SigPhi · Kurt Koffka

Die Grundlagen der psychischen Entwicklung

German

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Wir sagten oben^ die Funktions^BegrifFe seien von der gleichen Art wie alle naturwissenschaftlichen Begriffe. Demgegenüber sind die Deskriptions-Begriffe gerade fOr die Psychologie charakteristisch. Wir stellten oben vorläufig als Aufgabe der Psychologie das Studium des Verhaltens von Lebewesen in ihrer Berührung mit der Umwelt hin. Wenn wir jetzt sehen, daß wir in der Psychologie nicht nur Funktions- Begriffe, sondern auch die spezifisch psychologischen Des- kriptions-Begriffe verwenden, so werden wir jetzt diese Bestimmung präzisieren können. Wir werden zum Verhalten von Menschen — um uns zunächst auf diese zu beschränken — nicht nur das rechnen dürfen, was sich naturwissenschaftlich, mit Hilfe von Funktions-Be- griffen feststellen läßt^ sondern gerade auch die Tatsache, daß Menschen Aussagen „deskriptiver^ Natur machen können, daß es für die Menschen Erlebnisse gibt, oder, wie man das gewöhnlich nennt, daß die Menschen ein Bewußtsein haben; und natürlich nicht nur die Tat* Sache, daß der Mensch solche Aussagen machen kann, sondern auch was für Aussagen er jeweils macht, was für Erlebnisse er vorfindet. Diese Seite des Verhaltens steht in keiner Hinsicht der andern an Wichtigkeit nach, für die Psychologie ist sie sogar die bedeutsamere. Wir betonten schon, daß der Besitz der Deskriptions-Begriffe die Eigenart der Psychologie ausmacht; wenn sie das Verhalten studiert, so wird sie es immer tun im Hinblick auf die deskriptive Seite, im Gegensatz etwa zur Physiologie, die sich um diese Seite meist gar nicht kümmert.

Neben den naturwissenschaftlichen Untersuchungs-Methoden hat also die Psychologie noch eine eigene Richtung der Beobachtung, die nämUch, die nicht zur Feststellung von realen Dingen und Vor- gängen, sondern zur Eonstatierung von Erlebnissen führt. Wir wollen sie die Erlebnis- Wahrnehmung (Erlebnis-Beobachtung) nennen, und die üblichen aber unglücklich gewählten Namen „innere Wahrnehmung'' oder „ISelbstwahrnehmung" vermeiden. Das für die ganze Psycho- logie äußerst wichtige aber zur Zeit noch stark kontroverse Problem der Erlebnis- Wahrnehmung zu diskutieren, würde uns zu sehr vom Wege abführen. Doch sei betont, daß sie erlernt und geübt werden muß, mehr noch als jede andere wissenschaftliche Beobachtung. Wir ziehen nur noch eine Folgerung: das beste Mittel, die Wirklichkeit, mit Funktions- Begriffen zu erforschen, sind Maß und Zahl. Nach- messen, nachzählen, das muß jeder können, oder doch lernen können. Die Begriffe der fortgeschrittensten Naturwissenschaft, der Physik, sind d^er quantitative Begriffe, ihre Aussagen sind quantifiziert, es ist das Ideal der Physik, alle qualitativen Unterschiede auf quanti- tative zu reduzieren.

Google Das gleiche kann für die Gegenstände der Deskription8*BegrifEe, für die Erlebnisse, nicht gelten. Messen ist eine typisch funktionale Yerhaltungsweise, mit dem Ma^tab komme ich nur zu Aussagen^ die jeder beliebige machen kann, in diesem Sinn können also die Erlebnisse nicht mefibar sein. Sie bilden vielmehr den Gegenpol zu den Gegenständen der reinen Physik, sie sind reine Qualität, das quantitative im naturwissenschaftlidien Sinn fehlt ihnen voUkommen'). Daher wird das Wort Qualität auch in der Psychologie häufig synonym mit Erlebnis verwendet.

Das Ergebnis der letzten Ausführungen läßt sich kurz folgender- maßen zusammenfassen: die Pcfychologie verwendet au&er der natur- wissenschaftlichen noch eine besondere, ihr eigene. Form der Be- obachtung, die Erlebnis-Beobachtung, zu ihren Gegenständen gehören* nicht nur reale Dinge und Yorgänge, sondern auch Erlebnisse^).

4. Die Terhaltens«Psyehologie. Kriterien des Bewu&tseins.

Gegen diese Auffassung der Psychologie haben sich in der letzten Zeit starke Stimmen erhoben. Zumal in Amerika ist eine Richtung entstanden, die die Sonderstellung verwirft, die nach unserer Theorie die Psychologie einnimmt. Sie sagt: Psychologie ist eine Natur- wissenschaft wie jede andere, sie darf daher auch keine ihr eigen- tümliche Methode verwenden, keine nur ihr zugänglichen Tatsachen benutzen. Die Erlebnis- Wahrnehmung und damit alle Deskriptions- Begriffe worden verbannt, es bleiben nur die der allgemeinen Kon- trolle zugänglichen Funktions-Begriffe., Verhalten'' ist dann nur noch das, was jeder von einem Individuum beobachten und aussagen kann. Nur hierum, nur um die allgemein feststellbaren Reaktionen eines Individuums habe ich mich zu kümmern, seine Erlebnis- Wahrnehmung geht mich nichts an, ich kann sie ja nicht kontrollieren. Dazu kommt ein weiterer Gesichtspunkt: denken wir biologisch, so können wir den Menschen nicht von der ganzen übrigen Schöpfung trennen, es ist also auch ein Fehler der gewöhnlichen Psychologie, die sich mit dem erwachsenen Menschen befoßt, diesem eine Sonderstellung einzuräumen; der Mensch ist nur eins vieler möglicher und gleich wichtiger Objekte für die psychologische Forschung. In der Tier- Psychologie mu& man aber eo ipso auf Deskriptions Begriffe ver- zichten, denn hier fehlt auch das letzte Kriterium ihrer Anwendung, die Tiere können uns keine Mitteilungen machen. Und ebenso steht es in der Psychologie der frühesten Kindheit. Hier können wir nicht mehr tun, als feststellen, wie sich ein Lebewesen unter be- stimmten Bedingungen, in bestinunten Situationen, verhält. Alles andere ist unkontrollierbare, also unwissenschaftliche Phantasie.

Google jQ Problemstellung • Methodik Da nun der gewöhnlichen Psychologie keine Sonderstellung zukommen darf, so folgte daß wir uns auch hier auf die gleichen Feststellungen zu beschränken haben, und da& wir die bisherigen Ergebnisse der Psychologie aus ihrer alten Sprache in eine neue übersetzen müssen: an die Stelle von Aussagen über Erlebnisse müssen Aussagen treten über das Verhalten in Situationen, sowohl das Verhalten wie die Situation ist mit naturwissenschaftlichen Metboden feststellbar. Die Vertreter dieser Richtung bezeichnen sich" daher auch als ^fBehaviorists"^ statt Psychologie sagen sie: Wissenschaft vom ^^Animal Behavior^', vom Verhalten der Lebewesen. Da auch wir an dieser Stelle vergleichende Psychologie treiben wollen, so müssen wir uns mit dieser Richtung auseinandersetzen.

[n einem wichtigen Punkt haben diese „Verhaltens-Psychologen^ unzweifelhaft recht. Sobald wir die gewöhnliche Psychologie ver^ lassen, fällt die Methode der Erlebnis- Wahrnehmung fort, damit ^uch von unserm Standpunkt, der freilich auch ein „von außen-Stand- punkf* ist, jedes Kriterium für das Vorhandensein von Erlebnissen^ für die Anwendung von Deskriptions-Begriffen. Die Mutter kann noch so gewiß sein, daß ihr lächelndes Baby sich im Zustand wohliger Behaglichkeit befindet, sie mag ihm noch so deutlich die strahlende Freude vom Gesicht ablesen, für die „von außen" blickende Wissen- schaft sind diese Feststellungen nicht kontrollierbar. Ob sie des- wegen solche Aussagen ganz verwerfen soll, ist eine andere Frage, auf die wir bald zurückkommen, hier müssen wir beim strengen Außen-Standpunkt verweilen und dann haben die Behavioriats recht: Wir können den Satz auch jetzt so formulieren; außerhalb der ge- wöhnlichen Psychologie gibt es kein Kriterium für die Existenz von Bewußtsein'^).

Und doch hat man oft versucht, solche aufzustellen^). Wir be- sprechen die zwei wichtigsten: Man hat gesagt: solange ich das Verhalten von Lebewesen rein physiologisch erklären kann, solange verzichte ich auf die Hypothese des Bewußtseins; ich führe sie erst da ein, wo die rein physiologische Erklärung versagt Diese Art des Vorgehens erscheint von unserm Standpunkt grundsätzlich falsch, ganz abgesehen davon, daß sie kein dauerndes Kriterium gibt, denn eine physiologische Erklärung, die heute unmöglich scheint, kann morgen gelingen. Aber abgesehen hiervon, diese Art der Hypothesen- Bildung beruht auf einem Trugschluß, dem nämlich, daß man eine physiologische Erklärung durch eine „psychologische", mit Hilfe von Bewußtseinstatsachen, ersetzen kann. Erklären heißt doch aber: Zusammenhänge feststellen, Gesetze formulieren, denen das Wirkliche gehorcht. Gesetze sind aber Aussagen, die von jedem Google Kriterien des Bewaßtseins H kontrolliert werden können, ihre Gegenstände müssen also letzten Endes auch reale Dinge und Vorgänge sein. Ein sichtbares Verhalten eines Lebewesens durch ein Erlebnis, ein also von andern nicht teststellbares, erklären wollen, das heiM auf eine Erklärung im naturwissenschaftlichen Sinn verzichten. Wir haben oben den Be- weis geführt, daH es nicht erlaubt ist, aus funktionalen Tatbeständen ohne weiteres deskriptive Tatbestände zu erschließen. Ebenso falsch ist aber der umgekehrte Schluß von deskriptiven Tatbeständen auf funktionale. Ein Beispiel: bei irgend einem Versuch habe die Ver- suchsperson (Vp.) die Aussage gemacht, sie habe während der ganzen Zeit einen Punkt fest fixiert und keine Augen-Bewegungen gemacht. Was bedeutet für mich, als Versuchsleiter, diese Aus- sage? Lediglich, daß die Vp. das gleiche Erlebnis hatte > wie dann, wenn sie ftre Augen unbewegt festhält, nicht aber, daß sie wirklich keine Augenbewegungen ausgeführt hat. Ob das der Fall ist, muß ich kontrollieren, und oft genug ergibt eine solche Kontrolle, daß die Wirklichkeit nicht dem Erlebnis entspricht^).

Jede sogenannte psychologische Erklärung enthält an irgend einer Stelle einen derartigen Schluß, in der vergleichenden Psychologie, wo die Erlebniswahmehmung fehlt, dazu auch noch den umgekehrten vom funktionalen auf deskriptives. Der Tatbestand wird leicht da- durch verdunkelt, daß unsere Sprache nicht immer getrennte W'orte lür Deskriptions- und Funktions-Begriffe besitzt, weil unsere Alltags- Begriffe überhaupt keine wissenschaftlichen Begriffe sind, und daß noch dazu manche Begriffe, die typische Funktions-Begriffe sind, als Begriffe von Psychischem bezeichnet werden, wobei man dann vergißt, daß hier das Wort „psychisch" eine andre Bedeutung hat als „Bewußtsein". So ein Wort ist „Intelligenz". Man sagt etwa: zu dieser Leistung gehört Intelligenz, also hat das Tier Bewußtsein. Hier ist der Fehler ganz deutlich: man beobachtet eine tierische Leistung, die das Wort intelligent verdient, sagen wir eine richtige Erfindung eines Tieres; das Tier muß also die Fähigkeit zu dieser Leistung, Intelligenz, besessen haben, also muß es Bewußtsein haben, und dies Bewußtsein soll nun die Erklärung für die intelligente Leistung liefern, die man auf andrem Weg nicht hat finden können. Man sieht den Sprung bei dem also. Aus der Tatsache be- stinunter Leistungen kann ich nicht mit Sicherheit auf Erlebnisse schließen. Ganz und gar darf ich das aber nicht, wenn ich durch diese Erlebnisse nun die Kette der realen Vorgänge unterbrechen will. Das Verhalten des Tieres, wie es sich uns darbietet, ist ein naturwissenschaftlich feststellbarer Sachverhalt, ihn erklären, heißt, I2 Problemstellung * Matthodik ihn mit andern naturwissenschaftlich feststellbaren Sachverhalten in Beziehung setzen. Ich mu6 eben so viel Erfahrungen sammeln, so viele Experimente machen, bis ich die Unterlagen für ge- sicherte Schlüsse habe. Das ist prinzipiell immer möglich. Statt dessen aber ein Bewußtsein zu statuieren und dem die Leistung aufzubürden, das ist ein Verzicht auf die Erkl&rung^). Die Sache liegt sofort ganz anders, wenn man folgenden Gedanken vor- bringt: zur Erklärung dieser bestimmten Leistung bin ich genötigt, solche Hirn-Prozesse anzunehmen^ wie sie bei uns von Erlebnissen begleitet auftreten. Also werde ich auch beim Tier BewuHtsein annehmen dürfen. Hier ist der Fehler, den wir bekämpfen, nicht gemacht Die Erklärung bleibt im Naturwissenschaftlichen. Nun wissen wir freilich nicht, was für eine Eigentümlichkeit es ist, die diejenigen Hirnvorgäuge, denen Erlebnisse« entsprechen, vor den andern auszeichnet, und darum führt dieser Gedankengang auch nicht zu einem wirklichen Kriterium, aber auch wenn wir das zugeben^ so können wir von hier aus vielleicht dahin kommen, die Kluft^ die sich zwischen Menschen- und Tier-Psychologie auftat, wenn man in jener mit Deskriptions-Begriffen arbeitete, zu überbrücken.

Aber aus dem Versagen physiologischer Erklärung können vrir kein Bewu&tseinsKriterium ableiten. Denn eine physiologische Er- klärung brauchen wir auch für alle Verhaltungsweisen, an denen Erlebnisse in hohem Maß beteiligt sind.

Mit wenigen Worten können wir einen zweiten Versuch ab* tun, ein Kriterium für die Existenz von Bewußtsein aufzustellen. Man hat gesagt, wo sich Gedächtnis in den Leistungen von Tieren feststellen läßt, da isit auch Bewußtsein anzunehmen. Hier liegt der unstatthafte Schluß von Funktions- auf Deskriptions-Begriffe vor, ganz in der Form, wie wir ihn auch eben beim Begriff der Intelligenz diskutiert haben.

6* Ablehnung des Verhaltens-Standpunkts. Bedeutung des deskriptiven Verhaltens ffir die physiologische Theorie.

Die Verhaltens- Psychologen haben also recht, wenn sie die Existenz von BewußtseinsKriterien da leugnen, wo die Methode der Erlebnis- Wahrnehmung fortfällt. Trotzdem werden wir ihre Position ablehnen. Es gibt doch eine Erlebnis- Wahrnehmung, es gibt Aussagen derart, daß sie jeweils nur von einem einzigen zu machen, und nicht von jedem beliebigen zu kontrollieren sind. Es ist aber wissenschaftlich unstatthaft, Material, das zur Verfügung steht, nicht zu verwerten. Li unserm Fall liegt es sogar so, daß das gleiche äußere Verhalten im Grunde recht verschieden sein kann, Google Ablehnung des Verhaltens-Standpunkts |x wenn das erlebnismäßige Verhalten verschieden ist. Eine „mit vollem BewuMsein' und eine „automatisch'^ ausgeführte Handlung können für den Beobachter völlig gleich aussehen, sie sind aber in ihrer Struktur auch stark verschieden, und umgekehrt können äußerlich sehr verschiedene Handluagen durch die Gleichheit der Erlebnisse ganz ähnlich sein. Verzichten wir in diesen Fällen auf die Erlebnis- Wahrnehmung, so kommen wir zu ganz falschen Schlüssen. Wendet der BehiAviorist dagegen ein, man müßte eben auch rein naturwissen- schaftliche Methoden finden, mit denen man diese Unterschiede fest- stellen kann, so können wir ihm getrost diese Arbeit überlassen, und außerdem ihm sagen, er würde gar nicht auf die Idee kommen, nach solchen Methoden zu suchen, wenn er nicht aus dem Erlebnis heraus die Unterschiede schön kennen würde.

Und schließUch: die Tatsache, daß ich überhaupt deskriptive Aussagen machen kann, die ist doch von ganz ungeheurer Wichtig- keit. Sie ist für mich doch mindestens ebenso charakteristisch wie die, daß ich atme oder verdaue. Ein Stück Holz kann das nicht, und wenn ich tot bin, werde ich es auch nicht mehr können, aber auch eine Amöbe kann es nicht. Könnte ich keine deskriptiven Aussagen machen, so könnte ich ja überhaupt keine Aussagen machen. Paradox ausgedrückt: wenn jeder nur die Reaktionen hätte, die alle andern beobachten können, dann könnte keiner etwas beobachten.

Es geht also nicht an, die eine Seite des Verhaltens ganz aus der Wissenschaft zu streichen, sowohl wegen ihrer immanenten Be- deutung — das was wir sind, worauf wir stolz sind, unsere Kultur, Kunst, Religion, ist ja ohne dies gar nicht zu verstehen — wie auch wegen der engen Verbindung, in der sie mit der andern Seite steht*).

Dies letzte mag hier noch besonders betont werden, damit oben gesagtes nicht mißverstanden wird. Wir haben eine „psychologische'^ Erklärung abgelehnt, und eine durchgehende physiologische Er- klärung gefordert. Aber wir werden von einer solchen physiologischen Theorie verlangen, daß sie zum ganzen Verhalten, also auch zu seiner erlebnismäßigen Seite paßt. Daraus folgt, daß wir bei der Bildung unserer Funktions-Begriffe dauernd den Ergebnissen der Er- lebnis-Wahrnehmung folgen müssen. Es ist also oft die erste Auf- gabe, die richtigen, fruchtbaren Deskriptions-Begriffe zu bilden, in sofern kann man auch mit gutem Recht von psychologischer Theorie sprechen. Wie solch Verfahren für die Theorie fruchtbar werden kann, das wird sich im Verlauf dieser Darstellung erweisen, ebenso wie armselig das theoretische Rüstzeug der Behaviorists ist, die von der deskriptiven Seite her keinerlei Befruchtung erfahren können**).

Google lA Problemstellung. Methodik Wenn wir also an der Erlebnis- Wahrnehmung festhalten, ver- fallen wir dann nicht dem Vorwurf der Verhaltens-Psychologen, der Menschen - Psychologie eine unberechtigte Sonderstellung einzu> räumen? Haben doch auch wir zugegeben^ daß wir ein Kriterium für das Yorhandensein von Bewußtsein in der Tier-Psychologie nicht besitzen. Was für Konsequenzen sind aber daraus zu ziehen? Wir beobachten einen Hund, dem sein Herr einen Leckerbissen so vor- hält^ daß er ihn nicht ohne weiteres erreichen kann. Der Hund steht in einer ganz prägnanten Haltung da, den Kopf nach vorn und oben gestreckt, die Körper- Muskulatur gespannt, die Ohren gespitzt. Man kann die Beschreibung in dieser Weise fortsetzen, sie durch pneumographische, sphygmographische und dergl. Messungen vervollständigen. Soll es aber verboten sein, solche Beschreibung zusammenzu&sseä in den Worten: der Hund steht mit dem „Aus- druck höchster Spannung auf die Hand des Herrn gerichtet*^ da? Bekommt nicht vielmehr erst jetzt die ganze Aufzählung der Einzel- heiten ihren Sinn? Ein anderes Beispiel entnehme ich der Schrift von W. Köhler über die Intelligenz der Menschenaffen^^). Köhler schildert dort an einer Stelle die Affekt-Äußerungen dieser Tiere, Ich fähre wörtlich an, was der Autor über die Wutausbrüche eines weiblichen Tieres sagt: „Hat sie ihre Decke gerade bei sich, so schlägt sie bei gleichem Anlaß rasend mit dieser auf den Boden, aber immer — und das gilt auch vom Reißen und Schleudern im Kraut — haben diese Ausbrüche, physikalisch und physiologisch gesprochen eine starke Komponente auf den Feind zu.*' Oder: „Im starken Affekt ohne Lösung muß das Tier etwas in der Raum- richtung tun, in der sein Wunschobjekt sich befindet^*). Und daß bei jungen Kindern dasselbe Verhalten charakteristisch ist, konnte Köhler auch beobachten.

Diese Beschreibungen sagen nicht nur: ein Tier wirft Gegen- stände in eine Richtung, die man nachher als mit der zum Feind führenden ungefähr übereinstimmend konstatieren kann, sondern: das Tier ist auf den Feind gerichtet, und alle Handlungen, die aus dem Affekt stammen, werden von dieser Richtung aus geleitet, nicht nur die Handlungen haben die Richtung, sondern das Tier.

Ich glaube, niemand der unbefangen ist, wird daran zweifeln, daß derartige Beschreibungen nicht nur erlaubt sondern erwünscht, ja notwendig sind, wenn wir das Tier verstehen wollen. Wir könnten jetzt das Argument der Behavioriats umkehren: denken wir, wir würden den Wut-Ausbruch eines Negers in Zentral-Afrika beob- achten^ dessen Sprache wir nicht verstehen^ dürften wir dann auch nur sein „äußeres Verhalten*' beschreiben^ indem wir lauter Einzel- Google heiten aufzählen, dürften wir dann nicht sagen, seine Wut ist auf den Gegenstand, die Person, gerichtet? Und wenn wir es hier sagen dürfen und müssen, dann gilt doch das Argument, daß der Mensch in der Psychologie keine Sonderstellung beanspruchen darf, und wir können nun ein dem menschlichen zum Yerwechseln ähnliches Ver- halten auch in der gleichen Weise beschreiben.

Nicht etwa, weil die Bewufitseinsfrage an sich besonders brennend wäre, sondern weil wir jetzt die Möglichkeit haben, das Verhalten des Tieres wissenschaftlich zu verstehen. Nur darauf kommt es an. Wir könnten den Behavioriats soweit entgegenkommen,, daß wir sagen: ob Bewußtsein oder nicht in der Tat da ist» wissen wir nicht, das kümmert uns auch nicht. Aber das Verhalten ist ein solches, daß das dazugehörige Bewußtsein, wenn es ein solches gibt, diese bestimmte Struktur haben müßte.; daher muß; dieses Verhalten so erklärt werden, wie auch sonst Verhalten erklärt wird, dem ein Bewußtsein dieser bestimmten Struktur zugehört^').

Dann freilich liegt die Überlegung nahe, die wir oben angestellt haben, die besagt: wenn ich einen bestimmten Hirnvorgang setze^ der in den beobachtbaren Fällen mit Bewußtsein verknüpft ist, setze ich dann nicht auch in den Fällen das Bewußtsein mit, wo ich e& nicht feststellen kann?

Wir brauchen also keine übertriebene Angst davor zu haben^ auch bei der Beschreibung von tierischem Verhalten Deskriptions- Begriffe zu verwenden. Das soll aber keine Verteidigung des Anthropomorphismus sein, wie er in der alten Tier-Psychologie üblich war, die mehr aus schönen Anekdoten als aus wissenschaftlichen Tatsachen bestand. Den Kampf hiergegen aufgenommen zu haben^ bleibt ein Verdienst der Amerikaner. Aber sie sind zu weit ge- gangen, sie wollten zu „objektiv" sein, und haben sich dadurch ihr bestes Material selbst genommen. Die gleichen Gesichtspunkte wie für" die Tier-Psychologie gelten natürlich auch für die Psychologie der Kindheit. Das Problem: ist Bewußtsein überhaupt vorhanden oder nicht, spielt hier natürlich eine noch viel weniger wichtige Rolle, es kann überhaupt nur für die ersten Lebens-Tage gestellt werden. Zudem haben wir hier ein Hilbmittel, das uns in gewissen Fällen die Entscheidung erleichtert.

Um dies zu verstehen, muß ein kurzer Blick auf die Tatsachen der Anatomie und Physiologie des Zentral-Nervensystems geworfen we|den. Das gesamte Verhalten der höheren Tiere wird von ihrem Nerven-System geleitet. Ein, oder mehrere. Zentral- Apparate nehmen alle nervösen Bahnen auf, die die Rezeption vermitteln, d. h. die Google ^5 Problemstellung • Methodik von den Vorgäogen der Umwelt oder in den Organen des Körpers angegriffen, gereizt werden, und sie senden alle nervösen Bahnen aus, die sämtliche Bewegungen hervorrufen. Die ersten nennt man isensible oder sensorische, auch rezeptorische Nerven. Ihre Be- rührung mit der Außenwelt geschieht entweder in besonders aus- gebildeten Organen, den Sinnes-Organen, oder dadurch, da£ sie in der Haut frei endigen. Die zweiten nennt man motorische Nerven, sie enden in Muskeln oder Drüsen und beherrschen so die eigent- lichen Körper-Bewegungen, wie die Sekretion. Von den 2ientral- Apparaten soll uns hier nur das Zentral-Nervensystem beschäftigen, auf das „autonome System^, dessen große Bedeutung in der letzten Zeit immer deutlicher zutage tritt, können wir nicht eingehen. Am Zentrahiervensystem nun können wir, nach Edinger**), zwei ver- schiedene Teile unterscheiden: der eine ist bei allen Wirbeltieren im Prinzip ganz gleichartig vorhanden^'), er erfüllt bereits die oben den Zentralapparaten zuerkannte Au%abe: alle sensiblen Nerven in sich aufzunehmen, alle motorischen zu entsenden. Man unterscheidet an diesem Apparat den länglichen Strang des Bückenmarks (Medulla spinalis), seine Fortsetzung, das verlängerte Mark (Medulla oblongata) und eine Reihe von Hirnteilen, wir nennen nur das Kleinhirn, Mittelhim, Zwischenhim, Biechlappen. Dies Organ bezeichnet Edinger als Urhirn (Palaeencephalon). Zu diesem Ur- Apparat tritt in der Entwicklungs-Reihe von den Haien aufwärts ein neuer Apparat, der Träger der Hirnrinde, der immer mehr an Gröfie zu- nimmt, und schließlich, beim Menschen, den ganzen Ur- Apparat bedeckt (vgl. die Fig. la— d). Edinger nennt ihn Neuhirn (Neencephalon). Das Neuhirn steht in engster Verbindung mit dem Urhirn, es führen rezeptorische Bahnen vom Urhirn zur Rinde und motorische Bahnen wieder aus der Rinde in das Urhirn. Auf diese Weise kann der neue und viel leistungsfähigere Apparat das Urhirn und damit das Verhalten des Lebewesens beeinflussen.

Wir kommen auf diese Dinge später zurück. Hier interessiert nur noch eine Tatsache: Beim Menschen, einem Lebewesen, das, wie wir noch sehen werden, viel mehr als jedes Tier auf seinen Ifeuhirn- Apparat angewiesen ist, scheint es so zu liegen, da^ die Teile seines Verhaltens, die allein vom Urhirn, ohne jede Beteiligung des Neuhims geleitet werden, ohne Bewußtsein verlaufen, ihnen entsprechen keine Erlebnisse, der Mensch weiß meistens von ihnen ebensowenig wie von den Vorgängen auf dem Mond. Eine Zufalls- beobachtung Edingers gibt ein krasses Beispiel: „Ich sah eine Frau, deren Rückenmark durck Wirbelcaries total abgeklemmt war, ge- bären lind dabei alle charakteristischen Bewegungen und Stellungen Google HaJ fOfJmaem} (Figur la— d. Aus: Edioger, Figur 29. ürhirn grau, Neuhirn schwarz.)

Google Sinteilung der psychologischen Methoden U einnehmeD, ohne daß sie von dem sonst so schmerzhaften Vorgänge das geringste empfunden hätte. Ja, es wurde nur ganz zufällig der Oeburtsakt entdeckt^ welcher bereits begonnen hatte, als man an dem Bett zu hantieren hatte. Diese Patientin hat mich wiederholt versichert, da& ihr von diesem ganzen palaeencephalen Vorgänge absolut nichts bekannt wurde"").

Könnte man das gleiche auch für den Säugling annehmen» so lieie sich sagen: gibt es eine Zeit» in der der Säugling sich rein palaeencephal verhält, so ist in dieser Zeit sein Verhalten nicht von Erlebnissen begleitet. Bei der Untersuchung des Neugeborenen werden wir dies Problem wieder aufnehmen.

7. Einteilung der psychologischen Methoden« Wir haben oben gezeigt, dai die Psychologie zwei Arten von Begriffen verwendet und entsprechend außer der naturwissenschaft- lichen Beobachtungs-Methode noch die ihr eigentümliche der Erleb- nis-Wahrnehmung besitzt. Über beide, besonders über ihre An- wendung in der Kinder-Psychologie, werden wir gleich noch einiges zu sagen haben, vorher müssen wir aber darauf hinweisen, und dabei gleichfalls an frühere Ausführungen anknüpfen, dai in der Psycho- logie nicht etwa beide Verfahrungs- Weisen einfach nebeneinander herlaufen, sondern da6 sie aufis innigste miteinander verknüpft werden. Gerade die in der gewöhnlichen, experimentellen Psycho- logie wichtigste Methode besteht in der Kombination von natur- wissenschaftlicher und Erlebnis- Wahrnehmung. So kommen wir zu einer Dreiteilung der psychologischen Methodik: 1. die rein natur- wissenschaftliche Methode, 2. die kombiniert naturwissenschaftlich- psychologische Methode, wir nennen sie die psychophysische Methode, 3. die rein psychologische, deskriptive, nur auf der Erleb- nis-Wahrnehmung aufgebaute Methode.

1. Die naturwissenschaftliche Methode besteht darin, da6 man das Individuum in bestimmten Situationen beobachtet. Sie lä&t sich leicht zum Experiment ausbauen, indem man den Zustand des Lebe- wesens kontrolliert, z. B. durch Nahrungs-Entziehung, und die Situation, in der man es beobachten will, vorher festlegt. Häufig führt solch ein Experiment zur Messung, z. B. bei der Untersuchung der Ermüdung, wo man die in einer Zeit-Einheit geleistete Arbeit fortlaufend quantitativ bestimmen kann. Oder man miit die Zeit, die das Lebewesen zur Lüsung einer Aulgabe braucht. Bllhler hat iür solche Experimente den zweckmä^gen Namen: „Leistungs- Experimente^ vorgeschlagen.

2 Die psychophysische Methode unterscheidet sich von der ersten Koffka, Klnderpsycliologie. ^ l8 ProblemstelluBg • Methodik.

nur dadurch, daß sie auch die „deskriptive'' Seite des Verhaltens in ihr Material mit einbezieht, da& sie also nicht nur die Wahrnehmungen des Beobachters» sondern auch die des Beobachteten verwendet. Auch sie wird meist in der Form des Experiments verwendet. Die Situation wird vom Beobachter festgelegt, nach Möglichkeit meßbar gemacht, dann das Verhalten studiert, die Situation planmäßig ver- ändert und die Veränderung des Verhaltens untersucht, wobei jetzt als Verhalten nicht nur das äußerlich Beobachtbare, die Leistung, zu gelten hat, sondern auch die von der Vp. angegebenen Erlebnisse. Das Ziel dieser Methode kann ein sehr verschiedenes sein, so kann es vorwiegend für deskriptive oder für funktionale Gesichtspunkte verwendet werden. Geben wir für beide Fälle ein Beispiel.

a) Betonung der deskriptiven Seite: die Untersuchung der aku- stischen Wahrnehmungen. Ich will wissen, v^as für akustische Erleb* nisse auftreten, wenn ich ein Individuum den verschiedenartigsten Schallvorgängen aussetze. Was ich als Experimentator hier variiere, das sind lediglich diese Schallvorgänge, sie sind das Relevante an der Situation, die sich in solchen Fällen außerordentlich vereinfacht. Man nennt in solchen Fällen das vom Experimentator variierte Ele- ment der Situation, das zu den Erlebnissen der Vp. in Beziehung steht, den Beiz. Der Experimentator wird also in systematischer Weise den Reiz variieren, er wird es einrichten, daß einfache Schall- wellen verschiedener Schwingungs-Zahl und Stärke alif die Vp. ein- wirken, er wird die einfachen durch zusammengesetztere Wellen er- setzen, kurz alle die Variationen ausführen, die zur Lösung seine» Problems nötig sind (NB. schon hier sei betont, daß in psychologischen Versuchen eine Bestimmung der Methode ganz ohne leitende deskrip- tive Gesichtspunkte fast m'e fruchtbar wird, darum ist auch diese imsere Beschreibung so vage, wenn auch für unsern augenblicklichen Zweck ausreichend). Die Vp. hat die Schall-Erlebnisse zu beschreiben, die sie bei den Einwirkungen der verschiedenen Reize vorfindet, und bei dieser Beschreibung im allgemeinen gleich eine gewisse Leistung: auszuführen, sie hat etwa zu beurteilen, ob zwei Töne gleich oder ver-^ schieden sind, in welcher Hinsicht und in welcher Richtimg sie sich unterscheiden u. dgl. m. Hier liegt eine wirkliche Leistung, also^ etwas nach unsern Darlegungen naturwissenschaftlich feststellbares vor. Und in der Tat, für die Feststellung dieser Art von Leistung brauchen wir die Aussagen der Vp. nicht, wir könnten sie durch andere Reaktionen ersetzen, so wie wir es ja im Tierversuch machen müssen. Wir werden etwa versuchen, das Individuum darauf zu dressieren, eine bestimmte Handlung dann auszuführen, wenn von zwei Tönen der mit der größeren Schwingungszahl ertönt. Gelingt