SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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gezogen und etwa die Spanier, die Türken und Alt- griechen zur Inscenirung des schönen Fleisches zusammen- gekoppelt: so entdeckt man endlich immer wieder, dass man sich doch nicht zum Besten auf seinen Vortheil verstanden habe; dass, um auf die Männer Wirkung zu machen, das Versteckspielen mit dem schönen Leibe glücklicher sei als die nackte und halbnackte Ehrlich- keit — und nun dreht sich das Rad des Geschmacks und der Eitelkeit einmal wieder in entgegengesetzter Rich- tung: die etwas älteren jungen Frauen finden, dass ihr Reich gekommen sei, und der Wettkampf der lieblichsten und absurdesten Geschöpfe tobt wieder von Neuem. Je mehr aber die Frauen innerlich zunehmen und nicht mehr unter sich, wie bisher, den unreifen Altersclassen den Vorrang zugestehen, um so geringer werden diese Schwankungen ihrer Tracht, um so einfacher ihr Putz: über welchen man billigerweise nicht nach antiken Mustern das Urtheil sprechen darf, also nicht nach -dem Maass- stabe der Gewandung südländischer See- Anwohnerinnen, sondern in Berücksichtigung der klimatischen Beding- ungen der mittleren und nördlichen Gegenden Europa's, derer nämlich, in welchen jetzt der geist- und former- findende Genius Europa's seine liebste Heimath hat. — Im Ganzen wird also gerade nicht das Wechselnde das charakteristische Zeichen der Mode und des Modernen sein, denn gerade der Wechsel ist etwas Rück- ständiges und bezeichnet die noch ungereiften männ- lichen und weiblichen Europäer: sondern die Ablehnung der nationalen, ständischen und individuellen Eitelkeit. Dem entsprechend ist es zu loben, weil es kraft- und zeitersparend ist, wenn einzelne Städte und Gegenden Europa's für alle übrigen in Sachen der Klei- dung denken und erfinden, in Anbetracht dessen, dass der Formensinn nicht Jedermann geschenkt zu sein pflegt; auch ist es wirklich kein allzu hochfliegender Ehrgeiz, wenn zum Beispiel Paris, so lange jene Schwankungen noch bestehen, es in Anspruch nimmt, der alleinige Er- finder und Neuerer in diesem Reiche zu sein. Will ein Deutscher, aus Hass gegen diese Ansprüche einer franzö- sischen Stadt, sich anders kleiden, zum Beispiel so wie Al- brecht Dürer sich trug, so möge er erwägen, dass er ein Costüm hat, welches ehemalige Deutsche trugen, welches aber die Deutschen ebensowenig erfunden haben — es hat nie eine Tracht gegeben, welche den Deutschen als Deutschen bezeichnete; übrigens mag er zusehen, wie er aus dieser Tracht herausschaut und ob etwa der ganz moderne Kopf nicht mit aller seiner Linien- und Fältchen- schrift, welche das neunzehnte Jahrhundert hineingrub, gegen eine Dürerische Bekleidung Einsprache thut. — Hier, wo die Begriffe „modern" und „europäisch" fast gleich gesetzt sind, wird unter Europa viel mehr an Länderstrecken verstanden, als das geographische Europa, die kleine Halbinsel Asien's, umfasst: namentlich gehört Amerika hinzu, soweit es eben das Tochterland unserer Cultur ist. Andererseits fällt nicht einmal ganz Europa unter den Cultur-Begriff „Europa"; sondern nur alle jene Völker und Völkertheile, welche im Griechen- Römer- Juden- und Christenthum ihre gemeinsame Vergangenheit haben.

Die „deutsche Tugend". — Es ist nicht zu leugnen, dass vom Ausgange des vorigen Jahrhunderts an ein Strom moralischer Erweckung durch Europa floss. Damals erst wurde die Tugend wieder beredt; sie lernte es, die ungezwungenen Gebärden der Erhebung, der Rührung finden, sie schämte sich ihrer selber nicht mehr und ersann Philosophien und Gedichte zur eigenen Ver- herrlichung. Sucht man nach den Quellen dieses Stromes: so findet man einmal Rousseau, aber den mythischen Rousseau, den man sich nach dem Eindrucke seiner Schriften — fast könnte man wieder sagen: seiner mythisch ausgelegten Schriften — und nach den Fingerzeigen, die er selber gab, erdichtet hatte ( — er und sein Publicum arbeiteten beständig an dieser Idealfigur). Der andere Ursprung liegt in jener Wiederauferstehung des stoisch- grossen Römerthums, durch welches die Franzosen die Aufgabe der Renaissance auf das Würdigste weiterge- führt haben — sie giengen von der Nachschöpfung antiker Formen mit herrlichstem Gelingen zur Nachschöpfung antiker Charaktere über: so dass sie ein Anrecht auf die allerhöchsten Ehren immerdar behalten werden, als das Volk, welches der neuen Menschheit bisher die besten Bücher und die besten Menschen gegeben hat. Wie diese doppelte Vorbildlichkeit, die des mythischen Rous- seau und die jenes wiedererweckten Römergeistes, auf die schwächeren Nachbarn wirkte, sieht man namentlich an Deutschland: welches in Folge seines neuen und ganz ungewohnten Aufschwungs zu Ernst und Grösse des Wollens und Sich -Beherrschens zuletzt vor seiner eigenen neuen Tugend in Staunen gerieth und den Be- griff „deutsche Tugend" in die Welt warf, wie als ob es nichts Ursprünglicheres, Erbeigeneres geben könnte als diese. Die ersten grossen Männer, welche jene franzö- sische Anregung zur Grösse und Bewusstheit des sitt- lichen Wollens auf sich überleiteten, waren ehrlicher und vergassen die Dankbarkeit nicht. Der Moralismus Kant's — woher kommt er? Er giebt es wieder und wieder zu verstehen: von Rousseau und dem wiedererweckten stoischen Rom. Der Moralismus Schiller's: gleiche Quelle, gleiche Verherrlichung der Quelle. Der Moralismus Beethoven's in Tönen: er ist das ewige Loblied Rous- seau's, der antiken Franzosen und Schiller's. Erst „der deutsche Jüngling" vergass die Dankbarkeit, inzwischen hatte man ja das Ohr nach den Predigern des Franzosen- hasses hingewendet: jener deutsche Jüngling, der eine Zeitlang mit mehr Bewusstheit, als man bei anderen Jünglingen für erlaubt hält, in den Vordergrund trat. Wenn er nach seiner Vaterschaft spürte, so mochte er mit Recht an die Nähe Schiller's Fichte's und Schleier- macher's denken: aber seine Grossväter hätte er in Paris, in Genf suchen müssen, und es war sehr kurz- sichtig zu glauben, was er glaubte: dass die Tugend nicht älter als dreissig Jahre sei. Damals gewöhnte man sich daran, zu verlangen, dass beim Worte „deutsch" auch noch so nebenbei die Tugend mitverstanden werde: und bis auf den heutigen Tag hat man es noch nicht völlig verlernt. — Nebenbei bemerkt, jene genannte moralische Erweckung hat für die Erkenntniss der moralischen Erscheinungen, wie sich fast errathen lässt, nur Nachtheile und rückschreitende Bewegungen zur Folge gehabt. Was ist die ganze deutsche Moralphilo- sophie, von Kant an gerechnet, mit allen ihren französischen, englischen und italiänischen Ausläufern und Nebenzüglern? Ein halbtheologisches Attentat gegen Helvetius, ein Abweisen der lange und mühsam er- kämpften Freiblicke oder Fingerzeige des rechten Weges, welche er zuletzt gut ausgesprochen und zusammen- gebracht hat. Bis auf den heutigen Tag ist Helvetius in Deutschland der bestbeschimpfte aller guten Moralisten und guten Menschen.

Classisch und romantisch. — Sowohl die clas- sisch als die romantisch gesinnten Geister — wie es diese beiden Gattungen immer giebt — tragen sich mit einer Vision der Zukunft: aber die ersteren aus einer Stärke ihrer Zeit heraus, die letzteren aus deren Schwäche.

Die Maschine als Lehrerin. — Die Maschine lehrt durch sich selber das Ineinandergreifen von Menschen- haufen, bei Actionen, wo Jeder nur Eins zu thun hat: sie giebt das Muster der Partei - Organisation und der Kriegsführung. Sie lehrt dagegen nicht die individuelle Selbstherrlichkeit: sie macht aus Vielen Eine Maschine, und aus jedem Einzelnen ein Werkzeug zu Einem Zwecke. Ihre allgemeinste Wirkung ist: den Nutzen der Centralisation zu lehren.

Nicht sesshaft. — Man wohnt gerne in der kleinen Stadt; aber von Zeit zu Zeit treibt gerade sie uns in die einsamste unenthüllteste Natur: dann nämlich, wenn jene uns einmal wieder zu durchsichtig geworden ist. Endlich gehen wir, um uns wieder von dieser Natur zu erholen, in die grosse Stadt. Einige Züge aus derselben, und wir errathen den Bodensatz ihres Bechers — der Kreislauf, mit der kleinen Stadt am Anfange, beginnt von Neuem. — So leben die Modernen: welche in Allem etwas zu gründlich sind, um sesshaft zu sein gleich den Menschen anderer Zeiten.

Reaction gegen die Maschinen-Cultur. — Die Maschine, selber ein Erzeugniss der höchsten Denkkräfte, setzt bei den Personen, welche sie bedienen, fast nur die niederen gedankenlosen Kräfte in Bewegung. Sie entfesselt dabei eine Unmasse Kraft überhaupt, die sonst schlafen läge, das ist wahr; aber sie giebt nicht den Antrieb zum Höhersteigen, zum Bessermachen, zum Künstler werden. Sie macht thätig und einförmig — das erzeugt aber auf die Dauer eine Gegenwirkung, eine verzweifelte Langeweile der Seele, welche durch sie nach wechselvollem Müssiggange dürsten lernt.

Die Gefährlichkeit der Aufklärung. — Alles das Halbverrückte Schauspielerische Thierisch -Grausame Wollüstige und namentlich Sentimentale und Sich-selbst- Berauschende, was zusammen die eigentlich revolu- tionäre Substanz ausmacht und in Rousseau, vor der Revolution, Fleisch und Geist geworden war, — dieses ganze Wesen setzte sich mit perfider Begeisterung noch die Aufklärung auf das fanatische Haupt, welches durch sie selber wie in einer verklärenden Glorie zu leuchten begann: die Aufklärung, die im Grunde jenem Wesen so fremd ist und, für sich waltend, still wie ein Lichtglanz durch Wolken gegangen sein würde, lange Zeit zufrieden damit, nur die Einzelnen umzubilden: so dass sie nur sehr langsam auch die Sitten und Einrichtungen der Völker umgebildet hätte. Jetzt aber, an ein gewalt- sames und plötzliches Wesen gebunden, wurde die Auf- klärung selber gewaltsam und plötzlich. Ihre Gefährlichkeit ist dadurch fast grösser geworden als die befreiende und erhellende Nützlichkeit, welche durch sie in die grosse Revolutions-Bewegung kam. Wer diess begreift, wird auch wissen, aus welcher Vermischung man sie herauszuziehen, von welcher Verunreinigung man sie zu läutern hat: um dann, an sich selber, das Werk der Aufklärung fortzusetzen und die Revolution nach- träglich in der Geburt zu ersticken, ungeschehen zu machen.

Die Leidenschaft im Mittelalter. — Das Mittel- alter ist die Zeit der grössten Leidenschaften. Weder das Alterthum noch unsere Zeit hat diese Ausweitung der Seele: ihre Räumlichkeit war nie grösser, und nie ist mit längeren Maassstäben gemessen worden. Die physische Urwald -Leiblichkeit von Barbaren Völkern und die überseelenhaften überwachen allzuglänzenden Augen von christlichen Mysterien -Jüngern, das Kindlichste Jüngste und ebenso das Überreifste Altersmüdeste, die Rohheit des Raubthiers und die Verzärtelung und Aus- spitzung des spätantiken Geistes — Alles diess kam damals an Einer Person nicht selten zusammen: da musste, wenn Einer in Leidenschaft gerieth, die Strom- schnelle des Gemüthes gewaltiger, der Strudel verwirrter, der Sturz tiefer sein als je. — Wir neueren Menschen dürfen mit der Einbusse zufrieden sein, welche hier ge- macht worden ist.

Rauben und sparen. — Alle geistigen Bewegungen gehen vorwärts, in Folge deren die Grossen zu rauben, die Kleinen zu sparen hoffen können. Desshalb gieng die deutsche Reformation vorwärts.

Fröhliche Seelen. — Wenn auf Trunk Trunken- heit und eine übelriechende Art von Unflätherei auch nur von ferne hingewinkt wurde, dann wurden die Seelen der älteren Deutschen fröhlich — sonst waren sie verdrossen. Aber dort hatten sie ihre Art von Ver- ständniss-Innigkeit.

Das ausschweifende Athen. — Selbst als der Fischmarkt Athen's seine Denker und Dichter bekommen hatte, besass die griechische Ausschweifung immer noch ein idyllischeres und feineres Aussehen, als es je die römische und die deutsche Ausschweifung hatte. Die Stimme Iuvenal's hätte dort wie eine hohle Trompete geklungen: ein artiges und fast kindliches Gelächter hätte ihm geantwortet.

Klugheit der Griechen. — Da das Siegen- und ITervorragen-wollen ein unüberwindlicher Zug der Natur ist, älter und ursprünglicher als alle Achtung und Freude der Gleichstellung — so hat der griechische Staat den gymnastischen und musischen Wettkampf innerhalb der Gleichen sanctionirt, also einen Tummelplatz abgegrenzt, wo jener Trieb sich entladen konnte, ohne die politische Ordnung in Gefahr zu bringen. Mit dem endlichen Verfalle des gymnastischen und musischen Wettkampfes gerieth der griechische Staat in innere Unruhe und Auflösung.

„Der ewige Epikur." — Epikur hat zu allen Zeiten gelebt und lebt noch, unbekannt Denen, welche sich Epikureer nannten und nennen, und ohne Ruf bei den Philosophen. Auch hat er selber den eignen Namen vergessen: es war das schwerste Gepäck, welches er je abgeworfen hat.

Stil der Überlegenheit. — Die Sprechweise des deutschen Studenten hat ihren Ursprung unter den nicht - studierenden Studenten, welche eine Art von Ubergewicht über ihre ernsteren Genossen dadurch zu erlangen wissen, dass sie an Bildung Sittsamkeit Ge- lehrtheit Ordnung Mässigung alles Maskeradenhafte auf- decken und die Worte aus jenen Bereichen zwar fort- während ebenso im Munde führen, wie die Besseren Gelehrteren, aber mit einer Bosheit im Blicke und einer begleitenden Grimasse. In dieser Sprache der Überlegenheit — der einzigen, die in Deutschland ori- ginal ist — reden nun unwillkürlich auch die Staats- männer und die Zeitungs-Kritiker: es ist ein beständiges ironisches Citiren, ein unruhiges unfriedfertiges Schielen des Auges nach Rechts und Links, ein Gänsefüsschen- und Grimassen-Deutsch.

Die Vergrabenen. — Wir ziehen uns in's Ver- borgene zurück: aber nicht aus irgend einem persön- lichen Missmuthe, als ob uns die politischen und socialen Verhältnisse der Gegenwart nicht genugthäten, sondern Nietzsche, Werke Band III. 2I weil wir durch unsere Zurückziehung Kräfte sparen und sammeln wollen, welche später einmal der Cultur ganz dringend noth thun werden, je mehr diese Gegenwart diese Gegenwart ist und als solche ihre Aufgabe er- füllt. Wir bilden ein Capital und suchen es sicher zu stellen: aber, wie in ganz gefährlichen Zeiten, dadurch dass wir es vergraben.

Tyrannen des Geistes. — In unserer Zeit würde man Jeden, der so streng der Ausdruck Eines mora- lischen Zuges wäre, wie die Personen Theophrast's und Moliere's es sind, für krank halten und von „fixer Idee" reden. Das Athen des dritten Jahrhunderts würde uns, wenn wir dort einen Besuch machen dürften, wie von Narren bevölkert erscheinen. Jetzt herrscht die Demo- kratie der Begriffe in jedem Kopfe — viele zu- sammen sind der Herr: Ein einzelner Begriff, der Herr sein wollte, heisst jetzt wie gesagt „fixe Idee". Diess ist unsere Art, die Tyrannen zu morden, — wir winken nach dem Irrenhause hin.

Gefährlichste Auswanderung. — In Russland giebt es eine Auswanderung der Intelligenz: man geht über die Grenze, um gute Bücher zu lesen und zu schreiben. So wirkt man aber dahin, das vom Geiste verlassene Vaterland immer mehr zum vorgestreckten Rachen Asiens zu machen, der das kleine Europa ver- schlingen möchte.

Die Staats - Narren. — Die fast religiöse Liebe zum Könige gieng bei den Griechen auf die Polis über, als es mit dem Königthum zu Ende war. Und weil ein Begriff mehr Liebe erträgt als eine Person und nament- lich dem Liebenden nicht so oft vor den Kopf stösst, wie geliebte Menschen es thun ( — denn je mehr sie sich geliebt wissen, desto rücksichtsloser werden sie meistens, bis sie endlich der Liebe nicht mehr würdig sind, und wirklich ein Riss entsteht), so war die Polis- und Staats- Verehrung grösser als irgend je vorher die Fürsten -Ver- ehrung. Die Griechen sind die Staats-Narren der alten Geschichte — in der neueren sind es andere Völker.

Gegen die Vernachlässigung der Augen. — Ob man nicht bei den gebildeten Classen England's, welche die Times lesen, alle zehn Jahre eine Abnahme der Sehkraft nachweisen könnte?

Grosse Werke und grosser Glaube. — Jener hatte die grossen Werke, sein Genosse aber hatte den grossen Glauben an diese Werke. Sie waren unzertrenn- lich: aber ersichtlich hieng der Erstere völlig vom Zweiten ab.

Der Gesellige. — „Ich bekomme mir nicht gut" sagte Jemand, um seinen Hang zur Gesellschaft zu erklären. „Der Magen der Gesellschaft ist stärker als der meinige, er verträgt mich," Augen-Schliessen des Geistes. — Ist man geübt und gewohnt, über das Handeln nachzudenken, so muss man doch beim Handeln selber (sei dieses selber nur Briefschreiben oder Essen und Trinken) das innere Auge schliessen. Ja, im Gespräch mit Durchschnittsmenschen muss man es verstehen, mit geschlossenen Denker- Augen zu denken, — um nämlich das Durchschnitts-Denken zu erreichen und zu begreifen. Dieses Augen-Schliessen ist ein fühlbarer, mit Willen vollziehbarer Act.

Die furchtbarste Rache. — Wenn man sich durchaus an einem Gegner rächen will, so soll man so lange warten, bis man die ganze Hand voll Wahrheiten und Gerechtigkeiten hat und sie gegen ihn ausspielen kann, mit Gelassenheit: so dass Rache üben mit Gerechtig- keit üben zusammenfällt. Es ist die furchtbarste Art der Rache: sie hat keine Instanz über sich, an die noch appellirt werden könnte. So rächte sich Voltaire an Piron, mit fünf Zeilen, die über dessen ganzes Leben Schaffen und Wollen richten: soviel Worte, soviel Wahr- heiten; so rächte sich derselbe an Friedrich dem Grossen (in einem Briefe an ihn, von Ferney aus).

Luxus-Steuer. — Man kauft in den Läden das Nöthige und Nächste und muss es theuer bezahlen, weil man mitbezahlt, was dort auch feil steht, aber nur selten seine Abnehmer hat: das Luxushafte und Gelüstartige. So legt der Luxus dem Einfachen, der seiner enträth, doch eine fortwährende Steuer auf.

Warum die Bettler noch leben. — Wenn alle Almosen nur aus Mitleiden gegeben würden, so wären die Bettler allesammt verhungert.

Warum die Bettler noch leben. — Die grösste Almosenspenderin ist die Feigheit.

Wie der Denker ein Gespräch benutzt. — Ohne Horcher zu sein, kann man viel hören, wenn man versteht, gut zu sehen, doch sich selber für Zeiten aus den Augen zu verlieren. Aber die Menschen wissen ein Gespräch nicht zu benutzen; sie verwenden bei Weitem zu viel Aufmerksamkeit auf Das, was sie sagen und ent- gegnen wollen, während der wirkliche Hörer sich oft begnügt vorläufig zu antworten und Etwas als Ab- schlagszahlung der Höflichkeit überhaupt zu sagen, dagegen mit seinem hinterhaltigen Gedächtnisse Alles davonträgt, was der Andere geäussert hat, nebst der Art in Ton und Gebärde, wie er es äusserte. — Im ge- wöhnlichen Gespräche meint Jeder der Führende zu sein, wie als ob zwei Schiffe, die neben einander fahren und sich hier und da einen kleinen Stoss geben, beiderseits im guten Glauben dahinführen, ihr Nachbarschiff folge oder werde sogar geschleppt.

Die Kunst, sich zu entschuldigen. — Wenn sich Jemand vor uns entschuldigt, so muss er es sehr gut machen: sonst kommen wir uns selber leicht als die Schuldigen vor und haben eine unangenehme Empfindung.

Unmöglicher Umgang. — Das Schiff deiner Gedanken geht zu tief, als dass du mit ihm auf den Ge- wässern dieser freundlichen anständigen entgegenkom- menden Personen fahren könntest. Es sind da der Untiefen und Sandbänke zu viele: du würdest dich drehen und winden müssen und in fortwährender Verlegenheit sein; und Jene würden alsbald auch in Verlegenheit ge- rathen — über deine Verlegenheit, deren Ursache sie nicht errathen können.

Fuchs der Füchse. — Ein rechter Fuchs nennt nicht nur die Trauben sauer, welche er nicht erreichen kann, sondern auch die, welche er erreicht und Anderen vorweggenommen hat.

Im nächsten Verkehre. — Wenn Menschen auch noch so eng zusammengehören: es giebt innerhalb ihres gemeinsamen Horizontes doch noch alle vier Himmels- richtungen, und in manchen Stunden merken sie es.

Das Schweigen des Ekels. — Da macht Jemand als Denker und Mensch eine tiefe schmerzhafte Umwand- lung durch und legt dann öffentlich Zeugniss davon ab. Und die Hörer merken Nichts! glauben ihn noch ganz als den Alten! — Diese gewöhnliche Erfahrung hat manchen Schriftstellern schon Ekel gemacht: sie hatten die Intellectualität der Menschen zu hoch geachtet und gelobten sich, als sie ihren Irrthum wahrnahmen, das Schweigen an.

Geschäfts-Ernst. — Die Geschäfte manches Reichen und Vornehmen sind seine Art Ausruhens vom allzulangen gewohnheitsmässigen Müssiggang: er nimmt sie desshalb so ernst und passionirt, wie an- dere Leute ihre seltenen Müsse - Erholungen und -Lieb- habereien.

Doppelsinn des Auges. — Wie das Gewässer zu deinen Füssen eine plötzliche schuppenhafte Erzitterung überläuft, so giebt es auch im menschlichen Auge solche plötzliche Unsicherheiten und Zweideutigkeiten, wo man sich fragt: ist's ein Schaudern? ist's ein Lächeln? ist's Beides?

Positiv und negativ. — Dieser Denker braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber.

Die Rache der leeren Netze. — Man nehme sich vor allen Personen in Acht, welche das bittre Ge- fühl des Fischers haben, der nach mühevollem Tagewerk am Abend mit leeren Netzen heimfährt.

Sein Recht nicht geltend machen. — Macht ausüben kostet Mühe und erfordert Muth. Desshalb machen so Viele ihr gutes allerbestes Recht nicht geltend, weil diess Recht eine Art Macht ist, sie aber zu faul oder zu feige sind, es auszuüben. Nachsicht und Geduld heissen die Deckmantel -Tugenden dieser Fehler.

Lichtträger. — In der Gesellschaft wäre kein Sonnenschein, wenn ihn nicht die geborenen Schmeichel- katzen mit hineinbrächten, ich meine die sogenannten Liebenswürdigen.

Am mildthätigsten. — Wenn der Mensch eben sehr geehrt worden ist und ein wenig gegessen hat, so ist er am mildthätigsten.

Zum Lichte. — Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen. — Vor wem man glänzt, den lässt man gerne als Licht gelten.

Der Hypochonder. — Ein Hypochonder ist ein Mensch, der gerade genug Geist und Lust am Geiste besitzt, um sein Leiden, seinen Verlust, seine Fehler gründlich zu nehmen: aber sein Gebiet, auf dem er sich nährt, ist zu klein; er weidet es so ab, dass er endlich die einzelnen Hälmchen suchen muss. Da wird er end- lich zum Neider und Geizhals — und jetzt erst ist er unausstehlich.

Zurückerstatten. — Hesiod räth an, dem Nachbar, der uns ausgeholfen hat, mit gutem Maasse und wo- möglich reichlicher zurückzugeben, sobald wir es ver- mögen. Dabei hat nämlich der Nachbar seine Freude, denn seine einstmalige Gutmüthigkeit trägt ihm Zinsen ein; aber auch Der, welcher zurück giebt, hat seine Freude, insofern er die kleine einstmalige Demüthigung, sich aushelfen lassen zu müssen, durch ein kleines Über- gewicht, als Schenkender, zurückkauft.

Feiner als nöthig. — Unser Beobachtungssinn dafür, ob Andre unsere Schwächen wahrnehmen, ist viel feiner als unser Beobachtungssinn für die Schwächen Anderer: woraus sich also ergiebt, dass er feiner ist, als nöthig wäre.

Eine lichte Art von Schatten. — Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.

Sich nicht rächen? — Es giebt so viele feine Arten der Rache, dass Einer, der Anlass hätte sich zu rächen, im Grunde thun oder lassen kann, was er will: alle Welt wird doch nach einiger Zeit übereingekommen sein, dass er sich gerächt habe. Sich nicht zu rächen steht also kaum im Belieben eines Menschen: dass er es nicht wolle, darf er nicht einmal aussprechen, weil die Verachtung der Rache als eine sublime sehr empfindliche Rache gedeutet und empfunden wird. — Woraus sich ergiebt, dass man nichts Überflüssiges thun soll Irrthum der Ehrenden. — Jeder glaubt einem Denker etwas Ehrendes und Angenehmes zu sagen, wenn er ihm zeigt, wie er von selber genau auf den- selben Gedanken und selbst auf den gleichen Ausdruck gerathen sei; und doch wird bei solchen Mittheilungen der Denker nur selten ergetzt, aber häufig gegen seinen Gedanken und dessen Ausdruck misstrauisch: er be- schliesst im Stillen, beide einmal zu revidiren. — Man muss, wenn man Jemanden ehren will, sich vor dem Ausdruck der Übereinstimmung hüten: sie stellt auf ein gleiches Niveau. — In vielen Fällen ist es die Sache der gesellschaftlichen Schicklichkeit, eine Meinung so anzuhören, als sei sie nicht die unsere, ja als gienge sie über unseren Horizont: zum Beispiel wenn der Alte, Alterfahrne einmal ausnahmsweise den Schrein seiner Erkenntnisse aufschliesst.

2ÖI.

Brief. — Der Brief ist ein unangemeldeter Besuch, der Brief böte der Vermittler unhöflicher Überfälle. Man sollte alle acht Tage eine Stunde zum Briefempfangen haben und darnach ein Bad nehmen.

Der Voreingenommene. — Jemand sagte: ich bin gegen mich voreingenommen, von Kindesbeinen an: desshalb finde ich in jedem Tadel etwas Wahrheit und in jedem Lobe etwas Dummheit. Das Lob wird von mir gewöhnlich zu gering und der Tadel zu hoch geschätzt.

Weg zur Gleichheit. — Einige Stunden Berg- steigens machen aus einem Schuft und einem Heiligen zwei ziemlich gleiche Geschöpfe. Die Ermüdung ist der kürzeste Weg zur Gleichheit und Brüderlichkeit — und die Freiheit wird endlich durch den Schlaf hinzugegeben.

Verleumdung. — Kommt man einer eigentlich infamen Verdächtigung auf die Spur, so suche man ihren Ursprung nie bei seinen ehrlichen und einfachen Feinden; denn diese würden, wenn sie so etwas über uns erfänden, als Feinde keinen Glauben finden. Aber Jene, denen wir eine Zeitlang am meisten genützt haben, welche aber, aus irgend einem Grunde, im Geheimen sicher darüber sein dürfen, Nichts mehr von uns zu erlangen, — Solche sind im Stande, die Infamie in's Rollen zu bringen: sie finden Glauben, einmal weil man an- nimmt, dass sie Nichts erfinden würden, was ihnen selber Schaden bringen könnte; sodann weil sie uns näher kennen gelernt haben. — Zum Tröste mag sich der so schlimm Verleumdete sagen: Verleumdungen sind Krank- heiten Anderer, die an deinem Leibe ausbrechen; sie beweisen, dass die Gesellschaft Ein (moralischer) Körper ist, sodass du an dir die Cur vornehmen kannst, die den Anderen nützen soll.

Das Kinder-Himmelreich. — Das Glück des Kindes ist ebensosehr ein Mythus wie das Glück der Hyperboreer, von dem die Griechen erzählten. Wenn das Glück überhaupt auf Erden wohnt, meinten diese, dann gewiss möglichst weit von uns, etwa dort am Rande der Erde. Ebenso denken die älteren Menschen: wenn der Mensch überhaupt glücklich sein kann, dann gewiss möglichst fern von unserem Alter, an den Grenzen und Anfängen des Lebens. Für manchen Men- schen ist der Anblick der Kinder, durch den Schleier dieses Mythus hindurch, das grösste Glück, dessen er theilhaftig werden kann: er geht selber bis in den Vor- hof des Himmelreichs, wenn er sagt „lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich". — Der Mythus vom Kinder-Himmelreich ist überall irgend- wie thätig, wo es in der modernen Welt etwas von Sentimentalität giebt.

Die Ungeduldigen. — Gerade der Werdende will das Werdende nicht: er ist zu ungeduldig dafür.