Das Hirn-Gewicht wächst zunächst sehr schnell» hat sich nach 9 Monaten schon verdoppelt, vor Ablauf des 3. Jahres verdreifacht, die Wachstums-Geschwindigkeit nimmt mehr und mehr ab, das volle Gewicht wird erst um die Mitte des 3. Jahrzehnts erreicht (vgL die Google A2 Einige allgemeine Gesichtspunkte und Tatsachen der Entwicklung Der Gewichtszunahme geht die Entwicklung des Verhaltens parallel. Das Gewicht ist ein grobes Mafi f(ir die Entwicklungs- Hohe, sein schnelles Wachstum wird wohl hauptsächlich mit der (^famrrx . a OrHtel .1.0rilt€l des (qesamt- Wcuhstümt MMcnm nri > t I I I I i I ■ Oonre (Figur 2* Aus Bühler aeistlge Entwicklung dei Kindes.)
ersten Ausbildung der Körper-Bewegungen zusammenhängen, aber auch die andern Funktionen machen ja im Anfang eine ganz rapide Entwicklung durch. Eine schöne Parallele in der Entwicklung von Organ und Leistung zeigt sich bei der Betrachtung des Kleinhirns, eines Organs, das vor allem die Regulierung des Körper-Gleichgewichts besorgt Schon die Tatsache, dafi nicht alle Himteile sich in gleichem Rhythmus entwickeln, sondern daß verschiedene Teile verschiedene Epochen besonders schnellen Wachstums haben, pafit zu einem Satz, den wir oben über die geistige Entwicklung aufgestellt haben. Das Kleinhirn nun wächst in den ersten 5 Monaten sehr langsam, dann plötzlich schneller, am schnellsten in der zweiten Hälfte des ersten und der ersten des zweiten Lebens-Jahres, und ist am Ende des vierten Jahres schon fast ausgewachsen. Die Zeit, in der es seinen gröfiten Zuwachs bekonunt, die Wende des ersten Jahres, ist gleich- zeitig die Epoche, in der das Kind das Sitzen und das Gehen lernt, also Leistungen, die eine energische Gleichgewichts-Regulation erfordern.
Google Drittes Kapitel Der Ausgangspunkt der Bntwicklung • Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen 1. Erster Überblick über das Yerhalten. — Physiologische Entsprechungen.
Jhe wir uns an die Betrachtung der Entwicklung begebeu, müssen wir ihren Ausgangspunkt kennen. Dieser ist fQr uns der eben auf die Welt gekommene Mensch. Die embryonale Entwicklung liegt außerhalb unseres Aufgaben-Kreises, geistige Entwicklung Iftfit sich erst am Menschen studieren, wenn er ein (selb- ständiges Lebewesen geworden ist. Wir werden uns also in diesem Kapitel mit dem Verhalten des Neugeborenen zu beschäftigen haben. Wir vergegenwärtigen uns zunächst in ganz groben ZQgen das Verhalten des Neugeborenen und fragen: Was macht ein Mensch, der eben auf die Welt gekommen ist? Wir verzeichnen neben der Nahrungs- Aufnahme, auf die wir bald ausführlicher zu sprechen kommen, und den sich daran anschließenden vegetativen Funktionen eine Reihe von Körper-Bewegungen, und zwar Ausstrecken und Beugen der Arme und Beine, das oft unkoordiniert ist, d. h. rechte und linke Kürper-Hälfte arbeiteja jede für sich, Becken der Glieder nach dem Erwachen, die Bewegungen im warmen Bade, die auf den ganzen Körper übergreifen können, allerhand Augenbewegungen, und die auffallendste aller Äußerungen, das Schreien, dessen unmittel- bare Ursache wir oft nicht erkennen können, das aber meist damit in Zusammenhang gebracht werden kann, da& das Kind sich in einer ihm irgendwie schädlichen Situation befindet, sei es, daß es Bedürfnis nach Nahrung hat, sei es, daß die Umgebung direkt auf seinen Körper einwirkt, durch Druck, Temperatur, Feuchtigkeit u. a. Diese Aufisählung will keineswegs vollständig sein, sie beschränkt sich auch nicht auf den Moment der Geburt, man mag dabei etwa an die ersten zwei Wochen denken. Mindestens ebenso charakteristisch wie diese Bewegungen ist für das Neugeborene aber die Tatsache, daß es 20 Stunden und mehr des Tages im Schlaf verbringt, und zwar nicht in einer langanhaltenden Schlafperiode, sondern so, daß viele kurze Schlaf-Perioden immer wieder durch kurze Strecken des Wachseins Google ^^ Vom Neugeborenen und den primitiTen Verhaltungsweisen unterbrochen werden. Und charakteristisch ist auch, daß die Be- wegungen der Oliedmafien außerordentlich langsam vor sich gehen. Bühler vergleicht sie anschaulich mit Finger-Bewegungen, die wir machen, wenn unsere Finger vor Kälte halb starr sind.
Die beiden letzten Besonderheiten im Verhalten des Neugeborenen erhalten eine Beleuchtung von gewissen physiologischen Tatsachen her. Soltmann hat in ausgedehnten Versuchen Muskeln und motorische Nerven von neugeborenen und ausgewachsenen Säugern (Hunden, Kaninchen) künstlich (elektrisch) gereizt und in den Reaktionen ganz charakteristische Unterschiede zwischen juogen und erwachsenen Tieren gefunden. Bei den Neugeborenen ist 1. die Erregbarkeit eine viel geringere, man braucht viel stärkere Ströme, um überhaupt eine Muskel-Reaktion zu erzielen; 2. die Form der Muskel-Zuckung eine andere, nicht scharf ruckartig, sondern langsam an- und abschwellend; 3. die Ermüdbarkeit sehr gro& und 4. werden hier die Muskeln leichter in Dauerkontraktion (Tetanus) versetzt. Beizt man einen Muskel durch aufeinanderfolgende starke Stromstö&e, so entspricht bei nicht zu großen Frequenzen der Stöße jeder Periode eine Zuckung. Steigert man die Frequenz immer weiter, so kommt man an eine Grenze, an der der Muskel mit seinen Zuckungen den Strom-Stößen nicht mehr folgt, sondern dauernd kontrahiert bleibt im Zustand des Tetanus. Während nun diese Grenze beim ausgewachsenen Tier bei 70—80 Stößen pro Sekunde liegt, wird sie beim neugeborenen schon bei 16 — 18 erreicht. Wir können diese Ergebnisse unbedenklich auf den Menschen übertragen. Dann verstehen wir aus 2 die Langsam- keit der Bewegungen, aus 8 das große Schlaf-Bedürfnis, aus 1 die Fähigkeit, so leicht immer wieder einzuschlafen. Uns hindert daran u. a. die Tatsache, daß dauernd Beize auf unsere Sinnesorgane ein- wirken, ist die Empfindlichkeit herabgesetzt, so wird diese Hemmung jedenfalls sehr viel schwächer. Auch für das 4. Ergebnis läßt sich, wie ich glaube, ein Analogen im Verhalten des Neugeborenen au&eigen, freilich nicht auf motorischem, sondern auf sensorischem Gebiet. Man kann ja auch Sinnesorgane periodisch reizen und erhält dann die gleichen Gesetzmäßigkeiten, die man bei der periodischen Muskel- Reizung bekam. Nehmen wir das geläufigste und best untersuchte Bei- spiel, den licht-Sinn. Schickt man in bestimmten,[durch völliges Dunkel von einander getrennten Perioden Licht ins Auge, indem man z. B. eiMe halb weiße halbschwarze kreisförmige Scheibe rotieren läßt(Farben- Kreisel), so sieht man bei langsamen Frequenzen den Wechsel zwischen hell und dunkel. Wird die Frequenz gesteigert, so tritt ein neues Ffaä* nomenauf; dieScheibe fängt an zu flimmern. Eine weiter fort^gesetzte Er- höhung der Frequenz führt nun auch hier zu einer Grenze, Jenseite Google Physlologlsclie Entsprechungen 45 welcher die schnell rotierende halb schwarz halb wei6e Scheibe genau so aussieht wie eine völlig ruhende graue. Das Auftreten dieses einheitlichen Eindrucks nennt man Verschmelzung, die Verschmelzung entspricht also dem Tetanus. Die Entsprechung dieser beiden Effekte geht aber noch weiter, bis ins einzelne. Die Gesetze von denen es abhängt, wann die Grenze erreicht wird, sind genau die gleichen **) es liegt also die Vermutung nahe, dsA die kritische Ver- schmelzungsfrequenz —, d. h. die geringste Frequenz, bei der eben Verschmelzung eintritt, — die beim Erwachsenen die Größenordnung von ca. 60 Perioden pro Sekunde besitzt^'), beim Neugeborenen sehr viel niedriger sein könnte. Das wird sich freilich nur sehr schwer prüfen lassen, jedenfalls ist zur Zeit noch nichts darüber bekannt. Nach Untersuchungen, die ich gemeinsam mit P. Cermak aus- geführt habe, besteht aber ein enger Zusammenhang zwischen den Phänomenen der Verschmelzung und des Sehens von Bewegungen. Ich will hier nur darauf hinweisen, dafi eine zu schnelle Bewegung phänomenal den Bewegungs-Charakter verliert, dafi wir etwa statt eines bewegten leuchtenden Punktes dann einen ruhenden Leucht- Streifen sehen ^'). Die Gesetze, die hier in Frage konmien, sind nun die gleichen, wie die, die die Verschmelzung beherrschen. Dann können wir schlieMich aus dem 4. Befund von Soltmann folgern, daß beim Sehen von Bewegungen die Grenze, wo phänomenal die Be- wegung verschwindet, leichter, d. h. schon bei geringeren Geschwindigkeiten, für den Neugeborenen erreicht wird als für den Erwachsenen. Diese Folgerung pait nun durchaus zu den bekannten Tatsachen. Die Autoren widersprechen sich in den Angaben, wann ein Kind zum ersten Mal ein bewegtes Objekt mit dem Blick verfolgt, aber alle sind sie in einem Punkte einig: wenn das Kind überhaupt diese Leistung vollbringen kann, so tritt sie doch nur dann auf, wenn die Bewegung des G^enstandes langsam erfolgt^^). Man hat diese Beobachtungen bisher vorzugsweise oder ausschließlich auf die Ent- wicklung der motorischen Seite dieser Leistung bezogen, die Aus- lösung der richtigen Augen-Bewegung des Verfolgens des bewegten Objektes dadurch, das von diesem verschiedene Netzhautpunkte stetig nacheinander gereizt werden, also auf den „Verknüpfungs-Mecha- nismus^ zwischen Sensorischem und Motorischem, es liegt aber sehr nahe, auch die sensorische Leistung selbst in die Erklärung mit ein- zubeziehen, umsomehr als wir eine Aufhssung jener „Verknüpfung^ kennen lernen werden, die einen ganz engen Zusammenhang zwischen sensorischem und motorischem optischen Apparat statuiert. Ich möchte also meinen, daß in der Tat das Neugeborene eine geringere Fähigkeit hat, Bewegungen zu sehen wie die Erwachsenen, und Google ^6 Vom Neugeborenen und den primitiven VerhaltungAweisen das dies mit dem Befund über das leichtere Auftreten des Muskel* Tetanus zusammenhängt.
Ich benutze diese Gelegenheit, um auf folgendes hinzuweisen. Setzen wir unsere Annahme über das mangelhafte Bewegungs-Sehen der Neugeborenen als richtig voraus, so haben wir hier eine Leistung, die sich im Laufe des individuellen Lebens vervollkommnet. Darf man daraus schliefen, daß die Erfahrung die Grundlage dieser Ver- änderung ist? Keineswegs, wenn auch unsre andere Annahme zu- trifft^ die diesen Tatbestand zu den muskel- und nerven-physiologischen Tatsachen in Beziehung setzt. Denn nicht Erfahrung bewirkt, daß die Grenze der Tetanisierung allmählich von 15 auf 80 Perioden pro Sekunde wächst, sondern augenscheinlich eine Veränderung der Organe, wie wir sie im vorigen Kapitel als Reifung bezeichnet haben. Der gleiche Reifungs- Vorgang wäre dann aber auch Ursache für die Ent- wicklung der Bewegungs* Wahrnehmung und vnr hätten keinen Grund, sie allein auf die Erfahrung zurückzuführen ''). Wir hätten also hier ein prägnantes Beispiel für einen Fall, dessen Möglichkeit wir im vorigen Kapitel aufgezeigt haben. Auf das gleiche Problem werden vnr übrigens wieder treffen, wenn wir auf die Augen- Bewegungen zu sprechen kommen.
2. Ist das Neugeborene ein reines Ur-Him- Wesen!
Wir vrissen schon, dafi beim Neugeborenen die meisten Ver- bindungen zwischen Ur- und Neu-Him noch nicht markhaltig, also noch nicht leitungsfähig sind. Dazu kommen die folgenden Er- gebnisse Soltmanns:bei neugeborenen Hunden lassen sich bis zum 10. Tage durch elektrische Beizung der Hirn-Rinde keinerlei Be- wegungen der Körper- und Kopf-Muskulatur hervorrufen, wie dies bei älteren Tieren der Fall ist, und entsprechend beveirkt in diesen ersten Lebenstagen auch eine Zerstörung der motorischen Rinden- felder, die bei älteren Tieren sehr bedeutende Schädigung der Be- wegungen hervorruft, keinerlei Störung oder Lähmung des Muskel- Apparats. Indem man diese Tatsachen auf den Menschen übertrug und mit der erstgenannten kombinierte, gelangte man zu der Ansicht, der neugeborene Mensch sei ein rein palaeencephales Wesen. Dazu kommt, daß die früher beobachteten grofihimlosen Kinder (Anence- phalen) sich im Verhalten vom normalen Kind nicht erheblich unter- schieden zu haben scheinen, so kommt es vor, daä grofihimlos Ge- borene bei der Geburt schreien. Der von Edinger und Fischer publizierte Fall, den vnr schon aus dem vorigen Kapitel kennen, scheint mir aber doch nicht zu dieser Ansicht zu stimmen^*). „Das Kind nahm die Brust gleich an und saugte anfangs richtiffi> Hgentlich Die impulsiven Bewegungen ^m war es nur bei diesem Saugen, zu dem es geweckt werden mu&te, wach, sonst lag es immer »im Schlaf« da. Nie hörte man es im ersten Jahre weinen, nur manchmal gab es leise Töne von sich"*^). Darnach sieht das Verhalten dieses einen großhimlosen Kindes dodi wohl anders aus als das des normalen selbst in den allerersten Lebenstagen, in denen beim normalen Kind schon zuweilen der Gesichtsausdruck der Behaglichkeit (Preyer) beobachtet werden kann, während ja das grofihirnlose Kind in seinem ganzen Leben nie den geringsten Ausdruck zeigte. Mir scheint es daher wahr- scheinlich, da& beim neugeborenen gesunden Kinde das Neu-Him doch schon irgendwie am Verhalten beteiligt ist, wenn man auch noch nicht sagen kann, wie, Soltmanns Hunde-Versuche sind nicht schltkssig, weil ja überhaupt, wie wir gesehen haben, der Mensch in viel höherem Grad auf sein Neu-£Um angewiesen ist als der Hund. Bald kann man in der gesunden Entwicklung erkennen» wie der Einfluß des Neu*Hims stärker wird. Auch hier können wir also Reifungs- Vorgänge beobachten.
8. Die impulsiven Bewegungen.
Erinnern wir uns an die Bewegungen des NeugeboreneUi die wir unter 1. aufgeführt haben, so finden wir, daft die meisten von ihnen ein gemeinsames Merkmal besitzen: sie sind nicht festen äu&eren Beizen, bestimmten feststellbaren Situationen zugeordnet, sehen also nicht aus wie Reaktionen, sondern machen einen spontanen Eindruck und sind schliefilich in dem Sinn ziel- und zwecklos, dafi sie nicht irgend ein erkennbares Ziel unmittelbar erreichen.
Man hat daher diese Gruppe von Bewegungen von anderen ab- gegrenzt, und nennt sie, nach dem Vorgang von Preyer, impulsive Bewegungen. Durch diese Abgrenzung wollte man auch ihre physio- logische Entstehung festlegen. Preyer erblickt in ihnen die Fort- setzung der Bewegungen des Embryos im Mutterleib. Da nun diese, wie er nachweisen konnte, schon zu einer Zeit vorkommen, „in der der Embryo noch nicht durch periphere Reize zu einer Bewegung veranlagt werden kann, seine zentripetalen Bahnen nicht gangbar oder nicht einmal gebildet sind"'^^), und da andrerseits keine Be- wegung ohne Reizung der motorischen Nerven stattfinden kann, so schlie&t er, daft innere physiologische Vorgänge, Ernährung, Wachs- tum, als Reize für die impulsiven Bewegungen zu gelten haben, eine Ansicht, der sich auch Stern*') anschließt. Allgemein zu- gestanden ist wohl überhaupt, daß diese Bewegungen weder allein durch äußere Reize ausgelöst sind noch aus Erregungen der Hirn- Rinde stammen wie unsere spontanen Handlungen. Man muß^aber j j Vom Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen mit Stern und Thorndike bei der Beschreibung hinzufügen, da& «ie objektiv betrachtet keineswegs zwecklos sind, yielmehr einen äohen Wert fOr das Individuum besitzen, indem sie das Wachstum und die Reifung der Organe durch ihre Funktion fördern*'). Stern spricht daher von dem Yorfibungs-Wert. Und Thorndike erblickt in diesem Wert, gemäß seiner „Nützlichkeits-Theorie'', die wir im vorigen Kapitel kennen gelernt haben, auch die Ursache ihrer Ent- stehung und Erhaltung in der Entwicklung der Rasse. Thorndike wendet sich denn auch gegen die scharfe Trennung dieser Gruppe von den andern. Sie dürfe keineswegs so vollzogen werden, als ob etwa die impulsiven Bewegungen gänzlich unabhängig von der Situation, rein zuttliig wären. Wenn man die ganze Situation genau kennen würde, und sie besteht in diesen Fällen vor allem in den Zuständen und Vorgängen des Nerven-Systems, so würde man auch diese Bewegungen als streng gesetzmäßig erkennen. Das ist gewiß richtig und wohl auch wert, betont zu werden, nur bleibt der Unterschied zunächst bestehen, daß es sich eben hier um spezifisch innere Situationen handelt, während bei anderen Bewegungen gerade die äußeren Situationen maßgebend sind. Ganz fest ist freilich auch so betrachtet die Grenze nicht. Ob das Kind schreit, weil es Be- dürfnis nach Nahrung hat, oder weil eines seiner Glieder einem störenden Druck ausgesetzt ist, das ist kein erheblicher Unterschied. Wir werden also jetzt dazu übergehen müssen, solche Bewegungen zu betrachten, die als Reaktionen auf bestimmte äußere Reize auf- treten, um so mehr als die meisten impulsiven Bewegungen im Laufe der Entwicklung immer mehr zurücktreten.
4. Das Reflex-Schema. Wir fassen also in einer zweiten Gruppe Bewegungen zusammen, die sich deutlich als Reaktionen auf äußere Reize zu erkennen geben. Sie besitzen noch eine Reihe weiterer Eigentümlichkeiten: 1. Sind Reiz wie Reaktion relativ einfach. Das ist keine genaue Be- Bcfareibung, denn es läßt sich nicht so leicht definieren, was unter relativ einfach verstanden werden soll, sondern soll bloß, zumal im Hinblick auf die dritte Gruppe, die Bewegungen grob abgrenzen. 2. Sie verlaufen außerordentlich gleichmäßig, d. h. auf den gleichen, die gleiche Stelle treffenden, Reiz wird immer in der gleichen Weise reagiert, sofern nicht die Erregbarkeit des Organismus nach oben oder nach unten stark aus dem normalen Niveau abgewichen ist» Über- erregbarkeit, Ermüdung. 3. Variation des Reizes in bestinunter Rich- tung, z. B. graduelle Verstärkung, bewirkt nicht durchgehend Veränderung der Reaktion in der gleichen Richtung. Die Reaktion Google kann plötzlich qualitativ anders werden, etwa indem nun bisher un- bewegte Organe in die Bewegung eingezogen werden. 4. Diese Be- wegungMi gehören als Reaktionen zur Erb-Anlage des Individuums, sie brauchen nicht erlernt zu werden. 6. Die Reaktionen sind für den Organismus äußerst zweckmäßig, sie bestehen in allgemeinen Schutz-, Abwehr* oder Anpassungs-Bewegungen, wie aus der Be- sprechung der einzelnen Formen deutlich werden wird. 6. Noch eine Gresetzmäßigkeit muß erwähnt werden: Die Reaktion kann gesteigert aber auch gehemmt werden, wenn neben dem auslösenden Reiz noch ein anderer Reiz an ganz anderer Stelle wirksam wird.
Wir nennen diese Bewegungen Reflex -Bewegungen oder kurz Reflexe, ein Beispiel ist die Zusammeuziehung der Pupille bei Licht-£infall.
£he wir auf die Reflexe des Neugeborenen eingehen, wollen wir uns die theoretischen Vorstellungen ansehen, die man sich zum Verständnis der Reflexe gebildet hat Wir können uns folgende Frage stellen: wi<e muß ein Organ beschaffen sein^ dessen Funktion der Reflex ist? Die übliche Antwort auf diese Frage ist sehr ein- fach: wir kennen anatomisch und physiologisch die zwei Arten von Nerven, die sensiblen und die motorischen, wir wissen femer, daß die Eudausbreitungen der sensiblen direkt oder durch Zwischen- schaltung anderer Neuronen an die Endausteeitungen der motorischen herantreten, und wir wissen schließlich, daß die Schädigung eines solchen mehr oder weniger komplizierten Komplexes von Neuronen, die bei dem Zustandekommen einer Bewegung beteiligt sind, an irgend einer Stelle die Bewegung selbst schädigt Die Funktion zeigt auch die Zweiheit der Reiz-Au&ahme und Beantwortung, das Organ des Reflexes ist also,* der Schluß liegt auf der Hand, jeweils eine mehr oder weniger komplizierte Neuronen* Kette, die im Grenzfall aus nur zwei Neuronen zu bestehen braucht, die immer mit einem sensiblen Neuron beginnt und mit einem motorischen endigt. £inen solchen Apparat nennt man einen Reflex-Bogen. Man darf dabei nicht übersehen, daß solche Reflex- Bögen keine völlig isolierten Gebilde sind, sondern mit andern Teilen des Nerven-Systems zusammenhängen. Das folgt schon aus den oben mitgeteilten Tatsachen der Reflex- Förderung imd -Hemmung, wie auch daraus, daß wir viele Reflexe vnllkürlich beeinflussen können — so können wir z. B. das Niesen mehr oder weniger lange willkürlich unterdrücken —.
Die bisherige Theorie der Reflexe hat aber die eben entwickelte Anschauung vom Reflex- Organ noch nach bestimmter Richtung bin ausgestaltet, ohne daß vielleicht die besondere Ausgestaltung als solche im Bewußtsein der Forscher hervorgetreten ist. Man beso ^^^ Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen trachtete den Reflex-Bogen als zusammengesetzt aus dem zentri- petalen und dem zentrifugalen Ast, sah diese also als selbständige Teile an und erblickte demgemäß das Charakteristische des Apparats in der Verbindung, die zwischen diesen Teilen besteht. Reflex-Appa rate sind dann feste ererbte Verbindungen zwischen rezep- torischen (aufnehmenden) und effektorischen (ausfahrenden) Bahnen. Diese Ausgestaltung der ursprünglichen Anschauung lag außerordent- lich nahe. Anatomisch lassen sich die Teile wirklich sondern, und nach dem Prinzip dieser Annahme kann man mechanisch« Mo- delle fQr Reflexe bauen. Ein mechanisches Modell befriedigt aber in hohem Mafie unser Denken, es ist völlig durchsichtig, also zur Erklärung vorzüglich geeignet.
Wir müssen das Modell aber nadi seiner funktionellen Seite noch genauer betrachten. Was passiert im Reflex-Bogen, wenn ein Reflex zustande konmit? Nun ist ganz klar, um eine einfache Weiter- Leitung der aus dem äußeren Reiz stammenden Energie kann es sich nicht handeln. Diese Annahme ist für jegliche Art von Nerven- Leitung unmöglich. Der Effekt, die Reaktions- Bewegung steht dazu in einem allzu losen Energie- Verhältnis zum Reiz. Es kann nur so sein, dafi der Reiz Energien, die in den Nerven-Zellen aufgespeichert liegen, auslöst. Dabei kann der Reiz sehr wesentlich mitbe- stimmen, wieviel Energie und was für Energie ausgelöst wird, aber es kann immer nur solche Energie wirksam werden, die schon in den Nerven-Zellen vorhanden war'^). Das kann aber nicht nur für die sensiblen Nerven gelten, muß ebenso auch für die motorischen zutreffen. Wenn ich einen motorischen Nerven direkt elektrisch reize, so ist es auch nicht der elektrische Stoß selbst, der zum Muskel geleitet wird imd diesen kontrahiert, sondern auch hier handelt es sich um Auslösung. Beim Reflex würde es dann, die Selbständig» keit der zentripetalen und zentrifugalen Neuronen vorausgesetzt^ so liegen: Der Reiz löst im sensiblen Neuron eine bestimmte Ener- gie aus, diese wird weitergeleitet und wirkt nun ihrerseits als Aus- lösung für die Energie des motorischen Neurons. Der Zusammen- hang zwischen dem Vorgang im sensiblen und dem im motorischen Neuron wird der gleiche wie der zwischen Reiz und dem sensiblen Prozeß, mit dem Reiz kann die Reaktions-Bewegung jedenfalls nichts mehr zu tun haben. Einen solchen Apparat können wir als Mecha- nismus bezeichnen. Die Zweckmäßigkeit der Reflex-Bewegungen ist auf diese Weise noch nicht erklärt, dazu müssen andere Annahmen eingeführt werden, wie wir sie später bei der Besprechung d^r dritten Bewegungs-Gruppe kennen lernen werden. Wir wollen unser Bild nur noch ergänzen, indem wir hinzufügen, daß i. a. die Reaktions^ Google Probleme der Augenbewegungen c| Bewegung ihrerseits wieder sensible Nerven reizt, das Nerven- System wird also erfahren, daß und was für eine Bewegung ausgeführt worden ist. Damit ist nicht gesagt, daß wir selbst etwas davon merken müssen. Viele Reflexe verlaufen völlig ohne Bewußtsein^ und andere tun es dann, wenn ihre Reflex-Bögen vom Neu-Him abgeschnitten sind» wofür uns schon im ersten Kapitel ein Beispiel begegnet ist — die Frau, die gebar, ohne es zu merken. — Die Vorzüge, die die dargelegte Theorie des Reflex- Vorgangs be- sitzt, haben wir schon hervorgehoben, auch schon auf eine Lücke in ihr hingewiesen. Weitere Mängel werden klar werden, wenn wir uns jetzt den Reflexen der Neugeborenen zuwenden.
5. Reflexe des Neugeborenen. Die Probleme der Augenbewegungen.
Von Anfang an lassen sich beim Neugeborenen sehr mannigfache Reflexe von allen Sinnesorganen auslösen. Die Reflexe des Neuge- borenen sind denn auch schon seit langer Zeit sehr gründlich unter- sucht worden. Wir beschränken uns auf einige Beispiele: a) Vom Auge ausgelöste Reflexe. Der Pupillen-Reflex ist vor- handen und zwar von Anfang an gleich doppelseitig, d. b. auch wenn nur in das eine Auge Licht geschickt wird, ziehen sich doch beide Pupillen zusammen. Ebenso funktioniert von Anfang an der Schluß der Lider, beim Einfallen von starkem Licht, nicht dagegen bei schneller Annäherung eines Objekts an das Auge.
Viel umstritten ist das Problem der Augenbewegungen, die be- wirken, daß die Augen in ihrer Stellung und Einstellung sich der Umwelt anpassen, daß also das Individuiun jeweils die größte Wirkung aus seinem Seh-Organ herausholen kann. Bei uns Er- wachsenen erfolgen diese Bewegungen automatisch, ganz wie Reflexe, und koordiniert, während beim Neugeborenen gelegentlich auch ganz unkoordinierte Augen-Bewegungen vorkommen, ja ein Neugeborener bringt es fertig, das eine Auge zu bewegen, während das andere völlig still steht.
Man tut gut, zwei Probleme vorläufig auseinander zu halten, die Einstellung der Augen auf ein bestimmtes Objekt^ die Fixation, einer- seits, das Zusammenarbeiten, die Koordination der beiden Augen andererseits. Bei der Fixation wird das Auge so lange gedreht, bis sich der zu fixierende Gegenstand auf der in der Mitte der Netzhaut gelegenen Stelle des deutlichsten Sehens (Netzhaut-Grube, fovea centralis) abbildet, und erhält die Linse eine solche Ejrümmung, daß auf der Netzhaut ein scharfes Bild des Gegenstandes entsteht (Akkommodation). Die Koordination besteht darin, daß Akkom- modation und Fixation in beiden Augen stets die gleichen sind (dies letztere heißt Konvergenz) '^'^).
^2 ^om Neugeborenen und den primitiven Verhaltungsweisen Gehören nun die Augen-Bewegungen zu den Reflexen, sind sie mithin angeboren? Betrachten wir zunächst die Koordination: Zwei diametral entgegengesetzte Theorien sind hier vertreten worden. Nach Hering,, beruht die Koordination der Bewegungen beider Augen auf einer angeborenen Einrichtung, nicht aber auf Einübung*. „Beide AugeQ werden, was ihre Bewegungen im Dienste des Gresichtssinnes betrifft^ wie ein einfaches Organ gehandhabt'''*), nicht jedes Auge wird für sich bewegt, sondern ein Impuls genügt, um beide Augen, das Doppel -Auge, zu regieren.
Dagegen Helmholtz: »Obgleich der Zwang, beide Augen über- einstimmend zu bewegen...beim normalen Sehen so unausweich- lich erscheint..., so l&6t sich doch zeigen» dafi die Gesetzmäßigkeit dieser Verbindungen nur auf Einübung beruht'' *\) Wir treffen hier auf den Gegensatz zweier Denk-Richtungen, der die ganze Psychologie der Raum- Wahrnehmung beherrscht Für die «ine Richtung sind die wesentlichen Leistungen, in unserem Fall also die Augen-Bewegungen, aus fester Erb- Anlage zu erklären, das indiTiduelle Leben, Übung, Erfahrung, dienen der Vervollkommnung, bringen aber keine neuen Leistungen hervor; nach der andern sind gerade die wesentlichen Leistungen als Ergebnisse langer Übung aufzufassen. Man nennt jene Richtung Nativismus, diese Empi- rismus.
Von den Argumenten, die von beiden Seiten vorgebracht wurden, werden wir im wesentlichen nur die behandeln, welche mit unserm Haupt-Thema, der Psychologie des Neugeborenen, im Zusammenhang stehen. Das Haupt-Argument von Helmholtz stützt sich freilich darauf, daü man lernen kann, die Koordination der beiden Augen bis zu einem gewissen Grad zu durchbrechen. Was aber durch Übung verändert werden könne, das müsse auch durch Übung er- worben sein. Das Argument ist wenig beweiskräftig, denn man braucht ja die angeborene Koordination nicht als einen unüber- windlichen Zwang aufzufassen. Nachweislich lassen sich auch sonst aEgeborene Verhaltungsweisen durch Übung modifizieren, Hering weist z. B. darauf hin, daß man einem Vierfü&er eine ihm unnatür- liche Gangart andressieren kann.
Der Empirist könnte versuchen, das Auftreten unkoordinierter Augen* Bewegungen beim Neugeborenen für sich geltend zu machen, dem steht aber entgegen, daß schon vom ersten Tag an koordinierte Augen^Bewegungen beobachtet werden. Diese können nicht etwa so Zustandekommen, dai beide Augen unabhängig, jedes für sich, in der gleichen Weise auf Licht-Reize reagieren. Denn abgesehen da- von, daß in den ersten Tagen überhaupt noch keine Fixations-Be- Google Probleme der Augenbewegungen c^ wegungen ausgeführt werden, kann man das eine Auge des Säuglings mit der Hand abschirmen, ohne daß dadurch die koordinierten Augen- Bewegungen beeinträchtigt werden "). Diese Tatsache wird für den Nativismus noch beweiskräftiger dadurch, daß das Neugeborene doppelt vorhandene Glieder oft gleichzeitig bewegt, daß diese Bewegung aber, wenn sie überhaupt in koordinierter Weise erfolgt, stets sym- metrisch, d. h. gegenseitig, nie gleichseitig erfolgt. Die Hände werden z. B. aufeinander zu oder Ton einander fort bewegt, nicht aber beide gleichzeitig nach rechts oder links. Ja Hering weist darauf hin, daß die Aufgabe, beide Hände gleichzeitig und in der gleichen Richtung, also nicht gegeneinander, schnell hin und her zu bewogen auch dem Erwachsenen kaum möglich ist'*); der Leser mache den Versuch, er wird über die Schwierigkeit erstaunt sein. Die Augen werden dagegen schon vom Neugeborenen mit der größten Leichtigkeit gleichseitig bewegt, bei jeder Blickwendung von 'rechts nach links oder umgekehrt. Die Koordination kann daher sicher nicht allein aus der Übung erklärt werden, sie muß in der Erb-An- läge begründet sein. Dazu kommt, daß die unkoordinierten Augen- Bewegungen vorzugsweise in Situationen vorkommen, in denen be- sonders viele impulsive Bewegungen auftreten, z. B. im warmen Bad, und daß auch bei älteren Kindern im Schlafe unkoordinierte Augen- Bewegungen beobachtet wurden. Dafür zeigte der Versuch, beim Tier direkt die Vierhügel, einen Kern des ürhirns, zu reizen, stets nur koordinierte Augen-Bewegungen.