Versuch einer Genitaltheorie von Dr. S^erenczi Hau INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten Copyright 1934 by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H." Wien Druck von K. Liebel, Wien INHALTSVERZEICHNIS Seite Einleitung • • • i A) ONTOGENETISCHES I. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt 7 II. Der Begattungsakt als amphimiktischer Vorgang 21 IH. Entwicklungsstufen des erotischen Realitätssinnes 28 IV. Deutung einzelner Vorgänge beim Geschlechtsakte 38 V. Die individuelle Genital funktion 50 B) PHYLOGENETISCHES VII. Material zum „thalassalen Regressionszug" 69 VIII. Begattung und Befruchtung 79 C) ANHANG UND AUSBLICKE IX. Koitus und Schlaf 97 X. Bioanalytische Konsequenzen 110 EINLEITUNG Im Herbst 19 14 verbannte den Verfasser dieser Arbeit die Kriegsdienstpflicht aus seiner ärztlich-psychoanalytischen Tätigkeit in eine kleine Garnisonsstadt, wo die Agenden des Chefarztes einer Husaren-Eskadron den zur Gewohnheit gewordenen Tätigkeitsdrang nicht befriedigten. Die Muße- stunden wurden darum mit der Übersetzung von Freud's „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorieu ausgefüllt, und es war beinahe unvermeidlich, die dabei angeregten Gedanken fortzuspinnen und sie, wenn auch nur aphoristisch, nieder- zuschreiben. Die Einfälle gruppierten sich um die nähere Erklärung der Begattungsfunktion, die zwar in den,, Ab- handlungen" als Endphase der ganzen Sexualentwicklung aufgefaßt, aber in ihrer Entwicklung nicht eingehend dar- gestellt war. Allmählich kristallisierten sich diese Ideen zu einer onto- und phylogenetischen Theorie aus, die ich 191 5 Prof. Freud, gelegentlich seines Besuches in meiner militäri- schen Station (Papa) vortragen konnte. Den Vortrag wieder- holte ich später (1919) vor ihm und einem engeren Kreise von Freunden und wurde beide Male zur Publikation auf- gemuntert. Daß ich dieser Aufforderung so lange nicht nachkam, hatte außer den Widerständen, die die Eigen- tümlichkeit des Materials mit sich bringt, auch objektive Gründe. Meine naturwissenschaftliche Bildung überstieg in keiner Hinsicht die eines Arztes, der zwar die naturwissen- schaftlichen Fächer seinerzeit fleißig und mit Vorliebe Ferenczi i Versuch einer Genitaltheorie studiert, sich mit ihnen aber seit beinahe zwanzig Jahren nicht mehr eingehend beschäftigt hatte. Und doch handelte es sich in jener Theorie um hochwichtige, vielfach im Mittelpunkt der Diskussion stehende naturwissenschaftliche Tatsachen. Als Handbibliothek standen mir nur das schöne Tierbuch von Hesse und Doflein, je ein Werk von Lamarck, Darwin, Haeckel, Bölsche, LI. Morgan, Godlewsky, R. Hertwig, Pieron und Trömner zur Verfügung, dagegen war mir der größte Teil der modernen, besonders der,, entwicklungsmechanischen4' Biologie unzu- gänglich.
In meinen genitaltheoretischen Spekulationen übertrug ich nun allerlei Vorgänge, deren Kenntnis ich der Psycho- analyse verdanke, ohne weiters auf die Tiere, ihre Organe, Organteile, Geweb-Elemente und wenn ich mit Hilfe dieser Transposition auch neue Gesichtspunkte gewann, machte ich mich eines Psychomorphismus schuldig, der als methodologische Übertreibung der Arbeitsweise mein wissen- schaftliches Gewissen drückte. Anderseits drängten mich die Gedankenverknüpfungen dazu, naturwissenschaftliche Beob- achtungen bei Tieren, Tatsachen der Embryologie etc. als Erklärungsbehelfe psychischer Zustände, z. B. des Seelen- zustandes bei der Begattung, im Schlafe usw. zu verwenden. Nach meiner damaligen Überzeugung war auch das unstatt- haft, hatte ich doch in der Schule gelernt, es als ein Grund- prinzip wissenschaftlicher Arbeit anzusehen, daß man die natur- und die geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte säuberlich voneinander zu sondern habe. Die Nichtbeobach- tung dieser Regel in meiner Spekulation war eine der Ursachen, die mich abhielten, die Genitaltheorie zu veröffentlichen.
Nun wurde ich aber, indem ich mich in die,,Drei Ab- handlungen" vertiefte, durch die Tatsache außerordentlich Einleitung beeindruckt, daß Freud Erfahrungen, die auf dem Gebiete der Behandlung von Psychoneurosen, also auf psychischem Gebiete gesammelt waren, so verwerten konnte, daß er mit ihrer Hilfe ein ganzes Stück der Biologie, die Lehre von der Sexualentwicklung, zu rekonstruieren imstande war. Und in der Vorrede zur Übersetzung feierte ich dies bereits als einen bedeutenden Fortschritt in der wissenschaftlichen Methodologie, als die Wiederaufrichtung eines nun allerdings nicht mehr antropomorphen Animismus1.
Allmählich erstarkte in mir sogar die Überzeugung, daß ein solches Hineintragen naturwissenschaftlicher Begriffe in die Psychologie und psychologischer in die Naturwissen- schaften unvermeidlich ist und außerordentlich förderlich sein kann. Solange man sich mit der Beschreibung begnügt, mag ja eine detaillierte Zusammenstellung der Einzelheiten eines Vorganges genügen, da kann man sich denn auch leicht auf das jeweilige eigene Wissensgebiet beschränken. Sobald man aber nebst der Beschreibung auch über den Sinn eines Vorganges etwas aussagen will, greift man unwillkür- lich in wesensfremde Wissensstoffe nach Analogien. Der Physiker kann uns die Vorgänge seines Gebietes nicht anders begreiflich machen, als indem er sie mit „Kräften", „Anziehungen", „Abstoßungen", mit „Widerstand", „ Träg- heit" etc. vergleicht, lauter Dinge, von denen wir nur von der psychischen Seite her Kenntnis haben. Aber auch Freud mußte die Funktion der Psyche auf topische, dynamische, ökonomische, also rein physikalische Vorgänge reduzieren, anders konnte er sich ihrer letzten Erklärung nicht nähern. Schließlich sah ich ein, daß wir uns dieser i) Diese Vorrede wurde auch in der Internat. Zeitschr. für Psycho- analyse (191 5) unter dem Titel: „Die wissenschaftliche Bedeutung von Freud's,Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" abgedruckt.
Versuch einer Genitaltheorie gegenseitigen Analogisierung nicht zu schämen brauchen, ja sie als eine unvermeidliche und höchst nützliche Methode mit Nachdruck betreiben dürfen. In späteren Arbeiten scheute ich mich denn auch nicht mehr, diese Arbeits- weise, die ich eine utraquistische nannte, zu empfehlen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sie der Wissenschaft gestatten wird, auch Fragen zu beantworten, denen sie bisher hilflos gegenüberstand.
Ist es aber einmal gestattet, von den bisher verschmähten Analogien ausgiebigeren Gebrauch zu machen, so ist es nur zu natürlich, daß diese von einem möglichst entfernten Gebiete geholt werden sollen. Analogien, die von verwandten Gebieten herstammen, würden ja nur wie Tautologien wirken und hätten als solche keine Beweiskraft. In wissen- schaftlichen Sätzen, die nicht analytische, sondern syntheti- sche Urteile sein wollen, darf sich das Subjekt in der Aussage nicht wiederholen; dies ist auch die bekannte Grundregel jeder Definition. Oder um uns eines Gleichnisses zu bedienen: Materialien werden gewöhnlich mit artfremden Stoffen ge- messen. So kommen wir unwillkürlich auch dazu, das Stoff- liche am Nichtstofflichen zu messen und umgekehrt.
Die knappste Formulierung dieser Erkenntnis wäre die, daß alles Physikalische und Physiologische schließlich auch einer ,,metau-physischen (psychologischen), und jede Psychologie einer meta-psychologischen (physikalischen) Erklärung bedarf.
Im Besitze dieser Einsicht wurde ich mutiger, und da die Ergebnisse, zu denen ich mit Hilfe dieser Methode ge- langte, in den neuesten, ganz anders gerichteten Unter- suchungen Ranks unerwartete Bestätigung fanden, entschloß ich mich zu ihrer Veröffentlichung.
Klobenstein am Ritten, August 1923.
A) ONTOGENETISCHES I DIE AMPHIMIXIS DER EROTISMEN IM EJAKULATIONSAKT1 Es blieb der Psychoanalyse vorbehalten, die Probleme der Sexualität aus dem Giftschrank der Wissenschaft, in dem sie seit Jahrhunderten staubbedeckt verschlossen waren, hervorzuholen. Eine gewisse, vielleicht gesetzmäßige Reihen- folge läßt sich aber selbst in der Auswahl ihrer Arbeits- aufgaben nicht verkennen. Gleichwie bei der Frage der Kinderaufklärung sogar die freieste Auffassung bei der Frage, wie das Kind in die Mutter gelangt, stecken bleibt, so beschäftigte sich bisher auch die Psychoanalyse ver- hältnismäßig viel mehr einerseits mit Schwangerschaft und Geburt, anderseits mit den vorbereitenden Akten der Be- gattung und den Perversionen, als mit dem Sinn und der Erklärung der Vorgänge beim Begattungsakte selbst. Auch ich muß bekennen, daß die Ideen, die ich jetzt wenigstens in großen Zügen mitteilen möchte, seit mehr als neun Jahren in meinem Schreibtische lagen und vermute, daß das Zögern, sie bekanntzugeben (wenn man will, sie zur Welt zu bringen), nicht nur durch sachgemäße Ursachen, sondern auch durch Widerstände veranlaßt war.
i) Die ersten zwei Kapitel wurden auszugsweise mitgeteilt am VII. Internationalen Psychonalytischen Kongreß in Berlin, Sept. 1922.
Versuch einer Genitaltheorie Den Ausgangspunkt meiner Überlegungen über diesen Gegenstand bildeten gewisse Beobachtungen bei der Psycho- analyse der Impotenz des Mannes. Das klingt von vorn- herein verheißungsvoll; wissen wir doch, wie oft gerade die unter pathologischen Umständen zustandekommende Verzerrung imstande ist, gewisse in der Regel latente Faktoren einer physiologischen oder psychologischen Funk- tion zu entlarven und uns so den Hergang beim normalen Akte erst zu erklären. Abraham, ein besonders eifriger Forscher der sogenannten,, prägenitalen Organisationen", führte die vorzeitige Samenentleerung, die ejaculatio praecox, auf die allzu innige Verknüpfung der Genitalität mit der Urethral-Erotik zurück. Die Kranken, die daran leiden, behandeln ihren Samen mit derselben Sorglosigkeit, als wäre er Harn, also wertlose Ausscheidung des Organismus. Als Gegenstück zu dieser Beobachtungsreihe konnte ich nun in recht zahlreichen Fällen feststellen, daß andere Kranke mit ihrem Samen in übertriebener Weise geizen, manche so weit, daß sie eigentlich nur an impotentia ejaculandi leiden, d. h. nur des Samenergusses unfähig sind, der Erektion und Immission aber nicht. Im unbewußten, zum Teil auch im bewußten Vorstellungsleben dieser Kranken spielt die Gleich- stellung der Begattungsvorgänge mit dem Akte der Stuhlentleerung eine hervorragende Rolle. (Gleichsetzung der Vagina mit der Abortöffnung, des Samens mit dem Kot usw.) Nicht selten übertragen diese Kranken den Eigen- sinn und Trotz, mit dem sie sich als Kinder gegen den Zwang zu bestimmten von der Kultur erforderten Ent- leerungsregeln zur Wehr setzten, auf den Begattungsakt: sie sind impotent, wenn die Frau den Verkehr verlangt, / Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt g bekommen nur dann Erektionen, wenn die Ausführung des Aktes aus irgendwelchen Gründen verboten oder unstatthaft ist (z. B. bei der Menstruation der Frau), bringen Haß- und Wutausbrüche hervor oder erkalten plötzlich, wenn das Weib mit der kleinsten Kleinigkeit ihren Eigenwillen stört. Es lag nahe, bei diesen Kranken eine ebenso innige Ver- knüpfung des Analen mit dem Begattungsakte anzunehmen, wie sie Abraham bei ejaculatio praecox bezüglich des Urethralen festgestellt hat, mit andern Worten: man mußte annehmen, daß es eine besondere anale Technik der männlichen Impotenz gibt.
Da fiel mir denn auf, daß minder ausgesprochene Störungen des Begattungsaktes durch den Stuhlgang auch sonst nicht ungewöhnlich sind. Sehr viele Männer haben den Zwang, vor der Ausführung des Koitus den Stuhl ab- zusetzen; auch schwere nervöse Darmstörungen können ver- schwinden, wenn psychische Hemmungen der Geschlechtlich- keit analytisch gelöst werden; bekannt ist auch die hartnäckige Stuhlverstopfung, die als Folge übertriebener Masturbation und Samenvergeudung aufzutreten pflegt. Unter den von mir beschriebenen „CharakterregressionenUl finde ich auch den Fall erwähnenswert, wo Männer, die sonst sehr frei- gebig sind, sich bei Geldausgaben für die Frau kleinlich, ja schmutzig erweisen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich gleich hier bemerken, daß bei der psychoanalytischen Heilung sowohl der analen wie auch der urethralen Impotenz die psychi- schen Beweggründe der Erkrankung nicht so tief im i) Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse (1906).
io Versuch einer Genitaltheorie Biologischen gesucht werden mußten, sondern wie bei allen Übertragungsneurosen, im Ödipus- und dem damit ver- knüpften Kastrationskomplex. Die erwähnte Einteilung der Impotenz in anale und urethrale ergab sich mir nur als spekulatives Nebenprodukt, das uns die Wege zeigen soll, auf denen der psychische Beweggrund regressiv das Offenbar- werden des Symptoms erzwingt. Es muß auch gesagt werden, daß die beiden Impotenzmechanismen fast niemals jeder für sich allein beobachtet werden, daß vielmehr er- fahrungsgemäß sehr häufig ein an ejaculatio praecox Lei- dender, also ein Urethraler, im Laufe der Analyse die Fähigkeit zur Erektion und Immission erlangt, dabei aber die potestas ejaculandi zeitweilig verliert, d. h. aspermatisch wird. Bei solchen Kranken scheint die anfängliche Urethralität im Laufe der Kur in die Analität umzuschlagen. Die Folge ist eine scheinbare Überpotenz, die aber nur für die Frau befriedigend ist. Erst die Fortsetzung und Beendigung der Kur bringt gleichsam die Ausgleichung beider gegensätz- lichen Innervationsarten und die schließliche Herstellung der befriedigenden Potenz zu Stande.
Alle diese Beobachtungen erweckten in mir die Ahnung, daß beim normalen Ejakulationsvorgang zweck- mäßiges Ineinandergreifen analer und urethraler Innervationen unerläßlich und vielleicht nur durch gegenseitige Überdeckung beider unerkennbar ist, während bei der ejaculatio praecox die urethrale, bei der ejaculatio retardata die anale Komponente allein in Erscheinung tritt.
Eine einfache Überlegung über die Art der geschlecht- lichen Betätigung von der Immissio penis bis zur Ejakulation /. Die Amphimixis der Erotismen t7u Ejakulationsakt n schien diese Annahme zu stützen. Der schließliche End- akt der Begattung, die Samenentleerung, ist zweifellos ein urethraler Vorgang, der mit der Harnentleerung nicht nur den Ausführungskanal, sondern auch die unter großem Druck erfolgende Ausspritzung einer Flüssigkeit gemein hat; hin- gegen scheinen sich während des Friktionsaktes hemmende, aller Wahrscheinlichkeit nach Sphinkter-Einflüsse geltend zu machen, deren unzweckmäßiges Überhandnehmen eben das völlige Ausbleiben der Ejakulation verursachen dürfte. Doch spricht alles dafür, daß die urethrale (Ejakulations-) Tendenz schon von vornherein, während der ganzen Reibungs- arbeit am Werke ist, daß also ein unablässiger Kampf zwischen der Entleerungs- und der Hemmungs-, d. h. Be- haltungsabsicht stattfindet, wobei schließlich die Urethralität siegt. Diese Doppelrichtung der Innervation könnte unter anderem auch in dem Hin und Her des Reibungsvor- ganges zum Ausdruck kommen, wobei das Eindringen der Ejakulationstendenz, das Zurückziehen der immer wieder einsetzenden Hemmung entspräche. Natürlich müßte man auch der Reizsteigerung bei der länger andauernden Reibung eine Bedeutung zuschreiben und annehmen, daß die Steige- rung dieses Reizes über ein gewisses Maß hinaus endlich den Sphinkterkrampf überwindet.
Diese Annahme setzt eine recht verwickelte, fein abge- stufte Zusammenarbeit voraus, deren Störung eben jene ataktischen, gleichsam ausfahrenden Innervierungs arten zur Folge hätte, als welche man die vorzeitige und die ge- hemmte Entleerung beschreiben kann. Dabei drängt sich der Vergleich der genannten Unregelmäßigkeiten der Samen- entleerung mit der unter dem Namen Stottern bekannten 12 Versuch einer Genitaltheorie Sprachstörung auf. Auch hier wird der normale Redefluß durch die geschickte Koordination der zur Erzeugung von Vokalen und Konsonanten nötigen Innervationen gewähr- leistet. Wird aber das Sprechen zeitweise durch unhemm- bare Vokalisation oder durch Konsonantenkrampf gehindert, so kommt es zu jenen Arten von Stottern, die von Spezialisten der Sprachstörungen als Vokal- und Konsonantenstottern be- zeichnet wurden. Es ist nicht schwer zu erraten, daß ich hier die zur Laut-Erzeugung nötige Innervation mit der Urethralität, die Unterbrechungen der Laute durch Kon- sonantengeräusche aber, die vielfach an Sphinkter Wirkungen erinnern, mit der analen Hemmung vergleichen möchte. Daß aber dies kein bloßer Vergleich ist, sondern auf tiefere Wesens- gleichheit beider krankhaften Zustände hinweist, dafür spricht die merkwürdige Tatsache, daß man die erwähnten Inner- vationsstörungen bei Stotterern psychoanalytisch in der Tat einesteils auf analerotische, andernteils auf urethral-erotische Quellen zurückführen mußte. Mit einem Worte: ich möchte den pathophysiologischen Mechanismus der Ejakulations- störungen als eine Art Genitaistottern aufgefaßt wissen.
Nicht unerwähnt darf ich hier die embryologische Tat- sache lassen, daß der Penis, an dem sich der letzte Akt der Begattung, die Samenentleerung abspielt, schon ab origine dazu geeignet ist, anale und urethrale Tendenzen in sich zu vereinigen; wächst er doch als ein recht später Erwerb der individuellen Entwicklungsgeschichte aus dem Darme, bei niederen Säugetieren aus der urogenitalen Kloake hervor.
Kehren wir aber nach dieser physiologischen Abschweifung zu unseren gutbegründeten psychoanalytischen Kenntnissen /. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt 13 zurück und versuchen wir den beschriebenen Tatbestand mit Freuds Sexualtheorie in Verbindung zu bringen.
Die geschlechtliche Entwicklung des Einzelwesens gipfelt nach Freuds „Drei Abhandlungen" darin, daß die bis dahin tätigen Autoerotismen (Erregungen der sogenannten erogenen Zonen) und die vorläufigen Organisationen der Sexualität abgelöst werden durch das Primat der Genitalzone, wobei die überwundenen Erotismen und Organisationsstufen in der schließlichen Genitalorganisation als Vorlustmechanismen erhalten bleiben. Hier aber kommt es zur Fragestellung: gibt uns nicht die im Obigen ver- suchte Zerlegung des Ejakulationsaktes in seine Bestandteile ein Mittel an die Hand, die feineren Vorgänge beim Zu- standekommen des Genitalprimats, wenn auch nur teilweise, zu erraten? Was ich nämlich mit einem physiologischen Kunstausdrucke als Koordination urethraler und analer Innervation beschrieb, ließe sich mit dem Wortschatze der Sexualtheorie als Vereinigung analer und urethraler Erotismen zu einem Genitalerotismus darstellen. Es sei mir gestattet, diese neue Auffassung durch eine Namengebung hervorzu- heben; nennen wir eine solche Vereinigung zweier oder mehrerer Erotismen zu einer höheren Einheit die Amphi- mixis der Erotismen oder der Partialtriebe.
Doch schon dieser erste Schritt zu einer psychoanalytischen Genitaltheorie stößt auf Schwierigkeiten, die ihre Wahr- scheinlichkeit sehr in Frage zu stellen scheinen. Die eine erwächst daraus, daß uns die Physiologie kein Mittel an die Hand gibt, uns die Art, wie eine solche Amphimixis zu Stande kommen könnte, vorzustellen. Werden da wirk- lich Innervationsarten von einem Organ auf ein anderes 14 Versuch einer Genitaltheorie oder gar von zwei Organen auf ein drittes übertragen, oder handelt es sich um chemische Vorgänge etwa nach Art der Ansammlung endokriner Ausscheidungsprodukte, die sich gegenseitig fördern oder hemmen? In allen diesen Dingen müssen wir unsere tiefe Unwissenheit bekennen; keinesfalls aber dürfte uns diese Schwierigkeit allein am weiteren Festhalten an diesem Erklärungsversuche irre machen. Die Erklärung eines Vorganges kann nämlich richtig und vom Standpunkte des Psychoanalytikers auch einleuchtend sein, ohne daß die physiologische Seite des Vorganges derzeit voll verständlich wäre. Die ganze Sexualtheorie Freuds ist ja eine psychoanalytische; die biologischen Beweise ihrer Richtigkeit müssen die Physiologen erst nachträglich er- bringen.
Viel ernsthafter klingt ein metapsychologischer Einwand gegen die Amphimixis-Theorie, da er vom eigensten Ge- biete der Psycho analytik herstammt. Die Metapsychologie arbeitete bisher mit der Hypostase von Mechanismen, die mit Energie besetzt und von denen Energie zurück- gezogen wird. Die Unterschiede zwischen den Ablaufs- arten dachte man sich als durch die Verschiedenheiten der Mechanismen verursacht, während bei der Energie nur die Menge und nicht die Qualität in Betracht kam. Das Seelische stellten wir uns immer als eine Mannigfaltig- keit von Mechanismen vor, an denen eine und dieselbe Energie arbeitet, wobei sie wohl von einem System auf ein anderes verschoben werden kann, aber von einer Ver- schiebung von Qualitäten, überhaupt von Qualitäts- differenzen der Energien selbst, wie es die Amphimixistheorie fordert, war nie ausdrücklich die Rede. Schauen wir aber /. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt 15 aufmerksamer zu, so rinden wir, daß eine solche Vorstellung, wenn auch unausgesprochen, gewissen psychoanalytischen Ansichten auch bisher zugrunde lag. Ich denke vor allem an die psychoanalytische Auffassung der hysterischen Kon- versions- und Materialisationsphänomene. * Wir mußten letztere als,, heterotope Genitalfunktion", als regressive Genitalisierung älterer Autoerotismen auslegen, mit anderen Worten als Vorgänge, bei denen typisch genitale Erotismen: Erektilität, Friktions- und Ejakulationstendenz, also ein qualitativ wohl- gekennzeichnetes Syndrom, vom Genitale auf harmlose Körperteile verlegt werden. Diese,, Verlegung von unten nach oben" ist aber wahrscheinlich nichts anderes als die Umkehrung jener amphimiktischen Abwärtswanderung der Erotismen zum Genitale, wodurch nach der hier vertretenen Theorie die Vorherrschaft der Genitalzone zustandekommt. Auch der metapsychologische Einwand gegen die Amphi- mixislehre braucht uns also nicht weiter zu kümmern, im Gegenteil, wir werden uns überlegen müssen, ob wir die wegen ihrer Einfachheit gewiß anziehende Annahme von der einen Energie und den vielen Mechanismen nicht mit der von einer Vielheit der Energieformen vertauschen müssen. Das taten wir übrigens schon unwillkürlich, als wir uns die psychischen Mechanismen bald von Ich-, bald von Sexual- tendenzen besetzt vorstellten.
Wir machen uns also keiner Inkonsequenz schuldig, wenn wir mit verschiebbaren und miteinander verknüpf- baren, ihre qualitative Eigenart beibehaltenden Erotismen arbeiten.
1) „Hyst. Materialisationsphänomene" (in „Hysterie und Pathoneurosen", Intern. Psychoanalyt. Bibliothek II.) Vom Verf.
iß Versuch einer Genitaltheorie Es fragt sich nunmehr, ob die beschriebene urethro- anale Amphimixis nicht auch durch andersartige Ver- knüpfungen dieser Erotismen erhärtet werden kann, und ob auch andere Einzelheiten des Begattungsvorganges auf ähnliche Vermischungen hinweisen, ferner ob sich diese mit der Sexualtheorie in Einklang bringen lassen.
Zwischen urethralem und analem Autoerotismus scheint es nun in der Tat schon vor der Ausbildung des Genital- primats zu einer Gegenseitigkeit zu kommen. Das Kind hat die Neigung, sich von der Entleerung des Harnes und vom Zurückhalten des Stuhlgangs einen Lustnebengewinn zu holen, lernt aber auf einen Teil dieser Lust verzichten, um sich die Liebe der Pflegepersonen zu sichern. Woher nimmt es aber die Kraft, den Weisungen der Mutter und Amme nachzukommen und die Verschwendung mit dem Harn, den Geiz mit dem Kote zu überwinden? Ich denke, indem die ausübenden Organe der Urethralbetätigung vom Analen, die der Analbetätigung vom Urethralen entscheidend beeinflußt werden, wobei die Blase vom Mastdarm etwas Zurückhaltung, der Mastdarm von der Blase etwas Frei- giebigkeit lernt, wissenschaftlicher gesprochen: durch eine Amphimixis beider Erotismen, bei der die Urethralerotik anale, die Analerotik urethrale Beimengungen bekommt. Ist dem so, so müßten wir dem Mischungsverhältnis und der feineren oder gröberen Verteilung der Bestandteile im Gemenge der Erotismen eine ungeheure Wichtigkeit für das Zustandekommen nicht nur der genitalen Normalität oder Eigenart, sondern auch besonders der Charakter- bildung zusprechen, die doch — wie wir es von Freud lernten — zum großen Teile als der psychische Überbau /. Die Amphimixis der Erotismen im Ejakulationsakt ij und die psychische Überarbeitung dieser Erotismen an- zusehen ist.
Doch davon abgesehen wird uns die Annahme von der urethro-analen Amphimixis im Begattungsakte durch diese praegenitale Amphimixis wesentlich erleichtert. Das Genitale wäre dann nicht mehr der unvergleichliche, einzig- artige Zauberstab, dem Erotismen von allen Organen des Körpers zuströmen, sondern die genitale Amphimixis wäre nur ein Sonderfall unter vielen, in denen solche Ver- quickungen Zustandekommen. Vom Standpunkte der indivi- duellen Anpassung ist aber dieses Beispiel recht bedeutsam; wir sehen, mit welchen Mitteln überhaupt der Zwang der kulturellen Erziehung den Verzicht auf eine Lust und die Aneignung einer unlustvollen Betätigung zustande bringt: wohl nur durch geschickte Kombination von Lustmechanismen. Die Blase lernt die Harnverhaltung nur, indem sie eine andere Lustart, die der Zurückhaltung, zu Hilfe nimmt und der Darm verzichtet auf die Verstopfungslust, indem er etwas von der urethralen Entleerungslust ausborgt. Viel- leicht ließe sich bei genug tief reichender Analyse auch die gelungenste Sublimierung, ja die anscheinend vollständige Entsagung in solche versteckte hedonistische Befriedigungs- elemente zerlegen, ohne die anscheinend kein Lebewesen zu irgend einer Änderung seiner Tätigkeit zu bewegen ist.1 i) Eine ähnliche Aneinanderlehnung urethraler Verschwendungs- und analer Hemmungstendenz wiederholt sich, wie ich glaube, im Kampfe um die Abgewöhnung der Onanie. Die onanistische Samen- verschwendung kann man wohl als Wiederholung der enuretischen Periode ansehen, während die ängstlich-hypochondrischen Vorstellungen, die zur Abstellung der Onanie drängen, deutliche anale Züge verraten.
Ferenczi 2 18 Versuck einer Genitaltheorie Die Frage, ob es auch andere Vermengungen und Ver- legungen von Erotismen gibt, kann man mit Bestimmtheit bejahen.1 Die Kinderbeobachtung allein liefert zahllose Be- weise für ihr Vorhandensein. Die Kinder lieben es, lustvolle Betätigungen verschiedenster Art zu einem Akte zu ver- schmelzen, besonders gerne vereinigen sie das Vergnügen des Essens mit dem der Stuhlentleerung; doch schon der Säugling liebt es, wie bereits der erste Beobachter dieser Vorgänge, Lindner, hervorhob, das Ludein mit dem Reiben oder mit dem Zupfen verschiedener Hautstellen, der Ohr- läppchen, der Finger, auch der Genitalien zu verbinden. Man kann in diesen Fällen sehr wohl von einer Ver- mischung oraler und analer oder oraler und Haut-Erotismen reden. Aber auch die bekannten Veranstaltungen der Perversen streben gewöhnlich einer solchen Summation von Erotismen zu, am auffälligsten wohl bei jenen Voyeurs, die nur vom gleichzeitigen Zuschauen beim Exkretionsakt, Riechen des Kotgeruches oder Essen des Kotes befriedigt werden. Das charakteristischeste Beispiel eines urethro-anal- amphimiktischen Spieles verdanke ich aber einem zwei- jährigen Knaben, der am Töpfchen sitzend, abwechselnd einige Tropfen Harn und zwischendurch etwas Kot oder