SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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Endlich gibt es noch eine Annahme, die, wenn sie richtig wäre, eine von dem Bewusstsein unabhängige Existenz von Vorstellungen in sich schließen würde: die Annahme angeborener Vorstellungen. Die ältere Form der Lehre von den »ideae innatae« bedarf freilich heute kaum mehr der Widerlegung, da der bereits von Locke geführte Nachweis, dass für die Entwicklung jener Ideen aus empirisch entstandenen Vorstellungen zureichende Gründe vorhan- den seien, kaum mehr einem Widerspruch begegnet, weshalb sich denn auch näheren Betrachtung dieser Erscheinungen (in Cap. XX) sehen, dass es sich hier überall um Veränderungen des individuellen Bewusstseins handelt, die nicht selten sogar con- tinuirlich, in stetigen Uebergängen erfolgen, und denen hier durch eine gewaltsame und den Thatsachen widerstreitende Umdeutung eine Mehrheit von Bewusstseinsindividuen substituirt wird. Die letzteren müssten doch, wenn auch nur der Schatten eines Beweises existiren sollte, gleichzeitig in einem und demselben Individuum vorkommen können. Da dies zugestandenermaßen nicht der Fall ist, so darf das »Doppelbewusstsein« füglich als ein Ueberlebniss aus dem psychologischen Mysticismus eines Echtermayer, Schubert und anderer Psychologen der SCHELLiNG'schen Schule angesehen werden, bei denen diese und ähnliche Vorstellungen bereits vorkommen.

1 Th. Lipps, Grundthatsachen des Seelenlebens, S. 125 ff. Der Begriff des Unbe- wussten in der Psychologie, 3. internationaler Congress für Psychologie in München, 1896, S. 146 ff. Psychische Vorgänge und psychische Causalität, Zeitschr. für Psychol. Bd. 25, 2 Herbart, Psychologie als Wissenschaft, 3. Abschn. Cap. 3. Werke Bd. 5, S. 416 ff.

■^28 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

der moderne Piatonismus seit Leibniz darauf beschränkt hat, nur die Anlage zur Entstehung gewisser Ideen als ein ursprüngliches Besitzthum des Geistes zu betrachten1. Anders verhält sich dies mit einer in der neueren Biologie wieder aufgetauchten Form der gleichen Annahme, die ein Zeugniss für ver- erbte, also dem Individuum angeborene Vorstellungen in den angeborenen Instincten, Fähigkeiten und Gewohnheiten der Thiere und des Menschen er- blickt2. Wenn das soeben aus dem Ei gekrochene Hühnchen davonläuft und die Körner, die man ihm vorstreut, zu finden weiß, wenn der in Gefangen- schaft gehaltene Vogel ohne Vorbild sein Nest baut, wenn endlich selbst der menschliche Säugling ohne besondere Unterweisung die Milch aus der Brust der Mutter saugt, so sieht man darin einen zureichenden Beweis dafür, dass nicht bloß bestimmte Gefühle und Triebe, sondern auch räumliche Vorstellun- gen und zwar solche speciellster Art angeboren seien. Doch muss man von diesen Beweisen sagen, dass sie gerade deshalb verdächtig werden, weil sie zu viel beweisen. Wenn das neugeborene Thier wirklich von allen den Hand- lungen, die es vornimmt, im voraus eine Vorstellung hätte, welch' ein Reichthum anticipirter Lebenserfahrungen würde dann in den thierischen und menschlichen Instincten liegen, und wie unbegreiflich erschiene es, dass nicht bloß der Mensch, sondern auch die Thiere immerhin das meiste erst durch Erfahrung und Uebung sich aneignen! Denn in Wahrheit ist ja die oft nachgesprochene Behauptung, dass der junge Vogel ohne Vorbild das nämliche Nest baut wie seine Eltern, ebenso unwahr, wie die Redensart »das Kind sucht nach der Mutterbrust«3. Und wie merkwürdig wäre es dann, dass die Klang-, Licht- und Farbenempfindungen, diese elementarsten und darum häufigsten Elemente unserer Vorstellungen, nicht ebenfalls angeboren sind, während doch die Fälle der Blind- und Taubgeborenen, denen diese Sinnesqualitäten fehlen, das Gegentheil bezeugen. Auch ist es seltsam, dass man sich immer nur auf die Aeußerungen von Instincten beruft, deren Entstehung unserer inneren Wahr- nehmung völlig entzogen ist, während man an dem einzigen Fall, wo uns über die Entwicklung eines Triebes aus eigener Erfahrung ein Urtheil zustehen könnte, vorübergeht. Dieser Fall ist der Geschlechtstrieb. Eine angeborene Kenntniss der Geschlechtsdifferenz wird man aber doch schwerlich dem Men- schen zuschreiben wollen. (Vgl. oben S. 262.) Diejenigen Elemente, die wir bei allen diesen Instincten wirklich als die angeborenen ansehen müssen, be- stehen lediglich in der in unserer Organisation gegebenen Anlage zur Ent- stehung bestimmter Gemeinempfindungen und zur Association bestimmter Bewegungen mit diesen Gemeinempfindungen. Angeboren ist also dem neu- geborenen Kinde wie dem neugeborenen Hühnchen die Fähigkeit Hunger zu empfinden und diese Gemeinempfindung mit bestimmten Bewegungen zu ver- binden. Der Mechanismus dieser Verbindung wird also wohl eine Einrichtung sein, die sich im Laufe der Generationen in einer bestimmten Richtung be- festigt hat, um sich dann auf die Individuen zu vererben. Aber von der Mutterbrust besitzt der Säugling ebenso wenig eine angeborene Vorstellung 2 E. Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte4, S. 63 ff. Vorsichtiger spricht sich Darwin aus, doch scheint er im ganzen der nämlichen Anschauung zugeneigt. Vgl. Darwin, Der Ausdruck der Gemüthsbewegungeh, deutsch von J. V. Carus, 1872, S. 367.

3 Vgl. A. R. Waixace, Beiträge zur Theorie der natürlichen Zuchtwahl, deutsch von Das Bewusstsein. "\2Q wie das Hühnchen von den Körnern, die es fressen wird; sondern bei bei- den ist die Ausübung des Nahrungstriebes das gemeinsame Erzeugniss ur- sprünglicher Anlagen der psychophysischen Organisation und frühester Lebens- eindrücke1.

Ist demnach eine Entstehung von Vorstellungen im Bewusstsein ohne vorausgegangene sinnliche Erregungen nirgends nachweisbar, sondern mit aller Erfahrung im Widerspruch, so besitzt dagegen auf der andern Seite die Fähig- keit der Wiedererinnerung an solche Vorstellungen, die irgend einmal während des individuellen Lebens entstanden sind, keine sicher bestimmbare Grenze. Keinem Zweifel unterliegt es, dass längst entschwundene Vorstellungen ge- legentlich unter günstigen Bedingungen, oft aber auch ohne dass irgend ein Einfluss erkennbar wäre, wieder erinnert werden können2. Diese außerordent- lichen Fälle dürfen uns aber nicht übersehen lassen, dass sich die große Mehrzahl der einmal erweckten Vorstellungen niemals oder nur in sehr ver- änderten Verbindungen wieder erneuert. Denn als die entscheidende Be- dingung für die Reproduction erweist sich überall theils die häufige Wieder- holung der betreffenden Sinneseindrücke, theils die intensive Wirkung derselben auf das Bewusstsein. Selbst bei den auffallendsten Beispielen der Erinnerung an längst Entschwundenes vermisst man kaum jemals die Spuren einer der- einst vorhanden gewesenen ungewöhnlichen Einübung. Alle Vorstellungen, die nicht durch solche Bedingungen begünstigt sind, verschwinden unwieder- bringlich. Nur ein spärlicher Niederschlag aus der Menge der unaufhörlich kommenden und gehenden Wahrnehmungen bleibt dem Bewusstsein zum fort- währenden Gebrauche verfügbar; und selbst diese geläufiger gewordenen ver- ändern sich fortwährend in ihrer Zusammensetzung, so dass eine reproducirte Vorstellung, die als Erinnerungsbild einer früher dagewesenen betrachtet wird, zwar dieser ähnlich, niemals aber mit ihr oder auch nur mit irgend einem andern auf die nämliche Vorstellung bezogenen Erinnerungsbild identisch ist. Diese Thatsachen weisen deutlich darauf hin, dass die Vorstellungen nicht Wesen sind, die sich eines unsterblichen Daseins erfreuen, sondern Functio- nen, die in gewissem Sinne erlernt, geübt und gelegentlich auch wieder ver- lernt werden. (Vgl. unten Cap. XIX.)

Die verbreitete Neigung, den Vorstellungen eine unvergängliche Existenz in der unbewussten Seele zuzuschreiben, ist nun jedenfalls aus dem im Ein- gang berührten Umstände entstanden, dass wir uns eine aus dem Bewusstsein entschwundene nie anders denken können, als mit den Eigenschaften, die sie im Bewusstsein besitzt. Diese in der Beschränkung aller unserer psychologi- 1 Dass die Entwicklung der Raumanschauung vom nämlichen Gesichtspunkte aus zu beurtheilen sei, wurde schon bei den Gesichtsvorstellungen bemerkt (Cap. XIV, Bd. 2, S. 659V Auch die von Dönhoff (du Bois-Reymonds Archiv, 1878, S. 388) versuchte Beweisführung dafür, dass neugeborenen Insecten und Vögeln der Typus ihres Nestes vorschwebe, ist nicht bindend. Denn die Alternative, die er aufstellt: entweder wird jede einzelne Be- wegung beim Nestbau reflectorisch durch einen sinnlichen Eindruck, oder es wird die ganze Kette von Handlungen durch eine angeborene Vorstellung erzeugt, erschöpft nicht die möglichen Fälle, und der hier übergangene Fall, dass ein Complex sinnlicher Empfin- dungen eine zusammengesetzte Handlung auslöst, ohne dass die äußern Erfolge dieser Handlung im voraus vorgestellt werden, ist gerade der wahrscheinliche. Vgl. hierzu oben Cap. XVII, S. 258 ff.

2 Zahlreiche Beispiele dieser Art sind zusammengestellt von Taine, Der Verstand, deutsche Ausgabe, Bd. 1, 1880, S. 64 ff.

■i -2Q Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

sehen Erfahrung auf das Bewusstsein nothwendig begründete Art die Vorstel- lungen aufzufassen überträgt man dann auf die letzteren selbst; und so werden diese zu Wesen hypostasirt, die nur durch eine Art von Wunder wieder ver- schwinden könnten. Die richtige Folgerung ist aber offenbar, dass wir un- mittelbar über die psychische Natur verschwundener Vorstellungen überhaupt nichts wissen können. Immerhin bleiben wir auf die Frage, wie dieselben zu denken seien, nicht ganz ohne Antwort, sobald wir annehmen, es werde der psychologische Zustand der Vorstellungen im Unbewussten zu ihrem be- wussten Dasein in einer ähnlichen Beziehung stehen, wie sich die begleiten- den physiologischen Vorgänge oder Zustände zu einander verhalten. Diese Annahme ist allerdings nicht zwingend; aber sie hat insofern eine gewisse Wahrscheinlichkeit, als sie sich auf die allgemeinen Beziehungen zwischen psychischen und physischen Vorgängen stützt. Merkwürdigerweise hat man zuweilen die entgegengesetzte Schluss weise vorgezogen. Man setzte die Fort- existenz der unbewussten Vorstellungen voraus und folgerte nun, auch der entsprechende physiologische Eindruck im Gehirn müsse fortexistiren. Man nahm also an, dass sich Bilder im Gehirn, »materielle Spuren« ablagerten, die nur eine geringere Stärke als die ursprünglichen Bilder besitzen sollten.

Diese Hypothese ist dann wieder in die Psychologie hinübergewandert, wo sie die Annahme entsprechender psychischer Spuren veranlasste1. Sind nun aber, wie oben bemerkt, die Vorstellungen nicht Wesen, sondern Functionen, so können auch jene zurückbleibenden Spuren nur als functionelle Dispositio- nen gedacht werden. Man hat hiergegen eingewandt, unter einer solchen Disposition könne man sich eben doch nur ein geringgradiges Fortbestehen der Function selbst denken. Auf physischer Seite handle es sich um eine Fortdauer oder eine Uebertragung von Bewegungen, und demgemäß auf psy- chischer um eine Fortdauer der Vorstellungen2. Aber die Einübung einer Muskelgruppe auf eine bestimmte Bewegung besteht nicht im allergeringsten in der Fortexistenz geringer Grade eben dieser Bewegung. Zahlreiche früher ausführlich erörterte Erfahrungen zwingen uns anzunehmen, dass Vorgänge der Uebung und »Bahnung« aller Orten im Nervensystem und in seinen An- hangsorganen stattfinden3. Die Veränderungen, die sich dadurch in den Or- ganen vollziehen, haben wir uns aber offenbar als mehr oder weniger bleibende Molecularumlagerungen zu denken, die von den Bewegungsvorgängen, die durch sie erleichtert werden, an sich ebenso verschieden sind, wie die Lage- rung der Chlor- und Stickstoffatome in dem Chlorstickstoff verschieden ist von der explosiven Zersetzung, die durch sie erleichtert wird. Wenn wir im letzteren Falle sagen, es existire in der Atomverbindung eine Disposition zur Zersetzung, so soll dieses Wort nicht die Erscheinung erklären, sondern nur den Zusammenhang zwischen der Gruppirung der Atome der Verbindung und der durch geringe äußere Anstöße eintretenden explosiven Zersetzung in einem kurzen Ausdruck andeuten. Wo wir nun, wie bei den verwickelt gebauten Apparaten des Nervensystems, von der wirklichen Beschaffenheit der Mole- cularänderungen, in denen die Uebung besteht, noch keine Kenntniss besitzen, da bleibt uns nur jener allgemeine Ausdruck, der jedoch immerhin den guten 1 Beneke, Lehrbuch der Psychologie 3, S. 64.

2 P. Schuster, Gibt es unbewusste und vererbte Vorstellungen? 1879, S. 27.

Sinn hat, dass er gegenüber der Annahme zurückbleibender materieller Ab- drücke eine zunächst dauernde, aber bei mangelnder Fortübung allmählich wieder schwindende Nachwirkung voraussetzt, die nicht in der Fortdauer der Function selbst besteht, sondern in der Erleichterung ihres Wiedereintritts. Uebertragen wir diese Anschauungsweise aus dem Physischen in das Psychi- sche, so sind demnach nur die bewussten Vorstellungen als wirkliche anzu- erkennen, die aus dem Bewusstsein verschwundenen aber sind psychische Dispositionen unbekannter Art zur Wiedererneuerung jener. Der wesent- liche Unterschied zwischen dem physischen und psychischen Gebiet besteht nur darin, dass wir auf physischer Seite hoffen dürfen, die Natur jener blei- benderen Veränderungen kennen zu lernen, während wir uns auf psychischer Seite dieser Hoffnung für alle Zeit werden entschlagen müssen, da die Gren- zen des Bewusstseins zugleich die Schranken unserer psychologischen Erfah- rung bezeichnen. Diesem Verhältniss ist gelegentlich auch der umgekehrte Ausdruck gegeben worden, indem man das Bewusstsein eine Schranke für die äußere Naturerkenntniss nannte1. In dieser Fassung will derselbe die alte, von den materialistischen Systemen freilich immer wieder in den Wind geschlagene Lehre verkünden, dass das Bewusstsein aus irgend welchen materiellen Molecular Vorgängen nicht erklärt werden könne. Diese Abwehr stellt sich aber selbst auf einen falschen Standpunkt, weil sie das Bewusstsein als eine Schranke für ein Gebiet bezeichnet, das von ihm gänzlich verschieden ist. Grenzen können immer nur zwischen Theilen eines und desselben Ge- biets oder allenfalls zwischen benachbarten Gebieten vorkommen. Das Be- wusstsein und die es begleitenden Gehirnprocesse begrenzen sich aber nicht im mindesten, sondern sie sind, vom Standpunkte der Naturerkenntniss be- trachtet, Functionen von an sich unvergleichbarer Art, die im Verhältniss unabänderlicher Coexistenz stehen. Diese Coexistenz ist eine letzte, nicht weiter aufzulösende Voraussetzung, ähnlich etwa wie die Annahme der Ma- terie für die naturwissenschaftliche Untersuchung.

b. Aufmerksamkeit und Apperception.

Neben dem Gehen und Kommen der Gefühle und Vorstellungen nehmen wir in uns in wechselnder Weise mehr oder weniger deutlich eine Thätigkeit wahr, die wir die Aufmerksamkeit nennen. Subjectiv wird diese Thätigkeit stets von einem Gefühl begleitet, das in der un- mittelbaren Selbstauffassung denjenigen Gefühlen gleicht, die wir bei jeder Art von Willensthätigkeit in uns finden, und das wir daher oben bereits als das Thätigkeitsgefühl bezeichnet haben (S. 252). Sehr häufig wird dasselbe, namentlich bei gesteigerter Aufmerksamkeit, durch die sinnlichen Gefühle verstärkt, welche die unten zu erwähnenden, im Zustand der Aufmerksamkeit häufig vorhandenen Spannungsempfindungen der Haut und der Muskeln begleiten. Jenes Gefühl der Thätigkeit selbst 1 E. du Bois-Reymond, Ueber die Grenzen des Naturerkennens, 1872, S. 16 ff. Vgl. hierzu auch H. Siebeck, Ueber das Bewusstsein als Schranke des Naturerkennens, 1878.

3^2 Bewusstsein 'und Vorstellungsverlauf.

steht aber in einem deutlichen Gegensatze zu einem andern Gefühl, das wir regelmäßig dann in uns finden, wenn ein äußerer Eindruck oder ein aufsteigendes Erinnerungsbild nicht der vorhandenen Disposition der Auf- merksamkeit entspricht, sondern diese plötzlich in eine ihrer bisherigen Thätigkeit entgegengesetzte Richtung zwingt, und das wir demnach als Gefühl des Erleid ens bezeichnen können. Beide Gefühle sind einfach; sie können also, wie alle einfachen Gefühle und Empfindungen, nur als unmittel- bare Erlebnisse beobachtet, nicht definirt werden. Wohl aber scheint jedes von ihnen gleichzeitig mehreren der allgemeinen Gefühlsrichtungen anzu- gehören: das Thätigkeitsgefühl, wie schon oben erwähnt, dem Erregungs- und Spannungsgefühl. Das Gefühl des Erleidens dagegen hat zwar eben- falls einen erregenden Charakter; mit diesem verbindet sich aber hier ein entschiedenes Gefühl der Lösung, indem jene fast niemals ganz im Be- wusstsein fehlenden Spannungsgefühle in dem Moment eines solchen Er- leidens plötzlich in ihr Contrastgefühl umschlagen. Der Contrast selbst beruht daher in diesem Fall wahrscheinlich nur auf diesen Spannungs- und Lösungscomponenten. In ihrem Eintritt und Verlauf unterscheiden sich jedoch beide Gefühle dadurch, dass das Thätigkeitsgefühl regelmäßig den sogleich zu schildernden objectiven Veränderungen des Vorstellungsinhaltes unseres Bewusstseins vorausgeht, während das Gefühl des Erleidens in seinem Entstehungsmoment den vorhandenen Bewusstseinszustand plötzlich und unvermittelt unterbricht. Dies ist wohl der Grund, weshalb wir im allgemeinen geneigt sind, die unter der Mitwirkung des Thätigkeitsgefühls zu stände kommenden Vorstellungsänderungen als selbsterzeugte auf- zufassen, während uns die von dem Gefühl des Erleidens begleiteten als passiv erlebte erscheinen. Doch schließt dieser Gegensatz nicht aus, dass nicht nachträglich die mit dem letzteren Gefühl in uns auftauchen- den psychischen Inhalte zu Objecten der Aufmerksamkeit werden; ja es ist dies, sobald nur den Eindrücken ein ihre Auffassung begünstigender Gefühlswerth zukommt, der gewöhnliche Verlauf der Erscheinungen. Es geht dann aber auch sofort das Gefühl des Erleidens in das Thätigkeits- gefühl über. Immerhin bleibt der Unterschied, dass in der durch diese Gefühle bestimmten Auffassung der Vorgang im ersten Fall, wo das Thätigkeitsgefühl der Veränderung der Bewusstseinsinhalte vorausgeht, als ein activ gewollter, im zweiten, wo es sich im Verlauf derselben erst einstellt, als ein passiv erlebter aufgefasst wird.

Den subjectiven Erscheinungen der Aufmerksamkeit steht nun als ihre objective Seite die Beziehung zu andern Bewusstseinsinhalten gegenüber, die wir eben mit Rücksicht auf diese Beziehung als die Ob- jecte der Aufmerksamkeit zu bezeichnen pflegen. Diese objective Beziehung gibt sich darin zu erkennen, dass der Zusammenhang der Das Bewusstsein.

Vorgänge, der das Bewusstsein ausmacht, keineswegs zu jeder Zeit in gleicher Weise vorhanden ist, sondern dass bestimmte Inhalte be- wusster sind als andere. Diese Eigenschaft lässt sich durch die Ver- gleichung mit dem Blickfeld des Auges verdeutlichen, indem man dabei von jener bildlichen Ausdrucksweise Gebrauch macht, die das Bewusst- sein ein inneres Sehen nennt. Sagen wir von den in einem gegebenen Moment gegenwärtigen Vorstellungen, sie befänden sich im Blickfeld des Bewusstseins, so kann man denjenigen Theil des letzteren, dem die Auf- merksamkeit zugekehrt ist, als den inneren Blickpunkt bezeichnen. Den Eintritt einer Vorstellung in das innere Blickfeld wollen wir die Perception, ihren Eintritt in den Blickpunkt die Apperception nen- nen1. Ist die Apperception von Anfang an von dem subjectiven Ge- fühl der Thätigkeit begleitet, so bezeichnen wir sie als eine active; geht dagegen dieses Gefühl erst aus einem ursprünglich vorhandenen entgegen- gesetzten Gefühl des Erleidens hervor, so wollen wir sie eine passive nennen. Dabei sollen diese Ausdrücke, wie schon aus der obigen Schil- derung der subjectiven Aufmerksamkeitsvorgänge hervorgeht, natürlich nur auf die gegensätzlichen Gefühlszustände in dem der eigentlichen Apper- ception vorausgehenden Moment hinweisen; sie sollen nicht die Apperceptionsacte selbst als gegensätzliche bezeichnen. »Active Apperception« ist also in diesem Zusammenhang nur ein abkürzender Ausdruck für eine Apperception mit einem dem Eindruck vorausgehenden Gefühl der Activi- tät, »passive« für eine solche, bei der das gleiche Gefühl erst durch den Eindruck selbst nach dem Durchgang durch die negative Gefühlsphase der Passivität ausgelöst wird. Die active Apperception ist daher im allgemeinen eine durch die Gesammtlage des Bewusstseins vorbereitete, die passive ist in der Regel eine unvorbereitete. In ihrer Beziehung zu den sie bedingenden Vorstellungen unterscheiden sich beide Apperceptionsformen dadurch, dass uns bei der passiven die Vorstellung selbst als die Ursache ihrer Apperception erscheint, während sich uns bei der activen jener vor- ausgehende Zustand mit dem Gefühl der Thätigkeit als eine Gesammt- 1 Leibniz, der den Begriff der Apperception in die Philosophie einführte, versteht darunter den Eintritt der Perception in das Selbstbewusstsein. (Opera philosophica ed. Erdmann, p. 715.) Menü tribuitur apperceptio, wie Wolff es ausdrückt, quatenus per- ceptionis suae sibi conscia est (Psychologia empir. § 25). Da sich aber entschieden das Bedürfniss geltend macht, neben dem einfachen Bewusstwerden einer Vorstellung, der Perception, die Erfassung derselben durch die Aufmerksamkeit mit einem besonderen Namen zu belegen, so wird der Ausdruck »Apperception« hier in diesem erweiterten Sinne gebraucht. Die Selhstauffassung ist nämlich immer auch Erfassung durch die Auf- merksamkeit, die letztere ist aber nicht nothwendig auch Selbstauffas>ung. Schon HERBART hat die Nöthigung empfunden, den Begriff der Apperception zu verändern, jedoch in einer Weise, der wir uns hier nicht anschließen können. Vgl. darüber Cap. XIX, sowie die historisch-kritische Erörterung über die Entwicklung dieses wichtigen Begriffs von Otto Staude, Philos. Stud. Bd. 1, 1883, S. 149 ff.

Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

Ursache aufdrängt, die wir unmittelbar zunächst nur in der Form jenes Gefühls wahrnehmen und höchstens durch eine nachträglich sich an- schließende Reflexion in einzelne Componenten zerlegen können.

Der innere Blickpunkt kann sich nun successiv den verschiedenen Theilen des inneren Blickfeldes zuwenden. Zugleich kann er sich jedoch, verschieden von dem Blickpunkt des äußeren Auges, verengern und er- weitern, wobei immer seine Helligkeit abwech- selnd zu- und abnimmt. Streng genommen ist er also kein Punkt, sondern ein Feld von etwas ver- änderlicher Ausdehnung. Immer jedoch bildet die- ses Feld der Appercep- tion eine einheitliche Vorstellung, indem wir die einzelnen Theile des- selben zu einem Ganzen verbinden. So verbindet die Apperception eine Mehrheit von Schallein- drücken zu einer Klang- oder Geräuschvorstellung, eine Mehrzahl von Seh- objecten zu einem Ge- sichtsbild. Soll eine möglichst deutliche Auf- fassung stattfinden, so muss außerdem die Zahl der Bestandtheile, aus denen sich die Vorstel- lung zusammensetzt, eine beschränkte sein. Je enger und heller hierbei der Blickpunkt ist, in um so größerem Dunkel befindet sich das übrige Blickfeld. Am leichtesten lassen sich diese Eigenschaften nachweisen, wenn man das äußere Seh- feld des Auges zum Gegenstand der Beobachtung nimmt, wo durch das f]F Fig- 339- Fallapparat zur Erzeugung momentaner Gesichtseindrücke. (Demonstrations-Tachistoskop.)

Das Bewusstsein. t-?- Hülfsmittel einer instantanen Erleuchtung" die Beobachtung auf Vorstellungen eingeschränkt werden kann, die nur während einer sehr kurzen Zeit auf das Bewusstsein einwirken. Man bedient sich dazu zweckmäßig eines Fallapparats, wie ihn die Fig. 339 etwa in x/IO seiner wirklichen Größe darstellt. Derselbe besteht aus einem verticalen Holzbrett, vor dem zwischen Schienen ein schwarzer Schirm herabfällt, sobald die in der Seitenansicht B sichtbare Feder F angezogen wird. In dem oberen Theil des Schirms ist eine quadratische Oeffnung angebracht, deren Gesichts- winkel ungefähr, der Ausdehnung der Stelle des deutlichsten Sehens im Auge entsprechend, bei der Sehweite, in der beobachtet wird, 41/,, ° be- trägt. Bei heraufgezogener Stellung des Schirms werden nun die Ge- sichtseindrücke (in Fig. 33g die Buchstaben) durch den Schirm so verdeckt, dass der auf ihm befindliche kleine weiße Kreis, der als Fixationspunkt dient, in die Mitte des nachher beim Herabfallen des Schirmes durch die Oeffnung freigelegten Objectes fällt. Die Frontansicht A stellt demnach den Versuch in dem Augenblick dar, wo eben das Object durch den fallenden Schirm für eine sehr kurze Zeit freigelegt ist, um im nächsten Augenblick wieder hinter dem oberen Theil des Schirms zu verschwinden1.

Bei den so ausgeführten Versuchen wird nun in der Regel der Blickpunkt des Sehfeldes vermöge seiner physiologischen Eigenschaften auch vor- zugsweise zum Blickpunkt des Bewusstseins gewählt; doch lässt sich leicht die abwechselnde Verengerung und Erweiterung des letzteren bemerken. Von einer Druckschrift z. B. kann man, wenn es sich nur darum handelt dieselbe zu lesen, einige Wörter auf einmal erkennen. Will man da- gegen die genaue Form eines einzelnen Buchstabens bestimmen, so treten schon die übrigen Buchstaben desselben Wortes in ein Halbdunkel. Durch willkürliche Lenkung der Aufmerksamkeit gelingt es übrigens, wie schon Helmholtz2 bemerkt hat, auch auf indirect gesehene Theile des Objectes den Blickpunkt der Aufmerksamkeit zu verlegen; in diesem Fall wird das direct Gesehene undeutlich. Complicirtere Formen erfassen wir immer erst nach mehreren momentanen Einwirkungen, bei deren jeder sich in der Regel der äußere und der innere Blickpunkt einem andern Theile des Sehfeldes zuwenden. Man kann aber auch willkürlich den äußeren Blickpunkt festhalten und bloß den inneren über das Object 1 Statt dieses einfachen Fallappavats, der zur allgemeinen Orientirung der oben be- schriebenen Erscheinungen sowie zur Demonstration derselben vor einem größeren Z11- schauerkreis dienen kann, bedient man sich für exacte Versuche zweckmäßig der unten (d) zu beschreibenden, übrigens nach demselben Princip construirten Tachistoskope.

- Physiologische Optik, S. 74 t. Helmholtz bediente sich bei diesen Versuchen der momentanen Erleuchtung durch einen elektrischen Funken. Dieser Methode ist je- doch wegen der bei ihr stattfindenden starken Adaptationsstörungen (Bd. 2, S. 171 ff-) die Beobachtung bei Tageslicht mittelst der Fallapparate oder sonstiger tachistoskopischer Vorrichtungen vorzuziehen. (Vgl. unten d.)

■i -2 6 Bewusstsein und Yorstellungsverlauf.

wandern lassen. Bei diesem Versuch stellt sich dann die weitere Eigen- schaft desselben heraus, dass mit zunehmender Dauer oder Wiederholung der Eindrücke seine Ausdehnung wächst, ohne dass, wie bei der wechseln- den Auffassung momentaner Reize, seine Helligkeit in entsprechendem Maße vermindert wird. An Schallvorstellungen lassen sich im allgemeinen die nämlichen Verhältnisse darlegen, indem man sich hierbei der früher (Bd. 2, S. gi) erwähnten Pendelvorrichtungen für die Einwirkung kurz dauernder Schalleindrücke bedient. Es eignen sich dazu vorzugsweise harmonische Zusammenklänge. Auch hier kann bei der Wiederholung der Einzelbeobachtungen der Blickpunkt von einem Klang zum andern übergehen, sich erweitern und verengern, und mit wachsender Dauer des Eindrucks wächst die Zahl der Töne, die gleichzeitig deutlich wahrge- nommen werden können. Ebenso können disparate Eindrücke in einem einzigen Apperceptionsacte aufgefasst werden. Dabei müssen aber die gleichzeitig in den Blickpunkt des Bewusstseins tretenden Einzelvorstel- lungen wieder Bestandtheile einer einzigen complexen Vorstellung bilden. So verbindet man bei den oben (S. 67 ff.) geschilderten Complications- versuchen mit der Vorstellung eines bestimmten Zeigerstandes die des Schalls. Man ist aber nicht im stände, gleichzeitig mit dem Zeiger etwa