herigen Erklärung ans Tageslicht, diese war aber so festgewurzelt, daß man an ihrer Richtigkeit nicht zweifelte, sie lediglich durch neue Stücke ergänzte.
Betrachten wir nun diese etwas näher. Die Übergangs-Erleb-^ nisse kommen zu den „Empfindungen" hinzu und lassen sie völlig unverändert, ihr Zusammenhang ist insofern ein völlig äußerer, wenn man auch, was besonders Jaensch und Bühler betonen, aus den Übergangs-Erlebnissen auf die Relationen der absoluten Elemente Schlüsse ziehen kann. Jaensch sagt freilich noch mehr, nämlich, daß Google / Zur Kritik an den Struktur- Versuchen ieg, das ÜbergangsErlebDis, mit einem Ausdruck von Brunswig, „»gleich- sam zwischen beiden Objekten schwebt und waltet»; denn es ist keine Qualität Ton einem der beiden Objekte''^*'). Was dieser Satz aber konkret bedeutet, was für Eonsequenzen daraus gezogen werden sollen, das erfahren wir leider nicht. Und doch ist das ein ent- scheidender Punkt. Denn die Lehre von den Übergangs Erlebnissen^ sofern sie sich wirklich von der Struktur-Tbeohe unterscheidet, kann nur behaupten: zu den absoluten Erlebnissen A und B kommt noch ein Übergangs-Erlebnis u binzu^ als ein drittes Stück zu zwei andern Stücken, und ebenso wie A und B, so kann auch u bestimmte Asso- ziationen eingehen. Bei Lindworsky wird diese Theorie auch klar so ausgesprochen. Dag aber „u zwischen A und B schwebe", ist eine neue Behauptung, dann wäre A u B ein einheitUches Ganzes, und dann müßte zum mindesten noch die Natur dieses Ganzen erklärt werden. Kommen wir dann aber nicht zu dem „Zueinander'', von dem Köhler ausging? Aber die Übergangs-Empfindungen selbst, wird man sagen, die sind doch beobachtet worden. Was folgt daraus? Wie mir scheint nichts anderes, als daß man das Zueinander, den Schritt von einem Glied des Paares zum andern nur da „bemerkt hat, daß dieser Schritt nur da zu einer legitimen BegrifFs-Bildung Anlaß gegeben hat, wo er anders auftrat als gewöhnlich, unter den unnatürlichen Yerhältnissem des Laboratorium-Experiments. Dort, wo er in der natürUchen Weise auftritt, dort konnte man ihn nicht „sehen'', denn zur Beschreibung hatte man ja die Empfindung A imd die Empfindung B, eine dritte Empfindung war aber nicht da; so fragte man und so suchte man, und dann konnte man natürUch nichts finden, außer eben in den Sonderfällen jene Übergangs-Empfindungen. Aber die Frage war falsch, weil die Beschreibung schon von vornherein psychologisch unrichtig war. Es ist eben nicht so, daß in einem Farben-Paar nichts anderes vorläge als hier eine Farbe und dort eine andere^ genau so wenig wie diese Figur richtig beschrieben wäre als ein senkrechter und ein wagerechter Strich. Genau so, wie wir hier einen Winkel sehen, so sehen wir im Farben- Paar ein Zueinander, eine Struktur, dazu brauchen wir kein Übergangs-Erlebnis wohl aber setzt das Übergangs-^ Erlebnis die Existenz einer Struktur voraus"').
Für die Lehre von den ÜbergangsErlebnissen besteht nun augenscheinlich noch die folgende Schwierigkeit: diese Erlebnisse sind den meisten Menschen völlig unbekannt, es bedarf einer „sorgfältigen psychologischen Analyse", sie ans Tageslicht zu fördern. Was für em Recht haben wir da, so müssen wir fragen, diese Übergangs- Google l6o ^^® spezieUen Tatsachen der psychischen Entwicklung Erlebnisse als notwendige Bestandteile unseres Vergleichungs- Vor- gangs anzunehmen, und sie gar den Hühnern zuzusprechen?
Auf diesen Einwand antworten die Yerireter jener Theorie so: Unser Urteil kann durch sinnliche Eindrücke bestimmt werden, die zu schwach sind, um für sich bemerkbar zu sein. Als Beleg für diesen Satz gibt Jaensch einen bekannten Versuch aus der Lehre ▼on der Tiefen- Wahrnehmung. Sieht man einäugig durch eine Röhre Aut ein^n Fäden, so kann man dessen Annftherung oder Entfernung deutlich erkennen. Die Abbildung des Fadens auf der Netzhaut ilndert bei der Verschiebung ihre Dicke, sie wird dicker, wenn der Faden genähert, dünner, wenn er entfernt wird. Ersetzt man nach •dem Vorgang von Hillebrand den Faden durch einen Gegenstand, dessen Verschiebung keine solche Veränderung des Netzhaut-Bildes bewirkt, also etwa durch die scharfe Kante eines von der Seite ins Gesichtsfeld ragenden Schirms, so bleiben noch recht grofie Ver- schiebungen völlig unbemerkt. Daraus schlieM Jaensch: „Im Fall des Fadens kann sich also das Urteil nur auf die Größenänderung des (Querschnitts stützen, die die Entfemungsänderung begleitet. Obwohl :zu gering, um als Querschnittsänderung merkbar zu sein, kann sie doch das Entfernungsurteil bestimmen. Ähnlich wird es sich mit den Übergangs-Erlebnissen verhalten, welche...trotz ihrer stark verringerten Ausprägung immer noch dem Urteil als Grundlage dienen können'' ^"). Wir finden hier wieder den Begriff des Bemerkens in 4er Erklärung verwendet, dessen Unzweckmä&igkeit wir erst eben dargelegt haben. Schalten wir diesen Begriff aus, so ist der Sachverhalt folgendermaßen zu beschreiben: Einer Breiten-Veränderung des Netzhaut-Bildes braucht nicht eine Breiten-Veränderang des Phänomens zu entsprechen, unter bestimmten Umständen kann sie einen Entfemungs-Unterschied im Phänomen hervorrufen. Die Ver- mittlung durch eine phänomenale, unbemerkte, Breiten-Veränderung, ist eine bloße und noch dazu prinzipiell unbeweisbare Hypothese "•). Ich will gleich einen ganz analogen Fall anführen, in dem auch Jaensch unsere Deutung anerkennen wird. Vergrößerung eines Netz- haut-Bildes kann ganz aligemein so wirken, daß der betreffende Gegenstand größer erscheint. Es ist aber die Regel, daß diese phänomenale Vergrößerung nicht proportional mit der wirklichen er- folgt, sondern hinter ihr zurückbleibt. Dafür rückt im allgemeinea das Phänomen näher und wird vor allem deutlicher, kontrastreicher. Als markantestes Beispiel hierfür erscheint mir immer das Sehen durch Gläser etwa durch ein Opern-Glas: das gesehene ändert dabei schein- bare Größe und scheinbare Entfernung sehr wenig, erhält aber einen ganz beträchtlichen Deutlichkeits-Zuwachs. Hier ist die Zerlegung Google Zur Kritik an den Struktur- Versuchen l5l des Phänomeiis in unbemerkte Bestandteile und durch solche beein- flußtes Urteil unmöglich, gerade Jaensch hat durch Vermeidung dieser Hypothesen ähnliche Erscheinungen mit groftem Erfolg untersucht. Dann aber besteht auch nicht der mindeste Anlafi, diese Hypothesen im ersten Fall einzuführen, und damit fiUlt das Argument fOr die not- wendige Existenz der Übergangs-Erlebnisse.
Und genau das gleiche Resultat ergibt die Prüfung des Argu- ments, das Bühler zum gleichen Zweck anführt.,Es ist (sc. bei den Übergangs-Erlebnissen) wie beim Heraushören von Obertönen aus einem Klang, daß eine gewisse Übung dazu gehört, diese gewohnheits- mäßig vernachlässigten Erlebnismomente zu finden'' ^"). Die sogenannte Klang-Analyse, das Heraushören von Teil-Tönen aus einem Klang war ja überhaupt der wichtigste Beweis für die Lehre von den un- bemerkten Empfijidungen, bis Köhler gezeigt hat, daß die Tatsachen absolut nicht dazu stimmen, sobald man sie vorurteilslos und genau durchforscht^'^). Er erklärt das „Heraushören^ so, daß durch die besondere Haltung der Aufmwksamkeit künstlich eigene Ton-Phäno- mene erzeugt werden, die normalerweise nicht zustande kommen. Man kann das üben und dann wird man häufiger Obertöne hören als früher, es ist also auch nicht wunderbar, und beweist nichts für Bühlers Hypothesen, daß Psychologen, die sich etwa beim Vergleich von Strecken in exakten Experimenten im Sehen von Übergangs- Erlebnissen geübt haben, diese auch im gewöhnlichen Leben finden können, wurde doch Helmholtz zeitweise der Genuß an polyphoner Musik durch die starken Obertöne zerstört.
Die Schwierigkeit der Theorie ist also nicht behoben. Sie ver- schwindet sofort, wenn man im Sinn unserer obigen Ausführungen (vgl. S. 160) annimmt, daß diese Übergangs-Erlebnisse unter besonderen Umständen aus dem schon vorhandenen Struktur-Phänomen hervor- gehen. Wir hätten dann in der Tat die engste Analogie zum Heraus- hören der Obe^ne, nur daß diese Analogie nicht gegen, sondern für uns spridit. Mit anderen Worten: Übergangs-Erlebnisse anzunehmen, wo sie nicht beobachtet werden, dazu haben wir keinen Anlaß; aber selbst wo wir sie zugeben, verschwindet nach unserer Auffassung die primäre Erscheinung, das Struktur-Phänomen, nicht, genau wie die Klang-Farbe eines Schall Phänomens unverändert bleibt, wenn wir einen Oberton heraushören.
Unsere Darlegungen werden den Leser davon überzeugt haben, daß man die Übergangs-Erlebnisse, wo sie nicht beobachtet sind, zur Erklärung jedenfalls nicht braucht, ja daß die Erklärung aus den Struktur-Funktionen einfacher und durchsichtiger ausfällt. Die Sach- lage ist aber für die Struktur-Theorie noch sehr viel günstiger. Im l62 ^^® spezieUen Tatsachen der psychischen Entwicklung Fortschritt der psychologischen Forschung ergeben sich mehr und mehr Fälle, in denen Wirkungen von Strukturen nachzuweisen sind, ohne daß man auf Übergangs- Erlebnisse zurückgreifen kann. Ich -will nur ein Beispiel geben, das mit unserm Fall, dem Paar zweier verschieden heller grauer Farben, große Ähnlichkeit hat Ich kann fragen, eine wie große Menge einer Farbe muß man zu einem Grau bestimmter Helligkeit hinzumiscben, damit das Grau eben farbig er- scheint. Diesen Minimal-Betrag von Farbe nennt man dann die Farb-Sch welle. Dabei zeigt sich nun ein ganz starker Einfluß der Farb struktur. Die FarbSchwelle ist nämlich nicht nur abhängig von der Helligkeit des Grau^ dem man sie zumischt, sondern auch von der Helligkeit des gleichmäßig grauen Hintergrundes, auf dem das mit Faibe gemischte Grau aufliegt. Und zwar hat die Schwelle dann ein Minimum, genügt dann ein Mindestwert von farbiger Zu- mischung, wenn das geprüfte Grau und der Hintergrund von der gleichen HeUigkeit sind. Mische ich etwa zu einem mittleren Grau auf gleichem Hintergrund so viel Farben hinzu, daß dies eben farbig erscheint, so verliert es seine Farbigkeit, wenn ich den Hintergrund durch einen helleren oder einen dunkleren ersetze. Als Struktur- Gesetz kann man das so aussprechen: je stärker die Verschieden- heits-Struktur zwischen den Helligkeiten des geprüften Feldes und des Hintergrundes ist, um so höher liegt die Farb-Schwelle, um so schwerer bildet sich eine bunte Farb-Struktiur aus^'^), Farb-Strukturen haben also, auch wenn alle Übergangs-Erlebnisse ifehlen, ganz reale Wirkungen.
Nachdem wir in allgemeinen Erörterungen das Problem der Übergangs-Erlebnisse diskutiert haben, der Leser möge die Ausführ- lichkeit dieser Erörterungen mit der wirklich ungeheueren Wichtig* kdt für die ganze Grundlage der Psychologie entschuldigen — wollen wir noch die Anwendung der Hypothese auf die Tier-Yersuche betrachten.
Vor dem Tier liegen zwei Graus, A heller als B. Wenn es von A nach B blickt, so soll es ein Verdunkelungs-, wenn es von B nach A blickt, ein Aufhellungs-Erlebnis haben. Erlaubt sei B, die Dressur soll dann in der Verknüpfung einer Bewegung mit dem Verdunkelungs-Erlebnis bestehen. Da ja aber beide Arten von ÜbergangsErlebnissen, je nach der Richtung der Blick- Wanderung, auftreten^ so ist die Frage zu stellen, wodurch wird das eine von ihnen vor dem andern bevorzugt. Die Antwort auf diese Frage scheint den Autoren so selbstverständlich zu sein, daß sie diesen ganzen Punkt nicht berührt haben. Die Dressur-Theorie kann aber nur eine Antwort geben: hat das Tier Übergangs*Erlebnis Aufhellung, so hat Google Zur Kritik ^ den Struktur-Versuclien es Auge und Kopf von B nach A bewegt, der Kopf steht also in Richtung auf A, es wird also beim Picken auf A treffen und keinen Erfolg haben; umgekehrt beim Verdunkelungs Erlebnis: hier ist es- von A nach B gewandert und wird also mit Erfolg nach B picken. D. h. dem äu6em Umstand, dafi der Kopf beim „richtigen" Über«^ gangs- Erlebnis dem richtigen Grau näher ist» als dem falschen, allein wäre es zu verdanken, daß das Tier auf das Übergangs-Erlebnis dressiert werden kann. Es ist das wieder eine denkbar mechanistische Auf- fassung des ganzen Vorgangs, von der ich schon bei den Hühner- Versuchen nicht gJaube, daß sie zu dem tatsächlich beobachteten Verhalten paßt^^*). Das Tier müßte ja arbeiten wie ein Automat Und nun denke man an Sultan mit dem Doppel Stock. Wie soll hier die Dressur entstanden sein? Schon im ersten Versuch und ohne probieren nimmt Sultan ja das dicke Rohr in die rechte, das dünne in die linke Hand^*'). Wenn also Lindworsky schreibt: „Die erste. Leistung (sc. das Unterscheiden des weiteren und engeren Bohrs) kann mit Rücksicht auf die von uns aui^ezeigte Erklänmgs-Möglichkeit aus den ÜbergangsEmpfindungen nicht als einsichtsvoll erwiesen gelten" ^^% so sahen wir, daß diese Erklärungs Möglichkeit nicht nur an und für sich abzulehnen ist, sondern auch gerade in dem speziellen Fall gänzlich versagt. Lindworsky zerlegte den Doppel Stock- Versuch, sah an drei Stellen die Möglichkeit für das Einsetzen der Ijätelligenz und glaubte sie an allen dreien ausschließen zu können. Wir haben ihn jetzt Punkt für Punkt widerlegt. Die letzte Erörterung, die sich auf die erste Stelle bezog, zeigt uns am deutlichsten, wie verfehlt die ganze Betrachtungs- Weise ist. Die Zerstückelung in lauter einzelne, sinnlos äußerlich zusammenhängende Komponenten wird eine unmögUche Hypothese, wenn schon der Anfang der Hand- lung, die sachgemäße Behandlung der Einzel-Rohre, auf eine klare Struktur-Erfassung zurückgeführt ist.
Unsere Erörterung hat aber noch mehr geleistet, sie hat unsere Auffassung von der primitiven Natur der Struktur- Funktionen über- haupt gegen Einwände gesichert. Wir können auf Grund der jetzt er- worbenen Kenntnisse noch kurz auf ein Problem eingehen, dem wir im vorigen Kapitel begegnet sind. Wenn Struktur Funktionen wirk- lich so primitiv sind, dann müßten sie sich auch bei den primitiven Verhaltungsweisen finden, die wir als instinktive kennen gelernt haben. Das ist nun wirklich der Fall. Wir sahen früher (o. S. 69), daß Reize, die Listinkt-Handlungen auslösen, „empfindungsmäßig^ keinesfalls festzuliegen brauchen. Wenn also etwa eine Spinne vor einer Biene die Flucht ergreift, gleichviel, in welcher Stellung die Biene sich dem Spinnen-Auge zeigt, so ist die Erklärung augenl64 ^^® speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung scheinlich darin zu suchen, daß sehr einfache Struktur-Funktionen bei jeder Lage wiederkehren. Das Problem bestände also darin, das charakteristische dieser Strukturen aufzufinden.
Unser Beweis dafür, daß zum Lernen zunächst einmal eine Neuleistung erforderlich ist, ist gelungen. Freilich war zuletzt nur von solchem Lernen die Bede, das als einsichtig bezeichnet werden mui. Wir waren aber schon bei viel tiefer stehenden Leistungea auf den gleichen Gesichtspunkt gestoßen.
Damit setzen wir uns freilich wieder in Gegensatz zu Bühler. Bühler will unser Ergebnis für die wirklich einsichtigen Leistungen nicht leugnen, aber er stellt eine Stufen-Theorie auf: unter der obersten Stufe des Intellekts, als der Fähigkeit, Erfindungen zu machen, steht nach ihm die Stufe der Dressur, des rein assoziativen Gedächtnisses, als unterste Stufe folgt der Instinkt. Instinkt und Dressur haben jeder ihre Vorzüge und Nachteile: der Vorzug des Instinkts ist: die Sicherheit und Vollkommenheit, mit der er gleich das erste Mal arbeitet, der der Dressur ihre Anpassungs-Fäbigkeit an die besonderen Lebens-Umstände; dem stehen als Nachteile gegen- über die Starrheit des Instinkts und die „Trägheif* der Dressur, d. h. die Tatsache, daß Lernen durch Dressur sehr lange Zeit braucht. Im Intellekt seien die Vorzüge der beiden unteren Stufen vereinigt*"*).
Diese Theorie entspricht einer wertvollen Einsicht in den Gang der psychischen Entwicklung. Wir werden sie übernehmen können, wenn wir vorher die Schönheits-Fehler beseitigt haben, die ihr nach unserer Meinung anhaften. Wie ist das Verhältnis der drei Ein- richtungen? Mail kann annehmen, sie wären alle drei total verschieden. Dann bestände die Entwicklung nur darin, daß auf eine unbegreifliche Weise zu der einen eine neue hinzutritt. Im allgemeinen hat man aber die Sache nicht so aufgefaßt. Vielmehr besteht zwischen der Theorie des assoziativen Lernens und des Instinkts ein sehr enger Zusammenhang, wie wir im Lauf dieses Kapitels gesehen haben. Wir lernten verschiedene Formen der Theorie kennen, als allen ge- meinsame Formel kann man wohl aussprechen: Instinkt- und Dressur-Handlungen spielen sich auf bestimmten Verbindungs Bahnen des Zentral- Organs ab, die Verbindungen sind beim Instinkt fest, bei der Dressur veränderlidi. Ja, oft genug hat man diesen Unter- schied als nur graduell hingestellt, insofern als man die Instinkte der Enkel als die erworbenen Gewohnheiten der Urahnen auffaßte^**). Und weiter: Bühler steht in seiner Auffassung des Intellekts als einer besonderen Funktion ziemlich vereinzelt. Meist bemüht man sich.
Google auch die Intelligenz auf Assoziations« Wirkung zurückzuführen. So sehr wir dies verwerfen müssen, so berechtigt erscheint uns der Versuch, nicht drei völlig heterogene Leistungen anzunehmen, sondern einen Zusammenhang zwischen ihnen zu schaffen. Denn dies ist ja auch unsere Meinung. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, daß auch für uns immer ein bestimmtes Prinzip eine Haupt- Bolle spielte, gleichviel ob es sich um die Erklärung des Instinkts, der Dressur, oder des Intellekts handelte: unser Struktur- Prinzip. Wir versuchten das Geschehen selbst, seine innere Geschlossen- heit und Richtungs-Bestimmtheit als Haupt-Prinzip aller Er- kl&rung zu verwenden. Wir tun damit methodisch das gleiche, was wir schon einmal, bei der Erörterung des Verhältnisses von Instinkt und Reflex getan haben. Das Struktur-Prinzip tritt am augen- fälligsten bei den Intelligenz-Leistungen heraus. Wir benutzen also ein Prinzip, das sich zur Erklärung des höchsten Verhaltens bewährt hat, auch zur Erklärung der niederen Verhaltens- Formen, während man bisher umgekehrt ein Prinzip, mit dem man primitives Ver- halten glaubte erklären zu können, auch auf die höchsten Stufen übertrug. Unser Verfahren hat aber nichts mit Anthropomorphismus zu tun. Wir sind weit davon entfernt, das brauchen wir kaum zu betonen, in einem Hund etwa einen nur sehr viel dümmeren Menschen zu erblicken. Das wäre ebenso töricht wie die umgekehrte Ansicht; der Mensch ein sehr viel klügerer Hund. Gerade dadurch, daß wir das Gemeinsame herausgearbeitet haben, können wir auch das Unterscheidende besser beschreiben, vor allem schärfer sehen, wo und wie wir diese Unterschiede werden bestimmen lernen müssen.
Intellekt, Dressur, Instinkt beruhen nach unserer Auffassung auf verschieden ausgebildeten Struktur-Funktionen. Wie diese Ver- schiedenheiten zu denken sind, und wie aus ihnen die von Bühler an- gegebenen Unterschiede folgen, das werden wir jetzt zu zeigen haben.
Wir beginnen mit der „Trägheit** der Dressur. Wie können wir erklären, daß das sogen, mechanische Lernen so viel mehr Zeit braucht, als das intelligente. Schon bei den Versuchen von Ruger (s. S. 125ff.), die ja Dressur- Versuchen sehr ähnlich sind,, ergab sich, daß ein Abfall der Zeit* Kurve immer und nur dann eintrat, wenn eine zufällig zustandegekommene Leistung „verstanden** wurde. Dazu paßt vortrefflich die Bemerkung, die Köhler über die Wahl* Dressuren seiner Tiere macht. „Wollten wir die Zeit, oder die Anzahl von Versuchen^ kurz die »Arbeit«, die man aufwendet, um einen Bchimpansen (auch wohl Hühner) derartige Aufgaben lernen zu lassen, zum größten Teil dem Entstehen jener:» assoziativen Ver* bindung« (sc. zwischen Struktur und Reaktion) anrechnen, so würden i66 ^^^ speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung wir wohl gerade die wesentliche Leistung der Tiere nicht hoch genug einschätzen. Die Hauptaufgabe eines Schim- pansen in sogenannten Wahldressuren ist das Herausfinden des eigentlichen Dressurmaterials'' ^*^). Köhler folgert dies aus der Lern-Eurve, d. h. der Verteilung der falschen und richtigen Reaktionen. Während Anfangs falsche und richtige Wahlen rein zufällig einander folgen, tritt plötzlich ein Umschwung ein» es kommen so gut wie gar keine Fehler mehr vor. In einem Versuch mit Chica ist es z. B. so, daß von 50 Wahlen vor diesem Umschwung 25 falsch waren, darnach nur noch 4. Solch Verhalten, wie es bei verwandten Versuchen auch Yerkes be- schrieben hat, entspricht aber durchaus dem charakteristischen Ein- setzen echter Lösungen in den Intelligenz- Versuchen, so daß der Schluß Köhlers gerechtfertigt erscheint. Dazu kommt nun noch die weitere Beobachtung Köhlers: „Je mehr verschiedene Wahlen Sultan gegenfiber Paaren von »Frontbezeichungen« vorzunehmen lernt, desto schneller scheint er bei neuem, nicht zu schwierigem Lernmaterial »herauszufinden«, worauf es ankommt. Ähnliches dürfte von den anderen Tieren auch gelten**"').
Die Dressur braucht so lange Zeit, weil die Bedingungen, seien es die äußeren der Umgebung, oder die inneren der tierischen Organisation selbst, ein sofortiges Erfassen der Struktur ausschließen. Die Struktur braucht zu ihrem Zustandekommen die Wiederholung; diese dient also nicht der Festigung irgend welcher Verbindungen, sie hat zunächst nichts anderes zu tun, als den Boden für die Struktur- Bildung zu bereiten, durch Zufalls£rfolge, nachher, wenn die Struktur erst gebildet ist, dient sie freilich dazu, diese zu festigen und leichter ansprechbar zu machen.
Mir scheint diese Annahme auch allen bekannten Tatsachen besser zu entsprechen. Wir wissen, daß auch beim rein mechanischen Lernen von Reihen sinnloser Silben, also bei einer reinen Dressur- Leistung, „kollektive Auffassung^ ^^*) unbedingt erforderlich ist, d. h. mehrere Glieder müssen sich zu einem einheitlichen Ganzen zu- sammenschließen. Im allgemeinen wird diese Einheits-Bildung in der Form von rhythmischen Gruppen vollzogen, d. h. das zu lernende Material wird zunächst strukturiert. Mit dieser Strukturierung beginnt der Lern Prozeß'^^j und jede Erleichterung dieser Struktu- rierung bedeutet eine Erleichterung des Lernens. Auch die „Greif- Momente*', die Aall fQr das Gedächtnis wesentlich fand, lassen sich unschwer als dem Lernenden geläufige Struktur-Prinzipien verstehen, die er an das Material heranbringt'^^). Femer hat eine im Berliner psychologischen Institut ausgeftlhrte Untersuchung von A. Kühn Google Google das folgende sehr interessante Resultat ergeben: beim Lernen von optisch vorgeführten Reihen beschränkt sich der Lernende nie auf ein reines Lesen, sondern unwillkOrlich f&ngt er bald an zu rezitieren, er nimmt das folgende vorweg und greift auf das Vergangene zurück. Verbietet man nun der Vp. dieses Rezitieren, so ist sie durch noch so oft wiederholte reine Lesungen nicht in der Lage, die Reihe zu lernen, ja die Häufung solcher reinen Lesungen scheint sogar für das Behalten schädlich zu sein: je öfter der Stoff „rein gelesen'' wurde, um so mehr „Rezitations-Wiederholungen'* müssen nachher darauf verwendet werden. Die Wirksamkeit des Rezitierens beruht darauf, däi „es zu einem gründlicheren, vielseitigeren Ver- arbeiten des Stoffes führf**^'). Und schlieMich kam K. Lewin auf Grund von geistreich angelegten, im gleichen Institut ausgeführten Versuchen zu dem Schluß „daS der Lem-Prozeß nicht...zu be- greifen ist als eine Verbindung zwischen einzelnen Gebilden...Man lernt nicht »Silben«, sondern man lernt, »auf einen gegebenen Reiz mit bestimmten Reaktionen zu reagieren«;...Eswirdder Weg eingeübt, der später bei der Reproduktion ge- gangen werden soll""*).
„Verarbeitung", „Weg" das sind alles Aequivalente für das, was wir als Struktur bezeichnet haben. Wir kommen also auf Grund der am mechanischem Lernen ermittelten Tatsachen zu dem Schluß: alles Lernen.erfordert die Entstehung von Strukturen.
Damit haben wir die Grund- Voraussetzung des Versuch-Irrtum- Prinzips beseite, das „Häufigkeits-Prinzip". Wiederholungen ohne Struktur-Leistungen bleiben wirkungslos, wenn sie nicht schädlich werden, Übung ist Ausbildung, im weitesten Sinne, einer Struktur, nicht Festigung eines Bandes.
Unsere Auffassung der Stufen-Theorie läßt sich schließlich auch am besten physiologisch fundieren. Wir sind schon im Verlauf dieses Kapitels mehrfach auf die Schwierigkeiten gestoßen, die sich einer physiologischen Theorie der Assoziation entgegenstellen (s. o. S. 112 ff.). Wir sehen, daß die amerikanische Verhaltens Psychologie, um dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, den Begriff der Assoziation im prägnanten Sinn, als einer im individuellen Leben gestifteten Verbindung, hat &llen lassen. Denn daß auf Grund der bloßen „Leitungs"*Hypothese, der uns bekannten Annahme der auf festen Bahnen ablaufenden Erregungs- Vorgänge, die Entstehung von Asso- ziationen nicht zu erklären sei, das hat v. Kries schon vor zwanzig Jahren gezeigt. Wir lassen hier dahingestellt^ ob das Prinzip der angeborenen vielfachen Verbindungen den Schwierigkeiten, denen .die Assoziations-Stiftung ausgesetzt ist, ganz entgeht, auch dann Google Google l68 ^^® speziellen Tatsachen der psychischen Entwicklung - gelten g^en diese Theorie noch die anderen Einwftnde, die y. Kries gegen die Leitungs-Hypotbese yorgebracht bat, und die von E. Becher noch ergftnzt worden sind'**). Die Leitungs-Hypotbese versagt nach y. Kries aufier beim Problem der Assoziations-Stiftung auch beim Problem der „assoziativen Wirkung'' und der „Generalisation^. Unter jenen versteht v. Kries vor allem das Problem der räumlichen und zeitlichen Gestalten. Zwei in einem Winkel zusammenstoßende Linien werden als „Winkel'' benannt» jede Linie fOr sich nur als Linie, die „assoziative Wirkung'' der zwei Linien ist also nicht die Sunmie der „assoziativen Wirkung** jeder Linie für sich, was die Leitungs-Hypothese wieder nicht erklären kann. Unter Generalisation versteht v. Kries eine fOr das Lernen gültige Tatsache, die wir schon beim Instinkt kennen gelernt und eben besprochen haben: die psychologische Ähnlichkeit^ in Erscheinung und Wirkung, physikalisch sehr verschiedener Vorgänge. Haben wir eine Figur einmal gesehen, so erkennen wir sie bei starker Veränderung ihrer Lage, Gröfie, Farbe richtig wieder, und doch sind dann andere Leitungen in anderer Weise erregt In Wirklichkeit wird sich nun dasselbe Ding nie genau in der gleichen Weise etwa im Auge abbilden, der eben genannte Fall ist also die allgemeine Regel, die all unser Lernen beherrscht, v. Kries kommt schließlich zu einem Schluß, der mit unseren Anschauungen verwandt ist: „daß es sich vielfach nicht um die Entwicklung von Leitungsbahnen handeln kann, die entfernte Teile in Verbindung setzen, sondern um vorderhand nur bildlich zu bezeichnende Formierung einheitlicher Gebiete, vermöge deren die Koexistenz verschiedener Zustände besonders erleichtert isf* *^'^). In einer hypothetischen Ausgestaltung dieses Prinzips will er die besprochenen Erscheinungen auf intercelluläre Leistungen zurückführen. — Im Gedanken der Leistung kommt v. Kries unseren Aufstellungen sehr nahe, der Haupt-Unterschied liegt in der An- nahme» daß diese Leistungen der Einzel-Zelle zuzuschreiben seien, und darin, daß die Vorgänge in verschiedenen Zellen nur als koexistent, freilich mit Anpassung aneinander, aufge&ßt werden, während wir das Wesentliche im Erregungs-Zustand oder Ablauf eines ganzen Gebiets erblickten. Becher hat gezeigt, daß die Be- schränkung auf die Einzel-Zelle keine haltbare Hypothese ist*^*), er lehnt schließlich jede rein physiologische Theorie des Gedächtnisses ab. Durch Wertheimer's Hypothese des gestalteten physiolo- gischen Geschehens war aber ein Ausweg aus der Schwierigkeit gegeben, imd Köhler hat in seinem Buch über die physischen Ge- stalten gezeigt, wie diese Hypothese auf Grund unserer physikalischen Kenntnisse fruchtbar gemacht werden kann. Die Kritik an der Google physiologischen Assoziations-Theorie zwingt uns also nicht mehr zum Psychovitalismus'^O* ^ ^^n physischen Gestalten des Nerven- systems werden wir also auch die £rkl&rung für die Assoziation zu suchen haben, sie haben uns schon zur Erklftrung der Instinkt-Hand- lungen gedient, und werden sich ganz besonders bei den Intelligenz-^ Leistungen bewähren. Nach all dem dürfen wir wohl sagen: Instinkt, Dressur, Intellekt sind nicht drei völlig verschiedene Prinzipien,, sondern in ihnen allen finden wir ein Prinzip in verschiedener Aus* prfigung wieder.
Wir konnten auf Grund dieser • Ansicht den einen von Bühler betonten Unterschied von Intellekt und Dressur erklären, die Träg- heit der Dressur, durch die sie sich auch vom Instinkt unterscheidet.. Wir werden diesen Unterschied im nächsten Kapitel noch genauer beschreiben müssen. Das andere Merkmal, das Dressur und Intellekt gemeinsam besaßen gegenüber dem Instinkt, die Anpassungs-Fähig- keit an die äußeren Umstände, ist mit unserer Auffassung leicht in Einklang zu bringen. Es handelt sich um den Unterschied der starren und plastischen Anlagen, den wir im vorigen Kapitel be- sprochen haben, der also als Eigentümlichkeit der Struktui^Funktionen selbst gelten mu6. Es gibt darnach Strukturen, für deren Entstehung^ alle Bedingungen im Individuum durch Vererbung so festgelegt sind, dai sie notwendig beim ersten Anlaß wirksam werden. Für ander» Strukturen liegen die Bedingungen nicht so fest, ob und wie sie entstehen, ist von den speziellen Umständen abhängig, und während jene Strukturen bei allen Individuen einer Art wesentlich gleichartig sind, bestehen für die weniger festen Bedingungen dieser auch größere individuelle Verschiedenheiten.
Google Fünftes Kapitel Die speziellen Tatsachen der psychisdbien Bntwic&Iung B* Das GedächtniS'^Problem * Das Lernen des Kindes 1. Die Leistungen des Gedächtnisses. Ihr erstes Auftreten.