SigPhi · Kurt Koffka

Die Grundlagen der psychischen Entwicklung

German

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Bühler betont, daß sich die Leistungen der Schimpansen scharf von allem abheben, was Instinkt und Dressur heißt. Dabei versteht er unter Dressur ein Lernen nach der Art der Thomdike'scben Tiere. Das Tier löse die ihm gestellten Aufgaben durch ein inneres, psychisches Geschehen, das der Leistung nach denjenigen Prozessen aequivalent sei, die wir bei uns Überlegung nennen. Aber doch nur aequivalent, nicht identisch. Im Gegensatz zur Dressur sind die Leistungen der Affen als „Erfindungen^ zu bezeichnen, aber man hat nach Bühler von den echten und eigentlichen Erfindungen noch die „Einfälle'' zu unterscheiden, die eine blinde, d. h. uneinsichtige Leistung des Assoziations-Mechanismus darstellen. Bühler will nun zeigen, daß sich die Leistungen der Schimpansen alle als solche bloßen Einfälle verstehen lassen, daß jedenfalls der Beweis für die Existenz einer höheren Leistung nicht erbracht ist.

Dazu braucht Bühler seinerseits eine Reihe von Annahmen, die er durch die Beschreibungen Eöhler's zu belegen sucht. 1. „Das Prinzip des Umwegmachens und das Prinzip des Heranholens einer Frucht durch Heranbiegen eines Astes oder durch Abreißen der- selben mit darauffolgendem Heranziehen'' gehöre zu den instink- tiven Anlagen der Schimpansen. 2. Der Schimpanse kann sich in die End-Situation der Ziel-Erreichung einfühlen, was „man theoretisch nicht allzuschwer aus Gedächtnisnachwirkungen erfolgreicher Ziel- I^g Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung verfolguDgen wird erklären können^. Dadurch gelingt es, den Weg zum Ziel, sei es als Weg im eigentlichen Sinn, sei es als fehlendes Werkzeug, zu erkennen. 3. Soweit Sach-Yerhältnisse das Verhalten der Tiere bestimmen, genügt zur Erklärung die Annahme, dafi solche Sach-Bezüge einfach „bemerkt^ werden, gerade so wie Empfindungs- Inhalte auch.

Der dritte Punkt ist der wichtigste. Aus ihm folgt für Bühler, daß die ^^Einsichtigkeit^ der Handlungen nicht bewiesen ist. Was heiit das nun: Sach-Bezüge werden „bemerkt^*? Das ist zunächst eine Aussage rein über das äußere Verhalten der Tiere: ein objektiv der Möglichkeit nach vorhandener für den menschlichen Beobachter klar erfaßbarer Zusammenhang (etwa zwischen Stock und Frucht) wird auch vom Tier ausgenutzt. Man pflegt aber, und das tut. hier auch Bühler, das Bemerken als Beschreibung eines inneren Ver- haltens zu verwenden. Dann kann es nur heißen, zu einem Phänomen, in dem sich dieser mögliche Zusammenhang für das Tier bereits darstellt, tritt ein Etwas, das Bemerken, hinzu, das seinerseits phänomenal repräsentiert sein kann oder nicht. Dadurch wird das vorher unbemerkte zu einem bemerkten Phänomen, aber sonst ändert sich an ihm nichts. Das blau im Gesichtsfeld, das ich plötzlich bemerke, bekommt doch, so argumentiert diese Theorie» durch das Bemerken nicht einen anderen Farb-Ton. Gerade so soll es also auch mit den Sach-Bezügen und ganz allgemein mit den Relationen stehen^*').

Man kann von zwei Seiten her g^gen diese Theorie vorgeben. Man kann erstens sagen ^'^): die psychologische Beschreibung habe sich zunächst darauf zu beschränken, das anzugeben, was an Phänomenen da ist. Solche Beschreibungen werden aber durch Begriffe wie ^Bemerken* verwischt Wenn ich sage, ich habe den Unterschied dieser zwei Farben nicht bemerkt, so ist das für den Psychologen mehrdeutig und unvollständig. Er wird immer wissen wollen, was denn nun wirklich „bemerkt^ wurde, was an positiven Phänomenen da war. In unserm Fall kann die Antwort z. B. lauten: es waren zwei gleiche Farben da. Dann widerspricht diese psychologische Beschreibung (ohne Bemerken) der ersten (mit Bemerken). Denn ein Phänomen, sei es Empfindungs-Inhalt oder Relation soll ja durch das Bemerken in seiner Qualität unverändert gelassen werden, flier verwandelt sich durch das Bemerken eine Gleichheits-Relation in eine der Ungleichheit, so müßte man sich wenigstens vom Stand- punkt der Bemerken-Theorie aus ausdrücken. Lautet die Antwort in unserem Fall anders, etwa: „ich weiß nicht'', dann haben wir den Fall vor uns, für den die Bemerken- Hypothese geschaffen ist.

Andere Deutungs- Versuche l^p Aber haben wir im Hinblick auf die eben besprochene erste Möglich* keit das Recht, hier einfach das spätere „bemerkte'' Phänomen für den „unbemerkten'' Zustand zu hypostasieren? Müssen wir nicht vielmehr fragen, worauf die Antwort „ich wei6 nicht" beruht, was für eine positive phänomenale £igensdiaft des fraglichen Gebildes es ist, die diese negative Antwort hervorgerufen hat. Und wenn wir diese Frage stellen, so liegt auch die Antwort sehr nah: die Phänomene, die jetzt als zwei Farben sich herausheben, waren früher überhaupt nicht vorhanden, obwohl die ihnen entsprechenden Reize wirksam waren; diesen entsprachen aber nur Phänomene mit «Hintergrunds-Charakter", wie wir sie von früher kennen. Und was als „Bemerken" bezeichnet wurde, heifit in diesem Fall: eine Hinter- grunds-Wirkung wird in eine „Qualitäts"-Wirkung verwandelt Wenden wir das auf die Affen- Versuche an, so heifit: der Affe bemerkt Sach-Bezüge: er verwandelt ein Feld, dem vorher die Sach- Bezüge fehlten, in ein solches, in dem sie das Zentrum bilden, er verändert also das Feld^ gibt ihm eine neue und dem Problem adäquate Struktur. Das ist aber das, was wir bisher inmier als die Leistung der Tiere angesprochen hatten.

Man kann aber die Theorie des Bemerkens zweitens auch so prüfen, dafi man fragt: was leistet sie im konkreten Fall für die Erklärung? Die Tiere sollen die Sach-Bezüge einfach bemerken. Sach-Bezüge, in denen die Teile der Situation zu einander und zu anderen Teilen der Situation stehen, gibt es aber unzählig viele. Der Stock ist rechts vom Tier, links etwa von einem Baume, näher an diesem als am Gitter, länger als ein in der Nähe liegendes Stück Draht usw. usw. Die llieorie hat zu erklären, warum von diesen unzähligen Relationen gerade die wichtigen bemerkt werden und das Verhalten be- stimmen. Wir sagen: es entsteht eine dem Ziel g^enüber sinn- volle Feld-Struktur, die Losung ist nichts anderes als das Zustande- komnien einer solchen, für uns besteht dies Problem also nicht, denn die übrigen „Relationen" geben eben keine sinnvolle Struktur. Wenn man aber den Sinn ausschliefit, wenn man den Einfall als blinde Wirkung des Assoziations^Mechanismus anspricht, dann hat man zu erklären, warum denn nun^ gerade die sinnvollen Relationen bemerkt werden, die sinnlosen nicht. Mir scheint. Bühler hat sidi das Verständnis dadurch erschwert, dafi er mit einer festen Definition von „Einsicht" an die Tatsachen heranging. Für ihn setzt Einsicht voraus, dafi geurteilt wird, dafi sich zu einem Sachverhalt Gewifi- heitserlebnisse, Überzeugungen hinzugesellen ^'"), das sei aber beim Schimpansen nicht bewiesen. Selbst wenn diese Beschreibung für die Handlungen zuträfe, die man beim erwachsenen Menschen als Google I^O Die speziellen Tatsachen der psychisdien Entwicklung einfflchidg bezeichnet, so würde das nicht besagen, dafi die einfachsten Formen einsichtigen Verhaltens schon dies Merkmal besitzen müßten. So betont auch Lindworsky, der in der Kritik Eöhler^s noch weit über Bühler hinausgeht, eine Beziehungs-Erfassung brauche zunftchst gar keine Gewißheit: „sie ist weder gewiß, noch ungewiß, sondern unbezweifelt'^*'). Der „Sinn'' liegt eben schon in der Struktur, im „bemerkten Sach-Bezug'' selbst, Bühler meint dag^en augenscheinlich, daß noch ein Neues hinzutreten müsse, damit dieser sinnvoll ein- sichtig würde.

Die dritte Annahme Bühlers scheint mir also, konsequent zu Ende gedacht, wieder auf unsere Theorie zu führen. Sehen wir nun noch zu, wie es mit den beiden andern steht: Die erste An- nahme: Umweg-Machen als Instinkt, das ist doch letzten Endes der Verzicht auf jede Erklärung. Alle Instinkte lassen sich dadurch kennzeichnen, daß bestimmte Ziele erreicht werden, Nahrungs-, Sexual-» Nestbau-Instinkt usw., aber doch nie und nimmer dadurch, daß ein jedesmal von der gerade vorliegenden Situation neu be- stimmter Umweg eingeschlagen wird. Zudem haben wir immer wieder gesehen, wie der Instinkt den Affen vom Umweg abhält, ihn auf den direkten Weg treibt. Und auch Bühler erkennt ja» wie wir gesehen haben, an, daß die Leistungen von Instinkt-Leistungen scharf unterschieden sind^^^).

Auch der zweite Punkt hilft uns nicht weiter, das sich in die End*Situation- Versetzen und den „Rückweg'' finden. Es ist an sich wohl Geschmack-Sache, ob man solches sich Fortversetzen dem Affen zuschreiben will oder nicht^^^), bewiesen ist es von Bühler sicher nicht. Seine Beweise^^*) passen mindestens so gut zu der Annahme, das Tier verstehe, was da von ihm oder seinen Art-Genossen geleistet wird. Aber mir scheint auch durch jene Annahme nichts gewonnen. Warum soll es leichter sein, vom Ziel zum Anfang den gangbaren W^ zu finden als in der umgekehrten Richtung? Haupt- sache ist hier wieder das finden, und was das für eine Leistung ist, das haben wir ja erst eben bei der dritten Buhlerischen An- nahme diskutiert.

Wir wollen noch etwas konkreter werden und zeigen, wie sich BOhler das Funktionieren des Assoziations-Mechanismus denkt.

„Daß das Tier mit Ästen zweckentsprechend umzugehen weiß,...erscheint uns kaum erstaunlich, da dies über Instinkt und Dressur nicht hinausgeht. Jedenfalls muß dem Baumbewohner das Zusammen von Ast und Frucht geläufig sein. Sitzt er nun im Versuchsraum vor dem Gitter, wo draußen die asÜose Frucht und drinnen der frucht- lose Ast liegt, so ist psychologisch betrachtet dies die Hauptleistung, Andere Deutungs- Versuche l^{ daß er beide sozusagen in der Vorstellung zusammenbringt, alles übrige versteht sich von selbst ^^'). Diese Erklärung erfordere keine Einsicht, sie begnüge sich mit der Annahme von Einfällen. Das charakteristische dieser Deutung ist die Benutzung aller möglichen altbekannten psychologischen Prinzipien; vor allem Gedächtnis imd Vorstellung spielen eine grofie Bolle. Aber ich glaube zeigen zu können, daß damit eine Erklärung nicht gegeben ist. Gehen wir Bühlers Satz durch: 1. „Drau&en liegt die astlose Frucht, drinnen der fruchtlose Ast.'' In VTirklichkeit liegt draußen eine Frucht» innen ein Stock. Die Frucht als astlos» den Ast als fruchtlos zu sehen, das wäre schon eine Leistung, damit wäre schon ein isoliertes Ding Glied einer Struktur geworden. Der Anschein von Leichtig* keit oder Selbstverständlichkeit, den diese Leistungen zunächst be- sitzen, stammt nur daher, daß man dabei auf das Gedächtnis des Tieres zurückgreifen kann. Das Tier hat soviel Früchte am Ast, soviele Äste mit Früchten gesehen, daß jetzt eine Frucht den dazu- gehörigen Ast, ein Ast die daran hängende Frucht in der Vorstellung neu erweckt. Aber damit begeben wir uns in ein Gebiet, wo die Hypothese herrscht, wo aber jede Möglichkeit einer Nachprüfung ai^hört. Wir können nur fragen, was diese Hypothesen alles ver- langen: eine recht hohe Vorstellungs-Fähigkeit *^*): der Anblick der einen am Boden liegenden Frucht in der jetzt gewohnten waldlosen Umgebung der Station soll die Vorstellung des Waldes aus längst vergangenen Tagen auslösen, der nackte Stock soll als ^Ast*^ die daran hängende Frucht reproduzieren, und doch waren die Äste, an denen die Tiere im Urwald ihre Früchte fanden, von Blattwerk überwuchert, sie waren keine isolierten Teile, sondern Glieder des Baumes oder der Baum-Gruppe, in der das Tier lebte. Nun kommt Köhler auf Grund der sehr eingehenden Kenntnis seiner Tiere zu dem Schluß, daß ihr VorstellungsMaterial bestenfalls ganz rudimentär ist, daß ihnen im wesentlichen aber die sogenannten Vorstellungen fehlen. Köhler weist daraufhin, wie wenig den Tieren solche Vor- stellungen helfen würden^ denen schon recht einfache optische Wahr- nehmungs-Komplexe leicht unklar blieben, haben doch wir er- wachsene Menschen gegen das Verschwimmen von Vorstellungen oft genug anzukämpfen. Und Bühler bezeichnet diese Ansicht als wohlbegründet ^^'^). Schon dies paßt wenig zu der Annahme einer solchen Reproduktion von Vorstellungen. Aber weiter: wäre es so, dann sollte man meinen» daß ein wirklicher Ast, der noch seine Ast-Funktion besitzt, leichter als Werkzeug benutzt werden sollte, als ein bloßer Stock oder gar eine Hut-Krempe. Wir sahen aber, daß der entsprechende Versuch Köhler's (Nr. 7 unserer Zählung s. o.

Google C2 Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung S. 132 and 140 f) gerade das entgegengesetzte Resultat hatte, es war sehr schwer, den Ast aus dem Baum;,loszusehen^, es erscheint aber doch gewiß leichter, sich eine Frucht an einem solchen Ast, als an einem am Boden übenden Stock vorzustellen. Für uns war der Ausfall des Ast- Versuchs ein Zeichen dafür, dag es sehr schwer ist, eine schon vorhandene Struktur zu zerstören, die gleiche Tat- sache erblickten wir in der recht groften Schwierigkeit» die den Tieren das Beseitigen eines Hindernisses macht. Auch an dieser Stelle sieht man wieder den Unterschied gegen Bühlers Denkweise, der die Schwierigkeit dadurch erklärt, da6 ein Wald-Tier wie der Schimpanse wohl kaum jemals.Y eranlassung gehabt habe, ein Hindernis wegzuräumen. Also wieder Berufung auf das Gedächtnis, damit im Grund die These: die Schwierigkeit einer Au^be hängt in erster Linie davon ab, wie oft ähnliche Aui^ben schon gelöst worden sind.

Kehren wir wieder zum Haupt>Thema zurück. Wir erheben «inen dritten Einwand gegen die Vorsteilungs-Theorie: wenn das Tier in der Wildnis eine am Ast hängende Frucht erreichen wollte, 80 bog es den Ast zu sich heran oder brach ihn ab. Benutzte ein Tier in den Versuchen von Köhler zum ersten Mal einen Stock als Werkzeug, so setzte es ihn, wie ¥rir sahen, sofort richtig hinter dem Ziel auf und arbeitete in einer vollkommen richtigen Weise, die aber mit dem Verhalten im Urwald das wesentliche Moment nicht gemein hat.

2. Das Tier hat Ast und Frucht in der Vorstellung zusammen- zubringen. Daß damit wieder eine hohe und darum unwahlrschein- liehe Leistungs&higkeit des Vorstellungs*Lebens der Tiere voraus- gesetzt wird, ist klar. Aber weiter: vorstellungsmä&iges Zusammen- fügen von astloser Frucht und fruchtlosem Ast gibt bestenfalls eine Vorstellung von der Frucht an diesem Stock hängend, weiter aber auch gar nichts. „Reproduziert** werden kann nur, was schon etleht wurde, die reproduzierte Vorstellung zeigt also Frucht am Ast, sie kann aber gar nicht zeigen, wie nun die im Augenblick ersehnte Frucht an dem gerade hier liegenden Stock herangebracht werden soll. Denn das ist ja eine neue Leistung. Ich kann also nicht zu- geben, dafi nach dieser psychologischen Leistung sich alles übrige von selbst verstehe ^^^). Auch für unsere Ansicht kam es darauf an, daß Frucht und Stock zusammenkommen. Aber im Unterschied zu Bühler sehen wir diese Vereinigung 1. nicht im Gebiet der Vor- stellungen, sondern im WahmehmungsFeld, 2. war es nicht die Reproduktion eines früheren Erlebnisses, sondern das Erfassen eines neuen Zusammenhangs und 3. ist nicht schon vor der Vereinigung die gegenseitige Beziehung vorhanden, die Frucht astlos, der Ast Google Andere Deutungs- Versuche icx fruchtlos; es ist eben zuerst da: gewünschte aber unerreichbare Frucht in einer Umgebung, zu der auch der völlig indifferente Stock gehört; daß der Stock ein ^^fruchtloser** wird, das wäre erst möglich^ wenn er überhaupt schon in Struktur- Beziehung zur Frucht getreten ist. Dann aber ist die Annahme auch überflüssig: es entsteht plötzlich die neue Struktur dadurch» da& der indifferente Stock als ^^Brücke" in die Wunsch-Situation hineinspringt« Dies blitzartige „kapieren**, mag man es nun „Einfall** nennen oder anders, ist jeden- fftUs ein Vorgang, der sich abspielt gemäß der Situation, die Gesamt^ lösung entsteht in Rücksicht auf die Feld* Struktur, wie es Köhler als Kriterium der Einsicht ausspricht. Dies, das muß immer wieder betont werden» ist das klare Haupt-Ergebnis der Köhlerschen Ver* suche, ein Eigebnis nicht nur für unsere Kenntnis der Affen, sondern fOr die Psychologie der Einsicht, des sinnvollen Lernens, von der größten Bedeutung, ein Ergebnis aber, das assoziationstheoretische Betrachtungen ausschließt, das vielmehr dazu beitragen wird, den ganzen Begriff der Assoziation als eines bloßen äußeren Bandes aus der Psychologie zu verdrängen.

P. Lindworsky kämpft viel radikaler gegen irgendwelche Spuren von Einsicht bei den Schimpansen als es Bühler tut Wir sahen schon: für ihn beginnt die Einsicht mit der Beziehungs- Erfassung, diese also spricht er den Affen radikal ab. Er verwendet eine Reihe der von Bühler angegebenen Erklärungen, die Instinkte, die Erinnerung an den Urwald, vor allem aber zieht er zwei Schlüsse. Die Spezies der Anthropoiden zeigt im Gegensatz zur Spezies Mensch seit Jahrtausenden einen unüberwindlichen geistigen Stillstand, also: „die Handlungsweisen des Schimpansen können nicht einsichtig sein, auch wenn wir uns außerstande sähen, sie im einzelnen zu erklären** ^^^). Und zweitens: „Die Leistungen der Schimpansen können nicht auf Beziehungserfassungen beruhen. Denn sonst ergibt sich der Widerspruch, daß auf der einen Seite eine überaus große Zahl geläufiger und verhältnismäßig hochstehender Beziehungserfassungen zu beobachten ist, während in anderen Fällen ein merkwürdiges Versagen dieser Fähigkeit eintritt** ^^').

Ich kann beide Schlüsse nicht als wissenschaftliche Argumente anerkennen, will aber doch zum zweiten noch folgendes sagen: wa& eine schwere, was eine leichte Aufgabe ist, das sollen uns Versuche, wie die Köhler'schen ja erst lehren. Ein Widerspruch besteht nur zwischen der vorge&ßten Meinung über die Schwierigkeit der ver- schiedenen Leistungen und dem Ausfall der Versuche, nicht aber Z¥äschen diesen und der Köhler'schen Behauptung^ die echten Lösungen der Tiere seien einsichtige „Beziehungs-Erfassungen'*.

Google 1^^ Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung 8. Zur Kritik an den Strnktur-Yersuchen. Wir könnten diese Diskussion schließen, wenn nicht die Kritiker Köhler's noch an einer ganz anderen Stelle angegriffen hätten. Wir :erinnern uns an die Versuche Aber Wahl-Dressuren, welche die primitive Natur der Struktur-Funktionen ergaben (s. o. S. 98 ff.). In diesen Versuchen wurde geprüft, ob eine Dressur im Sinne einer Assoziation einer Bewegung mit einem absoluten Empfindungs- Inhalt gestiftet worden war, oder ob das Zueinander, die Struktur selbst, das Verhalten des Tieres bestimmte. Dabei war der Zu- sammenhang der Leistung mit der Struktur ganz willkürlich, sinnlos. Beim Lernen konnte das Futter im helleren oder dunkleren Kasten isein, je nach der Absicht des Versuchsleiters, in den kritischen Prüfungs- Versuchen war in beiden Kästen Futter enthalten. Hier wäre sachlich absolute und strukturgemäfie Wahl gleichberechtigt gewesen, beide hätten zum vollen Erfolg geführt. In den Intelligenz- Versuchen soll es sich nun nach unserer Ansicht ebenfalls um Struktur-Funktionen handeln. Es mü&te also möglich sein, das Tier unter Umständen vor die Alternative „absoluten'' oder Struktur- gemäßen Verhaltens zu stellen, unter denen nur das strukturgemäfie sinnvoll, das absolute aber sinnlos wäre. Als Beispiel benutzte Köhler den Doppelstock Versuch (s. o. S. 141 f)"^). Zum Verständnis muß folgendes vorausgeschickt werden. Das Zusammensetzen der Rohre geschieht durch Hineinstecken des dünneren in das dickere, •dabei wird das dickere von der linken Hand ruhig festge- halten, das dünnere von der geschickteren rechten Hand bewegt. Köhler verwendete nun 4 Rohre von verschiedenem Quer- ischnitt, so dafi 1 in 2, 2 in 3 und 3 in 4 paßte. Zwei in der Reihen- folge benachbarte Rohre wurden jeweils frontalparallel vor das Tier gelegt, bald das dünnere, bald das dickere näher am Tier. Nr. 2 ist jetzt gegen Nr. 1 das dickere, gegen Nr. 3 das dünnere, ent- sprechend Nr. 3. Dementsprechend verhielt sich Sultan: 8 mal von 12 Versuchen. nahm er das jeweils dünnere gleich mit der rechten üand, das dickere mit der linken Hand auf, in den übrigen 4 Fällen, in denen er die Stöcke anders ergriffen hatte, wechselte ^r „immer ohne jedes Probieren auf bloßes Hinsehen Rohre und Hände gleich danach, und zwar immer, bevor er noch zu der eigentlichen Leistung überging. <* Er nimmt also Stock Nr. 2 bald in die linke, bald in die rechte Hand, je nachdem ob er mit Nr. 1 •oder Nr. 3 kombiniert ist, d. h. er handelt strukturgemäß, den sachlichen Bezügen entsprechend. Ghica, die das Doppel- Stock- Verfahren früher von Sultan übernommen hatte, benahm sich bei den Prüfungen gerade so, nur einmal in den 12 Versuchen wurde Google Zur Kritik an den Struktur- Versuchen ISS die Bewegung des Hiaeinsteckens mit der linken Band, aber richtig mit dem dünneren Rohr ausgeführt.

Köhler erblickt in diesem Verhalten mit Recht einen Beweis für die Einsichtigkeit dieser Lösung: das erfaßte Zueinander der beiden Rohr-Dicken bestimmt mit vollkommener Sicherheit die Funktion jedes Rohres. Als Kriterium einsichtigen Verhaltens, der Intelligenz, kann aber gelten die Behandlung von Dingen gemäß ihren sachlich Mächtigen Bezügen.

Hier setzt nun der Angriff von P. Lindworsky ein. Diese Be- stinunung enthalte einen logischen Fehler, denn auch beim Instinkt könne man solche Ding-Behandlung erkennen. Kriterium der Intelligenz ^ sei „nur die einsichtsvolle Behandlung von Dingen bezw. die Behandlung von Dingen infolge der Einsicht in ihre sachlichen Be- züge^ ^^°). Mir scheint, der Mangel an Logik liegt nicht bei Köhler. Wir haben die Aufgabe zu entscheiden, ob ein beobachtetes Ver- halten einsichtig ist oder nicht, ob es, ein anderer Ausdruck für den gleichen Sachverhalt, eine Intelligenz-Leistung ist, oder nicht Das Kriterium, nach dem diese Entscheidung zu erfolgen hat, darf aber doch nicht selbst wieder das Merkmal der Einsicht enthalten. Die Berufung Lindworskys auf den Instinkt ist nicht berechtigt. Bei reinen Instinkt-Handlungen zeigt sich ein Versagen gegenüber den sachlich-wichtigen Bezügen, sobald die Situation vom normalen Typus irgendwie stärker abweicht. Das hat die Arbeit von H. Volkelt "^) über das Verhalten der Rad-Spinne so wunderbar deutlich gezeigt. Die Spinne, die auf die Fliege, die sich im Netz gefangen hat, losstürzt, um sie zu vernichten, die eine getötete Fliege im Netz befestigt und in ihre Wohnung zurückgeht, wenn sie dort noch ein nicht völlig verzehrtes Opfer zurückgelassen hat, und die die im Netz befestigte Fliege in die Wohnung hereinholt, sobald sie ihr erstes Opfer völlig ausgesogen h^t, dieselbe Spinne reagiert auf eine lebende Fliege, die man in ihre Wohnung bringt gar nicht oder mit Flucht- und Abwehr-Reaktionen I Zudem dürfte der Schimpanse für die Situation: außer Reichweite eine Frucht, zur Hand zwei, einzeln zu kurze, aber zusammensetzbare Stöcke wohl kaum einen Instinkt besitzen.

Lindworsky fragt nun weiter: an welchen Stellen der Handlung im Doppelstock- Versuch kann die Einsicht auftreten? — schon diese Frage ist für unsere Auffassung inadäquat; die Handlung besteht nicht aus einzelnen Stücken, sondern bildet ein in sich geschlossenes einheitliches Gapzes —. Er gibt drei solcher Stellen an: 1. das Erkennen, welches das weitere Rohr ist; 2. das Hineinstecken des engeren in das weitere; 3. die Stock- Verlängerung an sich. An Google 156 ^^® speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung allen drei Stellen leugnet er die Einsicht, alle drei Leistungen ließen sich auch anders erklären. Gehen wir rückwärts: (Nr. 3) „erklärt sich als eine Zufallslösung, die durch das Lustgeffthl, das sich nach Erlangung des Futters an sie anschloß, begünstigt und dann durch Selbstdressur (Köhler) geläufig gemacht wurde." Man vergleiche damit die Schildenmg des ersten Versuchs (s. o. S. 142); vor allem, wie Sultan die Stock- Verlängerung sofort wiederholt, als beim Angeln nach der ersten Frucht der eine Stock aus dem andern herausfällt, wie er das Verfahren fortsetzt und auch für ihn ganz wertlose Dinge heranholt, ohne die Früchte zu berühreu. Weiter wollen wir daran denken, welche Schwierigkeiten wir in der üblichen Theorie vom Einfluß der Lust gefunden haben, schlie&lich an unsere Ausführungen über die Wirkungen des Zufalls, speziell in diesem Fall (o. S. 142). Zufalls-Lösung, Begünstigung durch Lustgefühl und Selbstdressur, das sind Worte, die dem wirklichen Sachverhalt auch nicht im entferntesten gerecht werden. Nr. 2, das Hineinstecken kann nach der Meinung Lindworsky'ssehr wohl eine Instinkt-Handlung sein, „wenn etwa beim Nestbauen ein Durchstechen des schon ge- fertigten Geflechts mit einem neuen Zweige erforderlich ist, ist es sehr wahrscheinlich, da6 die Linke sich um die betreffende Öffnung im Geflecht legt, während die Rechte den Zweig einführt.'' Für den Instinkt-Charakter spreche auch die Gleichförmigkeit, mit der das Tier stets das dünne in das dicke stecke, und nie das dicke Über das dünne stülpe, und endlich der von Köhler beschriebene leiden- schaftliche Trieb der Tiere zu stochern. Ich fra^e: was hat das herumstochern in Löchern zu tun mit dem Verlängern eines Stockes durch Einstecken? Nichts als das ganz äuierliche, daß in beiden Fällen ein Loch und ein Stock da ist. Alles übrige ist in beiden Verhaltungsweisen so verschieden, daß man gut täte, auf die Be- nutzung solcher Analogien zu verzichten. Aus der Stereotypie darf Lindworsky in diesem Fall gar nichts folgern: sie muß auftreten, wenn das Tier einsichtig als Verfahren der Verlängerung eben diese eine Methode ausbildete. Hätte das Tier bald gesteckt, bald gestülpt, so hätte er umgekehrt argumentieren können: das Tier hat über- haupt kein Verständnis, es macht eben solche Bewegungen, daß schließlich der Erfolg zustande kommt. Und schließlich das Zurück- greifen auf den Nestbau-Instinkt Ja, aber das Tier baut ja doch im Augenblick gar kein Nest, die Situation hat mit der Nestbau- Situation auch nicht das mindeste zu tun. Warimi wird dann gerade hier dieser Teil des Nestbau-Instinkts wirksam? «Vor allem: was für eine seltsame Vorstellung: äußerlich ein einheiüicher glatter Verlauf der Lösung, eine geschlossene Lösungs-Kurve, in Wirklich- Google Zur Kritik an den Stnüctur- Versuchen ^^j keit aber ein Geschehen, das aus den heterogensten Bestandteilen, Instinkt, Zufiill, Dressur, zusammengestfickelt ist.

Diese Theorie ist nicht entstanden auf Grund der neuen durch Eohler's Versuche entdeckten Tatsachen, sie ist nichts als eine Be- mühung, alle Tatsachen, mögen sie aussehn, wie sie wollen, mit möglichst primitiven psychologischen Begriffen zu erklftren. Wir sahen ja, Lindworsky behauptet, selbst wenn wir die Leistungen gar nicht erklären könnten, als einsichtig dürften wir sie nicht annehmen. Zu diesem Standpunkt noch zwei Bemerkungen: Einmal: wenn schon von vornherein feststeht, nach welchen Gesetzen tierisches Verhalten bestimmt ist, was für einen Zweck hat es dann, mühsame Versuche darüber auszuführen, wie solch Verhalten im einzelnen aussieht? Und zweitens: würde man auf Grund dieser Annahmen überhaupt je darauf kommen können, solche Versuche wie die Köhler'schen anzu- stellen? Untersuchungs-Methode und theoretische Einstellung hängen zu eng zusammen, als daß wir diese Frage bejiüiien dürften.

Es bleibt der erste von Lindworsky angegebene Punkt, das Er- kennen, welches das weitere Rohr ist. Damit kommen wir zu einer Kritik, die sich gegen die Theorie der Eöhler^schen Struktur- Funktionen richtet, die ähnlich wie von Lindworsky auch von Bühler ausge- führt wird, und schliefilich hat Jaensch^") zwei Jahre nach der Veröffentlichung Köhler^s über Versuche berichtet, die er an Hühnern angestellt hat, und die auf dem gleichen Prinzip beruhen wie die oben (S. 98 f) beschriebenen Köhler^schen; auch Jaensch gibt diesen eine theoretische Deutung, die mit der von Lindworsky und Bühler übereinstimmt, sich dafür von der Eöhler'schen prinzipiell unterscheidet. Schon im Hinblick auf die Eonsequenzen, die wir am Schlufi des vorigen Eapitels aus der Eöhler'schen Theorie gezogen haben, müssen wir uns mit dieser andern Theorie auseinandersetzen.

Wir sahen, wenn wir ein Tier darauf dressieren, von zwei Dingen A und B, die sich in einer bestimmten Richtung, sagen wir in Bezug auf ihre Helligkeit, unterscheiden, immer das eine B zu wählen und nun dem Tier im Prüfungs- Versuch zwei Dinge B und C vorlegen, so dafi C von B in der gleichen Richtung verschieden ist wie B von A, dann wird es in der großen Mehrzahl der Fälle nicht wieder B wählen, wie im Dresisur- Versuch, sondern das völlig neue C. Wir haben mit Eöhler den Ausfall dieser Versuche dadurch erklärt, da^ das Tier nicht auf die „absolute" Gegebenheit B dressiert worden ist, sondern auf eine bestimmte Art des Zueinander, der Struktur, die C dem B gegenüber in gleicher Weise besitzt wie B dem A. D. b. zwei Farben nebeneinander bilden nicht zwei voneinander unabhängige Gebilde, sondern sie gehen eine innere Bindung ein, Google eg Die speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung die fOr die Einzel-Qualitäten A und B selbst ein mitbestimmender Faktor wird. Dem entspricht die Deskription der fraglichen Phäno* mene. Unter den gegebenen Umständen findet die Selbstbeobachtung als in erster Linie charakteristisch das Zueinander der beiden Farben"»).

Den negativen Teil der These, Ausschlug der „absoluten*^ Dressur, erkennen alle Forscher an. Den positiven, die Zurückführung auf Struktur-Funktionen, die damit als sehr primitive Prozesse er* wiesen wären, lehnen sie ab und suchen die Erklärung an einer andern Stelle.

Bei der Untersuchung des Yergleichungs- Vorgangs hatte zuerst Schumann gewisse für den Ausfall des Vergleichs bestinunende jKeben-Erscheinungen beobachtet« So kann man beim Sukzessiv* Vergleich zweier verschieden großer Kreise oder Linien eine Aus- dehnung oder Schrumpfung im Gesichtsfeld sehen, je nachdem ob man vom kleineren zum größeren, oder vom größeren zum kleineren Objekt übergeht. Verwendet man Helligkeits- statt Größen-Unter- schiede, so würden diese Neben-Effekte in den „Übergangs- Erlebnissen'^ der Aufhellung bezw. Verdunkelung bestehen. Die Theorie, die wir jetzt besprechen, schließt nun aus dem Ausfall der Versuche, die Tiere seien auf solche Übergangs-Erlebnisse dressiert worden. „Durch die Dressur »Dunkelgrau verboten. Mittelgrau erlaubt« hat das Huhn in Wahrheit gelernt: Erlaubt beim Vorhandensein eines Übergangserlebnisses der )> Aufhellung«'' ^^^). Damit ist erklärt, warum das Tier in den Prüfungs- Versuchen gemäß der Struktur und nicht gemäß der absoluten Farbe wählt, denn das Übergangs-Erlebnis von B nach C ist das gleiche wie von A nach B. Der Haupt-Unterschied dieser Erklärung gegenüber der Köhler'schen ist der folgende: diese Erklärung hält an dem alten Empfindungs-Begriff fest und ergänzt ihn, um ihn mit den Ergebnissen der Lehre vom Vergleich in Ein- klang bringen zu können, durch Hinzufügung des neuen Begriffs der Übergangs-Erlebnisse. Es ist dasselbe Verfahren, das wir schon oft bemerkt haben. Neue Tatsachen brachten den Mangel der bis*