SigPhi · Wilhelm Wundt

Grundzüge der physiologischen Psychologie (3. Auflage)

German

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das Bild des auf eine Glocke herabfallenden Hammers, der den Schall hervorbringt, in den inneren Blickpunkt zu verlegen.

Unter den äußeren Einflüssen, welche die Apperception lenken, stehen Stärke der Eindrücke, Fixation der Gesichtsobjecte, Bewegung der Augen längs der begrenzenden Conturen in erster Linie. Aus einer Summe gleichzeitiger Eindrücke treten ferner vorzugsweise solche in den Blickpunkt des Bewusstseins, die kurz zuvor gesondert zur Vorstellung gelangt waren. So hören wir aus einem Zusammenklang einen vorher für sich angegebenen Ton besonders deutlich. Auf dieselbe Weise über- zeugen wir uns von der Existenz der Obertöne und Combinationstöne. Wegen der Schwäche dieser Theiltöne vermögen wir in der Regel nicht mehr als einen einzigen auf einmal deutlich zu hören, da der Blickpunkt des Bewusstseins um so enger ist, je mehr die Aufmerksamkeit gespannt wird. Deutlich bemerkt man hierbei zugleich, dass der Grad der Apper- ception nicht nach der Stärke des äußeren Eindrucks, sondern nach der subjectiven Thätigkeit zu bemessen ist, durch die sich das Bewusstsein einem bestimmten Sinnesreiz zuwendet.

Dies führt uns auf die inneren Bedingungen der Apperception. Gehen wir von der zuletzt besprochenen Beobachtung aus, so kann das geübte Ohr einen schwachen Theilton eines Klanges bekanntlich auch dann wahrnehmen, wenn dieser ihm nicht zuvor als gesonderter Eindruck gegeben wurde. Bei näherer Beobachtung zeigt sich aber, dass man sich Das Bewusstsein. -^-r in diesem Fall nicht selten zunächst das Erinnerungsbild des zu hörenden Tones zurückzurufen sucht, um ihn deutlicher aus dem Klang herauszuhören, Aehnliches bemerkt man bei schwachen oder schnell vorübergehenden Ge- sichtseindrücken. Wird eine Zeichnung mit elektrischen Funken beleuchtet, die in Zeiträumen von einigen Secunden auf einander folgen, so erkennt man nach dem ersten und manchmal auch nach dem zweiten und dritten Funken fast gar nichts. Aber das undeutliche Bild bleibt im Gedächtniss, jede folgende Erleuchtung vervollständigt dasselbe, und so gelingt allmäh- lich eine klarere Auffassung. Diese Versuche zeigen, dass jeder Eindruck einer gewissen Zeit bedarf, um zum Blickpunkt des Bewusstseins durch- zudringen. Während dieser Zeit rinden wir nun stets in uns das oben erwähnte Gefühl der Thätigkeit. Dasselbe ist um so lebhafter, je mehr sich der Blickpunkt des Bewusstseins concentrirt, und es pflegt in diesem Falle noch fortzudauern, während die Vorstellung schon vollkom- men klar vor dem Bewusstsein steht. Am deutlichsten ist es jedoch im Zustande des Besinnens oder der Spannung auf einen erwarteten Eindruck. Zugleich bemerkt man hierbei, dass bestimmte sinnliche Empfindungen jenes Gefühl begleiten. Schon Fechner hat beobachtet, dass man beim Aufmerken auf äußere Sinneseindrücke in den betreffenden Sinnesorganen, also in den Ohren beim Hören, in den Augen beim Sehen, eine leise Spannung wahrnimmt; der Ausdruck gespannte Auf- merksamkeit ist wohl selbst zunächst dieser Empfindung, dann aber auch dem mit ihr verbundenen starken Spannungsgefühl entnommen, dessen Bezeichnung selbst diesen es mehr oder minder regelmäßig begleitenden Empfindungen entlehnt ist. Auch bei dem Besinnen auf Erinnerungs- bilder fehlt die Spannungsempfindung nicht; sie zieht sich dann aber auf die das Gehirn umschließenden Theile des Kopfes zurück1.

In allen diesen Erscheinungen verräth sich deutlich eine Anpassung der Apperception an den Eindruck. Die Ueberraschung durch unerwartete Reize entspringt wesentlich daraus, dass bei ihnen im Moment, wo der Eindruck erfolgt, eine solche Anpassung noch nicht eingetreten ist. Sie selbst ist aber eine doppelte: sie bezieht sich auf die Qualität und auf die Intensität der Reize. Verschiedenartige Sinnes- eindrücke bedürfen abweichender Anpassungen. Ebenso bemerken wir, dass der Grad der Spannungsgefühle gleichen Schritt hält mit der Stärke der Eindrücke. Von der Genauigkeit der eingetretenen Anpassung hängt dann die sogenannte Schärfe der Aufmerksamkeit ab. Die Klarheit einer Vorstellung, mag diese nun eine Sinneswahrnehmung oder ein Er- innerungsbild sein, wird dagegen gleichzeitig durch die Stärke ihrer 1 Fechner, Elemente der Psychopkysik, Bd. 2, S. 475.

Wundt, Grundzüge. III. 5. Aufl.

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Empfindungselemente und durch die Schärfe ihrer Apperception bedingt. Ein Eindruck muss stark genug sein, um eine deutliche Auffassung zu- zulassen, und gleichzeitig muss eine möglichst vollständige Anpassung der Apperception an ihn stattfinden. Vermöge beider Momente bietet eine mittlere Intensität der Empfindungen die günstigsten Bedingungen für die Klarheit der Vorstellungen, da auch die übermäßige Stärke eines Eindrucks die Anpassung an denselben erschwert. Neben der Klarheit ist endlich der Grad der Deutlichkeit eine wichtige Eigenschaft der appercipirten Inhalte. Deutlich nennen wir eine Vorstellung, wenn sie von andern im Bewusstsein anwesenden scharf unterschieden wird. Die Klarheit bezieht sich demnach auf die eigene Beschaffenheit der Vor- stellungen, die Deutlichkeit auf ihr Verhältniss zu andern. Ein gewisser Grad der Klarheit ist zur Deutlichkeit erforderlich; diese ist aber außer- dem noch von andern Bedingungen abhängig, welche die Unterscheidung der einzelnen Vorstellungen beeinflussen. Die Begriffe der Schärfe der Auffassung, der Klarheit und Deutlichkeit der Vorstellungen sind demnach, wie sie ursprünglich der äußeren Sinnesempfindung entnommen sind, so auch in einer ähnlichen Bedeutung anzuwenden wie hier. Wir sehen aber scharf, wenn unser Auge für den Lichteindruck gut adaptirt ist; wir sehen klar, wenn zu der richtigen Einstellung auch noch die zureichende Stärke des Lichtes hinzukommt, und wir sehen deutlich, wenn wir die einzelnen Gegenstände genau zu unterscheiden im stände sind.

Da die Stärke der Empfindungselemente einer Vorstellung auf die Klarheit einen zweifellosen Einfluss ausübt, so sind nicht selten beide Begriffe mit einander vermengt oder sogar für identisch gehalten worden. Streng genommen kann aber immer nur von der Stärke der Empfindungs- elemente, nicht von der Stärke einer Vorstellung die Rede sein, da in diese meist Empfindungsinhalte von sehr verschiedener Stärke eingehen. Umgekehrt dagegen sind Klarheit und Deutlichkeit ausschließlich Eigen- schaften der Vorstellungen, die, auf Empfindungen nur übertragen werden können, wenn diese als Vorstellungsbestandtheile gedacht werden. Die wesentliche Verschiedenheit der Klarheit einer Vorstellung von der Stärke ihrer Empfindungsinhalte verräth sich vor allem auch darin, dass eine Zu- und Abnahme der Klarheit ohne eine gleichzeitige Zu- und Abnahme der Empfindungsstärke sehr wohl stattfinden kann. Dies ist besonders bei schwachen Eindrücken nachzuweisen, die der Reizschwelle naheliegen. Bestünde die Klarheitszunahme in irgend einer regelmäßigen, wenn auch nur minimalen Verstärkung, so müsste sich solches in einer deutlichen Erhebung über die Reizschwelle, ebenso die Klarheitsabnahme in einem Sinken unter dieselbe verrathen. Ein dunkler werdender schwacher Ein- druck hört aber nicht auf wahrnehmbar zu sein, und das Klarerwerden Das Bewusstsein. ^-,n desselben wird von einem Stärkerwerden in der Regel deutlich unter- schieden. Lässt man z. B. einen continuirlich andauernden Reiz auf ein Sinnesorgan einwirken, so ist es, auch wenn der Reiz keine Ermüdung des Sinnesorganes hervorbringt, doch unmöglich, denselben fortdauernd gleich klar und deutlich zu appercipiren. Vielmehr bemerkt man bei dem Versuch, die Aufmerksamkeit auf ihn zu spannen, einen fortwährenden Wechsel der Klarheit. Dieser Wechsel wird aber als ein Vorgang auf- gefasst, der von etwa absichtlich herbeigeführten objectiven Intensitäts- schwankungen des Reizes verschieden ist. Lässt man ferner in einer Periode der Verdunkelung des Eindrucks diesen ganz unterbrechen, so wird dies ebenfalls wahrgenommen, und man bemerkt zugleich, dass der Reiz in den Momenten der Verdunkelung trotzdem in unverminderter Stärke auf das Bewusstsein einwirkt1.

Sind auf diese Weise Klarheit und Stärke der Eindrücke durchaus von einander verschieden, so wird demnach auch der Begriff der Reiz- schwelle, wenn wir ihn auf das Bewusstsein übertragen, hier eine doppelte Bedeutung annehmen müssen. Als Intensitätsschwelle hat er die Bedeutung einer Bewusstseinsschwelle, insofern der Eintritt in das Bewusstsein oder die Perception einer Vorstellung von der Intensität ihres Empfindungsinhaltes abhängt. Davon verschieden ist aber die Klarheitsschwelle der Vorstellungen: sie ist eine Aufmerksamkeits- oder Apperceptionsschwelle. Nur Eindrücke, die über der Intensitäts- schwelle liegen, können die Apperceptionsschwelle überschreiten; doch damit dies geschehe, muss die subjective Function der Aufmerksamkeit hinzukommen. Wie der Eindruck, der die Perceptionsschwelle über- schritten hat, von da an noch alle Intensitätsgrade bis zur Reizhöhe durchlaufen kann, so kann der Eindruck, der sich über die Apperceptions- schwelle erhebt, von da an noch verschiedene Grade der Klarheit er- reichen. Ein Eindruck aber, der unter die Apperceptionsschwelle ge- sunken ist, verschwindet damit noch nicht aus dem Bewusstsein, und seine Fortexistenz in diesem kann daher in jedem Augenblick wieder Inhalt der Apperception werden. Auch wenn dies nicht geschieht, übt er jedoch, wie jeder Bewusstseihsinhalt, auf die Aufmerksamkeit eine Gefühls- wirkung aus, an der in der Regel sein Aufhören sofort bemerkt wird. (Vgl. oben Cap. XVI, S. 118 f.)

Steht es demnach fest, dass das Klarer- und das Stärkerwerden eines Eindrucks in vielen Fällen unabhängig vorkommende und subjectiv wohl zu unterscheidende Vorgänge sind, so schließt dies nun aber nicht aus, dass beide einen eewissen Einfluss auf einander äußern können. In Betreff 1 Hugo Eckener, Philos. Stud. Bd. 8, 1893, S. 361 ff.

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des Einflusses der Stärke auf die Klarheit ist dies schon oben bemerkt worden: ein intensiver Eindruck wird in der Regel, sofern nicht besondere Dispositionen entgegenwirken, klarer appercipirt als ein schwacher. Aber unzweifelhaft kann auch in der umgekehrten Richtung ein gewisser Ein- fluss stattfinden. So bemerkt man, wenn ein Reiz das Bewusstsein bei großer Unaufmerksamkeit trifft und dann in gleicher Stärke wiederholt wird, wie z. B. beim unerwarteten Stundenschlag einer Thurmuhr, dass der zweite Eindruck entschieden nicht bloß deutlicher, sondern scheinbar auch intensiver wahrgenommen wird. Das nämliche zeigt sich, wenn man sich willkürlich anstrengt, Erinnerungs- und Phantasiebilder zu er- wecken und möglichst intensiv im Bewusstsein festzuhalten. Die Fähig- keit hierzu ist freilich individuell sehr verschieden, und manchen Personen scheint es überhaupt nur zu gelingen, zwar die Klarheit, nicht aber die Intensität solcher Erinnerungsbilder in merklichem Grade zu vergrößern. In vielen Fällen ist aber diese Fähigkeit vorhanden, und sie scheint zu- weilen so groß zu sein, dass das Phantasiebild schließlich die Stärke eines Phantasmas erreicht1. Dennoch zeigen auch diese Fälle deutlich, dass die Klarheits- und die Stärkezunahme keineswegs zusammenfallende Vorgänge sind. Denn die Zunahme der Klarheit geht hierbei stets der- jenigen der Stärke voran, und die letztere kommt wohl immer erst nach längerer Zeit und in Begleitung starker Spannungsempfindungen zu stände, wobei zugleich die Art der Muskelerregung genau der Form der apper- cipirten Vorstellung entsprechen muss. So richten sich die eine Gesichts- vorstellung begleitenden Spannungsempfindungen des Auges nach den Begrenzungslinien des Gegenstandes; bei hohen und tiefen Tönen wechselt die Innervation des Trommelfellspanners und zumeist auch die gleichzeitige Innervation der Kehlkopfmuskeln. Diese Umstände machen es im höchsten Grade wahrscheinlich, dass jene unter bestimmten Bedingungen im Ge- folge der Klarheitszunahme eintretende Verstärkung der Empfindungen eine secundäre Wirkung ist, die durch gewisse Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit herbeigeführt werden kann, aber nicht nothwendig her- beigeführt w erden muss. In der That legt die Erscheinung der be- gleitenden Muskelerregungen und Spannungsempfindungen eine Interpre- tation nahe, Avelche die Art und Weise der gelegentlichen Verstärkung der Empfindungen und die engen Grenzen, in denen sie eintritt, begreif- lich machen dürfte. Wir werden uns nämlich offenbar diesen Vorgang am einfachsten als einen von den Muskelerregungen und Bewegungs- empfindungen ausgehenden Associationsprocess denken können. Mit 1 Fechner, Psychophysik, Bd. 2, S. 471. H. Meyer, Unters, über die Physiol. der Nervenfaser, S. 237 ff. Vgl. auch G. E. Müller, Zur Theorie der sinnlichen Aufmerk- samkeit, Diss. Leipzig, 1873, S. 46 ff.

Das Bewusstsein. ~\ä.l den Spannungsempfindungen des Auges z. B. associiren sich die ent- sprechenden Gesichtsvorstellungen, und je mehr durch willkürliche Steige- rung die Spannungsempfindung anwächst, um so mehr kann sich auch der Empfindungsinhalt des Erinnerungsbildes verstärken. Hierbei kommt nun aber wahrscheinlich noch eine andere Bedingung dieser Wirkung zu Hülfe. Je gespannter die Aufmerksamkeit ist, um so mehr beschränkt sie sich zugleich, wie oben bemerkt, auf eine einzige oder auf wenige mit einander zusammenhängende Vorstellungen. Diese Beschränkung kann psychologisch (und ohne Zweifel auch physiologisch) nur als ein Hem- mungsvorgang aufgefasst werden, durch den anderen Eindrücken die Apperception erschwert wird. In Folge dieser Hemmung wird sich dann aber auch die verstärkende Wirkung, welche die Spannungsempfindungen ausüben, einseitig auf die appercipirte Vorstellung beschränken und einen Abfluss der Erregungen auf andere, associativ ebenfalls mit ihnen ver- bundene Erinnerungsbilder verhüten1.

Nach allem diesem sind Aufmerksamkeit und Apperception Ausdrücke für einen und denselben psychologischen Thatbestand. Den ersten dieser Ausdrücke wählen wir vorzugsweise, um die subjective Seite dieses Thatbestandes, die begleitenden Gefühle und Empfindungen, zu bezeichnen; mit dem zweiten deuten wir hauptsächlich die objectiven Erfolge, die Veränderungen in der Beschaffenheit der Bewusstseinsinhalte an. Der gesammte Thatbestand, den wir so je nach dem Standpunkt der Betrachtung einen Aufmerksamkeits- oder einen Apperceptionsvorgang nennen, lässt sich aber wieder in folgende Theilvorgänge zerlegen: i) Klarheitszunahme einer bestimmten Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, verbunden mit dem für den ganzen Process charakteristischen Thätigkeits- gefühl, 2) Hemmung anderer disponibler Eindrücke oder Erinnerungsbilder, 3) muskuläre Spannungsempfindungen mit daran gebundenen das primäre Gefühl verstärkenden sinnlichen Gefühlen, 4) verstärkende Wirkung dieser Spannungsempfindungen auf die Empfindungsinhalte der appercipirten Vorstellung durch associative Miterregung. Von diesen vier Theilvorgängen sind jedoch nur der erste und der zweite wesentliche Bestandtheile eines jeden Apperceptionsvorgangs. Schon der dritte kann fehlen oder von sehr geringer Stärke sein; der vierte ist stets dann nachzuweisen, wenn der vorige, dem er als secundäre Wirkung nachfolgt, eine gewisse Dauer und Intensität erreicht.

1 Vgl. hierzu die Ausführungen über das hypothetische Apperceptionscentrum Bd. i.

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c. Die Apperception als Willensvorgang.

Nach den Erscheinungen, die der Vorgang der Apperception dar- bietet, fällt derselbe, wie bereits im vorigen Capitel erörtert wurde, durch- aus in das Gebiet der Willensvorgänge. Als die wesentlichen Kriterien der Willensthätigkeit erkannten wir nämlich: i) eine vorausgehende ge- fühlsstarke Vorstellung, die von dem Handelnden als Motiv seines Wol- lens aufgefasst wird: sie ist bei der Apperception bald in den äußeren Eindrücken, bald in bestimmten Erinnerungsbildern gegeben; 2) ein den Eintritt der Handlung begleitendes Gefühl, das Thätigkeitsgefühl: es ist bei den Handlungen der Aufmerksamkeit genau so wie bei den äuße- ren Willenshandlungen zu beobachten; endlich 3) Veränderungen im Be- wusstseinsinhalt, die als die Wirkungen des Motivs erscheinen: sie bestehen bei dem Apperceptionsacte in der Zunahme der Klarheit bestimmter Vor- stellungen, an die sich dann weiterhin Veränderungen im Vorstellungs- verlaufe anschließen können. Insofern alle diese Elemente eines Apper- ceptionsactes in jeder sonstigen, namentlich äußeren Willenshandlung als bedingende Factoren enthalten sind, ist die Apperception gleichzeitig elementarer Willensact und constituirender Bestandtheil aller Willensvor- gänge.

Diese Reduction der Aufmerksamkeitsvorgänge auf Willensvorgänge führt nun aber noch zu der weiteren Frage nach dem Verhältniss, in welchem unter diesem Gesichtspunkt jene beiden Grundformen der Ap- perception, die wir oben mit den abkürzenden Ausdrücken der »activen« und der »passiven« unterschieden, zu einander stehen. Eine Antwort auf diese Frage kann wiederum nur auf dem Weg einer genauen experimen- tellen Analyse beider Apperceptionsformen gewonnen werden, und diese sieht sich hier naturgemäß abermals auf diejenigen Versuche hingewiesen, die wir oben als die allgemeinen Hülfsmittel zur psychologischen Ana- lyse der Willensvorgänge kennen lernten, auf die Reactionsversuche. Aus den unten zu schildernden Ergebnissen seien darum hier wiederum die für die vorliegende Frage wesentlichen Momente der Selbstbeobach- tung vorausgenommen (vgl. oben S. 279, 305 f.). In der That können im Hinblick auf diese die Reactionsversuche auch »Apperceptionsversuche« genannt werden, weil gerade diejenigen Momente der Willenshandlungen, zu deren Selbstbeobachtung sie die Hülfsmittel bieten, die Apperceptions- acte sind. So treten uns denn bei ihnen vor allem die typischen Formen einer »activen« und einer »passiven« Apperception in den zwei zunächst möglichen Formen einfacher Reaction entgegen: die erste bei der Reaction auf einen erwarteten, die zweite bei der auf einen unerwarteten Eindruck. Verfolgt man in diesen beiden Fällen den Gefühlsverlauf, so Das Bewusstsein.

lassen sich zunächst die oben erwähnten Gefühle, wie sie sich schon der gewöhnlichen Selbstbeobachtung aufdrängen, in ihrer Ab- und Zu- nahme und in ihrem Wechsel verfolgen; und es treten dabei in Folge der experimentellen Beherrschung der Bedingungen auch die feineren Uebergänge und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Apper- ceptionsformen mit überraschender Deutlichkeit hervor, so dass diese Be- obachtungen zugleich bemerkenswerthe Ergänzungen zu den früher (S. 251) geschilderten Ergebnissen über den Gefühlsverlauf bei den Willensvor- gängen überhaupt bilden. Dabei bestätigt sich vor allem, dass die wesent- lichen Unterschiedsmomente der Gefühlscurven sich durchaus auf den Verlauf der Spannungsgefühle concentriren, während die in den übrigen Richtungen zu beobachtenden Unterschiede mehr secundärer Natur und von Nebenmomenten, wie Qualität der appercipirten Eindrücke, Disposition des Bewusstseins u. dergl., abhängig sind. In die Spannungs- curve dagegen fallen namentlich auch die charakteristischen Unterschieds- merkmale in dem formalen Verlauf der activen und der passiven Apper- ception. Die Fig. 340, in der wieder die Grade der Spannungsgefühle durch positive, die der Lö- sungsgefühle durch negative Ordinaten dargestellt sind, sucht diese Unterschiede in ihrer ungefähren Form anzu- deuten. Die obere Curve AA zeigt den Verlauf einer acti- ven, die untere PA den einer passiven Apperception. Die erstere repräsentirt zugleich zwei charakteristische Fälle: nämlich die ausgezogene Li- nie den eines Eindrucks, der nicht bloß nach seiner allge- meinen Beschaffenheit, sondern auch in Bezug auf die Zeit seines Eintritts durch einen in bekanntem Rhythmus vorangegangenen Signalreiz fest be- stimmt ist; die unterbrochene Linie stellt dagegen den Verlauf für den Fall dar, wo zwar der Eindruck bekannt und erwartet, aber die Zeit seines Ein- tritts unbestimmt ist. Im ersten Fall, der qualitativ und zeitlich fest bestimmten Apperception, nähert sich, wie man sofort sieht, der Verlauf am meisten der früher mitgetheilten typischen Spannungscurve eines Wil- lensvorgangs (Fig. 340). Ein kleiner Unterschied ist nur darin wahrzuneh- men, dass in dem Moment, wo der zu appercipirende Eindruck einwirkt, welcher Moment durch den Strich R angedeutet ist, die Spannungscurve Fig. 340. Schematische Gefühlscurven bei activer (AA) und passiver Apperception (PA).

344 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.

eine kleine Erniedrigung, also eine Herabsetzung der Spannung zeigt. Nach diesem Punkt R steigt sie dann sehr rasch zu ihrem Maximum, um von da an ebenso wieder zu sinken und beim Schluss des Apperceptionsactes, ganz dem allgemeinen Verlauf der Willenscurve entsprechend, eine kurze Lösungsoscillation zu zeigen. Davon unterscheidet sich nun der Fall einer qualitativ bestimmten, aber zeitlich unbestimmten Apper- ception wesentlich durch die erheblich größere Erniedrigung der Span- nungscurve im Moment R. In den meisten Fällen scheint sie hier nahe an die Abscissenlinie heranzureichen, manchmal sogar in eine schwache Lösungsoscillation, analog der das Ende des Vorgangs bildenden, über- zugehen. Der Aufstieg zum Maximum scheint dann nicht wesentlich vom vorigen Fall abzuweichen, höchstens etwas langsamer zu sein. In allem dem bildet dieser Verlauf offenbar einen Zwischenfall zwischen der reinen Form A A und dem durch die Curve P A dargestellten Typus der »passiven Apperception«. In den Bedingungen unterscheidet sich dieser letztere dadurch, dass die Apperception sowohl qualitativ wie zeit- lich unbestimmt gelassen wird, dass sie also in diesem Sinne völlig unvorbereitet ist oder doch nur insofern eine gewisse Vorbereitung vor- aussetzt, als der Beobachter überhaupt auf den nächsten ihm gegebenen Sinnesreiz zu reagiren beabsichtigt. Hier ist nun der Unterschied von der Curve AA sehr augenfällig. Im Momente R sinkt sofort die Span- nung, geht auf die entgegengesetzte Seite, und die so entstehende Lösungsoscillation übertrifft meist die das Ende der Apperception be- zeichnende ausgleichende Schwankung merklich an Tiefe. Der übrige Verlauf gleicht dagegen dem vorigen, nur dass im allgemeinen der Auf- stieg zum Maximum der Spannung relativ langsam erfolgt. Indem außer- dem in allen diesen Fällen die Spannungs- von einer Erregungs curve be- gleitet ist, setzt sich aus diesen beiden Gefühlscomponenten in der Zeit der positiven Spannung jenes für den Apperceptions- und Willensvorgang vornehmlich charakteristische Thätigkeitsgefühl, in den Momenten der negativen Oscillationen aber das je nach der Größe dieser bald nur schwach angedeutete, bald durch den Contrast mit den vorhergehen- den und nachfolgenden Momenten stark ausgeprägte Gefühl des Er- leidens zusammen. Dieses letztere ist freilich in seiner eigenen qualita- tiven Bestimmtheit wohl nur da wahrzunehmen, wo die bei R regelmäßig eintretende Oscillation nicht bloß eine quantitative Abnahme der Span- nungsgefühle, sondern den directen Uebergang in Lösungsgefühle mit sich führt. Auf diese Weise ergibt sich aus der näheren Betrachtung der Gefühlscomponenten eine wesentliche Uebereinstimmung im allge- meinen Verlauf der Vorgänge, und es erklärt sich daraus zugleich jener charakteristische Unterschied der subjectiven Symptome, der uns bei der