SigPhi · Kurt Koffka

Die Grundlagen der psychischen Entwicklung

German

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Wird der Versuch nun immer und immer wiederholt, so ändert sich das Verhalten des Tieres; nach und nach werden die Bewe- gungen^ die nicht zum Erfolg geführt haben, an Zahl immer gerin- ger und verschwinden schlieMich ganz, dafür werden die »erfolgreichen'' Bewegungen immer vollkommener und exakter. Beides wirkt auf die Zeit* Kurve im gleichen Sinn, das Tier kommt schneller und schneller aus dem Kasten heraus. Dies der Tatbestand. Wie haben wir ihn zu deuten? Die Tier-Psychologie der Amerikaner ist stolz darauf, eine einfache Theorie ausgearbeitet zu haben. Diese Theorie hat verschiedene Stadien durchlaufen, von denen wir einige hier wiedergeben wollen, der Kern war aber von Anfang an da. Er be- steht im folgenden: ebensowenig wie das Tier das erste Mal sich aus dem Kasten beireit, dadurch, daß es mit Einsicht und Absicht eine bestimmte Bewegung ausführt, ebensowenig sind Einsicht und Absicht wirksame Faktoren, wenn das Tier die Sache kann. Die Veränderung des Verhaltens, die Ausschaltung der unzweckmääigen, die Vervollkommnung der richtigen Bewegungen, geht vor sich ohne jedes Zutun des Tieres, ohne daß das Tier auch nur die leiseste Ahnung hätte, warum es sein Verhalten ändert; alles geschieht mechanisch-zwangsmäfiig dadurch, daß die erfolgreichen Be- wegungen sich erhalten, die erfolglosen allmählich verschwinden. v"^ Dies ist das Prinzip vom Versuch und Irrtum, oder vom Erfolg und Mißerfolg. Und es besteht nur die Frage, wie es denn kommt, daß sich die erfolgreichen Bewegungen im Gegensatz zu den erfolg- losen erhalten. Die erste Antwort lautete: allmählich bildet sich zwischen der Situation und den nützlichen Bewegungen eine feste Verknüpfung, eine Assoziation, derzufolge die Wahrnehmung der Situation sich direkt umsetzt in die zweckmäßige Handlung. Und Google JI2 Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung diese Assoziation bildet sich nur zwischen der Situation und der Vorstellung der zweckmäßigen, nicht aber auch der unzweckmäßigen Bewegungen, weil jene von Lust, diese von Unlust gefolgt waren. So etwa sieht die Theorie bei Lloyd Morgan aus. Freilich die Präge, wie nun Lust und Unlust assoziations-stiftend bezw. hemmend wirken, die sich Morgan stellt, kann er nur mit den folgenden Worten beantworten: „Ich glaube, es gibt auf dieses nur eine ehr- liche Antwort: wir wissen es nicht"*").

Li dieser Form hat sich die Theorie lange erhalten. Bühler scheint sie mir zur Erklärung der Dressur-Leistungen, auf die wir unten zu sprechen kommen, zu verwerten. Nach ihm bildet sich durch die Lust des Erfolgs und die Unlust des Mißerfolgs „eine eindeutige klare und genügend feste Assoziation zwischen bestimmten Sinneseindrücken und dem Bewegungskomplex der erfolgreichen Ver- haltungsweise** aus^^^j. Der Zusammenhang ist ein rein asso- ziativer, d. h. der Sinnes-Eindruck UVst die Bewegung aus, ohne daß dem Tier ein „ich soll'' oder „ich will'' zum Bewußtsein kommt *'^). ^ Insofern wird also die Theorie von Morgan modifiziert, die Asso- ziation bildet sieh zwischen Wahrnehmung und Bewegung direkt, ohne bewußte Zwischenglieder. So hat auch Thorndike die Sache gleich angefaßt und durch besondere Versuche zu beweisen gesucht. Nach seiner ersten Hypothese besteht die Assoziation bei den von ihm untersuchten Tieren nur in der Verbindung von Sinnes-Eindrücken mit Bewegungs-Impulsen ^'*). Gehen wir dem Sinn des Wortes Asso- 2iati(m etwas nach. Unter Assoziation versteht man eine Verbindung zwischen Vorgängen, die nicht angeboren, sondern erst im Laufe des Lebens entstanden ist. Diese Bedeutung behält das Wort auch bei Morgan, und wohl auch bei Bühler, wenn er schreibt, „daß zur Dressur...eine «Überproduktion von Bewegungen», ein «zielloses Probieren^» gehört, auf daß ein Spiehraum entsteht für das Walten Aea Zufalls, der zum Erfolge führt, und daß dieser Spielraum dann durch die Herausbildung einer eindeutigen Assoziation wieder ein- geschränkt und schließlich ganz aufgehoben wird" "'). Wenn man die „Überproduktion" so versteht, daß hier Bewegungen auftreten, die an sich nicht durch ererbte Bahnen mit der gerade vorhandenen Situation verbunden sind, so würden wirklich neue Verbindungen gestiftet. Bei Thorndike liegt die Sache aber anders. Die „Überproduktion" ist für seine Auffassung ja nur ein nacheinander in Funktion- Treten von ererbten Bahnen. Das Tier, so sahen wir schon, tut zu seiner Befreiung ja gar nichts, was nicht zu seinen Instinkten gehörte, also auf festen ererbten Neuronen- Verknüpfungen beruhte. £s wird also gar keine neue Verbindung hergestellt, der ganze Google Die mechanistische Theorie des Lernens liz Effekt besteht darin, daß von den zahllosen vorhandenen festen Ver- bindungen zwischen einer Situation und den Reaktionen, einige wenige erhalten und verstärkt, die andern ausgeschaltet werden. Trotzdem sprach Thorndike damals noch von Assoziation, physiologisch kann sie dann aber nicht mehr die Herstellung einer neuen Ver- bindung bedeuten, sondern nur das Gangbarer-werden einer bestimmten schon vorher vorhandenen Bahn^").

Am extremsten finde ich diese Ansicht bei Watson vertreten. Dieser Autor hebt nachdrücklichst hervor: es gibt keine Bildung neuer Bahnen, von Assoziationen zu reden ist überflüssig, es handelt sich ja gar nicht darum, neue Verbindungen herzustellen, sondern nur darum, unter den vorhandenen eine Auswahl zu treffen; dadurch allein, daH die zwecklosen Bewegungen nach und nach ausgeschaltet werden, treten die erfolgreichen in der richtigen Reihenfolge auf^'^j.

Das Lernen kann nicht noch mechanischer au^efaSt werden, als es hier geschieht. Und auch die Frage, wodurch die Auswahl unter den vorhandenen Bahnen bewirkt wird, welcher Faktor es ist, der allmählich die nutzlosen Bewegungen ausschaltet, wird in der einfachsten^ aber auch der gröbsten und dem natürlichen Gefühl für das Lebendige unbefriedigendsten Weise von Watson beant wertet ^''): Diejenigen Bewegungen werden erhalten, die beim probieren am häufigsten ausgeführt werden; das sind aber die erfolgreichen Be- wegungen, denn sie müssen in jedem Versuch, der nicht mit' einem Mißerfolg endete vorkommen, die erfolglosen aber nicht. Das kommt daher, daß der Versuch hier zu Ende ist, sobald die richtige Be- wegung ausgeführt worden ist. Nimmt man an, daß alle möglichen Bewegungen am Anfang gleich wahrscheinlich sind, und daß auch jede Reihenfolge der Bewegungen ebenso wahrscheinlich ist wie jede andere, so folgt, daß die richtige Bewegung eine doppelt so große Wahrscheinlichkeit erhält wie jede der übrigen.

Ein einfaches Beispiel wird dies Verhältnis klar machen. £s seien überhaupt nur zwei Bewegungen A und B möglich imd gleich wahrscheinlich, J3 führe zum Erfolg, Ä nicht. Dann sieht eine Reihe von Versuchen etwa so aus: 1. ^ ^ Wo A vorkommt, muß auch B vorkommen, 2. B wo J? als erstes Glied auftritt, kann kein i, A B zweites folgen, da ja mit B der Versuch 4k. A B beendet ist. Man sieht: B kommt in den 5. B 8 Versuchen 8 mal, A nur 4 mal vor, und 6. B als erste Glieder sind beide gleich häufig 1, A B vorhanden.

Koffka, KinderpBjohologie. g 11^ Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung Dies Gesetz der Häufigkeit ist für Watson und andere amerikanische Autoren^'*) das Haupt-Gesetz. Watson ergänzt es noch durch das wenig bedeutende Gesetz der Neuheit^ nach dem eine eben ausgeführte Bewegung einen gewissen Vorzug hat; da- durch wird wieder die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten der erfolgreichen Bewegung erhöht, da sie ja immer die letzte eines Versuchs, beim Beginn des nächsten Versuches also die jüngst ver- gangene ist, Aber das ursprüngliche Erklärungs-Prinzip, die Wirksam- keit von Erfolg und Mißerfolg selbst durch Lust und Unlust, ist aus der Theorie verschwunden. Lust und Unlust haben mit dem Lernen, mit dem Ausbilden einer Gewohnheit nichts zu tun^'^).

Der eben geschilderte extreme Standpunkt wird keineswegs von der Mehrzahl der Forscher vertreten. Freilich erkennen alle das Gesetz der Häufigkeit, oder wie es Thorndike nennt, das Gesetz der Übung an^'*), nur gilt es ihnen nicht als ausreichend zur vollen Erklärung der Tatsachen. Gerade die von Watson verworfene Er- klärung durch den Erfolg selbst wird von andern Forschem für nötig gehalten. So sind nach Bühler die Faktoren, die beim kleinen Kmd und beim Tier die Auslese der Bewegungen bewirken, Lust jund Unlust. „Der Erfolg bringt Lust und diese Lust bewirkt die häufige Wiederholung der einmal gelungenen Bewegung und die häufige Wiederholung prägt sie fest und dauernd ein. Der Miß* erfolg dagegen bringt Unlust, die nicht zur Wiederholung treibt, so dai die zweckwidrigen Bewegungen sich auch nicht einprägen und darum ausgeschaltet werden** ^'*). Die Einprägung wird also auch hier durch die Häufigkeit erklärt, und diese wiederum durch die Lust. Dies klingt zunächst sehr einfach, doch ergeben sich Schwierig- keiten, sobald man einen konkreten Fall, etwa die eben beschriebenen Tier- Versuche betrachtet. Die Beziehung zwischen der Bewegung und der Lust ist nämlich gar nicht so eng, wie es nach dieser Ansicht aussieht. Eine Katze befreit sich z. B. aus dem Käfig, indem sie beim Beißen der Gitterstäbe eine Kopf-Bewegung macht, die zufällig den Auslösungs-Mechanismus in Betrieb setzt. Die darauf folgende Lust über die Befreiung sollte also dahin wirken, dag die gleiche Bewegung wiederholt wird. Damit aber die gleiche Bewegung auch wieder zum Erfolg führt, mu£ sie in genau der gleichen Stellung an genau dem gleichen Ort ausgeführt werden, sonst trifft ja der bewegte Kopf gar nicht, oder nicht in der richtigen Weise, den Hebel, der den Weg zur Freiheit öffnet. Wie kommt das Tier aber dazu, gerade wieder dieselbe Stellung einzunehmen? Und weiter: die Beobachtung zeigt, worauf besonders Hobhouse hingewiesen hat, daß die Tiere gar nicht immer dieselbe Bewegung^ Google Die mechanistische Theorie des Lernens l je sondern oft nur dieselbe H andlu ng wiederholen. So wird eine Katze, die sich einmal dadurch befireitbat, dafi sie eine Schlinge mit der Pfote herunterzog, ein anderes Mal die Schlinge mit den Zfthnen herab- ziehen^**^). Wir können dies Argument noch weiter ausbauen: wenn wir uns konsequent auf den hier von Bühler vertretenen Standpunkt stellen, dann muß streng genommen die Bewegung genau so wieder- holt werden, wie sie bdm ersten Mal Erfolg hatte. Dafi nun solche genaue, ich möchte sagen photographische, Wiederholung der Be- wegung auch nur in einem einzigen Fall stattfindet, das ist natürlich nicht bewiesen, und der Versuch, diese These zu beweisen, würde sicher scheitern. In dem sehr erregten Verhalten des Tieres sind so viele Bewegungs-Elemente vorhanden, da& sich ein und dieselbe Folge wohl vor der Ausbildung einer Grewohnheit, also ehe das Tier die Aufgabe gelernt hat, nie einstellen wird. Wenn das Tier ein anderes Mal die entscheidende Kopf-Bewegung macht — um auf unser Beispiel zurückzugreifen — so wird es schon in einer etwas anderen Stellung sich befinden, und daher zum Erfolg auch eine etwas andere Bewegung machen müssen. Mit der blo&en Wiederholung einer Bewegung, die zur Lust führt, ist es also nicht getan.

Die Theorie steht aber noch vor einer andern Schwierigkeit, auf die vor allem auch die Gegner hingewiesen haben. Die Lust kann oft erst sehr viel später eintreten als die Bewegung, es können da- zwischen zahlreiche falsche Bewegungen gemacht worden sein; so wenn der Kasten, aus dem das Tier entweichen soll, mehrfach ver- schlossen ist. Die Lösung der ersten Sperre nützt dann noch gar nichts, führt zu keiner Lust, bis die andern Hindernisse beseitigt sind, wird das Tier noch viele Fehl-Handlungen begehen, und doch lernt es auch die erste Handlung richtig auszuführen.

Wir haben bisher das Gesetz der Häufigkeit noch nicht kritisiert. Dai es aber allein nicht genügt, daß die Begründung aus der Wahr- scheinlichkeit, die wir oben kennen gelernt haben, versagt, das ist nicht schwer zu beweisen. Die einfache Widerlegung gibt Thorn- dike^'^). Die ganze Deduktion setzt nämlich voraus, dafi das Tier jede Bewegung nur einmal macht und dann zu einer neuen übergeht. Das stimmt aber in keiner Weise zu den Tatsachen. Die Tiere wiederholen sehr oft eine erfolglose Bewegung viele Male, ehe sie einen Wechsel eintreten lassen. Dann aber folgt aus der blofien / Häufigkeit das gerade Gegenteil. Wir betrachten wieder, wie oben, nur die zwei Beaktions-Möglichkeiten, Ä erfolglos, und £ erfolgreich. Da B nie wiederholt werden kann, weil ja mit dem ersten B schon die Lösung erreicht ist, so sieht man sofort, da& jetzt Ä viel häufiger 8* Google 8* Google Il6 ^^® spezieUen Tatsachen der psychischen Entwicklung vorkommt. Wir greifen zurück auf das Schema von S. 113, nur werde A stets 8 mal wiederholt Dann erhalten wir das folgende Bild: 2. B mflfite dem l^n der Theorie gemftß schon i. A A A B im Lauf der Reihe A gegenüber B bevorzugt ^. A A A B werden, das Verhältnis sidi also noch stärker 5. B zu Gunsten vcm A verschieben. Dies Argu- 6. B ment genügt zum Beweis, da& das Gesetz T, A A A B der Häufigkeit jedenfalls nicht ausreicht, das 8. B Lernen zu erklären. Eine weitere Diskussion dieses Gesetzes verschieben wir auf später und sehen vorher zu, wie Thorndike jetzt die Lücke ausfüllt. Dies geschieht dadurch, daß er dem Gesetz der Übung das Gesetz der Wirkung an die Seite stellt^"). Hat eine Reaktion zum Erfolge, zu einem „befriedigenden Zustande", geführt, so wird dadurch die Verbindung, durch die diese Reaktion zustande kam, gestärkt, führte sie zu einem unbe- friedigenden Zustand, so wird die Verbindung geschwächt. Es ist das nichts anderes, als das alte Prinzip von der Wirkung der Lust und Unlust das von Th. jetzt auf eine ursprüngliche, angeborene Tendenz zurückgeführt wird, ohne dafi freilich dadurch die Grund- lage dieses Prinzips besser gesichert würde. Warum dies Prinzip wirksam ist, das weiß man ebensowenig wie vorher, die Frage wird jetzt abgelehnt, es gehört dies Gesetz eben zu den Elrb- Anlagen des Individuums.

Es ist klar, dafi die gleichen Einwände, die wir eben gegen die Formulierung Bühlers erhoben haben, sich auch gegen dies Prinzip von Thorndike richten, sobald man es wörtlich nimmt und die Konsequenzen daraus zieht, die der Autor selbst für die Erklärung des Lernens seiner Tiere ableitete. Wir werden diese Kritik weiter verfolgen, vorher möchte ich aber noch dies hervorheben: Es scheint mir, als ob Thorndike selbst nicht mehr so recht zufrieden ist mit der mechanistischen Tendenz, die seine Prinzipien beherrscht, und als ob er glaube, sie gerade durch sein Gesetz der Wirkung überwinden zu können. Denn Th. sieht die Entwicklung auch als eine ethische Tatsache an, und diese MögUchkeit des ethischen Fortschritts führt er auf das Gesetz der Wirkung zurück. Der Mensch ändert sich, weil er nicht zufrieden mit sich ist. Ohne Einschränkung gut an ihm ist nur die Kraft, sich zu bessern. „Diese Kraft» die Kraft zu lernen, sich im Sinne des befriedigenden zu ändern, die Fähigkeit, die durch das Gesetz der Wirkung dargestellt wird, ist das wesentliche Prinzip von Vernunft und Recht in der Welt*"»). Gerade weil wir im folgenden gegen Thorndike werden kritisch Google Kritik der Theorie Thonidilre's. nj Stellung nehmen mflssen, schien es mir gerecht, auch diese Tendenz seiner Theorien zu erwähnen.

4. Kritik der Theorie Thomdlke's. Aueh in seinen Yersuehen die Tiere nicht rSilig sinnlos« E6nimen wir jetzt zurück zu seiner Theorie des Lernens, nach der sozusagen die Bewegungen „sich selbst'' lernen, nach der das Tier völlig unbeteihgt am Lernen ist, ja nie dazu kommt, zu wissen, daft die kritische Bewegung ihm Freiheit und Futter bringen wird. Diese Anschauung vom Verhalten der Tiere liegt der ganzen Theorie zu Grunde, wir werden daher vor allem sie prüfen müssen.

Zwei Tatsachen-Gruppen sind es wesentlich, aus denen Thom- dike den Beweis für seine radikalen Thesen ableitet, die Zeitkurven und die Fehler.

Vigar 6. Ans Thomdlke: Animal Intelligence.

Die Zeit-Kurven, deren allgemeines Prinzip schon oben (S, 110/11) beschrieben worden ist, sind so gebaut, daß 1 mm auf der Ordinate immer gleich 10 Sek. ist. Die kleinen Striche unter der Abscisse geben Unterbrechungen des Versuches an, wenn nichts weiter be- merkt um einen vollen Tag, bandelt es sich um mehrere Tage, so steht die Anzahl der Tage neben dem Strich, wenn nur um Stunden, so steht die Anzahl der Stunden und dahinter ein h dort. Em typisches Bild gibt die folgende Kurve, bei der sich die Katze dadurch zu befreien hatte, da& sie einen um einen Nagel drehbar^i hölzernen Riegel aus der horizontalen in die vertikale Stellung drehte (Verschlüsse, wie sie an dem Bild des Kastens auf S. 110 vom an der Tür zu sehen sind.^ Th. stellt nun folgende Überlegung an: wenn die Tiere auch nur eine Spur von Verständnis besäßen, dann würde es nicht vorkommen, dai Tiere, die sich schon mehrmals befreit haben, bei späteren Ver- suchen dies nicht mehr fertig bringen, was mehrfach beobachtet worden ist, und vor allem, es hätte vorkommen müssen, dafi ein Tier die Situation wirklich einmal begriffen hätte, infolgedessen nun und hinfort ohne Verzug zur richtigen und klaren Lösung geschritten m Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung wäre. Das müßte sich in einem sehr steilen Abfall der Zeit-Kurve zn erkennea geben, und dieser Abfall mOfite von Dauer sein. Die Zeit^Kurven sähen aber ganz anders aus^ es fände ein allmählicher Abfall mit zahlreichen Bückschlägen statt. Soweit das Argunient gegen eine Erklärung zielt, die die Leistungen der Tiere mit Hilfe voD Schreibtisch-Psychologie erklären will, ist es richtig. „Schluß- folgerndes Denken** haben die Tiere in diesen Versuchen nicht gezeigt. Aber folgt aus der Ablehnung solch anthropomorphistischer Denkweise schon die Annahme der völligen Sinnlosigkeit? Zuixächst zeigen viele Kurven wirklich den von Th. verlangten steilen AbfalL Wir geben 2 solcher Kurven wieder, die sich auf das gleiche Problem beziehen wie die erste Kurve (Figur 6.)

i i »W (Figur 6. Ans Thomdike, Animal Intelligenoe.)

Hier haben wir den steilen Abfall und wir haben noch mehr: auch nach langen Zwischenzeiten steigt die Kurve nicht wieder an, was dem Gesetz der Übimg insofern widerspricht, als ja längere Ruhe einer Verbindung ihre Stärke herabsetzen sollte (s. a. S. 114 und Anm. 128).

Sollte man nun nicht von solchen Fällen ausgehen und den Nachdruck auf dies plötzliche Lernen legen? Th. tut das Gegen- teil: er steht so unter dem Eindruck der anders verlaufenden Ver- suche, dag er schreibt: „Natürlich kann, wo die Handlung sehr einfach^ sehr durchsichtig (obvious), und sehr klar bestimmt ist, eine einzige Erfahrung die Assoziation vollkommen machen, wir können dann einen plötzlichen Abfall in der Zeit-Kurve haben, ohne Schlußfolgerungen beim Tier annehmen zu müssen "^•*). Diese Stellung- nahme ist aber nicht einwandfrei. Die Beschreibung der Lösung als einfach, durchsichtig und klar bestimmt, kann doch nur für den Experimentator gelten, nicht für die Tiere selbst, denn nach der VorausagtzLing ist ja Aas Tier gänzlich unbeteiligt, es versteht die Google Kritik der Theorie Thomdike's 1 1^ Lösung auch nicht, wenn es sie beherrscht; es hat daher keinen Sinn zu sagen, daß eine Lösung für das Tier durchsichtig sei. Diese Zeit-Kurven, die wir abgebildet haben, zeigen ja eben, wie ver- schieden sich verschiedene Tiere in der gleichen Situation verhaltend Auf individuelle Differenzen kann sich Tb. aber nicht berufen, da ja das Individuum in seiner Theorie ausgeschaltet ist. Leicht, durch- sichtig darf für Th. nur heißen: „objektiv** leicht usw., nicht aber leicht fOr das Tier.

Die Tatsache, daß überhaupt in diesen Versuchen plötzliche Ab- f&lle der Zeit-Eurve auftreten, ja da£ gar nicht so selten ein einziger Versuch genügte, das Tier zur Beherrschung der vorliegenden Auf- gabe zu bringen, darf nicht beiseite geschoben werden. Sie paßt nicht zum Häufigkeits-Gesetz, das auch bei den objektiv leichtesten Aufgaben eine lange und langsame Entwicklung verlangt, muß doch stets aus einer großen Zahl im Anfang gleich möglicher Bewegungen eine einzige ausgewählt werden. Hier müßte also das Gesetz der Wirkung allein die Erklärung übernehmen, und wir sahen schon, daß dies Gesetz selbst der Erklärung sehr bedürftig ist.

Daß ein Tier eine Handlimg lernt, dadurch, daß es sie nur ein einziges Mal ausführt, ist dabei durchaus nichts seltenes. Auch Lloyd Morgan sind solche Fälle bei seinen Beobachtungen von Vögeln aulgefallen. So berichtet er folgenden Fall: Er hält ein Hühnchen in seinem Arbeits- Zimmer, setzt es aber in einen Pferch aus Zeitungs- Papier. Das Hühnchen pickt und zerrt nun von selbst eine Ecke des Pferchs so herunter, daß es ins Siimmer entweichen kann; sofort ergriffen und an die alte Stelle zurückgesetzt, holt es die Zeitungs-Ecke wieder herunter und entkommt ein zweites Mal. Jetzt setzt man es auf die entgegengesetzte Seite des Pferches, sehr bald geht es aber zu seiner Ecke zurück und entflieht auf die gleiche Weise ein drittes Mal^").

In solch einem Fall fühlt man besonders deutlich ein Wider- streben gegen Thorndikes Theorie. Es kommt einem widersinnig vor anzunehmen, das Herunterreißen der Ecke solle für das Tier nichts mit dem Entweichen zu tun haben. Und die Tatsache, daß das dritte Mal das Huhn auf die Ecke hinläuft, kann vom Standpunkt dieser Theorie nur als Zufall gedeutet werden, denn rein mechanisch, blind, wäre ja nur die Herunterreiß-Bewegung gelernt worden, nicht aber das Gehen nach einer bestimmten Ecke.

Fassen wir zusammen: die Folgerung, daß die Tiere beim Lernen völlig blind sind, ist durch die Zeit* Kurven nicht ausreichend gesichert. Das Argument aus den Fehlem haben wir eigentlich schon mitbe- handelt. Tiere, die einmal oder mehrere Male eine Leistung vollbracht Google I20 ^^® speziellen Tatsachen der psycbisehen Bntwicklung haben, versagen bei einem späteren Mal, was sie nicht könnten, wenn sie die Leistung wirklich verstanden hätten. „Törichte Fehler''» um ein Wort von Köhler zu gebrauchen, wurden auch sonst beob- achtet. Katzen haben nach Schlingen oder Hebeln geschlagen, wenn die Tür schon offen war, oder wenn an der Stelle, wohin sie schlugen, zwar früher eine zum schlagen bestimmte Vorrichtung gewesen, in- zwischen aber entfernt worden war^**). Aber folgt aus dem Nicht-Ter- stehen schon die rein mechanische Theorie? Diese Frage erhebt sich hier mit um so größerem Grewicht, da sich eine andere jetzt dazugesellt: hat der Experimentator die Versuchs-Bedingungen auch so gewählt, daß die Tiere ihre Leistungen überhaupt verstehen können?^*') Wenn wir das Bild des Kastens betrachten, werden wir diese Frage verneinen müssen. Auch ein Mensch, der keine technische Erfahrung im weitesten Sinn besitzt, könnte die Mechanismen von der Innen- seite des Slastens aus nicht begreifen; oft laufen wesentliche Teile des Mechanismus aufien am Kasten entlang, dem Tier unsichtbar, und meist ist der Zusammenhang zwischen Bewegung und Effekt für das Tier notwendig ein rein äußerUcher. Aber auch da, wo er es nicht ist, wie bei dem einfachen Dreh-Riegel-Terschluß, der so gute Zeit-Kurven lieferte, hatte der VI. überhaupt nicht die Frage gestellt, ob so ein Yerschlufi für das Tier schon verständlich sein kann. Ehe man aber das nicht weifi, kann man ja gar nicht entscheiden, wo. im Verhalten des Tieres die Schwierigkeit, wo die Leistung liegt.

Ehe wir in unserer Kritik fortfahren, wollen wir noch dnige Tat- sachen heranziehen, die sich in den Versuchen von Thomdike er- geben haben und von anderen Forschem bestätigt worden sind. Es läit sich nämlich feststellen, daß Tiere, die bereits Versuche erfolg- reich durchgeführt haben, bei gleichartigen Versuchen mit abgeänder- ten Einzel-Bedingungen besser abschneiden als Tiere, die zum ersten Mal überhaupt solche Versuche machen.

Das liegt zum Teil gewi& daran, daß die neue Situation, das in einem Kasten Eingesperrt-Sein, allmählich für das Tier die starke Schreck-Betonung verliert, es ist weniger erregt uad wird daher weniger ganz zwecklose Bewegungen machen. Vergleichen wir die erste von uns wiederg^ebene Zeit-Kurve mit den beiden andern, die sieh auf das gleiche Problem beziehen, so kann der Unterschied durch diesen Einfluß mitbedingt sein. In der ersten Kurve handelt es sich nämlich um ein Tier, für das dieser Versuch, bei dem ein hölzerner Riegel um einen Nagel gedreht werden mußte, der erste Kasten- Versuch überhaupt war, die beiden andern Tiere waren schon vor- her in einem audem Kasten geprüft worden, bei dem eine etwa 15 cm Google Kritik der Theorie Tboradike's I2i über dem Boden hängende Draht-Schlinge durch Schlagen, Beißen oder Reiben in Bewegung gesetzt werden mn&te^*').

Neben solch aligemeinem Einfluß lassen sich aber auch speadfisehere nachweisen. Verfahrungs- Weisen, die nie zum Erfolg führen, wie das Beißen an Gitter-Stäben, sich durch zu kleine öfhungen zwängen wollen, werden immer seltener, was auch nach der Theorie von "^horndike wohl verständlich ist. Dadurch muß natürlich die Lern» Kurve verkürzt werden.

Anders steht es schon mit einer Veränderung, die Thomdike berichtet: „Die Tendenz des Tieres, auf das, was es tut, seine Auf- merksamkeit zu richten, wird stärker, und das kann im eigent- lichen Sinn eine Änderung im Grad der Intelligenz genannt werden ''^'*). Wie paßt das aber zur Behauptung, die Tiere hätten nicht das geringste Wissen davon, daß ihre Bewegungen mit dem Erfolg etwas zu tun haben. Warum richten sie dann, so möchte man fragen, ihre Auf- merksamkeit darauf?, und vor allem, warum gebraucht Thomdike hier das Wort Intelligenz?

Die Tatsachen führen uns aber noch weiter. Katzen und Hunde, die gelernt hatten sich aus dem ersten Kasten durch Schlagen nach einer an der Yorderwand hängenden Schlinge zu befreien, Inrauchten im zweiten Kasten, in dem die Schlinge an der Bückwand hing, sehr viel weniger Zeit. Ein Hund wird darnach, mit einer Zwischenzeit von mindestens einem Tag, in den gleichen Kasten gesetzt, in dem die Schleife aber jetzt bedeutend höher hing. Die Lösung erfolgt sofort (die drei ersten Versuche dauerten 20, 10, 10 Sek.). Neun ' Tage später wurde ein neuer Versuch gemacht, an der Stelle der Schlinge hing jetzt ein kleines quadratisches Brett, das nicht die geringste Ähnlichkeit mit der Schlinge hatte; die drei ersten Ver- suche dauerten 10, 7 und 6 Sek.

Wir sehen also richtige „Übertragungen** vorkommen, ein Tier wendet ein Verfahren, das ihm^unter bestimmten Bedingungen Erfolg gebracht hat, auch unter veränderten Bedingungen in einer \ dfüF Veränderung an gepa ßten Weise. an. Das erscheint als eine \ Schwierigkeit für ^ie grob medianische Theorie. Thomdike glaubt indessen, auch diese überwinden zu können, ohne den kleinsten Titel seiner Theorie aufzugeben. Er kämpfte, mit Recht, gegen eine jetzt veraltete Psychologie, die aus solchen Beobachtungen schlie&en wollte, das Tier müsse Allgemein- Begriffe besitzen, es müsse also z. B. ver- standen haben: an einer Schlinge zu schlagen bringt Erfolg, dieser Gegenstand ist eine Schlinge (die äufiere Form der Schlinge war in manchen Versuchen verändert, ohne dafi der Übungs-Effekt dadurch gestört wurde), also muß ich danach schlagen, ganz gleich, ob sie \ 122 ^^® speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung yorn oder hinten, hoch oder niedrig hängt. Diese 'falsche Theorie, sagte ich, bekämpft Thomdike. Aber dabei macht er sich selbst blind für das, was diese Leistungen der Übertragung nun wirklich bedeuten. Er schildert das Verhalten der Tiere folgendermaßen: Das Tier sieht gar nicht die Einzel-Dinge unserer Welt, sondern hat nur -einen vagen Gesamt-Eindruck der Situation. Ein Vogel, der sowohl in das gelbe Wasser eines Flusses, in einen Teich oder in das offene Meer taucht, sieht nicht die Unterschiede zwischen diesen drei Fällen, die wir sehen, für ihn kommt nur die in allen gemeinsame Situation: ^ Wasser^ in Betracht. Auf die Versuche übertragen: „Die Schlinge ist für die Katze, was das Meer für einen Menschen ist, der halb im Schlaf hineingeworfen wird"***). Beim Menschen, der vor eine Auf- gabe gestellt wird, löst sich die Gesamt-Situation sofort in Elemente auf, von denen die wichtigen in den Vordergrund treten. Beim Tier fehlt diese Auflösung, die ganze Situation, die ganz belanglosen Teile eingeschlossen, verknüpft sich mit dem Impuls^ und diese Ver- knüpfung wird nicht beeinfluß, wenn man zur Situation Elemente binzufügt oder ihr solche fortnimmt, wenn man nur etwas da läßt, was den Impuls auslöst. Die Tatsache der Übertragung zeigt also nicht etwa eine fortgeschrittene Mentalität an, sondern im Gegenteil eine sehr primitive und wenig differenzierte Stufe.

Diese Argumentation scheint in sich widerspruchsvoll. Einmal soll die Gesamt-Situation mit allen ihren Elementen mit dem Impuls verknüpft sein, zweitens soll man nach Belieben die Situation ver- größern oder verkleinern dürfen, drittens aber muß nach dem oben von mir gesperrten Satz doch ein Element unverändert bleiben^ wenn die Verknüpfung bestehen bleiben soll. Es liegt uns ganz fem, die Theorie wieder einzuführen, die Thorndike bekämpft hat. Auch wir haben ja nicht in lauter voneinander fest abgegrenzten Einzel-Phä- nomenen die AnfangS'Stufe phänomenaler Welt erblickt. Aber die Sache liegt nicht so, daß man notwendig die alte, oder Thorndike's Theorie annehmen muß. Die vage Gesamt-Situation ist nicht das, was wir früher als Struktur noch so primitiver Art^bezeichnet haben. Unsere primitivstenStrukturenerschienenals „Qualität auf gleichförmigem Grund^ nicht als eine einzige vage Gesamt-Qualität. Und diese vage Gesamt-Qualität erweist sich auch als unbrauchbar zur Erklärung der richtigen Übertragungen, sie würde eine bessere An- nahme sein, wenn nur „törichte" Fehler im oben definierten Sinn vorkämen. Wenn das Tier in dem Kasten, in dem die Schlinge jetzt hinten statt vom hängt, sich nur nach der vagen Situation richtete, so müßte es vorn, wo die Schlinge früher gehangen hat, in die Luft schlagen, um so mehr, als es das natürliche Verhalten ist» Google Kritik der Theorie Tliomdike's 123 auf das Ziel direkt loszugehen und sich nicht von ihm abzuwenden ^^^). Das Tier gibt aber nicht dieser natürlichen Tendenz nach, die es an die Vorder-Seite des Kastens fesselt, sondern ändert sein Verhalten genau entsprechend der Veränderung des in der Situation wichtigen Bestandteils, liegt da nicht der Schluß nahe: indem das Tier / gelernt hat, sich aus dem ersten Kasten zu befreien, hat es gelernt, ' die Situation in ganz bestimmter, mehr oder weniger scharfer Weise durchzustrukturieren; die gleiche Struktur wird wieder wirksam, wenn im neuen Kasten die Schlinge an einer andern Stelle hängt. Dadurch würden sich die törichten Fehler, Handlungen, die unab- hängig von gegenwärtigen Strukturen ausgeführt werden — wie wenn das Tier an einer Stelle nach einer Schlinge schlägt, die gar nicht mehr dort hängt — von den richtigen Übertragungen ganz wesentlich unterscheiden, nur jene, nicht aber diese würden einen geringen Grad von Leistungsfähigkeit anzeigen. Es ist von vorn- herein immer miMich, eine positive Leistung, ein Plus gegenüber dem, was man etwa erwartete, durch einen Mangel zu erklären. Und man sollte methodisch so ver&hren, daß der Versuch selbst klar entscheidet, ob in der Leistung des Tieres ein Mangel oder ein Fortschritt zu erblicken ist. Schon Thomdike's Versuche aber scheinen soviel zu lehren: das Tier erlebt nicht nur vage Gesamt- Situationen, sondern durch das Lernen bildet sich ein Anfang von Gliederung innerhalb der Situation. Die Schlinge sondert sich