Hier sehen wir, warum die Entwicklung so langsam gehen muß. Die Gegenwart in den Zusammenhang von Vergangenheit und Zu- kunft hineinzustelleü, das liegt dem Kind gar nicht, wie auch Stern Google ^g Das Emd in seiner Welt betont"*). Und wenn einnial der Anfimg gemadit ist^ dann wirri nicht gleich der gesamte Welt^ und Lebens-Znsanunenhang erfaßt, sondern es Irilden sich eak kleinere^ b^;renztere ZnsanunoihAnge ans, die wie wir gleich sehen werden, relativ unabhängig vonein- ander existieren können.
Denn non wenden wir uns wieder zu dem Problem suröck, von dem wir ausgegangen waren, der Frage nach dem Wesen des kindlichen Spiels: Mir scheint, wir werden das Spiel psychologisch am besten verstehen, wenn wir die Handlungen des Kindes unter dem Gresichtspunkt betrachten, in was für größeren Geschehens- Strukturen sie fOr das Kind stehen. Dann eigibt sich ein Anfangs- Zustand, in dem dais Kind überhaupt noch keine größeren zeitlichen Strukturen bilden kann, die über die gerade ausgeführten Handlungen hinausgehen. Hier wären also alle einzelnen Handlungs-Komplexe unabhängig von einander, einander gleich geordnet und gleichwertig. Vom Kind aus gesehen gäbe es in diesem Stadium überhaupt noch kein Spiel, ebenso wenig wie es etwas anderes als Spiel gibt; gleich- wohl können vom Erwachsenen aus gesehen die kindlichen Hand- lungen schon als Spiele zu charakterisieren sein, wenn man das Spiel mit Groos als eine Tätigkeit definiert, die rein um ihrer ^jielbst willen genossen wird.
Allmählich bildet das Kind nun aber zeitliche Strukturen aus und jetzt ist charakteristisch, daß die verschiedenen zeitlichen Strukturen nebeneinander bestehen bleiben, ohne sich stark zu be- einflussen. Als zwei solche Struktur-Systeme entstehen zuerst, so möchte ich meinen, die Handlungen, Vorgänge, Dinge, die etwas mit dem Erwachsenen zu tun haben und daneben diejenigen, die unabhängig vom Erwachsenen sind. Es sondert sich, langsam, zuerst natürlich ganz unscharf und unklar, für das Kind die Welt des Er- wachsenen von seiner eigenen Kinderwelt. Die Welt des Erwachsenen macht sich allmäblich durch unliebsame Konsequenzen der Handlungen fühlbar, in dieser Welt ist das Kind nicht frei, es trifft auf Zwang, auf Widerstände, die in seiner eigenen Welt fehlen. In der Er- wachsenen Welt wird auch der Anlaß liegen, neue Scheidungen zu machen wie die von lebendig und nicht-lebendig. In der kindhchen Welt liegt dazu kein Anlaß vor, so lange der Zusammenhang zwischen den beiden Welten noch locker ist. Befindet sich das Kind in seiner Welt, so wird also diese kategoriale Scheidung noch vollkommen in seinem äußeren und inneren Verhalten fehlen, das Kind wird mit unbelebten Dingen nicht anders verfahren als mit belebten.
Aber wir müssen noch weitergehen. Die relative Unabhängig- keit der verschiedenen Strukturen von einander bezieht sich nicht Google Kinder- Welt und Erwachsenen- Welt 249 nur auf die beiden großen Gruppen: Kindes- und Erwachsenen- Welt, sondern gut auch wieder für die einzehien Zusanunenhänge in jeder yon ihnen. Während nun aber die Ilrwachsenen-Welt durch das gleiche Prinzip, durch das sie sich von der kindlichen schied, auch bald dahin drängen wirdy daß sie als Ganzes erfaßt wird, daß also hier die Unabhängigkeit der einzelnen Handlungen voneinander mehr und mehr verschwindet, wird dies in der kindlichen Welt anders sein. Hier kann das Kind heute Eohlenträger, morgen Soldat sein, ja es mag das Stück Holz eben verhätscheln, und gleich darauf ins Feuer halten, die verschiedenen Handlungen kollidieren nicht miteinander, weil sie in gar keinem Zusammenhang stehen, gerade so wie unsere Spiele ohne Zusammenhang miteinander sind. Der Treff-Bube, der eben, als ich Skat spielte, eine ungeheuer wichtige Karte war, „der älteste Junge", ist eine relativ gleichgültige Karte jetzt, wo ich Sechsundsechzig spiele. Freilich bei uns richtet sich das nach festen, für jedes Spiel besonders geltenden Regeln, während das Kind an solche von außen stanunende Regeln bei seinen Spielen nicht gebunden ist, aber die Zusammenhangslosigkeit ist die gleiche. Bei uns besteht nur ein fester Zusammenhang dadurch, daß unser Nieht-Spiel-Leben weit dominiert, beim Kind muß diese Herrschaft sich erst allmählich durchsetzen, ursprünglich ist sie nicht vorhanden.
Und endlich auch die Illusion, die sich darin kundgibt, daß ein Kind überhaupt mit einem bloßen Stück Holz spielt wie mit einer Puppe, läßt sich aus unserem Prinzip erklären. Es gilt überhaupt ganz allgemein, daß keineswegs die „Illusion^' um so größer, je naturgetreuer das Spielzeug. Lieblings-Puppen sind meist nicht die kostbarsten Erzeugnisse der Spielwaren-Industrie, sondern ganz ein- fache, rohe, oft schon mehr oder weniger beschädigte Exemplare. \ Verwunderlich kann das nur erscheinen, wenn man die Kinder- Welt mit der des Erwachsenen identifiziert, weim man jedes Ding an dem Platz sieht, den es im allgemeinen, allumfassenden Lebens- Zusammenhang einnimmt. Dann liegt es nahe, so zu schließen: eine Puppe ist von einem lebenden Kind so sehr verschieden, daß man möglichst viele Ähnlichkeiten herstellen muß, damit sie doch noch als lebendes Wesen wirke. Man gibt den Puppen einen Mechanismus, durch den sie die Augen schließen, wenn man sie hinlegt, einen andern, durch den sie Laute von sich geben, man macht sie äußerlich schön, gibt ihnen echtes oder dem echten täuschend ähnUches Haar, zieht ihnen richtige Kleider an usw. Aber für das Kind ist die Puppe gar nicht ein Teil der Erwachsenen- Welt — oder doch allenfolls nur dann, wenn die Puppe zur Strafe oder zur Schonung dem Kind fort- Google genommen und in einen Schrank geschlossen wird — sie steht gar nicht in dem festen Gefüge drin, die ganze Voraussetzung ist daher falsch. Es genügt, daß ein Ding da ist zur Erfüllung eines gerade vorhandenen Wunsches, und dieses Ding hat schon all die Eigen- schaften, die es braucht, um den Wunsch erfüllen zu können. Das Stück Holz läJ&t sich liebkosen, also ist es im Augenblick der ge- liebte und verhätschelte Pflegling, und dag es die andern Eigen- schaften nicht hat, die sonst kleine verhätschelte Kinder haben, das kommt gar nicht in Betracht, weil das Bedürfnis nach Über- einstimmung mit der übrigen Erfahrung gar nicht besteht. Es gibt eben noch nicht die eine große Welt für das Kind.
Auch hierfür gibt es ethnologische Analogien. Auch primitive Völker kennen nicht den einen und für alle verbindlichen Welt- Zusammenhang. Was für den weißen Mann richtig ist, kann für sie ganz falsch sein. Wenn ein weißer Mann einen unverwundbaren Fetisch- Vogel schießt, so bedeutet das nichts gegen die Unverwund- barkeit des Tieres, sondern nur, daß für den weißen Mann andere Zauber gelten. Und nicht nur fehlt dieser Welt-Ansicht unser Kriterium, nachdem wir Realität nur solchen Dingen und Vorgängen zusprechen, die allen wahrnehmbar gemacht werden können, im Gegenteil haben solche Dinge, die nur die Auserwählten, die Medizin- Männer, schauen können, eine besonders hohe und wichtige Realität. Und endlich, wir haben schon darauf hingewiesen und werden es jetzt mit Beispielen "belegen, sind die Eigenschaften, die ihnen in der Welt wichtig sind, ganz andere als die für uns wichtigen. Das zeigt sich, und damit kommen wir auf ein Gebiet, das mindestens äußerlich den zuletzt besprochenen Eigentümlichkeiten der Kinder- Welt sehr ähnlich ist, an ihren Zeichnungen und deren Beziehung zur Wirklichkeit. In Zentral- Australien machten Spencer und Gillen die folgende Beobachtung: von gewissen Zeichnungen be- haupten die Eingeborenen, daß sie absolut gar nichts bedeuten, nur aus Spiel gemacht sind, genau die gleichen Zeichnungen aber haben eine sehr bestimmte Bedeutung, wenn sie sich auf einem Ding auf geweihtem Boden befinden. Die Erklärung dieses Sachverhaltes und des Wunderbaren, Unverständlichen, das er für uns hat, liegt darin, daß für uns die maßgebende Beziehung zwischen Abbild und Wirklichkeit die der Ähnlichkeit ist, für den Primitiven dagegen die gemeinsame Anteilnahme an den gleichen mystischen Kräften. „Daher ist eine Zeichnung auf einem heiligen Gegenstand . mehr als ein Bild; sie nimmt teil an dessen Heiligkeit und an seiner Kraft. Dieselbe Zeichnung wo anders, auf einem nicht heiligen Gegenstand, ist weniger als ein Bild. Da sie keine mystische Be- Google Kinder- Welt und Erwachsenen- Welt 251 deutung bat^ hat sie überhaupt keine." Solche Zeichnungen zu deuten ist uns daher auch gänzlich unmöglich. Parkinson be- richtet darüber aus der Süd-See, daß Figuren, die man für Schlangen gehalten hatte, ein Schwein darstellen, eine andere, die allenfalls als Gesicht gelten konnte, aber eine Keule. Und dabei sind die Eingeborenen buchst erstaunt, wenn man sie nach der Bedeutung dieser Zeichnungen fragt. Sie können sich gar nicht vorstellen, daß nicht jedermann sofort die Bedeutung dieser Ornamente versteht"*).
J^ ist denmach nichts Unerhörtes, daß ein Ding erst ^ in dem Zusammenhang, in dem es steht, sein Wesen, seine Bedeutung er- hält. Ein Stück Holz kann also sehr wohl einmal ein belangloses Ding, und ein andermal eine liebe Puppe sein, solange eben nicht ein großer Zusammenhang alles umschließt.
Wenn man also sagt, beim Spiel verfalle das Kind keiner echten Illusion, so heißt das nach unserer Auffassung: das Kind behandelt das betr. Ding in dieser illusionsartig^n Weise nur, solange es sich in seiner Kinder- Welt befindet, es kann aber auch aus dieser in die andere, die Erwachsenen- Welt hinübergleiten und wird es dann anders behandeln. Man kann aber nicht sagen, daß das Kind, während es in sein Spiel versunken ist, irgend etwas von jener andern Struktur gegenwärtig haben muß. So betont auch Groos, daß „bei einem völligen Hingegebensein an die Illusion von einem bewiißten Durchschauen des Scheins nicht geredet werden kann« •").
Das, was nun fOr das Kind charakteristisch ist, das ist seine kindliche Welt, sie ist ihm wichtiger und lieber als die andere. Lange Zeit hindurch macht das Kind sicher nicht geringere Fort- schritte, wenn es sich in seiner kindlichen Welt befindet, als wenn es unter dem Einfluß der Erwachsenen steht. Auch wenn dem Kind der Unterschied zwischen den verschiedenen Welten schon aufgegangen ist, wenn es schon selbst von spielen spricht, dann ist diese Spiel- Welt die viel lebendigere. Bezeichnend Jhierfür ist eine reizende von Sully berichtete Anekdote: „Eines Tages sagten zwei Schwestern zueinander: »Wollen wir Schwestern spielen«"'"). Die Struktur „Schwestern" stammt aus der Erwachsenen- Welt, oder gehört wenigstens auf dieser Entwicklungsstufe schon dahin. Sie soll nun in die Kind- Welt übernommen werden, dadurch erst ihre volle Lebendigkeit erhalten.
Daß auch gelegentlich Leistungen, die das Kind mit dem Er- wachsenen in Verbindung bringen und besonders für den Ausbau dieser seiner Welt wichtig werden, ursprünglich ganz in die Sphäre der Kinder- Welt hinübergenonunen werden, dafür ist ein gutes Bei- Google spiel der Sohn Stumpfs, der ja jahrelang seine eigene Sprache sprach und davon durch kein Zureden abgebracht werden konnte. ,,Wenn wir ihn belehrten: »Es heißt doch Schnee«, »es hei&t doch Milch«, so war die Antwort: »ich kjob*, »ich pruUich^** (seine Aus- drücke dafflr).
Auch den plötzlichen Obergang zur richtigen Sprache haben wir schon erwähnt« Stumpf erklärt ihn folgendermaßen:,yDas psycho- logische Motiv indessen wird wohl einfach gewesen sein: er war des Spieles satt geworden. Auch mochte er die Abweichung seiner Sprache von der gewöhnlichen und ihre Unvollkommenheiten zuletzt doch als störend und beschämend empfunden haben.*' Das wird vollkommen richtig sein. Die Erwachsenen- Welt ist so mächtig geworden, daß das Kind jetzt den Ehrgeiz hat, in sie hineinzukommen und nicht mehr, wie bisher, nach Möglichkeit in seiner eigenen Welt zu bleiben. Im Gegenteil, diese eigene Kinder- Welt erhält jetzt einen etwas verächtlichen Charakter, das Kind schämt sich seiner Sprache. Für diese Umwandlung iGnde ich einen Vorboten in einer anderen Veränderung seiner Sprache. Lange Zeit nennt das Kind seinen Bruder Rudi olol und sich selbst jo6. Aber es kommt eine Zeit, noch während er im übrigen seine eigene Sprache spricht, wo er diese Namen ablehnt und nur noch die von den Er- wachsenen gebrauchten hOren und sagen will. „Job weg, Uki da^^ (Liki der Name, den ihm die Erwachsenen gaben, Abkürzung von Felix); ffOlol Job ä — rudi liki haja^^ d. h. Olol und Job sind schlechte (Namen), Rudi und Liki schOne**^). Hier zeigt sich also schon ein Eindringen der andern Welt in die seine. Stumpf schildert das wieder sehr treffend: der alte Name joh schien ihm nicht mehr würdig. Die Kind- Welt mu6 langsam der anderen weichen, und der Fall von Stumpf gibt uns einen guten Einblick in diesen Prozeß.
Es gibt nun ein Gebiet, das die Kinder von den Erwachsenen lernen, das ihrer kindlichen Welt innerlich sehr nahe steht, ich meine das Religiöse. Das ist für das Kind etwas ungeheuer Ernstes, vielleicht sogar eigentlich „Heiliges*^, und doch, oder besser wohl gerade darum, wird es vollkommen in die Kinder- Welt einbezogen» das Kind spielt, nach der Auffassung der Erwachsenen, mit religiösen Dingen. Das Christ-Kind, die Weihnachts-Krippe mit all ihren Menschen-, Engel- und Tier-Figuren, das sind so recht ReaUtätent wie sie der kindlichen Welt entsprechen, Dinge, für die die ge- wöhnlichen Gesetze der Erwachsenen- Welt gerade so wenig gelten wie für die sonstigen Spiel Sachen.
Solche religiösen Spiele hat Frau Else Roloff an ihren Kindern (2 Mädchen) genau beobachtet imd dargestellt'*'^).
Google Religiöse Spiele 255 Einen besonderen Platz nehmen dabei die Spiele ein, die sich um das Weibnäehtsfest schliefen« „Vor dem Fegt ist Eva >»das Cbristkmd«, sie fliegt durchs Zimmer mit ausgebreiteten Armen, um allen Kindern Geschenke zu bringen...Die Kleine beansprucht auch ein Amt und wird zum »Engeleinchor« erhoben, darf mit- fliegen und singen. Nach Weihnachten werden die heiligen Persönlich- keiten in Bauklötzen dargestellt...Im Himmel, einem bühnen- artigen ÄufbaUf zu dem eine Treppe fOhrt, stehen der liebe Gott^ der Herr Jesus, der Herr Gast und das Christkind...Merk- würdig ist...das Verhältnis zwisdien Christkind^ Heiland, Herrn Je^us und TtHerrn Gast«. Die Kinder wissen sehr wohl, daß das ChriBtkind Jesus heißt, da& es zum Heiland heranwächst; aber sie versichern, daß ihr Christkind immer klein bleibt Ebensogut wissen sie, daß wir Jesus mittags im Gebet zu Gast bitten; das hindert sie alles aber gar nicht, in ihren Spielen alle diese Namen als gesonderte Persönlichkeiten erscheinen zu lassen. ** Diese letzte Beobachtung ist ganz besonders interessant. Sie zeigt uns eine Eigentümlichkeit kindlichen Denkens, die weit über das religiöse Gebiet h'oausreiehen dürfte und nur hier so deutUch zu Tage tritt. weil der Stoff dazu besonders geeignet ist. Es hängt das wieder mit der Eigenschaft zusammen, die uns für so viele Züge des kind- lichen Tcrbaltens den Schlüssel geliefert hat, ich meine die relative Unabhängigkeit verschiedener Strukturen von einander. Obwohl J^sus, Heiland, Christkind, Gast auch in die Struktur einer einzigen Persönlichkeit eingehen können — ob freilich eine Struktur, die alle diese £^zel<Eigenschaften gleichzeitig besitzt, denn Namen sind ja Eagenscbaffcen, in dieser Zeit wirklich erlebt wird, ist zweifelhaft —, trotzdem können die Unter-Strukturen der Haupt- Struktur vollkommen verselbständigt werden und, ohne sich im geringsten zu stören, nebeneinander existieren, und zwar in der gleichen Form der Existenz, wie sie der Gesamt-Struktur eignet. Für uns bedeudet solches Verfahren einen logischen Widerspruch, während ein solcher, wie Frau Roloff hervorhebt, für die Kinder absolut nicht da Ist. Sie weist mit Recht auf Analogien aus der Tölker-Psychologie hin. Auch für das Denken primitiver Kulturen gibt es unsern WiderspruchsBegriff nicht. Ein Ding kann gleich- zeitig zwei Gestalten haben und an verschiedenen Orten sein. Daß es dasselbe ist, trotz diesen für uns unvereinbaren Bestimmungen, liegt daran, daß die Gesamt-Struktur, in der die Identität beschlossen ifit> ganz anders gebildet ist als die unseren. Die Bildung unserer GesamtrStrukturen und Teil-Strukturen wird vom Prinzip der Widerspruchslosigkeit beherrscht, andere Kulturen und, wie wir nun sehen.
Google 2^^ Das Kind in seiner Wdt auch unsere Kinder operieren anders, das Widerspruchs-Prinzip ist fOr sie irrelevant, wichtig sind Dinge wie Lebendigkeit, wirkende Kraft, mystische Eigenschaft. So kann es gar nicht stören, dai 3 Gk^enstände, die eben noch Namen und Eigenschaften einer einzigen Persönlichkeit waren, nun drei verschiedene delbst&ndige Wesen sind.
Die Entwicklung, um auch darüber noch einige wenige Worte zu sagen, geht nun so vor sich, dai die Struktur der Erwachsenen- Welt immer größeren Umfang annimmt, so daß eine völlige Unab- hängigkeit der verschiedenen Welten voneinander nicht mehr möglich ist Die Schule wird als besonders wichtiger Faktor in diesem Sinn wirken. Jetzt gibt es arbeiten und spielen. Was früher eine Welt gleichen Ranges war, wird allmählich bloßes Spiel. Schon vorher wird gelegentlich die wirkliche Welt in die Kind- Welt hineinragen, es wird dem Kind auch beim Spiel hin und wieder zum Bewußtsein kommen, daß es neben dieser Spiel- Welt auch noch eine andere gibt, in der dies alles gar nicht so ernst ist. Es mag das in dieser Epoche den Reiz des Spieles sogar erhöhen, indem es die Verantwortlichkeit nimmt; „man denke z. B. an das Lachen ringen- der Knaben, das man manchmal als eine direkte Ausdruckshewegung auffassen kann, die dem Gegner andeutet, daß es sich trotz der Heftigkeit des Kampfes nur um ein Spiel handelt*^, so beschreibt Groos dies Verhalten'").
Aber immer bleibt doch das Spiel eine relativ abgeschlossene der übrigen Welt ferne Sphäre, und noch lange behält die Illusion^ im früher erläuterten Sinne, ihre Macht Und was ein Kind als Arbeit nur höchst ungern tun würde, das tut es mit brennendem Eifer als Spiel.
Aber auch das Umgekehrte kann eintreten. Das Spiel kann von sich aus dahin führen, daß es mit dem übrigen Leben in Zusammen- hang tritt Und dann ist es mit dem Spiel-Charakter meist vorbei. So mag jemand einfach in Spiel-Laune sich an einem Glücks-Spiel beteiligen, plötzlich merkt er, daß er sich durch den Gang ^ea Spieles so weit engagiert hat, daß jetzt ein Verlust wirklich, unangenehm für ihn sein würde. Dann ist es mit seiner Spiel- Laune vorbei, der Fort- gang des Spiels ist für ihn eine ernste Entscheidung des Schicksals.
Das Beispiel war nicht mehr aus dem Leben des Kindes, sondern aus dem des Erwachsenen gewählt, und ich glaube in der Tat, daß auch für unsere Spiele noch das Haupt-Merkmal ist, daß sie einer „Neben- Welt" angehören, daß wir im Spiel aus dem gewöhnlichen Zusammenhang herauskommen (Berufis- Spieler sind keine Spieler mehr), aber das gehört nicht mehr hierher.
Google Spiel-Theorien 255 Die EntwickluDg» wie wir sie hier skizziert haben^ ist charak- teristisch für unsere Kinder. Nun gibt es Spiele auch auf ganz anderen Eultur-StuTen und auch Tiere spielen. Hier kann man aber unsere Theorie nicht direkt übertragen, weil xiie Scheidung der zwei Welten, die für uns im Mittelpunkt stand, hier nicht oder doch nicht ebenso auftritt. Eine Untersuchung, wie es sich psychologisch be- trachtet mit diesen Spielen verhält, gehört nicht mehr zu unserer Aufgabe. Dagegen können wir zur Ergänzung noch einige Worte über die biologische Bedeutung des Spiels sagen und da an schon Erörtertes anknüpfen. Wir sagten: das Kind erwirbt in seiner Kind- Welt nicht die wenigsten und unwichtigsten seiner Leistungen. Wenn es in dieser Welt lebt, dann tut es das, was wir auch objektiv, nach der oben gegebenen Definition (s. 8. 248), als spielen bezeichnen können. Groos hat nun mit großem Nachdruck die Anschauung vertreten, daß diese kindlichen Spiele einen ungeheueren biologischen Wert für das Kind dadurch haben, daß sie es für den Ernst vorbereiten. „Diesen Wert erblicke ich nun in dem indirekten Nutzen, der ihnen als Einübungen und Vorübungen nicht nur physisch, sondern auch psychisch zugeschrieben werden muß" ••^).
Wir sahen im zweiten Kapitel (S. 29), daß die Kindheit die Periode des Lernens ist, daß ein Wesen eine um so längere Kind- heit hat, je mehr es lernen muß. Diesem Gedanken ordnet sich die Groos'sche Theorie vollkommen ein. Und wenn gerade das Spiel dem Lernen dient, so darf man nicht mehr sagen, die Tiere spielen, weil sie jung und fröhlich sind, sondern es muß heißen: die Tiere haben eine Jugendzeit, damit sie spielen können (Groos). Groos hat diese Theorie in seinen beiden trefflichen Spiel-Büchern durch ein sehr großes Material belegt, und der Gedanke dieser Theorie ist auch allseitig anerkannt worden.
Ich möchte aber von einer Überschätzung dieser Theorie warnen. Nicht nur muß man sich davor hüten, aus ihr die falsche pädagogische Nutzanwendung zu ziehen, in die Spiele des Kindes künstlich ihnen fremde Lehr-Z wecke einzuschmuggeln — darauf weist schon Bühler am Schluß seines großen Buches hin —, sondern man soll sich den Spielen der Kinder und Tiere gegenüber auch theoretisch völlige Unbe- fangenheit bewahren, diese intensiven Lebens-Äußerungen als solche, ohne Hinblick auf irgend welche Zwecke, betrachten. Spiel ist eine Ver- haltens- Weiseneben andern. Gewiß besteht einZusammenhang zwischen allem Verhalten, aber es ist einseitig und hat zu manchen Irrtümern ge- führt, daß man alle Tatsachen unter den Gesichtspunkt des Praktisch- Nützlichen stellte. Letzten Endes erweist sich auch hierin die utili- taristisch- intellektualistische Einstellung der letzten fünfzig Jahre.
Google Man bat auch gefragt, welches im einzelnen Fall die auslösen- den Ursachen sind» die das Lebewesen zum Spielen veranlassen; jede Erklftrung aus dem bloßen Zweck ist ja eigentlich keine Er- klärung, sondern nur die Anweisung der Biöhtung, in der man die Erklftrung zu suchen hat Das Kind wei£ ja nichts von dem Zweck, den sein Spielen ihm erfüllt. Auch für die Verursachung der Spiele hat man Theorien aufgestellt, von denen die berühmteste die Schill er- Spencer'sche „Kraftüberschui'^-Theorie ist, daneben hat auch die „Erholungs^-Theorie von Lazarus eine Rolle gespielt. Aus den Namen dieser Theorien wird man ihren Haupt-Inhalt leidit entnehmen können, eine ausführliche Diskussion findet man bei Groos"«)- Groos"«)- Einen neuen Gesichtspunkt bringt Bühler. Er verweist darauf, dafi die Tätigkeit selbst, abgesehen von jedem Erfolg, Lust bringt. Ich möchte noch hinzusetzen: eine erfolgroiche Tätigkeit, eine Tätigkeit, die so gelingt, wie ich sie will, die das leistet, was sie soll, bringt Lust, ganz abgesehen davon, daß das erreichte Ziel selbst lustvoll ist oder nicht. Auch dafür haben wir schon Beispiele ge- troffen, ich erinnere an Sultan beim Doppelstock-Yersuch. Diese „Funktions-Lust" betrachtet Bühler als Motor der selbstlosen Spiel tätigkeit '*^). Ich sehe hierin eine wichtige Anregung, die zu einer Theorie freilich erst ausgebaut werden mu6, denn, der Übergang von der Lust zur Tätigkeit war ja theoretisch keinesweg besonders leicht zu verstehen. Aber ganz gewifi, die Lust an der eigenen Leistung wirkt als Antrieb zu neuen Leistungen.
Eine Einteilung der kindlichen Spiele zu geben, liegt nicht in meiner Absicht. Man findet sie bei Groos, Bühler und Stern.
Ich wollte in das Studium der Kinder-Psychologie einführen, indem ich zeigte, nach welchen Prinzipien sich das Yerhalt^i, die Entwicklung des Kindes begreifen läit. Der Leser möge aber aus diesem Buch nicht den Schluß ziehen, daß nun alle Rätsel gelöst, alle Fragen beantwortet seien. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Das aber ist die Tendenz dieses Buches: einen Weg zu weisen, auf dem die Lösung der Probleme gewonnen werden kann. Nicht als eine Zusammensetzung einzelner Elemente, sondern als eine Ent- stehung und YervoUkominnung von Strukturen erschien uns in diesem Buch das Wesen der psychischen Entwicklung.
Google Anmerkungen Yerzeiclinis der in diesen Anmerkungen häufiger zitierten Schriften, ^Becher, B, Gehirn und Seele. Heidelberg 1911. Zitiert als 08, B ü h 1 e r, K., Geistige Entwicklung (genaues Zitat auf S. 25). Zitiert als GE.
— Abnfi der geistigen Entwicklung (genaues Zitat auf S. 26). Zitiert als AG, Glaparede, B:, Kinde 'Psychologie (genaues Zitat auf S. 85). Compayr6, G., L'6volution (genaues Zitat auf S. 25).
B d i n g e r, L.» Vorlesungen über den Bau der nervösen Zentralorgane der Menschen und der Tiere. I ^ Leipzig 1911. Zitiert als Z. G r o s, K., Seelenleben (genaues Zitat auf S. 25), Zitiert als 8K.
— Die Spiele der Tiere. 2. Aufl. Jena 1907. Zitiert als 8pT, — Die Spiele der Menschen. Jena 1899. Zitiert als 8pM, James, W., The PrincipLes of Psychology. 2 Vols. (1890.) New- York 1905. Kafka, G., Einführung in die Tierpsychologie auf experimenteller und ethologischer Grundlage. I. Die Sinne der Wirbellosen. Leipzig 1914. Köhler» W., Optische Untersuchungen am Schimpansen und am Haushuhn.
Abhdlg. d. K. Preuß. Ak. d.. Wiss. Jhrg. 1915, Phys. math. KL Nr. 8.
Zitiert« als 017 nach der Einzelausgabe.
— Intelligenzprüfungen an Anthropoiden I, ebda. Jhg. 1917^ Nr. 1. Zitiert als 1 nach der^ Einzelausgabe.
— Nachweis einfacher Strukturfunktionen beim Schimpansen und beim Haushuhn. Über eine neue Methode zur Untersuchung des bunten Farben- systems. Ebda. Jhg 1918» Nr. 2. Zitiert als /S^i^ nach der Einzelausgabe.
-i' Die physischen Gestalten in Ruhe und im stationären Zustand. Eine natur- philosophische Untersuchung, ßraunschweig 1920. Zitiert als FhG.
L^yy-Bruhl, L., Les Fonctlons Mentales dans les Societ^s Inferieures.
Moore, K. C, The Mental Development of a Child. Psych. Rev. Mon. Sup.
Morgan, G. Lloyd, Instinkt und Gewohnheit. Übersetzt von M. Semon. Leipzig und Berlin 1909.
Preyer, W., Seele des Kindes (genaues Zitat auf S. 25).
Shinn, M. W., Notes on the Development of a Child. Univ. of Calif,Stud.
Stern, W., Psychologie d. Kindheit (genaues Zitat auf S. 25). Zitiert als FadK.
— Person und Sache, System der phUosophischen Weltanschauung. I. Ableitung und Grundlehre. Leipzig 1906, Zitiert als FS. IL Die mensch- liche Persönlichkeit. Leipzig 1h18. Zitiert als MF. Stern, Gl. u. W., Kindersprache (genaues Zitat auf S. 26). Zitiert als 8p.
— Erinnerung usw. (genaues, Zitat auf S. 26). Zitiert als EA. Stumpf, C, Eigenartige sprachliche Entwicklung eines Kindes. Ztsehr. f.
päd. PsychoL und Pathol. 8, Heft 6, 1901. Zitiert als 8pE nach dem Sonderabdruck. K o f k a, Kinderpsyohologie. 17 Google 258 Anmerkungen Sully, J.| Untersuchungen (genaues Zitat auf S. 26).
'FForndike, B. L., Animal Intelligence. An Experimental Study of the Association Processes in Animals. New- York 1898. Zitiert als Ah — Educational Psychology. I the Original Nature of Man. New-York 1913.
Zitiert als EP. (Der dritte ßand des Werkes war mir nicht zugänglich.) Volkelt, H., Über die Vorstellungen der Tiere. Ein Beitrag zur Bntwicklungspsychologie. Arb. z. Bntwicklungspsychol. hrsg. v. F. Erueger. 1, S. . Leipzig und Berlin 1914. Watson, J. B., Behavior, an Introduction to Ck>mparatiye Psychology.
New-York 1914.
Änmerkaiigeii zum ersten Kapitel.
^) zu S. 2. Das gilt auch für das von W. Stern aufgestellte und in der Kinder-Psychologie vielfach angewendete Konvergensf -Prinzip (vgl. S. 36 f.). Es entstammt viel allgemeineren Überlegungen, wie aus den philo- sophischen Schriften Stem's zu ersehen ist (man vgl. bes. MP S. 9&f.).
*) zu S. 7. Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, daß zwisdien dem Verhalten und dem Erleben sehr innige Zusammenhänge bestehen. Das ist im Gegenteil durchaus unsere Ansicht. Hier handelt es sich lediglich um die methodische Frage der Erkennbarkeit.
*) zu S. 9. Dieser Satz kann hier nicht näher begründet werden. Nach meiner Ansicht schließt er nicht nur die Meßbarkeit sondern, entgegen dem An- schein, auch die (deskriptive) Zählbarkeit der Phänomene im eigentlichen Sinne aus.
») zu S. 10. Das Problem, wie wir etwas vom Bewußtsein unserer Mitmenschen wissen, können wir hier ganz ausschalten. Unser Kriterium war ja die Möglichkeit der Aussage.
•) zu S» 10. Vgl. zum folgenden auch die Ausführungen von G. Kafka, S. 6ff.
^) zu S. 11. Man bedenke aber wieder das in Anm. 9 Gesagte. Den umgekehrten Fall berichtet Rubin: Man kann die Konturen einer Figur verfolgen ohne Augen-Bewegungen zu machen, z. B. am Nachbild. Dabei tritt aber durchweg der Eindruck auf, man führe Augen-Bewegungen aus. Vgl. das in Anm. 103 zitierte Bueh von Rubin S. 146« ■) zu S. 12. Auf eine Kritik des Psychovitalismus, der von dieten Ausführungen weniger getroffen wird als manche Erklärungs- Weisen der üblichen Psychologie, müsseh wir hier verzichten. M. B. sind die Schwierig- keiten, mit denen die physiologische Theorie des Bewußtseins bisher behaftet war, jetzt überwunden, sodaß eine Hauptstütze dieser Lehre gefallen ist.
*) zu S. 18. Gerade so wie wir verwendet auch der den Behaviorists nahe stehende Thorndike das Wort behavior für das gesamte, die phänome- nale Seite mit einschließende Verhalten.
^®) zu S. 18. Im Grunde ist ihre physiologische Theorie nur eine Über- setzung ins Physiologische des von ihnen verworfenen psychologischen Atomis- mus Die physiologische Theorie kann und darf nicht unabhängig sein von der psychologischen Theorie. Diese ist nicht eine Erklärung im oben bekämpften Sinn, sondern eine adäquate Bearbeitung der Tatsachen. So war die Zerlegung des Bewußtseins in Empfindungen eine psychologische Theorie, auch wenn man die einzelnen Empfindungen physiologisch erklärte und ebenso ist ea Google Anmerkungen 250 psychologische Theorie, wenn man den Empfindnngs-Be^ff verwirft und durch einen andern ersetzt, für den dann auch eine andere physiologische Erkiärang geschaffen werden mufi, ^') zu S. 16. Man wird uns einwenden, wir verteidigten jetzt ein Ver-* fahren, das wir oben verworfen haben, den Schluß von funktionalen auf des- kriptive Tatbestande. Darauf ist folgendes zu erwidern: wir bekämpften den Schloß um der falschen Polgerungen willen, die man aus ihm zog. Hier aber wird aus funktionalen Beobachtungen, wenn auch auf dem Umweg über Des* kriptives, wieder auf Funktionales geschlossen, ein funktional nachprüfbarer Schluß. Das deskriptive Zwischen-QIied kann also in keiner Weise schaden» wohl aber bei der Aufstellung der Erklärung von größtem Nutzen sein. Vgl. auch Eöhler*s Ausführungen über das Bewußtsein in der Tier-Psychologie» ^^) zu S. 16., Freilich ist je nach den Lebens-Verhältnissen des Tieres bald der eine, bald der andere Teil stärker entwickelt. Vgl. Bdlnger, Z S. 69.
*^) zu S. 20. U. ü. können Versuchsleiter und Versuchsperson auch dieselbe Person sein.
") zu S. 21. VgL hierzu Kapitel IV, S. 167.
^») zu S. 21. Vgl. die Ausführungen von ßühler, GE S. 63 ff.
«•) zu S. 22. Im IV. Kapitel, S. 137, ist eine Anwendung dieses Ver- fahrens auf die Tier-Psychologie beschrieben.
'*) zu.S. 22. Genaue Vorschriften für Anlegung und Führung von Kinder-Tagebüchern findet man bei Stern, FadK S. 18 f.