SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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Der Werth der Arbeit. — Wollte man den Werth der Arbeit darnach bestimmen, wie viel Zeit, Fleiss, guter oder schlechter Wille, Zwang, Erfindsamkeit oder Faul- heit, Ehrlichkeit oder Schein darauf verwendet ist. so kann der Werth niemals gerecht sein; denn die ganze Person müsste auf die Wagschale gesetzt werden können, was unmöglich ist. Hier heisst es „richtet nicht!" Aber der Ruf nach Gerechtigkeit ist es ja, den wir jetzt von Denen hören, welche mit der Abschätzung der Arbeit unzufrieden sind. Denkt man weiter, so findet man jede Persönlichkeit unverantwortlich für ihr Product, die Arbeit: ein Verdienst ist also niemals daraus abzuleiten, jede Arbeit ist so gut oder schlecht, als sie bei der und der nothwendigen Constellation von Kräften und Schwächen, Kenntnissen und Begehrungen sein muss. Es steht nicht im Belieben des Arbeiters, ob er arbeitet; auch nicht, wie er arbeitet. Nur die Gesichtspunkte des Nutzens, engere und weitere, haben Werthschätzung der Arbeit geschaffen. Das, was wir jetzt Gerechtigkeit nennen, ist auf diesem Felde sehr wohl am Platz als eine höchst verfeinerte Nützlichkeit, welche nicht auf den Moment nur Rücksicht nimmt und die Gelegenheit aus- beutet, sondern auf Dauerhaftigkeit aller Zustände sinnt und desshalb auch das Wohl des Arbeiters, seine leibliche und seelische Zufriedenheit in's Auge fasst — damit er und seine Nachkommen gut auch für unsere Nachkommen arbeiten und noch auf längere Zeiträume, als das menschliche Einzelleben ist, hinaus zuverlässig werden. Die Ausbeutung des Arbeiters war, wie man jetzt begreift, eine Dummheit, ein Raub-Bau auf Kosten der Zukunft, eine Gefährdung der Gesellschaft. Jetzt hat man fast schon den Krieg: und jedenfalls werden die Kosten, um den Frieden zu erhalten, um Verträge zu schli essen und Vertrauen zu erlangen, nunmehr sehr gross sein, weil die Thorheit der Ausbeutenden sehr gross und langdauernd war.

Vom Studium des Gesellschafts-Körpers. — Das Übelste für Den, welcher jetzt in Europa, nament- lich in Deutschland, Ökonomik und Politik studieren will, liegt darin, dass die thatsächlichen Zustände, statt die Regeln zu exemplificiren, die Ausnahme oder die Übergangs- und Ausgangsstadien exemplifi- ciren. Man muss desshalb über das thatsächlich Be- stehende erst hinwegsehen lernen und zum Beispiel den Blick fernhin auf Nordamerika richten — wo man die anfänglichen und normalen Bewegungen des gesell- schaftlichen Körpers noch mit Augen sehen und auf- suchen kann, wenn man nur will —, während in Deutschland dazu schwierige historische Studien oder, wie gesagt, ein Fernglas nöthig sind.

Inwiefern die Maschine demüthigt. — Die Maschine ist unpersönlich, sie entzieht dem Stück Arbeit seinen Stolz, sein individuell Gutes und Fehlerhaftes, was an jeder Nicht - Maschinenarbeit klebt, — also sein Bischen Humanität. Früher war alles Kaufen von Hand- werkern ein Auszeichnen von Personen, mit deren Abzeichen man sich umgab: der Hausrath und die Kleidung wurde dergestalt zur Symbolik gegenseitiger Werthschätzung und persönlicher Zusammengehörigkeit, während wir jetzt nur inmitten anonymen und unpersön- lichen Sclaventhums zu leben scheinen. — Man muss die Erleichterung- der Arbeit nicht zu theuer kaufen.

Hundertjährige Quarantäne. — Die demokra- tischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte Pest tyrannenhafter Gelüste: als solche sehr nützlich und sehr langweilig.

Der gefährlichste Anhänger. — Der gefähr- lichste Anhänger ist Der, dessen Abfall die ganze Partei vernichten würde: also der beste Anhänger.

Das Schicksal und der Magen. — Ein Butter- brod mehr oder weniger im Leibe des Jockey's entscheidet gelegentlich über Wettrennen und Wetten, also über Glück und Unglück von Tausenden. — So lange das Schicksal der Völker noch von den Diplomaten abhängt, werden die Mägen der Diplomaten immer der Gegenstand patriotischer Beklemmung sein. Quousque tandem — Sieg der Demokratie. — Es versuchen jetzt alle politischen Mächte, die Angst vor dem Socialismus aus- zubeuten, um sich zu stärken. Aber auf die Dauer hat doch allein die Demokratie den Vortheil davon: denn alle Parteien sind jetzt genöthigt, dem „Volke " zu schmeicheln und ihm Erleichterungen und Freiheiten aller Art zu geben, wodurch es endlich omnipotent wird. Das Volk ist vom Socialismus, als einer Lehre von der Veränderung des Eigenthumerwerbs, am entferntesten: und wenn es erst einmal die Steuerschraube in den Händen hat, durch die grossen Majoritäten seiner Parla- mente, dann wird es mit der Progressivsteuer dem Ca- pitalisten- Kaufmanns- und Börsenfürstenthum an den Leib gehen und in der That langsam einen Mittelstand schaffen, der den Socialismus wie eine überstandene Krankheit vergessen darf. — Das praktische Ergebniss dieser um sich greifenden Demokratisirung wird zunächst ein europäischer Völkerbund sein, in welchem jedes einzelne Volk, nach geographischen Zweckmässigkeiten abgegrenzt, die Stellung eines Cantons und dessen Sonderrechte innehat: mit den historischen Erinnerungen der bisherigen Völker wird dabei wenig noch gerechnet werden, weil der pietätvolle Sinn für dieselben unter der neuerungssüchtigen und versuchslüsternen Herrschaft des demokratischen Princips allmählich von Grund aus ent- wurzelt wird. Die Correcturen der Grenzen, welche dabei sich nöthig zeigen, werden so ausgeführt, dass sie dem Nutzen der grossen Cantone und zugleich dem Gesammtverbande dienen, nicht aber dem Gedächtnisse irgendwelcher vergrauten Vergangenheit. Die Ge- sichtspunkte für diese Correcturen zu finden wird die Aufgabe der zukünftigen Diplomaten sein, die zugleich Culturforscher Landwirthe Verkehrskenner sein müssen und keine LIeere, sondern Gründe und Nützlichkeiten hinter sich haben. Dann erst ist die äussere Politik mit der inneren unzertrennbar verknüpft: während jetzt immer noch die letztere ihrer stolzen Gebieterin nachläuft und im erbärmlichen Körbchen die Stoppelähren sammelt, die bei der Ernte der ersteren übrig bleiben.

Ziel und Mittel der Demokratie. — Die Demo- kratie will möglichst Vielen Unabhängkeit schaffen und verbürgen, Unabhängigkeit der Meinungen, der Lebensart und des Erwerbs. Dazu hat sie nöthig, sowohl den Besitzlosen als den eigentlich Reichen das politische Stimmrecht abzusprechen: als den zwei unerlaubten Menschenclassen, an deren Beseitigung sie stätig arbeiten muss, weil Diese ihre Aufgabe immer wieder in Frage stellen. Ebenso muss sie Alles verhindern, was auf die Organisation von Parteien abzuzielen scheint. Denn die drei grossen Feinde der Unabhängigkeit in jenem drei- fachen Sinne sind die Habenichtse, die Reichen und die Parteien. — Ich rede von der Demokratie als von etwas Kommendem. Das, was schon jetzt so heisst, unter- scheidet sich von den älteren Regierungsformen allein dadurch, dass es mit neuen Pferden fährt: die Strassen sind noch die alten, und die Räder sind auch noch die alten. — Ist die Gefahr bei diesen Fuhrwerken des Völkerwohls wirklich geringer geworden?

Die Besonnenheit und der Erfolg. — Jene grosse igenschaft der Besonnenheit, welche im Grunde die Tugend der Tugenden, ihre Urgrossmutter und Königin ist, hat im gewöhnlichen Leben keineswegs immer den Erfolg auf ihrer Seite: und der Freier würde sich ge- täuscht finden, der nur des Erfolgs wegen sich um Nietzsche, Werke Band III. 2X jene Tugend beworben hätte. Sie gilt nämlich unter den praktischen Leuten für verdächtig und wird mit der Hinterhältigkeit und heuchlerischen Schlauheit ver- wechselt: wem dagegen ersichtlich die Besonnenheit ab- geht — der Mann, der rasch zugreift und auch einmal danebengreift, hat das Vorurtheil für sich, ein biederer zuverlässiger Geselle zu sein. Die praktischen Leute mögen also den Besonnenen nicht, er ist für sie, wie sie meinen, eine Gefahr. Andererseits nimmt man den Be- sonnenen leicht als ängstlich, befangen, pedantisch — die unpraktischen und geniessenden Leute gerade finden ihn unbequem, weil er nicht leichthin lebt wie sie, ohne an das Handeln und die Pflichten zu denken: er erscheint unter ihnen wie ihr leibhaftes Gewissen, und der helle Tag wird bei seinem Anblick ihrem Auge bleich. Wenn ihm also der Erfolg und die Beliebtheit fehlen, so mag er sich immer zum Tröste sagen: „so hoch sind eben die Steuern, welche du für den Besitz des köstlichsten Gutes unter Menschen zahlen musst, — er ist es werth!"

Et in Arcadia ego. — Ich sah hinunter, über Hügel -Wellen, gegen einen milchgrünen See hin, durch Tannen und altersernste Fichten hindurch: Felsbrocken aller Art um mich, der Boden bunt von Blumen und Gräsern. Eine Heerde bewegte, streckte und dehnte sich vor mir; einzelne Kühe und Gruppen ferner, im schärfsten Abendlichte, neben dem Nadelgehölz; andere näher, dunkler; Alles in Ruhe und Abendsättigung. Die Uhr zeigte gegen halb sechs. Der Stier der Heerde war in den weissen schäumenden Bach getreten und gieng langsam widerstrebend und nachgebend seinem stürzenden Laufe nach: so hatte er wohl seine Art von grimmigem Behagen. Zwei dunkelbraune Geschöpfe, bergamasker Herkunft, waren die Hirten: das Mädchen fast als Knabe gekleidet. Links Felsenhänge und Schnee- felder über breiten Waldgürteln, rechts zwei ungeheure beeiste Zacken, hoch über mir, im Schleier des Sonnen- duftes schwimmend — Alles gross still und hell. Die gesammte Schönheit wirkte zum Schaudern und zur stummen Anbetung des Augenblicks ihrer Offenbarung; unwillkürlich, wie als ob es nichts Natürlicheres gäbe, stellte man sich in diese reine scharfe Lichtwelt (die gar nichts Sehnendes Unzufriedenes Erwartendes Vor- und Zurückblickendes hatte) griechische Heroen hinein; man musste wie Poussin und sein Schüler empfinden: heroisch zugleich und idyllisch. — Und so haben einzelne Men- chen auch gelebt, so sich dauernd in der Welt und die Welt in sich gefühlt, und unter ihnen einer der grössten Menschen, der Erfinder einer heroisch-idyllischen Art zu philosophiren: Epikur.

Rechnen und messen — Viele Dinge sehen, mit einander erwägen, gegen einander abrechnen und aus ihnen einen schnellen Schluss, eine ziemlich sichere Summe bilden — das macht den grossen Politiker Feldherrn Kaufmann: also die Geschwindigkeit in einer Art von Kopfrechnen. Eine Sache sehen, in ihr das inzige Motiv zum Handeln, die Richterin alles übrigen Handelns finden, macht den Helden, auch den Fanatiker — also eine Fertigkeit im Messen mit Einem Maassstabe.

23 Nicht unzeitig sehen wollen. — So lange man Etwas erlebt, muss man dem Erlebniss sich hingeben und die Augen schliessen, also nicht darin schon den Beobachter machen. Das nämlich würde die gute Ver- dauung des Erlebnisses stören: statt einer Weisheit trüge man eine Indigestion davon.

Aus der Praxis des Weisen. — Um weise zu werden, muss man gewisse Erlebnisse erleben wollen, also ihnen in den Rachen laufen. Sehr gefährlich ist diess freilich; mancher „Weise" wurde dabei aufgefressen.

Die Ermüdung des Geistes. — Unsere gelegent- liche Gleichgültigkeit und Kälte gegen Menschen, welche uns als Härte und Charaktermangel ausgelegt wird, ist häufig nur eine Ermüdung des Geistes: bei dieser sind uns die Anderen, wie wir uns selber, gleichgültig oder lästig.

„Eins ist Noth." — Wenn man klug ist, ist Einem allein darum zu thun, dass man Freude im Herzen habe. — Ach, setzte Jemand hinzu, wenn man klug ist, thut man am besten, weise zu sein Ein Zeugniss der Liebe. — Jemand sagte: „Über zwei Personen habe ich nie gründlich nachgedacht: es ist das Zeugniss meiner Liebe für sie."

Wie man schlechte Argumente zu verbessern sucht. — Mancher wirft seinen schlechten Argumenten noch ein Stück seiner Persönlichkeit hinten nach, wie als ob jene dadurch richtiger ihre Bahn laufen würden und sich in gerade und gute Argumente verwandeln Hessen; ganz wie die Kegelschieber auch nach dem Wurf noch mit Gebärden und Schwenkungen der Kugel die Richtung zu geben suchen.

Die Rechtlichkeit. — Es ist noch wenig, wenn man in Bezug auf Rechte und Eigenthum ein Muster- Mensch ist, wenn man zum Beispiel als Knabe nie Obst in fremden Gärten nimmt, als Mann nicht über unge- mähte Wiesen läuft, — um kleine Dinge zu nennen, welche wie bekannt den Beweis für diese Art von Musterhaftigkeit besser geben als grosse. Es ist noch wenig: man ist dann immer erst eine „juristische Person", mit jenem Grad von Moralität, deren sogar eine „Ge- sellschaft", ein Menschen-Klumpen fähig ist.

Mensch! — Was ist die Eitelkeit des eitelsten Menschen gegen die Eitelkeit, welche der Bescheidenste besitzt, in Hinsicht darauf, dass er sich in der Natur und Welt als „Mensch" fühlt!

Nöthigste Gymnastik. — Durch den Mangel an kleiner Selbstbeherrschung bröckelt die Fähigkeit zur grossen an. Jeder Tag ist schlecht benutzt und eine Gefahr für den nächsten, wo man nicht wenigstens einmal sich Etwas im Kleinen versagt hat: diese Gymnastik ist unentbehrlich, wenn man sich die Freude, sein eigener Herr zu sein, erhalten will.

Sich selber verlieren. — Wenn man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit zu Zeit zu verlieren — und dann wiederzufinden: vorausgesetzt dass man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immerdar an Eine Person gebunden zu sein.

Wann Abschied nehmen noth thut. — Von Dem, was du erkennen und messen willst, musst du Abschied nehmen, wenigstens für eine Zeit. Erst wenn du die Stadt verlassen hast, siehst du, wie hoch sich ihre Thürme über die Häuser erheben.

Am Mittag. — Wem ein thätiger und stürme- reicher Morgen des Lebens beschieden war, dessen Seele überfällt um den Mittag des Lebens eine seltsame Ruhe- sucht, die Monden und Jahre lang dauern kann. Es wird still um ihn, die Stimmen klingen fern und ferner; die Sonne scheint steil auf ihn herab. Auf einer ver- borgenen Wald wiese sieht er den grossen Pan schlafend; alle Dinge der Natur sind mit ihm eingeschlafen, einen Ausdruck von Ewigkeit im Gesichte — so dünkt es ihm.

Er will Nichts, er sorgt sich um Nichts, sein Herz steht still, nur sein Auge lebt; es ist ein Tod mit wachen Augen. Vieles sieht da der Mensch, was er nie sah, und soweit er sieht, ist Alles in ein Lichtnetz einge- sponnen und gleichsam darin begraben. Er fühlt sich glücklich dabei, aber es ist ein schweres, schweres Glück. — Da endlich erhebt sich der Wind in den Bäumen, Mittag ist vorbei, das Leben reisst ihn wieder an sich, das Leben mit blinden Augen, hinter dem sein Gefolge herstürmt: Wunsch, Trug, Vergessen, Geniessen, Vernichten, Vergänglichkeit. Und so kommt der Abend herauf, stürmereicher und thatenvoller, als selbst der Morgen war. — Den eigentlich thätigen Menschen er- scheinen die länger währenden Zustände des Erkennens fast unheimlich und krankhaft, aber nicht unangenehm.

Sich vor seinem Maler hüten. — Ein grosser Maler, der in einem Portrait den vollsten Ausdruck und Augenblick, dessen ein Mensch fähig ist, enthüllt und niedergelegt hat, wird von diesem Menschen, wenn er ihn später im wirklichen Leben wiedersieht, fast immer nur eine Caricatur zu sehen glauben.

Die zwei Grundsätze des neuen Lebens. — Erster Grundsatz: man soll das Leben auf das Sicherste Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das Entfernteste Unbestimmteste, Horizont -Wolken- hafteste hin. Zweiter Grundsatz: man soll sich die Reihenfolge des Nächsten und Nahen, des Sicheren und weniger Sicheren feststellen, bevor man sein Leben einrichtet und in eine endgültige Richtung bringt.

3ii.

Gefährliche Reizbarkeit. — Begabte Menschen, die aber träge sind, werden immer etwas gereizt er- scheinen, wenn einer ihrer Freunde mit einer tüchtigen Arbeit fertig geworden ist. Ihre Eifersucht ist rege, sie schämen sich ihrer Faulheit — oder vielmehr, sie fürchten, der Thätige verachte sie gegenwärtig noch mehr als sonst. In dieser Stimmung kritisiren sie das neue Werk — und ihre Kritik wird zur Rache, zum höchsten Befremden des Urhebers.

Zerstören der Illusionen. — Die Illusionen sind gewiss kostspielige Vergnügungen: aber das Zerstören der Illusionen ist noch kostspieliger — als Vergnügen betrachtet, was es unleugbar für manchen Menschen ist.

Das Eintönige des Weisen. — Die Kühe haben mitunter den Ausdruck der Verwunderung, die auf dem Wege zur Frage stehen bleibt. Dagegen liegt im Auge der hohen Intelligenz das nil admirari ausge- breitet wie die Eintönigkeit des wolkenlosen Himmels.

Nicht zu lange krank sein. — Man hüte sich, zu lange krank zu sein: denn bald werden die Zuschauer durch die übliche Verpflichtung, Mitleiden zu zeigen, ungeduldig — weil es ihnen zu viel Mühe macht, diesen Zustand lange bei sich aufrecht zu erhalten — und dann gehen sie unmittelbar zur Verdächtigung eures Charakters über, mit dem Schlüsse: „ihr verdient es krank zu sein, und wir brauchen uns nicht mehr mit Mitleiden anzustrengen."

Wink für Enthusiasten. — Wer gern hingerissen werden will und sich leicht nach Oben tragen lassen möchte, soll zusehen, dass er nicht zu schwer werde: das heisst zum Beispiel, dass er nicht viel lerne und namentlich von der Wissenschaft sich nicht erfüllen lasse. Diese macht schwerfällig! — nehmt euch in Acht, ihr Enthusiasten!

Sich zu überraschen wissen. — Wer sich selber sehen will, so wie er ist, muss es verstehen, sich selber zu überraschen, mit der Fackel in der Hand. Denn es steht mit dem Geistigen so, wie es mit dem Körper- lichen steht: wer gewohnt ist, sich im Spiegel zu schauen, vergisst immer seine Hässlichkeit: erst durch den Maler bekommt er den Eindruck derselben wieder. Aber er gewöhnt sich auch an das Gemälde und vergisst seine Hässlichkeit zum zweiten Male. — Diess nach dem all- gemeinen Gesetze, dass der Mensch das Unveränderlich- Hässliche nicht erträgt, es sei denn auf einen Augen- blick: er vergisst es oder leugnet es in allen Fällen. —: Die Moralisten müssen auf jenen „Augenblick" rechnen, um ihre Wahrheiten vorbringen zu dürfen.

Meinungen und Fische. — Man ist Besitzer seiner Meinungen, wie man Besitzer von Fischen ist — insofern man nämlich Besitzer eines Fischteichs ist. Man muss fischen gehen und Glück haben — dann hat man seine Fische, seine Meinungen. Ich rede hier von lebendigen Meinungen, von lebendigen Fischen. Andere sind zu- frieden, wenn sie ein Fossilien-Cabinet besitzen — und, in ihrem Kopfe, „Überzeugungen".

Anzeichen von Freiheit und Unfreiheit. — Seine nothwendigen Bedürfnisse so viel wie möglich selber befriedigen, wenn auch unvollkommen, das ist die Richtung auf Freiheit von Geist und Person. Viele, auch überflüssige Bedürfnisse sich befriedigen lassen, und so vollkommen als möglich — erzieht zur Unfreiheit. Der Sophist Hippias, der Alles was er trug, innen und aussen, selbst erworben, selber gemacht hatte, entspricht eben damit der Richtung auf höchste Freiheit des Geistes und der Person. Nicht darauf kommt es an, dass Alles gleich gut und vollkommen gearbeitet ist. Der Stolz flickt schon die schadhaften Stellen aus.

Sich selber glauben. — In unserer Zeit misstraut man Jedem, der an sich selber glaubt; ehemals genügte es, um an sich glauben zu machen. Das Recept, um jetzt Glauben zu finden, heisst: „Schone dich selber nicht! Willst du deine Meinung in ein glaubwürdiges Licht setzen, so zünde zuerst die eigne Hütte an!"

Reicher und ärmer zugleich. — Ich kenne einen Menschen, der als Kind schon sich gewöhnt hatte, gut von der Intellectualität der Menschen zu denken, also von ihrer wahren Hingebung für geistige Dinge, ihrer uneigennützigen Bevorzugung des als Wahr Er- kannten und dergleichen, dagegen von seinem eigenen Kopfe (Urtheil Gedächtniss Geistesgegenwart Phantasie) bescheidene, ja niedrige Begriffe zu haben. Er machte sich Nichts aus sich, wenn er sich mit Anderen verglich. Nun wurde er im Laufe der Jahre erst einmal und dann hundertfältig gezwungen, in diesem Punkte umzulernen, • — man sollte denken zu seiner grossen Freude und Genugthuung. Es gab auch in der That Etwas davon, aber „doch ist, wie er einmal sagte, eine Bitterkeit der bittersten Art beigemischt, welche ich im früheren Leben nicht kannte: denn seit ich die Menschen und mich selber in Hinsicht auf geistige Bedürfnisse gerechter schätze, scheint mir mein Geist weniger nütze; ich glaube damit kaum noch etwas Gutes erweisen zu können, weil der Geist der Anderen es nicht anzunehmen versteht: ich sehe jetzt die schreckliche Kluft zwischen dem Hülfreichen und dem Hülfebedürftigen immer vor mir. Und so quält mich die Noth, meinen Geist für mich haben und allein geniessen zu müssen, so weit er ge- niessbar ist. Aber geben ist seliger als haben: und was ist der Reichste in der Einsamkeit einer Wüste!"

Wie man angreifen soll. — Die Gründe, um derentwillen man an Etwas glaubt oder nicht glaubt, sind bei den allerseltensten Menschen überhaupt so stark, als sie sein können. Für gewöhnlich hat man, um den Glauben an Etwas zu erschüttern, durchaus nicht nöthig, ohne Weiteres das schwerste Geschütz des An- griffs vorzufahren; bei Vielen führt es schon zum Ziele, wenn man den Angriff mit etwas Lärm macht: so dass oft Knallerbsen genügen. Gegen sehr eitle Personen reicht die Miene des allerschwersten Angriffes aus: sie sehen sich sehr ernst genommen — und geben gern nach.

Tod. — Durch die sichere Aussicht auf den Tod könnte jedem Leben ein köstlicher wohlriechender Tropfen von Leichtsinn beigemischt sein — und nun habt ihr wunderlichen Apotheker - Seelen aus ihm einen übel- schmeckenden Gift -Tropfen gemacht, durch den das ganze Leben widerlich wird!

Reue. — Niemals der Reue Raum geben, sondern sich sofort sagen: diess hiesse ja der ersten Dummheit eine zweite zugesellen. — Hat man Schaden gestiftet, so sinne man darauf, Gutes zu stiften. Wird man wegen seiner Handlungen gestraft, dann ertrage man die Strafe mit der Empfindung, damit schon etwas Gutes zu stiften: man schreckt die Anderen ab, in die gleiche Thorheit zu verfallen. Jeder gestrafte Übelthäter darf sich als Wohl- thäter der Menschheit fühlen.

Zum Denker werden. — Wie kann Jemand zum Denker werden, wenn er nicht mindestens den dritten Theil jeden Tages ohne Leidenschaften, Menschen und Bücher verbringt?

Das beste Heilmittel. — Etwas Gesundheit ab und zu ist das beste Heilmittel des Kranken.

Nicht anrühren! — Es giebt schreckliche Men- schen, welche ein Problem, statt es zu lösen, für Alle, welche sich mit ihm abgeben wollen, verfitzen und schwerer lösbar machen. Wer es nicht versteht, den Nagel auf den Kopf zu treffen, soll ja gebeten sein, ihn gar nicht zu treffen.

Die vergessene Natur. — Wir sprechen von Natur und vergessen uns dabei: wir selber sind Natur, quand meme —. Folglich ist Natur etwas ganz Anderes als Das, was wir beim Nennen ihres Namens empfinden.

Tiefe und Langweiligkeit. — Bei tiefen Menschen wie bei tiefen Brunnen dauert es lange, bis Etwas, das in sie fällt, ihren Grund erreicht. Die Zuschauer, welche gewöhnlich nicht lange genug warten, halten solche Menschen leicht für unbeweglich und hart — oder auch für langweilig.

Wann es Zeit ist, sich Treue zu geloben. — Man verläuft sich mitunter in eine geistige Richtung, welcher unsere Begabung widerspricht; eine Zeitlang kämpft man heroisch wider die Fluth und den Wind an, im Grunde gegen sich selbst: man wird müde, keucht; was man vollbringt, macht uns keine rechte Freude, wir meinen zu viel bei diesen Erfolgen eingebüsst zu haben. Ja, man verzweifelt an seiner Fruchtbarkeit, an seiner Zukunft, mitten im Siege vielleicht —. Endlich, endlich kehrt man um — und jetzt weht der "Wind in unser Segel und treibt uns in unser Fahrwasser. Welches Glück! Wie siegesgewiss fühlen wir uns! Jetzt erst wissen wir, was wir sind und was wir wollen, jetzt geloben wir uns Treue und dürfen es — als Wissende.

Wetterpropheten. — Wie die Wolken uns ver- rathen, wohin hoch über uns die Winde laufen, so sind die leichtesten und freiesten Geister in ihren Richtungen vorausverkündend für das Wetter, das kommen wird. Der Wind im Thale und die Meinungen des Marktes von Heute bedeuten Nichts für Das, was kommt, sondern nur für Das, was war.

Stätige Beschleunigung. — Jene Personen, welche langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung — so dass zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.

Die guten Drei. — Grösse, Ruhe, Sonnenlicht -- diese Drei umfassen Alles, was ein Denker wünscht und auch von sich fordert: seine Hoffnungen und Pflichten, seine Ansprüche im Intellectuellen und Moralischen, sogar in der täglichen Lebensweise und selbst im Land- schaftlichen seines Wohnsitzes. Ihnen entsprechen einmal erhebende Gedanken, sodann beruhigende, drittens aufhellende — viertens aber Gedanken, welche an allen drei Eigenschaften Antheil haben, in denen alles Irdische zur Verklärung kommt: es ist das Reich, wo die grosse Dreifaltigkeit der Freude herrscht.

Für die „Wahrheit" sterben. — Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen: wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.

Seine Taxe haben. — Wenn man gerade so viel gelten will, als man ist, muss man Etwas sein, das seine Taxe hat. Aber nur das Gewöhnliche hat eine Taxe. Somit ist jenes Verlangen entweder die Folge einsichtiger Bescheidenheit — oder dummer Unbe- scheidenheit.

Moral für Häuser baue r. — Man muss die Ge- rüste wegnehmen, wenn das Haus gebaut ist.

Sophokleismus. — Wer hat mehr Wasser in den Wein gegossen als die Griechen! Nüchternheit und Grazie verbunden — das war das Adels -Vorrecht des Atheners zur Zeit des Sophokles und nach ihm. Mache es nach, wer da kann! Im Leben und Schaffen!

Das Heroische. — Das Heroische besteht darin, dass man Grosses thut (oder Etwas in grosser Weise nicht thut), ohne sich im Wettkampfe mit Anderen, vor Anderen zu fühlen. Der Heros trägt die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk immer mit sich, wohin er auch geht.

Doppelgängerei der Natur. — In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit an- genehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei. — Wie glücklich muss Der sein können, welcher jene Empfindung gerade hier hat, in dieser beständigen sonni- gen Octoberluft, in diesem schalkhaft glücklichen Spielen des Windzugs von Früh bis Abend, in dieser reinsten Helle und mässigsten Kühle, in dem gesammten an- muthig ernsten Hügel- Seen- und Wald-Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die Schreck- nisse des ewigen Schnees hingelagert hat — hier, wo Italien und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: wie glücklich Der, welcher sagen kann: „es giebt gewiss viel Grösseres und Schö- neres in der Natur, diess aber ist mir innig und ver- traut, blutsverwandt, ja noch mehr."

Leutseligkeit des Weisen. — Der Weise wird unwillkürlich mit den anderen Menschen leutselig um- gehen wie ein Fürst und sie, trotz aller Verschiedenheit der Begabung, des Standes und der Gesittung, leicht als gleichartig behandeln: was man, sobald es bemerkt wird, ihm sehr übel nimmt.

Gold. — Alles, was Gold ist, glänzt nicht. Die sanfte Strahlung ist dem edelsten Metalle zu eigen.

Rad und Hemmschuh. — Das Rad und der Hemmschuh haben verschiedene Pflichten, aber auch eine gleiche: einander wehe zu thun.

Störungen des Denkers. — Auf Alles, was den Denker in seinen Gedanken unterbricht (stört, wie man sagt), muss er friedfertig hinschauen, wie auf ein neues Modell, das zur Thüre hereintritt, um sich dem Künstler anzubieten. Die Unterbrechungen sind die Raben, welche dem Einsamen Speise bringen.

Viel Geist haben. — Viel Geist haben erhält jung: aber man muss es ertragen, damit gerade für älter zu gelten, als man ist. Denn die Menschen lesen die Schriftzüge des Geistes ab als Spuren der Lebens- Nietzsche, Werke Band III. 24 erfahrung, das heisst des Viel- und Schlimm- gel ebt- habens, des Leidens, Irrens, Bereuens. Also: man gilt ihnen für älter sowohl als für schlechter, als man ist, wenn man viel Geist hat und zeigt.

Wie man siegen muss. — Man soll nicht siegen wollen, wenn man nur die Aussicht hat, um eines Haares Breite seinen Gegner zu überholen. Der gute Sieg muss den Besiegten freudig stimmen, er muss etwas Göttliches haben, welches die Beschämung erspart.