3. Entwicklungsgesehichtliehe Parallelen. Die vergleichende Betrachtung ist noch weiter gegangen» indem man ontogenetische und phylogenetische Entwicklung, die Entwick- lung des Individuums und der Art in Beziehung gesetzt hat. Dabei ergeben sich sehr mannigfache Analogien, denen man verschiedene theoretische Bedeutung beigelegt hat, zu deren Erklärung verschiedene Hypothesen aufgestellt worden sind. Zuerst einige Worte über die Tatsachen. Ich zitiere eine Darstellung von William Stern'*) „Das menschliche Individuum steht in seinen ersten Lebensmonaten als Säugling« mit dem Vorwiegen der niederen Sinne, des dumpfen Trieb- und Beflex-Lebens^ auf dem Stadium des Säugetieres, erreicht im zweiten Halbjahr mit der Tätigkeit des Greifens und des viel- seitigen Nachahmens, das Stadium der höchsten Säugetiere, der Affen*^), und erlebt im zweiten Jahr durch Erwerbung des aufrechten Ganges und der Sprache die eigentliche Menschwerdung. In den nächsten fünf Jahren des Spiels und des Märchens steht es auf der Stufe der Naturvölker. Sodann folgt der Eintritt in die Schule, die straffere Eingliederung in ein soziales Ganzes mit festen Pflichten, die scharfe Scheidung von Arbeit und Muße — es ist die ontogenetische Parallele zum Eintritt des Menschen in die Kultur mit ihren staatlichen und ökonomischen Organisationen, In den ersten Jahren des Schulalters sind die einfachen Verhältnisse der Antike und des alten Testaments dem kindlichen Geiste am adäquatesten, die mittleren Jahre bringen die schwärmerischen Züge der christlichen Kultur, und erst die Zeit um die Pubertät herum erreicht jene geistige Differenziertheit, die dem Kulturstand der neueren Zeit entspricht. Hat man doch oft genu^ das Pubertätsalter selbst als die »Aufklärungszeit« des Indi- viduums bezeichnet."
Ich habe dies lange Zitat hierhergesetzt, nicht weil ich etwa glaube, daß alle hier angeführten Analogien wirkliche Tatsachen sind, sondern um recht deutlich zu machen, um was es dieser Be- trachtungsweise zu tun ist. Wir sehen Epochen der Kindheit ver- glichen mit Stufen der tierischen Entwicklungs-Beihe, niedere — höhere Säuger, und mit Menschheits- Epochen, Natur-Kultur- Sta- dium, Antike, Christentum, Moderne. Stanley Hall, der seit einem Menschenalter auf die Bedeutung dieser Analogien hingewiesen, ihrer Erarbeitung viel Zeit und Mühe geopfert hat, geht noch weiter, indem er sogar Züge beim Kinde findet, die an die Fisch-ähnhchen Vorfahren des Menschen erinnern, so die Paddel-Bewegungen des Säuglings und das Entzücken kleiner Kinder beim Anblick des Wassers.
Es sei ausdrücklich betont, dai man in diesen Analogien wirk- liche, sachlich begrfindete Zusammenhänge erblickt, nicht bloße Ahn- Google Entwicklungsgeschichtliche Parallelen zi lichkeiten, Analogien, die daher zur Erklärung der Entwicklung be- nutzt werden. Diesen Theorien wollen wir uns jetzt zuwenden. Vorher sei nur betont, dai solche Analogien wohl ohne jeden Zweifel bestehen, ganz typische kindliche Yerhaltungsweisen, z. B. das Spiel, finden sich in klarer Ausprägung bei Säugetieren, es gibt eine Stufe in der kindlichen Entwicklung, in der dem Kinde allmählich Intelligenz- Leistungen möglich werden, wie sie nach den Untersuchungen Köhlers für den Schimpansen typisch sind, die kategoriale Erfassung der Welt ist beim Kinde der der sogen. Natut- Völker ähnlich. Aber die Analogien sind gar nicht auf das Kindes- Alter beschränkt. So manches in unserm eigenen Verhalten^ zumal wenn die Hemmungen durch Erziehung, Sitte und Konvention fortfallen, sieht dem Benehmen des Schimpansen verteufelt ähnlich. Ich verweise hier etwa auf Köhlers Schilderung ihrer Schmuck-Funktion'^). Es fragt sich nur, was soll man aus diesen Analogien schlieien? Und ehe man das tut, mu& man sein Material streng kritisch prüfen. Auf dem Gebiet der Ana- logie wird wissenschaftliche Strenge allzuleicht von phantastischer Spielsucht verdrängt. Analogien zu finden, wenn man sie finden will, ist leicht, aber aus der Überfülle des Materials die allein sachlich richtigen heraussondern, das ist eine unbedingt notwendige Aufgabe, und man wird nicht behaupten können, da6 sie auf unserm Gebiet immer gelöst worden sei.
Drei Theorien für die dargestellten Tatsachen können wir unter- scheiden: 1. Die Bekapitulations-Theorie: Die Entwicklung des Indi- viduums ist eine abgekürzte, mehr oder weniger verzerrte Nachahmung der Entwicklung seiner Rasse. Jedes Individuum durchläuft in seiner Entwicklung alle Stadien, die seine Art in ihrer Entwicklung durch- laufen hat. Dies ist ein immanentes Entwicklungs-Gesetz, in der Erb- Anlage begründet. Man denkt sofort an Haeckels „biogenetisches Grundgesetz", das für die morphologische embryonale Entwicklung besagt: die Ontogenese ist die abgekürzte Wiederholung der Bio- genese. Der Zusammenhang mit diesem Gesetz wird von den Ver- tretern der Theorie auch stark betont. Die Verzerrung, die die Onto- genese gegenüber der Biogenese aufweist, erklärt man aus der Ver. schiedenheit der Bedingungen, unter denen beide Arten von Ent- wicklungen stehen. Jede Entwicklung ist ja auier von den imma- nenten Gesetzen auch von äuieren Faktoren abhängig, wenn diese stark verschieden ausfallen, so mui sich das auch in einer Ver- schiedenheit der Entwicklung bemerkbar machen. Die Theorie hat viele Anhänger, zumal Stanley Hall und seine Schule haben sich die größte Mühe gegeben, sie beweiskräftig zu gestalten. Ihre Methode Google \wmm yi Binige allgemeine Gesichtspunkte und Tatsachen der Entwicklung bestand wesentlich darin, dafi sie Verhaltensweisen allgemeinster Art analysierten und in ihnen Bestandteile aufzeigten, die nicht als Pro- dukte eines Lernens, als individueller Erwerb, zu erklären sind, die dafOr in ganz ähnlicher Form in Irüheren Entwicklungs-Stufen auf- treten. Stanley Hall untersucht auf diese Art die Angst. Da findet er z. B. den ganz unerklärlichen pavor noctumus, die Tatsache, da& Kinder häufig des Nachts aus dem Schlafe mit den Anzeichen des Schrecks ja des Entsetzens erwachen und nur schwer wieder zum schlafen zu bringen sind. Er sieht die Erklärung in einem Atavismus^ das Kind verfällt in die längst vergangene Epoche, als der Mensch einsam im Wald schlief, allen Gefahren ausgesetzt, und plötzlich aus dem Schlaf gestört wurde. Ein besonders wichtiger Komplex von Tatsachen ergibt sich für dies Problem aus den kindlichen Spielen. In ihnen agieren wir das Leben unserer Vor&hren. Ein Schüler von St. Hall hat mit der Fragebogen-Methode seines Lehrers ein großes Material über kindliche Spiele der verschiedensten Art gesammelt, Indianer- und Räuber-Spiele, aber auch Koastruktions-Spiele, bauen und graben, Schmuck-Spiele, tätowieren und feilen der Nägel; er findet in seinem Material eine volle Bestätigung der Theorie^ denn der Einfluß des Milieus reiche nicht aus, die Einzelheiten dieser Spiele zu erklären").
2. Die Nützlichkeits-Theorie: Die Entwicklung des Individuums ist nicht als Wiederholung der Stammes-Entwicklung zu betrachten. Vielmehr sind es die gleichen Ursachen, die die eine wie die andere bestimmen. Alle Entwicklung entsteht durch die Wirksamkeit zweier Prinzipien: zufällige Variation und Auswahl des Zweckmäßigen. Nach diesen Prinzipien entstehen in der Stammes -Entwicklung Eigen- schaften, bleiben erhalten oder gehen wieder verloren, und wenn sie einer Art erhalten bleiben» so wird in der Ontogenese dieser Art der Zeitpunkt des Auftretens solcher Eigenschaft wieder durch die beiden Prinzipien der Variation und Selektion bestimmt, nicht aber durch ein Rekapitulations-Gesetz. So tritt das Saugen in der Ontogenese ganz früh, in der Phylogenese sehr spät auf, umgekehrt der Ge- schlechts-Trieb früh in der Stammes-Entwicklung, spät in der Ent- wicklung des Individuums.
Diese Theorie, die sehr energisch von Thorndike vertreten wird, basiert auf einer allgemeinen Entwicklungs-Theorie, die man heut als die Darwinistische bezeichnet^ obwohl Darwin und seine ersten Anhänger nicht allein die nach ihnen benannten Hyppothesen verwendeten"). Der i^NeuDarwinismus'' verwendet nur die zwei eben genannten Prinzipien der Variation und Selektion. Betrachten v?ir eine Anzahl von Individuen der gleichen Art, so finden wir Jkeine Google Entwicklungsgeschichtliche Parallelen xx zwei völlig gleichen Exemplare. Die einzelnen Art-Genossen zeigen in den verschiedensten Hinsichten mehr oder weniger gro6e Unter- schiede voneinander. Die Art-Gleichheit ist also Übereinstimmung im Typus beim Vorhandensein einer bestimmten Variations-Breite. Eine solche Variationsbreite wird vorausgesetzt, sie bewirkt, dafi gewisse Art-Genossen für bestimmte Umwelt-Bedingungen besser - ausgerüstet sind, andere für andere. Im Laufe der Entwicklung werden daher im Kampf ums Dasein die an die konstante Umgebung besser angepaßten häufiger siegreich bleiben als die andern, sie werden diese ihre Eigenschaften auf ihre Nachkommen vererben, während die andern allmählich aussterben; die gleichen Prinzipien, Variation und Selektion, werden bei den Nachkommen wirksam, so daft die Art sich ihrer Umgebung immer besser anpassen, sich immer weiter entwickeln mui.
3. Die Übereinstimmungs-Theorie: Ontogenese und Phylo- genese sind eng verwandte Vorgänge. Beide Male handelt es sich um die Entwicklung von Organismen, da ist es von vornherein wahr- scheinlich, daß es allgemeinste Eigenschaften der Entwicklung über- haupt geben wird, die sowohl in der Onto- wie in der Phylogenese, eine ausischlaggebende Bolle spielen, „dafi die Natur — um es an- schaulich mit den Worten Claparedes'^) zu sagen —...gleich- artige Mittel anwendet für die Entwicklung des Individuums und der Rasse'*. Man wird dann erwarten, da6 alle Anfangs-Stadien in ii^nd einer Richtung wirklich ähnlich sind, ebenso Stufen primitiver, fortgeschrittener und höchster Entwicklung.
Dewey und seine Schule haben diese Theorie in der Pädologie entwickelt'^), ein ganz verwandter Gredanke liegt der Geschichts- philosophie von O. Spengler zugrunde.
Der Gegensatz der drei Theorien läät sich etwa in folgender Weise präzisieren: Die Erb- Anlage, auf der die Entwicklung des In- dividuums beruht^ ist nach 1 so beschaffen, daß sie alles, was je in der Reihe der Stammes- Vorfohren erblich war, enthält und in einer Reihenfolge aktualisiert, die im wesentlichen durch die Reihen- folge bestimmt ist, in der die Eigenschaften in der Ahnen-Reihe ent- standen; das Individuum besitzt also alle überhaupt einmal vor- handen gewesenen Möglichkeiten, auf seine Umwelt zu reagieren, und die Zeitfolge der Realisierung dieser verschiedenen Möglichkeiten ist wesentlich durch die ursprüngliche Folge bestimmt; sie ist nach 2 so beschaffen, daft sie nur die durch Selektion übrig gebliebenen für die Art nützlichen Eigenschaften enthält, und in einer Reihen- folge aktualisiert, die gleichfalls durch den Gesichtspunkt der bio- logischen Zweckmäßigkeit für Individuum und Art ausgezeichnet ist; Koffka, Kinderpsychologie. 8 ^ ^^ Einige allgemeine Gesichtspunkte und Tatsachen der Entwicklung das lodividuum besitzt also nur eine Auswahl aus allen einmal vor- banden gewesenen Möglichkeiten, auf seine Umwelt zu reagieren, und die Zeitfolge ihrer Realisierung hängt nur von der Zweckmäßigkeit ab.
Nach 3 ist sie so beschaffen, da6 das Individuum sich aus primi- tivsten Anfängen entwickelt, und in jedem Stadium typische Beaktions- Formen der Umgebung gegenüber besitzt, die ganz allgemein der Entwicklungsstufe entsprechen, derart, dafi es primitive^ entwickeltere und hoch entwickelte Beaktions-Formen gibt, von einem gemein- samen Typus, gleichviel ob es sich um Onto- oder Phylogenese handelt Wenn wir Stelluog nehmen, so müssen wir vor allem den Um- stand betonen, daß die Theorie 3 sehr viel vorsichtiger ist als die beiden andern, sehr viel weniger im Sinne der Hypothese über das Tatsachen-Material hinausgeht und der weiteren Hypothesenbildung die Wege offen läftt. Das ist ein um so größerer Vorteil, als die Theorien der Entwicklung im allgemeinen und der Vererbung im besondem zurzeit höchst kontrovers und unbefriedigend sind. Theorie S enthebt uns der Entscheidung für irgend eine dieser Theorien, die doch ganz willkürlich ausfallen mü&te, und erhält dabei unser Interesse an dem zu erklärenden Sachverhalt rege. Ja, wenn wir unter dem Ge- sichtspunkte dieser Theorie konkrete Forschungs- Ergebnisse ge- wonnen haben^ werden diese zur weiteren Hypothesen -Bildung dienen können. Und da, wo es sich um konkrete Forschung handelt, z. B. bei der Sprache nimmt auch W. Stern diesen Standpunkt ein, wenn er von «genetischen Parallelen^ spricht*').
Die erste Theorie und ihre Auswüchse, die dem Leser wohl schon aus unserer Darstellung kenntlich geworden sind, ist viel be- kämpft worden'^), am energischsten, wie schon erwähnt, in dem groien Werk von Thomdike, in dem der Autor mit Recht auf die mangelhafte und oft widerspruchsvolle Art der Beweisführung hin- weist. Auf ihrer Haupt-Domäne, dem Spiel, wird sie auch von Stern zurückgewiesen, als richtigen Kern sieht er nur, „daß jede seelische Entwicklung — im Individuum wie in der Menschheit — gewissen Sukzessionsgesetzen folge, nach denen primitive und grob- zügige Lebensformen den komplizierteren und differenzierteren voran- gehen, und daß deshalb das kindliche Spiel manche Analogien zu dem Verhalten niederer menschlicher Entwicklungsstufen zeige '''^). Das ist aber nichts anders als die 3. Theorie").
Die 2. Theorie ist viel zu sehr an spezielle Hypothesen gebunden, als dag wir Grund hätten, uns ihr anzuschließen, sie steht und fällt mit dem Neudarwinismus.
Als Konsequenz ergibt sich, man lasse die Theorien 1 und 2 bei- seite und fördere möglichst viele Tatsachen, die für die 3. Theorie Tempo und Rhythmus der Entwicklung ^^ fruchibar zu machen sind. So wird man immer versuchen, Ergeb- nisse eines Zweigs der Entwicklungsforschung durch solche eines anderen Zweigs zu stützen, zu kontrollieren, zu ergänzen, z. B. Kinder- Psychologie durch Volker-Psychologie u. a., aber man wird nicht dogmatisch Gleichförmigkeiten und Abhängigkeiten konstruieren. Hat man genügend Material, dann wird man auch an das Problem der Abhängigkeit herangehen können, das natürlich besteht*') und durch unsere Stellungnahme auch in keiner Weise herabgesetzt sein soll.
4^ Tempo und Rhythmus der Entwicklung« Die Entwicklung, die Aufeinanderfolge der einzelnen Stadien, ist von der Erb- Anlage bedingt, wenn auch nicht allein durch sie (vgl*, u. § 5). Dies gilt nicht nur für die Struktur als ganzes, sondern auch für ihre Dynamik und Rhythmik. Auch für diese liegt ein wesentliches Bedingungs-Moment in der Anlage. Uns interessiert hier, daß die Anlage in dieser Hinsicht stark variieren kann, mithin auch die Entwicklung. Tatsächlich wird man die Unterschiede der Anlage nur daraus erschließen können, dafi verschiedene Individuen in gleicher Umgebung, gleichem Milieu, sehr verschiedene Formen von Entwicklung zeigen. So gibt es Individuen mit sehr schnellem, andere mit sehr langsamem Entwicklungs- Tempo, mit gleich- mäßigerem oder weniger gleichmäßigem. Anfängliches langsames Fortschreiten kann durch eine Periode besonders schneller Ikitwick- lung abgelöst werden, u. a. kann eine stürmische Entwicklung ganz plötzlich versanden, ein Beispiel die Wunder*Einder, die viel ver- sprechen und wenig halten. Solche Unterschiede werden im all- gemeinen wirkliche Unterschiede der Anlage sein, freilich kann auch ein Milieu, das das Kind dauernd vor neue und wenig kindliche Auf- gaben stellt, die Entwicklung beschleunigen und zu Frühreife führen, und umgekehrt kann ein Milieu, das dem Kind gar keinen Anreiz zur Betätigung bietet, sich als schweres Entwicklungs-Hemmnis er- weisen.
Was eben über die ganze Entwicklung und ihr Tempo gesagt wurde, das Vorhandensein starker Schwankungen, die hier als in- dividueUe Differenzen auftreten, das gilt auch innerhalb der Einzel- Entwicklung des Individuums; auch hier gibt es Schwankungen des Tempos, einen Entwicklungs-Rhythmus, so daß Zeiten, in denen äußerlich sehr wenig von einem Fortschritt zu merken ist, mit anderen abwechseln, in denen die Entwicklung ein schnelles Tempo anschlägt. Man darf die relativ ruhigen Epochen aber nicht als solche des Stillstands auffassen, in ihnen zeigt die Entwicklung nur eine andere Form, aber der überraschend schnelle Fortschritt in^den Digitized tg!Doogl( z^ Einige allgemeine QesichUpunkte und Tatsachen der Entwicklung andern Epochen wäre gar nicht möglich, wenn das Kind nicht auch in den Ruhe-Stadien eine gewaltige Arbeit geleistet hätte; man könnte im Gleichnis von der Anhäufung großer Mengen von poten- tieller Energie sprechen, die dann plötzlich in Arbeit leistende Energie Übergehen.
Endlich ist zu sagen, da]& der Rhythmus der Entwicklung bei einem und demselben Individuum nicht für alle seine Funktionen der gleiche ist. Es gibt immer Epochen, in denen ein Funktionen- Komplex in besonders lebhafter Entwicklung begriffen ist, während die Übrigen relative Ruhe zeigen. Ja durch solche Bevorzugung be- stimmter Leistungen könnte man ganze Altersstufen charakterisieren, wenn die Forschung einmal im Besitze ausgiebigerer und sicherer Daten sein wird.
Bemerken wir noch, daß auch die Entwicklungs- Rhythmen großen individuellen Schwankungen unterliegen, so leuchtet ein, daß der Zeitpunkt des Eintretens irgend einer Leistung von Individuum KU Individuum ganz gewaltig verschieden sein kann, alle Alters- Angaben haben daher für eine Yerallgemeinerung nur einen sehr un- gefähren Wert. Relative Angaben^ früher und später, haben vor- läufig wenigstens größeres Interesse als die absoluten.
6. Anlage und Milieu.
Wir sahen uns schon mehrfach auf einen neben der Erb« Anlage wirksamen Bedingungs*Komplex für die Entwicklung hingewiesen, auf die Umwelt, das Milieu. Es erhebt sich die Frage, wie verhalten sich diese beiden Faktoren zueinander? Auch diese Frage, die von weitesten philosophischen, ethischen, soziologischen, pädagogischen Konsequenzen begleitet ist, kann hier nicht gelöst werden. Es sei nur erinnert, daß sich die zwei Richtungen gegenüberstehen, die Yer- erbungs- und die Milieu-Theorie; nach jener ist die Entwicklung in allem WesentUchen diurch die Erb- Anlage, nach dieser durch die Um- welt bestimmt, und dieser Gegensatz findet sich in der Psychologie wieder als Gegensatz von Nativismus und Empirismus, wo die Be- schaffenheit unserer Wahrnehmungen, speziell der räumhchen, als an- geborene Funktionen oder als Erfahrungs-Produkte gelten.
Demgegenüber vertritt Stern einen Standpunkt, den er als „Kon- vergenz-Theorie" bezeichnet, und der einen Kern seiner Philosophie der Persönlichkeit bildet. „Seelische Entwicklung ist nicht ein bloßes Hervortreten-Lassen angeborener Eigenschaften, aber auch nicht ein bloßes Empfangen äußerer Einwirkungen, sondern das Ergebnis einer Konvergenz innerer Angelegtheiten mit äußeren Entwicklungsbe- dingungen...Bei keiner Funktion oder Eigenschaft dürfte man Google Geistige und körperliche Entwicklung z^ fragen: „Stammt sie von außen oder von innen?^ sondern: „Was an ihr stammt von aufien mid was von innen?**; denn stets wirkt beides an ihrem Zustandekommen mit, nur jeweils mit verschiedenen Anteüen«*^).
Daß wir uns hier auf keine der beiden extremen Theorien fest- legen können^ ist von vornherein klar. Haben wir doch als eine wesentliche Form der Entwicklung das Lernen betrachtet, und das Lernen ist eine Reaktion des Individuums gegenüber einer be- stimmten Umwelt, die durch die Erb-Anlage jedenfalls nicht ein- deutig festgelegt war. Wir werden vor allem studieren müssen^ worin das Wesen des Lernens besteht. Mir scheint, daß man vor- her überhaupt nicht zu klarer Fragestellung kommen kann, dafi daher auch die letzte Entscheidung zwischen psychologischem Empirismus und Nativismus nicht fallen konnte, weil das Problem der Er&hrung selbst, des Lernens nicht gelöst war, ja meist gar nicht als Problem gefühlt wurde.
Unser Standpunkt ist hiermit gekennzeichnet, wir wollen, un- bekünunert um jede Theorie das Problem erforschen, das u. E* der ganzen Theorie-Bildung zugrunde liegt. Der Begriff der Konvergenz weist zun&chst nur auf diese Aufgabe hin; um sie zu lösen^ mu6 er selbst erst genauer bestinmit worden sein. Denn wir wissen ja nicht, was das heifit: ^eine Leistung stammt von außen'*.
6. Geistige und körperliehe Entwicklung. Die geistige Entwicklung geht in der Natur Hand in Hand mit einer Entwicklung des körperlichen Organismus. Mit den allgemeinsten Zusanmienhängen, die hier obwalten, wollen wir uns noch kurz be- schäftigen. Einige wenige anatomisch-physiologische Bemerkungen seien vorausgeschickt. Im vorigen Kapitel (S. 15—16) haben wir schon eine ganz grobe Beschreibung und Einteiluag der nervösen Zentral-Organe geliefert, vor allem den Unterschied von Ur- und Neu- Hirn klargelegt. Wir wollen jetzt unsere Skizze ergänzen, indem wir mehr ins Kleine geben, den mikroskopischen Bau des Systems ins Auge fassen. Wir stellen uns hiermit aber nicht die Angabe, den Leser über die vorliegenden Verhältnisse wirklich zu informieren, das ist Sache anderer Werke'"), es soll nur an das Wichtigste er- innert, späteren Betraebtongen ein fester Boden vorbereitet werden. Als Vermittler zwischen Sinnes- und 2ientral-0rgan einerseits, Zentral- Organ und Muskeln anderarseits fanden wir die Nerven. Das sind Stränge von sehr verschiedener, oft ganz beträchtlicher Länge und auch ganz ansehnlicher Dicke, die von einem schützenden und iso- lierendem Gewebe umschlossen werden. Solch ein Nerv ist nun Google zg Einige allgemeiae Gesichtspunkte und Tatsachen der Entwicidung kein einheitliches Gebilde, sondern enthält eine grofie Zahl einzelner, wieder gegeneinander isolierter Fasern, die erst die eigentlichen Träger des Leituogs-Vorgangs sind. Erst für diese Fasern läftt sich auch die Einteilung in sensible und motorische (s. o.) streng durch- fahren, denn es gibt Nerven, die Fasern beiderlei Art enthalten, wie schon der Nervus Trigeminus, der 6. Hirn-Nerv, der die Haut- Sensibilität des Kopfes vermittelt und die Eau-Muskulatur innerviert, oder gar der Nervus Vagus, der 10. Hirn-Nerv, der die mannig- fachsten Funktionen verrichtet, u. a. auch für die Regulation von Atmung, Zirkulation und Verdauung mit in Betracht kommt. Jede Faser ffir sich hat aber nur entweder sensible oder motorische Funktion, sie führt entweder von der Peripherie zum Zentrum, oder vom Zentrum zur Peripherie, man unterscheidet dementsprechend auch zentripetale und zentrifugale Fasern. Diese Fasern sind aber keine selbständigen Elemente. Jede Faser führt zu einer Nerven- oder Ganglien- Zelle; die Ganglien Zellen zeigen ungeheure Unter- schiede in Bau und Größe. Gemeinsam ist ihnen, da& sie alle eine mehr oder weniger grofie Anzahl von Fortsätzen haben, von denen der eine, Axenzylinder oder Neurit genannt, dasjenige Gebilde ist, das wir schon als Nervenfaser kennen gelernt haben. An seinem Ende spaltet sich der Neurit in ein feines Geäst auf, tlas sich an Muskel-Fasern oder an andere Fortsätze neuer Ganglienzellen eng anlegt. Aufter dem Axenzylinder entsendet die Ganglienzelle nämlich noch andere Fortsätze, die meist viel kürzer und sehr zahlreich sind und häufig ein Flechtwerk der feinsten Verästelungen bilden, an die oben die Aufsplitterungen des Axenzylinders einer andern Ganglien- Zelle herantreten. Man hat nun feststellen können, dafi in vielen Beziehungen die Ganglien-Zelle mit ihren sämtlichen Fortsätzen eine Einheit bildet, die man nach dem Vorgang von Waldeyer als Neuron bezeichnet. Man kann dann das ganze Nerven-System auf- fassen als ein System zahlloser miteinander verknüpfter Neuronen. Ob die Verbindung zwischen zwei Neuronen durch blo6e Berührung in den Faser-Geflechten erfolgt, oder ob die Fibrillen, die wieder in der Mikrostruktur der Fasern erkennbar werden, eine kontinuierliche Verbindung von Neuron zu Neuron herstellen, das ist eine Frage, die lange Zeit sehr eingehend diskutiert worden und auch beute noch nicht entschieden ist. Das Neuron kann unbeschadet dieser Entscheidung doch als Einheit gelten.
Wir haben bisher zentripetale und zentrifugale Bahnen unter- schieden, wir müssen jetzt noch eine dritte Sorte von Fasern hinzu- fügen, solche nämlich, die einen Himteil mit einem andern verbinden. «Die letzteren, die Fibrae propriae der Rinde, sind an ausge* Google Geistige und körperliche Bntwicklung ^^ wachseaen Gehirnen ungemein zahlreich, überall spannen sie sich von Windung zu Windung, zur zunäcbstliegenden und zu entfernteren, ganze Lappen verbinden sie untereinander"*').
Auch die beiden Hemisphären werden durch mehrere Stränge solcher Fasern, Gommissuren genannt, miteinander verbunden» von denen der grOMe, der Balken, auf jedem Median-Schnitt eines Ge- hirns sofort in die Augen springt Wir kommen jetzt zu unserem eigentlichen Thema, dem Zu- sammenhang zwischen körperlicher und geistiger Entwicklung und besprechen es zunächst unter dem phylogenetischen Gesichts- punkt.
A. „Wer den Bau des Gehirnes in der Tierreihe kennt, wird zu der Überzeugung gekommen sein, dafi das Auftreten neuer Fähig- keiten immer an das Auftreten neuer Hirnteile oder an die Ver- gröfierung vorhandener gebunden ist^, so formuliert Edinger^*) das Ergebnis seiner langjährigen Untersuchungen, das ihm zu einem Forschungs-Prinzip geworden ist. In der Reihe der Wirbel-Tiere, in der sich, wie wir oben sahen, allmählich zum Urhim das Neuhim gesellt, sucht er die Funktion zu bestinmien, die diesem neuen Organ zukonunt, indem er die mit seiner Vergrößerung parallel gehende Veränderung der Leistung verfolgt. Zum Unterschied: Urhirn — Neu- him und den entsprechenden Handlungen tritt am oberen Ende der Reihe nach Edinger noch ein weiterer. Die Leistungsfähigkeit nimmt enorm zu und zwar, nach Edingers Ansicht, in einer qualitativ neuen Richtung, die Handlungen der Tiere sehen mehr und mehr „intelligent^ aus. Und parallel mit dieser Leistungs- Änderung sieht Edinger eine zunehmende Veränderung in der Morphologie des Gehirns, eine be- ständige Zunahme der Felder, die zwischen und vor den Sinnes- Zentren liegen, und des mächtigen diese zusammenordnenden Appa- rates der intercortikalen Bahnen. Von diesen Feldern sind die vom im Stirn-Teil des Gehirns angesanmielten der Untersuchung leicht zugänglich, und wirklich, diese Ansanmüung „nimmt deutlich zu an Gröfie im Mafie, wie das Tier seine Wahmehmungen und Hand- lungen von der Intelligenz fahren lassen kann^ *^). Der Mensch ist durch Gröfie des Stirn-Lappens ganz besonders ausgezeichnet. Ver- kümmerung des Stim-Lappens geht immer Hand in Hand mit Idiotie.
Dafi Edinger hier ein fruchtbares heuristisches Prinzip gefunden und mit Erfolg ausgenutzt hat, unterliegt keinem Zweifel, auch wenn man, wie dies im Verlauf dieser Schrift geschehen wird, über das Wesen der Leistungen, besonders auch der Intelligenz, und damit über die Art der Funktion, den die Hirn- Teile verrichten, zu andern Auffassungen gelangt als er.
Google ^O Einige allgemeine Gesichtspunkte und Tatsachen der Entwicklung B. Wfthrend in der aufsteigenden Reihe der Wirbeltiere das Neu- hirn und die neencephalen Leistungen immer mehr zunehmen, gilt der Satz, dafi gleichzeitig die Selbständigkeit des Urhims zurückgeht. Je höher ein Tier in dieser Reihe steht^ um so weniger kann es ohne Meuhim leisten. Man hat Tieren das Großhirn herausgeschnitten, sie am Leben erhalten und ihr Verhalten beobachtet Beim Menschen ist man auf die unglücklichen Fälle von Mißgeburten angewiesen, von denen eine ganze Reihe in der Literatur bekannt sind» welche jedoch kaum die ersten Tage überlebten.
Ein einziger Fall ist bekannt, in dem ein völlig grofihimloser Mensch längere Zeit, nämlich 3'/« Jahre lang gelebt hat. Er ist von L. Edinger und B. Fischer berichtet^'). In der Zusammenfassung vergleichen diese Forscher das Verhalten dieses Kindes mit dem eines von Rothmann operierten Hundes, der auch noch über 3 Jahre ohne Großhirn lebte: »Der Hund lernte bald wieder laufen, ja eine Hürde überklettern, das Kind lag kontrahiert und fast bewegungs- los 3% Jahre da, es hat nie einen Versuch gemacht, sich auch nur aufzurichten. Es hat nie die Hände zum Greifen oder auch nur Halten benutzt. Nur im Gesicht bestand eine gewisse. Motilität; dieses wurde gelegentlich schmerzhaft verzogen, die Lippen wurden samt der Zunge beim Saugen und auch beim Einlöffeln von Nahrung benutzt. Der Hund, der anfangs auch wie das Kind gefüttert werden mußte, hat später so viel gelernt, daß es genügte, die Schüssel an seine Schnauze zu bringen, dann fraß er den Napf leer« Von der enormen Unruhe — Wegfall aller Hemmungen —, die das Tier beherrschte und zu ständigem Herumlaufen veranlaßte, war nichts bei dem Kinde zu sehen. Nur ein immerwährendes Schreien vom zweiten Jahre ab wurde notiert Dieses konnte durch Anpressen besonders des Kopfes gestillt werden.
Urin- und Kotentleerung, die bei dem Hunde in den normalen Stellungen vor sich gingen, erfolgten bei dem Kinde ohne daß es eine andere Lage einnahm, es verriet durch nichts, wenn es naß war.
Bei dem Hunde wechselte Schlaf mit Wachen, das Kind scheint ziemlich immer geschlafen zu haben.
Der Hund schmeckte, roch, hörte nicht mehr, ebenso ließ sich Sehen nicht feststellen. Ebenso war es bei dem Kinde, und es be- standen hier auch wie bei dem Tiere optische Reflexe, das Auge wurde auf Lichteinfall gelegentlich krampfhaft geschlossen.
Es war nicht möglich, irgend eine seelische Reaktion zu finden, zu dem Kinde in Beziehung zu treten oder gar es etwas zu lehren. Das letztere gelang bei dem Hunde bis zu gewissem Grade. Jener hatte auch Stimmungen, Wutanfälle, behagliche Buhe**^').
Google Geistige und körperliche Entwicklung ^I Wir werden im nfichsten Kapitel auf das gro^himlose Kind zurackkommen, hier zeigt uns die zitierte Stelle deutlich, wie viel leistungsfähiger die gleichen palaeencephalen Hirn-Teile beim Hunde sind als beim Menschen, wie viel mehr der Mensch von seinem Neuhim abhängt als der Hund. Bedenken wir nun, wie doch aber auch der Hund ganz enorm in seiner Leistungsfähigkeit herabgesetzt war, einem Fisch, der mit dem Urhirn allein auskommt, weit unter» legen, dann werden wir aus diesem Beispiel eine volle Bestätigung unserer Anfangs-These entnehmen. Wir erinnern hier an die in § 2 dieses Kapitels mitgeteilte Tatsache, daß der Mensch von allen Tieren am hilflosesten auf die Welt kommt und die längste Kindheit hat. Zwischen diesen und der jetzt besprochenen Tatsache mufi ein Zusammenhang bestehen.
Das führt uns zum ontogenetischen Gesichtspunkt, Bei der Geburt ist das menschliche Gehirn zwar makroskopisch fertig, seine mikroskopische Struktur aber noch nicht. Die größte Zahl der Fasern besitzt nämlich zur Zeit der Greburt noch keine Markscheide» ist daher noch nicht funktionstüchtig. Der Reifangs-Prozefi der Fasern dauert durch die ersten Lebens-Monate. Zunächst umgeben sich hauptsächlich solche Fasern mit Mark, die von der Rinde nach ab- wärts ziehen — von deren Funktion die willkürliche Bewegung der Glieder abhängt — dann auch solche Züge, die einzelne Rinden-Gre- biete miteinander verknüpfen. Das Neuhirn des Neugeborenen ist also noch in ganz unfertigem Zustand, und auf Grund der Einsicht» die wir im vorigen Abschnitt gewonnen haben, können wir jetzt diese Tatsache mit der Hilflosigkeit des Menschen bei der (Geburt in Be- ziehung setzen. Ist doch der Mensch weit mehr als jedes Tier ge- rade auf die Funktion des Neuhims angewiesen. Indessen ist das menschliche (Tehim bei der Geburt schon relativ sehr groß und schwer. Das Him-Grewicht beträgt schon über SOG g, ungefähr den vierten Teil des Gewichts vom Erwachsenen, ist also im Verhältnis zum Gesamt-KOrper-Gewicht viel schwerer als beim Erwachsenen» wie folgende Zahlen dartun