liehen Zeiten verschiedener Individuen nur wenig abweichen1. Dieser Umstand weist darauf hin, dass auch bei dem Uebergang zur Associations- reaction bei den Beobachtern mit muskulärer Reaction die Reactionsform sich ändert. Trotz der Constanz der Mittelwerthe ist übrigens die mittlere Variation der Associationsreactionen begreiflicher Weise eine sehr große, da natürlich die Menge und Leichtigkeit der associativen Beziehungen bei den einzelnen Vorstellungen außerordentlich abweicht. Dies zeigt deut- lich die folgende Zusammenstellung beobachteter Minimal- und Maximal- zeiten, denen die entsprechenden qualitativen Vorstellungsassociationen bei- gefügt sind: Beobachter Kürzeste Associationszeit Längste Associationszeit Werden nicht, wie es oben geschah, die Mittel aus allen, sondern bloß diejenigen aus den häufigsten Associationen berechnet, so liegen diese Mittel der unteren dieser Zeitgrenzen viel näher als der oberen. So fand Kraepelin bei sich selbst 57oa, bei Trautscholdt 400a als Mittel der frequentesten Associationen2. Die leichtesten Associationen sind also, was übrigens von vornherein erwartet werden konnte, immer auch die häufigsten.
Bringt man ferner die Associationen in gewisse Classen, so zeigen sich Unterschiede ihrer mittleren Dauer, die charakteristische individuelle Abweichungen darbieten. Mit Rücksicht darauf, dass bei den oben be- schriebenen Versuchen die Association stets von einer Wortvorstellung ausgeht, lassen sich in diesem Fall drei Hauptclassen unterscheiden: 1) Wortassociationen, bei denen lediglich ein bestimmtes Wort ein anderes vermöge häufiger Verbindung mit demselben reproducirt, wie z. B. bei der Ergänzung von Sturm zu Sturmwind; 2) äußere Vorstellungsassociationen, bei denen die dem Wort entsprechende Vorstellung eine andere repro- ducirt, mit der sie in äußerer Verbindung zu stehen pflegt, wie z. B. Haus und Fenster; 3) innere Vorstellungsassociationen, bei denen die durch das Wort erweckte Vorstellung eine andere reproducirt, die zu ihr in irgend einem begrifflichen Verhältniss, der Unter-, Ueber-, Nebenordnung, Abhängigkeit u. dergl., steht, wie z. B. Hund und Fleischfresser. Diese 1 Nur bei S. H. ist die Associationszeit eine merklich längere; hier machte aber die geringere Uebung des Beobachters (Amerikaners) in der deutschen Sprache die lang- samere Association auf zugerufene deutsche Worte erklärlich.
2 Kraepelin, Tageblatt der Naturforscherversammlung zu Straßburg, 1885.
468 Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
drei Classen der Association zeigten nach ihrer Zeitdauer und Zahl (n) bei den vier betheiligten Beobachtern folgende Verhältnisse: ob achter Wort- associationen n Vorstellungs- associationen 11 Innere Associationen n 52 29 46 5° 42 33 S.H.
10 9 39 12 8 23 Hier ist zunächst leicht verständlich, dass bei dem in der deutschen Sprache minder geübten Beobachter (S. H.) die Wortassociationen die längste Dauer beanspruchen. Auch die andern individuellen Abweichungen sind wohl auf ähnliche Verhältnisse zurückzuführen. So wird z. B. bei mir selbst durch die Gewöhnung an die sprachliche Darstellung der Ge- danken eine größere Geschwindigkeit der Wortassociationen und der inneren Associationen begünstigt. Kraepelix constatirte außerdem allgemein ein großes Uebergewicht der gegenständlichen Vorstellungen: Substantiva bildeten bei ihm 90 °/0 auer associirten Wörter. Ebenso kam der Ueber- gang von abstracten zu concreten Wörtern 10 mal häufiger vor als die entgegengesetzte Vorstellungsbewegung.
Die sämmtlichen hier unter dem Namen der Associationszeit ermittelten Werthe schließen nun aber, wie schon oben bemerkt, noch zwei wesent- lich verschiedene Vorgänge ein: die Zeit der Hebung der Vorstellung, die wir als die eigentliche Reproductionszeit bezeichnen wollen, und die Erkennungszeit für die reproducirte Vorstellung. Geht man in Bezug auf die letztere von der naheliegenden Voraussetzung aus. dass sie mit der Erkennungszeit einer äußeren Wortvorstellung (des zugerufe- nen Wortes) übereinstimme, und setzt man die letztere nach der obigen Tabelle (S. 466) bei den gleichen Beobachtern zu 100 — 130er an, so würde als mittlere eigentliche Reproductionszeit ein Werth von 600 bis 620a, als häufigste ein solcher von etwa 300 — 450^ zurückbleiben. Jedenfalls entfällt also der weitaus größere Theil der Associationsdauer auf die Hebung, der kleinere auf die Apperception der reproducirten Vor- stellung. Auch die so reducirte Zeit repräsentirt aber selbstverständlich keinen einheitlichen Begriff, sondern, da jede Association voraussichtlich eine große Zahl elementarer Vorgänge umfasst, so kann das Schluss- ergebniss immer nur als ein Gesammtwerth angesehen werden, der sich aus mehr oder minder zahlreichen und zum Theil wechselnden Factoren zusammensetzt.
Wesentlich andere Verhältnisse bieten die gezwungenen Asso- ciationen dar. Sie scheiden sich wieder in die zwei auch in Bezug auf Verlauf der directen Sinnesvorstelluns:en.
ihre Dauer sehr abweichenden Fälle der eindeutig und der mehr- deutig bestimmten. Bei den ersteren liegen die Verhältnisse für den raschen Vollzug der Reproduction am günstigsten. Es handelt sich hier stets um Fälle, wo auch bei freier Association die reproducirte Vorstellung die nächstliegende gewesen wäre, und durch die gewohnheitsmäßige Ein- übung die bestimmte Association stabil geworden ist. Man beobachtet darum hier viel kleinere Zeitwerthe als bei den freien Associationen. So fand CATTELL, dass man 250 — 400er braucht, um ein Wort aus einer Sprache in eine andere etwas minder geläufige zu übersetzen, 350 — 400er, um zu einer bekannten Stadt das zugehörige Land, oder zu einem Monat die Jahreszeit, in die er fällt, oder den auf ihn folgenden Monat zu finden, während in Folge der ungewohnten Richtung der Association die Auf- findung des unmittelbar vorangehenden Monats ungefähr die doppelte Zeit braucht. Aehnlich kurze Zeiten beanspruchen einfache gewohnheitsmäßig eingeübte arithmetische Operationen, eine einfache Addition 220 — 320, eine Multiplication 350 — 450er, u. s. w. \ Zieht man hier wieder für die Erkennung eine Zeit von 100 — 130 ab, so bleiben Zeitwerthe von 150 bis 350er als eigentliche Reproductionszeiten übrig. Die Dauer der Hebung einer Vorstellung übertrifft also unter den günstigsten Verhältnissen nicht erheblich die einer Erkennung.
Die mehrdeutig bestimmten Associationen lassen sich wieder nach der Menge der assoeiirbaren Vorstellungen in zwei Gruppen trennen. Bei der ersten, bei der nur zwischen wenigen Vorstellungen eine Auswahl stattfinden kann, überschreiten die gefundenen Zeiten nicht viel die Dauer der eindeutigen Associationen; der Vorgang kann hier, wenn noch dazu eine der assoeiirbaren Vorstellungen vor der anderen begünstigt ist, voll- ständig in eine eindeutige Association übergehen. Bei der zweiten Gruppe dagegen, bei der die Zahl der möglichen Associationen eine sehr große ist, kann die gefundene Zeit auf das doppelte dieser Größe ansteigen. Dies erhellt aus den folgenden von CATTELL bei sich selbst (Q und BERGER [B.) gefundenen Zahlen. Die Größe der mittleren Variationen ist in kleineren Ziffern, die Versuchszahl in Klammern beigefügt.
1 Cattell, Philos. Stud. Bd. 4, 1888, S. 242 ff. Vgl. auch Trautscholdt, Philos.
A.JO Bewusstsein und Vorstellungs verlauf.
Erste Gruppe: eng begrenzte mehrdeutige Associationen.
Zweite Gruppe: weit begrenzte mehrdeutige Associationen.
Bei diesen Associationen nähern sich die Vorgänge denjenigen, die bei der Bildung logischer Urtheile stattfinden. Doch ist nicht zu über- sehen, dass man es bei solchen Versuchen nie mit frei gebildeten, nach selbstgewählten logischen Motiven gebildeten Denkacten, sondern immer nur mit Associationen zu thun hat, die unter bestimmten logischen Direc- tiven zu vollziehen sind. Man wird daher die ganze Kategorie dieser mehrfach in Reactionsversuchen behandelten Vorgänge logisch determi- nirte Associationen nennen können. Sie tragen demnach auch sub- jectiv den Charakter eines Zwanges an sich, der sie vom wirklichen Ur- theil deutlich unterscheidet. Die bei ihnen beobachtete Verzögerung der Associationszeiten wird man aber ohne weiteres darauf zurückführen dür- fen, dass die aufsteigenden Associationen so lange gewaltsam gehemmt werden, bis eine auftaucht, die der gestellten Forderung entspricht. Dies sind Bedingungen, die von den bei unsern normalen logischen Denkacten stattfindenden weit abweichen. Ueberhaupt sind die Associationsversuche, wie in ihren Bedingungen die verwickeltsten, so auch, wie die subjective Beobachtung lehrt, in den sie zusammensetzenden Bewusstseinsvorgängen die variabelsten. Bald können sich einfache und geläufige Associationen so rasch vollziehen, dass fast unmittelbar mit der inducirenden auch die associirte Vorstellung' ins Bewusstsein tritt. Bald kann der Eindruck Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. 47 I zunächst hemmend, fast wie lähmend auf das Bewusstsein wirken, ehe eine Association zu stände kommt, oder es können sich sogar Phänomene eines wechselnden Auftauchens von Vorstellungen, unterbrochen von Zu- ständen jener Hemmung, abspielen, ■ — ■ Vorgänge, die dann immer auch von entsprechenden Gefühlen und Affecten begleitet sind.
5) Automatische Coordinationen. Alle Bewegungen, die einem bestimmten Sinneseindruck eindeutig zugeordnet werden, haben die Ten- denz, in Folge der Einübung automatisch zu werden. Während ur- sprünglich zum Eintritt der Bewegung eine Erkennung des Eindrucks und eine sich daran anschließende Wahl der Bewegung erforderlich war, fallen diese beiden psychophysischen Vorgänge allmählich ganz hinweg, die re- agirende Bewegung erfolgt vor oder gleichzeitig mit der Unterscheidung des Eindrucks, und sie erfolgt vermöge der gewohnheitsmäßigen Coordi- nation völlig unwillkürlich. Schon bei dem einfachen Reactionsvorgang ist uns dieser Uebergang in eine automatische Coordination begegnet: er bestand hier in dem Uebergang der sensoriellen in die muskuläre Re- action. Die letztere zeigt in ihrer extremen Form alle Merkmale eines automatischen Vorgangs: die Apperception des Eindrucks und der reagi- renden Bewegung ist nicht Bedingung für den Eintritt der Bewegung, son- dern jene erfolgt erst, nachdem der Bewegungsimpuls bereits vorüber ist.
Aehnliche automatische Coordinationen können nun aber in Folge einer längeren Einübung auch bei den Unterscheidungs-, Wahl- und wahr- scheinlich sogar bei den eindeutig determinirten Associationsreactionen eintreten. Leicht geschieht dies namentlich bei Personen, deren natür- liche Reaction schon der verkürzten Form nahekommt; doch ist dies nicht immer der Fall, da Manche beim Uebergang zu Erkennungsacten, Andere wenigstens bei Wahl- und Associationsacten zur sensoriellen Reactions- weise übergehen und dann meist die letztere auch noch bei den darauf folgenden Reactionen beibehalten (S. 464). Objective Bedingung für das Automatischwerden der zusammengesetzten Reactionen ist es ferner, dass die Zahl der Eindrücke, zwischen denen unterschieden, und der Bewe- gungen, zwischen denen gewählt werden soll, eine eng begrenzte sei, meistens auch, dass die Zuordnung einer Bewegung zu einem bestimm- ten Eindruck durch äußere Momente begünstigt werde. So ist es z. B. leichter, die Reizung des rechten Fußes der Reaction der rechten Hand, des linken Fußes der linken Hand zuzuordnen, als umgekehrt; es ist leich- ter, mit einem starken Schall eine bestimmte Reactionsbewegung auto- matisch zu verbinden und bei einem schwachen Schall unbewegt zu bleiben, als umgekehrt, u. s. w.
Nach dem oben gesagten ist es selbstverständlich, dass bei vollstän- dig eingetretenem Automatismus die beobachteten Zeiten nur noch eine Bewusstsein und Vorstellungfsverlauf.
physiologische Bedeutung haben: sie messen in diesem Fall Ueber- tragungszeiten innerhalb der nervösen Centralorgane, die bei verschiedenen Coordinationen möglicher Weise eine verschiedene Größe besitzen, und daher für die Beurtheilung der Uebertragungs- und Leitungsverhältnisse von Werth sein können, mit den psychophysischen Acten der Erkennung, Wahl, Association aber nichts zu thun haben. Ist die automatische Co- ordination noch keine vollständige, so wird allerdings in den beobachteten Zeiträumen noch ein Theil dieser Acte enthalten sein; wegen des wandel- baren Verhältnisses, in welchem dies stattfinden kann, werden aber gerade solche mittlere Reactionen hier, wie schon bei der einfachen Reaction, am allerwenigsten zu irgend welchen Schlüssen verwerthbar sein. Ueber die physiologischen Verhältnisse der Leitung und Uebertragung geben sie keine Auskunft, weil noch ein unbestimmter Theil der psychophysi- schen Vorgänge hinzukommt: auch auf diese lassen sie aber keine Fol- gerungen zu, weil sich niemals ermitteln lässt, welche der in einem Vor- gang vereinigten elementaren Acte verkürzt oder gar eliminirt wurden, und weil im allgemeinen vorauszusetzen ist, dass diese Acte überhaupt erst unvollständig abgelaufen sind, wenn die äußere Reaction erfolgt.
Hierfür spricht namentlich der Umstand, dass, sobald einmal die Tendenz zu automatischen Coordinationen eingetreten ist, die zusammengesetzten Reactionszeiten sich so lange durch die Uebung zu verkürzen scheinen, bis die dem vollständigen Automatismus entsprechende Minimalzeit er- reicht wird.
Offenbar ist nun aber dieser Uebergang von Verbindungen zwischen Sinneseindrücken und äußeren Bewegungen, die ursprünglich durch psychi- sche Unterscheidungs- und Willensacte vermittelt werden, in automatische Coordinationen, bei denen jene psychischen Zwischenglieder vollständig zum Verschwinden kommen, an sich ein Vorgang von hohem psycho- logischem Interesse. Spielt doch dieser Vorgang in der wirklichen Aus- bildung unserer Bewegungen eine sehr wichtige Rolle. Bei jeder Ein- übung von Bewegungen findet in gewissem Grad ein solcher Uebergang statt. Wo jene von zusammengesetzter Beschaffenheit sind, da ist meist zu ihrer ersten Einleitung ein Erkennungs- und Willensact erforderlich, der weitere Vollzug geschieht dann aber vorwiegend automatisch. So bedarf der geübte Clavierspieler zur Umsetzung jedes einzelnen Noten- bildes in eine Tastbewegung, der Handwerker zur Ausführung jeder ein- zelnen seiner Manipulationen keines besonderen Erkennungs- und Willens- actes mehr, sondern die physiologischen Uebungsgesetze der nervösen Leitungsbahnen1 ermöglichen hier überall, nachdem eine Bewegungs- Verlauf der directen Sinnesvorstellungen. AI X reihe in Gang gekommen ist, die angemessene automatische Coordination der einzelnen Handlungen an die einzelnen Eindrücke. Indem die ver- kürzte Reaction in ihrer einfachen und zusammengesetzten Form das Studium der elementaren Erscheinungen solcher automatischer Coordina- tion ermöglicht, bietet daher dieses Studium zugleich eine wichtige experi- mentelle Ergänzung zu den früheren Betrachtungen (S. 277 fr.) über die regressive Entwicklung der Willensvorgänge.
Donders gebührt das Verdienst, den ersten Versuch zur Ermittelung der Zeit von Unterscheidungs- und Wahlacten mittelst der Reactionsmethode ge- macht zu haben1. Neben der gewöhnlichen Bestimmungsweise der Reactions- zeit (gegebene Bewegung auf bekannten Eindruck), die er als ^-Methode be- zeichnete, bediente er sich hauptsächlich noch zweier Verfahrungsweisen, von denen die eine im wesentlichen unseren Wahl versuchen zwischen zwei Be- wegungen (^-Methode), die andere unseren Wahlversuchen zwischen Ruhe und Bewegung entsprach (c-Methode nach Donders); in der Regel wurden nicht dauernde, sondern momentane Eindrücke angewandt. Donders hat jedoch diesen Versuchen eine andere psychologische Deutung gegeben: er meinte, nur bei den b -Versuchen komme eine Unterscheidungs- und Willenszeit, bei den c -Versuchen aber nur die erstere in Betracht. Er glaubt daher die Dif- ferenzen c — a als die eigentlichen Unterscheidungszeiten, die Differenzen b — c aber als die Willenszeiten betrachten zu dürfen, eine Ansicht, welcher sich auch von Kries und Auerbach anschlössen2. Diese Interpretation der Ver- suche ist jedoch unzulässig. Die Entscheidung, ob wir eine Bewegung aus- führen sollen oder nicht, ist ebenso gut eine Wahlhandlung wie die andere, welche von zwei Bewegungen auszuführen sei; sie ist höchstens nur von etwas einfacherer Art. Auch beobachtet man bei der Anwendung der Me- thode, wenn man die sensorielle Reactionsweise benutzt, deutlich, dass zwischen die Apperception der Vorstellung und die Ausführung der Bewegung noch eine solche Entscheidung oder Entschließung sich einschiebt. Ueber die absolute Größe der Unterscheidungs- und Wahlzeiten unter bestimmten Be- dingungen sowie über ihr gegenseitiges Verhältniss zu einander geben daher die Vergleichungen der nach den Methoden a, b und c gewonnenen Resultate keinen Aufschluss. Ueberdies sind sichtlich in den Versuchen von Donders und ebenso in denjenigen von v. Kries und Auerbach zahlreiche automati- sche Coordinationen vorgekommen. Dies verräth sich meist schon in den numerischen Ergebnissen der Versuche. So erhielten z. B. Donders und de Jaager in verschiedenen Fällen folgende Zeitdifferenzen zwischen zusammen- gesetzter und einfacher Reaction, die sie demnach als Zeitwerthe der Unter- scheidung und Wahl betrachteten3: 1 de Jaager, De physiologische Tijd bij psychischen Processen, 1865. Donders, Archiv f. Anatomie u. Physiologie, 1868, S. 657 ff.
2 von Kries und Auerbach, Archiv f. Physiologie, 1877, S. 300.
Bewusstsein und Vorstellungsverlauf.
Art des Eindrucks i) Tastreiz, rechter und linker Fuß.
2) Lichtreiz, rothes und weißes Licht 3) Schallreiz, 2 Vocalklänge...4) Schallreiz, 5 Vocalklänge...Gewählte Bewegung Rechte und linke Hand Wiederholung desselben Klangs Unterscheidungs- und Wahlzeit 56 Die Einflüsse, welche die Verzögerung der Lichterregung bedingen, sind bei der hier in Abzug gekommenen einfachen Reaction schon in Rechnung gebracht; es ist aber kaum denkbar, dass der eigentliche Unterscheidungsact zwischen zwei Farben doppelt so viel Zeit wie die Unterscheidung zwischen zwei Hautstellen beansprucht. Wenn wir jedoch erwägen, dass es sehr leicht ist, den rechten Fuß der rechten und den linken Fuß der linken Hand zu- zuordnen, dass dagegen die willkürliche Zuordnung einzelner Farben zu be- stimmten Bewegungen schwerer gelingt, so ist das Resultat leicht erklärlich: jene kleinere Zeit entspricht wahrscheinlich annähernd einer automatischen Coordination, diese größere einer wirklichen Erkennungs- und Wahlzeit. Ebenso erklären sich die Unterschiede zwischen 3) und 4) daraus, dass bei 2 Klängen leichter als bei 5 Klängen eine automatische Coordination herbei- geführt werden kann. Aehnlich tragen die meisten der von J. v. Kries und F. Auerbach erhaltenen Versuchsergebnisse die Merkmale automatischer Co- ordination an sich1. Diese Beobachter bedienten sich der Wahl zwischen Bewegung und Ruhe: sie ließen je zwei Eindrücke unregelmäßig mit einander wechseln und reagirten nur auf einen derselben mit der rechten Hand. So erhielten sie folgende Zeitdifferenzen zwischen zusammengesetzter und einfacher Reaction: Bei Localisation von Tastempfindungen » Unterscheidung starker Tastreize. » » schwacher Tastreize » » eines hohen Tones » » eines tiefen Tones » » von Ton und Geräusch » Localisation des Schalls » Farbenunterscheidung (roth und blau) » Unterscheidung der Richtung des Lichtes » » » Entfernung der Objecte Auch hier zeichnen sich wieder die räumlichen Localisationen durch auffallend kleine Zeiten aus. Nun ist es gewiss nicht wahrscheinlich, dass es schwerer ist einen hohen und einen tiefen Ton, ein rothes und ein blaues Licht als den Ort eines Schall- oder Lichteindrucks zu unterscheiden. Im letzteren Fall ist es aber sehr viel leichter, den Eindruck und die Bewegung automatisch zu coordiniren. Die kleinsten der in der obigen Tabelle enthaltenen Zahlen dürften daher den Zeitdifferenzen völlig automatischer Coordinationen ent- sprechen, während bei den größeren die Ausbildung derselben noch in der Zeitdifferenzen A.
K.
Entwicklung begriffen ist. Hierfür sprechen auch die auffallenden Verkürzun- gen der Zeiten, die in Folge der Uebung eintraten. So ergaben sich aus den Versuchsreihen des ersten Tages als Unterscheidungszeit für die Locali- sation von Tasteindrücken bei A. 64 und 117er, bei K. 153 und io9ff, die Mittel aus den sämmtlichen Versuchen aller Tage waren aber schließlich nur 2iff bei A. und 36er bei K.1. Da es sich hier um Beobachter handelt, die von Anfang an in derartigen Versuchen geübt sind, so ist es vollkommen einleuchtend, dass so enorme Verkürzungen nicht auf eine Uebung im ge- wöhnlichen Sinne, sondern nur auf eine totale Aenderung des Reactionsvcr- ganges selbst bezogen werden können.
Leider stehen uns Versuche, in denen psychische Acte absichtlich aus- geschlossen sind, noch nicht in dem Maße zu Gebote, um einen Anhaltspunkt für die Beurtheilung der numerischen Ergebnisse der früheren Versuche, die ohne Rücksicht auf diese Verhältnisse ausgeführt sind, abgeben zu können. Anfänge hierzu sind in einer Untersuchung von O. Külpe gemacht, die jedoch nur in Bezug auf gewisse simultane Coordinationen zum Abschluss gelangt ist2. Wenn wir beide Hände im selben Moment zu bewegen suchen, so ist dies eine simultane automatische Coordination. Der Willensimpuls, der die Bewegung hervorbringt, ist an sich ein ungetheilter; aber wir werden an- nehmen dürfen, dass in den untergeordneten Centren eine Theilung der Be- wegungsimpulse stattfindet. In Folge dessen werden beide Bewegungen zwar annähernd und für unsere Auffassung stets vollkommen gleichzeitig stattfinden; in Wirklichkeit kann aber noch die eine der anderen Bewegung um kleine Zeittheile voraus sein. In der That bestätigten dies die Beobachtungen, die mittelst des in Fig. 365, S. 406 dargestellten Chronographen ausgeführt wur- den. Auch zeigen sie, dass der Zeitunterschied der Bewegungen ein regel- mäßiger zu sein pflegt, indem in der Ueberzahl der Fälle entweder die rechte oder die linke Hand voraus ist, ohne dass, wie es scheint, hierbei die Frage der Rechts- und Linkshändigkeit einen Einfluss hat. Zugleich sind in be- merkenswerther, individuell constanter, aber bei verschiedenen Individuen wechselnder Weise die Richtung und die Größe der Zeitdifferenz von der Art des Impulses abhängig. Erfolgte die coordinirte Bewegung in der Form der muskulären Reaction auf einen Schalleindruck, so dass also die Bewegung reflexartig eintrat, so waren die Zeitdifferenzen der coordinirten Bewegungen am kleinsten, sie waren größer bei sensoriellen Reactionen, und am größten bei willkürlichen Bewegungen, die an keinen vorangehenden Sinneseindruck, sondern an einen spontanen Willensimpuls gebunden waren. Der absolute Werth der Zeitdifferenzen war überall ein sehr kleiner, verhielt sich aber in- dividuell erheblich verschieden. Bei den zwei Beobachtern, von denen größere Versuchsreihen vorliegen, variiren die mittleren Zeitdifferenzen bei dem einen (G. Lipps) je nach Art der Bewegung zwischen 5 und 9,5, bei dem andern (A. Vierkandt) zwischen 8 und 22ff. Natürlich lassen diese Versuche, bei denen es sich um coordinirte Mitbewegungen handelte, auf die Zeit- differenzen bei reflexartigen Coordinationen, wie sie bei den gewöhnlichen Reactionsversuchen eintreten können, keine unmittelbaren Schlüsse zu. Immer- hin ist ersichtlich, dass die Unterschiede im letzteren Fall Größen von