Wahn der überlegenen Geister. — Die über- legenen Geister haben Mühe, sich von einem Wahne frei zu machen: sie bilden sich nämlich ein, dass sie bei den Mittelm ässigen Neid erregen und als Ausnahme empfun- den werden. Thatsächlich aber werden sie als Das empfunden, was überflüssig ist und was man, wenn es fehlte, nicht entbehren würde.
Forderung der Reinlichkeit. — Dass man seine Meinungen wechselt, ist für die einen Naturen ebenso eine Forderung der Reinlichkeit als die, dass man seine Kleider wechselt: für andere Naturen aber nur eine Forderung ihrer Eitelkeit.
Auch eines Heros würdig. — Hier ist ein Heros, der Nichts gethan hat als den Baum geschüttelt, sobald die Früchte reif waren. Dünkt euch diess zu wenig? So seht euch den Baum erst an, den er schüttelte.
Woran die Weisheit zu messen ist. — Der Zuwachs an Weisheit lässt sich genau nach der Ab- nahme an Galle bemessen.
Den Irrthum unangenehm sagen. — Es ist nicht nach Jedermanns Geschmack, dass die Wahrheit angenehm gesagt werde. Möge aber wenigstens Nie- mand glauben, dass der Irrthum zur Wahrheit werde, wenn man ihn unangenehm sage.
Die goldene Loosung. — Dem Menschen sind viele Ketten angelegt worden, damit er es verlerne, sich wie ein Thier zu gebärden: und wirklich, er ist milder, geistiger, freudiger, besonnener geworden, als alle Thiere sind. Nun aber leidet er noch daran, dass er so lange seine Ketten trug, dass es ihm so lange an reiner Luft und freier Bewegung fehlte: — diese Ketten aber sind, ich wiederhole es immer und immer wieder, jene schweren und sinnvollen Irrthümer der moralischen, der religiösen, der metaphysischen Vorstellungen. Erst wenn auch die Ketten-Krankheit überwunden ist, ist das erste grosse Ziel ganz erreicht: die Abtrennung des Menschen von den Thieren. — Nun stehen wir mitten in unserer Arbeit, die Ketten abzunehmen, und haben dabei die höchste Vorsicht vonnöthen. Nur dem veredelten Menschen darf die Freiheit des Geistes gegeben werden; ihm allein naht die Erleichterung des Lebens und salbt seine Wunden aus; er zuerst darf sagen, dass er um der Freudigkeit willen lebe und um keines weiteren Zieles willen; und in jedem andern Munde wäre sein Wahlspruch gefährlich: Frieden um mich und ein Wohlgefallen an allen nächsten Dingen. — Bei diesem Wahlspruch für Einzelne ge- denkt er eines alten grossen und rührenden Wortes, welches Allen galt, und das über der gesammten Menschheit stehen geblieben ist, als ein Wahlspruch und Wahrzeichen, an dem Jeder zu Grunde gehen soll, der damit zu zeitig sein Banner schmückt, — an dem das Christenthum zu Grunde gieng. Noch immer, so scheint es, ist es nicht Zeit, dass es allen Menschen jenen Hirten gleich ergehen dürfe, die den Himmel über sich erhellt sahen und jenes Wort hörten: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen an einander." — Immer noch ist es die Zeit der Einzelnen.
* * Der Schatten: Von Allem, was du vorgebracht hast, hat mir Nichts mehr gefallen als eine Verheissung: ihr wollt wieder gute Nachbarn der nächsten Dinge werden. Diess wird auch uns armen Schatten zu Gute kommen. Denn, gesteht es nur ein, ihr habt bisher uns allzugern verleumdet.
Der Wanderer: Verleumdet? Aber warum habt ihr euch nie vertheidigt? Ihr hattet ja unsere Ohren in der Nähe.
Der Schatten: Es schien uns, dass wir euch eben zu nahe wären, um von uns selber reden zu dürfen.
Der Wanderer: Delicat! sehr delicat! Ach, ihr Schatten seid „bessere Menschen" als wir, das merke ich.
Der Schatten: Und doch nanntet ihr uns „zu- dringlich" — uns, die wir mindestens Eins gut ver- stehen: zu schweigen und zu warten — kein Engländer versteht es besser. Es ist wahr, man findet uns sehr, sehr oft in dem Gefolge des Menschen, aber doch nicht in seiner Knechtschaft. Wenn der Mensch das Licht scheut, scheuen wir den Menschen: so weit geht doch unsere Freiheit.
Der Wanderer: Ach, das Licht scheut noch viel öfter den Menschen, und dann verlasst ihr ihn auch.
Der Schatten: Ich habe dich oft mit Schmerz ver- lassen: es ist mir, der ich wissbegierig bin, an dem Menschen Vieles dunkel geblieben, weil ich nicht immer um ihn sein kann. Um den Preis der vollen Menschen- Erkenntniss möchte ich auch wohl dein Sclave sein.
Der Wanderer: Weisst du denn, weiss ich denn, ob du damit nicht unversehens aus dem Sclaven zum Herrn würdest? Oder zwar Sclave bliebest, aber als Verächter deines Herrn ein Leben der Erniedrigung, des Ekels führtest? Seien wir Beide mit der Freiheit zu- frieden, so wie sie dir geblieben ist — dir und mir! Denn der Anblick eines Unfreien würde mir meine grössten Freuden vergällen, das Beste wäre mir zuwider, wenn es Jemand mit mir theilen müsste — ich will keine Sclaven um mich wissen. Desshalb mag ich auch den Hund nicht, den faulen, schweifwedelnden Schmarotzer, der erst als Knecht des Menschen „hündisch" geworden ist und von dem sie gar noch zu rühmen pflegen, dass er dem Herrn treu sei und ihm folge wie sein — Der Schatten: Wie sein Schatten, so sagen sie. Vielleicht folgte ich dir heute auch schon zu lange? Es war der längste Tag, aber wir sind an seinem Ende, habe eine kleine Weile noch Geduld! Der Rasen ist feucht, mich fröstelt.
Der Wanderer: Oh, ist es schon Zeit zu scheiden? Und ich musste dir zuletzt noch wehe thun, ich sah es, du wurdest dunkler dabei.
Der Schatten: Ich erröthete, in der Farbe, in welcher ich es vermag. Mir fiel ein, dass ich dir oft zu Füssen gelegen habe wie ein Hund, und dass du dann — Der Wanderer: Und könnte ich dir nicht in aller Geschwindigkeit noch Etwas zu Liebe thun? Hast du keinen Wunsch?
Der Schatten: Keinen, ausser etwa den Wunsch, welchen der philosophische „Hund" vor dem grossen Alexander hatte: gehe mir ein wenig aus der Sonne, es wird mir zu kalt.
Der "Wanderer: Was soll ich thun?
Der Schatten: Tritt unter diese Fichten und schaue dich nach den Bergen um; die Sonne sinkt.
Der Wanderer: — Wo bist du? Wo bist du?
Diese Gesammtausgabe der Werke Friedrich Nietzsche's wird im Auftrage seiner Angehörigen veranstaltet.
Beendigung des Druckes: Ende September 1899.