SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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Der Jüngling will nicht warten, bis, nach langen Studien, Leiden und Entbehrungen, sein Gemälde von Menschen und Dingen voll werde: so nimmt er ein anderes, das fertig dasteht und ihm angeboten wird, auf Treu und Glauben an, als müsse es ihm die Linien und Farben seines Gemäldes vorweg geben, er wirft sich einem Philosophen, einem Dichter an's Herz und muss nun eine lange Zeit Frohndienste thun und sich selber ver- leugnen. Vieles, lernt er dabei: aber häufig vergisst ein Jüngling das Lernens- und Erkennenswertheste darüber — sich selber, er bleibt zeitlebens ein Parteigänger. Ach, es ist viel Langeweile zu überwinden, viel Schweiss nöthig, bis man seine Farben, seine Pinsel, seine Leine- wand gefunden hat! — Und dann ist man noch lange nicht Meister seiner Lebenskunst — aber wenigstens Herr in der eigenen Werkstatt.

Es giebt keine Erzieher. — Nur von Selbst- Erziehung sollte man als Denker reden. Die Jugend- Erziehung durch Andere ist entweder ein Experiment, an einem noch Unerkannten Unerkennbaren vollzogen, oder eine grundsätzliche Nivellirung, um das neue Wesen, welches es auch sei, den Gewohnheiten und Sitten, welche herrschen, gemäss zu machen: in beiden Fällen also Etwas, das des Denkers unwürdig ist, das Werk der Eltern und Lehrer, welche einer der verwegenen Ehrlichen nos ennemis naturels genannt hat. — Eines Tages, wenn man längst, nach der Meinung der Welt, erzogen ist, entdeckt man sich selber: da beginnt die Aufgabe des Denkers; jetzt ist es Zeit, ihn zu Hülfe zu rufen — nicht als einen Erzieher, sondern als einen Selbst- Erzogenen, der Erfahrung hat.

Mitleiden mit der Jugend. — Es jammert uns, wenn wir hören, dass einem Jünglinge schon die Zähne ausbrechen, einem Anderen die Augen erblinden. Wüssten wir alles Unwiderrufliche und Hoffnungslose, das in seinem ganzen Wesen steckt, wie gross würde erst unser Jammer sein! — Wesshalb leiden wir hierbei eigentlich? Weil die Jugend fortführen soll, was wir unternommen haben, und jeder Ab- und Anbruch ihrer Kraft unserem Werke, das in ihre Hände fällt, zum Schaden gereichen will. Es ist der Jammer über die schlechte Garantie unserer Unsterblichkeit: oder falls wir uns nur als Vollstrecker der Menschheits-Mission fühlen, der Jammer darüber, dass diese Mission in schwächere Hände, als die unsern sind, übergehen muss.

Die Lebensalter. — Die Vergleichung der vier Jahreszeiten mit den vier Lebensaltern ist eine ehrwürdige Albernheit. Weder die ersten zwanzig, noch die letzten zwanzig Jahre des Lebens entsprechen einer Jahreszeit: vorausgesetzt dass man sich bei der Vergleichung nicht mit dem Weiss des Haars und des Schnees und mit ähnlichen Farbenspielen begnügt. Jene ersten zwanzig Jahre sind eine Vorbereitung für das Leben überhaupt, für das ganze Lebensjahr, als eine Art langen Neujahrstags; und die letzten zwanzig überschauen, verinnerlichen, bringen in Fug und Zusammenklang, was nur Alles vorher erlebt wurde: so wie man es, in kleinem Maasse, an jedem Sylvestertage mit dem ganzen verflossenen Jahre thut. Zwischen inne liegt aber in der That ein Zeitraum, welcher, die Vergleichung mit den Jahreszeiten nahe legt: der Zeitraum von dem zwanzigsten bis zum fünfzigsten Jahre (um hier einmal in Bausch und Bogen nach Jahrzehenden zu rechnen, während es sich von selber versteht, dass Jeder nach seiner Erfahrung diese groben Ansätze für sich verfeinern muss). Jene dreimal zehn Jahre ent- sprechen drei Jahreszeiten: dem Sommer, dem Frühling und dem Herbst, — einen Winter hat das menschliche Leben nicht, es sei denn, dass man die leider nicht selten eingeflochtenen harten kalten einsamen hoffnungsarmen unfruchtbaren Krankheitszeiten die Winterzeiten des Menschen nennen will. Die zwanziger Jahre: heiss lästig gewitterhaft üppig treibend müde machend, Jahre, wo man den Tag am Abend, wenn er zu Ende ist, preist und sich dabei die Stirne abwischt: Jahre, wo die Arbeit uns hart, aber nothwendig dünkt, — diese zwanziger Jahre sind der Sommer des Lebens. Die dreissiger dagegen sind sein Frühling: die Luft bald zu warm, bald zu kalt, immer unruhig und anreizend: quellender Saft Blätterfülle Blüthenduft überall: viele bezaubernde Morgen und Nächte: die Arbeit, zu der der Vogelgesang uns weckt, eine rechte Herzens -Arbeit, eine Art Genuss der eigenen Rüstigkeit, verstärkt durch vorgeniessende Hoffnungen. Endlich die vierziger Jahre: geheimnissvoll, wie alles Stillestehende; einer hohen weiten Berg-Ebene gleichend, an der ein frischer Wind hinläuft; mit einem klaren wolkenlosen Himmel darüber, welcher den Tag über und in die Nächte hinein immer mit der gleichen Sanftmuth blickt: die Zeit der Ernte und der herzlichsten Heiterkeit — es ist der Herbst des Lebens.

Der Geist aer Frauen in der jetzigen Ge- sellschaft. — Wie die Frauen jetzt über den Geist der Männer denken, erräth man daraus, dass sie bei ihrer Kunst des Schmückens an Alles eher denken, als den Geist ihrer Züge oder die geistreichen Einzelnheiten ihres Gesichts noch besonders zu unterstreichen, sie verbergen Derartiges vielmehr und wissen sich dagegen, zum Beispiel durch eine Anordnung des Haars über der Stirn, den Ausdruck einer lebendig begehrenden Sinn- lichkeit und Ungeistigkeit zu geben — gerade wenn sie diese Eigenschaften nur wenig besitzen. Ihre Über- zeugung, dass der Geist bei Weibern die Männer er- schrecke, geht so weit, dass sie selbst die Schärfe des geistigsten Sinnes gern verleugnen und den Ruf der Kurzsichtigkeit absichtlich auf sich laden: dadurch glauben sie wohl die Männer zutraulicher zu machen; es ist, als ob sich eine einladende sanfte Dämmerung um sie verbreite.

Gross und vergänglich. — Was den Betrachtenden zu Thränen rührt, das ist der schwärmerische Glückes- Blick, mit dem eine schöne junge Frau ihren Gatten ansieht. Man empfindet alle Herbst -Wehmuth dabei, über die Grösse sowohl als über die Vergänglichkeit des menschlichen Glücks.

Opfer-Sinn. - Manche Frau hat den intcllctto del sacrifizto und wird ihres Lebens nicht mehr froh, wenn der Gatte sie nicht opfern will: sie weiss dann mit ihrem Verstände nicht mehr wohin? und wird un- versehens aus dem Opferthier der Opferpriester selber.

Das Unweibliche. — „Dumm wie ein Mann" sagen die Frauen; „feige wie ein Weib " sagen die Männer. Die Dummheit ist am Weibe das Unweibliche.

Männliches und weibliches Temperament und die Sterblichkeit. — Dass das männliche Geschlecht ein schlechteres Temperament hat als das weibliche, er- giebt sich auch daraus, dass die männlichen Kinder der Sterblichkeit mehr ausgesetzt sind als die weiblichen, offenbar weil sie leichter „aus der Haut fahren": ihre Wildheit und Unverträglichkeit verschlimmert alle Übel leicht bis in's Tödtliche.

Die Zeit der Cy klopenbauten. — Die Demo- kratisirung Europa's ist unaufhaltsam: wer sich dagegen stemmt, gebraucht doch eben die Mittel dazu, welche erst der demokratische Gedanke Jedermann in die Hand gab, und macht diese Mittel selber handlicher und wirk- samer: und die grundsätzlichsten Gegner der Demokratie (ich meine die Umsturzgeister) scheinen nur desshalb da zu sein, um durch die Angst, welche sie erregen, die verschiedenen Parteien immer schneller auf der demo- kratischen Bahn vorwärts zu treiben. Nun kann es Einem Nietzsche, Werke Band III. 2 2 Angesichts Derer, welche jetzt bewusst und ehrlich für diese Zukunft arbeiten, in der That bange werden: es liegt etwas Ödes und Einförmiges in ihren Gesichtern, und der graue Staub scheint auch bis in ihre Gehirne hineinge- weht zu sein. Trotzdem: es ist möglich, dass die Nachwelt über dieses unser Bangen einmal lacht und an die demo- kratische Arbeit einer Reihe von Geschlechtern etwa so denkt, wie wir an den Bau von Steindämmen und Schutz- mauern,— als an eine Thätigkeit, die nothwendig viel Staub auf Kleider und Gesichter breitet und unvermeidlich wohl auch die Arbeiter ein wenig blödsinnig macht: aber wer würde desswegen solches Thun ungethan wünschen! Es scheint, dass die Demokratisirung Europa's ein Glied in der Kette jener ungeheuren prophylaktischen Maass- regeln ist, welche der Gedanke der neuen Zeit sind und mit denen wir uns gegen das Mittelalter abheben. Jetzt erst ist das Zeitalter der Cyklopenbauten! Endliche Sicher- heit der Fundamente, damit alle Zukunft auf ihnen ohne Gefahr bauen kann! Unmöglichkeit fürdcrhin, dass die Fruchtfelder der Cultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen Barbaren, gegen Seuchen, gegen leibliche und geistige Verknechtung! Und diess Alles zunächst wörtlich und gröblich, aber allmählich immer höher und geistiger verstanden, so dass alle hier angedeuteten Maassregeln die geistreiche Ge- sammtvorbereitung des höchsten Künstlers der Garten- kunst zu sein scheinen, der sich dann erst zu seiner eigentlichen Aufgabe wenden kann, wenn jene voll- kommen ausgeführt ist! — Freilich, bei den weiten Zeit- strecken, welche hier zwischen Mittel und Zweck liegen, bei der grossen, übergrossen, Kraft und Geist von Jahr- hunderten anspannenden Mühsal, die schon noth thut, um nur jedes einzelne Mittel zu schaffen oder herbeizuschaffen: darf man es den Arbeitern an der Gegenwart nicht zu hart anrechnen, wenn sie laut decretiren, die Mauer und das Spalier sei schon der Zweck und das letzte Ziel; da ja noch Niemand den Gärtner und die Fruchtpflanzen sieht, um derentwillen das Spalier da ist.

Das Recht des allgemeinen Stimmrechtes. — Das Volk hat sich das allgemeine Stimmrecht nicht gegeben, es hat dasselbe, überall wo es jetzt in Geltung ist, empfangen und vorläufig angenommen: jedenfalls hat es aber das Recht, es wieder zurückzugeben, wenn es seinen Hoffnungen nicht genugthut. Diess scheint jetzt allerorten der Fall zu sein: denn wenn bei irgend einer Gelegenheit, wo es gebraucht wird, kaum Zweidrittel, ja vielleicht nicht einmal die Majorität aller Stimmberech- tigten an die Stimm-Urne kommt, so ist diess ein Votum gegen das ganze Stimmsystem überhaupt. — Man muss hier sogar noch viel strenger urtheilen. Ein Gesetz, welches bestimmt, dass die Majorität über das Wohl Aller die letzte Entscheidung habe, kann nicht auf der- selben Grundlage, welche durch dasselbe erst gegeben wird, aufgebaut werden; es bedarf nothwendig einer noch breiteren: und diess ist die Einstimmigkeit Aller. Das allgemeine Stimmrecht darf nicht nur der Ausdruck eines Majoritäten- Willens sein: das ganze Land muss es wollen. Desshalb genügt schon der Widerspruch einer sehr kleinen Minorität, dasselbe als unthunlich wieder bei Seite zu stellen: und die Nichtbetheiligung an einer Abstimmung ist eben ein solcher Widerspruch, der das ganze Stimmsystem zum Falle bringt. Das „absolute Veto" des Einzelnen oder, um nicht in's Klein- liche zu verfallen, das Veto weniger Tausende hängt über diesem Systeme, als die Consequenz der Gerechtig- keit: bei jedem Gebrauche, den man von ihm macht, muss es, laut der Art von Betheiligung, erst beweisen, dass es noch zu Recht besteht.

Das schlechte Schliessen. — Wie schlecht schliesst man, auf Gebieten, wo man nicht zu Hause ist, selbst wenn man als Mann der Wissenschaft noch so sehr an das gute Schliessen gewöhnt ist! Es ist be- schämend! Und nun ist klar, dass im grossen Welt- treiben, in Sachen der Politik, bei allem Plötzlichen und Drängenden, wie es fast jeder Tag heraufführt, eben dieses schlechte Schliessen entscheidet: denn Niemand ist in dem völlig zu Hause, was über Nacht neu ge- wachsen ist; alles Politisiren, auch bei den grössten Staatsmännern, ist Improvisiren auf gut Glück.

Prämissen des Maschinen-Zeitalters. — Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Conclusion noch Niemand zu ziehen gewagt hat.

Ein Hemmschuh der Cultur. — Wenn wir hören: dort haben die Männer nicht Zeit zu den produetiven Geschäften; Waffenübungen und Umzüge nehmen ihnen den Tag weg, und die andere Bevölkerung muss sie ernähren und kleiden, ihre Tracht aber ist auffallend, oftmals bunt und voll Narrheiten; dort sind nur wenige unterscheidende Eigenschaften anerkannt, die Einzelnen gleichen sich mehr als anderwärts oder werden doch als Gleiche behandelt; dort verlangt und giebt man Gehorsam ohne Verständniss: man befiehlt, aber man hütet sich zu überzeugen; dort sind der Strafen wenige, diese wenigen aber sind hart und gehen schnell zum Letzten, Fürchterlichsten; dort gilt der Verrath als das grösste Verbrechen, schon die Kritik der Übelstände wird nur von den Muthigsten gewagt; dort ist das Leben wohlfeil, und der Ehrgeiz nimmt häufig die Form an, dass er das Leben in Gefahr bringt, — wer diess Alles hört, wird sofort sagen: „es ist das Bild einer bar- barischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft." Vielleicht dass der Eine hinzufügt: „es ist die Schilderung Sparta's"; ein Anderer wird aber nachdenklich werden und vermeinen, es sei unser modernes Militärwesen beschrieben, wie es inmitten unserer andersartigen Cultur und Societät dasteht — als ein lebendiger Anachronismus, als das Bild, wie gesagt, einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft, als ein posthumes Werk der Vergangenheit, welches für die Räder der Gegenwart nur den Werth eines Hemmschuhs haben kann. — Mitunter thut aber auch ein Hemmschuh der Cultur auf das Höchste noth: wenn es nämlich zu schnell bergab oder, wie in diesem Falle vielleicht, bergauf geht.

Mehr Achtung vor den Wissenden! — Bei der Concurrenz der Arbeit und der Verkäufer ist das Publicum zum Richter über das Handwerk gemacht: das hat aber keine strenge Sachkenntniss und urtheilt nach dem Scheine der Güte. Folglich wird die Kunst des Scheins (und vielleicht der Geschmack) unter der Herrschaft der Concurrenz steigen, dagegen die Qualität aller Erzeugnisse sich verschlechtern müssen. Folglich wird, wofern nur die Vernunft nicht im Werthe fällt, irgendwann jener Concurrenz ein Ende gemacht werden und ein neues Princip den Sieg über sie davontragen. Nur der Handwerksmeister sollte über das Handwerk urth eilen, und das Publicum abhängig sein vom Glauben an die Person des Urtheilenden und an seine Ehrlichkeit. Also keine anonyme Arbeit! Mindestens müsste ein Sachkenner als Bürge derselben dasein und seinen Namen als Pfand einsetzen, wenn der Name des Ur- hebers fehlt oder klanglos ist. Die Billigkeit eines Werkes ist für den Laien eine andere Art Schein und Trug, da erst die Dauerhaftigkeit entscheidet, dass und inwiefern eine Sache billig ist; jene aber ist schwer und von dem Laien gar nicht zu beurtheilen. — Also: was Effect auf das Auge macht und wenig kostet, das bekommt jetzt das Übergewicht — und das wird natürlich die Maschinenarbeit sein. Hinwiederum be- günstigt die Maschine, das heisst die Ursache der grössten Schnelligkeit und Leichtigkeit der Herstellung, auch ihrerseits die verkäuflichste Sorte: sonst ist kein erheblicher Gewinn mit ihr zu machen; sie würde zu wenig gebraucht und zu oft stille stehen. Was aber am verkäuflichsten ist, darüber entscheidet das Publicum, wie gesagt: es muss das Täuschendste sein, das heisst Das, was einmal gut scheint und sodann auch billig scheint. Also auch auf dem Gebiete der Arbeit muss unser Losungswort sein: „Mehr Achtung vor den Wissenden!"

Die Gefahr der Könige. — Die Demokratie hat - es in der Hand, ohne alle Gewaltmittel, nur durch einen stätig geübten gesetzmässigen Druck, das König- und Kaiserthum hohl zu machen: bis eine Null übrig bleibt, vielleicht, wenn man will, mit der Bedeutung jeder Null, dass sie, an sich Nichts, doch an die rechte Seite gestellt, die Wirkung einer Zahl verzehnfacht. Das Kaiser- und Königthum bliebe ein prachtvoller Zierrath an der schlichten und zweckmässigen Gewandung der Demokratie, das schöne Überflüssige, welches sie sich gönnt, der Rest alles historisch ehrwürdigen Urväter- zierraths, ja- das Symbol der Historie selber — und in dieser Einzigkeit etwas höchst Wirksames, wenn es, wie gesagt, nicht für sich allein steht, sondern richtig ge- stellt wird. — Um der Gefahr jener Aushöhlung vor- zubeugen, halten die Könige jetzt mit den Zähnen an ihrer Würde als Kriegsfürsten fest: dazu brauchen sie Kriege, das heisst Ausnahmezustände, in denen jener langsame gesetzmässige Druck der demokratischen Ge- walten pausirt.

Der Lehrer ein nothwendiges Übel. — So wenig wie möglich Personen zwischen den productiven Geistern und den hungernden und empfangenden Geistern! Denn die Mittlerwesen fälschen fast unwillkürlich die Nahrung, die sie vermitteln: sodann wollen sie zur Belohnung für ihr Vermitteln zu viel für sich, was also den originalen, productiven Geistern entzogen wird: nämlich Interesse Bewunderung Zeit Geld und Anderes. — Also: man sehe immerhin den Lehrer als ein nothwendiges Übel an, ganz wie den Handelsmann: als ein Übel, das man so klein wie möglich machen muss! — Wenn vielleicht die Noth der deutschen Zustände jetzt ihren Hauptgrund darin hat, dass viel zu Viele vom Handel leben und gut leben wollen (also dem Erzeugenden die Preise möglichst zu verringern und dem Verzehrenden die Preise möglichst zu erhöhen suchen, um am möglichst grossen Schaden Beider den Vortheil zu haben): so kann man gewiss einen Hauptgrund der geistigen Nothstände in der Über- fülle von Lehrern sehen: ihretwegen wird so wenig und so schlecht gelernt.

Die Achtungssteuer. — Den uns Bekannten, von uns Geehrten, sei es ein Arzt, Künstler, Handwerker, der Etwas für uns thut und arbeitet, bezahlen wir gern so hoch als wir können, oft sogar über unser Vermögen: dagegen bezahlt man den Unbekannten so niedrig es nur angehen will; hier ist ein Kampf, wo Jeder um den Fussbreit Landes kämpft und mit sich kämpfen macht. Bei der Arbeit des Bekannten für uns ist etwas Unbezahlbares, die in seine Arbeit unsertwegen hineingelegte Empfindung und Erfindung: wir glauben das Gefühl davon nicht anders als durch eine Art Auf- opferung unsererseits ausdrücken zu können. — Die stärkste Steuer ist die Achtungssteuer. Je mehr die Concurrenz herrscht und man von Unbekannten kauft, für Unbekannte arbeitet, um so niedriger wird diese Steuer; während sie gerade der Maassstab für die Höhe des menschlichen Seelen -Verkehr es ist.

Das Mittel zum wirklichen Frieden. — Keine Regierung giebt jetzt zu, dass sie das Heer unterhalte, um gelegentlich Eroberungsgelüste zu befriedigen. Son- dern der Vertheidigung soll es dienen; jene Moral, welche die Nothwehr billigt, wird als ihre Fürsprecherin angerufen. Das heisst aber: sich die Moralität und dem Nachbar die Immoralität vorbehalten, weil jener angriffs- und eroberungslustig gedacht werden muss, wenn unser Staat nothwendig an die Mittel der Nothwehr denken soll; überdiess erklärt man ihn, der genau ebenso wie unser Staat die Angriffslust leugnet und auch seiner- seits das Heer nur aus Nothwehrgründen unterhält, durch unsere Motivirung, wesshalb wir ein Heer brauchen, für einen Heuchler und listigen Verbrecher, welcher gar zu gern ein harmloses und ungeschicktes Opfer ohne allen Kampf überfallen möchte. So stehen nun alle Staaten jetzt gegen einander: sie setzen die schlechte Gesinnung des Nachbars und die gute Gesinnung bei sich voraus. Diese Voraussetzung ist aber eine Inhu- manität, so schlimm und schlimmer als der Krieg: ja, im Grunde ist sie schon die Aufforderung und Ursache zu Kriegen, weil sie, wie gesagt, dem Nachbar die Immoralität unterschiebt und dadurch die feindselige Gesinnung und That zu provociren scheint. Der Lehre von dem Heer als einem Mittel der Nothwehr muss man ebenso gründlich abschwören als den Eroberungs- gelüsten. Und es kommt vielleicht ein grosser Tag, wo ein Volk, durch Kriege und Siege, durch die höchste Ausbildung der militärischen Ordnung und In- telligenz ausgezeichnet und gewöhnt, diesen Dingen die schwersten Opfer zu bringen, freiwillig ausruft: „wir zerbrechen das Schwert" — und sein gesammtes Heerwesen bis in seine letzten Fundamente zertrümmert. Sich wehrlos machen, während man der Wehr- hafteste war, aus einer Höhe der Empfindung heraus, — das ist das Mittel zum wirklichen Frieden, welcher immer auf einem Frieden der Gesinnung ruhen muss: während der sogenannte bewaffnete Friede, wie er jetzt in allen Ländern einhergeht, der Unfriede der Ge- sinnung ist, der sich und dem Nachbar nicht traut und halb aus Hass halb aus Furcht die Waffen nicht ablegt. Lieber zu Grunde gehn als hassen und fürchten, und zweimal lieber zu Grunde gehen als sich hassen und fürchten machen — diess muss einmal auch die oberste Maxime jeder einzelnen staatlichen Ge- sellschaft werden! — Unsern liberalen Volksvertretern fehlt es, wie bekannt, an Zeit, um über die Natur des Men- schen nachzudenken: sonst würden sie wissen, dass sie umsonst arbeiten, wenn sie für eine „allmähliche Herab- minderung der Militärlasten" arbeiten. Vielmehr: erst wenn diese Art Noth am grössten ist, wird auch die Art Gott am nächsten sein, die hier allein helfen kann. Der Kriegsglorien -Baum kann nur mit Einem Male, durch einen Blitzschlag zerstört werden: der Blitz aber kommt, ihr wisst es ja, aus der Wolke — und von der Höhe.

Ob der Besitz mit der Gerechtigkeit ausge- geglichen werden kann. — Wird die Ungerechtigkeit des Besitzes stark empfunden — der Zeiger der grossen Uhr ist einmal wieder an dieser Stelle —, so nennt man zwei Mittel, derselben abzuhelfen: einmal eine gleiche Vertheilung und sodann die Aufhebung des Eigenthums und den Zurückfall alles Besitzes an die Gemeinschaft. Letzteres Mittel ist namentlich nach dem Herzen unserer Socialisten, welche jenem alterthümlichen Juden darüber gram sind, dass er sagte: du sollst nicht stehlen. Nach ihnen soll das siebente Gebot vielmehr lauten: du sollst nicht besitzen. — Die Versuche nach dem ersten Recepte sind im Alterthum oft gemacht worden, zwar immer nur in kleinem Maassstabe, aber doch mit einem Misserfolg, der auch uns noch Lehrer sein kann. „Gleiche Acker- loose" ist leicht gesagt; aber wieviel Bitterkeit erzeugt sich durch die dabei nöthig werdende Trennung und Scheidung, durch den Verlust von alt verehrtem Besitz, wieviel Pietät wird verletzt und geopfert! Man. gräbt die Moralität um, wenn man die Grenzsteine umgräbt. Und wieder, wieviel neue Bitterkeit unter den neuen Besitzern, wieviel Eifersucht und Scheelsehen, da es zwei wirklich gleiche Ackerloose nie gegeben hat, und wenn es solche gäbe, der menschliche Neid auf den Nachbar nicht an dieselben glauben würde. Und wie lange dauerte diese schon in der Wurzel vergiftete und un- gesunde Gleichheit! In wenigen Geschlechtern war durch Erbschaft hier das eine Loos auf fünf Köpfe, dort waren fünf Loose auf Einen Kopf gekommen: und im Falle man durch harte Erbschafts-Gesetze solchen Missständen vorbeugte, gab es zwar noch die gleichen Ackerloose, aber dazwischen Dürftige und Unzufriedene, welche Nichts besassen, ausser der Missgunst auf die Anverwandten und Nachbarn und dem Verlangen nach dem Umsturz aller Dinge. — Will man aber, nach dem zweiten Recepte, das Eigenthum der Gemeinde zurückgeben und den Einzelnen nur zum zeitweiligen Pächter machen: so zerstört man das Ackerland. Denn der Mensch ist gegen Alles, was er nur vorübergehend besitzt, ohne Vorsorge und Aufopferung, er verfährt damit ausbeuterisch, als Räuber oder als lüderlicher Verschwender. Wenn Plato meint, die Selbstsucht werde mit der Aufhebung des Besitzes aufgehoben, so ist ihm zu antworten, dass, nach Abzug der Selbstsucht, vom Menschen jedenfalls nicht die vier Cardinaltugenden übrig bleiben werden, — wie man sagen muss: die ärgste Pest könnte der Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus ihr verschwände. Ohne Eitelkeit und Selbstsucht — was sind denn die menschlichen Tugenden? Womit nicht von ferne ge- sagt sein soll, dass es nur Namen und Masken von jenen seien. Plato's utopistische Grundmelodie, die jetzt noch von den Socialisten fortgesungen wird, beruht auf einer mangelhaften Kenntniss des Menschen: ihm fehlte die Historie der moralischen Empfindungen, die Einsicht in den Ursprung der guten nützlichen Eigenschaften der menschlichen Seele. Er glaubte, wie das ganze Alter- thum, an Gut und Böse wie an Weiss und Schwarz, also an eine radicale Verschiedenheit der guten und der bösen Menschen, der guten und der schlechten Eigen- schaften. — Damit der Besitz fürderhin mehr Vertrauen einflösse und moralischer werde, halte man alle Arbeits- wege zum kleinen Vermögen offen, aber verhindere die mühelose, die plötzliche Bereicherung; man ziehe alle Zweige des Transports und Handels, welche der An- häufung grosser Vermögen günstig sind, also nament- lich den Geldhandel, aus den Händen der Privaten und Privatgesellschaften — und betrachte ebenso die Zuviel- wie die Nichts -Besitzer als gemeingefährliche Wesen.