Zum Schaden der Historie gross werden. — Jeder spätere Meister, welcher den Geschmack der Kunst- Geniessenden in seine Bahn lenkt, bringt unwillkürlich eine Auswahl und Neu-Abschätzung der älteren Meister und ihrer Werke hervor: das ihm Gemässe und Ver- wandte, das ihn Vorschmeckende und Ankündigende in Jenen gilt von jetzt ab als das eigentlich Bedeutende an ihnen und ihren Werken — eine Frucht, in der gewöhnlich ein grosser Irrthum als Wurm verborgen steckt.
Wie ein Zeitalter zur Kunst geködert wird. — Man lerne mit Hülfe aller Künstler- und Denker- Zaubereien die Menschen an, vor ihren Mängeln, ihrer geistigen Armuth, ihren unsinnigen Verblendungen und Leidenschaften Verehrung zu empfinden — und diess ist möglich —, man zeige vom Verbrechen und vom Wahne nur die erhabene Seite, von der Schwäche der Willenlosen und Blind - Ergebnen nur das Rührende und Zu -Herzen -Sprechende eines solchen Zustandes — auch diess ist oft genug geschehen —: so hat man das Mittel angewendet, auch einem ganz unkünstlerischen und unphilosophischen Zeitalter schwärmerische Liebe zu Philosophie und Kunst (namentlich zu den Künstlern und Denkern als Personen) einzuflössen, und, in schlimmen Umständen, vielleicht das einzige Mittel, die Existenz so zarter und gefährdeter Gebilde zu wahren.
Kritik und Freude. — Kritik, einseitige und ungerechte ebensogut wie verständige, macht Dem, der sie übt, so viel Vergnügen, dass die Welt jedem Werk, jeder Handlung Dank schuldig ist, welche viel und Viele zur Kritik auffordert: denn hinter ihr her zieht sich ein blitzender Schweif von Freude, Witz, Selbstbewunderung, Stolz, Belehrung, Vorsatz zum Bessermachen. — Der Gott der Freude schuf das Schlechte und Mittelmässige, aus dem gleichen Grunde, aus dem er das Gute schuf.
Über seine Grenze hinaus. — Wenn ein Künstler mehr sein will als ein Künstler, zum Beispiel der mora- lische Erwecker seines Volkes, so verliebt er sich, zur Strafe, zuletzt in ein Ungethüm von moralischem Stoff — und die Muse lacht dazu: denn diese so gutherzige Göttin kann aus Eifersucht auch boshaft werden. Man denke an Milton und Klopstock.
Gläsernes Auge. — Die Richtung des Talentes auf moralische Stoffe, Personen, Motive, auf die schöne Seele des Kunstwerks ist mitunter nur das gläserne Auge, welches der Künstler, dem es an der schönen Seele gebricht, sich einsetzt: mit dem sehr seltenen Erfolge, dass diess Auge zuletzt doch lebendige Natur wird, wenn auch etwas verkümmert blickende Natur, — aber mit dem gewöhnlichen Erfolge, dass alle Welt Natur zu sehen meint, wo kaltes Glas ist.
Schreiben und Siegen -wollen. — Schreiben sollte immer einen Sieg anzeigen, und zwar eine Über- windung seiner selbst, welche Anderen zum Nutzen mitgetheilt werden muss; aber es giebt dyspeptische Autoren, welche gerade nur schreiben, wenn sie Etwas nicht verdauen können, ja wenn diess ihnen schon in den Zähnen hängen geblieben ist: sie suchen unwill- kürlich mit ihrem Arger auch dem Leser Verdruss zu machen und so eine Gewalt über ihn auszuüben, das heisst: auch sie wollen siegen, aber über Andere.
„Gut Buch will Weile haben." — Jedes gute Buch schmeckt herb, wenn es erscheint; es hat den Nietzsche, Werke Band III. 6 Fehler der Neuheit. Zudem schadet ihm sein lebender Autor, falls er bekannt ist und manches von ihm verlautet: denn alle Welt pflegt den Autor und sein Werk zu verwechseln. Was in diesem an Geist, Süsse und Goldglanze ist, muss sich erst mit den Jahren ent- wickeln, unter der Pflege wachsender, dann alter, zuletzt überlieferter Verehrung. Manche Stunde muss darüber hinlaufen, manche Spinne ihr Netz daran gewoben haben. Gute Leser machen ein Buch immer besser und gute Gegner klären es ab.
Maasslosigkeit als Kunstmittel. — Künstler verstehen wohl, was es sagen will: die Maasslosigkeit als Kunstmittel zu benützen, um den Eindruck des Reich- thums hervorzubringen. Es gehört das zu den unschul- digen Listen der Seelenverführung, auf welche sich die Künstler verstehen müssen: denn in ihrer Welt, in der es auf Schein abgesehen ist, brauchen auch die Mittel des Scheins nicht nothwendig ächt zu sein.
Der versteckte Leierkasten. — Die Genies verstehen sich besser als die Talente darauf, den Leier- kasten zu verstecken, vermöge ihres umfänglicheren Faltenwurfs; aber im Grunde können sie auch nicht mehr als ihre alten sieben Stücke immer wieder spielen.
Der Name auf dem Titelblatt. — Dass der Name des Autors auf dem Buche steht, ist zwar jetzt Sitte und fast Pflicht; doch ist es eine Hauptursache davon, dass Bücher so wenig wirken. Sind sie nämlich gut, so sind sie mehr werth als die Personen, als deren Quintessenzen; sobald aber der Autor sich durch den Titel zu erkennen giebt, wird die Quintessenz wieder von Seiten des Lesers mit dem Persönlichen, ja Persön- lichsten diluirt und somit der Zweck des Buches vereitelt. Es ist der Ehrgeiz des Intellectes, nicht mehr individuell zu erscheinen.
Schärfste Kritik. — Man kritisirt einen Menschen, ein Buch am schärfsten, wenn man das Ideal desselben hinzeichnet.
Wenig und ohne Liebe. — Jedes gute Buch ist für einen bestimmten Leser und dessen Art geschrieben und wird eben desshalb von allen übrigen Lesern, der grossen Mehrzahl, ungünstig angesehn: wesshalb sein Ruf auf schmaler Grundlage ruht und nur langsam auf- gebaut werden kann. — Das mittelmässige und schlechte Buch ist es eben dadurch, dass es Vielen zu gefallen sucht und gefällt.
Musik und Krankheit — Die Gefahr in der neuen Musik liegt darin, dass sie uns den Becher des Wonnigen und Grossartigen so hinreissend und mit einem Anscheine von sittlicher Ekstase an die Lippen setzt, dass auch der Mässige und Edle immer einige Tropfen zu viel von ihr trinkt. Diese Minimal -Ausschweifung, fort- während wiederholt, kann aber zuletzt eine tiefere Er- 6* schütterung und Untergrabung der geistigen Gesundheit zu Wege bringen als irgend ein grober Excess es ver- möchte: so dass Nichts übrig bleibt als eines Tages die Nymphengrotte zu fliehen und durch Meereswogen und Gefahren nach dem Rauch von Ithaka und nach den Umarmungen der schlichteren und menschlicheren Gattin sich den Weg zu bahnen.
Vortheil für die Gegner. — Ein Buch voller Geist theilt auch an seine Gegner davon mit.
Jugend und Kritik. — Ein Buch kritisiren — das heisst für die Jungen nur: keinen einzigen produc- tiven Gedanken desselben an sich herankommen lassen und sich, mit Händen und Füssen, seiner Haut wehren. Der Jüngling lebt gegen alles Neue, das er nicht in Bausch und Bogen lieben kann, im Stande der Nothwehr und begeht jedesmal dabei, so oft er nur kann, ein über- flüssiges Verbrechen.
Wirkung der Quantität. — Die grösste Paradoxie in der Geschichte der Dichtkunst liegt darin, dass in Allem, worin die alten Dichter ihre Grösse haben, Einer ein Barbar, nämlich fehlerhaft und verwachsen vom Wirbel bis zur Zehe, sein kann und dennoch der grösste Dichter bleibt. So steht es ja mit Shakespeare, der, mit Sophokles zusammengehalten, einem Bergwerke voll einer Unermesslichkeit an Gold Blei und Geröll gleicht, während jener nicht nur Gold, sondern Gold in der edelsten Gestaltung ist, die seinen Werth als Metall fast vergessen macht. Aber die Quantität, in ihren höchsten Steigerungen, wirkt als Qualität — das kommt Shake- speare zu Gute.
Aller Anfang ist Gefahr. — Der Dichter hat die Wahl, entweder das Gefühl von einer Stufe zur andern zu heben und es so zuletzt sehr hoch zu steigern — ■ oder es mit einem Überfalle zu versuchen und gleich von Beginn an mit aller Gewalt am Glockenstrang zu ziehn. Beides hat seine Gefahren: im ersten Falle läuft ihm vielleicht sein Zuhörer vor Langeweile, im zweiten vor Schrecken davon.
Zu Gunsten der Kritiker. — Die Insecten stechen, nicht aus Bosheit, sondern weil sie auch leben wollen: ebenso unsere Kritiker; sie wollen unser Blut, nicht unseren Schmerz.
Erfolg von Sentenzen. — Die Unerfahrnen meinen immer, wenn ihnen eine Sentenz sofort durch ihre schlichte Wahrheit einleuchtet, sie sei alt und be- kannt, und blicken dabei scheel auf den Urheber, als habe er das Gemeingut Aller stehlen wollen: während sie an gewürzten Halbwahrheiten Freude haben und auch dem Autor zu erkennen geben. Dieser weiss einen solchen Wink zu würdigen und erräth daraus leicht, wo es ihm gelungen und wo misslungen ist.
Siegen-wollen. — Ein Künstler, der in Allem, was er unternimmt, über seine Kräfte hinausgeht, wird doch zuletzt, durch das Schauspiel des gewaltigen Ringens, das er gewährt, die Menge mit sich fortreissen: denn der Erfolg ist nicht immer nur beim Siege, sondern mitunter schon beim Siegen-wollen.
Sibi scrihere. — Der vernünftige Autor schreibt für keine andre Nachwelt als für seine eigene, das heisst für sein Alter, um auch dann noch an sich Freude haben zu können.
Lob der Sentenz. — Eine gute Sentenz ist zu hart für den Zahn der Zeit und wird von allen Jahr- tausenden nicht aufgezehrt, obwohl sie jeder Zeit zur Nahrung dient: dadurch ist sie das grosse Paradoxon in der Litteratur, das Unvergängliche inmitten des Wech- selnden, die Speise, welche immer geschätzt bleibt wie das Salz, und niemals, wie selbst dieses, dumm wird.
Kunstbedürfniss zweiten Ranges. — Das Volk hat wohl Etwas von dem, was man Kunstbedürfniss nennen darf, aber es ist wenig und wohlfeil zu befrie- digen. Im Grunde genügt hierfür der Abfall der Kunst: das soll man ehrlich sich eingestehen. Man erwäge doch nur zum Beispiel, an was für Melodien und Liedern jetzt unsere kraftvollsten, unverdorbensten, treuherzigsten Schichten der Bevölkerung ihre rechte Herzensfreude haben, man lebe unter Hirten Sennern Bauern Jägern Soldaten Seeleuten und gebe sich die Antwort. Und wird nicht in der kleinen Stadt, gerade in den Häusern, welche der Sitz altvererbter Bürgertugend sind, jene allerschlechteste Musik geliebt, ja gehätschelt, welche überhaupt jetzt hervorgebracht wird? Wer von tiefen Bedürfnissen, von unausgefülltem Begehren nach Kunst in Beziehung auf das Volk, wie es ist, redet, der faselt oder schwindelt. Seid ehrlich! — Nur bei Ausnahme- Menschen giebt es jetzt ein Kunstbedürfniss in hohem Stile — weil die Kunst überhaupt wieder einmal im Rückgange ist und die menschlichen Kräfte und Hoff- nungen sich für eine Zeit auf andre Dinge geworfen haben. — Ausserdem, nämlich abseits vom Volke, besteht freilich noch ein breiteres umfänglicheres Kunstbedürfniss, aber zweiten Ranges, in den höheren und höchsten Schichten der Gesellschaft: hier ist Etwas wie eine künst- lerische Gemeinde, die es aufrichtig meint, möglich. Aber man sehe sich die Elemente an! Es sind im Allgemeinen die feineren Unzufriednen, die an sich zu keiner rechten Freude kommen: der Gebildete, der nicht frei genug geworden ist, um der Tröstungen der Religion entrathen zu können, und doch ihre Öle nicht wohlriechend genug findet: der Halbedle, der zu schwach ist, den einen Grundfehler seines Lebens oder den schädlichen Hang seines Charakters zu brechen, durch heroisches Umkehren oder Verzichtleisten: der Reichbegabte, der zu vornehm von sich denkt, um durch bescheidene Thätigkeit zu nützen, und zu träge zur grossen und aufopfernden Arbeit ist: das Mädchen, welches sich keinen genügenden Kreis von Pflichten zu schaffen weiss: die Frau, die durch eine leichtsinnige oder frevelhafte Ehe sich band und nicht genug gebunden weiss: der Gelehrte Arzt Kaufmann Beamte, der zu zeitig in das Einzelne eingekehrt und seiner ganzen Natur niemals vollen Lauf gegönnt hat, dafür aber mit einem Wurm im Herzen seine immerhin tüchtige Arbeit thut: endlich alle unvollständigen Künstler — diess sind jetzt die noch wahrhaften Kunstbedürftigen! Und was begehren sie eigentlich von der Kunst? Sie soll ihnen für Stunden und Augenblicke das Unbehagen, die Langeweile, das halbschlechte Gewissen verscheuchen und womöglich den Fehler ihres Lebens und Charakters als Fehler des Welten-Schicksals in's Grosse umdeuten — sehr verschieden von den Griechen, welche in ihrer Kunst das Aus- und Überströmen ihres eignen Wohl- und Gesundseins empfanden und es Hebten, ihre Vollkommen- heit noch einmal ausser sich zu sehen: — sie führte der Selbstgenuss zur Kunst, diese unsere Zeitgenossen — der Selbstverdruss.
Die Deutschen im Theater. — Das eigentliche Theatertalent der Deutschen war Kotzebue; er und seine Deutschen, die der höheren sowohl als die der mittleren Gesellschaft, gehörten nothwendig zusammen, und die Zeitgenossen hätten von ihm im Ernste sagen dürfen: „in ihm leben, weben und sind wir". Hier war nichts Er- zwungenes, Angebildetes, Halb- und Angeniessendes: was er wollte und konnte, wurde verstanden, ja bis jetzt ist der ehrliche Theater -Erfolg auf deutschen Bühnen im Besitze der verschämten oder unverschämten Erben Kotzebueischer Mittel und Wirkungen, namentlich so- weit das Lustspiel noch in einiger Blüthe steht; woraus sich ergiebt, dass viel von dem damaligen Deutschthum, zumal abseits von der grossen Stadt, immer noch fortlebt. Gutmüthig, in kleinen Genüssen unenthaltsam, thränen- lüstern, mit dem Wunsche, wenigstens im Theater sich der eingebornen pflichtstrengen Nüchternheit entschlagen zu dürfen und hier lächelnde, ja lachende Duldung zu üben, das Gute und das Mitleid verwechselnd und in Eins zusammenwerfend — wie es das Wesentliche der deutschen Sentimentalität ist —, überglücklich bei einer schönen grossmüthigen Handlung, im Übrigen unterwürfig nach Oben, neidisch gegen einander, und doch im Innersten sich selbst genügend — so waren sie, so war er. — Das zweite Theatertalent war Schiller: dieser entdeckte eine Classe von Zuhörern, welche bis dahin nicht in Betracht gekommen waren; er fand sie in den unreifen Lebens- altern, im deutschen Mädchen und Jüngling. Ihren höheren edleren stürmischeren, wenn auch unklareren Regungen, ihrer Lust am Klingklang sittlicher Worte (welche in den dreissiger Jahren des Lebens zu ver- schwinden pflegt) kam er mit seinen Dichtungen ent- gegen und errang sich dadurch, gemäss der Leidenschaft- lichkeit und Parteisucht jener Altersclasse, einen Erfolg, der allmählich auch auf die reiferen Lebensalter mit Vor- theil einwirkte: Schiller hat im Allgemeinen die Deutschen verjüngt. — Goethe stand über den Deutschen in jeder Beziehung und steht es auch jetzt noch: er wird ihnen nie angehören. Wie könnte auch je ein Volk der Goe- thischen Geistigkeit in Wohl-Sein und Wohl-Wollen gewachsen sein! Wie Beethoven über die Deutschen weg Musik machte, wie Schopenhauer über die Deutschen weg philosophirte, so dichtete Goethe seinen Tasso, seine Iphigenie über die Deutschen weg. Ihm folgte eine sehr kleine Schaar Höchstgebildeter, durch Alterthum, Leben und Reisen Erzogener, über deutsches Wesen hinaus Gewachsener: — er selber wollte es nicht anders. — Als dann die Romantiker ihren zweckbewussten Goethe- Cultus aufrichteten, als ihre erstaunliche Kunstfertigkeit des Anschmeckens dann auf die Schüler Hegels, die eigentlichen Erzieher der Deutschen dieses Jahrhunderts, übergieng, als der erwachende nationale Ehrgeiz auch dem Ruhme der deutschen Dichter zu Gute kam und der eigentliche Maassstab des Volkes, ob es sich ehrlich an Etwas freuen könne, unerbittlich dem Urtheile der Einzelnen und jenem nationalen Ehrgeize untergeordnet wurde — das heisst, als man anfieng sich freuen zu müssen —, da entstand jene Verlogenheit und Unächt- heit der deutschen Bildung, welche sich Kotzebue's schämte, welche Sophokles Calderon und selbst Goethe's Faust- Fortsetzung auf die Bühne brachte und welche ihrer belegten Zunge, ihres verschleimten Magens wegen, zuletzt nicht mehr weiss, was ihr schmeckt, was ihr langweilig ist. — Selig sind Die, welche Geschmack haben, wenn es auch ein schlechter Geschmack ist! — Und nicht nur selig, auch weise kann man nur vermöge dieser Eigenschaft werden: wesshalb die Griechen, die in solchen Dingen sehr fein waren, den Weisen mit einem Wort bezeichneten, das den Mann des Geschmacks bedeutet, Und Weisheit, künstlerische sowohl wie erken- nende, geradezu „Geschmack" (Sophia) benannten.
Die Musik als Spätling jeder Cultur. — Die Musik kommt von allen Künsten, welche auf einem be- stimmten Cultur-Boden, unter bestimmten socialen und politischen Verhältnissen jedesmal aufzuwachsen pflegen, als die letzte aller Pflanzen zum Vorschein, im Herbst und Abblühen der zu ihr gehörigen Cultur: während gewöhnlich die ersten Boten und Anzeichen eines neuen Frühlings schon bemerkbar sind; ja mitunter läutet die Musik wie die Sprache eines versunkenen Zeitalters in eine erstaunte und neue Welt hinein und kommt zu spät. Erst in der Kunst der Niederländer Musiker fand die Seele des christlichen Mittelalters ihren vollen Klang: ihre Ton -Baukunst ist die nachgeborne, aber ächt- und ebenbürtige Schwester der Gothik. Erst in Händel's Musik erklang das Beste von Luther's und seiner Ver- wandten Seele, der grosse jüdisch-heroische Zug, welcher die ganze Reformations-Bewegung schuf. Erst Mozart gab dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten und der Kunst Racine's und Claude Lorrain's in klingendem Golde heraus. Erst in Beethoven's und Rossini's Musik sang sich das achtzehnte Jahrhundert aus, das Jahrhundert der Schwärmerei, der zerbrochnen Ideale und des flüchtigen Glücks. So möchte denn ein Freund empfindsamer Gleichnisse sagen, jede wahrhaft bedeutende Musik sei Schwanengesang. — ■ Die Musik ist eben nicht eine all- gemeine überzeitliche Sprache, wie man so oft zu ihrer Ehre gesagt hat, sondern entspricht genau einem Gefühls- Wärme- und Zeitmaass, welches eine ganz bestimmte einzelne, zeitlich und örtlich gebundene Cultur als inneres Gesetz in sich trägt: die Musik Palestrina's würde für einen Griechen völlig unzugänglich sein, und wiederum — was würde Palestrina bei der Musik Rossini's hören? — Vielleicht, dass auch unsere neueste deutsche Musik, so sehr sie herrscht und herrschlustig ist, in kurzer Zeit- spanne nicht mehr verstanden wird: denn sie entsprang aus einer Cultur, die im raschen Absinken begriffen ist; ihr Boden ist jene Reactions- und Restaurations - Periode, in welcher ebenso ein gewisser Katholicismus.des Gefühls wie die Lust an allem heimisch-nationalen Wesen und Urwesen zur Blüthe kam und über Europa einen gemischten Duft ausgoss: welche beide Richtungen des Empfindens, in grösster Stärke erfasst und bis in die entferntesten Enden fortgeführt, in der Wagnerischen Kunst zuletzt zum Erklingen gekommen sind. Wagner's Aneignung der altheimischen Sagen, sein veredelndes Schalten und Walten unter deren so fremdartigen Göttern und Helden — welche eigentlich souveraine Raubthiere sind, mit Anwandlungen von Tiefsinn, Grossherzigkeit und Lebensüberdruss —, die Neubeseelung dieser Ge- stalten, denen er den christlich - mittelalterlichen Durst nach verzückter Sinnlichkeit und Entsinnlichung dazugab, dieses ganze Wagnerische Nehmen und Geben in Hin- sicht auf Stoffe, Seelen, Gestalten und Worte spricht deutlich auch den Geist seiner Musik aus, wenn diese, wie alle Musik, von sich selber nicht völlig unzweideutig zu reden vermöchte: dieser Geist führt den allerletzten Kriegs- und Reactionszug an gegen den Geist der Auf- klärung, welcher aus dem vorigen Jahrhundert in dieses hineinwehte, ebenso gegen die übernationalen Gedanken der französischen Umsturz-Schwärmerei und der englisch- amerikanischen Nüchternheit im Umbau von Staat und Gesellschaft. — Ist es aber nicht ersichtlich, dass die hier — bei Wagner selbst und seinem Anhange — noch zurückgedrängt erscheinenden Gedanken- und Empfin- dungskreise längst von Neuem wieder Gewalt bekommen haben, und dass jener späte musikalische Protest gegen sie zumeist in Ohren hineinklingt, die andere und ent- gegengesetzte Töne lieber hören? so dass eines Tages jene wunderbare und hohe Kunst ganz plötzlich unver- ständlich werden und sich Spinnweben und Vergessen- heit über sie legen könnten. — Man darf sich über diese Sachlage nicht durch jene flüchtigen Schwankungen be- irren lassen, welche als Reaction innerhalb der Reaction, als ein zeitweiliges Einsinken des Wellenbergs inmitten der gesammten Bewegung erscheinen; so mag dieses Jahrzehend der nationalen Kriege, des ultramontanen Martyriums und der socialistischen Beängstigung in seinen feineren Nachwirkungen auch der genannten Kunst zu einer plötzlichen Glorie verhelfen — ohne ihr damit die Bürgschaft dafür zu geben, dass sie „Zukunft habe", oder gar, dass sie die Zukunft habe. — Es liegt im Wesen der Musik, dass die Früchte ihrer grossen Cultur-Jahr- gänge zeitiger unschmackhaft werden und rascher ver- derben als die Früchte der bildenden Kunst oder gar die auf dem Baume der Erkenntniss gewachsenen: unter allen Erzeugnissen des menschlichen Kunstsinns sind nämlich Gedanken das Dauerhafteste und Haltbarste.
Die Dichter keine Lehrer mehr. — So fremd es unserer Zeit klingen mag: es gab Dichter und Künstler, deren Seele über die Leidenschaften und deren Krämpfe und Entzückungen hinaus war und desshalb an rein- licheren Stoffen, würdigeren Menschen, zarteren Ver- knüpfungen und Lösungen ihre Freude hatte. Sind die jetzigen grossen Künstler meistens Entfesseier des Willens und unter Umständen eben dadurch Befreier des Lebens, so waren jene — Willens -Bändiger, Thier -Verwandeier, Menschen - Schöpfer und überhaupt Bildner, Um- und Fortbildner des Lebens: während der Ruhm der Jetzigen im Abschirren, Kettenlösen, Zertrümmern liegen mag. — Die älteren Griechen verlangten vom Dichter, er solle der Lehrer der Erwachsenen sein: aber wie müsste sich jetzt ein Dichter schämen, wenn man diess von ihm ver- langte, — er, der selber sich kein guter Lehrer war und daher selber kein gutes Gedicht, kein schönes Gebilde wurde, sondern im günstigen Falle gleichsam der scheue, anziehende Trümmerhaufen eines Tempels, aber zugleich eine Höhle der Begierden, mit Blumen Stechpflanzen Giftkräutern ruinenhaft überwachsen, von Schlangen Gewürm Spinnen und Vögeln bewohnt und besucht — ein Gegenstand zum trauernden Nachsinnen darüber, warum jetzt das Edelste und Köstlichste sogleich als Ruine, ohne die Vergangenheit und Zukunft des Voll- kommenseins, emporwachsen muss?
Vor- und Rückblick. — Eine Kunst, wie sie aus Homer, Sophokles, Theokrit, Calderon, Racine, Goethe ausströmt, als Überschuss einer weisen und harmo- nischen Lebensführung — das ist das Rechte, nach dem wir endlich greifen lernen, wenn wir selber weiser und harmonischer geworden sind: nicht jene barbarische, wenngleich noch so entzückende Aussprudelung hitziger und bunter Dinge aus einer ungebändigten chaotischen Seele, welche wir früher als Jünglinge unter Kunst ver- standen. Es begreift sich aber aus sich selber, dass für gewisse Lebenszeiten eine Kunst der Überspannung, der Erregung, des Widerwillens gegen das Geregelte Ein- tönige Einfache Logische ein nothwendiges Bedürfniss ist, dem Künstler entsprechen müssen, damit die Seele solcher Lebenszeiten sich nicht auf anderem Weg, durch allerlei Unfug und Unart, entlade. So bedürfen die Jünglinge, wie sie meistens sind, voll, gährend, von Nichts mehr als von der Langeweile gepeinigt, — so bedürfen Frauen, denen eine gute, die Seele füllende Arbeit fehlt, jener Kunst der entzückenden Unordnung: um so heftiger noch entflammt sich ihre Sehnsucht nach einem Genügen ohne Wechsel, einem Glück ohne Be- täubung und Rausch.
Gegen die Kunst der Kunstwerke. — Die Kunst soll vor Allem und zuerst das Leben verschönern, also uns selber den Anderen erträglich, womöglich an- genehm machen: mit dieser Aufgabe vor Augen mässigt sie und hält uns im Zaume, schafft Formen des Umgangs, bindet die Unerzogenen an Gesetze des Anstands, der Reinlichkeit, der Höflichkeit, des Redens und Schweigens zur rechten Zeit. Sodann soll die Kunst alles Hässliche verbergen oder umdeuten, jenes Peinliche Schreck- liche Ekelhafte, welches trotz allem Bemühen immer wieder, gemäss der Herkunft der menschlichen Natur, herausbrechen wird: sie soll so namentlich in Hinsicht auf die Leidenschaften und seelischen Schmerzen und Ängste verfahren und im unvermeidlich oder unüber- windlich Hässlichen das Bedeutende durchschimmern lassen. Nach dieser grossen, ja übergrossen Aufgabe der Kunst ist die sogenannte eigentliche Kunst, die der Kunstwerke, nur ein Anhängsel: ein Mensch, der einen Uberschuss von solchen verschönernden ver- bergenden und umdeutenden Kräften in sich fühlt, wird sich zuletzt noch in Kunstwerken dieses Überschusses zu entladen suchen; ebenso, unter besonderen Umständen, ein ganzes Volk. — Aber gewöhnlich fängt man jetzt die Kunst am Ende an, hängt sich an ihren Schweif und meint, die Kunst der Kunstwerke sei das Eigentliche, von ihr aus solle das Leben verbessert und umgewandelt werden — wir Thoren! Wenn wir die Mahlzeit mit dem Nachtisch beginnen und Süssigkeiten über Süssigkeiten kosten, was Wunders, wenn wir uns den Magen und selbst den Appetit für die gute kräftige nährende Mahl- zeit, zu der uns die Kunst einladet, verderben!
Fortbestehen der Kunst. — Wodurch besteht jetzt im Grunde eine Kunst der Kunstwerke fort? Da- durch dass die Meisten, welche Musse-Stunden haben — und nur für Diese giebt es ja eine solche Kunst —, nicht glauben ohne Musik, Theater- und Gallerien-Besuch, ohne Roman- und Gedichte-Lesen mit ihrer Zeit fertig zu werden. Gesetzt, man könnte sie von dieser Befriedigung abhalten, so würden sie entweder nicht so eifrig nach Müsse streben und der neiderregende Anblick der Reichen würde seltener — ein grosser Gewinn für den Bestand der Gesellschaft; oder sie hätten Müsse, lernten aber nachdenken — was man lernen und verlernen kann —, über ihre Arbeit zum Beispiel, ihre Verbindungen, über Freuden, die sie erweisen könnten: alle Welt, mit Aus- nahme der Künstler, hätte in beiden Fällen den Vortheil davon. — Es giebt gewiss manchen kraft- und sinnvollen Leser, der hier einen guten Einwand zu machen versteht Der Plumpen und Böswilligen halber soll es doch einmal gesagt werden, dass es hier wie so oft in diesem Buche dem Autor eben auf den Einwand ankommt, und dass Manches in ihm zu lesen ist, was nicht gerade darin ge- schrieben steht.
Das Mundstück der Götter. — Der Dichter spricht die allgemeinen höheren Meinungen aus, welche ein Volk hat, er ist deren Mundstück und Flöte — aber er spricht sie, vermöge des Metrums und aller anderen künstlerischen Mittel so aus, dass das Volk sie wie etwas ganz Neues und Wunderhaftes nimmt und vom Dichter alles Ernstes glaubt, er sei das Mundstück der Götter. Ja, in der Umwölkung des Schaffens, vergisst der Dichter selber, wo er alle seine geistige Weisheit her hat — von Vater und Mutter, von Lehrern und Büchern aller Art, von der Strasse und namentlich von den Priestern; ihn täuscht seine eigene Kunst und er glaubt wirklich, in naiver Zeit, dass ein Gott durch ihn rede, dass er im Zustande einer religiösen Erleuchtung schaffe, — während er eben nur sagt, was er gelernt hat, Volks- Weisheit und Volks-Thorheit miteinander. Also: insofern der Dichter wirklich vox populi ist, gilt er als vox dei Was alle Kunst will und nicht kann. — Die schwerste und letzte Aufgabe des Künstlers ist die Dar- stellung des Gleichbleibenden, in sich Ruhenden, Hohen, Einfachen, vom Einzelreiz weit Absehenden; desshalb werden die höchsten Gestaltungen sittlicher Vollkommen- heit von den schwächeren Künstlern selbst als unkünst- lerische Vorwürfe abgelehnt und in Verruf gebracht, weil ihrem Ehrgeize der Anblick dieser Früchte gar zu peinlich ist: sie glänzen ihnen aus den äussersten Ästen der Kunst entgegen, aber es fehlt ihnen Leiter, Muth und Handgriff, um sich so hoch wagen zu dürfen. An sich ist ein Phidias als Dichter recht wohl möglich, aber in Anbetracht der modernen Kraft, fast nur im Sinne des Wortes, dass bei Gott kein Ding unmöglich ist. Schon der Wunsch nach einem dichterischem Claude Lorrain ist ja gegenwärtig Nietzsche, Werke Band HL 7 eine Unbescheidenheit, so sehr Einen das Herz darnach verlangen heisst. — Der Darstellung des letzten Menschen, das heisst des einfachsten und zu- gleich vollsten, war bis jetzt kein Künstler ge- wachsen; vielleicht aber haben die Griechen, im Ideal der Athene, am weitesten von allen bisherigen Men- schen den Blick geworfen.