Den Hunger als Gast abweisen. — Weil dem Hungrigen die feinere Speise so gut und um Nichts besser als die gröbste dient, so wird der anspruchsvollere Künstler nicht darauf denken, den Hungrigen zu seiner Mahlzeit einzuladen.
Ohne Kunst und Wein leben. — Mit den Wer- ken der Kunst steht es wie mit dem Weine: noch besser ist es, wenn man beide nicht nöthig hat, sich an Wasser hält und das Wasser aus innerem Feuer, innerer Süsse der Seele immer wieder von selber in Wein verwandelt.
Das Raub-Genie. — Das Raub-Genie in den Künsten, das selbst feine Geister zu täuschen weiss, ent- steht, wenn Jemand unbedenklich von jung an alles Gute, welches nicht geradezu vom Gesetz als Eigenthum einer bestimmten Person in Schutz genommen ist, als freie Beute betrachtet. Nun liegt alles Gute vergangner Zeiten und Meister frei umher, eingehegt und behütet durch die verehrende Scheu der Wenigen, die es erkennen: diesen Wenigen bietet jenes Genie, kraft seines Mangels an Scham, Trotz und häuft sich einen Reichthum auf, der selber wieder Verehrung und Scheu erzeugt.
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An die Dichter der grossen Städte. — Den Gärten der heutigen Poesie merkt man an, dass die grossstädtischen Kloaken zu nahe dabei sind: mitten in den Blüthengeruch mischt sich etwas, das Ekel und Fäulniss verräth. — Mit Schmerz frage ich: habt ihr es so nöthig, ihr Dichter, den Witz und den Schmutz immer zu Gevatter zu bitten, wenn irgend eine unschuldige und schöne Empfindung von euch getauft werden soll? Müsst ihr durchaus eurer edlen Göttin eine Fratzen- und Teufels- kappe aufsetzen? Woher aber diese Noth, dieses Müssen? — Eben daher, dass ihr der Kloake zu nahe wohnt.
Vom Salz der Rede. — Niemand hat noch erklärt, warum die griechischen Schriftsteller von den Mitteln des Ausdrucks, welche ihnen in unerhörter Fülle und Kraft zu Gebote standen, einen so übersparsamen Gebrauch ge- macht haben, dass jedes nachgriechische Buch dagegen grell, bunt und überspannt erscheint. — Man hört, dass dem Nordpol-Eise zu ebenso wie in den heissesten Ländern der Gebrauch des Salzes spärlicher werde, dass dagegen die Ebenen- und Küstenanwohner im Erdgürtel der massigeren Sonnenwärme am reichlichsten Gebrauch von ihm machen. Sollten die Griechen aus doppelten Gründen, weil zwar ihr Intellect kälter und klarer, ihre leidenschaft- liche Grundnatur aber um Vieles tropischer war als die unsrige, des Salzes und Gewürzes nicht in dem Maasse nöthig gehabt haben als wir?
Der freieste Schriftsteller. — Wie dürfte in einem Buche für freie Geister Lorenz Sterne ungenannt bleiben, er, den Goethe als den freiesten Geist seines Jahrhunderts geehrt hat! Möge er hier mit der Ehre fürlieb nehmen, der freieste Schriftsteller aller Zeiten ge- nannt zu werden, in Vergleich mit welchem alle Anderen steif, vierschrötig, unduldsam und bäurisch-geradezu er- scheinen. An ihm dürfte nicht die geschlossene klare, sondern die „unendliche Melodie" gerühmt werden: wenn mit diesem Worte ein Stil der Kunst zu einem Namen kommt, bei dem die bestimmte Form fortwährend ge- brochen, verschoben, in das Unbestimmte zurückübersetzt wird, so dass sie das Eine und zugleich das Andere be- deutet. Sterne ist der grosse Meister der Zweideutig- keit^— dies Wort billigerweise viel weiter genommen als man gemeinhin thut, wenn man dabei an geschlecht- liche Beziehungen denkt. Der Leser ist verloren zu geben, der jederzeit genau wissen will, was Sterne eigentlich über eine Sache denkt, ob er bei ihr ein ernsthaftes oder ein lächelndes Gesicht macht: denn er versteht sich auf Beides in Einer Faltung seines Gesichtes, er versteht es ebenfalls und will es sogar, zugleich Recht und Unrecht zu haben, den Tiefsinn und die Posse zu verknäueln. Seine Abschweifungen sind zugleich Forterzählungen und Weiterentwicklungen der Geschichte; seine Sentenzen enthalten zugleich eine Ironie auf alles Sentenziöse, sein Widerwille gegen das Ernsthafte ist einem Hange an- geknüpft, keine Sache nur flach und äusserlich nehmen zu können. So bringt er bei dem rechten Leser ein Ge- fühl von Unsicherheit darüber hervor, ob man gehe, stehe oder liege: ein Gefühl, welches dem des Schwebens am verwandtesten ist. Er, der geschmeidigste Autor, theilt auch seinem Leser Etwas von dieser Geschmeidig- keit mit. Ja, Sterne verwechselt unversehens die Rollen und ist bald ebenso Leser, als er Autor ist; sein Buch gleicht einem Schauspiel im Schauspiel, einem Theater- publicum vor einem andern Theaterpublicum. Man muss sich der Sternischen Laune auf Gnade und Ungnade er- geben — und kann übrigens erwarten, dass sie gnädig, immer gnädig ist. — Seltsam und belehrend ist es, wie ein so grosser Schriftsteller wie Diderot sich zu dieser allgemeinen Zweideutigkeit Sterne's gestellt hat: nämlich ebenfalls zweideutig — und das eben ist ächt Sternischer Überhumor. Hat er jenen, in seinem Jacqitcs le fataliste, nachgeahmt, bewundert, verspottet, parodirt? — man kann es nicht völlig herausbekommen, — und vielleicht hat gerade diess sein Autor gewollt. Gerade dieser Zweifel macht die Franzosen gegen das Werk eines ihrer ersten Meister (der sich vor keinem Alten und Neuen zu schämen braucht) ungerecht. Die Franzosen sind eben zum Humor — und namentlich zu diesem Humoristisch- nehmen des Humors selber — zu ernsthaft. — Sollte es nöthig sein hinzuzufügen, dass Sterne unter allen grossen Schriftstellern das schlechteste Muster und der eigentlich unvorbildliche Autor ist, und dass selbst Diderot sein Wagniss büssen musste? Das, was die guten Franzosen und vor ihnen einzelne Griechen und Römer als Prosaiker wollten und konnten, ist genau das Gegentheil von dem, was Sterne will und kann: er erhebt sich eben als meister- hafte Ausnahme über Das, was alle schriftstellerischen Künstler von sich fordern: Zucht, Geschlossenheit, Cha- rakter, Beständigkeit der Absichten, Überschaulichkeit, Schlichtheit, Haltung in Gang und Miene. — Leider scheint der Mensch Sterne mit dem Schriftsteller Sterne nur zu verwandt gewesen zu sein: seine Eichhorn-Seele sprang mit unbändiger Unruhe von Zweig zu Zweig; was nur zwischen Erhaben und Schuftig liegt, war ihm bekannt; auf jeder Stelle hatte er gesessen, immer mit dem unverschämten wässrigen Auge und dem empfind- samen Mienenspiele. Er war, wenn die Sprache vor einer solchen Zusammenstellung nicht erschrecken wollte, von einer hartherzigen Gutmüthigkeit und hatte in den Genüssen einer barocken, ja verderbten Einbildungskraft fast die blöde Anmuth der Unschuld. Eine solche fleischund seelenhafte Zweideutigkeit, eine solche Freigeisterei bis in jede Faser und Muskel des Leibes hinein, wie er diese Eigenschaften hatte, besass vielleicht kein anderer Mensch.
Gewählte Wirklichkeit. — Wie der gute Prosa- schriftsteller nur Worte nimmt, welche der Umgangs- sprache angehören, doch lange nicht alle Worte derselben — wodurch eben der gewählte Stil entsteht —, so wird der gute Dichter der Zukunft nur Wirkliches dar- stellen und von allen phantastischen abergläubischen halbredlichen abgeklungenen Gegenständen, an denen frühere Dichter ihre Kraft zeigten, völlig absehen. Nur Wirklichkeit, aber lange nicht jede Wirklichkeit! — sondern eine gewählte Wirklichkeit!
Abarten derKunst. — Neben den ächten Gattungen der Kunst, der der grossen Ruhe und der der grossen Bewegung, giebt es Abarten — die ruhesüchtige, blasirte Kunst und die aufgeregte Kunst: beide wünschen, dass man ihre Schwäche für ihre Stärke nehme und sie mit den ächten Gattungen verwechsele.
Zum Heros fehlt jetzt die Farbe. — Die eigent- lichen Dichter und Künstler der Gegenwart lieben es ihre Gemälde auf einen roth grün grau und goldig flackernden Grund aufzutragen, auf den Grund der ner- vösen Sinnlichkeit: auf diese verstehen sich ja die Kinder dieses Jahrhunderts. Diess hat den Nachtheil —, Nietzsche, Werke Band III. 5 wenn man nämlich nicht mit den Augen des Jahr- hunderts auf jene Gemälde sieht —, dass die grössten Gestalten, welche Jene hinmalen, etwas Flimmerndes Zitterndes Wirbelndes an sich zu haben scheinen: so dass man ihnen heroische Thaten eigentlich nicht zutraut, sondern höchstens heroisirende prahlerische Unthaten. „ Stil der Überladung. — Der überladene Stil in der Kunst ist die Folge einer Verarmung der organi- sirenden Kraft bei verschwenderischem Vorhandensein von Mitteln und Absichten. — In den Anfängen der Kunst findet sich mitunter das gerade Gegenstück dazu.
Pulclirum est paucorum hominum. — Die Historie und die Erfahrung sagt uns, dass die bedeutsame Ungeheuerlichkeit, welche die Phantasie geheimnissvoll anregt und über das Wirkliche und Alltägliche fortträgt, älter ist und reichlicher wächst als das Schöne in der Kunst und dessen Verehrung — und dass es sofort wieder in Überfülle ausschlägt, wenn der Sinn für Schön- heit sich verdunkelt. Es scheint für die Mehr- und Überzahl der Menschen ein höheres Bedürfniss zu sein als das Schöne: wohl desshalb, weil es das gröbere Nar- coticum enthält.
Ursprünge des Geschmacks an Kunstwerken. — Denkt man an die anfänglichen Keime des künst- erischen Sinnes und fragt sich, welche verschiedentliche Arten der Freude durch die Erstlinge der Kunst, zum Beispiel bei wilden Völkerschaften, hervorgebracht werden, so findet man zuerst die Freude, zu verstehen, was ein Andrer meint; die Kunst ist hier eine Art Räthsel- aufgeben, das dem Errathenden Genuss am eigenen Schnell- und Scharfsinn verschafft. — Sodann erinnert man sich beim rohesten Kunstwerk an Das, was Einem in der Erfahrung angenehm war und hat insofern Freude, zum Beispiel wenn der Künstler auf Jagd Sieg Hochzeit hingedeutet hat. — Wiederum kann man sich durch das Dargestellte erregt, gerührt, entflammt fühlen, beispielsweise bei Verherrlichung von Rache und Gefahr. Hier liegt der Genuss in der Erregung selber, im Siege über die Langeweile. — Auch die Erinnerung an das Unangenehme, insofern es überwunden ist, oder insofern es uns selber als Gegenstand der Kunst vor dem Zu- hörer interessant erscheinen lässt (wie wenn der Sänger die Unfälle eines verwegenen Seefahrers beschreibt), kann grosse Freude machen, welche man dann der Kunst zu Gute rechnet. — Feinerer Art ist schon jene Freude, welche beim Anblick alles Regelmässigen und Symmetrischen, in Linien, Punkten, Rhythmen, entsteht; denn durch eine gewisse Ähnlichkeit wird die Empfin- dung für alles Geordnete und Regelmässige im Leben, dem man ja ganz allein alles Wohlbefinden zu danken hat, wachgerufen: im Cultus des Symmetrischen verehrt man also unbewusst die Regel und das Gleichmaass als Quelle seines bisherigen Glücks; diese Freude ist eine Art Dankgebet. Erst bei einer gewissen Ubersättigung an dieser letzterwähnten Freude entsteht das noch feinere Gefühl, dass auch im Durchbrechen des Symmetrischen und Geregelten Genuss liegen könne; wenn es zum Bei- spiel anreizt, Vernunft in der scheinbaren Unvernunft zu 5* suchen: wodurch es dann, als eine Art ästhetischen Räthselrathens, wie eine höhere Gattung der zuerst er- wähnten Kunstfreude dasteht. — Wer dieser Betrachtung weiter nachhängt, wird wissen, auf welche Art von Hypothesen er hierbei zur Erklärung der ästhetischen Erscheinungen grundsätzlich verzichtet.
Nicht zu nahe. — Es ist ein Nachtheil für gute Gedanken, wenn sie zu rasch auf einander folgen; sie verdecken sich gegenseitig die Aussicht. — Desshalb haben die grössten Künstler und Schriftsteller reichlichen Gebrauch vom Mittelmässigen gemacht.
Rohheit und Schwäche. — Die Künstler aller Zeiten haben die Entdeckung gemacht, dass in der Roh- heit eine gewisse Kraft liegt und dass nicht Jeder roh sein kann, der es wohl sein möchte; ebenso dass manche Arten von Schwäche stark auf das Gefühl wirken. Hieraus sind nicht wenig Kunstmittel-Surrogate abgeleitet worden, deren sich völlig zu enthalten selbst den grössten und gewissenhaftesten Künstlern schwer wird.
Das gute Gedächtniss. — Mancher wird nur desshalb kein Denker, weil sein Gedächtniss zu gut ist.
Hungermachen statt Hungerstillen. — Grosse Künstler wähnen, sie hätten durch ihre Kunst eine Seele völlig in Besitz genommen und ausgefüllt: in Wahrheit — und oft zu ihrer schmerzlichen Enttäuschung — ist jene Seele dadurch nur um so umfänglicher und unausfüll- barer geworden, so dass zehn grössere Künstler sich nun in ihre Tiefe hinabstürzen könnten, ohne sie zu sättigen.
Künstler- Angst. — Die Angst, man möchte ihren Figuren nicht glauben, dass sie leben, kann Künstler des absinkenden Geschmacks verführen, diese so zu bilden, dass sie sich wie toll benehmen: wie andererseits aus derselben Angst griechische Künstler des ersten Aufgangs selbst Sterbenden und Schwer- verwundeten jenes Lächeln gaben, welches sie als leb- haftestes Zeichen des Lebens kannten, — unbekümmert darum, was die Natur in solchem Falle des Noch-lebens, des Fast -nicht- mehr -lebens bildet.
Der Kreis soll fertig werden. — Wer einer Philosophie oder Kunstart bis an das Ende ihrer Bahn und um das Ende herum nachgegangen ist, begreift aus einem innern Erlebniss, warum die nachfolgenden Meister und Lehrer sich von ihr, oft mit abschätziger Miene, zu einer neuen Bahn fortwandten. Der Kreis muss eben umschrieben werden — aber der Einzelne, und sei es der Grösste, sitzt auf seinem Punkte der Peripherie fest, mit einer unerbittlichen Miene der Hartnäckigkeit, als ob der Kreis nie geschlossen werden dürfe.
Altere Kunst und die Seele der Gegen- wart. — Weil jede Kunst zum Ausdruck seelischer Zustände, der bewegteren, zarteren, drastischem, leiden- schaftlichem, immer befähigter wird, so empfinden die späteren Meister, durch diese Ausdrucks-Mittel verwöhnt, ein Unbehagen bei den Kunstwerken der älteren Zeit, wie als ob es den Alten eben nur an den Mitteln gefehlt habe, ihre Seele deutlich reden zu lassen, vielleicht gar an einigen technischen Vorbedingungen; und sie meinen hier nachhelfen zu müssen — denn sie glauben an die Gleichheit, ja Einheit aller Seelen. In Wahrheit ist aber die Seele jener Meister selber noch eine andere gewesen, grösser vielleicht, aber kälter und dem Reizvoll- Lebendigen noch abhold: das Maass, die Symmetrie, die Geringachtung des Holden und Wonnigen, eine unbe- wusste Herbe und Morgenkühle, ein Ausweichen vor der Leidenschaft, wie als ob an ihr die Kunst zu Grunde gehen werde, — diess macht die Gesinnung und Moralität aller älteren Meister aus, welche ihre Ausdrucks - Mittel nicht zufällig, sondern nothwendig mit der gleichen Moralität wählten und durchgeisteten. — Soll man aber, bei dieser Erkenntniss, den später Kommenden das Recht versagen, die älteren Werke nach ihrer Seele zu be- seelen? Nein, denn nur dadurch, dass wir ihnen unsere Seele geben, vermögen sie fortzuleben: erst unser Blut bringt sie dazu, zu uns zu reden. Der wirklich „historische" Vortrag würde gespenstisch zu Gespenstern reden. — Man ehrt die grossen Künstler der Vergangenheit weniger durch jene unfruchtbare Scheu, welche jedes Wort, jede Note so liegen lässt, wie sie gestellt ist, als durch thätige Versuche, ihnen immer von Neuem wieder zum Leben zu verhelfen. — Freilich: dächte man sich Beethoven plötzlich wiederkommend und eins seiner Werke gemäss der modernsten Beseeltheit und Nerven -Verfeinerung, welche unsern Meistern des Vortrags zum Ruhme dient, vor ihm ertönend: er würde wahrscheinlich lange stumm sein, schwankend, ob er die Hand zum Fluchen oder Segnen erheben solle, endlich aber vielleicht sprechen: „Nun! Nun! Das ist weder Ich noch Nicht-Ich, sondern etwas Drittes — es scheint mir auch etwas Rechtes, wenn es gleich nicht das Rechte ist. Ihr mögt aber zusehen, wie ihr's treibt, da ihr ja jedenfalls zuhören müsst, — und der Lebende hat Recht, sagt ja unser Schiller. So habt denn Recht und lasst mich. wieder hinab."
Gegen die Tadler der Kürze. — Etwas Kurz- Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang- Gedachten sein: aber der Leser, der auf diesem Felde Neuling ist und hier noch gar nicht nachgedacht hat, sieht in allem Kurz-Gesagten etwas Embryonisches, nicht ohne einen tadelnden Wink an den Autor, dass er dergleichen Unausgewachsenes Ungereiftes ihm zur Mahlzeit mit auf den Tisch setze.
Gegen die Kurzsichtigen. — Meint ihr denn, es müsse Stückwerk sein, weil man es euch in Stücken giebt (und geben muss)?
Sentenzen-Leser. — Die schlechtesten Leser von Sentenzen sind die Freunde ihres Urhebers, falls sie beflissen sind, aus dem Allgemeinen wieder auf das Besondere zurückzurathen, dem die Sentenz ihren Ur- sprung verdankt: denn durch diese Topf guckerei machen sie die ganze Mühe des Autors zu nichte, so dass sie nun verdientermaassen anstatt einer philosophischen Stimmung und Belehrung besten- oder schlimmsten Falls Nichts als die Befriedigung der gemeinen Neugierde zum Ge- winn erhalten.
Unarten des Lesers. — Die doppelte Unart des Lesers gegen den Autor besteht darin, das zweite Buch desselben auf Unkosten des ersten zu loben (oder um- gekehrt)' und dabei zu verlangen, dass der Autor ihm dankbar sei.
Das Aufregende in der Geschichte der Kunst. — Verfolgt man die Geschichte einer Kunst, zum Beispiel die der griechischen Beredsamkeit, so geräth man, von Meister zu Meister fortgehend, bei dem Anblick dieser immer gesteigerten Besonnenheit, um den alten und neuhinzugefügten Gesetzen und Selbstbeschränkungen insgesammt zu gehorchen, zuletzt in eine peinliche Spannung: man begreift, dass der Bogen brechen muss und dass die sogenannte unorganische Composition, mit den wundervollsten Mitteln des Ausdrucks überhängt und maskirt — in jenem Falle der Barockstil des Asianismus —, einmal eine Nothwendigkeit und fast eine Wohlthat war.
An die Grossen der Kunst. — Jene Begeisterung für eine Sache, welche du Grosser in die Welt hineinträgst, lasst den Verstand Vieler verkrüppeln. Diess zu wissen demüthigt. Aber der Begeisterte trägt seinen Höcker mit Stolz und Lust: insofern hast du den Trost, dass durch dich das Glück in der Welt vermehrt ist.
Die ästhetisch Gewissenlosen. — Die eigent- lichen Fanatiker einer künstlerischen Partei sind jene völlig unkünstlerischen Naturen, welche selbst in die Elemente der Kunstlehre und des Kunstkönnens nicht eingedrungen sind, aber auf das Stärkste von allen elementarischen Wirkungen einer Kunst ergriffen werden. Für sie giebt es kein ästhetisches Gewissen — und daher Nichts, was sie vom Fanatismus zurückhalten könnte.
Wie nach der neueren Musik sich die Seele bewegen soll. — Die künstlerische Absicht, welche die neuere Musik in Dem verfolgt, was jetzt, sehr stark aber undeutlich, als „unendliche Melodie" bezeichnet wird, kann man sich dadurch klar machen, dass man in's Meer geht, allmählich den sicheren Schritt auf dem Grunde ver- liert und sich endlich dem wogenden Elemente auf Gnade und Ungnade übergiebt: man soll schwimmen. In der bisherigen älteren Musik musste man, im zierlichen oder feierlichen oder feurigen Hin und Wieder, Schneller und Langsamer, tanzen: wobei das hierzu nöthige Maass, das Einhalten bestimmter gleichwiegender Zeit- und Kraft- grade von der Seele des Zuhörers eine fortwährende Besonnenheit erzwang: auf dem Widerspiele dieses kühleren Luftzuges, welcher von der Besonnenheit herkam, und des durchwärmten Athems musikalischer Be- geisterung ruhte der Zauber jener Musik. — Richard Wagner wollte eine andere Art Bewegung der Seele, welche, wie gesagt, dem Schwimmen und Schweben ver- wandt ist. Vielleicht ist diess das Wesentlichste aller seiner Neuerungen. Sein berühmtes Kunstmittel, diesem Wollen entsprungen und angepasst — die „unendliche Melodie", bestrebt sich, alle mathematische Zeit- und Kraft-Eben- mässigkeit zu brechen, mitunter selbst zu verhöhnen; und er ist überreich in der Erfindung solcher Wirkungen, welche dem älteren Ohre wie rhythmische Paradoxien und Lästerreden klingen. Er fürchtet die Versteinerung, die Krystallisation, den Übergang der Musik in das Architektonische — und so stellt er dem zweitactigen Rhythmus einen dreitactigen entgegen, führt nicht selten den Fünf- und Siebentact ein, wiederholt dieselbe Phrase sofort, aber mit einer Dehnung, dass sie die doppelte und dreifache Zeitdauer bekommt. Aus einer bequemen Nachahmung solcher Künste kann eine grosse Gefahr für die Musik entstehen: immer hat neben der Überreife des rhythmischen Gefühls die Verwilderung, der Verfall der Rhythmik im Versteck gelauert. Sehr gross wird zumal diese Gefahr, wenn eine solche Musik sich immer enger an eine ganz naturalistische, durch keine höhere Plastik erzogene und beherrschte Schauspielerkunst und Gebärdensprache anlehnt, welche in sich kein Maass hat und dem sich ihr anschmiegenden Elemente, dem allzu- weiblichen Wesen der Musik, auch kein Maass mitzu- theilen vermag.
Dichter und Wirklichkeit. — Die Muse des Dichters, der nicht in die Wirklichkeit verliebt ist, wird eben nicht die Wirklichkeit sein und ihm hohläugige und allzu zartknochichte Kinder gebären.
Mittel und Zweck. — In der Kunst heiligt der Zweck die Mittel nicht: aber heilige Mittel können hier den Zweck heiligen.
Die schlechtesten Leser. — Die schlechtesten Leser sind die, welche wie plündernde Soldaten ver- fahren: sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen können, heraus, beschmutzen und verwirren das Übrige und lästern auf das Ganze.
Merkmale des guten Schriftstellers. — Die guten Schriftsteller haben zweierlei gemeinsam: sie ziehen vor, lieber verstanden als angestaunt zu werden; und sie schreiben nicht für die spitzen und überscharfen Leser.
Die gemischten Gattungen. — Die gemischten Gattungen in den Künsten legen Zeugniss über das Misstrauen ab, welches ihre Urheber gegen ihre eigne Kraft empfanden; sie suchten Hülfsmächte Anwälte Verstecke, — so der Dichter, der die Philosophie, der Musiker, der das Drama, der Denker, der die Rhetorik zu Hülfe ruft.
Mund halten. — Der Autor hat den Mund zu halten, wenn sein Werk den Mund aufthut.
Abzeichen des Ranges. — Alle Dichter und Schriftsteller, welche in den Superlativ verliebt sind, wollen mehr als sie können.
Kalte Bücher. — Der gute Denker rechnet auf Leser, welche das Glück nachempfinden, das im guten Denken liegt: so dass ein Buch, welches sich kalt und nüchtern ausnimmt, durch die rechten Augen gesehen, vom Sonnenscheine der geistigen Heiterkeit umspielt und als ein rechter Seelentrost erscheinen kann.
Kunstgriff der Schwerfälligen. — Der schwer- fällige Denker wählt gewöhnlich die Geschwätzigkeit oder die Feierlichkeit zur Bundesgenossin: durch die erstere meint er sich Beweglichkeit und leichten Fluss anzueignen, durch die letztere erweckt er den Schein, als ob seine Eigenschaft eine Wirkung des freien Willens, der künstlerischen Absicht sei, zum Zwecke der Würde, welche Langsamkeit der Bewegung fordert.
Vom Barockstile. — Wer sich als Denker und Schriftsteller zur Dialektik und Auseinanderfaltung der Gedanken nicht geboren oder erzogen weiss, wird unwill- kürlich nach dem Rhetorischen und Dramatischen greifen: denn zuletzt kommt es ihm darauf an, sich ver- ständlich zu machen und dadurch Gewalt zu gewinnen, gleichgültig ob er das Gefühl auf ebenem Pfade zu sich leitet oder unversehens überfällt — als Hirt oder als Räuber. Diess gilt auch in den bildenden wie musischen Künsten; wo das Gefühl mangelnder Dialektik oder des Ungenügens in Ausdruck und Erzählung, zusammen mit einem überreichen, drängenden Formentriebe, jene Gattung des Stiles zu Tage fördert, welche man Barockstil nennt. — Nur die Schlechtunterrichteten und Anmaassen- den werden übrigens bei diesem Wort sogleich eine ab- schätzige Empfindung haben. Der Barockstil entsteht jedesmal beim Abblühen jeder grossen Kunst, wenn die Anforderungen in der Kunst des classischen Ausdrucks allzugross geworden sind, als ein Natur-Ereigniss, dem man wohl mit Schwermuth — weil es der Nacht voran- läuft — zusehen wird, aber zugleich mit Bewunderung für die ihm eigenthümlichen Ersatzkünste des Ausdrucks und der Erzählung. Dahin gehört schon die "Wahl von Stoffen und Vorwürfen höchster dramatischer Spannung, bei denen auch ohne Kunst das Herz zittert, weil Himmel und Hölle der Empfindung allzunah sind: dann die Beredsamkeit der starken Affecte und Gebärden, des Häss- lich-Erhabenen, der grossen Massen, überhaupt der Quan- tität an sich — wie diess sich schon bei Michelangelo, dem Vater oder Grossvater der italiänischen Barock- künstler, ankündigt —: die Dämmerungs-, Verklärungs- oder Feuerbrunstlichter auf so starkgebildeten Formen: dazu fortwährend neue Wagnisse in Mitteln und Ab- sichten, vom Künstler für die Künstler kräftig unter- strichen, während der Laie wähnen muss, das beständige unfreiwillige Überströmen aller Füllhörner einer ursprüng- lichen Natur-Kunst zu sehen: diese Eigenschaften alle, in denen jener Stil seine Grösse hat, sind in den früheren, vorclassischen und classischen Epochen einer Kunstart nicht möglich, nicht erlaubt: solche Köstlichkeiten hängen lange als verbotene Früchte am Baume. — Gerade jetzt, wo die Musik in diese letzte Epoche übergeht, kann man das Phänomen des Barockstils in einer besondern Pracht kennen lernen und Vieles durch Vergleichung daraus für frühere Zeiten lernen: denn es hat von den griechi- schen Zeiten ab schon oftmals einen Barockstil gegeben, in der Poesie, Beredsamkeit, im Prosastile, in der Sculp- tur ebensowohl als bekanntermaassen in der Archi- tektur — und jedesmal hat dieser Stil, ob es ihm gleich am höchsten Adel, an dem einer unschuldigen, unbe- wussten, sieghaften Vollkommenheit gebricht, auch Vielen von den Besten und Ernstesten seiner Zeit wohlgethan: — wesshalb es, wie gesagt, anmaassend ist, ohne Weiteres ihn abschätzig zu beurtheilen; so sehr sich Jeder glück- lich preisen darf, dessen Empfindung durch ihn nicht für den reineren und grösseren Stil unempfänglich ge- macht wird.
Werth ehrlicher Bücher. — Ehrliche Bücher machen den Leser ehrlich, wenigstens indem sie seinen Hass und Widerwillen herauslocken, welchen die ver- schmitzte Klugheit sonst am besten zu verstecken weiss. Gegen ein Buch aber lässt man sich gehen, wenn man sich auch noch so sehr gegen Menschen zurückhält.
Wodurch die Kunst Partei macht. — Einzelne schöne Stellen, ein erregender Gesammt -Verlauf und hinreissende erschütternde Schluss - Stimmungen — so viel wird auch den meisten Laien von einem Kunstwerk noch zugänglich sein: und in einer Periode der Kunst, in der man die grosse Masse der Laien auf die Seite der Künstler hinüberziehen, also eine Partei, vielleicht zur Erhaltung der Kunst überhaupt, machen will, wird der Schaffende gut thun, auch nicht mehr zu geben: damit er nicht zum Verschwender seiner Kraft werde, auf Gebieten, wo Niemand ihm Dank weiss. Das Übrige nämlich zu leisten — die Natur in ihrem organischen Bilden und Wachsenlassen nachzuahmen — hiesse in jenem Falle: auf Wasser säen.