm ist derjenige Körper, welcher unter der Spannung von 1 Dyn eine Beschleunigung von 1 cm sec~2 („ein Accel") erhält; wobei unter „Dyn" die Einheit nicht für die „Kraft" im eigentlichen, ausserphänomenalen Sinne, sondern im phänomenalen, also Dyn = S p a n -nungseinheit (tononomische Einheit), verstanden sein müsste. *) *) Da das Dyn selbst erst durch Berufung auf das Gramm definirt wird, so scheint für das absolute Maasssystem obige Definition eine arge Zirkeldefinition. Dennoch ist nicht nur durch obige Beschränkung des Begriffes „Dyn" auf Spannungen formell der Zirkel ausgeschlossen, sondern es entspricht sogar sachlich jene Definition im Grunde dem wirklichen, selbst durch das absolute Maasssystem nicht ausser Kraft gesetzten Gedankengang, gemäss welchem wirklich der Spannungsbegriff logisch primär gegenüber dem Massenbegriff bleibt. Hierüber einstweilen nur soviel, dass nach dem oben (S. 35) über das Verhältnis kategorialer und phänomenaler Quanta Gesagten, vor allem auch bei der logischen Analyse aller Gedanken, die der Feststellung des Gramm als Masseneinheit vorausgehen, als das zu den phoronomischen Einheiten des cm und der sec sowie der Beschleunigungseinheit cmsec— 2 hinzukommende dritte Element, die tononomische Einheit, sich herausstellen würde. Wohl bemerkt, bei einer logischen Analyse: denn es wird Niemand physikalisch empfehlen, statt des Normalkörpers, dem Pariser Kilogramme prototype, der nicht minder im terrestrischen als im absoluten Maasssystem den Ausgangspunkt für alle dynamischen Grössenangaben bildet, etwa eine „Normalspirale" anzufertigen und aufzubewahren, welche, bei bestimmter Stahlsorte, Dicke, Länge, "Windungsweite u. s. f. um ein Bestimmtes verlängert, die „Spannung 1" giebt. Aber gleichviel, ob wir von Elasticität oder von der handsameren Schwerkraft ausgehen — immer verlassen wir uns (kraft eines Gedankenganges, der als der eigentlich gemeinte, wenn auch keineswegs immer deutlich ausgesprochene Sinn der Grundgleichung der Dynamik p = mg unschwer explicite darzustellen wäre) darauf, dass zwei Körper, die uns der Mechaniker als geaichte Grammkörper verkauft, vor allem deshalb wirklich „gleiche Massen" darstellen, weil an ihnen „dieselbe Kraft" dieselbe Beschleunigung hervorbringen würde; oder phänomenal ausgedrückt: weil sie unter dieselben Spannungsverhältnisse gebracht, dieselben Beschleunigungen annehmen ( — wobei sich der Gedankengang allerdings überall dort noch mannigfach compliciert, wo uns, wie bei kosmischen Massen, nur die Beschleunigungs-, nicht die Spannungs-Verhältnisse mehr oder minder unmittelbar „wahrnehmbar" sind.)
Dass dieser Gedankengang, welchen ich schon in dem Aufsatze „Einige Bemerkungen über das C. S. G. - System im Unterricht" (Ztschr. für den physikalischen u. ehem. Unterr., Berlin, XI. Jahrg. 1898, S. 79) angedeutet habe und welchen ich für eine auf die phänomenalen Grundlagen des Massenbegriffes dringende psychologische und logische Analyse für unabweislich halte, auch physikalisch correct und insbesondere dem durch das absolute Maasssystem gesicherten Fortschritt nicht zuwider sei, dafür bürgt mir der wesentlich gleiche Nachwort zu Kant, m. Hauptstück: Mechanik. 77 Mit dieser Belassung der genus proximum „K ö r p e r" ist die tiefer gehende Aufgabe, innerhalb dieses Begriffes die phänomenalen Elemente gegen die kategorischen reinlich abzugrenzen und insbesondere der ersteren in erschöpfender psychologischer Analyse sich bewusst zu werden, keineswegs ausgeschlossen — nur ist eben diese Aufgabe nicht der Physik als solcher aufgebürdet, sondern sie wird ihr durch die Psychologie als solche und, was die kategorialen Elemente betrifft, durch die Erkenntnistheorie (Transcendentalphilosophie) und nötigenfalls durch die Metaphysik abzunehmen sein. — Die Physik als solche setzt in dieser Sache auf alle Fälle erst ein beim „Normalkörpe r", der ja in jedem Maasssystem, ob in einem altassyrischen oder römischen, ob im metrischen, neben den geometrischen und phoronomischen Einheiten für Länge und Zeit die Pforte zu den dynamischen Thatsachen bildet; u. zw. auch im metrischen System z. B. das Pariser Kilogramme prototype ganz gleicherweise, ob man von der sieht- und greifbaren „Thatsache" dieses Körpers aus sodann gedanklich den ersten Schritt zu einer Kraft -Einheit (auch das metrische System war ja anfänglich als ein terrestrisches, nicht als ein absolutes gedacht) oder zu einer Massen-Einheit thun will. Die psychologische Analyse derjenigen Gedanken, welche der Physiker denkt und denken muss, damit er fünfzig, hundert Jahre nach der Herstellung und Einführung jenes Normalkörpers den ihm als solchen vorgezeigten Platin-Iridium- Würfel als den echten, unbeschädigten anerkenne, führt ja freilich auf Vorstellungs- und Urteilselemente, die Gedankengang in MAXWELL's „Stoff und Bewegung", wie schon die Reihenfolge der Artikel des dritten Abschnittes „Kraft und Masse" zeigt, nämlich: In Art. XXXVII, XXXVIII und XXXIX zunächst Feststellungen über die eine „dynamische Einwirkung" [so übersetzt FLEISCHL „stress"] bei der gegenseitigen Einwirkung zweier Körper; sodann in Art. XL bis XLIV NEWTON's erstes und zweites Bewegungsgesetz, sodann im Art. XLV „Definition der Begriffe „„Gleiche Massen und gleiche Kräfte"" zuerst „die Annahme, dass es möglich ist, die Kraft, welche zwischen zwei Körpern wirkt, zu verschiedenen Malen in gleicher Intensität herzustellen"; wobei diese Kraft durch die „Spannung" eines Kautschukstranges realisirt wird. Und hierauf erst in Art. XLVI: „Maass der M a a s s e". Also ist auch bei MAXWELL die Kraft primär gegenüber der Masse. — Ja selbst bei MACH's berühmter Massendefinition, welche die Kraft ganz auszuschalten scheint, indem sie sich nur an das Verhältnis der Beschleunigungen q>t und y1 hält und definirt — - — -, ist die m2 <pi stillschweigende Voraussetzung, dass es eine und dieselbe Kraft sei, mit welcher mt auf m2 und m2 auf ml einwirkt (z. B. beim Kreisen zweier Massen umeinander); wie dies nach MACH eben durch das Gegenwirkungsprincip, zu dem so der Massenbegriff in nächste Beziehung gesetzt ist, gewährleistet wird.
7 g Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.
eine an's Komische streifende Mannigfaltigkeit und Complication aufweisen: z. B. ob in der Zwischenzeit der Körper wirklich durch verlässliche Schlüssel, Diener u. s. f. so sicher aufbewahrt gewesen sei, dass nichts vom Platin habe abgeschabt werden können; oder näherliegende: ob nicht Schmutzflecke von wägbarer Masse sich auf dem Körper zeigen, ob sonst chemisch noch alles an ihm in Ordnung sei, was weiterhin auf die Gedanken der möglichen chemischen Reagentien führt; ebenso auf die der Thermometer, Barometer für die Reductionen auf den luftleeren Baum u. dgl. m. — So sähe die rein phänomenalistische Summirung aller „Empfindungs"- und sonstigen psychischen Elemente aus, aus denen sich die Vorstellung vom Normalkörper als solche zusammensetzt. Ob aber dieser — genauer: sein „Ding an sich" — nicht doch selber noch etwas vor, während und ausserhalb dieser Gedanken und ohne diese — „ist"?
Zum Trägheitsgesetz. „Alle Veränderung der Materie hat eine äussere Ursache" (S. 82). Zu dieser Formulirung, welche Kant dem Trägheitsgesetz giebt, ist vor allem zu bemerken, dass die unmittelbar folgende nach Newton, welche durch die Klammern den Anschein einer ihr gleichwertigen, höchstens sie näher erläutern sollenden erhält, jener ersteren gewiss nicht inhaltsgleich ist. Es ist in dem alten und, wie wir sehen werden, heute noch nicht ausgetragenen Streite um die erkenntnistheoretische Bolle des Trägheitsgesetzes, insbesondere um sein Verhältnis zum Causalgesetz, oft und mit zweifellosem Rechte hervorgehoben worden, dass der sehr abstracte Begriff „Veränderung (der Materie)" nie errathen liesse, dass es sich just um das „Verändern" der zwei ganz bestimmten Merkmale einer Bewegung: Geschwindigkeit und Richtung, handle. Vollends mit der Auslegung aber, welche Kant in der Anmerkung S. 83 seinem Begriff der Trägheit giebt, wonach diese die „L e b 1 o s i g k e i t" der Materie besage: „Alle Materie ist als solche leblos. Das sagt der Satz der Trägheit und nicht mehr", wüsste die gegenwärtige Physik wohl überhaupt kaum mehr etwas anzufangen. Gewiss stand es Kant frei, diesen Satz als sein Trägheitsgesetz zu bezeichnen; es stand ihm aber nicht zu, durch jene Beifügung in Klammern den Schein zu erwecken, als habe dann jenes KANT'sche mit dem Newton» sehen Gesetz noch irgend etwas zu schaffen. — Nicht immer scheint man bei dem oft rühmend citirten Satz (S. 83): „Auf dem Gesetz der Trägheit.. beruht die Möglichkeit einer