denselben, indem sie nachträgliche intellectuelle Erwägungen an die Stelle des psychischen Geschehens selbst treten lassen, oder indem sie dieses unbestimmten Allgemeinbegriffen subsumiren, die auf alle möglichen an- dern Vorgänge ebenso gut angewandt werden könnten, wie auf die ästhe- tische Anschauung. Aus eben solchen intellectuellen Erwägungen, die die eigentlichen Componenten des ästhetischen Vorgangs ganz zur Seite liegen lassen, sind die Begriffe des »ästhetischen Scheins«, des »interesse- losen Wohlgefallens«, der »ästhetischen Contemplation«, der »bewussten« oder »unbewussten Selbsttäuschung« und ähnliche hervorgegangen. Wie diese, so ist die »ästhetische« oder »belebende Phantasie« ein psycholo- gisch unzulänglicher Ausdruck. Denn die Phantasie überhaupt ist ein Ver- mögensbegriff, der weder etwas erklärt, noch verdeutlicht. Psychologisch wollen wir vor allem wissen, wie sich die seelischen Vorgänge selbst bei den verschiedenen Formen der ästhetischen Wirkung vollziehen, und wie sie mit den uns sonst geläufigen Vorgängen der Sinneswahrnehmung und der Gefühlswirkung zusammenhängen. Diesem Zweck kommt, so weit es sich um die Mitwirkung associativer Processe handelt, offenbar der Aus- druck »Einfühlung« deshalb am nächsten, weil er einerseits mit richtigem Blick die Gefühle als die Grundmotive dieses psychischen Geschehens er- kennt, und weil er anderseits die zutreffende Beobachtung enthält, dass die Gefühle in diesem Fall von dem wahrnehmenden Subject in die Ob- ]ecte selber verlegt werden. Doch um das Wie dieses Vorgangs näher zu bestimmen, dazu muss er zu den ihm analogen sonstigen Seelenprocessen in Beziehung gesetzt und so weit wie möglich in seine Factoren zerlegt werden. Unter dem ersten dieser Gesichtspunkte stellt sich nun die »Einfühlung« offenkundig als ein elementarer Assimilationsvorgang dar, wie er bei jeder Sinneswahrnehmung stattfindet und das entstehende Pro- duct überall zu einem aus directen und reproductiven Elementen bestehen- den complexen Erzeugniss macht. Eben darum, weil jede Vorstellungs- bildung auf einer solchen Assimilation beruht, ist auch die ästhetische Wirkung unmittelbar mit der Wahrnehmung selbst gegeben, nicht erst ein nachträglich ihr angehängtes Gefühlscomplement oder gar ein durch Erinnerungsassociationen oder intellectuelle Ueberlegungen entstandenes selbständiges Gebilde. Wie alle Assimilationen, so ist ferner auch diese ein Vorgang elementarer Wechselwirkung. Die Elemente des äußeren Eindrucks lösen ihnen entsprechende reproductive Elemente aus, und diese wirken wieder, soweit sie den directen Eindrücken gleichen, verstärkend, soweit sie von ihnen verschieden sind, verändernd und verdrängend auf sie ein1. Von den gewöhnlichen Wahrnehmun°'sassimilationen scheiden 1 Man vergleiche hierzu die Ausführungen über die assimilativen Processe bei den 102 Vorstellungsgefühle und Affecte.
sich die ästhetischen nur dadurch, dass ihre wesentlichen Elemente bei der Gestaltenwahrnehmung jene Gefühle der Thätigkeit, ihrer Hemmung, ihres Contrastes und des Gleichgewichts beider sind, die wir oben wegen ihrer sonstigen subjectiven Verwandtschaften als »Willensgefühle« zu- sammenfassten. Indem sie zu einem Totalgefühl verschmelzen, erscheint das Object selbst, das sie anregt, als strebend, wollend, also in diesem Sinne als belebt, — freilich nicht als belebt in jener intellectuellen Be- deutung, in der wir etwa einem lebenden Wesen, das wir sehen, oder seinem wohlgetroffenen Bilde Leben zuschreiben, sondern in der rein ge- fühlsmäßigen Bedeutung, in der wir lediglich die Willensgefühle, damit aber keineswegs auch die sonstigen, vorstellungsmäßigen Attribute des Lebens in dem Gegenstand objectiviren. Diese Gefühlselemente werden unmittel- bar in das Object selbst verlegt, gerade so wie die Empfindungselemente in die Vorstellung, und beides geschieht in einem durchaus untheilbaren Acte. Ebenso wirkt nun aber das auf solche Weise mit den subjectiven Gefühlen ausgestattete Object wieder auf das Subject zurück und regt in diesem noch einmal dieselben Gefühle an, so dass sich das Totalgefühl, in das alle diese Elemente zusammenströmen, in solchem Hin und Her der assimilativen Wechselwirkungen fortwährend verstärkt. Will man dies eine »ästhetische Illusion« nennen, so ist es in Wahrheit keine andere Il- lusion als die, die wir bei jeder Sinneswahrnehmung erleben, nur dass sie zu ihren Hauptbestandtheilen die Gefühlselemente des Eindrucks hat und so durch die Eigenschaft der Gefühle, sich zu intensiven Totalgefühlen zu verbinden, und durch den bei ihnen freier sich bewegenden Strom assi- milativer Wechselwirkungen von dem Subject zu dem Object und von diesem zu jenem zurück in höherem Grade die Fähigkeit der Steigerung und der Ausbreitung auf das gesammte psychische Leben in sich trägt. Dazu kommen dann noch als regulirende Momente jene Bedingungen der Gliederung der Gestalten nach fest gebundener oder, je nach dem Mitein- fluss der Naturbedingungen, nach freierer Symmetrie und Proportionalität, die als allgemeine Motive des ästhetischen Gefallens auch hier dem Strom der Gefühle einerseits gewisse Schranken auferlegen, anderseits als Fac- toren in die Gesammtwirkung eingehen.
Aus allem dem erkennt man, dass in ihren wesentlichsten Zügen die assimilativen Gefühlsprocesse bei der Gestaltenwirkung denen bei Klang und Rhythmus durchaus analog sind. Nur die als Hauptbestandtheile in die Assimilationen eingehenden Gefühle sind vermöge der Beziehung der rhythmischen Klanggebilde zum Affe et, der Gestaltenwirkung zur Willens- Gesichtswahrnehmungen, Bd. 2, S. 639. Die allgemeine Erörterung der Assimilationen folgt unten Cap. XIX, 2.
Aesthetische Elementargefühle. IQ, thätigkeit zum Theil andere. Außerdem ist bei den ersteren in Folo-e des subjectiveren Charakters der Klanggebilde der von außen nach innen gerichtete Theil der assimilativen Wechselwirkungen der vorwaltende, daher wir hier viel unmittelbarer der durch den Eindruck erregten Ge- fühle als selbsterlebter inne werden. Bei der Gestaltenwirkung ist da- gegen der assimilative Process weit mehr von innen nach außen gerichtet, indem unmittelbar mit den Empfindungen auch ihre Gefühlsbetonungen objectivirt werden. Darum kann einerseits das gesehene Object viel leichter der ästhetischen Wirkung ganz entbehren, weil es hier schon einer er- höhten Gefühlsreizbarkeit bedarf, um die Wirkung auszulösen. Anderseits aber wird diese, wo sie eintritt, weit unmittelbarer in den Gegenstand selbst verlegt. Die üblichen Ausdrücke für den Eindruck musikalischer und architektonischer Kunstwerke weisen schon deutlich auf diesen Unter- schied hin: dort reden wir etwa von erschütternden, freudig erregenden, herabstimmenden, sehnsuchtsvollen Melodien; hier von niedlichen, schönen, erhabenen, gewaltigen Formen, Ausdrücke, bei denen im ersten Fall überall die Gemüthsstimmung, im zweiten das Object selbst in den Vorder- grund tritt. Auch das hängt in gewisser Weise mit den verschiedenen Seiten des Gemüthslebens zusammen, denen diese ästhetischen Wirkungen zugewandt sind. Der Affect ist ein innerliches Erlebniss; der Willens- vorgang strebt sich zu objectiviren, in äußere Handlungen überzugehen. Diese Unterschiede, die mit den eigenthümlichen Richtungen der ver- schiedenen Kunstgattungen auf das engste zusammenhängen, ändern aber nichts an der schließlichen Gleichartigkeit der elementaren Processe.
Bilden auf diese Weise die Verschmelzungen der directen Factoren ästhetischer Eindrücke auf der einen, die assimilativen Wechselwirkungen zwischen dem wahrnehmenden Subject und dem objectiven Eindruck auf der andern Seite überall die wesentlichen Momente der ästheti- schen Gemüthserregung, so kommen dagegen, wie schon eingangs her- vorgehoben, eigentliche Erinnerungsassociationen, d. h. solche Verbin- dungen, bei denen sich von dem Eindruck ein durch ihn reproducirtes Erinnerungsbild relativ selbständig sondert, bei der ästhetischen Wirkung überhaupt nicht in Betracht1. Wo sie etwa einmal zu beobachten sind, da pflegen sie störend zu wirken. Auch dies macht aber die Analyse der assimilativen Factoren des ästhetischen Eindrucks leicht verständlich. Denn eben in dem Augenblick, wo die simultane in die successive Assimilation übergeht, da muss nun bei den Beziehungen, in denen diese verschiedenen Vorgänge zu einander stehen, der die ästhetische 1 Ueber die verschiedenen Associationsformen und speciell über das Verhältniss der Erinnerungs- oder successiven Associationen zu den Verschmelzungen und Assimilationen vgl. übrigens unten Cap. XIX.
Wundt, Grundzüge. III. 3. Aufl. 13 IQ4 Vorstellungsgefühle und Affecte.
Wirkung hauptsächlich vermittelnde Assimilationsprocess nothwendig ge- hemmt werden, da, wie wir unten (in Cap. XIX) sehen werden, eine successive Association regelmäßig dann entsteht, wenn die Assimilation der reproductiven Elemente irgend welche Hindernisse in den Eigen- schaften der Vorstellungen oder den allgemeinen Dispositionen des Be- wusstseins findet. Darum stört nun auch wiederum umgekehrt jede suc- cessive Erinnerungsassociation die Assimilation, die neben ihr keinen zureichenden Raum findet, und mit ihr den ästhetischen Eindruck selbst. Dies gilt nicht bloß von den einfachen Raumobjecten, in die überhaupt nur eine gekünstelte reflectirende Interpretation Erinnerungen an com- plicirte Gegenstände verlegen kann, sondern auch von den eigentlichen Objecten der Kunst. Um vom Anblick eines gothischen Domes ästhe- tisch erregt zu werden, brauche ich weder an den katholischen Cultus, noch an die christliche Gottesidee überhaupt zu denken, ebenso wenig wie bei der Sixtinischen Madonna an den Mariencultus oder auch nur an die Mutter Gottes. Vielmehr, je klarer solche Erinnerungen in mir aufsteigen, um so mehr tritt hinter ihnen die ästhetische Wirkung zurück. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass die Gefühlselemente, die mit solchen Vorstellungen zusammenhängen, bei dem ästhetischen Eindruck keine Rolle spielten. In Wahrheit sind sie es und andere in dem religiös gestimmten Bewusstsein anklingende Elemente, die erst die höheren Formen der ästhetischen Wirkung in diesen Fällen möglich machen. Aber auch das geschieht nicht dadurch, dass diese Motive als selbständige Erinnerungsbilder dem Eindruck gegenübertreten, sondern wiederum nur, indem die Elemente derselben in die sich vollziehenden Assimilationen als unlösbare Bestandtheile eingehen.
Eher treten in der Form einer bis zu einem gewissen Grade abtrenn- baren, wenngleich immer noch simultanen Association die farbigen Eigenschaften der Gestalten hervor, sobald diese wirkliche Naturobjecte nachbilden. Der Eindruck einer gemalten Orange ist uns um so wohl- gefälliger, je sicherer der Maler die Farbe und die tastbaren Eigenschaften ihrer Oberfläche wiedergegeben hat; und die Wirkung eines monumen- talen Architekturwerkes wird gestört, wenn das Material des Steines durch einen Holzanstrich oder überhaupt durch schreiende Färbung und Ver- goldung verändert wird. Auch in diesen Fällen bleibt eben der Ein- druck ein simultanes Product der elementaren Associationen; nur dass die Eigenschaften der Farbe denen der Gestalt mehr äußerlich anhaften und daher unmittelbarer als fördernde oder hemmende Bestandtheile auf- gefasst werden. Bei der Nachbildung der Naturobjecte machen sich über- dies die mannigfaltigeren Verbindungen mit den verschiedenen Sinnes- empfindungen geltend, aus denen sich der Eindruck des wirklichen Aesthetische Elementargefühle. jqc Naturgegenstandes zusammensetzt, und die zum Theil schon in jenes Ge- biet des »Naturschönen« hinüberreichen, bei dem neben den allgemeinen Bedingungen ästhetischer Wirkung zugleich die Uebereinstimmung des Gesichtsbildes mit dem wirklichen Object zu einem assimilativen Factor des Wohlgefallens wird.
k. Theorie der ästhetischen Elementargefühle.
Die große, bisher wohl immer noch allzu wenig gewürdigte Bedeutung der psychologischen Analyse der ästhetischen Elementargefühle für die Aesthetik liegt auf der Hand. Diese Bedeutung ist naturgemäß keine ab- schließende, sondern vornehmlich eine wegweisende, aber als solche von unschätzbarem Werthe. Indem in den elementaren Fällen ästhetischer Wirkung diese von einer Fülle zusammenwirkender Haupt- und Neben- bedingungen befreit wird, ist zwar der eigene ästhetische Werth der unter- suchten Objecte nur ein geringer; aber ihr analytischer Werth ist ein um so größerer, weil sie die Grundlagen der ästhetischen Wirkung in einer verhältnissmäßig reinen und der experimentellen Variirung der Umstände leicht zugänglichen Form bieten. Wer die nächste Aufgabe der Aesthetik nicht darin erblickt, irgend welche anderwärts gewonnene metaphysische Ideen an ihr zu exemplificiren, sondern nachzuweisen, wie die ästhetische Wirkung überhaupt zu stände kommt, der wird daher auch als Aesthetiker nicht umhin können, von den ästhetischen Elementarwirkungen auszugehen. Eine wesentlich andere, aber nicht minder wichtige Bedeutung haben jedoch diese für die Psychologie. Sie besitzt in ihnen typische Bei- spiele zusammengesetzter Gefühle, deren Werth ebenso in der Klar- heit ihres Aufbaues wie in der ausgeprägten Qualität der Gefühle selbst besteht, wozu wiederum die relative Leichtigkeit ihrer experimentellen Analyse durch Variation der Bedingungen hinzukommt.
Es ist hauptsächlich der letztere, der psychologische Gesichtspunkt, unter dem wir uns hier mit diesen Gefühlen beschäftigen. Nach ihm sind aber, wie sich aus den obigen Betrachtungen ergibt, die ästhetischen Elementargefühle überall, wo sie vermöge der auf sie angewandten Prin- cipien psychologischer Analyse und Abstraction nicht bloß in einzelnen ihrer Factoren, sondern in ihrem thatsächlichen Vorkommen im mensch- lichen Bewusstsein betrachtet werden, bereits sehr zusammengesetzte Gebilde, die, so weit sie auch im einzelnen variiren mögen, doch insofern sämmtlich nach einem Princip aufgebaut sind, als sie sich in ein Ver- schmelzungs- und in ein Assimilationsproduct zerlegen lassen. Beide sind dann wieder so fest mit einander verbunden, dass sie in der Wirklichkeit nie völlig zu sondern sind. Denn jene Wechselwirkung reproductiver und directer Elemente, wie sie schon jede Sinneswahrnehmung begleitet, Iq6 Vorstellungsgefühle und Affecte.
fehlt auch hier niemals; nur dass wegen der subjectiven Richtung der Gefühle die Scheidung beider selbst für die nachträgliche psychologische Analyse viel schwieriger ist, weil uns die Hülfsmittel, die bei der Sinnes- wahrnehmung die Vergleichung der äußeren Objecte mit ihrer subjectiven Erzeugung in der Vorstellung darbietet, hier durchaus nicht in ähnlichem Umfang zu Gebote stehen. Auf der andern Seite sind aber in diesem Fall die Factoren der stattfindenden Gefühlsverschmelzungen relativ leichter einer gewissen Isolirung zugänglich, indem wir uns der relativen Aus- schaltung bedienen, z. B. der Klangwirkung beim Rhythmus, der Farben- wirkung bei der Gestalt u. s. w., während bei den Processen der Vor- stellungsbildung eine solche Isolirung meist schwieriger ist.
Nun wird der specifische Charakter eines ästhetischen Elementar- gefühls stets in erster Linie durch die Gefühlsverschmelzungen be- stimmt, aus denen es hervorgeht, da die Assimilationsvorgänge ihrerseits wieder von den Verschmelzungen abhängen. Bei den Klang-Rhythmus- gefühlen ist es aber der intensive Bestandtheil der Verschmelzung, der Klang, bei den Gestalt-Farbegefühlen der extensive, die Gestalt, der dem Product hauptsächlich seine Gefühlsbetonung verleiht, die dann von den ergänzenden Elementen gehoben, modificirt oder auch gestört, jedoch niemals in ein von dem dominirenden wesentlich abweichendes Gefühl um gewandelt werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich daher auch, wenn man diese Unterschiede in je ein Wort zusammenfassen will, die Wirkung im ersten Fall eine »intensive«, im zweiten eine »extensive« nennen, womit nicht nur die abweichende Beschaffenheit der dominiren- den Elemente, sondern bereits die Beziehung der Gefühle der ersten Art zu dem innerlich bleibenden Affect, die der zweiten zu dem nach außen strebenden Willen angedeutet liegt. Hier greifen nun aber auch sofort die assimilativen Eigenschaften der beiden Verschmelzungsproducte entscheidend ein. Wie im ersten Fall die intensive Seite des Gefühls- lebens in dem directen Verschmelzungsproduct selbst die überwiegende ist, so in der assimilativen Wirkung die nach innen gerichtete Wirkung der Assimilationen. Das Gemüth folgt in seinen eigenen Stimmungen und ihren Schwankungen unmittelbar selbst dem durch das rhythmische Klanggebilde geschilderten Verlauf von Affecten; und in geringerem Maße überträgt es diese Wirkung wieder nach außen und steigert dadurch das ästhetische Gebilde selbst in seinem Einfiuss auf den Affectverlauf. Ganz im Gegensatze dazu erscheint im zweiten Fall der objective Eindruck, die Gestalt selbst, unmittelbar als der Träger der durch ihn im Bewusst- sein angeregten Stimmungen und Strebungen; und erst secundär, wenn sie eine gewisse Höhe erreicht haben, werden diese nun zugleich als eigene innere Erlebnisse aufgefasst, wodurch sich dann freilich auch Aesthetische Elementargefühle. jqj sofort, indem jetzt die Bewegung abermals in umgekehrter Richtung vom Bewusstsein in den Gegenstand überströmt, abermals die Gefühlswirkung steigert, — ein Vorgang, der bei den höheren künstlerischen Formen der Gestaltenwirkung immer mächtiger anwächst, und mit dem sich hier zu- gleich die von den höheren intellectuellen Anlagen des Bewusstseins aus- gehenden Assimilationen verbinden.
Diese Gegensätze vorwaltender Assimilationsrichtung kehren sich nun aber in charakteristischer Weise um, wenn das ästhetische Object nicht als ein gegebener Eindruck oder als eine Reihe solcher Eindrücke auf das Bewusstsein wirkt, sondern wenn dieses selbst erst jenes Object er- zeugt, wenn wir also, um in der Sprache der höheren Kunstformen zu reden, vom Standpunkt des ästhetisch Empfangenden auf den des ästhetisch Schaffenden hinübertreten. Dann ist in den aus Klang und Rhythmus sich aufbauenden Gebilden die Wirkung zunächst ganz von innen nach außen gerichtet. Die Künste, die aus der Steigerung solcher Elementar- wirkungen hervorgehen, Musik, Gesang, Poesie, sind ausdrückende Künste. Der Schaffende lässt seine Stimmungen und Affecte in Klängen, Rhythmen und Worten ausströmen; dann erst, wenn diese ihm selbst objectiv geworden sind, wirken sie wieder auf ihn zurück und steigern die productive Affectstimmung. Wo dagegen die Gestalt die Grundlage der ästhetischen Wirkung bildet, da ist der Schöpfer einer solchen nicht bloß an das Material gebunden, das ihm die Natur entgegenbringt, sondern sein eigenes Bewusstsein kann nicht anders als Formen nachbilden, die ihm sei es unmittelbar sei es in einzelnen ihrer Theile in der Außenwelt entgegengetreten sind. Hier wird daher der Künstler durch vorgestellte Objecte in seinem Gemüth erregt: das von ihm erzeugte Gebilde ist, auch wenn es eine völlige Neuschöpfung sein sollte, nicht unmittelbar ein Aus- strömen subjectiver Gefühle, sondern die Nachbildung eines Objectes, in welchem er, während er es schafft, seine eigenen Stimmungen und Ge- fühle unmittelbar objectivirt. So wird er sich ihrer erst in der Rück- wirkung deutlich bewusst, die das erzeugte Gebilde oder, genauer ge- sprochen, die vorausgehende Vorstellung, der es nachgebildet ist, auf ihn ausübt. Darum hat die Bezeichnung bildende Künste auch psychologisch ihre gute Bedeutung. Diese Künste drücken nicht unmittelbar subjective Stimmungen aus, sondern sie bilden Gegenstände, die zu objectiven Ur- sachen der an sie assimilativ sich anschließenden Gefühle werden. In beiden Fällen ist das entgegengesetzte Verhalten des Aufnehmenden und des Schaffenden in dem psychologischen Wechselverhältniss beider be- gründet. Wo dieser seine eigenen Stimmungen unmittelbar in dem ge- schaffenen Werk ausströmen lässt, da ist in dem Hörer zunächst der Eindruck der von außen ihm aufgedrungenen Gefühle der vorwaltende. Wo ig8 Vorstellungsgefühle und Affecte.
dagegen der Künstler selbst erst durch einen äußeren Gegenstand oder eine aus Elementen eines solchen gebildete objective Vorstellung in seinem Gemüth erregt wird, da löst nun umgekehrt dieser Gegenstand in dem Betrachter völlig selbständige und durchaus von seinen eigenen Gemüths- anlagen abhängige Stimmungen aus, deren er sich entäußert, indem er sie auf den Gegenstand hinüberträgt. Dort, bei den Gebilden der aus- drückenden Künste, wirkt also der äußere Eindruck in erster Linie be- lebend auf den Hörer, indem er ihn nöthigt, das von außen Gebotene nachzufühlen und nachzudenken. Hier, bei den bildenden Künsten, wirkt vorzugsweise der Beschauer belebend auf den gesehenen Gegenstand, indem er die in ihm selbst entstehenden, je nach individueller Anlage und Stimmung überaus wechselnden Gefühle in das Object verlegt.
Indem nun die Verschmelzungen und Assimilationen, die letzteren in den mannigfachen hin- und hergehenden Wechselwirkungen, ein Ganzes bilden, das, auch wenn es aus zahlreichen Theilen besteht, doch als in- tensive Gefühlseinheit in ihrer psychischen Qualität eigentlich unzerlegbar ist, sind die ästhetischen Gefühle überhaupt, insonderheit aber deren ein- fachste typische Beispiele, die ästhetischen Elementargefühle, ausgeprägte Fälle der Totalgefühle. Die Entstehung der letzteren haben wir schon bei den verschiedenen Formen der Gemeingefühle als eine das Gefühls- leben auf allen seinen Stufen charakterisirende Erscheinung kennen gelernt. Vor jenen einfacheren Fällen sogenannter sinnlicher Total- gefühle zeichnet sich aber das ästhetische Elementargefühl durch die Eigenschaft aus, dass es trotz seiner bereits ziemlich verwickelten Zu- sammensetzung durch und durch ein wohlgeordnetes Ganzes ist, dessen Einzelgefühle sich meist in einer stufenweisen Gliederung von Partialge- fühlen einem einzelnen herrschenden Gefühl unterordnen, wobei nun dieses wieder jenen eine besondere, eben von dieser Beziehung auf das Ganze abhängige Färbung verleiht. In diesem Sinne würden die ästhetischen Elementargefühle, wenn man sie mit Naturobjecten vergleichen wollte, vielmehr einem organischen Wesen als einem unorganischen Gemenge analog sein. Nur ist freilich auch dieser Vergleich ein schiefer, weil in der That der Charakter der Einheit bei den Gefühlen noch sehr viel stärker ausgeprägt ist als bei einem Organismus. Während uns bei diesem in der Regel zuerst die Mannigfaltigkeit der Theile und Functionen in die Augen fällt, erscheinen jene so sehr als geschlossene Einheiten, dass sie trotz ihrer verwickelten Zusammensetzung zunächst für einfache Gebilde gehalten werden können. In dem Totalgefühl einer Harmonie, einer rhythmisch-harmonischen Reihe oder einer Gestalt sind unmittelbar keine Theile mehr zu unterscheiden. Diese, die Partialgefühle, werden immer erst durch die psychologische Analyse erkennbar, so stark sie auch das Aesthetische Elementargefühle. jqq resultirende Totalgefühl beeinflussen mögen. Besonders lebhaft tritt diese Eigenschaft in der Art hervor, in der die directen mit den associativen Factoren zusammenschmelzen, und in der beide sich in der resultirenden Gefühlswirkung ergänzen. So empfängt z. B. bei einer rhythmischen Form das aus den Spannungs- und Lösungsgefühlen resultirende Moment des Gefallens stets zugleich eine nähere, bald mehr der Seite der erregenden, bald mehr der der beruhigenden Gefühle zugekehrte Färbung durch die Schnelligkeit, den Wechsel und die sonstigen speciellen Eigenschaften des Rhythmus. Aber alle diese Momente sind durchaus untrennbar an ein- ander gebunden, und man kann daher streng genommen von einem ge- gebenen Rhythmus nicht einmal sagen, dass er gleichzeitig errege und erfreue, sondern diese beiden Gefühle sind bei ihm wieder in einem einzigen untrennbaren Totalgefühl eingeschlossen, das sich immer erst reflexions- mäßig in jene Factoren zerlegen lässt. Wenn daher meist Gefallen und Missfallen als die allgemeinen Formen ästhetischer Gefühle hervorgehoben werden, so ist nie zu vergessen, dass es in der wirklichen ästhetischen Auffassung immer nur ein concret gefärbtes und mit andern Gefühls- elementen verschmolzenes Gefallen und Missfallen gibt, und dass der eigentliche Inhalt der ästhetischen Wirkung schon bei den Elementar- gefühlen in der Regel weit mehr diesen andern Elementen als dem Ge- fallen selbst angehört. An dem Fehler, diesen gewissermaßen äußer- lichsten und nur wegen seiner relativen Constanz und seines ausgleichenden Einflusses auf die andern Momente hervortretenden Factor der ästhetischen Wirkung zum einzigen oder zum ausschlaggebenden zu machen, leiden im Grunde alle jene philosophischen Versuche, das »Schöne« definiren und dann aus dieser Definition Aufschlüsse über das Wesen des Aesthe- tischen gewinnen zu wollen. Ihnen könnte man entgegenhalten, das Schöne sei weder bei dem Genuss des Kunstwerks noch bei dem der Natur der Hauptinhalt der ästhetischen Wirkung, sondern immer nur ein begleitendes Moment, das darum gelegentlich auch ganz verschwinden könne, ohne einem Object seinen ästhetischen Werth zu nehmen.